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In dieser Schrift geht es um die Frage, was aus dem Christentum werden soll. Der Geist des Christentums war die Grundlage der europäischen Kultur. Hat er sich verflüchtigt? Sind neue Werte an seine Stelle getreten? Ist die Zeit des Christentums abgelaufen? Oder sammelt es sich in der jetzigen Krise zu einer neuen Form? Gesucht ist ein zeitgemässes Christentum - nüchtern, frei, dem Werthaften in der Welt zugewandt, fähig zur Freude und bereit, sich dem Leben mit seinen Anforderungen zu stellen.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.
2 Kor. 3,6
Ein persönliches Vorwort
Einführung
1. Kapitel: Ursprung und Entwicklung
1 Kurze Übersicht über den Weg des Christentums
2 Die Quellen
3 Dogmen – ewige Wahrheiten?
4 Der Weg der Mystik
2. Kapitel: Jesus – Mensch und Mythos
1 Jesus, der Prophet aus Nazareth
2 Aus Jesus wird Christus
3 Zum heutigen Verständnis des Christus-Mythos
4 Die Frage der Erlösung
5 Spuren des »Christus« in der neueren Zeit
3. Kapitel: Die Frage nach Gott
1 Gottesvorstellungen in der Geschichte
2 Der Gott der Philosophen
3 Gott und die Naturwissenschaften
4 Der erfahrbare Gott
5 Existiert nun Gott?
6 Die Frage nach der Gerechtigkeit
7 Maria – das Weibliche in Gott
4. Kapitel: Christliche Lebensführung
1 Aus der Gotteserfahrung leben
2 Von der Moral zu einer Ethik der Liebe
3 Beten – oder lieber schweigen?
4 »Christus« im eigenen Leben verkörpern
5 Leben für ein Jenseits?
5. Kapitel: Christ sein in Gemeinschaft
1 Die Kirchen – ein Auslaufmodell?
2 Vision einer kommenden Kirche
3 Eine neue Sprache finden
4 Ökumene – Einheit in der Vielfalt
5 Neue Formen kirchlichen Wirkens
Ausblick
Anmerkungen
In dieser Schrift geht es um die Frage, was aus dem Christentum werden soll. Der Geist des Christentums war die Grundlage der europäischen Kultur. Hat er sich verflüchtigt? Sind neue Werte an seine Stelle getreten? Ist die Zeit des Christentums abgelaufen? Oder sammelt es sich in der jetzigen Krise zu einer neuen Form? Ich selber, gehöre ich dazu? Bin ich noch Christ? Und was bedeutet das für meine Lebensführung, für meinen konkreten Alltag?
Seit mehr als fünfzig Jahren setze ich mich mit dem Christentum auseinander. Als junger Mann suchte ich die Wahrheit mit Argumenten zu ergründen. Eine Erfahrung erschloss mir dann den Bereich jenseits des Denkens. Das Leben im Kloster brachte mir die Schätze der Vergangenheit zum Bewusstsein, wenn auch oft in verflachter Form. Krisen führten mich aus vorgetretenen Pfaden in selbst verantwortete Positionen. Vieles, was mir mitgegeben wurde, musste ich abstreifen. Ich brauchte Distanz, um mich aufgrund eigener Erfahrungen wieder den Grundwerten des Christentums zu nähern. Mit vorsichtiger Anteilnahme schaue ich heute auf das kirchliche Geschehen. Ich fühle mich dem Christentum noch verbunden. Ich werfe einen kritischen, aber doch warmen Blick auf Entwicklungen im kirchlichen Bereich.
Thun, Februar 2015
»Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weisst aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist«. Johannesevangelium 3,8.
Der Geist inspiriert, bewegt, nimmt Form an. Formen erstarren. Immer wieder muss der Geist neu gefasst, verstanden, in den Alltag umgesetzt werden. Dogmatisches Festmauern des Erworbenen ist lebensfeindlich und hält den Erwartungen des aufgeklärten Menschen nicht stand. Bibel und Tradition sind formgewordener Geist. Soll aus Form nicht Formalismus werden, müssen auch sie relativiert und durch neue Impulse belebt werden.
Die ersten christlichen Gemeinden haben die Ereignisse rund um Jesus aus ihrer Sicht gedeutet, in ihren Bildern, in ihren Sprachmustern. Es genügt nicht, diese Deutungen zu wiederholen. Kultur, Umfeld, Sprache haben sich inzwischen verändert. Wenn die Inhalte nicht Museu msgegenstände werden sollen, müssen wir sie aus unserm Kontext neu interpretieren.
Das vorliegende Buch ist ein Versuch, schal gewordene Deutungen unter Berücksichtigung heutigen Wissens zu hinterfragen und ein Christentum zu entwerfen, das einem Menschen unserer Tage glaubwürdig erscheinen kann. Grundlegende Fragen der christlichen Religion sollen aufgeworfen werden: Wer war Jesus wirklich? Kann man einen »historischen« Jesus überhaupt auffinden? Existiert Gott? Was sagt die Philosophie, was sagen die Naturwissenschaften dazu? Mit welchen Elementen eigener Erfahrung können wir das Wort »Gott« verknüpfen? Und wie sieht eine christliche Lebensform aus, die sich auf diese Grundlagen bezieht?
Die Forschung hat über die Ursprünge des Christentums, über das Neue Testament, über die Entwicklungen im Lauf der Jahrhunderte viel erarbeitet. Abgesehen von theologisch Geschulten sind die Resultate noch wenig verbreitet. Sie werden hier zugänglich gemacht und angereichert mit Erfahrungen und Lebensentwürfen aus neuerer Zeit. Sie können für die Leserin, den Leser eine Hilfe sein, die eigene Einstellung zum Christentum zu klären.
Es wäre wünschenswert, über Europa hinauszuschauen und auch die christlichen Lebensformen in Afrika, Asien und Südamerika in die Erwägungen einzubeziehen. Dort stellen sich aus dem sozialen und politischen Kontext oft andere Fragen. Ebenso wäre ein Blick auf die nichtchristlichen Religionen weiterführend. Sie kreisen um das gleiche Geheimnis, mit andern Worten, mit andern Formen. Weil es ein übersichtliches, kleines Buch werden soll, ist das nicht möglich; es muss auf die entsprechende Literatur verwiesen werden1.
Ich danke allen, die mir bei der Abfassung dieser Schrift geholfen haben. Ihre Rückmeldungen ermöglichten mir, wichtige Ergänzungen und Korrekturen anzubringen. Ganz besonders danke ich meiner Frau Dora Kaiser für ihre regelmässige Durchsicht des Manuskripts und meinem Bruder Peter Kaiser für das Korrekturlesen.
Um sich ein Urteil über die Bedeutung des Christentums in unserer Zeit bilden zu können, ist es unerlässlich, etwas zu wissen über seine Geschichte2.
Jesus und seine Zeit
Jesus wirkte in einem recht unbedeutenden Teil der damaligen Welt. Palästina war 63 vor Christus von der römischen Armee erobert und zu einer römischen Provinz erklärt worden. Der Widerstand der jüdischen Bevölkerung gegen die Besatzung war gross und es kam immer wieder zu Aufständen. Jüdische Lehre, Kultur und Lebensform waren gerade wegen der römischen Besatzung in der Bevölkerung stark verwurzelt. Aber auch die hellenistische Kultur3, die das römische Reich prägte, war schon überall präsent, auch im ländlichen Galiläa. Es ist durchaus möglich, dass Jesus neben dem heimischen Aramäisch auch griechisch sprach.
Auch religiös war die Situation angespannt. In vielen Teilen der Bevölkerung erwartete man die baldige Ankunft des Messias und die Befreiung Israels aus der Römerherrschaft. Apokalyptische Vorstellungen von Endkatastrophen4 kursierten; wir finden sie auch in den Evangelien (Markus 13,1 ff.)5 und vor allem im letzten Buch der Bibel, der Apokalypse.
Jesus war durch und durch Jude; er dachte und lebte im jüdischen Kontext. Sein Wirken beschränkte sich fast ausschliesslich auf die Dörfer rund um den See von Tiberias.
Der Ursprung
Ausgangspunkt des Christentums war der grausame und ernüchternde Tod des Propheten Jesus von Nazareth. Er bedeutete für alle Beteiligten Enttäuschung, Niederlage, Versagen.
In diese Situation fielen die Ostererfahrungen, die uns die Evangelien in der Form legendärer Erzählungen überliefern. Paulus zählt Visionen auf, die mehrere Anhänger Jesu erlebten (1. Korinther 15,5-8). Zum Teil waren es Kollektiverfahrungen (»500 Brüdern zugleich«). Paulus fügt seine eigene Vision6 in diese Reihe ein. Trotz der Niederlage ging die Bewegung weiter.
Das Ganze musste verarbeitet, eingeordnet, verstanden werden. Man nutzte dazu Passagen aus dem Alten Testament, vor allem die Erzählung vom »Knecht Gottes« (Jesaja 42,1-9), der wie Jesus für die andern gelitten hatte. Der Tod Jesu konnte so als sinnvolles Ereignis gedeutet werden. Auch Erzählungen aus den Religionen der umliegenden Völker wurden genutzt, um das Schicksal Jesu verständlich zu machen.
Von der Christengemeinde zur Staatskirche
Das Christentum begann als kleine Bewegung innerhalb des Judentums. Es gab Wanderprediger, welche die Worte Jesu weitergaben. Es gab Ortsgemeinden, vor allem jene in Jerusalem; dort wurde wohl die Passionsgeschichte erzählt. Es gab die volkstümlichen Traditionen, in welchen die Wunder geschildert wurden. All das floss in die Evangelien ein.
Die Missionierung durch Paulus und die Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 veränderten das Bild: Jesus geriet in das Wirkungsfeld der hellenistischen Kultur. Aus dem Propheten aus Nazareth wurde der menschgewordene Gott.
Durch die Missionsreisen des Paulus kam es zu einer raschen Verbreitung im ganzen Gebiet des Römischen Reichs. In vielen Städten gab es jüdische Gemeinden; dort setzte Paulus mit seiner Predigt an. Es kam zu harten Konflikten. Früh schon begann die Verfolgung der christlichen Gemeinden durch den römischen Staat; sie dauerte 250 Jahre lang und forderte je nach Schätzung 10'000 bis 100‘000 Opfer. Erst 313 wurde in der »Mailänder Vereinbarung« beschlossen, die christliche Religion zu tolerieren.
Folgenreich war die Anerkennung als Staatsreligion durch Theodosius I. im Jahr 380. Christ sein wurde nun im Römischen Reich vorgeschrieben. Die religiöse Toleranz, die bisher im Reich üblich war, fand ihr Ende. Auch Christen wurden jetzt bekämpft und getötet, wenn sie der offiziellen Lehre widersprachen. Es begann die unheilvolle Allianz mit der Macht7. Die römischen Kaiser beriefen kirchliche Konzile ein und nahmen dort Einfluss auch auf theologische Entscheidungen. Päpste und Bischöfe ihrerseits nahmen Einfluss auf die Politik.
Der Weg unter die Völker
Die Ausbreitung des Christentums geschah vorerst innerhalb des römischen Reichs, entlang der Mittelmeerküste: Ägypten, Syrien, Kleinasien, Konstantinopel, Griechenland. Vom 4. Jahrhundert an brachte die germanische Völkerwanderung die Völker nördlich der Alpen in Kontakt mit der christlichen Lehre. Der Frankenkönig Chlodwig I. liess nach einer gewonnenen Schlacht 496 sich und sein ganzes Reich taufen. An Weihnachten 800 wurde Karl der Grosse zum römischen Kaiser gekrönt; er verband seine Eroberungszüge mit der gewaltsamen Bekehrung der besiegten Völker. Im 9. Jahrhundert begann die Missionierung der Slawen; um die Jahrtausendwende war Russland mehr oder weniger christianisiert.
Als sich das Christentum ausdehnte, nahm es vieles aus der Kultur anderer Völker auf. Es war eine seiner Stärken, auf den bestehenden Kulturen aufzubauen und so deren Kraft als Nährboden für die eigene Praxis zu nutzen. Dabei ergaben sich jeweils auch entsprechende Anpassungen in den Lehraussagen, den Riten und der liturgischen Praxis.
Abseits der Institutionen: die Gnosis
Am Rand des offiziellen Christentums gab es seit dem 2. Jahrhundert eine vielgestaltige Bewegung, die man unter dem Namen Gnosis zusammenfasst8. Die Gnosis ging von zwei Göttern aus: dem guten, allumfassenden Gott und dem von ihm abtrünnigen »Demiurgen«, der die Welt erschaffen hat. Der Mensch steht im Bann der Materie, trägt aber den göttlichen Funken noch in sich. Seine Aufgabe ist es, dem göttlichen Prinzip in ihm zum Durchbruch zu verhelfen und so in die ursprüngliche Einheit zurückzukehren. Jesus ist für die Gnosis die Inkarnation einer überzeitlichen »Christus-Kraft«. Er hat durch seinen Tod am Kreuz einen Impuls ausgelöst, der es dem Menschen ermöglicht, der Verhaftung an das Materielle zu entgehen.
Die Auffassungen der Gnosis wurden von der offiziellen Kirche verworfen. Weil gnostische Kreise verfolgt wurden, formierten sie sich meist in Geheimbünden. Die Bedeutung der Gnosis wird oft unterschätzt. Sie brachte viele Bewegungen hervor, die für den geistlichen Charakter des Christentums einstanden, wenn die Kirche sich allzu irdisch ausrichtete.
Die Gnosis wirkte über die Jahrhunderte weiter. Wichtige Vertreter waren und sind die Manichäer, die Katharer, die Theosophie, die Anthroposophie, die Freimaurer, die Rosenkreuzer, jeweils in einer eigenen Ausprägung. Gestärkt wurde die Bewegung durch die Entdeckung der Schriftrollen 1945 in Nag Hammadi, von denen später noch die Rede sein wird.
Irrwege …
Ursprünglich war das Christentum eine charismatische Bewegung, eine »heisse Religion« (R. Safranski9), die von Ergriffenheit und starkem persönlichen Engagement geprägt war. Man erwartete die Wiederkunft Christi in naher Zeit und setzte alles auf diese Karte. Beide Strömungen setzten sich in der Kirchengeschichte fort: die elitäre Kirche der Begeisterten, die auf die Wiederkehr des Christus hin lebten, und die Kirche, die alle umfassen wollte und so notgedrungen zur »Jedermannskirche« wurde.
Die zunehmende Verbreitung verlangte nach Organisation. Aus Bewegung wurde Struktur, aus Begeisterung Kirchenordnung, aus Liebe Moral. Unter dem Einfluss der griechischen Philosophie verwandelte sich der jüdische Gott, der aktiv in die Geschichte eingriff, in den ewig ruhenden Geist. Und als sich das Zentrum des Christentums nach Rom verlagerte, drang immer mehr juristische Begrifflichkeit in das kirchliche Leben ein.
Spaltungen
Die weitere Entwicklung entsprach oft nicht dem Geist des Christentums. Theologische Differenzen, aber auch machtpolitische Interessen führten zu konfessionellen Spaltungen, verbunden mit Unterdrückung und Verfolgung. Die orthodoxen Kirchen spalteten sich 1054 von der Papstkirche ab; die Spaltung besteht bis heute. 1517 schlug Luther seine Thesen an das Tor der Kirche von Wittenberg. Dies gilt als Beginn der Reformation. Daneben gab es unzählige weitere theologische Streitigkeiten und Verurteilungen.
Streben nach Macht
Schon im 2. Jahrhundert verband Irenäus von Lyon10 die Frage der wahren Lehre mit der Frage der Macht: Zuständig für die christliche Wahrheit sind nach ihm die Bischöfe; sie sind die Nachfolger der Apostel. Und weil Petrus und Paulus in Rom gestorben sind, ist auch der Bischof von Rom ihr Nachfolger und hat deshalb den Vorrang vor den andern Bischöfen. Als das Christentum Staatsreligion wurde, wuchs der Einfluss des Papstes allmählich auch in politischen Dingen. Als Papst im geistlichen und politischen Sinn kann aber erst Gregor I. (540-604) bezeichnet werden. Päpste wurden oft von weltlichen Herrschern eingesetzt; später verlief es auch umgekehrt. Zeitweise gab es Gegenpäpste; über die Jahrhunderte verteilt waren es insgesamt vierzig11. Es war schliesslich Innozenz III., der im frühen 13. Jahrhundert die Macht des Papsttums zu seinem Höhepunkt führte.
Krieg, Inquisition, Hexenwahn
Die Verbindung mit der weltlichen Macht brachte viel Unheil mit sich: Man legitimierte Kriege, betrieb die Inquisition12, liess jene foltern, die sich der Lehre nicht beugten, duldete oder förderte den Hexenwahn13. Im 13. Jahrhundert wurde von Papst Innozenz III. die Inquisition offiziell eingeführt und geregelt. 1252 erlaubte Papst Innozenz IV. die Folter. Es begann eine grausame Verfolgung Abweichender oder solcher, die als solche bezeichnet wurden, mit Abertausenden von Opfern. Allein den Hexenverbrennungen sollen nach neueren Forschungen 40'000 bis 60'000 Menschen zum Opfer gefallen sein14. Nicht immer waren die kirchlichen Autoritäten die treibende Kraft. In vielen Fällen versuchten die Päpste auch die Gewalt einzuschränken. Bei Hexenverbrennungen war es oft auch die abergläubische Menge, welche die Behörden zum Handeln anstachelte.
Kreuzzüge
Die Kreuzzüge15 entstanden ursprünglich aus einem grossen Reformeifer, der sich im 11. Jahrhundert im ganzen christlichen Bereich ausbreitete. Man sprach anfangs nicht von Kreuzzügen, sondern von bewaffneten Pilgerfahrten. »Gott will es« war die Devise. Aus Idealismus wollte man das Land, in dem Jesus gewirkt hatte, von den Ungläubigen befreien. Allerdings mischten sich immer mehr auch andere Motivationen ein: Kriegsgewohnte Ritter suchten Abenteuer und Beute, arme Bauern flohen aus materieller Not, Kriminelle suchten der Strafe zu entgehen. Als der Papst zum ersten Kreuzzug aufrief, löste er ein gewaltiges Echo aus. Mehrere Heere aus verschiedenen Ländern zogen Richtung Heiliges Land. Trotz vieler Verluste gelang es den Kreuzrittern, Jerusalem einzunehmen und dort ein Königreich zu gründen. Spätere Kreuzzüge hatten kaum mehr Erfolg; die Motivation und die Disziplin waren oft mangelhaft, die Verluste gewaltig.
Ablasshandel
Ein spezieller Fall theologischer Verirrung war der Ablasshandel. Er war im Zusammenhang mit den Kreuzzügen entstanden. Wer ins Heilige Land zog, bekam einen »vollkommenen Ablass«. Dadurch sollten Strafen für begangene Sünden getilgt werden16. Als später viele nicht mehr zum Kreuzzug aufbrechen wollten, wurde der Ablass auch für finanzielle Unterstützung gewährt. Um 1500 begann man, Ablässe wie Wertpapiere zu handeln. So wurde zum Beispiel der Bau des Petersdoms in Rom teilweise mit Ablassgeld bezahlt. Luther nahm den Ablasshandel zum Ausgangspunkt seiner Kirchenkritik. 1567 wurde der Ablasshandel auch in der katholischen Kirche verboten; am Ablass selber hält sie bis heute fest.17
... und Grösse
Menschen in der Nachfolge
Die Missstände im Christentum sind nur eine Seite des Ganzen. Es gab auch in allen Jahrhunderten eine un überschaubare Zahl von hervorragenden Menschen, die in der Gefolgschaft Jesu ein authentisches und sozial aktives Leben führten. Mönche und Theologen bildeten lange die Grundlage der europäischen Kultur. Sie schrieben die Werke der Antike ab, sie gründeten Schulen, förderten Kunst und Musik. Kirchliche Institutionen gewährleisteten praktisch das ganze Sozialwesen; Spitäler und Heime wurden geführt, Leprakranke unter Lebensgefahr gepflegt. Einsiedlertum, Mönchtum und Bettelorden ermöglichten vielen Menschen ein wertorientiertes, sinnerfülltes Leben. Vor allem aber sind all die unzähligen Menschen nicht zu vergessen, die in der Nachfolge Jesu standen und von denen niemand mehr Kenntnis hat.
Als Beispiele von authentisch christlichem Leben möchte ich zwei Initiativen vorstellen: den Bettelorden des Franz von Assisi und die Beginenbewegung. Beide entstanden nicht auf Initiative der Kirchenleitung, sondern spontan aus persönlichen Impulsen.
Franziskus von Assisi18 (1181-1226)
Franziskus lebte zu einer Zeit, da die päpstliche Macht einen Höhepunkt erreicht hatte. Nach einem recht lockeren Leben in jungen Jahren liess er sich von den Evangelien zu einer radikalen Armut inspirieren. Er distanzierte sich vom Ideal des Rittertums, verzichtete auf den väterlichen Besitz und begann ein anspruchsloses Leben als Einsiedler. Ohne es zu wollen, einfach kraft seiner Ausstrahlung, entfachte er eine grosse Bewegung. Erstaunlicherweise bestätigte der mächtige Papst Innozenz III. die Regel der Gemeinschaft.
Franziskus lebte mit seinen Gefährten eine radikale Form der Jesusnachfolge. Er verband Anspruchslosigkeit und Busshaltung mit begeisterter Lebensfreude. In mystischer Naturverbundenheit besang er Sonne, Mond, Feuer und Wasser, aber schliesslich auch den eigenen Tod als seine Brüder und Schwestern. Er pflegte Aussätzige und Kranke, predigte auf öffentlichen Plätzen, sang und tanzte in Einfalt als »Narr Gottes«. Seine Ausstrahlung war enorm, sein Orden erlebte grossen Zulauf. Bis heute fasziniert seine Gestalt und lebt weiter in Literatur und Film19.
Allerdings konnte die franziskanische Gemeinschaft die ursprüngliche radikale Lebensform nicht lang halten. Schon kurz nach seinem Tod wurden für die »Brüder« Häuser gebaut (was Franziskus noch streng abgelehnt hatte) und eine gemässigte Regel bändigte das franziskanische Ideal. Doch bleibt Franziskus bis heute eine überzeugende Verkörperung der christlichen Botschaft.
Die Beginenbewegung
Um 1200 entstanden in Europa viele religiöse Laienbewegungen, darunter auch die der »Beginen«. Es handelt sich dabei nicht um eine einheitliche Bewegung; eine Gründerpersönlichkeit ist nicht auszumachen. Meist waren es alleinstehende, oft verwitwete Frauen, die sich in die Nachfolge des armen Christus stellten. Viele lebten allein, die meisten schlossen sich zu kleineren oder grösseren Gemeinschaften zusammen. Sie verbanden Gebet und Kontemplation mit Einsatz in der Pflege von Kranken und Aussätzigen, in Bildungstätigkeit an Armen, in Sterbebegleitung und andern Formen sozialer Wirksamkeit. Den Lebensunterhalt verdienten sie oft durch Arbeit, vor allem in der Herstellung von Textilien. Häufig wurden sie auch von Stiftungen getragen.
Die Bewegung dauerte gegen alle Widerstände über Jahrhunderte an. Im 13. Jahrhundert verbreitete sie sich in fast ganz Europa; es gab Hunderte von Gemeinschaften. Innozenz III. versuchte, sie in kirchliche Strukturen einzubinden, der Wille zur Selbständigkeit war aber gross. Man spricht von der ersten Frauenemanzipation der europäischen Geschichte (H. Unger). Zu den Beginen zählen grosse Mystikerinnen wie Marguerite Porète und Mechthild von Magdeburg; beide waren tief in der Mystik verwurzelt, aber auch unerschrockene Verteidigerinnen ihrer Überzeugung.
Beginen wurden anfänglich von den Päpsten gefördert. Da sie sich nicht einer klösterlichen Regel unterwerfen wollten, weckten sie aber oft das Misstrauen der Kirchenleitung. Vor allem frei herumziehende, bettelnde und predigende Frauen wurden verdächtigt. Vom 14. Jahrhundert an wurden sie im grösseren Ausmass verfolgt, gegen ihren Willen in feste Strukturen gezwungen, oft auch exkommuniziert, gefoltert oder verbrannt.
Die Bewegung dauerte in verschiedener Stärke bis in unsere Zeit an. Einzelne Beginengemeinschaften gibt es heute noch20.
Kirchenleitung und spontanes Christentum
Der Blick auf diese »Laienbewegungen« macht deutlich, dass »Christentum« und »Kirche« nicht nur, wie dies oft geschieht, aus der Sicht der Amtsträger gesehen werden dürfen. Im Gegenteil: Es ist eindrücklich, wie fast alle Impulse der Erneuerung und sozialen Handelns von einzelnen Engagierten oder von kleinen Gruppen ausgingen. Die Kirchenleitung legte ihnen oft Steine in den Weg oder verfolgte sie bis zur Hinrichtung. Das hat sich auch in neuerer Zeit noch gezeigt; man denke nur an die Widerstandsbewegung im Dritten Reich, die von der Kirchenleitung eher behindert als unterstützt wurde, oder an die Befreiungstheologie in Südamerika, die der Vatikan durch Einsetzung konservativer Bischöfe systematisch schwächte.
Die Neuzeit - die Vernunft hinterfragt den Glauben
In den Jahren um 1500 kam es in Europa zu einem grossen Aufbruch in verschiedensten Bereichen. Philosophie und Kunst besannen sich auf die Werte der Antike und schöpften daraus Ideal und Inspiration. In der Malerei entwickelte sich die perspektivische Darstellung. Die Musik entfaltete die Polyphonie. Die Astronomie stiess mit dem Fernrohr in neue Räume vor und brachte das ptolemäische Weltbild zum Wanken. Kolumbus entdeckte Amerika. Luther eröffnete mit seinen Thesen am Tor der Wittenbacher Kirche die Reformation.
Es begann das Zeitalter des rationalen Denkens, der Wissenschaft, der Technik. Im Namen der Vernunft wurden die Lehren der Kirchen angefochten. Diese gerieten in Bedrängnis und reagierten mit Verhärtung. Seit der Französischen Revolution schritt die Säkularisierung unaufhaltsam voran. Der Staat machte sich unabhängig von kirchlicher Kontrolle. Religiöse Symbole wurden abgeschafft.
Ein Angebot unter vielen
Heute leben wir weitgehend in einer säkularisierten Welt. Es gibt in der westlichen Gesellschaft keine gemeinsame Wahrheits- und Wertebasis mehr. Wer nicht bereit ist, sich mehr oder weniger willkürlich der Lehre und Praxis einer bestimmten Gruppe anzuschliessen, muss sich in der Vielfalt von Weltanschauungen zurechtfinden und seine eigene Wahl treffen. Neben der traditionell christlichen Religion stehen Buddhismus, Hinduismus, Islam, Taoismus und eine Unzahl kleinerer Gruppierungen zur Wahl. Das öffnet den Horizont, kann aber auch die eigene Entscheidungsfähigkeit überfordern.
Wenn ich mich unter spirituell Interessierten umhöre, selbst bei kirchlich gebundenen, so reden sie von Ganzheitlichkeit, Achtsamkeit, kosmischer Verbundenheit, von Leben im Hier und Jetzt, von Sein statt Haben, von Sein statt Handeln. Gott und die Bibel werden selten genannt. Sünde und Erlösung sind nicht Thema. Man wartet nicht auf die Wiederkunft Christi. Die Bibel ist nicht mehr Referenzbuch. Auch die Mystik ist nicht mehr jene des Christentums: Der theistische Gott und vor allem Jesus kommen darin kaum mehr vor.
Das Christentum hat viel an Glanz verloren. Einst energiegeladene Aussagen wurden zu müden Formeln. Der christliche Wortschatz klingt fade und weltfremd. Man spricht von der nachchristlichen Zeit. Wir müssen uns die Frage stellen: Ist das Christentum imstande, seine Botschaft heute noch weiterzutragen? Sind die Kirchen bereit, ihre Inhalte aus neuer Erfahrung neu zu formulieren? Sind sie gewillt und fähig, sich umzuhören unter den Menschen, um wahrzunehmen, wo spirituelles Leben spürbar ist? Sind sie so wandelbar, dass sie sich treu bleiben können, auch wenn sich die Inhalte ändern?
Das »Alte Testament«
