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Die Schrift "Integrale Politik" ist der Versuch, Politik auf der Basis der Integralen Theorie des schweizerischen Kulturphilosophen Jean Gebser neu zu verstehen. Sie beginnt mit einer kurzen Zusammenfassung der Integralen Theorie, behandelt dann aus integraler Sicht Aspekte von Spiritualität, Ethik und Menschenbild und überträgt es schliesslich auf die konkreten Fragen des politischen Alltags. Damit möchte sie Menschen, die auf eine konstruktivere und menschenfreundlichere Politik warten, eine zukunftsoffene Perspektive anbieten.
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Seitenzahl: 73
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Werner Kaiser
Neue Politik für eine neue Zeit
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Keine Macht der Welt kann eine Idee aufhalten, deren Zeit gekommen ist.
0 Vorwort
1. Kapitel: Wohin geht die Reise?
1. Aufwärts? abwärts?
2. Ein hilfreiches Modell
3. Optimismus?
2. Kapitel: Politik fängt bei mir an
1. Die alten Strukturen und wir.
2. Der integralen Struktur entgegen
3. Spiritualität
4. Ethik
3. Kapitel: Politik im privaten Kreis
1. Ein integrales Menschenbild
2. Umfassendes Wohlwollen
3. Integrale Konfliktlösung
4. Engagement im Kleinen
4. Kapitel: Integral politisieren
1. Politik geht alle an
2. Politik aus umfassender Sicht
3. Jenseits dualistischer Positionen
4. Eine integrale politische Kultur
5. Kapitel: Grundfragen heutiger Politik
1. Für eine umfassende Demokratie
2. Bildung ist zentral
3. Eine lebensdienliche Wirtschaft
4. Globalisierung und kleine Räume
5. Integrales Friedensverständnis
6. Integrale Gesundheitspolitik
6. Kapitel: Beispiele integraler Entscheidung
Im Jahr 2006 fand sich eine Gruppe von zehn Frauen und zehn Männern zusammen, um sich mit dem Thema Integrale Politik auseinander zu setzen. Auf der Grundlage der Integralen Theorie, wie sie von Jean Gebser, Ken Wilber und andern entworfen wurde, sollte eine neue schweizerische Partei entstehen. Es war für mich ein grosses Erlebnis, zusammen mit engagierten Menschen auf der Basis einer zukunftsorientierten Theorie an einem neuen Politikverständnis zu arbeiten. Nach einer fruchtbaren und erlebnisreichen Zeit der Zusammenarbeit erweiterten wir den Kreis und gründeten, inzwischen auf nahezu 600 Mitglieder angewachsen, die schweizerische Partei "Integrale Politik" (www.integrale-politik.ch). Sie versteht sich gleichzeitig als politische Bewegung; Mitglieder können sich auch ausserhalb der Parteistrukturen politisch betätigen.
Die vorliegende Schrift ist der Versuch, die Gedanken und Erfahrungen aus dieser gemeinsamen Arbeit zusammenzufassen und einem grösseren Kreis zugänglich zu machen. Die Schrift beginnt mit einer kurzen Zusammenfassung der Integralen Theorie, behandelt dann aus integraler Sicht Aspekte von Spiritualität, Ethik und Menschenbild und überträgt schliesslich das Ganze auf die konkreten Fragen des politischen Alltags. Damit möchte sie Menschen, die seit Jahren auf eine konstruktivere und menschenfreundlichere Politik warten, eine zukunftsoffene Perspektive anbieten.
Viele Menschen haben an dieser Schrift mitgearbeitet. Indirekt alle, die sich in den letzten Jahren mit mir zusammen mit diesen Fragen auseinander gesetzt haben. Direkt meine Frau Dora Kaiser und Thomas Bornhauser, die das Manuskript aufmerksam gelesen und das Lektorat durchgeführt haben. Ihnen allen sage ich meinen herzlichen Dank.
Thun, 5. September 2011
Anmerkung:Um nicht komplizierte geschlechtsneutrale Wendungen verwenden zu müssen, gebrauche ich manchmal die weibliche, manchmal die männliche Form.
Es sieht ganz so aus, als entwickle sich unsere Welt abwärts. Ökologisch droht uns eine Katastrophe; die Energieproduktion stösst an ihre Grenzen; das Zerstörungspotential der Waffen wächst ins Irrsinnige; die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer mehr; die Egozentrik und Habgier der Menschen wird nicht nur toleriert, sondern geradezu verherrlicht.1
Es gibt aber auch Anzeichen, die in eine andere Richtung weisen. Dies vor allem, wenn wir in grösseren Zeiträumen denken. So wurde das Prinzip der Rache durch Strafen und Bussen ersetzt. Mächtige Überväter wurden von demokratisch gewählten Regierungen abgelöst. Die Sklaverei wurde abgeschafft. Das Recht des Stärkeren gilt nur noch in der Wirtschaft2. Die Unterdrückung der Frau ist, von Benachteiligungen im Erwerbsleben abgesehen, zumindest in unsern Ländern überwunden. Das Stammesdenken hat sich zum nationalen Patriotismus gewandelt, und auch dieser weicht langsam dem Bewusstsein, dass alle Menschen eine grosse Familie sind. Auch in den "allein seligmachenden" Kirchen und Regierungen setzt sich allmählich die Ansicht durch, dass Dinge verschieden gesehen werden können. Viele Werte, wie Gerechtigkeit, Gleichwertigkeit, Nachhaltigkeit, Toleranz, werden zwar noch nicht immer gelebt, aber doch zumindest als Werte anerkannt.
Jean Gebser3 (1905-1973) hat die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins in ein Modell gefasst, das in diesem Zusammenhang als Orientierungshilfe dienen kann. Es ist hier nur eine sehr summarische Darstellung möglich. Aus der Themenfülle der integralen Theorie greife ich jene Aspekte heraus, die hilfreich sind für das Vorhaben, eine integrale Politik und die entsprechende Lebenseinstellung darzustellen4.
Jean Gebser beschreibt, wie sich das Bewusstsein des Menschen von Anfang an bis heute in Schritten entwickelt hat5:
Das Bewusstsein des Menschen ist noch wenig entwickelt. Der einzelne Mensch kennt noch keine Trennung von Innen und Aussen. Ich, Wir und Welt bilden eine Einheit.
Der Mensch beginnt, sich von der Welt abzulösen; er wird sich der Welt bewusst. Er nimmt Ereignisse punktuell wahr, ohne sie räumlich oder zeitlich zu verbinden: er kennt noch kein Raum- oder Zeitgefühl. Er empfindet sie als Feld fremder Kräfte. Diese faszinieren ihn, bedrohen ihn aber auch. Durch Beschwörung und Zauberei versucht er sie zu seinen Gunsten zu beeinflussen.
Der Mensch löst sich aus dem Eingebunden-Sein in die Natur und wird sich seiner selbst bewusst. Die Naturkräfte werden jetzt personalisiert wahrgenommen; es entsteht eine Welt von Göttern, die nach den Mustern der menschlichen Seele gestaltet sind. Sie werden in mythischen Erzählungen beschrieben; in ihnen drückt sich die zunehmende Bewusstwerdung der menschlichen Seele aus. Das Leben wird bewältigt durch Gehorsam dem Willen der Götter, später Gottes gegenüber.
Der Mensch erwirbt die Fähigkeit, zwischen Mythos und Wirklichkeit zu unterscheiden. In verschiedenen Kulturen entstehen (um 500 vor Christus) philosophische Systeme, die sich vom Mythos abgrenzen (griechische Philosophie, jüdischer Monotheismus, Buddhismus, Taoismus). Immer noch dominiert das Mythische in der Religion; doch fortan arbeiten die Kulturen daran, das Mythische mit der Vernunft zu verbinden.
Die mentale Struktur erfährt zumindest in unsern Kulturen um 1500 nach Christus eine Radikalisierung. Gebser spricht von der rationalen Struktur. Das Rationale wird zum einzigen Kriterium der Wahrheit. Es ist die Ebene des Verstandes, der alles zergliedert und aus der Perspektive des beobachtenden und handelnden Subjekts betrachtet. Hier bin ich, dort ist die Welt. Ich erkenne die Welt, gestalte sie, beherrsche sie, nutze sie, beute sie aus. Diese Zeitalter wird mit dem Namen "die Moderne" bezeichnet.
Seit ein paar Jahrzehnten beginnt sich eine neue Struktur abzuzeichnen, die Gebser die integrale nennt. Kennzeichen dieser Ebene sind eine ganzheitliche Welterfassung. Die Welt wird nicht mehr aus der Perspektive des Subjekts wahrgenommen, sondern "a-perspektivisch", das heisst ohne Einengung durch einzelne Perspektiven. Das Rationale wird nicht aufgegeben, verliert aber seine dominierende Stellung. So wird die ursprüngliche Ganzheit der archaischen Struktur wieder gewonnen, nun aber in der Klarheit der neu erworbenen Möglichkeiten. Wie diese Struktur im Einzelnen aussieht, wird nach Gebser erst die Zukunft zeigen.
Gebsers Strukturen lösen einander nicht einfach ab. Das Vorausgehende wird in die neue Entwicklung aufgenommen. Das Frühere bleibt wirksam. Unser Bewusstsein ist geschichtet, wie die Jahrringe am Baum. Auch wir Menschen von heute tragen Archaisches, Magisches, Mythisches und Mentales in uns.
Inzwischen haben viele Strömungen den Gedanken aufgegriffen, dass ein neuer Bewusstseinsschritt bevorsteht. Vor allem im Zusammenhang mit der Jahrtausendwende wurde und wird von einem neuen Zeitalter gesprochen, in welchem alles besser wird. Man spricht von der New-Age-Bewegung.
Die Erwartung eines besseren Zeitalters ist jedoch fragwürdig. Ebenso wahrscheinlich wie ein besseres Zeitalter ist die globale Katastrophe.
Die Geschichte der Menschheit enthält Milliarden von Fakten, konstruktive und destruktive. Man kann daraus eine Auswahl treffen und eine Linie zeichnen. Eine davon ist jene von Jean Gebser. Sie beruht auf Fakten, aber aufgrund anderer Fakten liesse sich auch eine andere Linie ziehen.
Es ist sicher besser, sich an einer aufbauenden Linie zu orientieren, statt auf zerstörerische Entwicklungen zu starren. In diesem Sinn muss auch das Gebser'sche Modell gesehen werden: nicht als eine Wahrheit, sondern als eine lebensdienliche Orientierungshilfe in der Fülle der historischen Fakten.
Es mag erstaunen, dass in einer politischen Schrift so viele Seiten über persönliche Spiritualität und Ethik, über integrales Gestalten von Beziehungen steht. Zwei Überlegungen stehen hinter diesem Vorgehen:
Politik wird immer von der Persönlichkeit der Politisierenden gefärbt sein. Wer inneren Unfrieden mit sich trägt, wird ihn in die Politik einbringen.
Die Politik beschränkt sich nicht auf Staat und Parteien. Jedes Einwirken auf die Gesellschaft, auch das private, ist im weitesten Sinne Politik.
Alles was hier über unser Verhalten als Einzelmenschen, über Spiritualität und Ethik geschrieben wird, gilt im Grossen und Ganzen auch für das Handeln im politischen Bereich.
Die Integrale Theorie geht davon aus, dass frühere Strukturen noch in jedem von uns leben und in das neue Bewusstsein integriert werden können. Es ist eine spannende Aufgabe, ihnen nachzugehen. Wo stellen wir sie fest? Wie können wir ihre Wirkung charakterisieren? Und vor allem: was bedeuten sie für unsere Lebensführung?
Wir heutigen Menschen kennen diese Struktur von gelegentlichen Regressionen in halbbewusste Zustände. Wir fallen in ein undifferenziertes Alles-ist-Eins-Gefühl. Auch im Drogenrausch und in gewissen therapeutischen Verfahren7
