Bin ich Pollnick, oder was? - Karl Denkel - E-Book

Bin ich Pollnick, oder was? E-Book

Karl Denkel

0,0
7,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Joe ist jung, lebt in Frankfurt und ist ein sympathischer Chaot. Und er ist Künstler, vornehmlich allerdings Lebenskünstler. Er liebt kalte Margaritas und coolen Jazz und steht geregelter Arbeit eher skeptisch gegenüber. Aber er hat einen Traum: er will Maler werden. Nur traut er seinem Talent nicht über den Weg. Also hält er sich mit IT-Jobs über Wasser und verschiebt täglich den Beginn seiner Karriere als Maler auf morgen - oder spätestens übermorgen. Bis ihm dann endlich eine Frau auf die Sprünge hilft. Sie ist cool und schlagfertig. Sie weiß genau was und zeigt Joe, dass er doch mehr drauf hat als Cocktails zu mixen und flotte Sprüche rauszuhauen. Aber eigentlich sind es zwei Frauen, die sich diese Aufgabe teilen. Und in einer von ihnen findet Joe auch in anderer Hinsicht den perfekten Match. Joe lässt uns mit viel Wortwitz und Selbstironie sozusagen live an dieser entscheidenden Phase seines Lebens teilhaben, in der er es endlich schafft, sein Talent zu nutzen und das zu werden, von dem er immer träumte.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 381

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Karl Denkel

Bin ich Pollnick, oder was?

Roman

© 2023 Karl Denkel

ISBN Softcover: 978-3-347-91128-4

ISBN E-Book: 978-3-347-91129-1

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig.

Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter:

tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Bin ich Pollnick, oder was?

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Kapitel 1

Kapitel 39

Bin ich Pollnick, oder was?

Cover

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

61

62

63

64

65

66

67

68

69

70

71

72

73

74

75

76

77

78

79

80

81

82

83

84

85

86

87

88

89

90

91

92

93

94

95

96

97

98

99

100

101

102

103

104

105

106

107

108

109

110

111

112

113

114

115

116

117

118

119

120

121

122

123

124

125

126

127

128

129

130

131

132

133

134

135

136

137

138

139

140

141

142

143

144

145

146

147

148

149

150

151

152

153

154

155

156

157

158

159

160

161

162

163

164

165

166

167

168

169

170

171

172

173

174

175

176

177

178

179

180

181

182

183

184

185

186

187

188

189

190

191

192

193

194

195

196

197

198

199

200

201

202

203

204

205

206

207

208

209

210

211

212

213

214

215

216

217

218

219

220

221

222

223

224

225

226

227

228

229

230

231

232

233

234

235

236

237

238

239

240

241

242

243

244

245

246

247

248

1

Wo ist dieser verdammte Schuh? Ohne den Schuh kann ich nicht zu meiner absolut lebenswichtigen Verabredung gehen, denn das Paar Schuhe, dessen eine Hälfte ich in der Hand halte, während die andere Hälfte die an kosmischen Entropiegesetzen ausgerichtete Unordnung meiner Wohnung ausnutzt, um mit mir Versteck zu spielen, ist das einzige Paar in meinem Besitz, das eine Chance hat, dem Frankfurter Matschwetter zu trotzen.

Gefühlte Ewigkeiten habe ich bereits mit der Suche nach diesem Schuh verschwendet, und jede weitere Minute erfolglosen Suchens geht auf Kosten von Quality Time mit Samson, meinem Freund und Bro Numero Uno, der so ungefähr ab jetzt in der Tequila Cantina y Bar wartet, um mit mir der alten Menschheitsfrage nachzugehen, wie viele Margaritas nötig sind, um das menschliche Gehirn zu maximaler Leistungsfähigkeit hochzupuschen.

Was nutzt das Rumgejammere, ich muss weitersuchen, denn irgendwo muss der Schuh ja sein, wobei irgendwo“ fünfunddreißig Quadratmeter wildwuchernde Wohnlandschaft bedeutet, die zu durchsuchen die Fähigkeit eines erfahrenen Archäologen verlangt.

Ein Durchschnittsbürger auf der Suche nach seinem Schuh würde sicher zuerst im Schuhschrank nachsehen und danach vielleicht unter dem Bett. Macht hier aber keinen Sinn, da ich erstens keinen Schuhschrank besitze - die überschaubare Anzahl meiner Schuhe würde die Anschaffung eines solchen nicht rechtfertigen -, und zweitens mein Bett eine in direktem Bodenkontakt stehende Matratze ist, die anzuheben ich mich scheue aus Angst, was ich darunter finden könnte.

Ich muss systematisch vorgehen, fange deshalb an der Südwand an - ich nenne sie Südwand, weil der bräunliche Schimmelfleck auf der Wandmitte verblüffende Ähnlichkeit mit dem Umriss von Südamerika hat -, bringe dort ein paar halbmannshohe Zeitungsstapel zum Einsturz und bleibe kurz an einer interessanten Schlagzeile hängen („Misstrauensantrag erfolgreich – Kohl wird Kanzler“), entwirre eine Pyramide aus ausgedienten Elektronikbauteilen, über deren Herkunft nur mein Vormieter etwas sagen könnte, zerstöre versehentlich die sensible Konstruktion meiner Installation „Merkur in Bewunderung der Venus“ – sagte ich schon, dass ich bildender Künstler mit abgeschlossenem Hochschulstudium bin? Also abgeschlossen im eher übertragenen Sinn, nämlich dass ich damit abgeschlossen habe -, wühle mich ohne viel Hoffnung durch weite, hügelartige Landschaften schmutziger Wäsche und finde dort zwar keinen Schuh aber endlich mein zerfleddertes Exemplar von Nietzsches „Übermensch“ – literarisch ganz schwerer Tobak, aber schließlich braucht jeder Mensch Vorbilder -, inspiziere sogar verzweifelt den Kühlschrank, dessen Inhalt mich an den Versuch eines irren Wissenschaftlers erinnert, künstliches Leben aus Abfall zu züchten, um schließlich auszurutschen und mit dem Gesicht in etwas zu landen, das vielleicht mal eine Papiertüte mit Tomaten gewesen ist.

Ich gebe auf. Der pflichtvergessene Schuh hat gewonnen. Stöhnend lasse ich mich auf meinen durchgesessenen Fernsehsessel fallen. Warum ist alles im Leben so kompliziert? Warum geht nicht mal etwas von selbst, fügt sich nicht mal eins zum anderen? Warum ergibt sich nicht mal etwas – einfach so? So wie im Leben meines perfekten Bruders? Aber das ist eine andere Geschichte.

Mir fällt ein, dass ich noch irgendwo ein Paar Sneakers haben müsste, die ein findiger chinesischer Fälscher einer namhaften US-Sportartikelmarke nachempfunden hat. Wo aber, und da sind wir wieder beim alten Problem, ist „irgendwo“?

Ich denke, hier hilft nur noch Karl Marx (oder Robin Hood?): Wer hat, dem soll genommen werden! Zufällig weiß ich, dass mein Wohnungsnachbar seine Schuhe gelegentlich vor der Wohnungstür stehen lässt. Hofft er, dass der Hausmeister sie putzt? Haben wir überhaupt einen Hausmeister in dieser bewohnten Bauruine?

Ein rascher Blick in den Flur zeigt, dass da tatsächlich ein Paar Schuhe – auch noch Männerschuhe! - vor der Tür der gegenüberliegenden Wohnung stehen. Ich weiß, dass ich damit auf einem erschreckend niedrigen moralischen Niveau angekommen bin, aber ich habe keine Wahl. Ich husche in den Flur, greife mir die zwei schwarzen Halbschuhe und verschwinde wieder in meiner Bude, Aktion „Ausleihe“ erfolgreich abgeschlossen! Dass die Schuhe sogar einigermaßen passen, nehme ich als Zeichen, dass der Himmels nichts gegen meine Verzweiflungstat einzuwenden hat. Und morgen früh stehen sie ja sowieso wieder vor der Tür ihres rechtmäßigen Besitzers. Ich werde sie sogar vorher putzen.

Somit steht meinem Ausflug ins Frankfurter Nachtleben nichts mehr im Weg. Ich schnappe mir meine schwarze Lederjacke, die angeblich Marlon Brando als jugendlicher Motorradrocker getragen hat – sagte zumindest der Flohmarkthändler, der sie mir für einen Zehner vermacht hat - und werfe noch einen Blick in den Spiegel. Ich sehe darin einen ziemlich gut aussehenden Siebenundzwanzigjährigen mit dunkelbraunen Augen und genauso braunen Locken, beides ein Erbe meiner italienischen Mutter, deren Gene sich zum Glück gegen das Erbgut meines rodgaustämmigen, treudeutsch aussehenden Vaters durchgesetzt haben.

Ich ziehe los, in den beiden Knöpfen in meinen Ohren tönt Funkjazz, der meinen Adrenalinspiegel auf einem ausgehkonformen Level stabilisiert und mich darüber hinaus gnadenvoll gegen das Gequatsche meiner Sitznachbarn in der U-Bahn abschirmt.

Unterwegs hagelt es zornige Textmessages. Samson will wissen, wo ich bleibe. Ich beeile mich also, vom Bahnhof Hauptwache zur nahen Tequila Cantina y Bar in der Weißadlergasse zu kommen. Es ist sieben Uhr und noch nicht viel los in der Bar: zwei Typen, die mit ihren strähnigen langen Mähnen in Mittelaltergrau nach übriggeblieben Ex-Roadies aussehen, ein Tisch voll mit schnatternden Büro-Tussies, die mich keines Blickes würdigen, ein Anzugsträger mit Babyface und gegelten Haaren, versunken in den Tiefen seines Laptop-Displays, und natürlich Samson, der an einem der winzigen Hochtische sitzt und leicht depressiv in sein halb leeres Margaritaglas glotzt, die Klotür wie üblich gleich hinter sich („damit man es nicht so weit hat“). Samson ist etwa in meinem Alter, eher der nordische Typ mit blonden Haarwildwuchs und Wikingerbart, immer gut drauf und gibt als Beruf wahlweise freier Journalist, Schriftsteller oder auch neuerdings Blogger an. Früher träumte er von Literaturpreisen, heute von Followern, Klicks und Likes – Traum das eine wie das andere, und Pizza ausliefern und Taxi fahren die Realität.

Wir haben uns vor Jahren auf einem WG-Fete kennengelernt. Das gemeinsame Interesse an einer Soziologiestudentin im siebten Semester mit glatter Porzellanhaut und Harry-Potter-Brille auf der perfekten Stupsnase hat uns zusammengebracht. Nachdem aber ein tätowierter Dwayne-Johnson-Muskelberg mit Türsteherqualitäten die studentische Stupsnase abgegriffen hatte – im übertragenen wie im eigentlichen Sinn des Wortes -, trösteten Samson und ich uns mit ein paar Flaschen Bier und stellten dabei fest, dass wir dieselbe Art von Humor, ähnlich prekäre finanzielle Verhältnisse und ebenfalls sehr ähnliche völlig illusorische Vorstellungen von einer Karriere in „irgendwas mit Kunst“ hatten.

Heute, fünf Jahre später, hat sich nicht viel geändert. Wir warten noch immer auf die zündende Idee, was wir mit unserem Talent machen sollen, und halten uns bis zum künstlerischen Durchbruch einigermaßen mit Gelegenheitsjobs über Wasser: Texten, ein bisschen Web-Design und zur Not eben auch Pizzaausfahren.

„Na endlich, Joe, wird auch verdammt Zeit, dass du auftauchst“, knurrt Samson. Joe ist übrigens mein Vorname, in der Originalform Josef, aber welcher Halbitaliener will schon Josef genannt werden? Dann schon lieber Joe, am besten in der Rufform: “Hey Joe”. Dann hört man gleich im Kopf dieses Hendrix-Gitarrenriff und “… where you goin' with that gun of yours?“

Ich hatte eine Zeit lang versucht, Giovanni als meinen Rufnamen durchzusetzen, aber „Giovanni Weber“ (Dank sei meinem Vater für diesen wahrhaft deutschen Familiennamen) war auch nicht der Bringer. Deshalb: mein Name ist Weber, Joe Weber…

„Alter, ich hasse es, alleine hier rumzuhängen“, motzt Samson weiter, „ich sehe doch aus wie ein asozialer Loser. Oder wie einsames Freiwild für die Chicks da drüben.“

Klar, jede dieser adrett gekleideten Damen im Business Outfit am Nachbartisch träumt davon, sich an einen behaarten schwedischen Yeti in abgewetzten Knittercordhosen ranzuschmeißen.

„War schon besorgt, dass du nicht kommst und ich meine Drinks heute selber bezahlen muss. Würde mir schwerfallen, es sei denn, Blue Hour bedeutet hier, dass die Cocktails verschenkt werden.“

Sofort spüre ich, wie sich mein Zwanzig-Euro-Schein ängstlich zusammenkräuselt. Drauf gehen würde er also für lächerliche zwei, best case drei - weil Blue Hour - Margaritas und einen Teller Käse-Tortilla-Chips. Aber zwei oder drei Margaritas sind sowieso nichts, sozusagen drei Tröpfchen auf dem heißen Stein, zu wenig für unsere nach Stimulation lechzenden Männerseelen, ein guter Anfang vielleicht, aber bei weiten nicht genug, um unsere Hirne auf das nötige Exzitationslevel zu katapultieren, auf dass wir die Probleme der Welt mit genügendem Schwung erfolgreich einer Lösung zuführen könnten. Zwei, drei Margaritas! Damit werden unsere kampferprobten Lebern in Nullzeit fertig und überlassen uns dann dem Schrecken einer – welch hässliches Wort - nüchternen Realitätsbetrachtung. Nein, das ist kein akzeptables Szenario für einen Abend in der Tequila Cantina y Bar!

Aber, wie Konfuzius sagt (oder Peter Maffay?): über diese Brücke gehen wir erst, wenn wir davor stehen. Ich bestelle mir rasch eine Margarita bei der auf 450 €-Basis kellnernden Studentin und kippe dieses offizielle Getränk der mexikanischen Götter mehr oder weniger ab, um so mit Samson alkoholpegelmäßig gleichzuziehen.

Samson eröffnet dann die Unterhaltung mit einer Klage über Frauen, genau gesagt über deren momentane und für uns unverständliche Abwesenheit in unser beider Leben, und überrascht mich dann doch mit seinem abschließenden Statement: „Ich denke, wenn das so mühsam weiter geht, werde ich schwul.“

Eine wie gesagt überraschende, wenn auch nicht sehr glaubwürdige Wendung. Samson ist so gar nicht der queere Typ, eher der Prototyp des superbinären Cis-Machos. Man könnte sich ihn gut bei „Bauer sucht Frau“ vorstellen als naturbelassener Ferkelzüchter, der die Kastration seiner Zuchterfolge mit dem eigenen Gebiss durchführt. Aber ich als Samsons Lieblings-Bro versuche natürlich, ihm beim Coming out mit Rat und… nein, ohne Tat beizustehen.

„Schwul – why not? Ist eine Möglichkeit, eindeutig. Und, hast du schon ein geeignetes Objekt der Begierde im Auge, das dir beim Umpolen helfen könnte? Ich falle natürlich aus. Wir kennen uns schon zu lange, als dass da „unnerum“ noch irgendwas gehen könnte. Aber jetzt mal gesprochen von Ästhet zu…naja, zu dir: du weißt, ich habe dich schon nackt gesehen, und das verursacht mir heute noch Albträume. Und deshalb mein gute Rat: du musst was an deinem haarigen Hintern machen. Waxing zum Beispiel.“

Ich stelle es mir gerade bildlich vor. Was dazu führt, dass ich dringend einen Tequila brauche.

„Bist du irre? Ich lass mir doch nicht die Haut vom Hintern ziehen. Aber genau genommen ist ‚schwul werden’ auch eher Plan Z – also erst relevant, wenn A bis Y nicht funktioniert haben.“

„Und wo stehst du denn heute? Noch bei Plan A – heißt das nicht bei dir ‚ich versuche die Mitleidsmasche’? Oder Plan B – ‚ich behaupte, dass ich ein Freund von Dieter Bohlen bin und jeden bei DSDS unterbringen kann‘? Oder schon bei Plan V wie ‘Von mir aus auch wieder mit Elsa‘?“

Elsa Grün ist eine der zahlreichen Ex von Samson. Auf Grund ihrer allzeitigen Verfügbarkeit und niedrigen sexuellen Hemmschwelle reaktiviert Samson sie gelegentlich in Notzeiten. Dann verbringt er ein paar Tage in Elsas Bude, fängt an zuerst sie, dann sich zu hassen und verschwindet wieder.

„Elsa? Die ist Plan V, V wie Verzweiflung. Nee, dann vielleicht doch lieber schwul.“

„Endlich stehst du zu deiner queeren Neigung. Finde ich toll. Ich hab‘s mir ja schon immer gedacht, so ungeschickt, wie du dich bei den Chicks anstellst. Und wie du hinter mir her geiferst, wenn ich aufs Klo gehe. Ist O.K., kein Problem, nehme ich als Kompliment. Wie wäre es mit einer Runde Margaritas auf dein Coming out?“

„Mach mal langsam, Alter! Nix gegen edle Männerpaarung, also so generell und für die Allgemeinheit, aber so lange es Hoffnung gibt,…“

„…und Vera Grün“, ergänze ich hilfreich.

„…bleibe ich noch versuchsweise Hetero.“

„Ist auch O.K., du bist ja kein völlig hoffnungsloser Fall. Voll maskulin: 90 kg geballte Männlichkeit, akzeptabler Bizeps, Bauchansatz, naja, kaum noch zu tarnen, lässt dich aber kuschlig wirken. Auf der Minusseite… steht irgendwie alles andere. Deine Klamotten zum Beispiel, absolut anti-hip: braune Cordhose und Sweatshirt mit Schalke 04-Aufdruck. Geht‘s noch? Dann diese zottelige Gesichtsbehaarung. Und überhaupt, deine Ausdrucksweise - voll prollig.“

„Und du meinst, dein verschnörkeltes Rumgequatsche macht Eindruck bei den Mädels?“

„Ich denke, meine gut entwickelte Artikulationsfähigkeit ist bei meinem Zielpublikum ein hübsches ‚on top of’.“

„On top of was für’n Scheiß?”

„Hey, ich bin Halbitaliener – dunkle Augen, dunkle Locken, das Versprechen südeuropäischer Feurigkeit, und das dann kombiniert mit intellektuell ansprechender Rhetorik. Ich würde das unwiderstehlich nennen.“

Bevor ich anfange, mich selber toll zu finden, holt Samson mich in die Wirklichkeit zurück: „Du bist, freundlich formuliert, ein halbes Hemd in dreckigen Jeans. Gut, deine Schuhe sehen überraschend neu aus, aber sonst…? Wo sind denn die ganzen Chicks, die du mit deinen komischen Locken und deinem Gesülze weichkochst haben willst?“

Gute Frage, nächste Frage! Ich lenke ab: „Die Gläser sind leer. Mach was, Alter!“

Samson ordert neue Margaritas, deren Überlebensspanne dann wieder deprimierend kurz ist. Aber der Abend entwickelt sich großartig. Schauen die Büroschnepfen vom Nachbartisch nicht doch heimlich zu uns herüber? Die Chicks kippen Tequilarunden – vielleicht schaffen sie es ja, sich uns schön zu saufen.

So wie wir uns mit Margaritas abfüllen, füllt sich auch allmählich die kleine Bar. Wenn hier zum Gequatsche der Leute auch noch Musik von Bands kommt, die sich alle wie Buena Vista Social Club anhören, wird die Unterhaltung anstrengend. Dabei sind wir gerade dabei, etwas zu entwickeln, dass wir hochtrabend unser „Geschäftsmodel“ nennen – zwei Blinde reden von Farbe. Dank alkoholinduzierter Selbstüberschätzung kommen wir überein, endlich Samsons Fähigkeiten (Texten, nicht Taxifahren) mit meinem Designertalent zu kombinieren zu etwas, dass uns berühmt und reich machen wird. Was genau das für ein Produkt sein wird, steht noch zur Debatte – eine App, ein YouTube-Kanal, oder mehr was wirklich Künstlerisches mit Anspruch, Arthousemäßiges. Oder alles zusammen. Egal, morgen können wir uns sowieso an nichts mehr erinnern.

Zum Beispiel an die gerade geborene Idee, einen Influencer-Kanal einzurichten – Samsons Vorschlag natürlich:

„Wir werden Biermarken-Influencer. Wir filmen uns, wie wir verschiedene Pilssorten abkippen, und unsere Follower schauen uns dabei zu und schließen Wetten ab, wer von uns eher unter dem Tisch liegt. Voll die Gaudi!“

„Oder Mode-Influencer: wir bringen deinen Cord-Hosen-Look zurück – beige is beautiful.“

Influencer gefällt mir. Erinnert zwar phonetisch an Grippeinfektion, ist aber faktisch besser als Pizzaausfahren. Darauf und zur Abwechslung mal eine Runde Pils – zum Üben, von wegen Pils-Influencer. Außerdem haben uns die Salzränder der diversen Margaritagläser durstig gemacht.

Weil wir mit unserem Brainstorming nicht mehr so recht weiterkommen, orientieren wir uns wieder Richtung Bürotussentisch. Aber oh Wunder, die Chicks sind entweder in den letzten Stunden schrecklich gealtert oder aber gegangen und durch eine Gruppe freudloser Besucherinnen eines evangelischen Kirchentages ersetzt worden. Da wir uns einer Diskussion über Klimakatastrophen, veganes Essen oder gar Menstruationstassen nicht gewachsen fühlen, verzichten wir auf eine Kontaktaufnahme. Es ist auch schon knapp vor Mitternacht. Wir beschließen zu gehen, so lange wir noch gehen können.

Aber da war doch noch etwas, etwas äußerst unangenehmes. Ach ja, die Rechnung! Kein Problem, meint Samson, er kennt den Barkeeper vom Fußballkicken im Ostpark. Samson drückt sich zur Theke durch und kommt nach fünf Minuten mit der überraschenden Nachricht „erledigt“ zurück. Ich bewundere ihn, fast macht er mir Angst. Zuerst fabuliert er über eine Influencerkarriere und dann hat er auch noch genug Geld, um eine gefühlte Zigdrillion Margaritas, zweimal Nachos mit Käsesoße sowie diverse Pils zu bezahlen.

„Hab´ nen Deckel gemacht“, klärt er mich auf, „ich musste aber mit meinem Blut unterschreiben, dass ich morgen wiederkomme und zahle. Schätze, wir müssen für die nächste Zeit das Tequila Cantina y Bar aus der Liste unsere Stammkneipen streichen. Und, was hast du morgen so vor?“

Ich hole tief Luft: „Ich werde morgen endlich mit dem Bild anfangen.“

„Haha, und ich gehe ins Fitnesscenter…“

2

Ich weiß nicht, was mich letztendlich geweckt hat, der Druck auf meine Blase, die Wüste Gobi in meinem Mund oder dieser bösartige kleine Wurm, der sich durch mein armes Hirn bohrt. Was klar ist: wenn ich jetzt den Fehler mache und die Augen öffne, wird dieser kleine Wurm in meinem Kopf zu einer hochdrehenden elektrischen Bohrmaschine.

Ich werde einfach noch eine kleine Weile auf meiner Matratze liegen bleiben, so etwa zwei bis drei Stunden. Aber geht nicht, die Blase ist so angespannt wie meine finanzielle Gesamtsituation, wohl ein Vorgeschmack auf die Zeit in etwa vierzig Jahren, wenn mir nachts um drei die Prostata auf die Blase drückt.

Ich schätze, wenn ich die Augen geschlossen lasse und mich auf allen Vieren bewege, könnte ich es bis ins Klo schaffen. Ich rolle mich also von der Matratze und bewältige den ersten Meter kriechend. Aber dann erhebe ich mich, unsicher noch, schwankend aber stolz wie dieser haarige Ur-Vorvormensch, der irgendwann beschloss, nicht mehr länger ein Vierbeiner zu sein, der sich mutig auf seine Hinterbeine stellte (jetzt Einsatz Richard Strauss: Also sprach Zarathustra – BAMbam BAMbam BAMbam BAM), eine Krawatte umband, seine Aktentasche unter den Arm klemmte und ins Büro ging, womit möglicherweise das ganze Unglück der Menschheit begonnen hatte.

Seufzend lasse mich auf die Klobrille fallen und entspanne alles, was ich an Schließmuskeln habe – herrlich, maximale Erleichterung von jetzt auf gleich!

Und ja, ich bin Sitzpinkler, ich stehe beziehungsweise sitze dazu. Warum soll ich irgendwas im Stehen machen, das ich auch im Sitzen erledigen kann? Wie ich nichts im Sitzen tue, was ich auch im Liegen tun kann, oder wie ich etwas gar nicht tue, wenn ich es auch aufschieben kann. Das in Kürze zu meiner Lebensphilosophie!

Allmählich erwachen meine Lebensgeister, und der Wurm im Kopf gibt endlich Ruhe. Aber um wirklich wach zu werden, braucht mein alkoholvergifteter Körper Koffein, und zwar eine Menge davon. Ich rufe also Richtung Küche: „Liebling, kannst du mir einen großen Cappuccino machen?“

Natürlich antwortet Liebling nicht. Weil Liebling eher hypothetisch ist, die Platonsche Idee eines idealen Lieblings in einer Schopenhauerschen Welt als Wille und Vorstellung – oder in einfachen Worten: eine illusionäre Wunschvorstellung, denn niemand teilt diese Einraumwohung mit mir, die Silberfische unter der Badematte mal ausgenommen. Aber ich finde es einfach schön, dieses „Liebling, kannst du mir…“:

Das romantische Pärchenleben ist nichts für mich. Es stresst mich, wenn ich lange mit ein und der selben Frau zusammen bin, sogar wenn sie mir tatsächlich einen Cappuccino ans Bett bringen oder sich um meine – Achtung, billiges Wortspiel! – Latte kümmern würde. Ich werde mal mit meinem Therapeuten darüber reden, sobald ich einen habe. Ein paar Stunden mit jemandem zusammen sein ist in Ordnung, aber dann wird es stressig. Hey, wie soll man tagelang, wochenlang, lebenslang!! brillant sein, unterhaltsam, charmant, witzig, oder was weiß ich, was alles so in einer Langzeitpartnerschaft von mir erwartet würde. Das bedeutet Dauerstress und Leistungsdruck ohne Ende. Und dann dieser Zwang zur Harmonie – wie, du findest Game of Thrones nicht gut? Was, du willst, dass wir dieses grüne Sofa ins Wohnzimmer stellen? Warum magst du meine Mutter nicht? Nein danke, dann lieber alleine, aber glücklich sein.

Und deshalb gibt es auch heute wieder keinen ans Bett gebrachten Cappuccino, stattdessen nur einen aromafreien braunen Sud, den ich mit Hilfe eines gestern schon mal verwendeten Kaffeefilters produziere. Das Ergebnis ist eine heiße, braune, Flüssigkeit – nennen wir sie der Einfachheit halber „Kaffee“. Der Geschmack allerdings rechtfertigt diese Bezeichnung nicht. Ich muss unbedingt neue Kaffeebohnen kaufen.

Das erinnert mich an diese eine unglückselige conditio sine qua non, diese schmerzhafte Verknüpfung von Kaufen wollen und Geld besitzen, was sogar mich gelegentlich dazu zwingt, etwas zu tun, das man gemeinhin als „arbeiten“ bezeichnet. Zum Glück geht das nicht so weit, dass ich dem nachgehen müsste, das einer geregelten Arbeit nahe käme. Ich habe einen Laptop und ein Handy, also alles, was man braucht, um heutzutage als freier Unternehmer über die Runden zu kommen. Mit den Kenntnissen aus meinem abgebrochenen Kunststudium und einem gewissen autodidaktischen Software-Know-how bastele ich ab und zu Webseiten für IT-mäßig Unbedarfte. Ich kann damit überleben, ohne dass auch nur die geringste Gefahr besteht, so zu übertriebenem Wohlstand zu gelangen.

Zurzeit habe ich zwei Kunden, Sorgen hinsichtlich eines drohenden Burnouts wären also übertrieben. Der eine Kunde ist ein Schrebergartenverein in Bergen-Enkheim, der zweite ist eine Kundin und heißt Lotte Burmester. Ich werde sie morgen treffen, um herauszufinden, welche Art Dienstleitung sie von mir erwartet. Ich rate mal – sie will eine Webseite

So wie der Schrebergartenverein, der dafür sogar schon einen Vorschuss gezahlt hat. Also hat dieser Job Priorität, obwohl ich den Auftrag nicht mag. Genaugenommen mag ich Herrn Dormich nicht, diesen reaktionären Vereinsvorsitzenden. Er rief vor zwei Wochen an, sagte, er hätte meine Nummer von einer Visitenkarte, die ein Vereinskamerad in einer Kneipe gefunden hätte. So viel also schon mal zu meiner ausgefeilten Akquisitionsstrategie: ich lasse möglichst viele Visitenkarten an möglichst vielen öffentlichen Orten herumliegen. Das ist in etwa so effektiv, wie Lotto zu spielen, um Millionär zu werden.

Ich traf den Schrebergartenhäuptling für die Geschäftsverhandlungen in einer Kneipe, konnte ihn ja schlecht in mein nicht existierendes Büro einladen. Es war von Anfang an klar, dass ich ihm nicht gefiel. Was hatte er erwartet, Steve Jobs persönlich? Oder wenigstens jemanden, der nicht nach mittelaltem Punk aussieht? So sehen wir aus der IT-Branche eben aus, also die, die ihre Berufsbekleidung auf dem Flohmarkt kaufen.

Ich lud Mister Schrebergarten zu einem Bier ein – kein Erfolg ohne Investition -, und nach einem Gedankenaustausch über Eintracht Frankfurt und einem zweiten Bier kamen wir dann zum Geschäft. Er wollte wissen, ob ich denn „so Computerseiten“ machen könnte, und ob ich auch nicht zu teuer wäre. Ich versicherte ihm, dass alle meine Kunden mit meiner Preisgestaltung zufrieden gewesen wären, und erkundigte mich nach der geplanten Höhe der Investition. Er dachte so an 600 Euro. Für 600 Euro würde ich ihm die Webseite basteln, sein Auto waschen und den Rasen in allen seinen Schrebergärten schneiden. Heute kann schließlich jeder Halb-Nerd mit minimalen Computerkenntnissen und simplen Tools aus dem Internet eine professionell aussehende Website zusammen- bauen.

Trotzdem merkte ich skeptisch an, dass 600 Euro an sich nicht dem Budget entspricht, für das ich üblicherweise arbeite („üblicherweise“ mache ich es für einen Kasten Bier), aber weil ich ein Unterstützer der Schrebergartenbewegung sei, würde ich annehmen, 200 Euro Sofortvorauszahlung vorausgesetzt. Überraschenderweise wurden wir handelseinig.

Da wäre aber noch was, meinte Herr Dormich dann am Ende unserer Verhandlungen etwas verdruckst. Sie wären ja alle im Verein liberal eingestellt, leben und leben lassen und so. Und schon gar nicht hätten sie etwas gegen Flüchtlinge, alles arme Kerle. Aber wenn es ums Feiern ginge, da wären die ja doch anders. Man wolle einfach nicht, dass auf dem Schrebergartengelände dauernd Hammel am Spieß gegrillt würden. Und die Heckenschneideverordnung, verstehen die das denn überhaupt? Dann das Kindergeschrei…, Afrikaner hätten doch so viele davon. Also zwei oder drei gut integrierte Ausländer, deutschsprachig, in Ordnung, aber möglichst nicht so viele davon. Ob ich das irgendwie in diese Computerseite mit einbauen könnte, aber unauffällig, eher so indirekt? Man hätte ja wie gesagt nichts gegen „die“. Und man kommt so schnell ins Gerede.

Das wäre dann der Punkt gewesen, an dem ich hätte aufstehen und gehen sollen. Aber da waren diese schon lieb gewonnenen 200 Euro in meiner Tasche, die ich im Fall eines dissonanten Aufbruchs hätte zurückgeben müssen. Also meinte ich nur, dass ich sehen würde, was ich tun könnte, und ging dann, einen Abgabetermin in drei Wochen in Aussicht stellend. Ich schäme mich noch heute dafür, hatte ich doch an diesem Tag meine Seele für sechshundert Silberlinge verkauft!

Wie gesagt, meine Lust auf diese Webseitenbastelei hält sich in engen Grenzen. Ich könnte mich nun totstellen und hoffen, dass Herr Dormich den Auftrag, meine Telefonnummer und den Vorschuss vergessen hat. Aber dann wären die restlichen 400 Euro futsch. Also steige ich noch eine Stufe hinab auf meiner nach unten hin offenen Moralskala, irgendwo dahin, wo Immobilienmakler, Hedgefondmanager und Anbieter größerer nigerianischer Erbschaften sich verorten, und beschließe, heute diese nationale Schrebergarten-Webseite zu stricken.

Ich hoffe, mein Laptop verzeiht mir, wozu ich ihn dann missbrauche. Man muss wissen, dass mein Laptop mir viel bedeutet. Mein gesamtes Leben ist Improvisation, Notbehelf, Low Level Existenz. Das gilt aber nicht für meinen Laptop, der vom Feinsten ist. Ich würde ja gerne mehr sagen, aber das wäre Angeberei, brand dropping. Deshalb nur ein Tipp: der Name hat etwas mit Obst zu tun – kapiert? Obst, von Bäumen!

Und schottisch hört sich der Name an – fängt an wie diese Fastfoodkette, und hat was mit Literatur zu tun, mit Buch,… na klingelt es jetzt?

Mann! Obst – schottisch – Buch: Apple MacBook! Ja, ich, sonst knapp am Rand des Existenzminimums lebend, ich, für den Shoppen ein euphemistisches Wort für Containern ist, besitze nicht nur irgend einen Laptop, auch nicht irgendeinen Apple, nein, das Apple MacBook Pro mit 13,3 Zoll Retina Display und einem so rasend schnellen 2,3 GHz Prozessor, dass ich damit eine Rakete zum Mars und zurück steuern könnte.

Wie ich das Teil bezahlt habe – eine lange Geschichte. Wie sehr ich es liebe – genug, dass Minnesänger es zu ihrem Thema machen sollten. Wie sehr ich Angst habe, dass er mir geklaut wird – hochgradig neurotisch!

Auf diesem Prachtstück amerikanischen Erfindergeistes mache ich mich jetzt daran, die Webseite für den Schrebergartenclub zu erstellen.

Technisch ist das eine simple Sache, besonders wenn man dazu ein paar Takte Thelonious Monk hört und im Rhythmus dazu auf die Tastatur hämmert.

Falls jemand nicht weiß, wer Thelonious Monk ist: ein großartiger Jazzpianist. Und falls sich jemand wundert, dass ein Vertreter der Generation Z mit durchaus positiver Einstellung zu modernen Medien so etwas Retromäßiges wie Jazz hört, statt sich von individualisierten Spotify-Playlists berieseln zu lassen: das liegt an Onkel Karl. Ich war siebzehn, und Onkel Karl war damals so eine Art Vaterersatz für mich. Dabei war er nicht einmal mein richtiger Onkel. Er war ein Sonderling so Mitte Sechzig, der alleine mit einer Menge Schallplatten und noch mehr Büchern in unserer Nachbarschaft wohnte. Für die, die auch nicht wissen, was Schallplatten sind: runde schwarze Kunststoffscheiben mit Rillen, die, wenn man sie mit einer speziellen Nadel abfährt, Musik wiedergibt. Genau, wie CDs, nur mehr steinzeitmäßig.

Als ich Onkel Karl eines Tages von irgendeinem Popsternchen vorschwärmte, lieh er sich meinen iPod aus und hörte in meine Musik rein: Miley Cyrus, Adele, Omi, Britrock-Gitarrenmusik, das, was man so als Siebzehnjähriger hörte. Dann schüttelte Onkel Karl den Kopf und meinte nur: „Komm mal mit.“ Und dann setzte er mich vor seine Stereoanlage und legte eine Schallplatte auf. Jemand hackte wilde Akkorde auf dem Piano, unmelodisch, echt gewöhnungsbedürftiger Scheiß. Spontan fand ich es scheußlich. Aber auch interessant. Es rührte eine Saite in mir, die ich nicht kannte.

„Was du jetzt spürst, das ist der Blues“, erklärte Onkel Karl, „und was du da hörst, ist Thelonious Monk. Merk dir den Namen! Aber seine Musik ist wirklich starker Tobak, ich weiß, aber da kommen wir später hin. Jetzt fangen wir erst mal mit was eingängigem an. Das hier ist Joe Pass.“

Und dann führte er mich während der nächsten Wochen und Monate über melodiöse Gitarristen wie Joe Pass und Wes Montgomery hin zu anstrengenderen Saitenvirtuosen wie John McLaughlin und Joe Abercrombie, um mich dann vorsichtig hinzulenken zu den großen Helden des Saxophons und der Trompete, Miles Davis, John Coltrane, Charly Parker, Dizzy Gillespie, ja, und um dann irgendwann wieder bei Thelonious Monk zu landen, dem eigenwilligsten Pianisten der Jazzgeschichte.

So öffnete mich Onkel Karl dem Jazz. Ich hörte auf, mich für den Popkram zu begeistern, der nicht von echten Musikern, sondern von Programmierern am Synthesizer produziert wird, und streamte mir alles zusammen, was Spotify und YouTube an Jazz lieferten – Swing, Bebop, Fusion, Nujazz –, und Wikipedia lieferte mir leicht verdaulich den fachlichen Hintergrund dazu. Allerdings hatte das ganze den Nachteil, dass sich meine Freunde irgendwann weigerten, mit mir abzuhängen, wenn ich dabei ‚meine’ Musik laufen ließ. Aber damit konnte ich leben, auch dass seitdem der Ruch des Nerdigen, Elitären an mir hing. Was gar nicht so schlecht war für einen Jungen, der weder gut im Fußball noch im Mädelsanbaggern war.

Das ist also die Geschichte, warum ich jetzt beim Designen von Dormichs Webseite nicht altersgemäß Ed Sheeran, Bad Bunny, Harry Styles oder Taylor Swift höre, sondern die Musik eines Mannes, der schon vor über vierzig Jahren endgültig den Klavierdeckel zugeklappt hat.

Von Monks Stakkato-Pianospiel rhythmisch unterstützt sollte das Designen der Gartenlauben-Webpage jetzt ein Kinderspiel sein, zumindest unter IT-Aspekten: man nimmt eine alte Vorlage, tauscht Fotos und Text aus, ein bisschen Designerfirlefanz, ein paar Links zu irgendwelchen passenden anderen Seiten, und ab mit der brandneuen Webseite auf einen Server in Bulgarien!

Der Challenge ist, sich in die Mentalität des Zielpublikums hinein zu fühlen. Welche Headline spricht mich als überzeugten Schrebergärtner an? „Saufen im Grünen“ oder eher „Zucht in der Parzelle“? Was für Themen interessieren: „Der Gartenzwerg in der Literatur des späten Biedermeiers“, „Tod der Blattlaus“ oder „CO2-freies Grillen“?

Wie soll ich mich ernsthaft in die Geistesverfassung von Leuten hereinversetzen, deren größtes Glück darin besteht, ihren Rasen mit der Nagelschere zu trimmen? Vom Großen Vorsitzenden habe ich zum Glück das „Regelwerk Schrebergarten Blaue Lilie“ sowie einen Haufen digitalisierter Fotos von Vereinsfesten und anderen Events im Schrebergarten bekommen. Das reicht als Stoffsammlung.

Also zuerst der Header, ein fettes „Willkommen bei der Blauen Lilie“. Vielleicht zweimal blinkend? Dann gleich drunter das „Über uns“-Geschwafel (kopiert aus dem Regelwerk – gegründet kurz nach der Steinzeit, verpflichtet dem Erhalt der fest kochenden deutschen Salatkartoffel, treu zur Natur, treu zum Vaterland …). Dann ein paar bunte Fotos von Monsterkürbissen und anderen gärtnerischen Glanzleistungen, Schnappschüsse von lustigen Gartenfesten, und besonders wichtig: das grinsende Portrait des Vereinsvorsitzenden. Zu guter Letzt einen Link zur städtischen Kleingärtnerverordnung setzen, dann Anfahrtsbeschreibung, Impressum, fertig.

Halt, der Deutschlandbezug fehlt, die dezente, aber wirksame Abschreckung kulturfremder Elemente! Was stellt sich Dormich da wohl vor? Einen Link zu einer AfD-Seite, eine Tonspur mit der deutschen Nationalhymne? Ich kopiere einfach ein paar Deutschlandflaggen in ein Foto, das die Gartenparzellen im Überblick zeigt. Das sieht dann zwar stark nach Nürnberger Reichsparteitagsgelände in Erwartung der Führerparade aus, aber die Message ist sicher im Sinne von Dormich: hier ackern Deutsche.

Natürlich ärgert es mich doch. Also baue ich einen Klickzähler ein, bevor ich die Seite online stelle. Nach dem fünfzigsten Klick auf die Seite wird sich ein Permanentspruchband auf der Seite öffnen mit „Refugees welcome!“

Mission accomplished! Was mich dann zu einem kleinen, erholsamen Nickerchen berechtigt. Mehr arbeiten an einem Tag ist nicht gut, würde sich wie schnöde Lohnarbeit anfühlen. Und mit Burnout sollte man sowieso vorsichtig sein. Also zurück ins Bett, um die Kreativbatterien wieder aufzuladen.

Da fällt mein Blick auf die Leinwand, die dem Bett gegenüber an der Wand lehnt. Ich weiß, warum sie da steht, nämlich aus zwei Gründen: erstens verdeckt die Leinwand diesen Halbmeterpimmel, den ein Idiot während einer außer Kontrolle geratenen Party auf die Wand gemalt hat – auch noch mit dem flotten Vers „Deiner ist zehnmal kleiner“ -, und zweitens soll die weiße Leinwand mich daran erinnern, was ich eigentlich wirklich werden will: nämlich Maler, also jemand der statt kindische Webseiten zu programmieren mit Pinsel und Farbe etwas schafft, das es wert ist, an eine große weiße Wand gehängt und ehrfürchtig angebetet zu werden. Das ist mein Ehrgeiz, den wach zu halten diese leere Leinwand zur Aufgabe hat. Manchmal aber deprimiert mich diese weiße Leinwand nur.

Aber es besteht Hoffnung. Ich bin ja noch jung.

3

Ich bin schon eher ein Typ, der sich Gedanken macht, viele Gedanken. Um den Weltfrieden, die Spaltung in unserer Gesellschaft, Klima natürlich, den beklagenswerte Zustand unserer Fußballnationalmannschaft, Bierpreise, die Geistesverfassung von Putin beziehungsweise die seines amerikanischen Antipoden, und natürlich über cis- und trans-Erscheinungsformen menschlicher Geschlechtlichkeit. Worüber ich mir aber eher selten Gedanken mache, ist meine Garderobe. Ich ziehe gewöhnlich morgens das an, was zufällig vor meinem Bett liegt, und das ist mit hoher Wahrscheinlich auch das, was ich gestern anhatte. Und dieser Logik folgend auch vorgestern.

Argument pro: so erhöhe ich meinen Wiedererkennungswert.

Argument contra: irgendwann vermeiden es die Leute, in der S-Bahn neben mir zu sitzen.

Aber es gibt eine Ausnahme, ein Ort, an dem ich mir modemäßige Indifferenz und Nachlässigkeit verkneife. Das ist das Birdland, jener Ort, an dem ich die besten Chancen habe, meinen Bewusstseinszustand auf „glücklich“ zu kalibrieren. Im Birdland werde ich feiern, wenn ich endlich mal etwas zu feiern habe. Hierhin würde ich mich auch bei einer Zombie-Invasion zurückziehen, um entspannt dem Ende der Menschheit entgegen zu sehen, und dabei cool einen letzten trockenen Martini trinken und zum letzten Mal Summertime auf der gestopften Trompete hören.

Ins Birdland geht man nicht in un- und/oder ausgewaschenen Jeans und albernem Motto-T-Shirt. Nicht etwa wegen eines modesündenintoleranten Türstehers, sondern aus Respekt. Aus Respekt vor dem Geist des Ortes und vor den Geistern, die diesen Ort bevölkern, Geister, die Miles heißen, oder Thelonious, oder Cannonball, Sarah, Herbie, Ella, oder Charly.

Natürlich rede ich nicht von dem originalen Jazzclub in Soho; dieses Birdland gibt es seit Mitte der Sechziger nicht mehr. „Mein“ Birdland liegt im Frankfurter Osten, im vorderen Teil der Hanauer Landstraße, dort wo immer mehr moderne In-Locations aufmachen, Restaurants, Bars. Und eben das Birdland, weg von der Innenstadt mit den astronomischen Mieten, und noch weit genug weg von Offenbach (so viel Lokalpatriotismus muss sein).

In meinem Birdland kannst du den Spirit der amerikanischen Jazzclubs aus den Fünfzigern und Sechzigern fühlen, als der Jazz und seine Protagonisten hip waren und hot und doch gleichzeitig cool, als es dazu gehörte, dass sich die Musiker im Anzug und mit Schlips auf die Bühne stellten, um dann das heißeste Zeug zu spielen, dass je auf den Bühnen dieser Welt gespielt wurde.

Und deshalb zieht man sich auch angemessen an, wenn man, so wie ich heute Abend, vorhat, ins Birdland zu gehen.

O.K., die Anzahl meiner Boss-Anzüge bewegt sich asymptotisch auf die Nulllinie zu, und der Mangel an Hemden, die nicht in die Kategorien „Hawaii“ oder „Holzfäller“ fallen, ist eklatant. Immerhin besitze ich seit kurzem ein paar ganz passable Schuhe - rein formaljuristisch gesehen gehören sie allerdings noch meinem Nachbarn, bis das Gewohnheitsrecht irgendwann zum Tragen kommt.

Eine gute Faustregel ist: wenn du nichts besonders im Kleiderschrank hast, kleide dich schwarz! Ganz in schwarz siehst du auch dann hip aus, wenn deine Klamotten so billig sind, dass du das Label lieber herausgeschnitten hast. Trägst du schwarz, gehst du als intellektuell, existentialistisch oder als Werbefuzzi durch, was alles in Ordnung ist. Sonnenbrille dazu geht, ist aber leicht overdone. Zu viel Blues Brothers.

Ich trage heute schwarze Jeans, ein schwarzes T-Shirt, und ein - natürlich - schwarzes Leinensakko, erstanden für meinen ersten Tag an der Kasseler Kunsthochschule, seitdem in Ehren gehalten und geschont für alle wichtige Gelegenheiten des kommenden Jahrzehnts. Übrigens ein gutes Motiv, Gewicht zu halten, denn das Sakko ist Größe M, Slim Fit. Letzteres verpflichtet zu kalorischer Disziplin.

Ich finde, ich sehe gut aus, ein Frauentyp – irgendwie. Hoffe ich. Wir werden sehen, ob sich diese Einschätzung gleich im Birdland verifizieren lässt. Ich muss nur meine übertriebene Neigung zur Introversion zu Hause lassen.

Das Birdland ist eine Kellerbar in der Lindleystraße im Frankfurter Osten. Man steigt eine schlecht beleuchtete Treppe hinunter und steht dann vor einer Tür mit einem neonblauen „Birdland“- Logo. Durch dieses himmlische Portal trete ich gerade ein. Sehen tue ich nicht viel. Dafür höre ich sofort, dass ich am richtigen Ort bin: ein Trompetenstück, langsamer Blues, nur mit Bassbegleitung, Wynton Marsalis, der mal ein großer Jazzmusiker war, bis er beschloss, zu seinem eigenen Museum zu werden.

Blasses Schummerlicht kommt von den Lichterketten, die an den Wänden des Kellers die Silhouetten von Skyscrapern nachempfinden, und den dezent angestrahlten Schwarzweiß-Fotos von all den Stars, die früher im echten New Yorker Birdland aufgetreten sind, smarte, hip gekleidete Gestalten, Miles Davis, John Coltrane, Charlie Parker, ja, auch eine Frau, Billie Holiday – mit Frauenquote hatte man es in den Fünfzigern noch nicht.

Die Schmalseite des Kellerraums wird dominiert durch eine Bar, glänzend schwarz lackiertes Holz, verspiegelter Tresen, raumhohe Regale voll indirekt ausgeleuchteter Flaschen, davor zwei flinke Barmixer, Profis, keine studentischen Aushilfskellner wie sonst üblich in Frankfurt. Also ein Paradies für Cocktailliebhaber.

Auf der anderen Seite des Raumes wartet eine kleine Bühne auf den Auftritt der Hausband, die gewöhnlich um elf zu spielen anfängt. Ist eine kleine Combo, Gitarre, Schlagzeug, Bass, dazu gelegentlich Gastmusiker, Saxophon oder Trompete, die dem ganzen etwas mehr Klangfarbe verleihen. Für ein Klavier ist auf der kleinen Bühne leider kein Platz

Witterung aufnehmend schiebe ich mich Richtung Bar, im Mund schon den Geschmack eines trockenen Martinis erahnend. Der leere Barhocker ganz links sieht doch ganz geeignet aus, um meinem Hintern Stütze und Gesellschaft für die nächsten Stunden zu leisten. Aber da fällt mein Blick nach rechts, wo unter einem Foto von Lester Young ein paar Leute, die ich kenne, um einem kleinen runden Tisch sitzen. Als da wäre zum ersten Samson, obwohl ich bei ihm zweimal hinschauen muss, da er sein Haargestrüpp heute straff nach hinten gegelt hat. So geschniegelt sieht er fast hip aus – aber auch ein bisschen wie Zach Galifianakis, der den irren Alan in „Hangover“ gespielt hat.

Neben Samson sitzt Thomas Zirler alias Tom Z., ein Graphiker mit zweifelhaftem Ruf. Er hält sich für ein kreatives Genie, und alle anderen halten ihn für einen einen Loser. Sieht irgendwie smart aus, eloquent, aber arschig. Dann noch Heinz Holter alias Heinzi, macht irgendwas mit Lufthansa – kann aber keine billigen Flugtickets besorgen.

Die dreisten Drei drängen sich um zwei junge Frauen, die an sich ganz hübsch sind, voll aufgebitcht, mit Wetgel-Blondfrisuren wie Brittney Spears in ihrer besten Zeit - zur Veranschaulichung: denkt an „I'm A Slave 4 U“. Das Video zum Song hat damals einen Pubertätsschub bei mir ausgelöst.

Ich setze mich zu den Fünfen, nur flüchtig begrüßt von den drei Männern, die ich mal für meine Freunde hielt, die es aber nun nicht für nötig halten, mich den Chicks vorzustellen. Fürchten sie meine Konkurrenz? Könnte ich verstehen.

Alle drei legen sich gerade schwer ins Zeug, um die zwei blondierten Objekte ihrer Begierde zu beeindrucken. Samson kramt in seinem Witzevorrat und erntet müdes Lächeln, Tom plaudert über berufliche Glanztaten und der scheue Heinzi, naja, er versucht, nett auszusehen.

Ich bestelle ein Bier und versuche, trotz ihres Gequatsches etwas von der Musik mitzubekommen, Jazzgitarre, melodisch, wie George Benson. Oder Wes Montgomery. Ich bin jedenfalls mit meiner Außenseiterrolle ganz zufrieden. Bis Samson auf die Idee kommt, mich doch in das Gespräch einzubinden. Hofft er, dass er neben mir besser rüberkommt – nordische Männlichkeit schlägt italienisches Halbhemd?

„Das ist übrigens Joe“, stellt er mich vor. Womit schon alles über mich gesagt zu sein scheint, weil er sich jetzt wieder intensiv Brittney Nummer 1 zuwendet – o je, die Musik ist ja so laut, dass er seine Lippen ganz nah an ihr Ohr bringen muss. Alte Tour, ganz alt.

Tom scheint die zweite Chika mit seiner Angeberei so zu nerven, dass sie sich plötzlich zu mir wendet und wissen möchte, was ich „so mache“. Ich hasse diese Frage.

„Ich trinke ein Bier und höre Musik“, gebe ich wahrheitsgemäß zur Kenntnis. Diese „was machst du so“-Frage bringt mich immer dazu, sarkastisch zu werden.

„Nein, ich meine, was machst du so generell?“

Sie lässt nicht locker.

„Also ganz generell? Ich lebe, bis ich sterbe; was dann kommt, entzieht sich meiner Kenntnis.“

„Und beruflich?“

„So wenig wie möglich, so viel wie nötig.“

„Geht es auch konkreter?“

„Ja“.

„Und?“

„Was?“

Sie gibt auf und wendet sich notgedrungen wieder Tom, dem schleimigen Graphiker, zu. War unhöflich von mir, I know, aber ich habe einfach keine Lust auf Konversation.

Da ich hier am Anmachertisch nicht wirklich gebraucht werde, verdrücke ich mich lieber Richtung Bar mit der Ausrede, Getränke zu organisieren. Was aber auch keinen so richtig interessiert.

Auf dem Weg zur Bar laufe ich in einen anderen Bekannten, Frank Faber, ausnahmsweise mal jemand, über dessen Anwesenheit ich mich freue. Ich kenne Frank vom Studium, nur dass er es im Gegensatz zu mir erfolgreich abgeschlossen hat. Wir umarmen uns.

„Alleine hier?“, frage ich Frank, „aber sicher nicht lange, wie ich dich kenne.“

Frank sieht gut aus, und ungerechterweise hat er auch noch das Talent, sich so anzuziehen, als wäre er gerade auf dem Weg zu einer Mailänder Modenschau.

„Siehst du da vorne an der Bar diesen Typen mit der blonden Lockenmähne?“

Er zeigt auf einen schlanken Jüngling in Skinny Jeans und cooler Lederjacke, der strahlend zu uns herüberwinkt.

„Das ist mein neuer Freund. Er weiß es nur noch nicht.“

„Na, dann wünsche ich dir viel Erfolg. Aber ich bin sicher, dass du das hinbekommst. Übrigens bin ich wirklich froh, dass du schwul bist.“

„Weil ich dir beim Coming-out behilflich sein soll?“

„Nein. Weil du sonst eine unbesiegbare Konkurrenz für mich unscheinbaren Hetero wärst. Und zu deinem freundlichen Angebot: sollte ich mich mal zum Ausleben meiner zweifellos vorhanden Bi-Neigung entschließen, rufe ich dich sofort an.“

„Es wäre mir eine Freude, dir die Freuden edler Männerliebe näherzubringen. Ruf an, wenn du endlich vernünftig wirst. Aber jetzt musst du dich verziehen; mein Blondlöckchen kommt gerade zurück.“

Bevor Skinny mit zwei Cocktailgläsern in der Hand an unserem Tisch ankommen und sich dort über die mögliche Konkurrenz in Form einen braungelockten Halbitalieners wundern kann, verziehe ich mich Richtung Bar. Da es noch früh am Abend ist, gibt es genug freie Plätze am Tresen. Ich ordere einen Martinicocktail und versuche dabei auszusehen wie James Bond (natürlich in der Daniel-Craig-Version), wie er zum ersten Mal einen Wodka-Martini bestellt (ich bevorzuge allerdings die Gin-Martini-Variante). Der gelieferte Martinicocktail ist eiskalt und stark, und die beiden Oliven darin sättigen etwas – meine Version der mediterranen Küche. Und um mein Glück voll zu machen, stellt der Barkeeper noch ein Schälchen gesalzene Erdnüsse neben mein Glas, die wohl im gesalzenen Martinipreis mit enthalten sind. Aus den versteckten Musikboxen läuft ‚Seven Steps To Heaven’ – passt alles!

Ich nippe ganz zart an meinem Martini, denn der soll noch eine Weile halten. Es ist zwar ein Verbrechen, einen Martinicocktail warm werden zu lassen, aber die Preise hier sind, naja, wie eben die Preise überall in den Frankfurter Bars: akzeptabel für Investmentbanker, verschmerzbar für leitende Angestellte deutscher Mittelstandsunternehmen und existenzgefährdend für Leute wie mich.