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Der Doktor Ludwig Melzer, ein junger Neurologe am Münchner Max Planck-Institut, wurde in einer traumatischen Szene von Amrei, seiner wunderbaren Geliebten verlassen, als er sich weigerte, mit ihr nach Binabichl, ihr Heimatdorf, zu ziehen und dort zu leben. Seit vier Jahren ist Amrei in ihrem Dorf verschwunden und Melzer kommt über ihren Verlust nicht hinweg, wagt aber auch nicht, ihr rigoroses Kontaktverbot zu durchbrechen. In die verfahrene Situation platzt der Auftrag von Melzers Chef, Professor Buhlmann, der einen rätselhaften Drogenexzess von einer Gruppe Jugendlicher untersucht haben will. Melzer hört, dass sich der Vorfall unmittelbar vor Amreis Dorf abgespielt hat, und nimmt die Mission, die er wissenschaftlich für Unfug hält, als Chance, auf unverfängliche Weise wieder in Amreis Nähe zu kommen.
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Seitenzahl: 300
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Markus Fenner
BERG & TAL Verlag
Für die Liebe gibt es wohl keine schlechtere Voraussetzung, als wenn zwei Menschen ein Traumpaar abgeben. Liebe lebt von Widerständen, sie geht entweder auf die Knochen oder endet im Nichts.
Für solche Bedenken waren Melzer und Amrei allerdings viel zu überwältigt von ihrem Glück. Traumpaar hat eben was Fulminantes, solange es dauert. Bei den beiden dauerte es ganze vier Monate, bis es überhaupt zu ihrem ersten Streit kam. Das ist doch ziemlich lange. Allerdings erwies sich dieser Streit als ihr letzter, danach war es aus und Schluss mit dem Traumpaar. Das ist doch ziemlich kurz.
Bei dem Streit ging es um ihre gemeinsame Zukunft. Eigentlich kein abseitiges Thema für Verliebte, doch sie hatten es bisher kaum gestreift. Melzer vermied das, weil genau in dieser Richtung für ihn die einzigen kleinen Irritationen lagen: Amrei war ihm viel zu fixiert auf ihr Heimatdorf, alle naselang fuhr sie von München nach Hause. Und dann ihre Berufspläne: Amrei hatte nach ihrer Lehrerausbildung noch ein Psychologiestudium drangehängt. Trotzdem gab es für sie nur ein Berufsziel, sie wollte die Nachfolgerin ihrer alten Lehrerin an der Binabichler Volksschule werden. In Melzers Augen war beides etwas unreif und verbesserungswürdig. Doch das hatte noch Zeit, fand er.
Doch wie das im Leben so ist, kam gerade aus dieser Ecke das Unheil. Es ereilte Melzer an jenem Schwarzen Samstag (er sollte ihm noch Jahre später die Samstage leise unbehaglich machen), als Amrei Melzer mitteilte, dass ihr wunderbares neues Leben zu zweit schon wieder zu Ende war.
So wenigstens kam es bei Melzer an. Amrei drückte das natürlich anders aus. Sie erzählte eine umständliche Geschichte von ihrem Einspringen für jene alte Lehrerin, die plötzlich sehr krank geworden, von deren Stelle, die sie beantragen müsse, ihrer Versetzung nach Binabichl, Studium egal, Wegzug aus München... Und als er fragte, wie das dann mit ihm werden würde, flüsterte sie, so richtig leuchtend und mit Timbre:
»Bitte, komm mit mir!«
Seine Abwehr war heftig und natürlich auch spürbar. Amrei führte zwar noch aus, wie sie sich ihr Leben zu zweit in Binabichl vorstellte. Doch Melzer kriegte das nur durch die feurigen Schleier einer Empörung mit, die immer stärker wurde.
Er hielt die Wut unterm Deckel, bis Amrei von der Praxis ihres »Babb« sprach, die er später einmal übernehmen könnte. Diese geradezu unglaubliche Missachtung seines beruflichen Ehrgeizes ließ den Deckel bei ihm fliegen und er schrie: »Bist du verrückt? Ich und Landarzt!«
»Warum Landarzt? Der Babb ist Therapeut und Psychiater wie du!«
»Scheiß drauf!«, brüllte er, »ich komme vom Land und es kotzt mich an. Ich kann Kleinstädte nicht ausstehen. Und wenn ich an dein Kuhdorf nur denke, kriege ich die Krätze!«
Sie taumelte zurück, als hätte er sie geschlagen. Dann schrie auch sie: »Und ich halte dein München nicht mehr aus, verstehst du!«
Große Tränen liefen über ihre Wangen. Er hatte sie noch nie weinen sehen und erschrak. Abschwellend murrte er: »Jetzt auf einmal! Du lebst doch schon die ganze Zeit hier.«
»Aber du weißt nicht, wie es mich belastet! Ich könnte das Leben hier gar nicht ertragen, ohne meine Mittel!«
Er fragte verblüfft, was denn ihr Schilddrüsenpräparat damit zu tun hätte.
»Alles!«, schrie sie, »du hast ja keine Ahnung, du weißt doch überhaupt nichts.«
Sie hatte buchstäblich die Hände gerungen. Daran konnte er sich später noch genau erinnern. Aber was sie dann gesagt hatte, das war weg. Hier kam ein Loch, wie herausgeschnitten aus seinem Gedächtnis. Als Nächstes wusste er erst wieder, dass sie ins Bad gestürzt war.
Von Melzers Wut war nur mehr dröhnende Leere übrig gewesen. Als Amrei aus dem Bad zurückkam, war sie blass, beherrscht und ungeheuer entfernt. Sie behandelte ihn wie einen Fremden, auch als er sie mit gebrochener Stimme um Entschuldigung bat für alles, was er gesagt hatte. Sie nickte und murmelte, er solle auch vergessen, was sie selbst gesagt hätte.
Genau in diesem Moment hatte er sie noch einmal empfunden, diese unglaubliche Verbindung zwischen ihnen, sein eigenes Weitwerden und die leuchtende Öffnung zu ihr hin. Plötzlich war der Zustand wieder da, der ihn in den letzten Monaten zu einem anderen Menschen gemacht und den er während des ganzen furchtbaren Streites vermisst hatte. Melzer nannte ihn bei sich den Amrei-Modus. Ganz erlöst empfand er ihn jetzt wieder, als sie ihn dringlich ansah und mit einem seltsamen Nachdruck wiederholte:
»Im Ernst, bitte vergiss es!«
»Schon vergessen!«, versprach er und ging erleichtert auf sie zu.
Doch sie winkte ab und sofort wälzte sich wieder die furchtbare Distanz zwischen sie. Ab da war Melzer gelähmt, wie in einem der Alpträume, wo man unbedingt schreien müsste, aber man bleibt stumm. Ohnmächtig hatte er zugeschaut, wie sie ging, wie sie tatsächlich die Treppe hinunterging, ohne einen Blick zurück.
Am nächsten Tag war Amrei weg, aus München geflohen. Sie hatte ihr WG-Zimmer notdürftig ausgeräumt, ihr Handy ihrer Mitbewohnerin geschenkt, sie war in ihrem Dorf verschwunden und dort endgültig nicht mehr erreichbar.
Große Frage: War das, was Melzer Amrei angetan hatte, dafür als Grund ausreichend? Natürlich war seine Reaktion das Letzte gewesen, aber reichte das für die Höchststrafe?
Auf diese Frage fand Melzer auch nach Jahren keine Antwort. Wahrscheinlich lag die Antwort im schwarzen Loch seiner Erinnerung verborgen, an der Stelle, als Amrei gesagt hatte, warum sie das Leben in München nicht mehr aushielt.
Melzer zermarterte sich das Hirn, er sprach mit seinem Analytiker darüber, er probierte es sogar mit Hypnose. Aber er hatte Amrei versprochen, es zu vergessen, und es blieb vergessen. Völlig kindisch, aber es funktionierte.
Das war quälend. Doch lange nicht so schlimm, wie ohne Amrei leben zu müssen. Dagegen hatte die kleine Qual mit dem Loch fast was Ermutigendes. Es war doch ein Hinweis darauf, dass sie eben kein makelloses Traumpaar gewesen waren, sondern nur zwei Leute, die gewollt, aber nicht gekonnt hatten. Ein Paar mit einem Problem.
Ein Problem, darin steckt doch auch ein wenig Hoffnung, oder nicht? Ein Problem kann doch noch einmal gelöst werden, irgendwann.
Vier Jahre nach dem Schwarzen Samstag, an einem ziemlich grauen Donnerstag saß Melzer in seinem handtuchgroßen Büro im vierten Stock des Max-Planck-Instituts und starrte in den Regen hinaus, der den vielgerühmten Münchner Sommer Lügen strafte. Es war Nachmittag geworden, das Grau des Himmels vertiefte sich immer mehr zum Dunkelgrau des Bildschirmschoners auf Melzers Monitor. Nicht, dass ihm das aufgefallen wäre, da Melzer ausschließlich mit seinen inwendigen Grautönen befasst war.
Das Klingeln des Hausapparates riss ihn aus seinem Brüten. Bevor Melzer sich melden konnte, dröhnte es schon aus dem Hörer: »Melzerich?«
Er hielt den Hörer routiniert vom Ohr ab. Das tragende Organ seines Chefs konnte Hörsäle auch ohne Mikro dominieren und war nichts für den Nahkontakt.
»Hätten Sie mal Zeit für mich?«
Natürlich hatte Melzer. Der fast schüchterne Ton der Anfrage war nicht wörtlich zu nehmen, nur eine der zahlreichen Marotten von Professor Dr. Dr. Bodo Buhlmann. Tatsächlich konnte sein Chef schon bei kurzen Verzögerungen ziemlich giftig werden.
Doch das war nicht der Grund, warum sein Assistent sofort aufsprang und fast fluchtartig sein Büro verließ. Der Dr. med. Ludwig Melzer, frisch-gebackener Facharzt der Psychiatrie, seit zwei Monaten freigestellt, um in Ruhe an seiner Habilitation schreiben zu können, war ganz ordinär froh über jede Störung, die ihn von ebendieser Arbeit abhielt.
Im Lift vermied Melzer gewohnheitsmäßig den Anblick des mageren, tief brünetten Typen, den die Spiegelwände um ihn herum vervielfältigten. Mit Jeans, T-Shirt und Sneakers trug dieser zwar die Uniform des jungen Mannes. Doch seine vorzeitig prägnanten Gesichtszüge und eine müde Verschattung um die braunen Augen ließen ihn älter als seine 33 Jahre wirken.
Melzer sah geflissentlich an sich selbst vorbei und überlegte, ob seinem Chef vielleicht auch Zweifel an dem Projekt gekommen wären... reines Wunschdenken, gestand er sich ein. Nach außen hin lief alles bestens. In den letzten zwei Jahren hatte Melzer, neben seinem praktischen Klinikdienst, mit verschiedenen Probandengruppen tatsächlich erstklassige Arbeit geleistet, die ihm immer wieder auch Freude machte. Er hatte ein umfangreiches Material generiert, das sowohl anamnestisch wie auch technisch mit dem Einsatz modernster Bildgebungsverfahren den höchsten Ansprüchen genügte. Die Evidenzen fielen dagegen eher bescheiden aus. Doch das war in den Augen seines Habil-Vaters nicht ungewöhnlich bei dem ausgefallenen Pionier-Thema des Projekts. Der Professor fand, dass sein Protégé ein »Wahnsinnsmaterial« erarbeitet hätte.
Wenn Melzer mit dessen theoretischer Auswertung solche Probleme hatte, lag das ausschließlich an ihm selbst. Die Aussicht, sich nun für ein ganzes Jahr in eine nur mehr akademisch relevante Fleißarbeit vergraben zu müssen, gab ihm das durchdringende Gefühl von Sackgasse. Es war eine privilegierte, höchst komfortable Sackgasse, an deren Ende immerhin die Habilitation auf ihn wartete. Die ominöse Habilitation … anfangs noch das Tor zur ersehnten wissenschaftlichen Karriere, inzwischen für ihn nur mehr als der zwangsläufige Abschluss einer Perspektive, in der er sich immer mehr am falschen Platz fühlte …
Das waren die ketzerischen Gedanken, die Melzer entschlossen zurückdrängte, als er im ersten Stock ausstieg.
Der Vorraum der Sekretärin war verwaist, die Tür zum Chefzimmer stand offen. Von dort dröhnte das Organ des Professors herüber: »Na endlich, Melzer! Rin mit Ihnen!«
In dem großen Eckzimmer geriet Melzer erstmal in den unvermeidlichen »Chef-Wirbel«, wie er das nannte. Diesmal bestand der Wirbel darin, dass Melzer zunächst mit Bienchen, der steinern blickenden Sekretärin, die neue Designer-Liege im Zimmer hin und her tragen musste, bis der richtige Ort gefunden war. Das geschah nach den dröhnenden Anweisungen des Chefs, die dieser zwanglos in das Telefongespräch einstreute, das er gerade führte. Dabei happelte der vierschrötige Endfünfziger, der nicht fett, nur bis in die Würstelfinger gutgepolstert war, im Raum herum, rückte ein Bild zurecht, warf sich in seinen Chefsessel, zog Schubladen auf und zu, sprang wie ein Gummiball wieder hoch, während sein gut vorn sitzendes Schauspielerorgan die Szene beherrschte.
Endlich war das Telefonat beendet und Bienchen mit der Drohung »bin für niemanden erreichbar« ins Vorzimmer gescheucht. Melzer saß in einem Sessel neben der Liege, die unter dem Fenster zu stehen gekommen war. Für einen Moment wurde es sehr still.
Der Professor stand vor ihm und musterte ihn nickend. Der rostrote Knebelbart, den sich Buhlmann als dämonisches Attribut hielt, zuckte verheißungsvoll und biss sich wieder einmal mit seinem rosigen Teint.
»Melzerich, ich hab was für Sie. Sie werden staunen«, platzte er heraus und schoss zu seinem Schreibtisch. Er kam mit einem Blatt zurück, das er mit spitzen Fingern auf den Couchtisch vor Melzer legte. Es war die Kopie eines Zeitungsartikels.
»Nu, lesen Sie mal, Melzer. Stammt aus nem Käseblatt in der tiefsten Provinz.«
Er ließ sich auf die Liege fallen, die er angeschafft hatte, um »auch mal bissken Ruhe zu machen, also wirklich!«, wie er vorher erläutert hatte.
»Lesen Sie! Lassen Sie sich Zeit!«
Der Professor verschränkte musterhaft entspannt seine Hände hinter dem Kopf und schloss die Augen. Melzer las:
Ende eines Stadlfestes
Piening. Eine Party wollte eine Gruppe von Mädchen und Jungen gestern in einem Stadl am Mahdegg feiern. Durch exzessiven Alkoholgenuss der Beteiligten geriet das Fest so außer Kontrolle, dass die Polizei alarmiert werden musste. Die Rettung lieferte mehrere fast bewusstlose Halbwüchsige ins Krankenhaus ein, darunter auch zwei Verletzte, die sich bei »Mutproben« im Suff Knochenbrüche zugezogen hatten. Feiern, bis die Rettung kommt?? – pern
»Na, ist das was?«
Melzer schielte vorsichtig über das Blatt zu seinem Chef hinüber. Der hatte sich längst wieder aufgesetzt und starrte ihn saugend an.
»Ein echter Knaller, Melzer!«
Der Verdacht stieg auf, dass Buhlmann, der sich gerne als »alten Scherzkeks« bezeichnete, wieder mal nur in launiger Stimmung war. Vorsichtig murmelte Melzer:
»Ein paar Jugendliche, die sich zugesoffen haben?«
»Mönsch, ist doch nur das, was hier steht. Sie müssen zwischen den Zeilen lesen, Melzerich!«
Das war Buhlmanns Lieblingsumschreibung dafür, dass er etwas wusste, wovon sein Gegenüber keine Ahnung hatte. Melzer seufzte.
»Okay, Chef. Sie haben noch andere Informationen.«
Der Professor lachte wie gekitzelt. »Genau, noch die eine oder andere klitzekleine Info«, verkündete er strahlend. »Lauter Details, die der Skribifax von diesem Käseblatt unterschlagen hat. Oder die er wirklich nicht kennt!«
»Zum Beispiel?«
»Zum Beispiel war es keine Party. Es gab schon einmal keinen Alkohol. Nicht mal ne klitzekleine Bierdose. Nur neun nackte, in den Orbit geschossene Jugendliche mit totalem Filmriss!«
»Das klingt nach einer K.O.-Droge.«
»Haha! Und die Knochenbrüche? Die klingen danach, dass zwei von ihnen gesprungen sind!«
»Wahnvorstellungen? Irgendwelche Halluzinogene?«
»Aber hallu-hallo, Melzerich! Vielleicht ne LSD-Abart. Oder dieses neue 2C-E? Oder gar nichts Synthetisches! Was Pflanzliches wie Meskalin, vielleicht sogar etwas, das wir noch gar nicht kennen. Jedenfalls, fulminante Wirkung.«
»Und woher wissen Sie diese Details, von denen der Journalist vor Ort überhaupt keine Ahnung hat?«
Der Professor wedelte fröhlich mit den Händen.
»Och Melzer, lassen Sie mir doch meine schmutzigen kleinen Geheimnisse! Fragen Sie mich was anderes. Zum Beispiel, wann soll ich fahren?«
»Warum soll ich das fragen?«
»Die Antwort wäre übrigens: morgen früh«, sagte Buhlmann mit Verschwörermiene. Melzer riss es. Der Chef meinte es tatsächlich ernst!
»Wie bitte?«, entfuhr es ihm, »ich bin doch kein Drogenfahnder!«
»Haha«, krähte Buhlmann, als ob er auf diesen Einwand gewartet hätte, »warum so pingelig, Doktor? Forschung oder Fahndung, bei einem Projekt wie dem unseren verschwimmt das manchmal. Sie jammern doch die ganze Zeit über fehlende Evidenzen. Hat sich da was geändert?«
»Nein, woher denn?«
»Kein Wunder bei all den durchmedikamentierten Therapie-Zombies! Ich sage, jetzt aber mal raus aus der klinischen Retorte! Raus ins offene Leben, Melzer, und mit Gebrüll auf diesen entzückenden Fall! Was machen Sie schon wieder fürn Gesicht?«
»Ich musste bloß an mein Thema denken«, sagte Melzer in einem Ton, der ziemlich süffisant klang. »Mal angenommen, drogeninduzierte Psychosen würden gruppenweise auftreten. Wie soll ich dann ihre neurobiologischen Korrelate aufspüren? Meinen Sie, dass es in dem Kaff einen Photonen-Tomographen gibt? Und dass ich die Gruppe dazu kriege –«
»Möönsch, Melzer, nu sind Sie mal nicht so verkrampft«, unterbrach der Professor schmollend. »Klammern Sie sich nicht an Ihr Thema, fahren Sie einfach mal hin!«
»Einfach so?«
»Na klar! Riskieren Sie mal was! Ist doch spannend. Gemütliche Kleinstadt, ohne Milieu, ohne Junkies, lauter taufrische Ersteinsteiger, die sich irgendwas Ausgefallenes reingepfiffen haben«, sang der Professor und beschrieb mit seinen Polsterhänden geradezu levantinische Gesten.
Melzer sah in das Gesicht vor ihm, mit dem rosigen Baby-Teint und dem absurden Knebelbärtchen. Schweinchen Schlau als Mephisto, dachte er hilflos und fühlte die Wände der Sackgasse näherkommen. Es spielte keine Rolle, dass dieser hochdekorierte wissenschaftliche Hütchenspieler blanken Unsinn redete. Er war der Ordinarius, er war sein Chef, er hatte ein aufwändiges Projekt für ihn auf die Beine gestellt und zuletzt noch seine Freistellung aus der Klinik bei voller Bezahlung durchgedrückt. Wenn der auf die Idee kam, dass er drogeninduzierte Psychosen bei einer Gruppe deutscher Schäferhunde untersuchen sollte, dann würde Melzer das tun. Und würde dabei – und das war das eigentliche Elend – wohl noch heimlich froh sein, dass ihn das von seiner »Fleißarbeit« abhielt...
Die Sackgasse schloss sich nun ganz um ihn, sie wurde zum Sack, in dem Melzer steckte. Ganz kurz zuckte eine Vision auf, wie Melzer sich mit einem Schlag daraus befreien könnte: jetzt einfach sich vorbeugen und bei dem in die Jahre gekommenen Enfant terrible der Neurobiologie Hand anlegen! Mit einen kräftigen Riss nachprüfen, ob dieses Bärtchen wirklich echt war!
Doch derlei drang bei Melzer nie durch bis zur Handlungsebene. »Unser Melancholicus Melzer gehört zur Gattung der Krebse. Ganz feine Tentakel nach außen, ganz dicker Panzer nach innen«, hatte sein manchmal auch unangenehm scharfsichtiger Chef das einmal formuliert.
Dementsprechend lehnte sich Melzer noch etwas weiter im Sessel zurück und murmelte:
»Naja… wo liegt denn dieses Kaff?«
Der Professor strahlte und ruderte zum Schreibtisch zurück.
»Momentchen. Hat Papa schon alles gecheckt!«
Er kam mit seinem Laptop zurück und reichte ihn Melzer. Auf dem Bildschirm war eine Landkarte des Münchener Südens bis zum Alpenrand. Er erläuterte, von der Seite über Melzer gebeugt.
»Sehn Sie, Autobahn von München … da gehts weg, nochmal fünfzig Kilometer Landstraße und da isses.«
Sein Finger tippte auf einen gefüllten Kreis. Melzer vergrößerte den Ausschnitt, der Kreis verwandelte sich einen unregelmäßigen Flecken. Melzer las »Piening«. Sein Herz einen Schlag aus. Der Name des Kaffs war ihm bekannt!
Nah bei dem Flecken war noch ein kleiner hohler Kreis erschienen. Melzer entzifferte die Beschriftung: »Binabichl«. Zum ersten Mal sah er den Namen gedruckt. Und erkannte, dass er ihn auch noch falsch geschrieben hatte, damals, bei seinem letzten, verzweifelten Brief an Amrei. »Binabich-el« hatte er in die Adresse geschrieben. Auf dem Bildschirm stand aber »Binabich-l«…
Nicht, dass Melzer das noch gesehen hätte, so wie es ihm vor den Augen flimmerte. Es war eine Sehstörung, die sein hämmerndes Herz verursachte. In seinen Ohren rauschte es. Aus weiter Entfernung hörte er den Professor dröhnen:
»Also, ganz zentral am Arsch der Welt. Ist doch romantisch oder?… Nu hörn Sie bloß auf zu bocken! Ein interessanter Fall, ergebnisoffen, in lauschiger Gegend und alles auf Spesen, ist doch fast Urlaub, Sie Miesepeter!«
Melzer hatte inzwischen seinen Atem reguliert und zwang sich zu einem Lächeln.
»So gesehen«, krächzte er und räusperte sich hastig. »Es ist aber totales Neuland für mich, Chef. Wenn Sie sich nicht zuviel davon versprechen…«
»Hörn Sie auf, Melzer. Klar ist das n Experiment! Sie fahren hin, hören sich um, horchen die Jugendlichen aus und ich zieh keine Schnute, wenn nichts rumkommt dabei. Aber glaub ich nicht. Irgendwas ist seltsam an der Sache, das hab ich im Urin«.
Melzer hatte sich soweit wieder erholt, dass er fragen konnte: »Kommuniziert Ihr Urin vielleicht mit Ihren ominösen Quellen, Chef?«
»Nu werden Sie nicht ordinär, Melzerich. Nee, nee, meine Quellen, da schweigen wir man lieber von.«
In dieser Nacht träumte Melzer, dass er durch enge Kleinstadtstraßen lief, die schattenhaft und undeutlich blieben. Er wusste aber, dass es die Gassen von Piening waren. Er kam zu einer Art Marktplatz, verschwommen wie alles andere, und sah plötzlich Amrei, die in einiger Entfernung davonging. Er rief, wollte hinterher und merkte, dass er nicht vom Fleck kam. Verzweifelt sah er sie verschwinden. Plötzlich sagte eine Stimme: »Was machst du hier, Ludwig?«. Amrei stand hinter ihm und musterte ihn streng. Melzer wollte es erklären, bekam aber kein Wort heraus. Amreis Gesicht verhärtete sich.
»Ludwig, du wolltest nicht. Jetzt ist es zu spät. Du hast nicht gewollt.«
»Amrei!«
Melzer erwachte von seinem Schrei und setzte sich im Bett auf. In der Dunkelheit leuchteten die Zahlen seines Radioweckers: 3 Uhr 20. Seine Pyjamajacke war durchgeschwitzt wie jedes Mal, wenn er von Amrei träumte. Es war immer der gleiche Traum, in wechselnder Umgebung: Amrei lief ihm irgendwo in München über den Weg und sagte ihm jedes Mal mit den gleichen Worten, dass er das Beste, was ihm jemals passiert war, für immer verloren hatte. Durch seine eigene Schuld. Weil er damals, vor vier Jahren, »nicht gewollt« hatte…
Melzer zog fröstelnd die nasse Jacke aus und ging ins Bad. Erfahrungsgemäß war es nach diesem Traum vorbei mit Schlafen. Im Bademantel tappte er in den dunklen Flur und erschrak vor dem schemenhaften Fremden, der ihm dort entgegegenkam. Es dauerte einen Moment, bis er ihn im Wandspiegel an den nackten Füßen erkannte. Derlei passierte in dem Gefühl von Unwirklichkeit, das zurückblieb, wenn er von Amrei geträumt hatte. Früher hätte Melzer sich angezogen und dieses Gefühl mit einem strammen Spaziergang durch die nächtliche Stadt vertrieben. Oder er hätte sich mit einem Kaffee an den Schreibtisch gesetzt und gearbeitet, bis es Zeit war, in die Klinik zu fahren.
Doch seit zwei Monaten war das vorbei, keine Patienten warteten mehr auf ihn. Man war mittlerweile freier Wissenschaftler, man konnte sie sich frei einteilen, die hochambitionierte Arbeit, bei der einem das Gesicht einschlief. Man konnte auch jederzeit die Stadt verlassen, um in der Provinz absurde Untersuchungen für seinen Chef durchzuführen...
Melzer drängte das weg. Diesmal wollte er gar nicht loskommen von dem Traum. Irgendetwas darin war anders als sonst gewesen. Er holte sich ein Bier, ging, an der Flasche nuckelnd, ins Wohnzimmer hinüber und spürte dem nach. Ganz einfach, es war der Ortswechsel! Der Traum hatte nicht in München gespielt. Gewissermaßen ausdrücklich spielte der Traum in Piening, ein ihm überaus unbekannter Ort, den er erst kennenlernen würde, falls er am Morgen wirklich dorthin fuhr. Und was hieß das? Zum ersten Mal enthielt der erstarrte Traumablauf ein Element, das nach vorne wies. Ein Hauch von Zukunft, und das war irgendwie aufregend.
Melzer, seit längerem Nichtraucher, hatte plötzlich Lust zu rauchen. Er kramte in der untersten Schublade seines Schreibtisches und fand die Zigarettenpackung, halbvoll mit eingeschobenem Feuerzeug. Katja hatte sie liegengelassen nach ihrem letzten dramatischen Auftritt, zu dem Melzer wenig mehr beigetragen hatte als halbherzige Versuche, es ihr »leicht zu machen«. Das wurde natürlich als zusätzliche Kränkung empfunden. Schluchzend war Katja aus Melzers Wohnung und Leben gerauscht... Eine peinliche Erinnerung, von der sich Melzer ablenkte, indem er sich eine ansteckte.
Die erste Zigarette nach zwei Jahren hatte was Fulminantes. Melzer zog den Rauch ein und dachte daran, wie Herr Fehling ihm wegen Katja die Leviten gelesen hatte. Sein alter Lehranalytiker, der Melzer gelegentlich noch supervidierte, war regelrecht verärgert gewesen über diesen erneuten Misserfolg in Melzers Liebesleben. Seine diversen Beziehungen in den Jahren nach Amrei waren alle an derselben Widersprüchlichkeit gescheitert. Sein beachtliches Einfühlungsvermögen in die jeweilige Geliebte führte schnell zu einer Intimität, in der dann umso deutlicher etwas anderes zu Tage trat: Melzers tiefinnere Unbeteiligtheit. Melzer erklärte sie damit, dass der Verlust Amreis einen emotionellen Schlaganfall bei ihm verursacht hätte. Seitdem lebe er im Zustand einer »seelischen Hemiparese« – womit er den volkstümlichen Ausdruck »halber Mensch« vermied …
Für Fehling waren das geschraubte Überhöhungen: diese Studentenliebe hätte Melzer lieben gelehrt, das sei doch wunderbar! Sei Melzer nun endlich bereit, diesen entscheidenden Entwicklungsschritt auf neue Beziehungen anzuwenden? Oder wollte er ihn wieder zunichte machen, indem er sich weiter auf auf die mystifizierte Einzigartigkeit dieser einen Person versteifte, die nun mal nichts mehr von ihm wissen wollte?... Das war laut Fehling die einzig relevante Frage. Melzer hatte dem nichts entgegenzusetzen, außer, dass es ihm eben nicht möglich war.
In seiner Analyse davor hatten sie die Spaltung in ihm ausführlich ergründet, die durch seine Kindheit als frühreifer Sohn einer alleinerziehenden Mutter mit autistischen Zügen entstanden war. Von früh auf hatte Melzer sich sehr gut in andere einfühlen können und war selbst sehr verschlossen gewesen. Darin waren sie sich einig. Nur konnte Melzer Fehling nie wirklich begreiflich machen, wie sich mit Amrei diese Spaltung in ihm einfach aufgelöst hatte. Sodass er mit ihr zusammen erscheinen konnte, in einer noch nie dagewesenen Vollständigkeit, und mit Seiten, die ihm selbst unbekannt gewesen waren. Mit einem Wort, es gelang Melzer nie, die Einzigartigkeit des Modus zu erklären, in den Amrei ihn versetzt hatte, als ob sie ein Licht in ihm anknipsen würde.
So drang er bei Fehling nicht durch damit, dass Amrei mehr gewesen war als bloß die Frau, die ihn lieben gelehrt hatte. - Bloß? Lieben ist nie bloß, Herr Melzer! Was muss es denn sonst noch sein bei Ihnen? – Melzer schwieg. Er akzeptierte, dass Fehling dann nichts mehr von seinen stereotypen Amrei-Träumen hören wollte. Er nickte schwermütig, wenn Fehling forderte, endlich den Abschiedsbrief von Amrei zu verbrennen, diese absolut lähmende Reliquie...
Melzer hatte die Zigarette in der Metallschale ausgedrückt, die auch Katja als Aschenbecher gedient hatte. Er trank sein Bier aus, spielte mit dem Gedanken an eine zweite Flasche. Doch blieb er sitzen und überraschte sich damit, dass er noch eine Zigarette ansteckte. Sie schmeckte sogar noch besser als die erste. Beflügelt tauchte Melzer zu der offenen Schublade hinab und förderte unter dem Krimskrams den Brief zutage, der dort zuunterst lag: die einzige Antwort, die er jemals von Amrei bekommen hatte.
Die wütenden, Erklärung fordernden Mails, die er ihr anfangs geschrieben hatte, waren unbeantwortet geblieben, bis dann ihr Account nicht mehr existierte. Schon ziemlich weichgekocht, hatte er ihr einen sehnsüchtigen und verzweifelten Brief geschrieben, notdürftig an die »Grundschule Binabich-el« adressiert; keine Antwort. Er schrieb noch einen, in dem er ankündigte, nach Binabichl zu kommen, um mit ihr zu reden. Daraufhin war äußerst prompt jener Brief zurückgekommen, den er jetzt aus seinem abgenutzten Kuvert zog. Er entfaltete das leicht speckige, an den Kanten braun gewordene Blatt, auf dem in Amreis schöner, sauberer Lehrerinnen-Schrift stand:
Ein für alle Mal, Ludwig,
ich verbiete Dir, nach Binabichl zu kommen! Und meine Mailadresse habe ich nicht gecancelt, damit Du mich mit Briefen quälst. Ich muss lernen, ohne Dich zu leben. Das schaffe ich nur, wenn Du für mich nicht mehr existierst. Das ist hart und grausam gegen Dich. Aber ich bin viel zu lange schwach, blind und verantwortungslos gewesen. Weil ich Dich geliebt habe. Ich habe Dir das angetan. Es war ein furchtbarer Irrtum. Mein Irrtum, meine Schuld. Aber jetzt werde ich nicht alles noch schlimmer machen. Ich will Dich nicht mehr wiedersehen, Ludwig. Sonst komme ich nie drüber weg. Und Du vielleicht auch nicht.
Amrei
Melzer legte das Blatt in die Schale und zündete es mit dem Feuerzeug an. Und musste grinsen, weil genau das Fehling immer gefordert hatte. Doch so hatte er es sicher nicht gemeint. Das Blatt krümmte sich in der Flamme, wurde schwarz. Melzer zerstieß es mit dem Feuerzeug zu Asche. Eine große Beschwingtheit kam über ihn.
»Nie-wieder-Briefe werden leider nicht mehr angenommen, mein Schatz«, flüsterte er.
Selbstgespräche waren ihm sonst peinlich. Doch jetzt musste er sogar kichern.
FREITAG
Kurz nach Acht am Morgen war die Zeit, in der sich Professor Buhlmann gewöhnlich in seinem knatschgrünen Z4 auf dem Weg in die Arbeit befand. Draußen im Max-Planck-Institut angekommen, verschwand er dann in einem Zyklon hektischer Aktivität, der ihn erst in der Nacht wieder ausspuckte (und zwar im beneidenswerten Zustand eines satten Säuglings, der nur mehr schlafen wollte). Seine Freunde wussten, dass man ihn als Privatmenschen noch am ehesten auf dem Weg zur Arbeit zu fassen bekam. Denn auch ein notorischer Netzwerker wie der Professor hatte, wenn man den Begriff nur weit genug fasste, noch den einen oder anderen Freund.
Als Buhlmann an diesem Morgen sein sportives Gefährt mit durchaus professoraler Vorsicht auf den Zubringer nach Garching einfädelte, klingelte die Freisprechanlage im Wagen, die er korrekterweise benutzte. Aus dem Lautsprecher kam die Stimme vom Alten Fritz, wie er den Analytiker Friedrich Fehling nannte. Sein früherer Mitstudent und jetziger Schachfreund war einer der wenigen Menschen, die den Professor noch mit seinem Spitznamen ansprachen, wie jetzt, als er fragte:
»Spreche ich mit Dr. Bully Schweitzer, dem Gutmenschen vom Max-Planck-Institut?«
Der so Verdächtigte stellte sich blöd und ließ sich erklären, welch gute Tat er getan haben sollte. Fehling fand Bullys Aktion mit Melzer nicht nur menschenfreundlich, sondern auch ziemlich gerissen. Was für eine schlaue Idee, Melzer einfach mit einem fadenscheinigen Auftrag nach Piening zu schicken und abzuwarten, was dann passiert!
»Ich sags ja nicht gern, Bully, aber das ist mal ein Beispiel für wirksame Verhaltenstherapie! Da kann man als Shrink einfach nicht mithalten«
»Danke, Fritz. Das schreib ich mir ins Album. Hat der Melzerich noch mit dir gesprochen?«
Fehling erwähnte Melzers Anruf von gestern Nacht auf seinem Anrufbeantworter. Melzer hätte von seiner Piening-Mission erzählt und dass er dort den gordischen Liebesknoten endlich durchhauen würde. »Oder so ähnlich. Für Melzers Verhältnisse klang es ziemlich euphorisch.«
»Bestens. Sag mal, hat er den Auftrag als fadenscheinig bezeichnet oder ist das deine Meinung?«
»Na, hör mal… junger Wissenschaftler fährt aufs Land, um interessanten Patienten auf den Zahn fühlen, wie weiland Freud und Jung. Das ist doch 19. Jahrhundert! Aber genau die Legitimation für Melzer, um sich überhaupt dorthin zu trauen. Wirklich genial, Bully.«
Trotz dieses Lobs fand Buhlmann das Gespräch nicht mehr so erfreulich und beendete es bald. Er liebte es nicht, wenn der Alte Fritz Gedanken hatte, die der Wahrheit unerfreulich nahekamen. In seinen Augen verstieß er damit gegen die Grundlagen ihrer Freundschaft, die sich während ihrer Schachabende in Fehlings bräunlichem, bücherstrotzendem Wohnzimmer vollzog. Und zwar nach Regeln, die unausgesprochen, doch für Buhlmann umso verbindlicher waren.
Fehlings rituelle Rolle dabei bestand darin, edle Weine zu kredenzen und ansonsten gebildet, grundanständig und menschenfreundlich zu sein, lauter schöne Eigenschaften, die für seinen Freund Bully direkt damit zusammenhingen, dass er beim Schach kein ernstzunehmender Gegner war. Trotz Vorgabe eines Turms hatte der Alte Fritz nie den Hauch einer Chance, wenn er über dem Brett brütete, während Bully schwadronierend durchs Zimmer ruderte, mal eben am Schachtisch vorbeikam und nebenbei seinen Zug machte, der den Freund in die nächste brummelnde, rotweinschlürfende Ratlosigkeit versetzte. So gehörte sich das, so musste es sein.
Bei einer dieser Schachsitzungen war das Gespräch auf den jungen Melzer gekommen. Dieser war eigentlich ein heikles Thema zwischen den beiden, weil Fehling auch bei diesem hoffnungsvollen Nachwuchsmediziner eine diskrete Niederlage hatte hinnehmen müssen. Er hielt Melzer nämlich für den geborenen Therapeuten, doch Buhlmann hatte ihn ihm abspenstig gemacht und mit dem Habilitationsprojekt auf den Weg der reinen Wissenschaft gelockt.
Jetzt äußerte sich der Professor zwar lobend über dessen Arbeit, beschwerte sich aber über die Dauermelancholie, die »der Melzerich ausdünstet«. Fehling, vom analytischen Schweigegebot, das unter Kollegen ohnehin lax gehandhabt wurde, durch die Bedrohung seiner Dame zusätzlich abgelenkt, erklärte das beiläufig mit Melzers Fixierung auf seine Studentenliebe, die sehr schmerzhaft zu Ende gegangen sei. Seine Angebetete sei plötzlich in ihr Heimatdorf zurückgekehrt und habe jeden Kontakt abgebrochen. Seltsame Sache, ein kleines Dorf mit skurrilem Namen, irgendwas mit Bina, Binabichl oder so…
Buhlmann hatte sich, als er den Namen hörte, beinahe an seinem Rotwein verschluckt. In seiner Aufregung machte er dann einen schlampigen Zug, der dem Alten Fritz fast zu einem Remis verholfen hätte. Aber eben nur fast, ähnlich wie Fehling soeben mit seinem »fadenscheinigen Auftrag« die Wahrheit auch nur gestreift hatte.
Buhlmann beruhigte sich damit, dass der Alte Fritz vom eigentlichen Zweck der Mission Melzers natürlich keine Ahnung hatte, und beschloss, seinem Schachfreund zu verzeihen. Erstens verdankte er ihm die Information über Melzers zweifellos wertvollste Eigenschaft und zweitens war die Sache jetzt in Gang. Der Krebs war endlich aus seiner Höhle gekrochen...
Gut gelaunt begann der Professor zu summen und drückte aufs Gas. Der Z4, mit dem der Professor seinen verblassenden Ruf als Exzentriker aufzufrischen hoffte, machte einen Satz, der Tacho stieg auf verwegene 130 km/h.
Gewerbegebiet, Einkaufszentrum, eine eintönige Folge von Einfamilienhäuschen entlang der Straße. Dann größere Gebäude, die enger standen, sich zum »Ortskern« verdichteten…
Nichts, was Melzer bei seiner Einfahrt nach Piening sah, drang durch die Hornhaut seines gewachsenen Vorurteils. In einem Kaff wie diesem war er groß geworden, in einem anderen Kaff war er noch einmal »Arzt im Praktikum« gewesen. Zwar lagen beide in Niederbayern und nicht im Oberland wie hier, wo die blauen Kämme der Berge über jeden Dachfirst spitzten. Doch Melzer war nicht geneigt, sich geografische Unterschiede zu Herzen zu nehmen. Egal, wo die Käffer liegen, kennst du eines, kennst du alle...
Das tüchtige Bienchen hatte für Melzer ein Zimmer im Hotel Sperl gebucht. Es war ein gravitätisches Haus von zwei Stockwerken, mit breiter Front zum Marktplatz. Eine große Wirtschaft nahm fast das ganze Erdgeschoß ein, daneben lag das schmale Hotelfoyer. Nachdem Melzer seinen alten Golf im Hinterhof des Hotels geparkt hatte, wurde er am Empfang von einem Mann um die Dreißig überraschend herzlich begrüßt.
Er war groß und gutaussehend, stellte sich als »Sperl junior« vor, und händigte ihm formvollendet den Schlüssel aus. Melzer nahm den Aufzug in den zweiten Stock. Das alte Haus war durchgreifend modernisiert. Auch in Melzers schmalem Zimmer erinnerte nur seine Höhe an vergangene Großzügigkeit.
Man sah aber hübsch auf den autofreien Marktplatz hinab, mit seinen Geschäften und den Herden von Tischen vor den Lokalen. Melzer packte aus. Nach dieser geringfügigen Aktion setzte er sich aufs Bett. Gähnend klaffte die Frage auf: Was jetzt?
Noch während seiner Fahrt auf die Bergketten zu, die sich immer markanter am Horizont aufbauten, war Melzer stolz auf seinen Plan gewesen. Die Schwachsinnsmission als professionelles Feigenblatt gegen Amreis Kontaktverbot zu benutzen – was für eine pfiffige Idee!
Doch in diesem Zimmer erschien das nur mehr hanebüchen, völlig unrealistisch. Melzer spürte plötzlich, wie wenig er nachts zuvor geschlafen hatte. Der Drang, sich in die Tagesdecke einzurollen und erstmal zu pennen, wurde fast übermächtig. Er fuhr hoch, griff nach seinem Arbeitsrucksack und verließ das Hotel.
Sein forscher Aufbruch endete in einem kleinen Café an der Querseite des Platzes, keine hundert Meter weg vom Hotel. Das Café mit dem munteren Namen Papala-Pub bot zwar Hintergrundmusik von Antenne Bayern, aber einen annehmbaren Cappuccino. Das Lokal war fast leer, Melzer saß an der Frontscheibe, aber versetzt. So hatte er den ganzen Platz im Blick, ohne selbst gesehen zu werden.
Melzer war nicht nur wegen des Kaffees hierher geflüchtet, obwohl er ihn dringend nötig hatte. Draußen auf dem Platz war ihm plötzlich eingeschossen, dass hier der Alptraum jederzeit Wirklichkeit werden konnte.
Vom Koffein belebt, hämmerte Melzer sich ein, dass hier Amrei-Land war. Hier konnte jederzeit, von hinten oder von vorn, die Frage ertönen: »Was machst du hier, Ludwig?« Selbstzweifel konnte er sich nicht mehr leisten. Wenn der Schwachsinn sein Feigenblatt sein sollte, dann brauchte dieses dringend mehr Substanz!
Erstmal erkundete er Piening übers Internet und sah zwischendurch auf den Platz hinaus. Der Marktplatz war hübsch. Wie ja oft in diesen Käffern, relativierte er. Der hier hatte etwas wirklich Ansprechendes mit den hellen Fassaden der zweistöckigen Bürgerhäuser, der unvermeidlichen Pestsäule und dem Schwerpunkt des Stadtmünsters am anderen Ende. Es war ein geschlossenes Ensemble aus dem Barock, das im Grunde den Schweden zu verdanken war; sie hatten im 30-jährigen Krieg das mittelalterliche Piening dem Erdboden gleichgemacht…
Diese Weisheiten hatte Melzer aus Wikipedia, das ihn auch darüber informierte, dass der Markt Piening an die 10.000 Einwohner, zwei höhere Schulen und ein Kino hatte; dass in der Edelweiß-Kaserne eine große Stationierung von Gebirgsjägern lag; oder dass die Brauerei Bina-Bräu im nahen Dorf Binabichl zu den wichtigen örtlichen Arbeitgebern gehörte, was übrigens die einzige Erwähnung von Amreis Heimat war.
Den Link zum Bina-Bräu ignorierte Melzer. Er wählte den zur Lokalzeitung Piening-Kurier und fand im Impressum den Redaktionsleiter Roman Pernecker, wohl der Träger des Kürzels pern unter dem Stadlfestartikel. Melzer rief beim Piening-Kurier an und wurde verbunden.
Herr Pernecker trat als verbindliche Baritonstimme in Erscheinung. Melzers Vorstellung als Wissenschaftler vom Münchner Max- Planck-Institut kommentierte die Stimme noch mit achtungsvollen »Ahas«. Als Melzer auf die »Jugendlichen vom Mahdegg« zu sprechen kam, verlor sie schlagartig an Jovialität. Die Stimme gab gerade noch zu, den Artikel geschrieben zu haben, aber – »warum interessieren Sie sich dafür?«
»Das würde ich Ihnen gerne persönlich erklären, Herr Pernecker. Ich kann jederzeit bei Ihnen vorbeischauen, ich bin nämlich in Piening-«
»Sie sind hier? Wer sind Sie eigentlich?«
»Dr. Melzer vom Max-Planck-Institut. Ich recherchiere für ein Forschungsprojekt und würde gerne von Ihnen Näheres über den Vorfall–«
»Ausgeschlossen, Herr Doktor. Ich bin Journalist. Ich interviewe Leute, ich gebe aber keine Interviews. Wenn Sie die Informationen in meinem Artikel unzureichend finden, wenden Sie sich doch an die Polizei. Habedehre, Herr Doktor!«
Melzer steckte sein Handy ein und winkte der Kellnerin. Er war eigentlich nicht enttäuscht. Tatsächlich fühlte er sich besser als vorher. Irgendwie fundierter. Auch solch eine Abfuhr war Wirklichkeit und gab Stoff fürs Feigenblatt her. Wenn man jetzt Amrei über den Weg laufen würde, stände man nicht völlig ungerüstet da...
»Was machst du hier, Ludwig? – Ach, ganz schwierige Recherche! Gerade hat mich ein Redakteur abfahren lassen und jetzt muss ich zur Polizei!«
Das Polizeirevier war nur ein paar Straßen vom Marktplatz entfernt. Es befand sich im Erdgeschoß eines Hauses, das wie ein Eigenheim und nicht wie der Sitz der Pieninger Exekutive wirkte. Immerhin standen auf dem asphaltierten Hof zwei Streifenwagen. Neben der gläsernen Haustür verkündete ein Schild mit Polizeiemblem, dass hier die »PI Piening« residierte. Melzer drückte die Tür auf und kam in einen schmalen Flur mit Türen auf beiden Seiten. Die erste rechts stand offen.
»Grüß Gott! Wie kann man Ihnen helfen?«
In dem kleinen Raum saß ein beleibter Uniformierter mit Kurt Beck-Bart hinter seinem Schreibtisch und lächelte freundlich. Melzer trat in das mit Aktenschränken, Kopierer und Computergerät vollgestopfte Zimmer, hinterm Bugspriet seiner gezückten Visitkarte. Er sagte seinen Vers auf, wer er sei und was er wolle, nämlich Recherchen anstellen zu dem Vorfall mit den betäubten Jugendlichen, die im Krankenhaus gelandet waren.
»Die vom Mahdegg drobn? Was wollen Sie denn von denen?«
Der Vorfall könnte unter Umständen von Interesse für ein wissenschaftliches Forschungsprojekt sein, gab Melzer gemessen zu Protokoll. Zunächst würde er gerne mit dem Beamten sprechen, der die Rettung der jungen Leute durchgeführt hatte... Der Polizist studierte mit gefalteter Stirn die Visitenkarte mit Melzers Titel unter der Adresse des Max-Planck-Instituts und verfiel auf die aufschiebende Frage:
»Könnten S Eahna ausweisen, Herr Dokta?«
Melzer konnte. Der Polizist behielt Karte und Ausweis in der Hand und zwängte sich seufzend hinterm Tisch hervor. Er ging an Melzer vorbei zur Tür.
»Momenterl, Herr Dokta. Wenn Sie derweil im Besprechungszimmer warten, gell? Hauptkommissar Perschagg kommt gleich.«
Melzer hatte seine Schreibmappe auf dem länglichen Tisch ausgelegt, der mit vier Stühlen das einzige Mobiliar des Besprechungszimmers darstellte. Er studierte die Informationsplakate an den Wänden, als jemand durch die halboffene Tür hereinkam.
»Grüß Gott, Herr Doktor! Perschagg mein Name, ich bin hier der Dienststellenleiter. Setz ma uns doch!«
Perschagg war vielleicht Mitte Dreißig, kaum älter als Melzer und jedenfalls deutlich jünger als sein gemütlicher Untergebener. Er war ein langer Schlaks mit trägen Bewegungen und leiser, rapider Sprechweise, die nur leicht dialektgefärbt war. Aus dem offenen Kragen seines olivfarbenen Uniformhemdes sprang ein sehniger Hals, der ein trockenes Raubvogelgesicht unter einem rotblonden Schopf trug. Die blauen Augen, die eng neben dem dominanten Nasenzinken standen, waren halbgeschlossen und musterten Melzer mit schläfrigem Ausdruck. Er schob ihm den Personalausweis auf der Tischplatte hinüber. »Bittschön, Herr Doktor.«
Ein Seitenblick streifte Melzers hoffnungsvoll geöffneten Notizblock in der Mappe. Um den Mund des Polizisten zuckte es ironisch. Das veranlasste Melzer dazu, erstmal sein Beglaubigungsschreiben über den Tisch zu reichen.
»Vielleicht hilft das, mein Anliegen zu erklären.«
Perschagg las den Brief mit dem eindrucksvollen Briefkopf des Instituts, in dem unterfertigter Prof. Dr. mult. Bodo Buhlmann das Forschungsprojekt »Neurobiologische Korrelate von Störungen des Ich-Erlebens« etc etc anführte und der Hoffnung Ausdruck gab, dass sein kompetenter und vertrauenswürdiger Mitarbeiter, Dr. med. Ludwig Melzer, bei seinen Recherchen die erwünschte Unterstützung finden würde. Beim Lesen wirkte Perschaggs Blick hellwach, die blonden Augenbrauen tanzten auf und nieder. Dann sah er Melzer wieder ziemlich schläfrig an.
»Verstehe. Und was hätten Sie jetzt vor?«
»Ich würde gerne den Polizisten interviewen, der vor Ort gewesen ist. Dann bräuchte ich die Namen der betroffenen Jugendlichen. Ich möchte sie persönlich befragen.«
»Verstehe«. Perschaggs Augenlider sanken noch tiefer, während er einen Punkt an der Wand seitlich von Melzer fixierte. »Der Beamte vor Ort war ich.«
»Das trifft sich ja gut«, entfuhr es Melzer und griff unwillkürlich nach seinem Kuli. Perschaggs Mundwinkel zuckten wieder.
