Binas Kurzgeschichten - Sabina Ritterbach - E-Book

Binas Kurzgeschichten E-Book

Sabina Ritterbach

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Beschreibung

Sabina hat über Jahre unterschiedliche Situationen beobachtet bzw. sich in Erinnerung zurückgerufen. Darunter Geschichten aus der frühesten Kindheit. Teils handelt es sich um tatsächliche Erlebnisse, immer wieder aber auch um Fiktion. Entstanden ist eine Sammlung unterschiedlicher, nicht zusammenhängender Kurzgeschichten - häufig ernsthaft, meist kurios.

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Seitenzahl: 113

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Sabina Ritterbach

Binas Kurzgeschichten

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Advent

Tschiko

Die Perle

Zustand

Kevin

Die Brombeeren

Der Mond

Augustin

Die Oper

Der Brief

Der Affe

Odyssee

Reni

Weihnachten

Impressum neobooks

Widmung

Für die Kinder

Advent

Kirchpoint – der Name sagt doch alles. In Kirchpoint Nr. 7 wohnten wir. Es gab nur sieben Häuser. Sechs kleine Katen, nur unser Haus war aus Stein gebaut und hatte eine Etage aufzuweisen. Unser Haus war es eigentlich nicht mehr, denn das österreichische Opfervolk hatte uns als Deutsche enteignet.

Im Steinhaus wohnten Grünauers und Jungbauers. An das Wohnhaus angebaut war eine kleine so genannte Halle. Unten in der Halle war unser eigenes Elektrizitätswerk. Da waren die großen Räder und der rotierende breite Ledergurt, der die Lichtmaschine antrieb. Das machte ziemlichen Lärm. Aber der Lärm war gut, denn solange dieser anhielt, hatten wir Licht. Außerdem waren da noch die Vorrichtungen für die Wehre. An der Außenmauer der Halle war das große Schaufelrad.

War es im Winter lange Zeit sehr kalt, fror das Rad ein. Zwischen den Schaufeln hingen dann lange Eiszapfen. Auch die Wehre ließen sich nicht mehr bewegen. Dann kam die Petroleumlampe zum Einsatz. So war es auch im Frühling nach der Schneeschmelze, wenn die Bäche anschwollen und reißend über die Ufer traten. Dann blieben die Wehre hochgezogen, und das Wasser lief in die Halle. Wir waren gefangen. Denn über der Halle auf dem Dachboden wohnten wir, in zwei ausgebauten Zimmern. Sieben Kinder, die Eltern und die Tante.

In der Wohnküche standen der Herd, ein Spind, der große Tisch und ein Notbett. Alle Kinder und die Tante schliefen im zweiten Zimmer. Ach, ich vergaß den kleinen Kloeimer neben dem Spind. Zum Plumpsklo im Steinhaus war es ein weiter Weg. Erst überquerte man den Dachboden, dann ging’s die steile Treppe hinunter durch die Halle und die Waschküche, ein paar Stufen hoch – dann hatte man es geschafft oder auch nicht. Des Nachts wurde über dem Treppenaufgang eine Falltür hinuntergelassen. Da war der Weg für alle gesperrt.

Wir waren vor Jahren aus Oberschlesien geflüchtet. Ich glaube, wir hatten dort in guten Verhältnissen gelebt. Schau ich mir meine Kinderfotos von damals an, war es wohl recht üblich, in dieser kalten Region einen Pelzmantel zu tragen. Mit meinen fünf Jahren trage ich einen Pelzmantel, Muff und eine Fuchsmütze. Meine Schwester im Kinderwagen hat auch etwas Pelziges an. Und die Mäntel der Jungen waren pelzgefüttert.

Die Erinnerung an diese Zeit war uns Kindern aus dem Gedächtnis entschwunden. Wir lebten in einer Gegenwart, in der man nie genug zum Heizen und zum Essen hatte. Doch kann ich nicht sagen, dass wir unzufrieden gewesen wären.

Es war Advent, und Opa hatte Geburtstag. Er wurde 90 Jahre alt. Wir lernten Gedichte und Lieder und waren voller Erwartungen.

Opa wohnte in Freilassing, fünfzig Meter neben dem Grenzschlagbaum, am Ufer der Salzach. Der Besuch musste vorbereitet werden. Es gab Papierkram, Pässe, Formulare. Mama musste öfter zum Bürgermeister. Wie waren wir aufgeregt, als wir eines Tages sehr früh am Morgen geweckt wurden. Unsere besten Anziehsachen lagen in sorgfältig geschichteten Häufchen neben dem Herd. Die Kleinen wurden von der Tante angezogen und zwischendurch aßen wir unsere Haferflocken in wilder Hast. Fast waren wir fertig. Ich stopfte gerade meine Schuhe mit Zeitungspapier aus, als Mama die Küche betrat. Sie war nicht mehr unsere Mama, sie war eine Erscheinung.

Sie hatte einen Nerzmantel an und auf den frisch aufgedrehten Locken trug sie eine runde Lederkappe. Eine Welle der Erinnerung überschwemmte mich. Dieses Käppchen aus verschiedenfarbigem Leder erkannte ich sofort. Das hatte ich schon vor langer Zeit zu Hause so geliebt. An Mamas Fingern glänzten Ringe, aus ihrem Ärmel schimmerte ein Armband und an ihren Ohren baumelten lange Perlenohrringe. Die Lippen waren rot gemalt. – Neben dem Kloeimer stand eine Prinzessin.

Ich fand nicht in meine Schuhe, doch da beugte sie sich zu mir hinunter. Sie roch ganz phantastisch. Sie wickelte geschickt das Zeitungspapier um meine Füße und band mir die Schuhe zu. Es konnte losgehen. Natürlich konnten wir mit dieser Prinzessin nicht durch den Kirchpoint und schon gar nicht durch das Dorf gehen. Wir liefen am Bachufer entlang und dann übers Feld bis zum Bahndamm. Die Prinzessin trug ihr jüngstes Kind im Arm und ging weit ausschreitend von Bahnschwelle zu Bahnschwelle. Ihr klägliches Gefolge stolperte kurzbeinig über den Schotter. Tante bildete, mit zwei Kleinen an der Hand, die Nachhut.

Im Zugabteil war es warm. Die vierzig Kilometer nach Salzburg kamen mir endlos vor. Der Tag war kalt und klar und Salzburg strahlte im vorweihnachtlichen Festschmuck. Wir waren verzaubert von all den Herrlichkeiten, die in den Auslagen angeboten wurden. Unser Tross zog über den lichtergeschmückten Weihnachtsmarkt. Etwas Schöneres konnte es einfach nicht geben. In der Mitte des Marktes wurden Christbäume, Gestecke und Adventskränze angeboten. Es gab sogar Adventskränze in den Ausmaßen von Richtkränzen, andere mit Bögen überspannt und mit Bändern umwunden.

Vor einem großen, besonders üppig geschmückten Exemplar stand ein Händler. Und er sprach meine Mutter an. „Gnäd´g Frau, wie wär’s denn mit dieser wunderschönen Adventskrone? Für den Salon!“ Das Wort Salon musste Mama mir erklären.

Wir näherten uns dem Grenzfluss, der Salzach, und Opa stand mit unserem Papa vor der Baracke. Sie winkten uns. Aber erst einmal mussten die Formalitäten erledigt werden. Dann aber wurde gefeiert mit Liedern und den Gedichten und dem ersehnten Streuselkuchen. Irgendwann hieß es Abschied nehmen. Der Papa musste wieder nach St. Johann zur Arbeit. Wir standen wieder auf der anderen Seite des Grenzflusses und winkten dem Opa und der Tante Hilde zu, die vor der Baracke standen. Sie winkten zurück, bis sie uns nicht mehr sehen konnten.

Es war schon lange dunkel, als wir in Vöcklamarkt ankamen, und weil es so dunkel war, brauchten wir keinen Umweg über den Bahndamm zu machen. Wir stapften durch den Schnee zum Kirchpoint. Es war sehr kalt. Im Schlafzimmer glitzerten die Wände weiß vom Frost. „Schnell, schnell, ab in die Betten!“ wurden wir angetrieben. „Ich bin gleich da,“ rief die Mama, „und dann mach ich sofort Feuer.“

In der Mitte des Schlafzimmers stand ein kleiner Bullerofen. Die Ofenrohre wurden, der Wärmegewinnung wegen, durch das ganze Zimmer geleitet. Sie hingen an Drahtschlingen von den Dachbalken. Die Prinzessin war verschwunden. Aschenputtel kniete vor dem Ofen und schürte das Feuer. Ich lag zusammengerollt oben im Doppelbett. Da hatte ich die beste Übersicht. Irgendwie hatten sich die Ofenrohre verschoben. Durch die Ritzen qualmte es fürchterlich. In kurzer Zeit war das Zimmer gänzlich verräuchert. Alle husteten. Mama holte einen Schemel und versuchte verzweifelt, die Rohre ineinander zuschieben. Hörte es auf der einen Seite auf zu qualmen, fing es auf der anderen Seite umso heftiger an.

Die Mama stand mit über den Kopf gereckten Armen auf dem Schemel und ächzte leise vor Anstrengung. Die Haltedrähte schwangen hin und her, und sie wusste einfach nicht, wie es weitergehen sollte.

„Gnäd´g Frau, wie wär’s mit einer wunderschönen Adventskrone für den Salon?“ sagte ich. Den Bruchteil einer Sekunde hatte sich die Gnäd´g Frau auf dem Schemel noch in der Gewalt, dann fing sie an zu lachen. Ihr Körper schüttelte sich, bebte vor Gelächter. Die Ofenrohre waren außer Kontrolle und durch einen Spalt rieselte Ruß auf sie herunter. Aber sie lachte und lachte.

Tschiko

Franz streute sich Zimt mit Zucker auf den Apfelpfannkuchen; er aß schon den Zweiten. Zu Annette, seiner Mutter, die schon mit dem Essen fertig war und ihm noch mit einem Espresso Gesellschaft leistete, sagte er:

„Wir haben seit den Herbstferien einen Neuen auf der Schule, nicht in meiner Klasse, in der Vierten, er ist viel größer als alle anderen und auch älter. Er spricht nicht gut deutsch. Er sagt zu mir immer: „Geht gut?“ Er passt auf mich auf.

„Ich finde das lieb“, sagte Annette, „wie macht er das, das Aufpassen?“

„Er sitzt nur auf der Bank neben der Kastanie und wenn mir einer grob kommt, braucht er nur aufstehen, da lassen sie mich schon in Ruhe.“

„Du hast also so etwas Ähnliches wie einen Schutzengel?“ Franz nickte. „Tschiko heißt er“, sagte er.

„Bring ihn doch mal mit hierher, wäre das nicht schön?“ Franz überlegte kurz.

„Ich glaub er fände die Idee nicht gut. Er will lieber allein bleiben. Er spielt mit Niemanden. Er ist ein wenig komisch.“

Franz aß weiter, er kaute langsam und man konnte sehen, wie ihn das Thema beschäftigte und tatsächlich fuhr er nach wenigen Bissen mit seiner Erzählung fort. „Einmal haben mich welche an die Mauer gedrückt, festgehalten und den Kopf verdreht. Da ist er aufgestanden, hat den Größten um die Taille genommen, hat ihn ein Stück getragen und abgestellt, weiter nichts, als er zurückkam sind die anderen fortgelaufen. Dann hat er sich vor mich hingestellt, mich noch lange angeschaut und gefragt: „Du heißen?“

Einige Wochen später lehnte Franz an der Wand gegenüber dem Lehrerzimmer, er rutschte langsam rückwärts hinunter, bis er neben seinem Tornister auf dem Boden saß. Er zog die Beine an, legte den Kopf auf die Knie und wartete. „Wäre Tschiko da gewesen, wäre das nicht passiert“, dachte er. Warum habe ich immer wieder diese Kopfschmerzen im ganzen Körper. Er war wieder einmal ganz aus der Kontrolle, sozusagen kopfüber ins Verderben gestürzt.

Man hatte seine Mutter benachrichtigt und nun war sie im Lehrerzimmer. Franz wusste, wie viel Umstände das für sie machte; Termine mussten verlegt werden, sie musste Patienten nach Hause schicken.

„Warum, warum?“, dachte er unglücklich. Er hatte sich doch geschworen, dass das nie mehr geschehen sollte.

Schließlich öffnete sich die Lehrerzimmertür und Annette trat in den Flur. Sie stieß Franz ein wenig mit der Schuhspitze an, er hob den Kopf und sie sah die dicke Beule über der Augenbraue. Sie reichte ihm die Hand und zog ihn hoch.

„Lass uns heimgehen Krieger!“

Sie nahm Franz den Tornister ab und er trollte beschämt neben ihr her.

„Es ist doch schon viel besser geworden“, sagte sie „und eines Tages hört das einfach ganz von selbst auf. Das fühlst du doch auch.“

Franz nickte und dachte, jetzt tröstet sie mich auch noch, an ihrer Stelle würde ich mir Eine scheuern. Annette musste wieder in die Praxis und Franz war bis zum Mittagessen sich selbst überlassen. Er putzte als Buße ohne Aufforderung den Meerschweinkäfig, streichelte abwesend seine Tiere und ging dann, weil er sich so unruhig fühlte, mit dem Ball in den Hof. Dort hatte ihm sein Vater den Basketballkorb aufgehängt. Franz zielte und warf den Ball und dann noch einmal und immer wieder, aber er war nicht bei der Sache, er traf nicht. Deprimiert setzte er sich auf die Treppe, am liebsten hätte er geweint.

„Tschiko, wo warst du heute“, jammerte er.

Schutzlos war er der Bande, die ihn auf dem Kicker hatte, ausgeliefert gewesen. Schon in der ersten kleinen Pause, hatten sie bemerkt, die Bank unter der Kastanie war leer. Tschiko fehlte, sie hatten freie Bahn. Und dann hatten sie ihn geärgert und er war ausgerastet und hatte einem den Zeigefinger gebrochen. Das ‚Gebrüll’ klang ihm immer noch in den Ohren.

„Kannst du mit der Beule zum Judo“, fragte Annette. „Dir ist doch nicht etwa schwindelig oder so?“, und sie strich ihm zart über die Stirn und das brachte dass Fass zum überlaufen und er fing an zu heulen. Er kippte gegen seine Mutter und sie hielt ihn in ihren Armen. Sie wusste, dass es Zeit brauchte, bis er sich beruhigen würde.

Er ist groß geworden, dachte sie und fühlte seine knochigen Schultern, kein Babyspeck mehr, das kleine Kind war dahin. Annette versank in Erinnerung, sie hörte die Stimme am Telefon, das war schon so lange her, aber es war alles unvergessen, ganz nah.

Annette und ihr Mann hatten eine so lange Prüfung und Wartezeit hinter sich gebracht, ihre Hoffnungen waren schon begraben. Annette hatte ihre Krankengymnastik-Praxis ausgebaut, das Kinderzimmer war schon lange zweckentfremdet. Und dann dieser Anruf, welche Aufregung.

Das Kind, ein Kleinkind, ein Junge, er kam aus dem Krankenhaus, verschreckt, nervös, zurückgeblieben. Er hieß Micha. Er schrie und schrie bis Annette fast am Ende war. Wochenlang trugen Annette und Theo, ihr Mann, ihn abwechselnd. Er klammerte sich an sie, als würde er ertrinken. War er nicht auf ihrem Arm, lief er neben ihnen her, voller Panik, als fürchte er man würde ihn verlassen.

Eines Morgens entdeckte er über einen Stuhl liegend Theos rot- weiß gestreiftes T-Shirt. Mit einem Aufschrei riss er das T-Shirt vom Stuhl und warf sich schluchzend darauf. Er ließ dieses Teil nicht mehr los. Er schleppte es mit sich, er flüsterte mit ihm. Es gehörte zu seinem Leben und war nun schon ganz schlapp und löchrig. Noch immer lag er jede Nacht mit dem Gesicht auf diesem T-Shirt.

Die Pausen zwischen seinem Schreiereien und Wutanfällen wurden länger. Die Eltern atmeten auf und schöpften Hoffnung.

Kurz nachdem er drei Jahre geworden war, wurde ihnen mitgeteilt, dass seine leibliche Mutter verstorben war. Sie verstarb an einer Lungenentzündung, ihr von Drogen gebeutelter Körper hatte keine Kraft mehr gehabt.

Die Adoption war nur noch eine reine Formsache.