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Aladdin betreibt das Café am Dorfausgang, aber er hat nur einen einzigen Gast. Konvois und Soldaten sind in den staubigen Straßen, die Häuser haben keine Schlösser, und Aladdin ist schon mehrere Male gestorben. Aladdin heißt eigentlich Albert und ist Statist in einem bayerischen Trainingscamp für Afghanistansoldaten. Aber ist Albert nicht eigentlich Aladdin? Albert wird sich immer unsicherer und schon bald ist nicht mehr klar, was Spiel ist und was Ernst -die afghanische Ehefrau, die Blendgranaten, der Sack über dem Kopf? Isabelle Lehn lässt uns in BINDE ZWEI VÖGEL ZUSAMMEN die Verunsicherung durch Medien und Weltgeschehen spüren. Und vielleicht sind wir alle irgendwie Albert, im deutschen Niemandsland zwischen Krieg und Inszenierung.
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2016
Isabelle Lehn wurde 1979 in Bonn geboren und lebt in Leipzig. Sie studierte in Tübingen und Leicester Allgemeine Rhetorik, Ethnologie und Erziehungswissenschaft mit Arbeitsschwerpunkten zu Propagandaforschung, Massenkommunikation und Medienwirkungen und wurde 2011 im Fach Rhetorik promoviert. Parallel zur Promotion absolvierte sie ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, wo sie nach Lehraufträgen und Gastdozenturen seit Februar 2013 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt »Literarische Schreibprozesse« arbeitet. Ihre Erzählungen und Essays wurden in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht, u. a. in Bella Triste, Edit, Sinn und Form, Am Erker, neue deutsche literatur (ndl) oder der US-Zeitschrift Words Without Borders.
ISABELLELEHN
BINDE ZWEI VÖGEL ZUSAMMEN
ROMAN
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
Originalausgabe
Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln
Umschlaggestaltung: Nurten Zeren
Datenkonvertierung E-Book:
hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7325-2980-3
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Für S.
(and all the other displaced persons)
Diese Geschichte ist wahr.
Alle Namen und Orte sind austauschbar.
Ich bin nicht ich. Mein wahres Ich –
Wer mag es sein?
Der da aus meinem Munde spricht –
Wer mag es sein?
Bin bloß Gefäß von Kopf bis Fuß, nicht mehr.
Der, dem ich diesen Dienst verricht –
Wer mag es sein?
Dschelaladdin Rumi
Der Lauf einer Waffe ist auf meinen Kopf gerichtet. Ich starre auf die Wand, die unverputzten Steine, die eine Kulisse sein müssen, damit es nicht aufhört, ein Spiel zu sein. In meinem Rücken liegt Faruk. Ich will den Kopf drehen, ich erwarte den Schuss, Platzpatronen, einen Knall, wenn das Trommelfell platzt. Die Soldaten brüllen, die Stimme des Supervisors, ich bilde mir ein, Faruk keuchen zu hören. Don’t move! – es ist mein eigener Atem. Der Moment, auf den wir uns gefasst machen sollten. Der Augenblick, in dem es zu kippen beginnt und man vergisst, dass man bloß eine Rolle verkörpert, dass es ein anderer ist, der dort am Boden liegt, ein Knie in den Rücken gedrückt, eine Kapuze über den Kopf gezogen. Dass man nicht selbst in den Lauf einer Waffe blickt.
Jeden Morgen öffne ich die Tür des Cafés. Sie ist nicht abgeschlossen, es gibt keine Schlösser an den Türen unserer Häuser, die wie leere Kartons entlang der Dorfstraße stehen. Im Gastraum ist es dunkel und stickig. Es riecht nach Mäusekot, und ich höre das Rascheln der Tiere unter den Dielen, dem unebenen Boden, der seit Jahren ein Provisorium ist. Ich taste mich an der Holzwand entlang, um nicht gegen die Tische oder den Spülschrank zu stoßen, und wenn ich die Läden öffne, vermisst das Licht den Bretterverschlag. In der Nacht dringt der Staub durch die Ritzen der Bohlen, der am Mittag, wenn der Konvoi über die Dorfstraße fährt, vor den Fenstern rot aufwirbeln wird. Er legt sich auf den Spülschrank, die Tische, die Stühle, die ich am Morgen mit feuchten Tüchern abwische, obwohl sie am Mittag schon wieder bedeckt sein werden. Niemand stört sich daran. Faruk war mein einziger Gast – aber es hilft, in Bewegung zu bleiben.
Das Lager der Soldaten liegt auf dem Hügel. Von der Terrasse aus kann ich es sehen, wenn es früh am Morgen in Bewegung gerät und die Humvees zwischen den Zelten umherfahren. Dann bin auch ich vom Hügel aus sichtbar, und ich beginne, die Terrasse zu fegen. Unser Dorf muss belebt aussehen, so lautet die erste Regel des Spiels, in dem wir Figuren sind und zu tanzen beginnen, sobald jemand einen Blick auf uns wirft. Der Supervisor läuft durch die Straßen. Dorfleben! ruft er und rudert mit den Armen, Dorfleben!, und eine Welle breitet sich aus, die wir weitertragen, durch die Straßen in die Häuser hinein, wo ihr Echo lustlos verhallt. Ich spule meine Bewegungen ab, ein begrenztes Repertoire an Schritten und Handgriffen, ich habe mir angewöhnt, langsam zu fegen, um nicht zu früh fertig zu sein.
Später sitze ich auf der Terrasse und lese. Das Leder des Sessels erwärmt sich in der Sonne, es ist schuppig wie die Haut einer Echse, und der Supervisor stört sich nicht an meinen Büchern, solange er mich oft genug fegen und durch den Ort laufen sieht. Nur den Frauen ist das Lesen verboten. Sie haben es nie gelernt an diesem Ort, und auch das Café betreten sie nicht. Ich sehe sie geisterhaft durch das Straßenbild ziehen, unter blauen Stoffbahnen, in Paaren oder hinter den Männern, mit denen der Supervisor sie verheiratet hat. An ihren Männern kann ich sie unterscheiden, die Frau des Dorfältesten, des Arztes, des Barbiers, und in den Häusern auf der anderen Straßenseite sind ihre Schatten am Fenster zu sehen, wenn sie wie ich nur das Nötigste tun, um nicht zu erstarren und für die nächste Patrouille bereit zu sein. Die meiste Zeit des Tages verbringen wir so. In einem Reptilienschlaf, reglos und darauf lauernd, dass etwas geschieht.
Wenn der Konvoi sich nähert, laufe ich durch den Ort. Vorbei an der Schule, in der es dem Lehrer an Schülern fehlt, vorbei am Hotel, das keine Gäste beherbergt, vorbei am Krankenhaus, in dem nur Simulanten behandelt werden. Ich gehe auf den Bazar, feilsche um Requisiten und tausche ein paar Worte mit meinen Nachbarn aus, Sätze, die nach einem Gespräch aussehen. Unterwegs sammle ich Steine. Ich bücke mich und hebe sie auf, klopfe die Erde ab und stecke sie ein, in die Taschen meiner Pluderhose, in die Ärmel meines Kaftans, die vom Staub bereits rot gefärbt sind. Die Erde ist überall. Sie sammelt sich unter dem Sensorgeschirr, das ich am Abend erst ablegen darf, wenn es mir rostrot auf den Leib geschrieben ist, als hätte ich unter den Gurten Blut statt Wasser geschwitzt.
Die gesammelten Steine schichte ich am Ortsrand zu Kegeln auf. Die Soldaten müssen die Kegel zerstören, bevor sie in den Ort einfahren dürfen, denn auch das ist eine Regel des Spiels: Meine Steinhaufen könnten Sprengfallen sein. Die Männer kommen nicht jeden Tag. Es gibt noch andere Dörfer im Tal, Orte wie unseren, den wir nur verlassen dürfen, um am Abend in die Baracke zu gehen. Ich habe viel Zeit, den Wolken dabei zuzusehen, wie sie sich auftürmen. Der Himmel reicht tief hinab, und am Horizont, der jenseits des Sicherheitszaunes liegt, kann ich den Zwiebelturm einer Kirche erkennen. Manchmal entdecke ich Rehe am Waldrand, einen Bussard, der über der Weide kreist, oder eine Schafherde, die der Regen in die Nähe des Dorfes getrieben hat. Ihr Geblök lässt den Ort fast wirklich erscheinen, bis wieder Sirenen, Signale oder Lautsprecherdurchsagen aus dem Lager zu hören sind, und dreimal am Tag schallt der Ruf eines Muezzins durch unsere Straßen. Wir folgen ihm im Tross zur Moschee, wo das Tonband verstummt und wir die Zeit abwarten, die ein Gebet ausfüllen könnte, bis der Supervisor kommt, um uns zurück auf unsere Plätze zu schicken.
Faruk war der einzige Gast im Café Aladdin. Außer ihm scheint niemand zu ahnen, dass ich einen Stromanschluss habe, und einen Wasserkocher, den in der Baracke niemand vermisst. Jeden Morgen sammle ich Teebeutel und Zucker vom Frühstückstisch ein. Den Tee koche ich stark und süß, wie ich es für landestypisch halte, ohne zu wissen, dass Kardamom und ein Schuss Sahne fehlen. Aber selbst Aladdin korrigiert mich nicht, denn er weiß es nicht besser als ich. Aladdin, von dem ich nicht weiß, welche Gedanken für ihn vorgesehen sind und ob er sich raushalten darf, in seinem Café am Rande des Dorfes. Einmal standen die Taliban vor seiner Tür, sechs Männer in ihren Kostümen, aber auch sie kamen nicht, um bei mir Tee zu trinken. Ob ich es nicht satthätte, mich im Dorf nicht frei bewegen zu können, fragten sie, und ich hielt mich am Sensorgeschirr fest, am oberen Riemen, der immer ein wenig gegen die Kehle drückte, und dachte an Faruk, der bereits wieder zu Hause war, weil er sich irgendwann nicht mehr im Griff gehabt hatte.
Im Dorf hatte Faruk davon gelebt, dass er Weizen anbaute. Auf den Feldern, die den Ort nicht umgaben und wie fast alles im Dorf eine Legende waren. Seine Tage verbrachte er im Café Aladdin, am hinteren Tisch, wo er für eine Prüfung lernte, die nach seiner Zeit im Dorf stattfinden sollte. Er wälzte Bildbände, und in einem davon hatte ich Andy Warhols Campbell’s-Soup-Dose erkannt. Andy Warlord, scherzte der Supervisor, als er vorbeikam, um bei Aladdin nach dem Rechten zu sehen. Meine beiden Priester, nannte er uns, er sprach mit amerikanischem Akzent, und Faruk nannte ihn unseren Choreographen, seit der Supervisor uns am zweiten Tag hatte vorsprechen lassen. Wir sollten unsere Geschichte erzählen, und ich schwitzte und brachte kaum ein Wort heraus, ich stotterte und fühlte mich nackt vor den anderen, trotz meines Kostüms und des Deckmantels von Aladdins Namen.
Ich weiß nicht viel über den Mann, den ich darstellen soll. Bloß das, was der Supervisor mich abfragen kann: Aladdins Dorf liegt am Fuße des Marmalgebirges, nicht weit entfernt von Mazar-i-Sharif. Er ist Paschtune, achtundzwanzig Jahre alt, im gleichen Alter wie ich, und ich bin Aladdin, verheiratet und dreifacher Vater. Ich lebe am Fuße des Marmalgebirges, mit meiner Frau, einem Sohn und zwei Töchtern. Ihre Namen bleiben mir fremd, die Züge meiner Frau sind verschleiert, und ich frage mich, ob Aladdins Kinder mir ähnlich sehen, weil Aladdin so aussieht wie ich. Er sieht immer so aus wie der Mann, der das Café am Ortsrand betreibt, und ich will versuchen, die Namen meiner Frau und der Kinder bald wieder vergessen zu haben, weil ich sie vor den Taliban und den Soldaten niemals aussprechen darf.
Aladdin besitzt ein Stück Land. Fünf Hektar, auf denen ein Aprikosenhain steht. Im Krieg sind alle Papiere verloren gegangen, und seither gibt es Streit, den ich zusammen mit dem Café übernommen habe – von einem Mann, der ebenfalls Aladdin hieß. Er hat seine Kleider abgelegt, das Geld eingestrichen und das Dorf am Fuße des Marmalgebirges zurückgelassen, wie auch ich es bald zurücklassen werde. Alle sechs Wochen tauscht man uns aus, und nur die Flachbauten stehen hier seit Jahren, zwischen ein paar Giebelhäusern, den Überresten einer anderen Zeit, als unser Dorf noch auf dem Balkan lag, die Statisten andere Namen trugen und die Soldaten mit ihnen den Häuserkampf probten.
Auch Faruk hat seinen Namen nicht mitgenommen. Im Dorf gebrauchen wir ihn noch, wenn wir von ihm sprechen, Faruk, ein Mann, den es außerhalb des Dorfes nicht gibt. Allein er soll die Verantwortung tragen, Faruk, ein Mann, den man außerhalb des Dorfes nicht anzeigen kann, und auch das zählt zu den Regeln des Spiels: Die Rolle bleibt hier, und mit ihr alles, was man erlebt hat. Wir haben eine Schweigeerklärung abgeben müssen, es gibt eine Unterschrift, aber noch bin ich hier und kann den Supervisor nach Faruk fragen: Ob auch der Soldat ihn nicht anzeigen wird, dem er den Finger gebrochen hat, und der Supervisor lacht, er lehnt sich zurück und sagt: Der kann sich höchstens ärgern, dass er Faruk nicht rechtzeitig erschossen hat!
Damit man uns erschießen kann, tragen wir das Sensorgeschirr. Die Soldaten feuern aus Sturmgewehren, mit Platzpatronen und Infrarotstrahlen, und wenn wir getroffen werden, schrillt ein Signalton los. Dann werfen wir uns in den Staub, und der Supervisor kommt herbeigelaufen, um nachzusehen, ob wir nur verwundet wurden oder erschossen sind. Wer tot ist, darf in die Baracke gehen. Er bekommt für den Rest des Tages frei und kann die Zeit dazu nutzen, die rote Erde aus seinen Kleidern zu waschen.
Die Frauen ziehen das Sensorgeschirr aus, sobald der Supervisor außer Sichtweite ist. Sie schlagen ihre Burkas zurück, die sie wie einen Umhang tragen, mit Tops und kurzen Hosen darunter, und es verwirrt mich, sie so zu sehen. Es kostet mich Mühe, nicht zu vergessen, dass meine Erregung Teil dieses Spiels ist – nicht meine, sondern Aladdins Sache, wie die Anspannung vor jedem Schritt, oder die Starre, die Lähmung, in die wir verfallen, bis der nächste Befehl uns wieder in Bewegung versetzt. Nicht die Befehle machen mir Angst, sondern dass ich auf sie zu warten begonnen habe.
Wir sprechen eine Sprache, Aladdin und ich. Im Dorf wird sie Paschtu genannt, manche Nachbarn sprechen Dari, Sprachen, die wie Deutsch oder Türkisch klingen, Polnisch oder Russisch, Fränkisch oder Sächsisch, jene afghanischen oder persischen Dialekte, mit denen die Soldaten nichts anfangen können. Sie weisen ihre Befehle mit Handzeichen aus, und wir verstehen sie, als wären sie stumm und wir taub. Leda spricht fünf Sprachen. Sie ist Übersetzerin, aber hier trägt sie das Sensorgeschirr, und es ist gleichgültig, wer man draußen ist oder was einer kann, welches Wissen er mitgebracht hat.
Wir sind in Bussen angereist, aus allen Teilen des Landes, Männer und Frauen, Alte und Junge, Freiberufler, Rentner, Studenten, und seit der ersten Nacht sind wir unterschiedslos. Wie Gestrandete saßen wir da, auf unseren Feldbetten, wo wir darauf warteten, am nächsten Tag in die Baracken gefahren zu werden. Die meisten hatten wenig Gepäck. Unsere Telefone und alle Wertsachen mussten wir abgeben, und jetzt besitzen wir nicht mehr als die geliehene Kleidung, den fremden Namen und einen Platz in einem der Dörfer, den die Firma uns zugeteilt hat. Manche begrüßten sich wie alte Bekannte, Veteranen, die in ihrem Wissen, was auf uns zukommen sollte, seltsam vereint wirkten. Ich suchte mir ein Bett. Mir gegenüber breitete ein Mann seinen Gebetsteppich aus, er kniete nieder, und während er betete, inmitten des Lärms, der von den hohen, kahlen Wänden zurückfiel, schien er ein freier Mensch zu sein. Andere saßen bloß da. Sie fanden sich ab, und ich versicherte mir, dass ich jederzeit aussteigen konnte. Wer die sechs Wochen durchhalten würde, sagten die Veteranen, dürfe beim nächsten Mal wiederkommen. Aber nicht alle hatten vor, so lange zu bleiben. Es hieß, das Arbeitsamt habe sie als Zivilisten in diesen Kriegsdienst geschickt, den zu verweigern nicht zulässig war.
Auch Faruk wird man nicht wieder einladen. Ich kenne seine Adresse nicht, und das letzte Bild, das ich von ihm im Kopf habe, ist jenes, auf dem er eine Kapuze trägt. Er liegt auf dem Boden, und ein Soldat drückt ihm ein Knie in den Rücken. Faruk hat einen Finger des Soldaten zu fassen bekommen, als der die Kapuze um seinen Kopf festziehen wollte, er dreht den Finger aus dem Gelenk, in die Schreie des Soldaten hinein, in die Befehle, die in verschiedenen Sprachen gebrüllt werden. Die Taliban sind vom Dach gekommen, die Sensoren heulen, ein Toter steht auf, und eine Waffe ist auf meinen Kopf gerichtet. Ich starre auf die Wand und erwarte den Schuss, der sich lösen und mein Trommelfell zerfetzen wird. Aber es passiert nichts. Sie bringen Faruk nach draußen, und später heißt es, man hätte der Geisel nicht in die Kniekehlen treten dürfen. Auch die Kapuze war falsch, und als sie mich abführen, muss ich einen Stock auf dem Rücken festhalten, weil man mir die Hände nicht fesseln darf. Sie geben mir einen Helm, den ich im Jeep aufsetzen muss, for safety reasons, und als ich im Lager eine Aussage machen soll, weiß ich nicht, ob sie mich oder Aladdin fragen.
Die sechste Woche hat angefangen. Ab heute wird jeder Tag ein letzter sein, und ich sehe den Wolken zu, die zu weit oben ziehen, um den Hügel zu streifen. Manchmal landet ein Hubschrauber in einer Windhose aus rotem Staub. Wenn der Lärm verstummt, höre ich einen der alten Männer singen, Ibrahim oder Saheed, die diese Namen auch jenseits des Zaunes tragen und schon viele Sommer im Dorf verbracht haben. Die Schlüsselrollen werden immer mit Afghanen besetzt, die Dari und Paschtu sprechen und neben den Soldaten auch die Übersetzer trainieren. Ich frage mich, wohin sie bald zurückkehren werden. Noch eine Stunde, dann können wir beten gehen, es so aussehen lassen, als könnten wir beten: für Faruk oder den Soldaten mit der verbundenen Hand, von dem es heißt, er sei gerade Vater geworden. Wenn er Glück hat, wird auch er wieder nach Hause geschickt, und bis es für mich so weit ist, sitze ich auf der Terrasse. Meine Bücher sind ausgelesen, meine Haut ist ledern geworden, und an klaren Tagen entdecke ich manchmal Rehe am Waldrand.
Am letzten Tag erhalten wir unsere Handys zurück, im Tausch gegen das Sensorgeschirr. Ich lege meinen Kaftan ab, die Pluderhose und den wollenen Hut, und dann ist Aladdin fort, ohne dass wir uns verabschiedet haben. Ich hätte ihm gerne einmal die Hand gegeben, ihm in die Augen gesehen und ihn gefragt, wie alt er tatsächlich war: vielleicht einhundert Mal achtundzwanzig Jahre alt, so viel, wie er gesehen haben muss, mit einhundert Augenpaaren – mehr, als einer allein in den Kopf kriegen kann. Manchmal kommt er mir vor wie ein Greis, und ich frage mich, wann alles angefangen hat: wer der allererste Aladdin war, und wer der Erste war, der seinen Platz einnahm, um ein Stück Land zu besitzen, seine Papiere und seine Geschichte verloren zu haben und das Leben eines Mannes zu führen, der keine Erinnerung hat.
Bevor wir abreisen, wird unser Gepäck noch einmal durchsucht. Beim letzten Mal seien zu viele Kostüme abhandengekommen, doch als die Mitarbeiter der Firma nichts finden, was sie uns wieder abnehmen könnten, dürfen wir in den Shuttlebus steigen. Die Rolle bleibt hier, und mit ihr alles, was sie ausgemacht hat. Auch die Soldaten brechen heute noch auf, ohne von diesem Ort etwas mitzunehmen. Die meisten waren jünger als wir, nach den Gesetzen ihres Landes nicht einmal volljährig, und bisher sind sie niemals im Ausland gewesen. Dieses Land ist das Erste, was sie vom Rest der Welt sehen: Die Dörfer hinter dem Sicherheitszaun, und wenn sie heute noch weiterfliegen, nach Mazar-i-Sharif, muss dieser Ort auf sie wie eine Fälschung wirken.
Der Shuttlebus bringt uns zum Bahnhof. Wir steigen in Züge um, jeder für sich, wir sind zu wenige, um die Busse zu füllen, mit denen wir angereist sind, und meine Stadt hat die höchste Abbrecherzahl: Die trockenen Anfangswochen machten vielen zu schaffen, den Trinkern stieg die Hitze zu Kopf, und andere reagierten allergisch auf die Stiche der Wespen, von denen es im Dorf viel zu viele gab. Wer ausfiel, kam nicht mehr zurück. Sein Nachrücker wartete schon, und zu denen, die am Ende noch übrig waren, sagte der Supervisor: Ihr habt großes Glück gehabt! Ihr alle dürft wiederkommen, wir werden bald wieder Arbeit haben, ein ganz neues Programm, das eine echte Herausforderung wird! Er versprach, sich zu melden, sobald die Ausschreibung online stehe, und auf dem Weg zum Bahnhof muss ich an Samir denken, der auf der Hinfahrt, als er noch Denny hieß, neben mir saß. Vor knapp zwei Wochen ist er wieder nach Hause gefahren. Er hatte sich die Hand mit siedendem Wasser verbrüht, seine Haut warf Blasen, die nicht simuliert aussahen, und das Arbeitsamt bezahlte die Rückfahrt. Bloß Walid behauptete, es sei kein Unfall gewesen: Er habe Samir bereits packen gesehen, am Abend vor seiner Abreise, als seine Hand noch beweglich war.
Auf dem Bahnsteig verteilen wir uns. Wir stehen vereinzelt; die Rolle bleibt hier, und mit ihr alles, was wir gemeinsam hatten. Hinter mir zischen die Bierdosen. Die meisten telefonieren oder wischen auf ihren Smartphones herum. Sie sind nicht mehr ansprechbar, und ich sehe den ICEs hinterher, die hier bloß durchrauschen, und gebe dem Sog nach, der meinen Oberkörper in Fahrtrichtung zieht. Ich schnipse die Zigarette ins Gleisbett. Es soll meine letzte gewesen sein, ein dünner Faden Rauch schlängelt sich empor, und im Dorf wurde fast alles in Zigaretten bezahlt. Der Tauschhandel blühte, und selbst die Zeit erhielt ihren Gegenwert. Sie ließ sich zerlegen, in die Pausen zwischen zwei Zigaretten, die jeden Tag etwas kürzer geworden sind, und für die letzte Packung habe ich fast ein Vermögen bezahlt. Die Preise stiegen, als alles eingetauscht war, und sie kostete mich einen Putzdienst im Toilettencontainer, den ich gemeinsam mit Ibrahim ableistete, der allerdings nur in der Ecke stand, weil das Putzen in der Welt, die wir hier nachstellten und auf der er beharrte, ausschließlich Sache von Frauen war.
Ich drehe mich um und verschenke meine halbleere Packung. Im Raucherbereich stehen sie dicht an dicht, ohne sich in die Augen zu sehen. Ich mache einen Schritt über die gelbe Linie, gehe den Bahnsteig hinab und hole mein Telefon aus der Tasche, um nachzusehen, ob ich Netzzugang habe. Doch als ich den Browser öffne, weiß ich nicht mehr, wohin, und alles, was ich im Dorf noch nachschlagen wollte, ist plötzlich weg oder hat an Bedeutung verloren. Auf der Seite der Bahn kann ich nachlesen, dass ich viermal den Zug wechseln muss, bevor ich in sechs statt vier möglichen Stunden zu Hause sein werde.
Die Firma bezahlt uns ein Wochenendticket, und ein letztes Mal dehnt sich die Zeit. Diesmal kommt es mir vor wie ein Geschenk: zwei Stunden, die mir zusätzlich bleiben, um wieder zu dem zu werden, als der ich ankommen soll, einer, den meine Freundin am Bahnsteig wiedererkennt und den sie nicht fürchten muss, mit nach Hause zu nehmen.
Als der Regionalexpress einfährt, steige ich als Letzter ein und suche mir ein freies Abteil. Ich will niemandem gegenübersitzen, der mich als Aladdin kennt oder im Lager eine Waffe getragen hat – einem der Dorfpolizisten, die vom Supervisor für ihre besonderen Verdienste geehrt worden sind. In Zivil kann man uns kaum unterscheiden. Die Uniform veränderte ihren Gang, und ich muss an meine Zeit in der Schweiz denken, als ich ein Auslandssemester in Zürich verbrachte und am meisten irritiert davon war, wie pünktlich die Züge fuhren – als Teil derselben Ordnung, in der auch achtzehn- oder neunzehnjährige Rekruten in den Abteilen saßen, ihre Schnellfeuergewehre zwischen die Knie geklemmt, während offenbar niemand Notiz davon nahm.
Die Gegend vor dem Fenster hat sich verändert. Sie ist weiter geworden, die Militärposten sind aus dem Blickfeld geräumt, man hat die Schlagbäume von den Straßen entfernt, es gibt kein Kriegsgerät mehr und keine Geländewagen. Auf der Landstraße, die mir lächerlich breit erscheint, fahren Spielzeugautos in grellen Farben, und zwischen den Dörfern ist alles grün. Ich blicke in Vorgärten, in denen Kinder Trampolin springen, über Felder hinweg, die irgendwo ausfransen, weil ihnen jede Begrenzung fehlt, und muss mich ständig daran erinnern, dass nicht jeder Halt des Zuges ein Checkpoint ist. Ich erwarte, dass die Türen auffliegen, in Ergoldsbach, Eggmühl und Parsberg, dass Soldaten hereinstürmen, mit ihren Stiefeln voran, und mir befehlen, mit den Händen auf dem Rücken zum Bahnsteig zu gehen. Aber sie kommen nicht. Der Zug fährt weiter, er lässt die Namen hinter mir, als Teil einer Besetzung, die weit zurückliegt, und ich strecke die Beine aus und erwarte den Schaffner, der mir befiehlt, meine Schuhe vom Sitz zu nehmen, an denen noch ein Rest roter Erde klebt.
