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Zwei Menschen lernen sich völlig unerwartet kennen und treten ineinander eine Welle los. Aus einem Impuls heraus werfen sie ihre vormaligen Leben über Bord. Keiner von beiden weiß, wohin die Reise sie führen wird. Sie stammen aus unterschiedlichen Welten und doch eint sie eines: die Sehnsucht nach einem unbekannten Mehr. In ihrem Wunsch, den Fängen sozialer und gesellschaftlicher Erwartungen zu entfliehen, begeben sie sich gemeinsam auf ein Abenteuer. Über Höhen und Tiefen finden sie heraus, dass sie auf der erfolglosen Suche nach einem gemeinsamen Weg letztlich sich selbst finden. "Binnenanker" erzählt eine Geschichte über das Menschsein: von Aufbegehren und Scheitern, Liebe und Loyalität, menschlichen Schwächen und bewiesenem Mut.
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Seitenzahl: 184
Veröffentlichungsjahr: 2020
Karoline Marinel
Binnenanker
© 2020 Karoline Marinel
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback: 978-3-347-00127-5
Hardcover: 978-3-347-00128-2
e-Book: 978-3-347-00129-9
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§ 1 BLITZSCHLAG
Kopfüber
SIE: Gestohlene Stunden
Sie tauchte ein in das schimmernde Grün des Bergsees. Das kühle Wasser umschloss ihren Körper sanft – wie ein flüssiger Smaragd. Mia schob die undurchsichtigen trägen Wassermassen mit beiden Armen kräftig zur Seite und wurde in ihnen schwerelos.
Wer war diese unverhoffte Begegnung, die alles in Frage stellte? Sie hätte sich nicht ausmalen können, dass eine einzige Sommerwoche ihr Leben auf den Kopf stellte.
Mia dachte an Düsseldorf und an das, was dort auf sie wartete. Eine Verlobungsfeier, ihr Studium, ein nüchterner Onkel als letzter Überrest einer Familie. Über die Jahre hinweg hatte Mia gelernt, sich mit der inneren Einsamkeit abzufinden, die seit dem schwarzen Tag in ihr herrschte. Sie hatte den Schmerz verdrängt und sich pflichtbewusst durch die Schulzeit und die ersten Studiensemester gequält, als läge in ihrer Ausbildung ein Selbstzweck. Doch im Grunde wusste Mia, dass etwas nicht stimmte. Wohin sie auch ging und wie sehr sie es geschäftig überspielte, sie trug ein Vakuum in sich. Rastlos suchte sie nach dem Tod ihrer Mutter eine Bodenhaftung und war sich dabei selbst der luftleere Raum. Unterbewusst bahnte sie sich einen Weg, um alles hinter sich zu lassen und zu vergessen – ohne dabei jemals anzukommen.
Schon seit Jahren spielte Mia dieses Spiel, dessen Regeln sie nicht verstand. Mitten im Nirgendwo, in Gedanken an einen fesselnden Unbekannten stand es ihr plötzlich klar vor Augen: Sie wusste überhaupt nicht, wonach sie sich streckte und wohin sie lief.
Sie strampelte und kämpfte, scheute keine zusätzliche Schicht beim Kellnern im Bistrot, keine Nacht in der Bibliothek. Doch es fehlte ein Endziel. Die verschlingende Leere in ihr blieb, egal mit wie vielen bunten Hüllen Mia sie auch verdeckte.
Irgendwann käme er vielleicht, der Morgen, an dem sie die Augen öffnete und fröhlich in die Sonne lächelte, ohne die tiefe Schwere in ihrem Herzen. Bis dahin würde Mia weiter atemlos durch ihren Alltag hechten, wartend und hoffend.
Doch jetzt war da das Bild von einem Fremden, der ihr neuen Mut einhauchte. Jordìs Anziehungskraft weckte ein unbekanntes Verlangen in Mia, eine Kehrtwende zu machen; einmal aus dem Bauch heraus einen völlig anderen Weg einzuschlagen und abzuwarten, was passierte.
Mia tauchte mit dem Gesicht unter Wasser und stieß die zerplatzenden Luftblasen aus. Diese Sommerwochen würde sie nicht als Karrierechance nutzen, um sich das Qualitätssiegel eines elitären Programms in die Haut zu brennen. Sie atmete. Die flüchtige Begegnung hatte etwas aufgebrochen.
Der Wind strich über den See und Mia hielt in ihrer Bewegung inne. Das Wasser wurde ruhig und die Sonne brach sich in seinem dichten Grün. Mia beobachtete, wie die leichten Windstöße die schimmernde Wasseroberfläche in sanfte Wellen legten.
Von den Schwimmzügen erhitzt, aber gestählt trieb ihr Körper im kühlen Seewasser. Mia sah an sich herab. Knapp unter der Oberfläche erkannte sie noch die Konturen. Grünlich zeichneten sich ihre gestreckten Arme bis zu den Händen ab. Sie spielte mit den Fingern und ließ ihre Handflächen langsam herabsinken. Nach wenigen Zentimetern verschwanden sie im Ungewissen. Doch Mia spürte jede einzelne Fingerkuppe, jede Faser ihres Körpers, auch wenn die trüben Strömungen keinen Blick in die Tiefe mehr freigaben. Verborgen im Unsichtbaren existierte etwas, das sie an die Oberfläche bringen konnte; nach nicht mehr als ein paar unscheinbaren Momenten mit Jordì spürte Mia es deutlich. Er erschütterte etwas Grundlegendes in ihr. Erstaunlicherweise fühlte sich das ausbreitende Beben aber nicht bedrohlich an, sondern gut.
Mia zog ihre Hände zurück, breitete die Arme aus und drehte sich in einer Rolle auf den Rücken. An diesem Sommernachmittag würde sie nichts tun, außer ihren Gedanken an diesem verwunschenen Ort freien Lauf zu lassen – ohne einen Schimmer, was kommen würde, und doch in der plötzlichen Gewissheit, dass etwas auf sie wartete.
Diese gestohlenen Stunden gehörten ihr.
ER: Sehnsucht
Am Ufer riefen die Ersten zum Aufbruch, packten die nassen Handtücher zusammen und befestigten sie an den Gepäckträgern der Fahrräder.
Jordì sah hinaus auf das Wasser. Mia schwebte noch immer fast regungslos an der Oberfläche. Wenn die leichten Strömungen ihren Körper aus dem Zentrum weggetragen hatten oder die Sonne nicht mehr in ihr Gesicht fiel, rührte sie sich. Dabei bewegte sie sich so vorsichtig, als wollte sie das Wasser in seiner Ruhe nicht erschrecken.
Jordì blinzelte und wendete sich ab. Er fühlte sich, als wäre auch er dort in der Mitte des Sees und sein Herz wurde schwer.
Seit Mia am ersten Morgen lachend die Empfangshalle betreten hatte, kreisten seine Gedanken. Inmitten des belebten Treibens spürte er, wenn sie in der Nähe war. Sie strahlte eine geheimnisvolle Wirkung aus, die ihn unwillkürlich anzog.
Doch ihm war bewusst, dass er nicht frei war und es wahrscheinlich nie werden würde. Seit Generationen lag die Verantwortung für das Familienunternehmen bei den Söhnen der de Parreras i Fardeneres. Doch das alte katalanische Geschlecht hatte sich zunehmend ausgedünnt. Außer Jordì gab es niemanden, der das Familienerbe antreten könnte, ganz gleich, ob er sich dieser Aufgabe gewachsen fühlte oder nicht.
Jordì spürte bei jedem Atemzug, wie schwer die Erwartungen der Heimat auf seine Brust drückten. Er dachte an den missbilligenden Blick seines Großvaters, als er schließlich für den Programmauftakt zum Flughafen aufgebrochen war. Auf der Reise hatte Jordì das schlechte Gewissen noch verdrängen können; es standen nur ein paar vergnügliche Sommertage in den Bergen bevor, mit einer bunt gemischten Gruppe ausländischer Studenten. Selbst das gesamte Stipendium dauerte kaum ein Jahr. Zumindest musste Jordì das grollende Familienoberhaupt so nur auf absehbare Zeit verärgern.
Nun aber geriet das große Ganze aus den Fugen. Mia nahm allen gesicherten Zukunftsaussichten den Wind aus den Segeln und verzauberte ihn.
Wenn sie mit ihrer zarten Statur durch die langen Gänge zum Kursraum eilte, wirkte sie wie eine kleine Elfe. Ihre Bewegungen waren stark und sanft zugleich und ihr gesamter Körper sprach, wenn sie etwas erzählte. Mit den Händen untermalte sie ihre farbenfrohen Aussagen und wenn sie lächelte, wollte Jordì sie am liebsten vor Glück in die Luft heben und im Kreis herumwirbeln.
Er konnte es sich nicht erklären. Doch ohne jedes Wort von ihr legte sich eine Leichtigkeit um sein Herz, wenn sie in seiner Nähe war.
Noch immer trieb sie besinnlich allein dort im See in der Sonne, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Unvermittelt stach etwas wie ein Dorn in seinen Brustkorb und Jordì wandte sich ab. Er fühlte sich schuldig; sein Weg war vorgezeichnet. Aber in diesem stillen Moment am Seeufer wünschte er sich nichts sehnlicher, als seine Fesseln zu sprengen und auszubrechen.
Türöffner
SIE: Nestwärme
Mia erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen. Mit zitternden Fingern hatte sie den Brief geöffnet und ihr Herz hatte einen Sprung gemacht, als sie die Zusage schwarz auf weiß in den Händen hielt. Jede Förderung öffnet Türen; immer und immer wieder hatte ihre Mutter das gesagt. Doch offenbar förderte dieses Programm etwas ganz anderes zu Tage.
Noch bevor sie damals die weiteren Unterlagen aus dem dicken Umschlag ziehen konnte, klingelte das Telefon: Onkel Pawel, als hätte er es geahnt. Rasch berichtete Mia von den Neuigkeiten. Nicht anders als sonst reagierte Pawel nüchtern und streng. Seine tiefe Stimme holte Mia aus der aufgeregten Vorfreude und ihren schwirrenden Gedanken zurück in die Gegenwart. „Mach das Beste daraus, Mia. Deine Mutter hätte alles dafür getan.“
Wie ein Schlag trafen Mia seine Worte. Natürlich, jede Chance verlangte Einsatz. Immer schwang ein Erwartungsdruck mit und mit ihm eine nicht greifbare Verantwortung; Mia schuldete es den Entbehrungen der Mutter, jeder großen Möglichkeit ihr gesamtes Herzblut zu widmen.
Um Mia ein besseres Leben zu ermöglichen, war die junge Mutter in Nacht und Nebel geflohen. Sie hatte alles zurückgelassen, damit ihrer Tochter gegenüber niemand die Fassung und auch die Hand verlieren könnte; damit Mia frei aufwachsen würde. Mochte der Weg auch steinig sein oder die Tage dunkel, es nährte die Perspektive. Mit harter Arbeit und Fleiß konnten sich Träume erfüllen.
Darum bemühte Mia sich jeden Tag und nach dem Tod ihrer Mutter noch härter. Das Mantra war ihr ein Anker und ein Joch zugleich.
Denn von einem Tag auf den anderen war alles anders geworden. Vom vormals gewohnten Lebensalltag blieb fast nichts und Mia suchte nach einem Gerüst, an dem sie sich festhalten konnte.
Statt gemeinsam geträllerter Lieder bei der Hausarbeit und einer warmen Umarmung der Mutter herrschte plötzlich eine dröhnende Stille vor; Mia suchte vergeblich nach rettenden Inseln menschlicher Wärme und einem fröhlichen Lachen.
Onkel Pawel hatte die klaffende Lücke nicht ausfüllen können. Obwohl auch er ausgebrochen war, um sich weit weg in Deutschland ein Leben aufzubauen, hatte er die Versöhnung mit der verstoßenen Schwester zu spät gesucht. Diese Wunde heilte nicht aus und Mia brachte keine Linderung, sondern erinnerte ihn und streute so fortwährend Salz in die Wunde.
Eingekapselt bahnte Mia sich seither ihren Weg. Schritt für Schritt setzte sie übrig gebliebene Bruchstücke zu einem neuen Lebensalltag zusammen. Doch es blieb kalt.
An jenem schwarzen Tag war Mia hart gefallen und hatte die Orientierung verloren. Es gab keine Alternativen und kein Zurück; also richtete sie sich langsam wieder auf und ließ sich dabei von den Zielen der verlorenen Mutter den Weg weisen. Mia sollte erreichen, was dieser verwehrt gewesen war; sie würde den Traum ihrer Mutter erfüllen. Sie musste das Abitur machen und studieren; eine gute Ausbildung sollte ihr Schlüssel zu einer unabhängigen Zukunft werden.
Dafür hatte Mias Mutter alles gegeben: jede Spätschicht im Werk übernommen, jeden Cent für eine Ausbildung an der Universität gespart, jedem abschätzigen Blick standgehalten.
Mia war noch in der Schule gewesen, als der Schicksalsschlag hereinbrach. Die Direktorin hatte sie völlig unvermittelt aus der Französischstunde gezerrt; als sie von den verpassten Anrufen berichtete, wusste Mia, dass sich das Unheil anbahnte. Als sie kurz darauf schweißüberströmt am Krankenhaus ankam, wartete Onkel Pawel bereits leichenblass in der Eingangshalle auf sie. Es war zu spät.
Von da an trieb ein blinder Ehrgeiz Mia an. Die verzweifelte Hoffnung, ihrer Mutter so näher zu sein, sollte den tiefen Krater in ihrem Herzen überwinden. Die Bewegungen verselbstständigten sich; sobald Mia nachließ, stand ihr das Bild der unerschöpflichen Tatkraft der gezeichneten und bereits zutiefst kranken Mutter vor Augen.
Als sie nun vor wenigen Wochen in Düsseldorf den Brief mit der Zusage in den Händen gehalten hatte, war Mia sich so sicher gewesen: Sie würde auch diese Chance nutzen und nichts und niemand sollte sie aufhalten.
Doch nun geriet ihre Welt ins Wanken.
ER: Spielereien
Baptiste verdrehte die Augen. „Junge, was willst du nur mit diesen akademischen Eskapaden und dazu noch im Ausland? Was du für die Firmenleitung brauchst, lernst du von mir – und zwar genau hier, in Besalú!“
Jordì wusste, weshalb er die Bewerbungen hinter dem Rücken seines Großvaters geschrieben hatte. Seit dem Absenden hatte er ungeduldig und mit gemischten Gefühlen auf eine Antwort gewartet. Würde er eine Zusage erhalten und die Diskussion mit dem Familienoberhaupt suchen müssen?
Der Augenblick für eine Konfrontation kam schneller als erwartet und obwohl Jordì nächtelang gegrübelt hatte, fühlte er sich mit einem Mal entschlossen. Er wollte den Erwartungen seiner Familie gerecht werden und alle glücklich machen. Doch dafür müsste er noch nicht jetzt alle seine Wünsche aufgeben. Dieses Mal würde er sich noch nicht fügen, sondern das Stipendium antreten und für den Auftakt nach Österreich reisen.
Schon bei der Bewerbung hatte Jordì sich keine Illusionen gemacht. Sein Großvater würde das Vorhaben nicht billigen und dieser hatte in der Familie das Sagen. Aber Jordì war bereit, den Preis hierfür zu zahlen. Auch wenn der Patriarch eine Weile verstimmt war: Das war Jordìs Ticket in die Welt; und wenn sie ihm schon nicht offenstand, so konnte ihm doch zumindest einen Ausflug niemand verwehren. Wenn er die Gelegenheit ungenutzt vorbeiziehen ließe, würde er sich immer fragen müssen, ob sein Leben vielleicht ganz anders verlaufen wäre, wenn er sich nur getraut hätte, auch einmal auswärts Luft zu schnuppern.
Jordì zog es auch nicht erst seit den Studientagen immer wieder heraus aus Besalú. Sobald er den Vorstoß wagte und beim sonntäglichen Essen mit der Großfamilie von einer neuen Reiseidee erzählte oder einen Sprachkurs vorschlug, schwang in den Reaktionen ein Vorwurf mit. Doch Jordì war nicht wie sein Vater, der die Familie im Stich gelassen hatte, und es war auch nicht sein Plan, der Heimat für immer den Rücken zu kehren. Er fühlte sich gefangen; auch er musste einmal die Fühler ausstrecken und atmen dürfen.
Seit das Fernweh ihn ergriffen hatte, gärte auch ein innerer Trotz in Jordì. Nicht einmal erinnern konnte er sich und trotzdem wurde er bei jedem Schritt aus Besalú mit seinem Vater über einen Kamm geschoren. Verdiente er das Misstrauen, nur, weil sein Vater sich gegenüber der Familie zweifelhaft verhalten hatte? Und überhaupt – wie sollte er sich von jemandem abgrenzen, den er nicht einmal kannte? Er war eingesperrt durch Ängste, die von Erinnerungen lebten. Doch Jordìs Fernweh war etwas anderes als die Verantwortungslosigkeit, die man seinem Vater anlastete.
Als er von dem Stipendium berichtete und in die kritischen Gesichter der Familienmitglieder blickte, protestierte eine Stimme vehement in Jordì. Es war ungerecht; er musste die Welt dort draußen zumindest einmal erlebt und gespürt haben. Er müsste losgelöst vom starren Korsett der Heimat herausfinden, wer er war. Anders käme er in Besalú wahrscheinlich nie zur Ruhe.
Seit er denken konnte, waren alle Spielzüge gesetzt: Das Familienunternehmen wartete; das repräsentative Stadthaus und der Gutshof samt Ländereien mussten verwaltet werden. Die politischen Ämter in der Region fielen außerdem seit Generationen den führenden Köpfen der lokalen Wirtschaft zu; dazu kochte der Wunsch nach einem unabhängigen Katalonien immer begehrlicher auf.
Auch wenn er sich sträubte: Über kurz oder lang musste Jordì die Geschäfte führen und seine Position im gesellschaftlichen und politischen Gefüge einnehmen. Wie schon sein Großvater würde er das Familienerbe annehmen und in die Fußstapfen seiner Vorfahren treten. Es gab keine Alternative; mit seinem Bruder hatte das Schicksal gespielt und seine Schwester könnte die Rolle nie ausfüllen. Es war an Jordì und jeder wusste es.
Doch schon seit Jordìs Schulzeiten tuschelte das Dorf. Offenbar hatte Baptiste seinen jüngsten Enkel nicht im Griff. Immer wieder streunte Jordì an den Wochenenden in die Großstadt. Wenn es nicht Barcelona war, fuhr er manchmal sogar per Anhalter über die Ländergrenzen nach Portugal oder Frankreich. Außerdem war er schon mehrfach über Wochen für Sprachkurse und sonstige Spielereien ins Ausland verreist. Man munkelte. Wann würde Baptiste seinen Enkelsohn offiziell in die Geschäfte einführen? Es schien, als hätte der Junge das sprunghafte Wesen seines Vaters geerbt. Wollte er sich womöglich seiner Verantwortung entziehen und bereitete den Absprung aus dem Heimatort gar schon vor?
Jordì wusste, dass seine Reise nach Österreich wie auch das Stipendium genau diese Gerüchte anfeuern und den Spott auf den machtlosen Patriarchen ziehen würden. Natürlich wollte er seinen Großvater um keinen Preis bloßstellen. Aber etwas in ihm sträubte sich gegen die allgegenwärtigen Erwartungen. Noch war der Gips weich, doch die Strukturen härteten mit jedem Lebensjahr aus. Die Vorstellung, dass jede Facette seiner Zukunft bereits in Stein gemeißelt sein sollte, legte sich bleiern auf seine Schultern.
In Besalú spürte Jordì förmlich, wie sich die Fesseln Tag um Tag enger um seine Brust schnürten, ohne ihm Luft zum Atmen zu lassen. Wie sollte er herausfinden, wer er war und was er selbst wollte, wenn es hier nur einen denkbaren Platz für ihn gab und das alles seit Kinderschuhen bestimmt war?
Er hoffte zutiefst, dass sich der vorgezeichnete Weg in Besalú eines Tages richtig anfühlen würde. Doch die allgemeine Erwartungshaltung und die vielen neugierigen Augen ließen ihm keinerlei Wahl.
Die Idee, das internationale Stipendium als Ausflucht zu nutzen, flatterte in einer Vorlesung an der Universität unschuldig wie ein Schmetterling in Jordìs Gedanken und ließ ihn nicht mehr los; die Zusage kam als erlösendes Geschenk. Er könnte nach dem Auftakt in Österreich verschiedene Kurse besuchen und ein Auslandssemester anhängen; sicher würde ihn das atmen lassen. Und vielleicht würde sich die heimische Perspektive mit etwas Abstand als eine attraktive oder zumindest eigene Entscheidung anfühlen und könnte sich als Berufung verfestigen, anstatt als lähmende Pflicht.
Jordì sah einen fairen Kompromiss. Er war noch nicht bereit, unter den Fittichen seines Großvaters in die Verantwortung zu wachsen. Weder wollte er sich selbst vergessen und unbekannte Träume aufgeben noch seine Wurzeln verleugnen. Aber dazu musste er lernen, sich im Spannungsfeld der vielfältigen Erwartungen zu positionieren; hierfür musste er erst einmal selbst auf beiden Beinen stehen und seine Standpunkte kennen. Noch wollte und würde er sich nicht still und leise einordnen und einem vorbestimmten Schicksal fügen.
Damit unterschied sich Jordì von den Familienmitgliedern und seinen Freunden. Oftmals fragte er sich, wieso. Während sie das gute Leben in der Heimat schätzten, brannte in ihm eine nicht zu greifende Sehnsucht, die ihn von seinem Umfeld trennte und unglücklich machte. Der innere Zwiespalt zehrte stetig an ihm und schaffte eine Distanz. Mit einer Auszeit und etwas Abstand könnte er diese womöglich eher überbrücken, anstatt sich weiter im gemachten Nest fremd zu fühlen.
Mit der Zusage kam der Eklat wie vorprogrammiert. Doch obwohl der Großvater alle Register zog und die Mutter als Mittlerin versuchte, die Streitenden zu besänftigen: Jordì blieb resolut. Diese Möglichkeit würde nicht ungenutzt vorüberziehen. Er brauchte diese Zeit für sich zum Durchatmen.
Auch in den folgenden Wochen wich das blanke Unverständnis nicht aus Baptistes Zügen. Als Jordì schließlich abreiste, hoffte er, dass sein Großvater ihn eines Tages verstehen oder ihm zumindest vergeben würde.
Sommerluft
SIE: Ungeahnte Seiten
Unter strahlend blauem Himmel machte sich die frisch zusammengewürfelte Gruppe auf zur Fahrradtour. Nach den Einführungskursen luden die freien Nachmittagsstunden dazu ein, die Gegend zu erkunden. Die Stimmung war ausgelassen und die Truppe radelte im gleißenden Sonnenschein los. Der erfrischende Bergsee wartete.
Doch Mia lag ein Stein auf dem Herzen. Ruhig und besonnen war sie zum Programmauftakt angereist. Doch schon beim ersten Abendessen verlor sie ohne jede Vorwarnung die Fassung. Natürlich hatte sie Jordì tagsüber bei der Ankunft gesehen und auch in der Vorstellungsrunde war er ihr aufgefallen. Doch als er sich auf dem Platz ihr gegenüber niederließ, stand die Welt Kopf. Innerhalb von Sekunden verlor sie sich vis-à-vis in seiner geheimnisvollen Ausstrahlung.
Er hatte diesen wehmütigen Schimmer in seinen stahlblauen Augen und aus der Nähe traf Mia sein Blick wie ein Blitzschlag. Er schien durch sie hindurchzudringen, ohne dabei aber im Gegenzug seine Geheimnisse preiszugeben. Dagegen wirkten Jordìs Gesichtszüge sanft. Die markanten hohen Wangenknochen zeichneten eine edle Note und die kleine Narbe über seiner linken Augenbraue erzählte eine Geschichte, die Mia nicht kannte.
In den folgenden Tagen setzte sich die flirrende Aufregung nicht, die er in ihr auslöste. Selbst wenn Mia den Blick abwandte, nahm sie Jordì wahr. Er bewegte sich geschmeidig und ein jungenhafter Zug umspielte seine Gesten. Wenn Mia seine Stimme hörte, schlug ihr Herz schneller. Wenn er sich näherte, wurde sie nervös und tollpatschig. Etwas an ihm brachte sie völlig aus dem Konzept.
Mia war vor den Kopf gestoßen. Sie kannte sich so nicht. Ihre gefassten Entschlüsse verfolgte sie geradlinig. Bevor sie sich eine Vorstellung machte, durchdachte sie Optionen und wog Vor- und Nachteile ab. Mit einem Schlag fühlte sie sich nun hilflos und impulsiv. Der entwaffnende Unbekannte nahm ihr die Zügel aus der Hand.
Völlig unerwartet wirbelte er Mias Lebenspläne durcheinander. Zu Hause in Düsseldorf wartete in wenigen Monaten eine Verlobungsfeier; allein die Vorstellung fühlte sich mit einem Mal schrecklich fremd an.
Mia verstand nicht, wie sie in eine solche Lage geraten konnte. Frohen Mutes war sie für den Programmauftakt eingetroffen und schon nach einem Tag wusste sie nicht mehr, wo oben und wo unten war. Die Begegnung mit Jordì warf sie aus der Bahn und je mehr sie versuchte, ihm aus dem Weg zu gehen, desto häufiger stießen sie aufeinander.
Mia versuchte, ihre Gedanken zu sortieren und in der radelnden Menge zu verschwinden. Immer wieder tauchte Jordì aus dem Nichts auf. Als sie an der Dorfschänke anhielten, spürte sie, wie er sich näherte. Unwillkürlich machte Mias Herz einen aufgeregten Sprung. Sie beugte sich herab zum Fahrradschloss und atmete tief durch. Vielleicht würde er weitergehen oder sein Rad an einer anderen Stelle abstellen. Sie drehte wahllos am Zahlenschloss, vorwärts und rückwärts und noch einen Kreis. Doch Jordì blieb stehen. Mia zerrte an den Kabeln und fokussierte eisern die verdrehten Zahlenfelder.
Schließlich tippte Jordì ihr sacht auf die Schulter. Mia richtete sich auf und bereute es noch im selben Augenblick. Sein lächelndes Gesicht war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt und ihr verschreckter Blick verfing sich in seinem jungenhaften Strahlen. Mias Atem stockte und Jordì öffnete langsam die Lippen. „Nicht bewegen. Du hast einen wunderschönen Marienkäfer eingefangen.“ Er griff an Mias Ohr vorbei und zupfte an ihrem Pferdeschwanz. Sein Handrücken streifte ihre Schläfe und seine Bewegung stockte für einen Moment. Dann hielt er ihr stolz den kleinen Käfer vor die Nase. „Weißt du, Mia, sie bringen Glück.“
Mia starrte mit leerem Blick in seine geöffnete Handfläche. Sie fühlte sich, als sei sie das Tierchen, das dort hilflos krabbelte. In Jordìs Gegenwart geriet ihre Welt aus den Fugen.
ER: Unverhoffte Zweisamkeit
Hatte er eine Grenze überschritten? Die kurze Berührung versetzte ihm einen Stromschlag, der durch seinen ganzen Körper fuhr. Jordìs Hände zitterten und er hoffte, dass sie es nicht bemerkte.
Mia verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete den Marienkäfer. Sie zählte laut die schwarzen Glückspunkte und nestelte dabei nervös an ihrem Armband. Fast dankbar wendete sie sich ab, als die anderen Radler zur Einkehr riefen.
Jordì hielt noch einen Moment inne. Er fragte sich, was ihn nur trieb. Etwas an Mia zog ihn unwillkürlich an. Sie schien unergründlich und zugleich so nahbar.
Schon den ganzen Tag ertappte er sich dabei, wie sein Blick immer wieder zu ihr abschweifte. Mia war so anders als alles, was er kannte. Wenn sie während der Kurse zuhörte, saß sie auf der vordersten Kante ihres Stuhls; er hatte den Eindruck, sie müsste jeden Augenblick nach vorne
