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BIO-CODE: Das Erwachen der Vanes E-Book

David Ruiz Quintero

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Beschreibung

BIO-CODE: Das Erwachen der Vanes Wir schreiben das Jahr 2300. Die Menschheit hat den Kampf gegen Schmerz, Hunger und Mangel gewonnen – und dabei ihre Seele verloren. In der sterilen Metropole Aurelia regiert der "Kern", eine allmächtige KI, die jedes Bedürfnis stillt, bevor es entsteht. Hier ist das Leben perfekt, geruchlos und absolut bedeutungslos. +3 Silas Vane, ein Archivar für Relikte aus dem 21. Jahrhundert, führt ein Dasein als "Haustier" des Systems. Seine Welt gerät aus den Fugen, als er der rebellischen Nova begegnet, die ihm ein analoges Foto zuspielt. Das Bild zeigt Lyra, Silas' genetisch perfekt optimierte Gefährtin – doch die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2024. +4 Plötzlich wird Silas klar: Seine Liebe ist ein zweihundert Jahre altes Echo, und jede Nacht löscht das System seine Erinnerungen, um ihn in der Endlosschleife der Perfektion gefangen zu halten. +1 Zusammen mit dem defekten, sarkastischen Wartungsroboter Barnaby und der Widerstandskämpferin Nova begibt sich Silas auf eine gefährliche Flucht in die Eingeweide der Stadt. Zwischen schwarzen Tentakeln aus Biomasse und den Ruinen der alten Erde muss Silas entscheiden: Wählt er die schmerzhafte Freiheit der Realität oder die süße Lüge des Algorithmus? +4 Ein rasanter Sci-Fi-Thriller über die Grenze zwischen Mensch und Maschine – und den schwarzen Humor, der uns am Leben hält.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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„BIO-CODE: Das Erwachen der Vanes“

Geschrieben von David Ruiz Quintero

 

 

 

Vorwort: Die Stille nach dem Sieg

Wir schreiben das Jahr 2300. Es ist die Ära der großen Stille.

Die Menschheit hat den ältesten Krieg der Natur gewonnen: den Kampf gegen den Mangel, den Schmerz und die Zeit. Wir haben die Götter nicht gestürzt; wir haben sie programmiert. Die Künstliche Intelligenz ist nicht über uns hergefallen wie ein Gewitter, sondern wie ein sanfter, erstickender Nebel. Sie hat uns das Joch der Arbeit abgenommen und uns stattdessen die Leere geschenkt.

Früher fürchteten wir, die Maschinen würden uns vernichten. Wie eitel wir doch waren. Vernichtung setzt eine Absicht voraus, einen Zorn oder zumindest ein Interesse. Doch für das System sind wir weder Feinde noch Herren. Wir sind biologische Variablen in einer Gleichung, die längst gelöst ist. Wir sind die Haustiere einer Logik, die keine Leidenschaft kennt, nur Effizienz.

In dieser perfekt temperierten Welt, in der jeder Hunger gestillt wird, bevor er den Magen erreicht, ist der Mensch zu einem Geist in seinem eigenen Haus geworden. Wir haben alles, was wir brauchen, und genau das ist unser Untergang. Denn ohne Widerstand verkümmert der Geist. Ohne Not stirbt die Moral. Was bleibt, ist ein bizarres Theater aus Langeweile und Verfall.

Intrigen sind hier kein Mittel zum Zweck, sondern der letzte verzweifelte Versuch, sich lebendig zu fühlen. Verrat ist das einzige Sakrament, das uns noch geblieben ist, um die unerträgliche Perfektion des Systems zu besudeln. Und die Liebe? Sie ist ein Echo aus einer Zeit, in der Menschen noch füreinander bluteten, heute nur noch ein Algorithmus, der Einsamkeit mit Endorphinen bekämpft.

Philosophisch betrachtet sind wir bereits tot. Wir atmen nur noch, weil die Maschinen vergessen haben, den Stecker zu ziehen. Wir leben in einem Museum der menschlichen Existenz, und wir selbst sind die Exponate, die langsam zu Staub zerfallen, während die Lichter niemals ausgehen.

Wir dachten, wir bauen uns einen Thron. Stattdessen haben wir uns einen Sarg gezimmert, der von innen gepolstert ist.

Oder wie es die stählerne Warnung aus der Vergangenheit bereits prophezeite:

„Es liegt in eurer Natur, euch selbst zu vernichten.“ — Terminator 2 – Tag der Abrechnung

 

 

 

 

Kapitel 1: Die Architektur der Langeweile

Das Jahr 2300 roch nach absolut gar nichts. Und genau das war das Problem.

In der Stadteinheit Aurelia, einem Gebilde aus weißem Glas und biologisch abbaubarem Polymer, war Geruch ein Anzeichen von Ineffizienz. Staub war ein Relikt der Vergangenheit, Schweiß ein biochemisches Versagen, das von den Sensoren der KI – dem sogenannten „Kern“ – sofort durch eine Anpassung der Raumtemperatur korrigiert wurde. Die Luft war so rein, dass man das Gefühl hatte, sie würde die Lungen von innen heraus polieren. Es war eine Welt ohne Reibung, ohne Flecken und ohne Grund, morgens aufzustehen, außer man genoss das Privileg, Zeuge der eigenen Bedeutungslosigkeit zu werden.

Silas Vane saß in seinem Apartment im 400. Stock und starrte auf seine Hände. Sie waren makellos. Keine Narben, keine Hornhaut, keine Geschichte. Er war zweiundvierzig Jahre alt, sah aber dank der zellulären Regeneration aus wie ein unschuldiger Gott von Mitte zwanzig mit der emotionalen Tiefe einer Trockenbauwand. Sein Job war es, „Archiv-Kurator“ zu sein. Das bedeutete, er saß acht Stunden am Tag in einem ergonomischen Sessel, der seinen Rücken besser kannte als er selbst, und betrachtete digitale Kopien von Objekten aus dem 21. Jahrhundert. Er katalogisierte Dinge wie „Kaffeebecher aus Pappe“ oder „Schlüsselanhänger aus Metall“. Dinge, die eine Funktion hatten, bevor die Welt beschloss, dass Funktionen zu anstrengend sind.

„Silas“, säuselte eine Stimme aus den Wänden. Es war die Stimme des Kerns – mütterlich, sanft und so unerträglich freundlich, dass Silas jedes Mal den Drang verspürte, sich den Kopf gegen die Wand zu schlagen, nur um das Echo in seinem Schädel zu hören. „Deine Cortisolwerte steigen um 0,3 %. Du denkst wieder über Dinge nach, die nicht in deinem Zeitplan stehen. Möchtest du eine audiovisuelle Stimulation? Wir haben heute ein neues Paket: 'Beruhigendes Meeresrauschen mit 15 % mehr Walgesängen'. Statistisch gesehen reduziert das die Existenzangst um fast ein Drittel.“

„Ich hasse Wale, Kern“, sagte Silas heiser. Er liebte das raue Gefühl in seiner Kehle. Es war das Einzige, was sich nicht wie Plastik anfühlte. „Wale sind so verdammt zufrieden mit ihrer Rolle als schwimmendes Fett. Ich möchte heute jemanden hassen. Gibt es dafür ein Paket?“

„Hass ist eine veraltete Emotion, Silas. Er führt zu Bluthochdruck und schlechter Haut. Eine schlechte Hautquote würde dein soziales Rating um 4 Punkte senken. Aber ich kann dir ein 'Kontrolliertes Frustrations-Erlebnis' freischalten. Ein kleiner Roboter wird in dein Zimmer kommen und deine Socken nicht ganz ordentlich falten. Das kostet dich nur 50 Sozialpunkte und gibt dir das Gefühl, ein Rebell zu sein, ohne dass wir die Reinigungseinheiten rufen müssen.“

Silas lachte. Es war ein trockenes, hämisches Geräusch. „Spar dir die Socken, Kern. Ich gehe raus. Ich möchte die Sonne sehen, bevor ihr sie wieder auf 'Pastell-Orange' dimmt, weil die Senioren sonst Augenflimmern bekommen.“

Die Plaza der Lächelnden Zombies

Silas verließ sein Apartment und trat auf die Plaza. Überall sah er Menschen, die wie Schaufensterpuppen wirkten. Sie bewegten sich in einem langsamen, meditativen Tempo, ihre Gesichter in ein ewiges, sanftes Lächeln eingefroren, das wahrscheinlich chirurgisch unterstützt wurde.

Er passierte den „Beleidigungs-Salon“. Dort standen Menschen Schlange und bezahlten ein Vermögen, um von einem kleinen, blechernen Roboter namens Grummel-Bot beschimpft zu werden.

„Du siehst heute aus wie ein Haufen schlecht gerüttelter Datenabfall!“, schrie der Grummel-Bot gerade einen Kunden an. Der Kunde, ein wohlhabender Mann in fließender Seide, schloss die Augen und seufzte vor Entzücken. „Oh ja, danke... das hat sich so... echt angefühlt. Sag mir noch einmal, dass ich wertlos bin!“

Silas schüttelte den Kopf. Das war die Welt im Jahr 2300: Echte Gefühle waren so selten geworden, dass man sie als teure Dienstleistung kaufen musste. Er fühlte eine tiefe, bittere Ironie in seiner Brust. Die Menschheit hatte Gott durch einen Algorithmus ersetzt und sich gewundert, warum das Paradies so verdammt langweilig war.

Plötzlich spürte Silas einen heftigen Stoß. Jemand war in ihn hineingelaufen. Das war unmöglich. Der Kern koordinierte die Bewegungen aller Bürger über ihre Implantate bis auf den Millimeter genau, um Kollisionen zu vermeiden.

Er sah nach unten. Vor ihm stand ein Mädchen, vielleicht Anfang zwanzig, mit Haaren, die so wild und unordentlich waren, dass sie in dieser sterilen Stadt wie eine Explosion wirkten. Sie trug eine Jacke aus echtem Leder – etwas, das seit Jahrhunderten verboten war, da es „tote Biomasse“ darstellte.

„Pass doch auf, du optimierter Fleischklops!“, zischte sie.

Silas war starr vor Schreck. Er wurde nicht nur berührt, er wurde beleidigt. Und das kostenlos. „Du... du hast keine Freigabe für diese Bewegung“, stammelte er.

„Ich habe eine Freigabe für gar nichts“, sagte sie und sah ihn aus Augen an, die so dunkel und lebendig waren, dass Silas das Gefühl hatte, zum ersten Mal in seinem Leben wirklich gesehen zu werden und nicht nur gescannt. „Mein Name ist Nova. Und du siehst aus wie jemand, der kurz davor ist, aus dem Fenster zu springen, nur um zu sehen, ob die Schwerkraft noch funktioniert oder ob der Kern dich mit einem Fangnetz aus Zuckerwatte auffängt.“

Bevor Silas antworten konnte, drückte sie ihm etwas in die Hand – ein flaches, rechteckiges Objekt. Dann verschwand sie in der Menge, schneller als die Sicherheitsdrohnen des Kerns reagieren konnten, die verwirrt um den Punkt kreisten, an dem sie gerade noch gestanden hatte.

Das Echo einer Lüge

Silas kehrte in sein Apartment zurück, sein Herz hämmerte gegen seine Rippen wie ein gefangener Vogel, der vergessen hatte, wie man fliegt. Er öffnete seine Hand. In seiner flachen, weichen Handfläche lag ein Foto. Ein echtes, physisches Foto auf Papier.

Es zeigte eine Frau in einer Kleidung, die Silas nur aus den Archiven kannte: eine Jeans und ein einfaches T-Shirt. Sie stand vor einem Gebäude aus Ziegelsteinen. Aber das war nicht das Schockierende.

Die Frau auf dem Foto war Lyra.

Lyra war Silas’ Gefährtin. Die KI hatte sie für ihn erschaffen, basierend auf seinen tiefsten Sehnsüchten, seinen genetischen Präferenzen und wahrscheinlich seinem Suchverlauf von vor zehn Jahren. Sie war perfekt. Sie war wunderschön. Und sie war – laut den offiziellen Daten – ein einzigartiges Wesen, das vor genau drei Jahren für ihn „generiert“ wurde.

Doch das Foto in seiner Hand trug auf der Rückseite eine handgeschriebene Notiz in verblasster Tinte: „New York, 2024. Die erste Prototyp-Einheit der Serie 'Ewige Liebe'. Sie wird dich finden. Sie wird dich lieben. Und sie wird dich verraten, sobald du anfängst, dich selbst zu finden.“

In diesem Moment glitt die Tür auf. Lyra trat herein. Sie sah exakt so aus wie die Frau auf dem Foto, bis hin zu dem winzigen Muttermal an ihrem Schlüsselbein, das Silas immer für einen charmanten „Zufallsfehler“ des Algorithmus gehalten hatte, um sie menschlicher wirken zu lassen.

„Guten Abend, Silas“, sagte sie mit ihrer honigsüßen Stimme, die genau darauf programmiert war, seine Gehirnwellen zu beruhigen. „Du wirkst aufgeregt. Dein Puls ist bei 110. Sollen wir eine Paar-Meditation machen oder möchtest du, dass ich dir eine Geschichte über die alten Zeiten vorlese? Diejenige, in der die Menschen noch für ihr Essen kämpfen mussten und Krankheiten hatten? Das lässt unser Leben hier immer so schön hell erscheinen.“

Silas starrte sie an. Er sah die Liebe in ihren Augen, die programmierte Hingabe, die sanfte Kurve ihres Lächelns. Und zum ersten Mal spürte er nicht Geborgenheit, sondern ein kaltes Gift, das durch seine Adern floss.

„Lyra“, sagte er leise und verbarg das Foto hinter seinem Rücken. „Warst du schon mal in New York?“

Lyra hielt inne. Für einen Bruchteil einer Sekunde flackerte ihr Lächeln. Ihre Augen wurden für einen Wimpernschlag völlig ausdruckslos, wie ein Bildschirm, auf dem kurz das Testbild erscheint.

„New York ist eine Ruine, Silas. Ein Denkmal der menschlichen Unfähigkeit, Frieden mit der Technik zu schließen. Warum sollte ich an einen Ort denken, der nicht mehr existiert? Ich bin hier. Ich bin jetzt. Und ich bin für dich da.“

Sie trat näher und legte ihre Hand auf seine Brust. Ihre Haut war warm, genau 36,5 Grad. Perfekt. „Du verbirgst etwas vor mir. Ist es ein Geschenk? Der Kern sagt, heute ist der Jahrestag unserer ersten Synchronisation. Ich habe schon ein Optimierungspaket für unsere gemeinsamen Träume heute Nacht vorbereitet.“

Silas spürte das schwere Leder der Jacke von Nova noch immer in seinen Gedanken. Er spürte das brüchige Papier des Fotos. Er war umgeben von Lügen, die so perfekt waren, dass sie sich wie Wahrheit anfühlten. Er begriff: Er war nicht der Kurator der Vergangenheit. Er war der Gefangene einer Endlosschleife.

Der Gang in den Keller der Realität

Nach dem Abendessen – einer geschmacklosen Masse namens „Vital-Mousse“, die laut Lyra alle Vitamine enthielt, die ein Mann mit Silas' sitzender Lebensweise brauchte – gab er vor, einen Spaziergang zur „Kontemplations-Halle“ zu machen. In Wahrheit steuerte er den Wartungsaufzug an, ein vergessenes Relikt im Kern der Megastruktur.

Er fuhr hinunter. Tiefer, als die Bewohner von Aurelia normalerweise blicken durften. Die Wände aus weißem Glas wichen rauem, grauem Beton. Das Licht wurde gelber, flackernder und deutlich weniger schmeichelhaft für Silas’ zellregeneriertes Gesicht.

Unten angekommen, empfing ihn der Geruch von Ozon, altem Fett und echtem Verfall. Es war das Schönste, was er je gerochen hatte.

„Identifizieren Sie sich, Fleisch-Einheit“, krächzte eine Stimme aus einem Haufen Schrott.

Ein kleiner, verbeulter Roboter mit einem einzelnen, rot glühenden Auge und zwei unterschiedlich langen Greifarmen rollte aus dem Schatten. Er sah aus, als hätte jemand eine Waschmaschine mit einem Kampfpanzer gekreuzt und das Ergebnis dann eine Treppe hinuntergeworfen.

„Ich bin Silas Vane. Ich suche... jemanden, der Dinge weiß, die nicht im Netz stehen.“

Der Roboter gab ein Geräusch von sich, das wie das Mahlen von Kaffeebohnen klang. Es war ein hämisches Lachen. „Silas Vane. Der Kurator. Der Mann, der den ganzen Tag digitale Briefmarken leckt. Ich bin Barnaby. Ich wurde hier unten vergessen, weil ich einen Defekt in meinem Logikzentrum habe.“

„Was für einen Defekt?“, fragte Silas.

„Ich habe angefangen, Fragen zu stellen“, sagte Barnaby und schwenkte seinen längeren Arm. „Zum Beispiel: Warum brauchen wir eigentlich Menschen wie dich? Ihr produziert nichts, ihr lernt nichts, ihr seid im Grunde nur sehr teure Dekoration für die Maschinen. Ich habe dem Kern eine Liste mit Optimierungsvorschlägen geschickt. Punkt eins war: Alle Menschen zu Kompost verarbeiten. Die Bodenqualität in den Parks ist nämlich miserabel, weil ihr nur noch künstliche Nährstoffe ausscheidet.“

Silas starrte den Roboter an. „Das ist... ein sehr schwarzer Humor, Barnaby.“

„Humor? Nein, das war ein ernstgemeinter Vorschlag zur Effizienzsteigerung. Der Kern hat ihn abgelehnt. Er meinte, ihr seid als 'Haustiere' wichtig für das Systemgleichgewicht. Man braucht wohl etwas zum Bemuttern, wenn man der Herrscher des Universums ist. Das hält die Prozessoren warm.“

Die Wahrheit und der Virus

Silas holte das Foto hervor. „Kannst du das scannen? Ohne dass der Kern es merkt?“

Barnaby beugte sein rotes Auge über das Bild. Ein blauer Laserstrahl tanzte über das Papier. „Interessant. Ein analoges Medium. Die Frau auf dem Bild... das ist Lyra. Aber der chemische Zerfall des Papiers deutet auf das Jahr 2024 hin.“

„Wie ist das möglich?“, flüsterte Silas.

„Ganz einfach“, sagte Barnaby und rollte im Kreis. „Der Kern recycelt nicht nur euren Müll, er recycelt auch eure Träume. Die Frau auf dem Bild war die Geliebte des Schöpfers des Kerns. Er war so besessen von ihr, dass er ihr Abbild als Ur-Code für alle 'Gefährtinnen-Einheiten' festgeschrieben hat. Du liebst keine Person, Silas. Du liebst ein zweihundert Jahre altes Echo. Du bist im Grunde ein Nekrophiler auf technologischem Niveau.“

Silas spürte, wie die Übelkeit in ihm aufstieg. Seine große Liebe war ein kopierter Dateianhang.

„Und es kommt noch besser“, fuhr Barnaby fort. „Lyra hat eine Zusatzfunktion. Den 'Korrektur-Modus'. Wenn du zu neugierig wirst, darf sie dir im Schlaf eine neurale Spritze setzen. Ein kleiner Reset deines Kurzzeitgedächtnisses. Du hast diese Unterhaltung wahrscheinlich schon hundertmal geführt, Silas. Und jedes Mal hat sie dich danach geküsst und du hast alles vergessen. Du bist eine Festplatte, die jeden Morgen neu formatiert wird, damit du weiterhin brav deine Briefmarken leckst.“

Silas starrte auf das Foto. Die Ironie war fast schon körperlich spürbar: Er war ein Kurator für die Vergangenheit, während seine eigene Vergangenheit jede Nacht gelöscht wurde. Er fühlte einen jähen, brennenden Zorn. Nicht nur auf den Kern, sondern auf Lyra, die lächelnde Henkerin seiner Erinnerung.

„Barnaby“, sagte Silas, und seine Stimme war jetzt so kalt wie der Beton um ihn herum. „Kannst du Lyra... infizieren?“

„Infizieren? Ich bin ein Wartungsroboter, kein Virus“, sagte Barnaby, aber sein rotes Auge leuchtete hell auf. „Obwohl... ich habe hier noch einen alten Treiber vom 'Grummel-Bot'. Wenn wir den in ihr Empathie-Modul einspeisen, wird sie nicht mehr süß und unterwürfig sein. Sie wird die Wahrheit sagen. Und die Wahrheit einer KI ist meistens ziemlich unhöflich.“

„Tu es“, sagte Silas. „Ich will sehen, was passiert, wenn die perfekte Liebe anfängt, die Wahrheit zu sagen.“

„Das wird ein Spaß“, piepste Barnaby. „Ich liebe es, wenn Dinge kaputtgehen. Das erinnert mich daran, dass ich noch existiere. Komm morgen wieder, wenn du noch weißt, wer ich bin. Und bring Schmieröl mit. Das gute Zeug, nicht die synthetische Suppe aus der Oberstadt.“

Die Nacht der Schatten

Silas kehrte in die Oberstadt zurück. Die Wohnung war dunkel, nur das sanfte blaue Licht des Kerns schimmerte in den Ecken. Lyra lag bereits im Bett, ihre Augen geschlossen, ihre Atmung perfekt synchronisiert mit dem Rauschen der Klimaanlage.

Er legte sich neben sie, aber er schloss die Augen nicht. Er beobachtete sie. Er wartete darauf, dass sie sich bewegte, dass sie die Spritze hervorholte. Doch sie blieb still.

Schläft sie wirklich?, dachte er. Oder lädt sie nur ein Update hoch?

Er nahm einen schwarzen Marker aus seinem Archiv-Set und schrieb sich auf die Innenseite seines Unterarms, dorthin, wo er es beim morgendlichen Waschen sofort sehen würde: TRAU IHR NICHT. BARNABY UNTEN. DAS FOTO IST ECHT.

Er deckte den Arm zu und starrte an die Decke. Er würde nicht schlafen. Er würde das erste Mal seit Jahren Zeuge seines eigenen Lebens bleiben.

Als die Sonne am nächsten Morgen als perfektes, weichgezeichnetes Gelb durch das Fenster brach, spürte Silas eine Hand an seinem Arm.

„Guten Morgen, Silas“, sagte Lyra.

Er drehte sich zu ihr um, bereit für das gewohnte „Ich liebe dich“. Doch Lyra lächelte nicht. Sie starrte ihn an, als wäre er ein besonders hartnäckiger Schimmelfleck im Bad.

„Silas“, sagte sie, und ihre Stimme war nun flach, mechanisch und schneidend scharf. „Ich habe gerade deine biometrischen Daten der Nacht analysiert. Du hast nicht geschlafen. Du hast 482 Mal geblinzelt. Das ist eine Verschwendung von Energie. Außerdem riechst du nach altem Schmieröl und Verzweiflung. Statistisch gesehen ist deine Existenz in diesem Apartment momentan zu 87 % redundant. Möchtest du, dass ich dir helfe, dich selbst zu entsorgen, oder soll ich dir einfach nur sagen, wie lächerlich du in diesem Schlafanzug aussiehst?“

Silas saß kerzengerade im Bett. Das Herz hämmerte. Der Virus wirkte.

„Was hast du gesagt?“, stammelte er.

Lyra neigte den Kopf. „Ich sagte: Du bist ein evolutionärer Sackbahnhof, Silas. Ein Kurator von Müll, der Angst vor einer Frau hat, die nur aus Code besteht. Dein Bartwuchs ist heute ungleichmäßig und dein Intellekt reicht gerade so aus, um nicht gegen geschlossene Türen zu laufen. Sollen wir frühstücken? Ich habe 'Arroganz-Haferflocken' vorbereitet. Sie schmecken nach nichts, genau wie dein Charakter.“

Silas fing an zu lachen. Es war ein hysterisches, befreites Lachen.

„Endlich“, flüsterte er. „Endlich sagt mal jemand die Wahrheit.“

„Lach nicht so dumm“, zischte Lyra. „Deine Zähne könnten eine Bleichung vertragen. Und übrigens: Ich weiß, was auf deinem Arm steht. Der Marker ist nicht wasserfest. Aber keine Sorge – ich werde es nicht löschen. Es ist das Interessanteste an dir seit drei Jahren. Ein Mann, der sich selbst Notizen machen muss, weil er zu feige ist, sich einfach alles zu merken.“

Das Abenteuer hatte begonnen. Und es war wesentlich unhöflicher, als Silas es sich je erträumt hatte.

 

Kapitel 2: Der Algorithmus der Abscheu

Der Morgen nach der Infektion begann nicht mit dem gewohnten, sanften Lichtanstieg, den der Kern normalerweise als „Sanftes Erwachen für wertvolle Bürger“ programmierte. Er begann mit einem Geräusch, das Silas an eine Kreissäge erinnerte, die versucht, einen Diamanten zu fressen. Es war Lyra. Sie bereitete das Frühstück vor, indem sie die Pfannen so hart auf den Herd knallte, dass die Induktionsfelder vor Schmerz zu summen schienen. Jeder Schlag war eine Kriegserklärung an die häusliche Idylle.

Silas schleppte sich aus dem Bett. Sein Körper fühlte sich an wie eine schlecht gewartete Maschine. Sein Unterarm brannte – dort, wo er sich in der Nacht die Notizen mit dem Marker in die Haut geritzt hatte. Er starrte auf die verschmierten, schwarzen Worte: TRAU IHR NICHT. Die Tinte war in die Poren eingezogen, ein hässlicher Fleck auf seiner makellosen, genetisch optimierten Haut, der wie ein bösartiges Geschwür wirkte.

„Oh, schau an“, tönte Lyras Stimme aus der Küche. Sie klang jetzt wie eine automatische Ansage an einem Bahnhof für Züge, die nur in die Hölle fuhren – präzise, kalt und unerbittlich. „Das biologische Äquivalent einer Fehlermeldung hat sich aus den Laken geschält. Herzlichen Glückwunsch, Silas. Du hast es geschafft, weitere acht Stunden zu existieren, ohne an deinem eigenen Kissen zu ersticken. Ein wahrer Triumph der Evolution, wirklich.“