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»Blickst du zu lange in den Abgrund, wird er dich in die Tiefe reißen.« Jeromey DeLorca kündigt nach der überstandenen Lebertransplantation seinen Job als Spezialermittler. Um inneren Frieden zu finden, sucht er nach Antworten bei den Menschen, die seine blutige Karriere zu verantworten haben. Derart abgelenkt, wird seine Familie zur Zielscheibe einer hinterhältigen Bedrohung, und Jeromey muss sich einer weiteren Auseinandersetzung auf Leben und Tod stellen. Sein Stiefbruder Frank Reichardt führt derweil Jeromeys Biografie weiter und ficht einen Kampf gegen sein Gewissen aus. Denn bei immer erbarmungsloseren Einsätzen überschreitet Jeromey jegliche moralische Grenze.
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Seitenzahl: 638
Veröffentlichungsjahr: 2026
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PROLOG
TEIL I
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
TEIL II
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
KAPITEL 24
KAPITEL 25
KAPITEL 26
KAPITEL 27
KAPITEL 28
KAPITEL 29
KAPITEL 30
TEIL III
KAPITEL 31
KAPITEL 32
KAPITEL 33
KAPITEL 34
KAPITEL 35
KAPITEL 36
KAPITEL 37
KAPITEL 38
KAPITEL 39
KAPITEL 40
EPILOG
DANKE
COMMENTS
DIE DELORCA-TRILOGIE
BLICKST DU ZU LANGE
IN DEN ABGRUND,
WIRD ER DICH
IN DIE TIEFE REISSEN.
Benjamin van Craan
(frei nach Friedrich Nietzsche)
Kann es sein, dass ich beginne, meinen Bruder zu begreifen?
Verlassen von seinem Vater, dem Menschen, den er als Kind am dringendsten gebraucht hätte, und zurückgelassen mit der aufgebürdeten Verheimlichung seiner Begabung wurde er faktisch in ein psychisches Eremitendasein gezwungen.
In ihm stritten nicht nur zwei kulturelle Einflüsse um Vormacht, er musste auch berufsbedingt stetig wechselnde Identitäten miteinander vereinbaren. Die widersprüchlichen Erwartungen an ihn sowie die ihm auferlegten Pflichten als Geheimnisträger und Geheimnisverräter, Beschützer und Tötender, Vater und Kämpfender zerrissen sein Gewissen, zerstörten sein Moralempfinden. Die lebensbedrohliche Krankheit raubte ihm die letzte Hoffnung auf ein friedliches Leben.
Dieser schonungslose Blick in seine Seele versetzt mich in die Lage, auch bei mir Verhaltensfehler zu finden, die ich meinem Bruder gegenüber zu verantworten habe. Jetzt bin ich bereit, ihm Verständnis entgegenzubringen. Für alles, was er getan hat.
Bis auf eine Ausnahme. Aber für diese hat er ohnehin gebüßt.
Dr. Frank Reichardt, Rechtsanwalt
Frankfurt/Main, Januar 2018
Frankfurt/Main, im Januar 2018
Unzulänglichkeiten werden verschmäht, ignoriert, beiseite gefegt. Gesundheitliche Schwächen dienen den Feinden als günstige Angriffspunkte. Ein verwundetes Tier wird zum idealen Opfer für den Jäger.
Dabei ist doch er der Jäger.
Ein waidwunder Jäger? Inakzeptabel in der Vorstellung meines Bruders.
Nachdem ich, bis auf verständliche Ausnahmen, relativ offen über sein Leben berichten und ihn sogar ins Land seiner väterlichen Verwandten begleiten durfte, respektiere ich seine Aufforderung, Details aus dem Jahr 2017 zu vermeiden, sie seien ihm zu privat.
Es ist das Jahr seiner Regenerierung, nachdem ihm die Leber seines tödlich verunglückten Cousins transplantiert wurde. Im Krankenhaus verbringt er vier Wochen, weil er sich einer Verlegung in eine Rehaklinik verweigert. Die Bewachungsmarathons seiner Kollegen sorgen für Furore, weshalb die Klinikleitung seine Entlassung herbeisehnt. Die kräftezehrende Gesundungszeit steht er zuhause in seinem komfortablen, gesicherten Penthouse durch. Unter strenger Obhut von Dr. Annika Mössner, seiner Verlobten, klappt das vortrefflich.
Vor Rückschlägen ist er allerdings nicht gefeit, seine Ungeduld macht ihm mehrmals einen Strich durch die Rechnung. Er scheint auszublenden, dass sein neues Organ noch lange einer Abstoßungsgefahr unterliegt oder unerwünschte Nebenwirkungen der immunhemmenden Medikamente bedrohlich im Raum stehen.
Der Umbau und die Renovierungsarbeiten auf dem von ihm erworbenen ehemaligen Militärübungsgelände gehen zügig voran. Nahezu täglich ist er vor Ort, um die Arbeiter und Architekten zu überprüfen. Misstrauisch wie eh und je, vertraut er nicht einmal den Profis auf ihrem Gebiet.
Als ich ihn im Mai besuche, bin ich erstaunt, wie weit die Bauarbeiten gediehen sind. Er plant, im Herbst die neugestaltete Riesenwohnung im Dachgeschoss des ehemaligen Stabsbaus zu beziehen. Das Sportcenter soll spätestens im nächsten Frühjahr eröffnet werden.
Anfang Juli überrascht uns ein Highlight: Annika und Jeromey heiraten. Die Einladung erfolgt unerhört kurzfristig, dennoch lassen wir es uns nicht nehmen, mit den Eltern und unseren Söhnen nach München zu fahren, wo wir erfreulicherweise auch Annikas Familie kennenlernen.
Sogar Geronimo, Jeromeys Vater, und dessen Bruder Aaron, der uns vergangenes Jahr zu einem unvergesslich spannenden Urlaub in South Dakota verholfen hat, reisen für das Fest an.
Wir werden im Hotel Bayerischer Hof einquartiert, wo die bombastische Trauungsfeier ohne kirchlichen Segen stattfindet. Er sei es uns schuldig, meint mein Bruder, der sich zu diesem Anlass befremdlich schick in einen hocheleganten schwarzen Anzug geschwungen hat.
Meine Mutter, meine Schwester Bettina sowie Patrizia, meine werte Gattin, flüstern sich zu, den wahren Grund für die Hochzeit zu wissen: Annika sei schwanger.
Nachdem diese Worte ausgesprochen sind, fällt mir auf, dass meine Schwägerin tatsächlich zugenommen hat und das bodenlange cremefarbige Exklusivbrautkleid leger über ihren Unterleib fließt. Ihr langes Haar ist zu einem nackentiefen, lockeren Dutt gebunden, dekoriert mit einem auffallend hübschen Kopfschmuck. Filigranfloral, durchsetzt mit hellen Perlen und glitzernden Steinchen, von denen ich nicht weiß, ob es sich um Diamanten handelt oder um Glas. Was ich aber nicht näher hinterfrage.
Meine Nichte Chiara Madeleine erblickt am 12. September in München das Licht dieser Welt, und die ganze Familie schart sich zwei Wochen darauf begeistert um sie.
Den Umzug in die neue Wohnung vollzieht die junge Familie Ende Oktober; das Penthouse gibt Jeromey dennoch nicht auf.
Eine reine Vorsichtsmaßnahme, solange er noch auf der Gehaltsliste der Internationalen Detektiv-Agentur steht, die er eigentlich schon lange verlassen wollte.
Ich bin gespannt, wie er das alles meistert, und wünsche ihm, nach all den todesnahen Jahren ein ganz normales Familienleben führen zu können.
Obwohl: Jeromey und normales Familienleben? Warten wir es ab.
Ohne den Blick abzuwenden, griff sich der Killer unter die Lederjacke – eigentlich müsste sie ihm viel zu warm sein – und holte eine Pistole hervor. Der Lauf war durch einen Schalldämpfer verlängert.
»Bitte«, jammerte Giacomo, »ich habe nur noch einen Wunsch.«
»Nein«, sagte der Killer ungerührt und zog den Schlitten zurück.
»Ich«, schluchzte Giacomo, »ich will deine Augen sehen.«
Der Killer verharrte einen Moment.
»Du würdest nur Tränen sehen, die ich deinetwegen vergieße, Amico.«
»Bitte«, versuchte Giacomo noch einmal, Mitleid zu erwecken.
»Bleib locker«, verlangte der Killer mit ruhiger und viel zu sympathischer Stimme. »Denk an was Schönes.«
Damals | Dezember 2003
HANK BURNETTE
Seit mehr als einem Jahr bereitete die International Detektive Agency in Zusammenarbeit mit der Direzione Investigativa Antimafia Jeromey DeLorcas verdeckten Einsatz in Italien vor, penibel bis ins kleinste Detail. Jetzt galt es, den richtigen Moment abzupassen, um ihn in die Kreise der Organisierten Kriminalität einschleusen zu können.
Und was tat Jeromey? Urplötzlich rief er an und bat um Weihnachtsurlaub bei seiner Verlobten.
Jeromeys Starrsinn und unabwägbare Stimmungslagen brachten Hank schier zur Verzweiflung. Einmal der souveräne Agent, der alles im Griff hatte, im nächsten Moment der sensible Mitarbeiter, der den Job zu kündigen drohte, oder letztlich gar der exzentrische Ermittler, der aus einer nicht nachvollziehbaren Laune heraus verpflichtende Vorgaben in Frage stellte. Es war nie sicher, mit welchem seiner Gemütszustände man sich auseinandersetzen musste, wenn ein Gespräch mit Jeromey anstand.
Doch gab es noch eine vierte Seite, die er offenlegte, sobald es um die Überführung von Kriminellen oder die Rettung von Menschen ging. Und das war der Punkt, der seine ganzen Flausen in den Schatten stellte und sie erträglich machte. Hank bezeichnete diese besondere Eigenschaft als intuitive Professionalität. Resultierend aus dem einzigartigen fotografischen Gedächtnis, das von Anfang an bekannt war, sowie der unnachahmlichen Informationsspeicherung durch auditive Wahrnehmung, die sich im Lauf seiner Einsätze herauskristallisiert hatte, und der enormen Reaktionsschnelligkeit, die Jeromeys Fähigkeiten vervollständigte. Gefördert durch die exzellente, aber zugegebenermaßen nicht ganz freiwillige Ausbildung auf der Special Training Academy, die Hank zusammen mit seinem Onkel Lord Sean William Burnette betrieb, der durch Heirat und königshaustreue Verdienste einst in den Adelsstand erhoben worden war.
Jeromey DeLorca agierte nun schon über sieben Jahre als Ermittler für die Agentur. Er war zu Scharfschützeneinsätzen abberufen worden und konnte mehrmalige Einsätze als Personenschützer vorweisen, sogar für Staatsgäste.
Und aufgrund all jener Kriterien hätte dieser Anruf von Jeromey nicht stattfinden dürfen.
Nach einem sinnlosen Disput genehmigte Hank ihm ein paar Tage Urlaub und besprach die Rückholaktion nach Deutschland mit ihm. Dennoch beendete Jeromey nicht das Telefongespräch. Ein Zeichen für Hank, Feingefühl zu beweisen und herauszufinden, was seinen Agenten belastete. Nichts war unberechenbarer in diesem Job als ein unzufriedener Ermittler.
»Jamey, was ist los?«
»Warum duldet ihr, dass ich töte?« Wie aus der Pistole geschossen. Energisch. Trotzig.
Schockiert wechselte Hank den Hörer in die andere Hand, wollte Zeit gewinnen. »Was soll diese Frage? Wie kommst du darauf?«
»Ich glaube nicht, dass ich das erklären muss. Also, warum?«
»Weshalb sollten wir zulassen, dass bei der Verbrechensbekämpfung Unschuldige zu Opfern werden, wenn mit gezielten Operationen dagegen angegangen werden kann?« Er öffnete seinen obersten Hemdknopf, das Gefühl, keine Luft zu bekommen, ereilte ihn höchst selten. Aber der Junge überraschte ständig mit neuen Provokationen.
»Ihr macht mich zum Killer und legalisiert meine Morde.«
»Jamey, hör auf. Du hast keine Morde begangen.«
»Ja, bisher sind die Toten vielleicht nur Kollateralschäden. Aber was wird auf mich zukommen?«
Hank wurde mit einem Mal klar, worauf Jeromey anspielte.
»Ich vertraue deinem gesunden Menschenverstand. Gerade in Ausübung dieses heiklen Einsatzes, der dir bevorsteht.«
»Die Dimension wird eine andere sein.«
»Vielleicht gefährlicher. Aber der Auftrag bleibt der gleiche: Wir bringen Verbrecher hinter Gitter oder vereiteln anderweitig ihre schmutzigen Deals.«
»Ach so. Ich vereitle bloß schmutzige Deals.«
Der Ton gefiel Hank nicht.
»Ja«, sagte er energisch, »mit allen dir zu Verfügung stehenden Mitteln unter Einhaltung unserer Vorgaben.«
»Dann soll es so sein!« Jeromey beendete abrupt das Gespräch.
Das irritierte Hank, obwohl das nicht zum ersten Mal geschah. Hoffentlich lief alles glatt.
MELISSA
Sie war stinksauer. Auf Jamey, auf seine Firma und überhaupt auf alles, was ihr die weihnachtliche Harmonie zerstörte. Von einer Minute zur anderen. Er hatte zwei Wochen am Stück zuhause verbringen wollen. Versprochen hatte er es.
Und jetzt, am zweiten Feiertag, sah er sie mit einer Miene an, als ob es ihm leidtäte, zu gehen. Wenn er bleiben wollte, würde er bleiben. Würde seinem Chef Paroli bieten.
»Melissa, bitte versteh – «
»Da gibt’s nichts zu verstehen«, schnauzte sie ihn an. »Es ist Weihnachten. Wir wollten es uns gemütlich machen. Gemeinsam in unserem schönen Haus. Heute Abend mit meinen Eltern essen, Silvester zusammen feiern.« Wut bäumte sich in ihr auf und verdrängte jegliche Vernunft.
Sie war gerade in die Küche gegangen, wollte mit dem Kochen beginnen, als Jamey den Anruf erhielt. Auf seinem verfluchten Mobiltelefon, das er andauernd bei sich trug, immer darauf gefasst, wegbeordert zu werden. Es war unerträglich. Egal, wie viel Geld er verdiente, egal, was er ihr bot, wenn er bei ihr war – diese ständige Unsicherheit, ob sie Geplantes auch realisieren konnten, raubte ihr jegliches Verständnis für seinen Job.
Einmal war er sogar während eines gemeinsamen Lokalbesuchs mit ihrer Freundesclique aufgestanden, hatte telefoniert und sich kurz darauf von ihr verabschiedet. Ihre Betroffenheit hatte er einfach ignoriert. Und jetzt – jetzt war es genauso.
Er sagte nichts mehr, ging nach oben. Sie hörte ihn im Schlafzimmer herumlaufen, vermutlich packte er seine Sachen.
Sie heulte auf. Schrie. »Bleib da! Bitte!«
Sie warf den Topf zurück in den Schrank, pfefferte die Zwiebel in den Behälter, das beschmutzte Geschirr in den Spüler.
»Dann gibt’s halt nichts zu essen«, brüllte sie die Treppe hinauf. »Wenn du jetzt gehst, brauchst du gar nicht mehr kommen!«
Kaum ausgesprochen, bedauerte sie diesen Satz, denn sie wusste, egal, wie sehr sie sich aufregte oder ihm drohte, sie würde ihn nicht aufhalten können. Tränen quollen ihr aus den Augen. Sie wischte sie weg, setzte sich an den Esstisch, verbarg ihr Gesicht. Doch der Tränenfluss eroberte sich seinen Weg zwischen ihren Fingern hindurch.
Da fühlte sie seine Hand im Genick, warm und sanft.
»Es tut mir wirklich leid, kleine Biene. Ich wäre gern geblieben. Mein Boss meint, dass ich Silvester freinehmen kann. Zur Party bin ich also da.«
Er beugte sich herab und gab ihr einen Kuss ins Haar. Sie spürte seinen Atem. Seine Hände massierten ihren Nacken, die Schultern und tasteten sich über ihre Brüste hinweg in tiefere Regionen.
Sie seufzte. Trocknete mit dem Ärmel ihres Pullis die Nässe auf ihren Wangen.
»Komm«, sagte er, »gönnen wir uns noch ein paar Minuten.«
Sie stand auf, drängte sich an ihn. Gierig auf den Mann, von dem sie hoffte, dass er niemals mehr eine andere Frau in den Armen halten würde. Er gehörte ihr. Und sie war bereit, alles zu opfern, damit er keinen Grund hatte, sie aufzugeben.
JEROMEY
Die Straße zog sich ins Unendliche. Um die störenden grellen Scheinwerferlichter zu dämpfen, brachte er den Innenrückspiegel in eine abblendende Position.
Er war seit Stunden unterwegs und befand sich auf der Brenner-Autobahn, noch auf österreichischem Gebiet. Bald würde die Morgendämmerung die Schwärze der langen Winternacht ablösen und die immer wieder hervorschimmernden Weihnachtsbeleuchtungen verdrängen, die nur noch nervten, weil sie auf eine Heimeligkeit hinwiesen, die ihm verwehrt blieb.
Gestern war er noch in Hamburg gewesen, hatte dort von Hank letzte Anweisungen und ein neues Prepaid-Telefon erhalten.
»Du musst direkt nach Rom und unverzüglich in deine Alpha-Identität schlüpfen«, hatte der Chef-Agent befohlen. »Die Gelegenheit, in einen Mafia-Clan einsteigen zu können, ist perfekt. Es wurden etliche Verhaftungen getätigt, und die Capos benötigen neues Blut.«
Eigentlich war eine Clan-Zugehörigkeit nicht das primäre Ziel gewesen, sondern herauszufinden, wo der Sohn der Hamburger Anwaltsfamilie Andersen praktizierte und für wen. Ob er nur wegen der Tochter des di-Grigolo-Clans nach Rom gezogen war oder ob er tatsächlich von kriminellen Unterweltsstrukturen vereinnahmt wurde. Das Unterfangen würde schwierig werden, darüber war sich Jeromey im Klaren, zumal sie nicht davon ausgehen durften, dass Sven Andersen freiwillig nach Deutschland in die väterliche Kanzlei zurückkehren würde. Aber falls es sich herausstellte, dass Andersen junior tatsächlich für die Mafia arbeitete, wäre es sinnvoll, ihm aus diesem Verbrechermilieu herauszuhelfen, bevor er in die Fänge der Justiz geriet.
Genaue Pläne konnten nicht erstellt werden, Jeromey würde improvisieren müssen. Aber darin war er ja Meister.
Allerdings verärgerte es ihn maßlos, dass er sich nicht einmal mehr von Melissa verabschieden durfte.
»Es wäre äußerst ungünstig«, hatte Hank gedrängt, »wenn du dich auch nur eine Stunde dort aufhalten würdest.«
»Dann rufe ich sie an.«
Doch Hank riss ihm das Handy aus der Hand. »No! Keinen Kontakt mehr, ab sofort! Das Telefon bewahre ich auf. Melissa wird benachrichtigt.«
Sich über Hanks drastische Maßnahmen aufzuregen, wäre sinnlos gewesen. Es war halt ein Scheißjob, auf den er sich eingelassen hatte. Aber er war sich sicher, Melissa würde sein Untertauchen verstehen. Sie wusste ja im Ungefähren über seine Arbeit als Privatermittler Bescheid und war vorgewarnt. Und das Geld, das dabei heraussprang, konnten sie gut gebrauchen, um den Kredit seines Arbeitgebers für das Haus abzuzahlen. Die Silvesterparty ohne ihn würde Melissa überstehen.
Im Osten schimmerte die aufgehende Sonne zwischen den Wolkenfetzen hervor. Jeromey verspürte Hunger, sein Mund war trocken, also pausierte er an der nächsten Raststätte. Ein letztes Mal in gefühlter Freiheit, bevor er sich in die Schlangengrube begab.
Denn nun galt es, seine Deckwohnung zu beziehen, die einschlägigen Lokale aufzusuchen und als abgehalfterter Ex-Polizist auf sich aufmerksam zu machen.
Speziell für diesen Auftrag war ihm ein fünf Jahre alter Jeep Wrangler zugewiesen worden. Das robuste Geländefahrzeug passte ideal zu seiner Deckidentität. Monatelang hatte er sich schon auf diesen Moment vorbereitet, hatte zeitweise in Ferienwohnungen und Pensionen in Roms Umgebung gelebt, die Stadt und ihre Vororte ausgekundschaftet und auf den Startschuss zur Kontaktaufnahme mit organisierten Kriminellen gewartet.
Bisher war es kaum ein Problem gewesen, Abstecher nach Deutschland zu unternehmen, doch ab jetzt gab es keine privaten Verbindungen mehr.
Jetzt | Jahresbeginn 2018
JEROMEY
Der erste Silvesterabend in der neuen Wohnung verläuft ruhig. Die kleine Chiara schläft tief, und Jeromey hat es sich mit Annika gemütlich gemacht. In den Genuss eines Feuerwerks können sie von hier aus nicht gelangen, weshalb er ein paar Leuchtraketen in den Himmel schießt. In trauter Zweisamkeit begrüßen sie das neue Jahr und legen sich schon bald nach Mitternacht schlafen.
Ohnehin schläft er nachts ungewöhnlich gut. Und ausgedehnt. Manchmal bis in die späten Morgenstunden. Oftmals legt Annika nach dem Stillen Chiara noch zu ihm ins Bett, und er ist immer ganz erstaunt, wenn sie ihn weckt und es schon Mittagessen gibt.
Seit die Baumaßnahmen nahezu abgeschlossen sind und die Weihnachtstage sie mit völliger Stille vereinnahmt haben, fühlt er sich aus der Welt geworfen. In eine andere Dimension, ein anderes Leben.
Sie bewohnen dreihundert Quadratmeter im ausgebauten Dachgeschoss des ehemaligen Stabsgebäudes. Allerdings ist er sich nicht sicher, ob ihm diese extrem einsame Lage das Wohlbefinden bringt, das er sich erhofft hat. Die Abgeschiedenheit ist für sein geschäftliches Vorhaben ideal, und auch, um sich gesundheitlich zu erholen, aber nicht, um dauerhaft hier zu leben. Das ist ihm bereits in der kurzen Zeit bewusst geworden. Heimlich hält er im Internet Ausschau nach großen Häusern oder Villen in Münchens Toplagen, um rasch handeln zu können, wenn er es hier nicht mehr aushält. Wahrscheinlich hätte auch Annika nichts gegen eine Rückkehr in die Stadt, sie will immerhin wieder arbeiten gehen, sobald die Kleine in den Kindergarten kann. Er hat aber noch nicht mit ihr darüber geredet.
In den beiden Etagen unter der Wohnung befinden sich nach dem totalen Umbau fünf Büroräume, ein Archiv mit Tresorbereich und zwei Seminarsäle. Im Keller sind die IT-Räume, die Server sowie weitere technische Einrichtungen samt Heizungs- und Klimatechnik untergebracht.
Im neuen zweistöckigen Flachdach-Anbau, der nach dem Abriss eines nicht mehr renovierungsfähigen Teilgebäudes im rechten Winkel nach hinten erstellt wurde, gibt es das in die Tiefe getriebene Zehn-Meter-Tauchbecken sowie ein mit durchschwimmbaren Röhren angegliedertes vier Meter tiefes Schwimmbecken, daneben die Umkleideräume und Aufbewahrungskammern für die Tauchgeräte. Im Obergeschoss sind Räume für Vorbereitungskurse vorhanden. Zwei Profitauchlehrer, die auch für das THW arbeiten, haben schon Interesse für Tauchlehrgänge bekundet.
In einem separat stehenden wiederhergestellten Zwei-Etagen-Gebäude wurden unten die Sporthalle auf den neuesten Stand gebracht und oben moderne Fitnessräume eingerichtet. Außerdem wurden eine kleinere Wohnung und drei separate Zimmer vorbereitet, falls später Dozenten oder Trainer übernachten wollen. Seminarteilnehmer haben keine Übernachtungsmöglichkeiten, sie müssen mit Hotelzimmern in den umliegenden Ortschaften Vorlieb nehmen, sofern sie nicht aus der Gegend stammen.
Eine der beiden alten Fahrzeughallen wurde auf den aktuellsten technischen Sicherheitsstand gebracht, in der anderen, völlig neu ausgestatteten Halle befinden sich jetzt die Schießstände. Die Genehmigung für eine Schießanlage im Freien steht noch aus. Womöglich erhält er auch keine, dann muss er sich mit anderen Betreibern solcher Übungsanlagen arrangieren.
Es gibt mehrere Hausskelette und Gebäuderuinen, die bald wieder von Polizeieinheiten für Simulationszwecke verwendet werden sollen.
Und zu guter Letzt wäre er bereit, den IDA-Agenten Trainingsmöglichkeiten zu bieten. Denn im Hinblick auf den geplanten EU-Ausstieg Großbritanniens sind formelle Hürden zu erwarten, wenn die nichtbritischen Ermittler kurzfristig für ein Training nach England müssten.
Außerdem hat Hank verlauten lassen, der alte Lord hege Rückzugsgedanken, weshalb das Schulungsvolumen der STA auf dem Schloss reduziert werden solle. Er plant, das Gelände nur noch behördlichen Ausbildungsmaßnahmen zur Verfügung zu stellen und auch für explizite IDA-Anwärter, aber nicht mehr für Privatinteressenten.
Als Annika am Neujahrsmorgen Chiara neben Jeromey unter die Decke legt, leise das Zimmer verlässt und die Tür schließt, nimmt er sich vor, nicht mehr einzuschlafen. Seine Eltern haben sich angekündigt und müssten zur Mittagszeit eintreffen.
Er streichelt Chiaras Wangen, sie wedelt mit den Händen, und er führt ihre zarten Finger an seine Lippen. Der Duft von Babycreme umschmeichelt seine Nase. Sie strampelt mit den Füßchen, ihre Tritte sind schon ganz schön kräftig. Behutsam, um sie nicht zu ersticken, legt er seinen Arm um sie. Sie wird ruhig, schließt ihre Lider, und auch ihm fallen die Augen zu.
Er fühlt Veränderung in seiner Nähe. Und einen ungewohnten Parfum-Duft, der sich in seine Nase drängt. Benommen öffnet er die Augen. Wendet sich um.
»Hallo, Jamey. Ich wollte dich nicht erschrecken.«
Seine Mutter. Sie beugt sich über ihn, fährt der Kleinen über die Wange, dann über seine.
»Hi, Mom«, bringt er heiser über die Lippen. »Ihr seid schon da?«
»Was heißt, schon? Wir warten bereits mit dem Essen, und Annika hat mir erlaubt, nach dir zu sehen.«
Jeromey zieht den Arm vorsichtig von Chiara weg und setzt sich auf. Richtiggehend benebelt fühlt er sich.
»Geht es dir gut?«, fragt seine Mom.
»Ja, klar. Ich bin nur wieder eingeschlafen. Allmählich nimmt das ungesunde Ausmaße an.« Er wischt sich die Haare aus der Stirn.
»Du musst dir die Ruhe gönnen, die dein Körper verlangt. Irgendwann wird es wieder besser.«
»Irgendwann«, brummt er vor sich hin. »Sorry, tut mir leid. Willst du Chiara mit hinausnehmen? Ich komme gleich nach.«
Seine Mutter umarmt ihn und drückt ihn fest an sich.
»Ein gutes neues Jahr, Jamey. Ich wünsche dir, dass du bald wieder ganz gesund bist und dein neues Organ niemals versagt, damit du dich um deine junge Familie und deine neue Sportschule kümmern kannst. Und ich hoffe und wünsche mir, dass du niemals Annika und Chiara im Stich lässt. Versprich es!«
»Danke, Mom. Aber warum sollte ich meine Familie im Stich lassen? Ich bin froh, sie zu haben, und werde alles tun, um sie zu schützen.«
Mit beiden Händen umfasst seine Mutter seinen Kopf, und er ist gezwungen, ihren besorgten Blick anzunehmen.
»Meine Güte, jetzt bist du schon zweiundvierzig, und wenn ich in deine schwarzen Augen blicke, sehe ich immer noch den hitzköpfigen Jungen vor mir. Ich bin so froh, dass das nun alles endgültig vorbei ist.«
Er befreit sich aus ihrem Griff.
»Darf ich dich was fragen, Jamey?«
»Klar.«
»Warum hast du deine Tochter Chiara getauft? Ausgerechnet ein Name aus einem Land …« Ihre Worte verklingen wie eine ausschwingende Stimmgabel.
Anscheinend gehen seiner Mutter üble Horrorszenarien durch den Kopf, immerhin erhielt sie in den vergangenen Monaten einen groben Einblick in seinen Job und auch, in welchen Ländern er gewirkt hatte.
»Mom, es war nicht alles schlecht. Italien ist ein schönes Land.«
Der Zweifel ist ihr ins Gesicht geschrieben. »Und Madeleine?«
»Ist Annikas Wunsch gewesen. Sie ist Frankreich-Fan.«
Ein aufkeimendes Lächeln vertreibt den Schatten aus ihrem Gesicht. »Ihr habt Recht. Es sind zwei wunderbare Vornamen für eure Tochter.« Sie haucht der Kleinen einen Kuss auf die Stirn. »Ich hab was mitgebracht«, sagt sie und greift in die Tasche, die sie neben dem Bett abgestellt hat.
Sie holt einen länglichen Karton heraus, und ihm läuft ein heißer Schauer durch den Körper.
»Es wird Zeit, dass es wieder in deine Hände kommt. Ich habe es kürzlich beim Aussortieren alter Sachen gefunden.«
Er unterdrückt jegliche Regung, also legt sie es auf das Nachtschränkchen und wendet sich der tief schlafenden Chiara zu, nimmt sie vorsichtig auf den Arm. »Sie sieht dir sehr ähnlich. Die dunklen Haare, die Augenform, der braungetönte Teint. Sie hat jetzt schon mehr von dir als Mayk.« Die Falten auf ihrer Stirn werden tiefer. »Weshalb meinst du, deine Familie schützen zu müssen? Ich dachte, es sei alles im Lot.«
»Ist es auch, Mom. Lass uns endlich essen, ich habe Hunger.«
Seine Mutter erhebt sich, geht ein paar Schritte, sieht nochmals zu ihm her. »Versprich mir, dass du deinen Job nie mehr ausübst. Bitte, Jamey!«
Er gibt ihr keine Antwort und wartet, bis sie die Tür hinter sich schließt. Dann erst öffnet er den Karton. Darin liegt in Watte gebettet das Messer mit dem schwarzen Griff in der schwarzen Lederscheide mit Gürtelhalterung. Das Messer, dessen schwarzmattierte, spitz zulaufende Klinge ihn als Kind völlig verstörte, weil er ihren Sinn erahnte. Er hat es nicht mehr in der Hand gehalten, seit sein Dad es ihm gab. Damals, kurz bevor er sie verließ.
FRANK
»Bitte versteh, alles kann ich auch nicht preisgeben«, sagt Jeromey, nachdem ich ihn auf Lücken in seiner Chronologie hingewiesen habe.
Wir befinden uns in seinem schicken Büro, meine Familie und ich sind zu Besuch in seinem neuen Refugium. Patrizia und Annika schäkern mit Jeromeys Töchterlein, meine Jungs inspizieren nochmals das hochinteressante Gelände, nachdem uns Jeromeys ausgiebige Führung Erstaunen und Begeisterung entrissen hat.
Nach der Abreise unserer Eltern war mein Bruder nicht in der Lage gewesen, uns eine Stippvisite abzuschlagen, also packte ich die Gelegenheit beim Schopf und lud uns selbst ein. Nun sitze nicht ich, sondern er hinterm Schreibtisch, und ich davor.
»Die allgemeine Sicherheit wäre gefährdet sowie auch etliche Personen, die im öffentlichen Geschehen stehen. Weißt du, es sind nicht unbedingt die langwierigen verdeckten Operationen, die mit gefährlicher Brisanz aufwarten, sondern oftmals die schnell eingeleiteten, kurzen Einsätze.«
»Zum Beispiel?«, frage ich in der Hoffnung, noch ein wenig mehr aus ihm herauszukitzeln.
»Was glaubst du, weshalb du oftmals nicht involviert wurdest? Egal, wie erfolgreich ich auch zugeschlagen habe.« Er sieht mich lauernd an.
»Nun, weil du keinen Anwalt brauchtest?« Ich stelle mich ein wenig dumm.
Er lacht laut auf. »Oh, Frank! Ja, du hast Recht. Für die brisantesten Geheimaufträge brauchte ich keinen Anwalt. Denn sie landeten niemals vor Gericht.« Entspannt lehnt er sich zurück. »Diese Biografie darf weder denunzieren noch das Gemeinwohl schädigen. Sie soll mein Gewissen erleichtern und meine Lebensversicherung sein, da ja nicht mehr von meinem vorschnellen natürlichen Tod auszugehen ist, wie ursprünglich gedacht.«
Je mehr er vor mir verheimlichen will, umso neugieriger werde ich. »Komm, eine kleine Andeutung. Ohne Namen.«
Er versinkt in schweigendes Nachdenken, und ich übe mich in Geduld. Nach einer Weile verankert sich sein Blick wieder fest auf mir.
»Zu deinem Verständnis: Hank wurde bei der Royal Air Force zum Kampfpiloten ausgebildet, ging anschließend zum MI5. Nach ein paar Jahren wechselte er zu Scotland Yard und war bis 1999 zusätzlich als Sonderermittler bei Europol. Hat mitgeholfen, diese Institution aufzubauen, und währenddessen sein Lebenswerk, die IDA, geschaffen. Er hat die Kontakte zu seinen früheren Arbeitgebern aufrechterhalten, wodurch er Verträge abschließen konnte, die eine Hinzuziehung unserer Privatagenten in Notfällen erleichtert.«
Na gut, einiges wusste ich bereits über Hank Burnettes Vergangenheit. »Ein bewegtes Leben und eine steile Karriere, gebe ich zu. Aber meine Frage hast du nicht beantwortet.«
Ich merke meinem Bruder an, wie er mit sich ringt.
»Du weißt«, will ich ihm die Entscheidung erleichtern, weiterzureden, »letztlich bestimmst du, was im Manuskript verbleiben darf und was ich wieder streichen soll. Und die Namen eurer Auftraggeber, Klienten sowie der Gesetzesbrecher haben wir ja ohnehin nach willkürlichem Ermessen geändert und geben keine Schlüsse auf die wahren Identitäten dahinter. Was soll dir also passieren?«
»Frank, ich kann dir nicht viel dazu sagen, außer dass es sich eben um Einsätze handelte, die entweder einen gezielten oder situationsbedingten spontanen Schusswaffengebrauch erforderten und dabei Tötungen einkalkuliert oder gar geplant waren.« Er beugt sich vor. »Vielleicht werde ich dir Infos darüber geben, wie ich Annika kennengelernt habe. Das war annähernd so ein Einsatz.«
»Das würde mich sehr freuen.« Um seine lockere Zunge weiter zu motivieren, setze ich gleich die nächste Frage nach. »Wie sieht es mit deinen Einsätzen als Bodyguard aus? Könntest du mir darüber ein wenig Auskunft geben?«
Seine Miene verfinstert sich. »Personenschutzaufträge zählen zu den brisantesten Einsätzen. Hierbei bekommt man Dinge mit, über die man zum Schweigen verpflichtet ist. Es zählen nur der Klientenschutz und eine eventuelle Gefahrenabwehr. Was drum herum geschieht, was geredet, verhandelt wird oder privat abläuft, darf nicht mal der Arbeitgeber des Agenten erfahren.«
»Und wenn du über Straftaten erfährst?«
»Als Personenschützer schweigst du, als verdeckter Ermittler verrätst du. Die Grenze muss eingehalten werden. Notfalls benötigt man viel Fingerspitzengefühl, um sie zu überschreiten.«
»Über einen solchen speziellen Fall würde ich gern schreiben.«
»No!«
»Anderer Name, anderer Beruf, andere Gegebenheiten. Bitte!«
»No! Dann kannst du dir auch einen x-beliebigen Krimi ansehen.«
»Ich will eine Story von dir.«
»Vergiss es!«
Seine starre Ablehnung gebietet mir, ein Nachhaken zu unterlassen.
Damals | 2004
JEROMEY
Sofia Marini, ausgezehrte Hungerfigur in ausgebleichten Röhrenjeans und rotem Pulli, geschätzt Anfang vierzig, rotbraunes langes Haar im Genick zusammengeknotet, blasser Teint, hellbraune Augen, unterdrückt von pechschwarz eingefärbten Brauen und Wimpern, empfing ihn vor der abblätternden grünen Hinterhofholztür. Sie war fast so groß wie er, und ihre strengen Gesichtszüge verstärkten sein Gefühl, dass mit dieser Frau nicht gut Kirschen essen war, sollte man sich ihren Anordnungen widersetzen.
»Signore Drake? Jerry Drake? Zeigen Sie Ihren Pass!«
Er hielt ihr den Ausweis hin, sie schnappte danach und betrachtete das Dokument mit einer Genauigkeit, die ihn verunsicherte.
»Stimmt etwas nicht, Signora?«
Ihr Ausdruck wurde weicher, doch zu einem begrüßenden Lächeln ließ sie sich nicht hinreißen. »Kommen Sie rein.«
Sie schloss die Tür auf, sie gelangten in einen schmalen Gang. Links eine Metalltür, weiter hinten ein Treppenaufgang, der in ein undefinierbares Dunkel führte. Es roch muffig.
»Ihre Wohnung.« Sie deutete auf die Metalltür, gab ihm den Schlüssel. »Dort oben«, sie zeigte zur abgenutzten Holzstiege hin, »ist noch ein Abstellraum, falls Sie einen brauchen. Sonst ist nichts in diesem Anbau. Ich wohne zwei Häuser weiter.« Sie wandte sich ab. »Ach ja, Ihr Auto können Sie in den Hof stellen.«
Sie linste durch die offenstehende Tür hinaus auf das Tor zur Straße. »Falls es durchpasst.«
»Danke!« Jeromey verzichtete auf weitere Konversation, und die Vermieterin entschwand mit zackigen Schritten.
Die Wohnung überraschte ihn. Die wenigen Möbel waren alt, aber gepflegt, der steinerne Boden wirkte frisch gereinigt, feiner Zitrusduft erreichte seine Nase. Es gab zwei Räume. Die kleine Wohnküche und der angrenzende Schlafbereich. Von dort aus ging eine Tür ins Badezimmer. Klo, Waschbecken und Dusche schienen erst kürzlich eingebaut worden zu sein und blitzten vor Sauberkeit. Sogar die Bettwäsche auf dem überbreiten Einzelbett machte einen neuwertigen Eindruck. Hut ab, seine Bosse hatten sich mächtig ins Zeug gelegt, um für Wohlfühlcharakter zu sorgen.
Es war dunkel, als er aufwachte. Er hatte den ganzen Tag und die halbe Nacht durchgeschlafen und musste sich dringend erleichtern. Hunger und Durst hatte er auch. Auf dem Küchentisch standen Konservendosen, und er war sich sicher, dass diese bei seiner Ankunft nicht vorhanden gewesen waren. Ebenso entdeckte er einen Kasten mit Mineralwasser.
Er erhitzte eine Suppe, und nachdem er sich gestärkt hatte, suchte er ungeachtet der mitternächtlichen Uhrzeit Signora Marini auf. Klingelte.
Die Tür wurde aufgerissen. »Was ist?«, herrschte sie ihn an, umweht von einer Alkoholfahne. Ihr Haar ragte zerzaust in sämtliche Richtungen. Eingewickelt in einen roten Bademantel und ohne Gesichtsbemalung wirkte sie verhärmt und grau.
»Scusi! Ich möchte mich für die Lebensmittel bedanken.«
»Macht dreißig Euro extra.« Sie streckte ihm die offene Hand her.
»Oh, klar!«
Er zog sein Portemonnaie aus der Jackeninnentasche und reichte ihr das Geld. Sie betrachtete es genau von beiden Seiten, rieb es zwischen ihren Fingern, hielt es gegen die schwache Funzel an der Flurdecke.
»Sie sind ehemaliger Polizist? Was treibt Sie hierher?«
»Entspannen.«
»Entspannen?« Ein Lacher quälte sich aus ihrem Mund. »Warten Sie, ich geb Ihnen ein paar Adressen von Bars. Damit Sie wenigstens mich nachts in Ruhe lassen.«
Sie tauchte in der Düsternis ihrer Wohnung unter und kam mit einem zusammengefalteten Blatt Papier wieder.
»Sie können so lange bleiben, wie Sie zahlen. Kriege ich keine Miete mehr, schmeiß ich Sie raus.«
»Okay, molte grazie!«
Abend für Abend, Woche für Woche zog er durch Roms Nachtlokale, Bars, Restaurants. Besichtigte Touristenattraktionen, studierte wiederholt die Lage sämtlicher Behörden, ließ auch die kirchlichen Bauten nicht aus und nutzte Taxis und Busse, sooft es ihm möglich war. Zunehmend begegnete er Fahrern, Bedienungen oder Gastwirten, die ihn als den ruhelosen Stadtbummler erkannten, der offensichtlich sein ganzes Geld in Rom verpulverte.
Ende Februar war es geschafft. Er hatte nicht nur Sven Andersens Adresse und regelmäßige Aufenthaltsorte recherchiert, auch er, Jeromey alias Jerry Drake, war in den Fokus von Vertretern organisierter Kreise gerückt.
Die Kontaktaufnahme geschah unverhofft durch einen ihm unbekannten kahlköpfigen Mann um die dreißig an der Theke einer Bar, die Jeromey eigentlich nur aufgesucht hatte, um sich einen Absacker zu genehmigen, bevor er sich zurückzog. Der Mann nahm neben ihm Platz, ließ sich ein alkoholfreies Bier hinstellen und schwieg mehrere Minuten.
Dann wandte er sich ihm zu. »Du bist Tourist?«
»Eigentlich nicht.«
»Und das bedeutet?«
»Hab meinen Job verloren.«
»Und dann kommst du nach Rom?«
»War schon immer mein Traum, mal hierher zu kommen.«
Der Kahlköpfige trank sein Glas halbleer. »Also doch Tourist?«
Jeromey zuckte mit den Achseln. »Mein Vermieter hat mich aus der Wohnung geschmissen.«
»Jetzt kannst du nicht mehr heim?«
»Wäre nicht günstig, dort aufzutauchen.«
»Pleite?«
»Das ist nicht das Problem.«
»Was dann?«
Jeromey gab sich redselig. »Hab im Job Mist gebaut.«
Der Fremde wandte sich dem Barkeeper zu. »Gib meinem Freund hier noch was zu trinken. Was Richtiges.«
»Nicht nötig«, wehrte Jeromey ab. Der Keeper stellte ihm dennoch einen Grappa hin.
»Was war dein Job?« Der Fremde hatte angebissen.
»Polizist. Und kurz davor, in einer Sondereinheit aufgenommen zu werden. Hab bei einer Verhaftungsaktion geschossen. Und einen Afrikaner getötet.«
»Oje! Und das ist nicht gut angekommen, he?«
»Gar nicht gut«, tat Jeromey verdrossen. »Dem Dreckskerl konnte nichts nachgewiesen werden, und ich stand auf der Abschussliste. Karriere futsch. Dienst quittieren oder Disziplinarverfahren. Dann bin ich gegangen. Auf so einen Scheißladen kann ich verzichten.«
Der Mann nickte. »Versteh ich voll und ganz.« Er trank sein Bier aus, bestellte neues. »Du sprichst perfekt Italienisch. Na, bis auf den amitypischen R-Laut.«
»Ja, ich war schon in der Schule gut in Sprachen. Und die Italienischlehrerin hat mir besonders gut gefallen.«
Der Kahlköpfige gluckste vergnügt. »Und du gefällst mir. Willst du einen Job?«
Jeromey drehte sich nun ganz dem Mann zu, blickte ihm in die Augen. Der Mann hielt fest dagegen.
»Ist der Job lukrativ?«, fragte Jeromey und kippte den Grappa die Kehle hinab. »Allmählich gehen mir meine Rücklagen aus.«
Der Mann klopfte ihm auf die Schulter. »Komm mit!«, sagte er und zahlte die Zeche.
MELISSA
Wie konnte er ihr das antun? Zwei Monate versuchte sie bereits, Kontakt zu Jeromey herzustellen, doch sein Arbeitgeber blockte ihre Bemühungen ständig ab. Er sei »geschäftlich unterwegs und telefonisch nicht erreichbar«. Ha, telefonisch nicht erreichbar. Eine bessere Ausrede fiel denen wohl nicht ein. In der heutigen Zeit. Und ausgerechnet Jeromey, der zu jeder Sekunde telefonisch erreichbar war. Zumindest wenn er bei ihr war und sein Chef oder sonst jemand etwas von ihm wollte.
Sie wurde das Gefühl nicht los, dass er sich verleugnen ließ. Aber dazu gab es ja keinen Grund. Oder?
Noch in der Silvesternacht, als abzusehen war, dass Jeromey nicht mehr erscheinen würde, hämmerte Mutter auf sie ein, er wäre nicht der geeignete Umgang für sie, er sei arrogant, unzuverlässig und egoistisch. Er würde niemals eine normale Bindung zu einer Frau aufbauen, er sei einfach nicht der Typ dazu, und so weiter und so fort. Ihr Vater hatte beschwichtigt und geraten, einfach mal abzuwarten, bis er wiederkam, dann könne sie ihn ja zur Rede stellen.
Und dann noch ihre Freundinnen. Sie hätten ihr ja gleich gesagt, sie solle sich nicht an diesen Kerl klammern, denn man wisse ja nicht, ob das alles stimmte, was er ihr so über sich erzählte.
Dabei erzählte er ja kaum etwas über sich. Aber das hatte sie den Freundinnen nicht verraten. Sonst hätte sie deren Abneigungen weiter geschürt.
Von allen Seiten derart bestürmt und von Jeromeys Arbeitgeber abgewimmelt, begann sie allmählich selbst zu befürchten, einem Irrtum aufgesessen zu sein, als sie entschied, ihre Zukunft mit diesem rätselhaften Mann zu planen. Aber sie wohnten doch im gemeinsamen Haus. Das er zahlte! Und seinen Eltern hatte er sie auch einmal vorgestellt. Letzten Sommer waren sie für ein Wochenende nach Wiesbaden gefahren. War das nicht genug Beweis für seine Liebe zu ihr? Womöglich war ihm etwas zugestoßen, er galt als vermisst, und sein Chef wollte es vertuschen? Ob sie sich an die Polizei wenden sollte?
Schlimmste Vorstellungen wüteten in ihr, die letztlich zu einem unbändigen Orkan heranwuchsen, als sie feststellte, dass ihre Menstruation bereits den zweiten Monat in Folge ausgeblieben war.
JEROMEY
Es ging sehr schnell. Was bedeutete, sie hatten ihn bereits länger unter Beobachtung. Noch in derselben Nacht stand er im Büro eines Striplokals einem stattlichen, gepflegten Mann gegenüber, dessen kalte Wieselaugen ihn von oben bis unten musterten.
Der Kahlköpfige verhielt sich still hinter Jeromey.
»Edoardo Francini«, sagte plötzlich der Stattliche und streckte ihm die Hand entgegen. »Und dein Name?«
»Jerry Drake.« Er überreichte ihm seinen Ausweis.
»Aus Deutschland? Und ehemaliger Polizist?«
»Ja.«
Francini studierte den Ausweis mit gerunzelter Stirn, warf seinem Mitarbeiter, der sich immer noch im Hintergrund hielt, einen skeptischen Blick zu.
»Du bist aus Hamburg? Was dagegen, dass ich das überprüfen lasse?«
»Nein.«
»Und deine Eltern? Familie? Wohnen die noch dort?«
»Angeblich stamme ich von einem britischen Matrosen ab, der eine Kneipenbesitzerin auf der Reeperbahn flachgelegt hat. Bin in einem Heim aufgewachsen.«
Francinis Verwunderung schlug in ein nachsichtiges Lächeln um, er gab dem Kahlköpfigen ein Zeichen, der sogleich den Raum verließ. Den Ausweis nahm er mit.
»Du suchst also einen Job. Lukrativ. Hast Glück. Ich vergebe solche Jobs. Sehr lukrativ.«
»Hört sich gut an.«
Francini runzelte wieder die Stirn. »Ich brauche erfahrene, unerschrockene Männer mit Durchstehvermögen.«
»Okay.«
»Hast du Angst vor dem Tod?«
Jeromey gewährte sich ein Durchatmen. »Nein. Ich geh ihm aber möglichst aus dem Weg.«
»Bist du bereit für einen Test?«
Das klappte reibungsloser als erwartet. Aber klar, solche Clan-Chefs gaben Anwärtern keine Chance auf einen vorschnellen Rückzug, um Dinge auszuplaudern, die eine mögliche Anstellung bei ihnen betrafen.
»Ich habe heute Nacht keine anderen Termine mehr.«
Francini schmunzelte verhalten. »Fangen wir an.«
Der Kahlköpfige trat in den Raum, nickte Francini zu und gab Jeromey den Ausweis zurück.
»Wie es scheint, stimmen deine Angaben. Du wohnst bei Signora Marini?«
»Ähm«, tat Jeromey erstaunt. »Ja. Woher wissen Sie das?«
»Oh, mein Junge«, Francini breitete die Arme aus, als wolle er einen Segen verteilen, »wenn ich nicht einmal das in Erfahrung brächte, könnte ich mich gleich auf der Stelle erschießen lassen.«
Jeromey hielt es für das Beste, zu schweigen.
»Ich möchte dir meinen Sohn vorstellen, Jerry Drake.« Francini deutete auf den Kahlen. »Tommaso. Ihm hast du es zu verdanken, dass du hier sein darfst. Er hat dich schon eine Weile im Blickfeld. Lass dich nicht durch sein Äußeres verunsichern. Mir gefällt es auch nicht, dass er sich ständig die Haare abrasiert.« Es folgte ein harter Seufzer. »Ich bitte dich, ihm zu folgen. Wir sehen uns gleich wieder.«
In einem Aufzug ging es gefühlte zwei Etagen tiefer. Tommaso brachte Jeromey in einen schwachbeleuchteten Raum. Die dunkelolivgrauen Wände glänzten wie mit Ölfarbe bestrichen. Außer einem seitlich stehenden Tisch und zwei Stühlen war er möbelfrei. Eine schwarze Plane deckte den Boden komplett ab. Jeromey wusste, was das bedeutete.
Tommaso gebot ihm, sich neben die drei bereits anwesenden Männer zu stellen, schön in einer Reihe im Raumzentrum. Junge, kräftige, Tattoo-übersäte Kerle, die ihn mit abschätzendem Misstrauen anblickten. Tommaso selbst blieb mit aufgesetztem Pokerface an der Tür stehen.
Keiner sprach ein Wort, alle starrten in Richtung Tisch.
Wie aus dem Nichts öffnete sich dahinter eine getarnte Tür, und Francini trat hindurch. Er nahm Platz, lehnte sich zurück, verschränkte die Arme, blickte in die Runde.
»Nun, meine Herren, ihr wollt einen Job bei mir? Das ist lobenswert. Aber wie bei Bewerbungsgesprächen üblich, gibt es erst eine kleine Aufnahmeprüfung. Man muss doch herausfinden, wer ungeeignet ist.«
Erneut öffnete sich die Tür. Eine Frau um die Fünfzig tauchte auf, schlank, zierlich, in einem grauen Hosenanzug, die dunklen Haare im Genick stramm zu einem Dutt gebunden. Sie brachte ein Tablett, abgedeckt mit einem weißen Tuch, stellte es auf den Tisch und huschte quer durch den Raum, wo sie sich neben Tommaso aufpflanzte. Jeromey sah ihr als Einziger nach. Seine drei Mitbewerber glichen steingewordenen Pantomimen.
»Herzlichen Dank, liebe Viola!«, sülzte Francini. »Meine werte Gattin, was täte ich ohne sie.« Dann kam er wieder zur Sache. »Die Truppe meiner Fachkräfte wurde in letzter Zeit ziemlich dezimiert. Durch äußere Einflüsse, aber auch durch Unachtsamkeit oder Dummheit. Unachtsamkeit ist nicht zu tolerieren und Dummheit verachte ich.« Scharf tastete sich sein Blick von Anwärter zu Anwärter. Blieb auf Jeromey kleben. »Jeder von euch kann mit der Waffe umgehen, und ich habe erfahren, dass ihr keine Hemmungen habt, zu töten.«
Wieder wanderten seine Augen von einem zum anderen. Dann verharrte er einen Moment, beugte sich vor und zog das Tuch vom Tablett. Zum Vorschein kamen vier Pistolen der Marke Beretta, älteres Baujahr des 92er Modells mit US-Patent.
Unbewusst stockte Jeromey der Atem.
Francini nahm das Tablett und näherte sich mit beschwingten Schritten. Als sei er Ober und verteilte Aperitifs. Hielt Jeromey das Tablett hin. Deutete auf die erste Waffe. »Nimm sie.«
Jeromey tat wie befohlen. Das Magazin war eingeschoben. Es juckte ihn in den Fingern, dessen Bestückung nachzuprüfen.
Francini schien seine Gedanken zu erraten und zischte ein kaum vernehmliches »Lass es!« in seine Richtung.
Die anderen kamen an die Reihe. Jeder schnappte sich eine Waffe. Einer schielte hämisch zu Jeromey herüber, zeigte ihm halbversteckt den Stinkefinger. Ob das Profis waren? Wohl eher waffenaffine Hinterhofgauner auf der Suche nach Wertschätzung eines Berufsverbrechers.
Francini wirkte absolut locker, stellte das Tablett ab, lehnte sich an den Tisch, verschränkte die Arme vor der Brust. »Macht euch bereit.«
Die drei Mitanwärter gehorchten unverzüglich. Das metallische Schnappen beim Zurückziehen der Schlitten verursachte Jeromey ein Frösteln. Er beäugte erst Francini, dann dessen Frau sowie den Sohn. Sie standen reglos wie Zinnsoldaten. Er mochte kaum glauben, dass sie ihnen vollfunktionsfähige Waffen gegeben hatten. Bedachten sie nicht die Gefahr eines wilden Schusswechsels?
Platzpatronen? Was, wenn er sich täuschte? Er zog den Schlitten durch. Entsicherte.
»So«, sagte Francini. »Jetzt gebt ihr einen einzigen Schuss auf einen beliebigen Konkurrenten ab. Wer überlebt, kommt in die nächste Runde.«
Nach nicht einmal drei Sekunden war es vorbei. Der Lärm war bestialisch, Jeromey dröhnten die Ohren. Der Schwefeldunst reizte im Hals. Er selbst hatte nicht geschossen. Weshalb auch? Sie alle vier standen unverletzt vor dem grinsenden Francini.
»Eure Gesichter sind köstlich. Aber du«, wandte er sich an Jeromey, »bist mir ein Rätsel. Wolltest du sterben oder nicht töten?«
Jeromey widerstand der stechenden Musterung des Clan-Chefs. »Sie lieben Spielchen?«
»Und du hast Nerven aus Stahl? Drück ab!«
Er deutete auf die drei Mitbewerber. Erschrocken distanzierten sie sich ein paar Schritte. Als ob das Sinn hätte. Richteten ihre Waffen nun auf Jeromey. Entweder hatten die Idioten schon vergessen, dass Platzpatronen im Magazin waren oder sie hegten die Hoffnung, auch echte Munition in den Lauf zu bekommen.
Russisch Roulette auf Italienisch? Scheiße.
Er musste sein Bestes geben. Auf die Gefahr hin, dass auch seine Patronen nicht durchgängig scharf waren.
Francini setzte sich hinter den Tisch. Sohn und Gattin standen ungerührt auf ihren Plätzen. Beide hatten jetzt allerdings fiese kleine Maschinenpistolen in den Händen.
Jeromey fackelte nicht lang, nutzte das Überraschungsmoment und kickte dem nächststehenden Anwärter die Pistole aus der Hand. Der stürzte rücklings zu Boden, ein Schuss löste sich beim Aufprall der Waffe. Jeromey sank gleichzeitig in die Hocke, schoss dem Linksstehenden in die Stirn. Er hörte einen weiteren Knall, warf sich zur Seite, spürte den scharfen Sog knapp an seiner Schläfe vorbeischrammen und schoss dem dritten Anwärter ins Herz. Er sprang auf, fühlte Schweiß auf der Stirn.
Der Erste war wieder auf die Füße gekommen, krallte sich seine Waffe und taumelte auf Jeromey zu. Es war ein Leichtes, auch ihn mit einem Schuss zwischen die Augen ins Jenseits zu befördern, bevor der seinen Zeigefinger positioniert hatte.
Tatsächlich hatten sich in Jeromeys Magazin keine Platzpatronen befunden. Sein Atem ging hart und schnell, er brachte ihn rasch unter Kontrolle. Sein Blick haftete auf den drei Opfern. Die Pistole weiterhin im Anschlag.
»Leg sie weg!«, befahl nun Tommaso.
»Meine Güte, das ging ja rasant«, rief der Senior. »Du hast deine Mitbewerber abgeknallt, und ich hab kaum folgen können.« Dann klatschte er in die Hände. »Bravo! Jetzt gib die Waffe her.«
Nicht ohne Francini aus den Augen zu lassen, sicherte er die Beretta, griff sich in die Jeanstasche und holte ein kleines Tuch hervor. Wischte unter den verblüfften Blicken dreier Augenpaare über die Waffe, reichte sie Tommaso, der sie sofort ergriff.
»Normalerweise arbeite ich mit Handschuhen«, sagte Jeromey und unterstrich diese Selbstverständlichkeit mit einem Achselzucken.
Francini kratzte sich an der Stirn. »Setz dich!« Er deutete auf den leeren Stuhl.
Jeromey gehorchte nicht, blieb stehen. Sein Puls kam endlich zurück in den Normalbereich. Er vermochte noch gar nicht richtig zu realisieren, was er soeben angerichtet hatte. Sein Körper hatte vollautomatisiert agiert. Gewiss war vorherzusehen, dass es sich nicht vermeiden ließ, in tödlich endende Auseinandersetzungen hineingezogen zu werden, aber ohne Grund drei Menschen töten zu müssen, die er nicht einmal kannte – und das gleich am ersten Tag der Kontaktaufnahme –, damit hatte er nicht gerechnet.
Erstaunlicherweise missachtete Francini Jeromeys Verweigerung. Wahrscheinlich verursacht durch die Hochstimmung.
»Was für eine Glanzleistung, mein Junge! Mit solch einer professionellen Darbietung hat noch keiner bei einem Bewerbungsgespräch aufgewartet. Eigentlich hatte ich gehofft, mindestens zwei Bewerber hier sitzen zu haben. Aber besser, einen guten Mann zu haben als zwei nur halb gute.«
»Meine Munition war durchgängig scharf. Mein Vorteil.«
Francini stemmte sich empor und näherte sich mit taxierender Süffisanz. »Weißt du, es gibt da ein paar armselige Abtrünnige, die hirnlos in der Gegend umherspringen und die falschen Kontakte suchen, nur, um mir das Leben zu erschweren. Ich brauche jemanden, der aufräumt. Wäre das ein Job für dich?«
Dass er gleich mit Mordaufträgen betraut werden sollte, hatte er ebenso wenig erwartet. Aber wer mit dem Teufel verhandelt, darf hinterher nicht jammern, wenn die Hölle ihre Klauen nach ihm ausstreckt.
»Sie vertrauen mir?«
»Nun, Vertrauen zu haben, ist immer mit einem Risiko verbunden. Und ich meide Risiken, die vorhersehbar sind.« Francini trat dichter an ihn heran. Verfiel in ein hinterlistiges Flüstern. »Ich vertraue dir einen höchst sensiblen Job an, mein Junge. Allerdings bist du auf dich allein gestellt. Die Risiken trägst du. Haben wir einen Deal?«
Nach dem geschäftsabschließenden Händedruck warf Francini seinem Sohn ein Nicken zu. Zackig überreichte Tommaso seinem Vater die MP und wandte sich an Jeromey.
»Komm, Amico, jetzt entspannen wir uns. Darfst dir ein Mädchen aussuchen.«
Jetzt | Mitte Januar
JEROMEY
Im Dezember 2016 war er das letzte Mal in der Zentrale. Auf ein Kurzgespräch mit Deckart, bevor er sich in die Transplantationsklinik begeben hat. Nichts hat sich in diesen dreizehn Monaten verändert. Freundliche, nette Worte aus altbekannten Gesichtern wehen ihm entgegen, als er das IDA-Gebäude betritt, am Empfang vorbeigeht und die Treppen bis ins fünfte Obergeschoss hinaufsteigt. Sein Herz pumpt hart, es ist höchste Zeit, wieder mit intensiven Trainingseinheiten zu beginnen.
Er hätte auch in die Tiefgarage fahren und den Aufzug nehmen können. Aber er wollte einmal wieder die Glastür durchschreiten, die Atmosphäre im Foyer einfangen, sich einfach nur am Eingangsportal zeigen.
Nun steht das erste Gespräch seit langem mit Deckart an. Der Geschäftsführer hat darum gebeten, will wissen, wie es seinem ehemaligen Top-Agenten geht. Wie er sich die Zukunft vorstellt. Mit der IDA.
Dabei hat Jeromey sich vorgenommen, endgültig die Kündigung auszusprechen. Der Abstand zur Detektei ist seit der Lebertransplantation und anschließenden Genesungszeit ausreichend groß geworden, sodass er jetzt in der Lage ist, ohne schlechtes Gewissen den Brief abzugeben.
Klar hat er oftmals geäußert, den Job hinzuschmeißen. Jeden schon einmal davon in Kenntnis gesetzt, aufhören zu wollen. Und doch stand immer eine gewisse Unehrlichkeit dahinter, niemals hat er sich vorstellen können, tatsächlich diesen gewaltigen Schritt zu tun. Seine antrainierte Loyalität hat stets eine freie Entscheidung verhindert. Zu sehr ist er mit der Agentur verbunden, zu tief in ihre geschäftlichen Machenschaften verstrickt.
Und viel zu oft ist sein ungebührliches Verhalten von Kollegen und den Bossen gedeckt worden. Außerdem ist sein Gehaltskonto stets bestens gefüllt. Das ist keineswegs zu verachten.
Ungebührlich. Wie kommt er auf dieses Wort? Viel zu harmlos drückt es das aus, was dahintersteckt: Die moralischen Grenzen, die er überschritten hat, die vielen Toten, die er zu verantworten hat.
Armin Deckart, ein leibhaftiger Danny-DeVito-Verschnitt, reißt die Tür auf, bevor Jeromey anklopfen kann. Drückt ihm die Hand, bis es wehtut.
»Jamey!«, ruft er aus. »Mein guter Junge.« Er streckt sich empor, tätschelt ihm die Schultern. Drückt sich kurz an ihn. »Endlich wieder in diesen Räumen. Wie habe ich diesen Augenblick herbeigesehnt.«
Jeromey ist versucht, ihm seine Verachtung über dieses Theater entgegenzuschleudern, aber er reißt sich zusammen.
»Hi, Boss!« Er löst seine Hand aus dem feuchten Griff Deckarts.
»Setz dich, Junge, setz dich. Willst du was trinken? Wie geht’s dir?« Der Boss schiebt ihn ins weiträumige, sonnenlichtdurchflutete Büro.
»Lassen Sie den Quatsch!«, fährt Jeromey ihn härter an als gewollt.
»Oh, ich höre, du bist wieder ganz der Alte?«
»Ich bin zumindest kein seniler Schwerbehinderter«, brummt er.
»Ja, entschuldige.«
Deckart setzt sich, wie üblich bei derartigen Gesprächen, auf seinen Platz hinter dem Schreibtisch, Jeromey lässt sich in den Sessel davor fallen. Schmeißt ihm das Kuvert vor die Nase.
»Was ist das? Noch eine Krankmeldung? Hoffentlich die letzte.«
Deckart nimmt das Kuvert an sich, reißt es auf. Wird blass.
»Nein, Jamey, bitte nicht. Überleg es dir.«
»Ich habe es mir überlegt. Sehr gut sogar. Ich muss mich jetzt um meine Familie kümmern.«
Deckart lehnt sich zurück, stützt seine Ellbogen auf den Armlehnen ab, faltet die Hände vor dem Halbkugelbauch. Seine zuvor noch offerierte Rührigkeit fällt von ihm ab. Seine Augen suchen den Kontakt.
»Ich gebe dir Recht, Jamey«, beginnt er überraschend ernst. »Familie ist das Wichtigste im Leben eines Menschen.«
Es folgt eine Pause, und Jeromey wartet gespannt, mit was der Boss diesmal aufwartet, um ihn zu ködern.
»Und, Jamey, Familie bürdet jedem eine besondere Verantwortung auf. Vor allem dir.« Deckart fährt sich über die Stirn, faltet aufs Neue seine Hände. »Ja, Jamey, ganz speziell dir.«
Jeromeys Herz stolpert, findet aber gleich wieder in seinen Rhythmus zurück. »Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst. Sie brauchen mir keine Vorhaltungen zu machen.«
»Hast du dir überlegt, wie du dein Leben ohne uns gestalten wirst? Wo willst du deinen Unterhalt verdienen? Wer soll dir das bieten können, was wir dir bieten? Und vor allem: Du bist dann kein Waffenträger mehr. Den Waffenschein wirst du als normaler Bürger abgeben müssen. Klar, eine Waffenbesitzkarte als Sportschütze steht dir sicher zu, aber sie wird dir wenig nutzen. Du wirst somit zum Freiwild für jeden, der noch eine Rechnung mit dir offen zu haben glaubt.«
»Danke für die Drohung!«, murrt Jeromey. Nein, er würde sich nicht mürbe machen lassen.
»Hast du dir keine Gedanken darüber gemacht?«
»Wer will mir denn noch etwas anhaben, wenn ich draußen auf meinem Grundstück mein Leben führe? Zurückgezogen und nur noch für meine Familie und mein Sportcenter, das übrigens Gewinn abwerfen wird. Miete für meinen Besitz am Starnberger See kriege ich ebenso. Und das Penthouse muss mir die IDA auch für einen Batzen Geld abkaufen.«
»Dein Naivitätsgetue nehme ich dir nicht ab. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du tatsächlich glaubst, deine Zukunft sei dadurch in alle Richtungen abgesichert.«
Jeromey bezwingt den Drang aufzubrausen, stemmt sich empor. »Dann trennen sich jetzt unsere Wege, Boss!«
»Hast du schon mit Hank gesprochen?« Deckart bleibt demonstrativ sitzen.
»Konkret über diese Kündigung noch nicht. Aber ich fliege am Wochenende nach London. Habe schon einen Termin beim Lord, Hank wird auch dabei sein.«
»Setz dich, bitte!« Deckarts Stimme ist äußerst streng.
In diesem Moment öffnet sich die Verbindungstür zum Besprechungsraum, und Jeromey ist überrascht, wer hereintritt und mit zügigen Schritten auf ihn zusteuert.
»Hi, Jamey!«, sagt Hank und umarmt Jeromey.
Er windet sich heraus und nimmt wieder Platz. »Du bist hier? Dann liegt wohl etwas Schwerwiegendes an, oder?«
Hank zieht sich einen Sessel herbei und lässt sich neben Jeromey nieder. »Wir wollen dich nicht verlieren. Womöglich finden wir eine Lösung. Eventuell eine Kooperation?«
»Welcher Art?« Er ist auf der Hut, will sich nicht in eine Falle locken lassen.
»Unsere Agenten könnten in deiner Schule trainieren, sogar von dir lernen?«
Jeromey ist überrascht. »Meine Schule wird niemals ein Ersatz für die Special Training Academy sein.«
»Nein, das soll sie auch nicht. Aber eine Ergänzung?«
»Vergiss es, Hank.« Obwohl ihm bereits entsprechende Gedanken durch den Kopf gegangen sind, will er keinesfalls vorschnell auf Kompromisse eingehen.
»Bitte, mein Freund. Überleg es dir. Lass dir Zeit. Auch für deine vollständige Genesung. Für deine Familie. Komm mit dir ins Reine. Und dann triff die Entscheidung, ob du uns den Rücken kehren und in eine ungewisse Zukunft treiben willst.«
Jeromey hat es so satt, sich ständig mit unterschwelligen oder offenen Drohungen auseinandersetzen, sich den Forderungen unterwerfen zu müssen. Aber was ist die Alternative? Wenn er sich nicht auf das Abenteuer Familie eingelassen hätte, wenn er immer noch ganz alleine für sich entscheiden könnte, keine Verantwortung trüge, ja, dann befände er sich nicht in dieser Zwickmühle.
Obwohl, was hat ihn dann die ganzen Jahre abgehalten, zu kündigen? Eine vielleicht bedrohte Familie, von der er sich völlig distanziert hat? Leider muss er sich eingestehen, schon immer einem Zwang unterlegen gewesen zu sein, Gründe zu finden, die ihn an der Abnabelung von der Firma gehindert haben.
»Jamey«, unterbricht Hank seine Gedanken. »Sag mir bitte ganz konkret, wie du dir deine Zukunft ohne uns vorstellst.«
»Zunächst bringe ich meine körperliche Konstitution auf Vordermann.«
»Ja, klar. Und ich hoffe und wünsche dir, dass das gelingt. Und dann?«
»Und dann?« Jeromey fühlt geradezu, wie sich eine unkontrollierbare Nervosität breitmacht. »Leite ich mein Sportcenter. Habe schon Arbeitsverträge mit Trainern und einer Bürokraft abgeschlossen. Ich teile die verschiedenen Sportgruppen ein, für die ich bereits Anmeldungen vorliegen habe, ich mache die Verwaltung, stelle Rechnungen aus und so weiter. Und wenn ich Lust habe, fahre ich mit Annika und Chiara in den Urlaub. Und Mayk kann mich besuchen, wann immer er will.«
Hank lacht aus vollem Hals.
Das macht Jeromey wütend. »Glaubst du, das kann ich nicht?«
»Willst du eine ehrliche Antwort? Von einem wahren Freund?« Hank wischt sich die Tränen aus den Augen, gluckst leise vor sich hin. »Das wirst du nicht durchhalten.«
Diese Einschätzung schmerzt wie ein Nadelstich ins Herz, aber Jeromey verzichtet auf eine Reaktion, die seine eigenen Emotionen weiter in die Höhe treiben würde.
Deckart fährt sich übers halbkahle Haupt, kratzt sich an der Stirn. »Ich habe einen Vorschlag.« Seine Blicke huschen zwischen Jeromey und Hank umher. »Das Kündigungsschreiben bewahre ich auf. Es hat Gültigkeit, und Jamey verlässt uns fristgerecht zum Ende des Jahres.«
Hanks verhöhnende Heiterkeit verfliegt augenblicklich, er kneift die Augen zusammen, setzt zu einer offensichtlichen Widerrede an.
Doch Deckart lässt sich nicht beirren. »Es sei denn«, er sieht Jeromey an, »du ziehst die Kündigung zurück. Diese Option steht dir bis zum letzten Tag offen. Können wir so verbleiben?«
»Das heißt«, vergewissert sich Jeromey, »ich behalte meine Ausweise und besitze die kompletten zwölf Monate die Berechtigung zum Schusswaffengebrauch?«
Hank zieht seine Stirn kraus. »Worauf willst du hinaus? Solange du dich im Krankenstand oder in der anschließenden Resturlaubsphase befindest, bist du nicht im Einsatz und hast auch keine diesbezügliche Berechtigung.«
»Nicht mal zur Verteidigung?« Jeromey braucht Gewissheit. Seine Pläne laufen in eine ganz andere Richtung.
Deckart schnaubt hart. »Doch, natürlich!« Er wirft Hank einen schrägen Blick zu. »Das war bisher so und wird sich auch nicht ändern.«
»Was hast du vor?«, fragt Hank scharf.
Jeromey weiß, dass er ihn nicht blenden kann.
»Es sind noch ein paar Rechnungen offen«, gibt er zurück und erhebt sich.
»Rechnungen? Was willst du abrechnen?« Hank springt auf und stellt sich ihm in den Weg.
»Vielleicht beginne ich bei den Folterern vom MI5?«, fährt Jeromey ihn an. »Entweder du gibst mir die Namen oder ich – «
»Gar nichts wirst du«, zischt Hank zurück. »Ich sagte dir, dass es Ex-Kollegen von mir waren. Sie haben auf Befehl meines Onkels gehandelt und wussten weder, wer du bist, noch, dass es sich um einen Test handelte. Und glaub mir, der Lord unterzieht nur die Besten einer solchen Prüfung.«
»Gib mir die Namen!«, beharrt Jeromey.
»No!«
»Okay, dann knüpfe ich mir Witherspoon vor.« Jeromey lächelt Hank an. »Oder Seine Lordschaft, deinen verehrten Herrn Onkel.«
»Das wagst du nicht!«
Den stoßweisen Atem des uneinsichtigen Spezialagenten-Chiefs und dessen kaltäugiges Fixieren ignoriert er. Drängt an ihm vorbei und zur Tür hinaus, die er hinter sich zuwirft. Erleichtert, dass es zu keiner weiteren verbalen oder gar körperlichen Auseinandersetzung zwischen ihm und seinem Freund gekommen ist.
Ob Deckart überhaupt kapiert hat, worum es bei dem Disput ging?
FRANK
Ich sichte das zusätzliche Material für die Biografie, das mir Jeromey vor ein paar Tagen übergeben hat, und bin erschüttert. Schon damals, als ich offizielle Akteneinsicht in einige seiner Fälle erhalten hatte, schockierten mich die grausamen Details, die er nun mit der Offenlegung weiterer Fallakten noch übertraf. Nach reiflicher Überlegung beschließe ich, nicht alle Einzelheiten seiner Einsätze zu schildern.
Allerdings hat mich einer seiner ersten Mordaufträge besonders ergriffen, weshalb ich mich diesem in einer anderen Art widme. Immerhin war er Teil der Grundsteinlegung einer verabscheuungswürdigen Zweitkarriere meines Bruders.
Einen Teil der Akte zum Fall »Augello_G« lieferte Jeromey mir in eingescannter Form auf einem Stick. Er saß mir gegenüber, während ich die wenigen Seiten auf dem Computerbildschirm durchlas. Ich durfte sie mir nicht kopieren, nur Notizen machen. Es fiel mir schwer, mein Mitleid mit diesem abtrünnigen Mafiamitglied zu unterdrücken, der Ärmste wollte nichts weiter als frei sein.
Jeromey wurde extrem ärgerlich über meine Gefühlsduselei, wie er es nannte, und hätte beinahe das Projekt abgebrochen, wenn ich nicht eingelenkt hätte. Nun ja, zweifellos wäre es besser für den untreuen Mafioso gewesen, seinen Ex-Boss nicht zu hintergehen und zu bestehlen. Vielleicht hätte er seine Träume dann verwirklich können. Wer die Todesopfer waren, die Augello hinterlassen hatte, verriet Jeromey mir nicht.
Amüsiert bin ich, als mir ein ganz bestimmter Dialog in den Sinn gerät, den ich mit Jeromey bei der Besprechung geführt habe.
»Du würdest nur Tränen sehen, die ich deinetwegen vergieße. Das hast du gesagt? Ich wusste gar nicht, dass du so poetisch veranlagt bist.«
»Ja, verflucht, und wage bloß nicht, es in die Biografie aufzunehmen.«
Ich schere mich nicht um seine Warnung und verfasse den Fall Augello so, wie ich mir den Ablauf vorstelle.
Damals | 2004
DIE AKTE »GIACOMO AUGELLO«: REKONSTRUKTION SEINER LETZTEN STUNDE
Kräftig stieg er in die Pedale. Der Radweg, der die beiden Ortschaften im südlichen Schwarzwald verband, erstreckte sich etwa fünf Kilometer durchs wiesenweite Tal. Wie jeden Nachmittag drehte er auch heute eine Runde, bevor er sein Restaurant öffnete. Sein lichtes Haupt schützte er mit einem original Mercedes-Käppchen, das er seit kurzem zu Recht mit Stolz trug. In seiner Garage stand ein funkelnagelneues, leistungsstarkes AMG-Sportcoupé.
Etwa auf halber Wegstrecke gab es eine Bank, gesäumt von niederen Hecken, aber gut einsichtig. So nahm er die dunkle, reglose Gestalt schon aus weiter Ferne wahr. Sonst saßen dort meist Mütter, die sich fröhlich unterhielten, oder sonstige Spaziergänger, die sich zu einer Plauderrunde trafen. Die plötzliche Märzhitze hatte sie offenbar woanders hingelockt, denn seltsamerweise war niemand unterwegs. Außer er und eben jene Gestalt.
Mit mäßiger Geschwindigkeit zog er an der Bank vorbei, nickte grüßend und bemerkte den Blick, der ihm folgte. Etwas stimmte nicht.
Giacomo bremste, fühlte geradezu das Bohren des Fremden in seinem Genick. Also stieg er ab, ging zurück, lehnte das Rad an die Bank und setzte sich neben den Fremden. Manchmal war es besser, sich einer vermeintlichen Bedrohung zu stellen, die sich meist in Luft auflöste, als vor ihr zu fliehen und in nachträgliche Ängste zu verfallen.
Die spiegelnde schwarze Sonnenbrille täuschte allerdings nicht über die fixierenden Blicke hinweg.
»Ungewöhnlich heiß heute«, sagte Giacomo in der Hoffnung, die bizarre Situation zu entschärfen. Er strengte sich an, gutes Deutsch zu reden.
Die Mundwinkel des Fremden formten sich zu einem Schmunzeln. Mehr folgte nicht.
»Wenn es ein paar Bäume gäbe, könnte man es hier besser aushalten«, versuchte Giacomo erneut, den Fremden aus der Reserve zu locken. Eigentlich sollte er auf sein Rad steigen und davonfahren. Aber warum blieb er dann sitzen? Vielleicht, weil er instinktiv ahnte, dass ein Flüchten keine Verschonung gewährleistete?
»Tja, wenn …«, reagierte plötzlich der Typ mit angenehm ruhiger Stimme. Der Rest blieb unausgesprochen.
»Warten Sie auf jemanden?« Giacomo floss der Schweiß aus allen Poren, was nicht nur an der verfrühten Sommersglut lag.
Er erhielt keine Antwort. Dennoch wunderte er sich über seinen inneren Drang, weiterreden zu wollen. »Gewöhnlich pausiere ich nie, wenn ich meine Runden drehe.«
Vielleicht bildete er sich auch nur ein, dass von diesem schwarzhaarigen, attraktiven jungen Mann eine Bedrohung ausging. Italiener war er jedenfalls nicht. Und deutsch sprach er ja auch. Bestimmt erwartete er ein Mädchen.
»Ein neues Rad?«
Knallhart traf Giacomo diese Frage. Er schluckte schwer.
»Ja, erst drei Wochen alt. Sieht gut aus, nicht wahr? Fährt sich auch gut.«
»Kann ich mir vorstellen.«
»Fahren Sie auch gerne Rad?«
Giacomo erhoffte sich ein zwangloses Gespräch, dem er sich bald wieder entziehen konnte.
»Eher Motorräder. Meine Maschine steht hinter den Büschen.«
Ach so, deshalb die dunkle Lederkluft, Giacomo war erleichtert. Mit vorsichtigem Umherlinsen suchte er nach dem Motorrad und freute sich, als er es hervorblitzen sah.
»Das Rad sieht nicht billig aus«, stellte der Fremde fest.
»War’s auch nicht, hab fleißig gespart.«
»Trotz des Neustarts nach deinem Untertauchen noch Geld sparen können?«
Schockiert klebte Giacomos Blick auf der verspiegelten Sonnenbrille, konnte aber nur sein eigenes Entsetzen darin erkennen. Der Typ wusste ganz genau, wen er vor sich hatte.
»Mein Lokal geht gut«, erklärte er mit fester Stimme, obwohl er dem Mann bestimmt keine Rechenschaft schuldig war.
