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Laetitia wurde drei Minuten vor ihrer Zwillingsschwester Margaux und siebenunddreißig Minuten vor der Explosion in Tschernobyl geboren. Obwohl sie an einer renommierten Wirtschaftsschule studiert hat, jobbt sie in der Snowhall von Thermes-les-Bains, einem künstlichen Freizeitparadies. Sie ist besessen von der Klimakatastrophe und entsetzt über den Plan, in ihrer Heimat Lothringen radioaktiven Müll aus Frankreich, Deutschland und Luxemburg zu vergraben. Mit ihren Freunden Taupe, Jona, Fauteur und Thelma inszeniert sie einen spektakulären Coup, der nur ein Vorgeschmack auf das finale Inferno ist. Hélène Laurains wie in einem Atemzug geschriebener Roman erzählt von den Wünschen, Hoffnungen und Ängsten einer Generation, die den Kampf gegen den Klimawandel verloren glaubt – und sich doch für den Aktivismus entscheidet.
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Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2024
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BIS ALLES BRENNT
Für Alex und Aida
Dieses heißt Schicksal: gegenüber sein und nichts als das und immer gegenüber.
Rainer Maria Rilke,
Duineser Elegien
Cover
Halftitle
Title
Inhalt
Kapitel
noch oft träume ich davon
ich steige als Letzte in den weißen Lieferwagen
wenn sich unsere Blicke treffen lächeln wir nervös
Taupes Gesicht leuchtet gelb von ihrem 3310
tipp tipp tippsie wird angerufen
ihr Klingelton ist diese Mozartsinfonie weißt schon
Taupe sagt OK und legt auf
Alles klar Anruf ging durch ruft Taupe in die Runde
los Beeilung
ich betrachte uns in den orangenen
Guantanamo-Astronauten-Overalls
Nur noch ein oder zwei Minuten sagt Fauteur am Lenkrad
ich muss dringend pissen
wippe mit dem Knie dagegen an
Taupe hält mich rabiat davon ab
Wird schon atme sagt sie zu mir
das ist ein Befehl keine Beruhigung
ich atme
niemand sagt etwas
und wir sehen sie von Weitem
die Silhouetten
dreckig sogar in der Nacht
die Kühltürme
weiche Sanduhren
und Rauchschwaden
immer
wieder Taupe die mir jetzt lauter zuruft
Halt dich bereit
nimm die Leiter nimm die Leiter
jeder hat sein Werkzeug in der Hand
sie den Trennschleifer
Dédé die Flachzange
Thelma die Kombizange
Jona den Teppichboden
Fauteur das Banner auf dem Sitz neben ihm
er bremst und gerät ins SchleudernRaus raus schreit jemand mir zu
ich öffne die Hecktür von außen springe rein lass die Leiter rausgleiten
Taupes Tasche fällt dabei runter Scheiße pass auf
ich ramme mir die Nägel in den Daumen es blutet
wir haben wenige Minuten um reinzukommen
Thelma beginnt panisch zu werden
Das ist das Gebäude stimmts hä das ist es hä fragt sie
das erste Gitter nehmen wir über die Leiter wie geplant
wir drücken den Teppichboden gegen den Stacheldraht
gleiten drüber hinweg
einfach so
wir sammeln uns auf der anderen Seite ein wie Scheißhaufen
nur Dédé rappelt sich mühsam auf es klappt es funktioniert
in etwa einer Minute sind wir alle drüben
wir müssen
das zweite Gitter öffnen
Taupes Trennschleifer und dann die Zangen von beiden Seiten
vergrößern das Loch
butterweich
von nun an
ist jede Bewegung klar
Schnell schnell schnell brüllt Taupe man hört Polizeisirenen
wir pressen den Teppichboden gegen die Lochinnenseite
gleiten durch
da sagt Taupe Scheiße und fasst sich ans Ohr aber keine Zeit
Banner das Banner Beeilung
wir stellen uns auf wie besprochen ich zwischen
Taupe und Fauteur
wir rollen es aus für unsere Drohne
GRÜNER FUROR
TSCHERNOBYL, FUKUSHIMA … FICKANGE?
hinter uns kramen Thelma und Dédé das Feuerwerk aus ihren Rücksäcken
Thelma zieht eine Wir-sollten-nicht-hier-sein-Visage
Jonas Gesicht zuckt voll nervös
die Kumpels konnten die Bullen nicht aufhalten die aus
ihrem ins Schleudern geratenen Wagen raussprangen
die Bullen wissen dass wir es sind
Olivier hat angerufen um sie zu warnen
eigentlich müssten sie es wissen
sie öffnen das erste Gitter
wir mit unserem Banner nur drei Meter von ihnen entfernt
und über unseren Köpfen beginnt es zu knattern
violette Bomben
meerblaue Sträuße
blaugrüne Glut
Kaskaden
Sonnen
Pailletten
golden golden golden
sieht aus
wie ein bunter Lichtaufzug auf der versifften Fassade
und all das
genau neben dem Abklingbecken
krachende Explosionen und schriller Beschuss
Geräusche die man nur zu gut kennt
von der Zuckerwatte und den Desperados
das weckt Erinnerungen
an den Sommer
die Nacht
sogar bei den Bullen
und all die Sterne
spiegeln sich in den Uniformen
und der Lärm legt sich über ihre Stimmenihre Gesten
ich lache
beendet von Taupes Schlag auf meinen Hinterkopf
Laeti oh
die Bullen haben schließlich das erste Tor geöffnet
ich pinkle ein bisschen als ich sie das zweite öffnen sehe
Adrenalin
wir werfen die Hände in die Luft
wir sind keine Cowboys
sie stürzen sich trotzdem auf uns
bam Kopf auf den Boden ich pinkle mich schließlich komplett ein
die letzte Rakete wird von einem einer oder jemand anderem abgeschossen
BOUM die Trauerweide
die Polizistenschultern saugen den schallenden Stoß auf
gleichzeitig
tanzen sie
das Licht zeichnet etwas auf ihre Gesichter
zu viert zerren sie mich weg
Mein Schuh schreie ich
Scheiße
mir fehlt ein Schuh
mein Schuh am Boden schreie ich
eine Ohrfeige auf Mund/Nase
Mein Schuh flüstere ich
sie schleudern mich in den Einsatzwagen Schnauze brüllen sie ich sitze
wie ein Elendshäufchen
und die anderen Kumpels neben mir Elendshäufchen ich spüre
wie sie zittern
innerlich ziemlich jubilierend
im Stillen
wie sollte man sich da nicht lebendig fühlen
Thelma macht ein Das-war-nun-keine-Spaß-Nummer-GesichtFauteur jetzt mir gegenüber
von einem Transporter zum anderen
sehen wir uns an
seine Miene macht mir Mut
ich denke
sie haben die Polizei
wir ein dickes Fell
ich lächle ihm zu
ich habe Angst
unterwegs zur Festnahme
das war ein schönes Feuerwerk
Ekzem: an der linken Hand bis zum Mittelfinger
heute bin ich früh in La Crasse
als ich ankam habe ich
eine Taube zertreten
träumte ich oder zitterte ihr Flügel noch
Balec führt sein Interview
mit der Journalistin von terrepourtous.fr
er ist mit ihr
draußen
er wirkt stolz belehrt sie
kommentiert zufrieden
Snowhall von Thermes-les-Bains
Schussfahrt ins VergnügenStunden haben wir gebrainstormt
für dieses Aushängeschild
schließlich mussten wir
die erste Idee von Balec nehmen
sie treten in die Halle
Balec bleibt dort stehen damit ihn jeder sieht
er hat offenbar die ganze Nacht an den Formulierungen gefeilt
ich mache den Empfang
durch die Scheibe sehe ich die Piste
leer
mit künstlichem Schnee versehen
ich beobachte ihn
wie er seinen gebeugten Körper bewegt
ich verstehe Bruchstücke
Sehr exklusiv
empfängt eine Indoor Skipiste
von 620 Meter Länge
aus Auckland Dubai Madrid La Haye Shanghai Barcelona
glücklich die Hochofenschlacke
aufgehäuft zu haben
unter dem Schnee
wie auch über die Aufwertung des Images der Gegend beim
Vorhaben einer visionären Nähe
der schönen Seite
zur französischen Ski Alpinmannschaft die
trotz des falschen Prozesses in dem wir uns befinden
weniger umweltschädlich ist als ein fetter Pool
die Zukunftsdisziplin
er schüttelt der Journalistin die Hand
stößt mit geröteten Wangen zu unsstützt sich als wäre nichts gewesen auf den Empfangstresen
gleichgültig
Und das Arsen der Asbest und das Blei
die verpestete Luft die wir atmen
darüber redest du das nächste Mal frage ich
er schnieft
Laetitia
ah Laetitia
mit ihrer gerunzelten Monobraue da
sieht fast aus wie ein Löckchen
hör mal auf mit dem Quatsch
das ist ein Gerücht um weniger zu arbeiten
glaubst du sie ließen uns hier malochen wenn da Arsen wär
du bist das Arsen
also los sagt er und setzt sich in Bewegung
beim Verlassen der Arbeit
ist die Taube neben der Tür
nunmehr weniger als ein Crêpe
maximal 5 Millimeter dick
zurück im La Cave
um Nick Cave zu hören
Wegen des Wortspiels fragte mich Fauteur auf Signal
Im Moment
höre ich nicht nur ausschließlich Nick Caveich sehe auch nur einen Film
Wild Plants von Nicolas Humbert
nochmal und nochmal und nochmal schrieb ich ihm
ich sagte ihm nicht dass all das
all das Schönheit bedeutet safe
jedes Mal bringen mich diese Bilder dazu
an Mémou zu denken
und ihren Satz über die Schönheit
wenn alles Scheiße ist gibt’s Pépou der seine Karre wäscht
jeden Abend um 18:30
und ich brüll ihm durch das Kellerfenster zu
Beregnung verboten schon mal was von Gluthitze gehört
er versteht es so wahnsinnig gut nicht zu hören
man könnte meinen er hört wirklich nicht
wie nichts poliert er mit seinem Lederschwamm
er ist gealtert das sieht man an seinen Schläfen
schon seit Monaten warten wir auf das Urteil
bis dahin
ist es uns verboten uns zu sehen
anscheinend sind wir eine Vereinigung
eine Vereinigung von Übeltätern
wir würden
Feuerwerke abfeuern und anderes
noch Schlimmeres
es heißtich habe kein Recht mehr in Kontakt
zu treten mit Fauteur
und all den anderen
und umgekehrt
seit dem Feuer
haben wir uns nicht mehr gesehen
theoretisch haben wir das Recht weiter
aktiv zu sein
aber wie soll man wissen
ob jemand den ich nicht kontaktieren darf
die Absicht hat an demselben Treffen wie ich teilzunehmen
wir haben dennoch einen Weg gefunden
dank der Infos eines Außenstehenden
zu den Treffen hinzugehen
abwechselnd
alle zwei Stunden
um uns nie über den Weg zu laufen
theoretisch
hätte ich das Recht gehabt zu Dédés Beerdigung zu gehen
meines Freundes Dédé
unseres Freundes
bereits während des Feuerwerks ist er krepiert
an Bauchspeicheldrüsenkrebs
aber wer weiß welchem Übeltäter
ich über den Weg gelaufen wäre
keiner von uns weiß was das konkret
bedeutet
ein Übeltäter zu sein
man wird nicht als Übeltäter geboren
man wird es
die die uns anklagen wissen das
nicht einmal wirklichdarin liegt der ganze Vorteil
man kann auf
demselben Gehsteig stehen
kann dieselbe
Luft atmen
kann dasselbe Essen
essen
im selben Raum
in Abständen von ein paar Stunden
dieselben Menschen treffen
dieselben Beruhigungspillen nehmen
auf demselben Klo scheißen
man kann dieselben Bücher lesen
dieselbe Radiosendung hören
und wenn ich in der Nacht aufschrecke
in derselben Sekunde wie Fauteur
und wenn mein Herz
schneller schlägt weil ein Polizeiwagen
bei mir vorbeifährt
so wie er
verschärft sich dann
mein Fall
wenn ich beim Knarzen der Treppe
mit den Zähnen knirsche
ist es verdächtig
wird das festgehalten
wie die Demonstrationen
die Anrufe
die SMS
die Bewegungen
die E-Mails
bei der Festnahme haben sie gesagtdass sie mich kennen
dass sie wissen wer ich bin
der Polizist machte dieses gierige
Gesicht
mich
endlich
kennenlernen zu können
sie sagten dass ich ziemlich leicht
zu durchschauen
dass ich eine instabile Persönlichkeit sei
mit anormalen narzisstischen Zügen
und dass ich in meinen manischen Phasen
– die Polizistenfinger setzten Anführungszeichen –
ein hohes Maß an Aggressivität
an den Tag legen würde
ich sagte nichts
ich glaube dass mein Anwalt an meiner Stelle sprach
mit meinen Fingern schlug ich
F A F A F A F A F A F A mit der rechten Hand
A C A C A C A C mit der linken Hand an
Philip Glass
Opening nºI
gleichzeitig
dachte ich an
scold’s bridle
das Zaumzeug für Megären
eine Eisenmaske
im besten Falle
ein einfaches Gestell
im schlimmsten eine Narrenkappe
mit bösen oder verschämten Zügen
versehen mit einem Riegel der in den Mund eindringtdie Zunge zusammenpresst
oder sie gegen den Gaumen hochdrückt
manchmal mit einem Dorn für die besonders Aufsässigen
zum Schweigen bringt
andere Möglichkeit
ein Glöckchen
damit die Megäre unterwegs auf den Straßen
wie an der Leine
ihres Ehemanns
schneller geortet wird
um sie bespucken und
beschimpfen zu können
ohne Gefahr eines Einwands
ich fragte mich was besser wäre
das
oder das was mich erwartete
und ich stieß ein schwaches Lachen aus
was man mir mit einem
Das bringt sie zum Lachen Mademoiselle beglich
Madame entgegnete ich
ich fragte mich ob
trotz der Vorsichtsmaßnahmen
das Feuer
sie wussten dass wir eins planten
ob das für sie eine Leckerei war
obendrein
etwas zu beißen
sie fügten hinzu dass all das
gefährlich sei
und angesichts meiner Zerbrechlichkeit
es besser
für mich wäre zu sagenwer das organisiert hätte dass ich auch niemanden vergesse
das wäre der einzige Weg mich zu retten
sie fügten hinzu dass sie mir
rund um die Uhr folgten dass sie wüssten
wo ich einkaufe
welche meine Laufstrecke sei
wann und wie oft ich joggte
wo ich meine Slips kaufte
– Bei Petit Bateau
du weißt dieselben Unterhosen wie deine Großmutter –
sie hatten gegluckst
wenn ich daran zurückdenke
ist es als hätten sie alle zusammen gesprochen
wie aus einem Mund
eintönig
obwohl
nur einer der beiden sprach
er sagte wir sind
wir haben
der andere begnügte sich damit
zu blinzeln
und ich betrachtete ihn
ein dicker Typ
buttermilchgenährt
eine Miene unentwegt erstaunt
ich stellte mir das Foto seiner Enkelkinder vor
geneigt auf seinem Schreibtisch
ja ihn betrachtete
ich manchmal
sie wussten
welche Musik ich hörte
wem ich E-Mails schriebund sogar was drinstand
welche Noten ich im Abitur hatte
– Madame Superhirn –
sie fügten hinzu
dass sie mich seit einem Jahr abhörten
dass sie hörten
wenn ich Fauteur vögelte
dass ich Balec vögelte
sie schwiegen und ihre Münder lächelten
sie hörten auch
die Mémou zugeflüsterten
göttlichen Wörter
mein Angeschnauze mit Der Schwester
mein Schweigen mit Pépou
sie sagten
dass sie alles wüssten
was sich schreiben ließe
alles
was sich hören ließe
zwangsläufig
haben sie also
die Stelle von Wild Plants gehört
die Mémou und ich ständig schauten
die Stelle in der ein junger Mann
sich bückt etwas aufsammelt und sagt
Diese Birne
schmeckt nach zerfallenem Haus
und fortfährt
