Bis ans Ende unserer Leben - Ferenc Barnás - E-Book

Bis ans Ende unserer Leben E-Book

Ferenc Barnás

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Beschreibung

Dem Schriftsteller Sebestyén Paulich, von seinen neun Geschwistern Sebi genannt, macht das Zerwürfnis, das sein gerade erschienenes Buch in der Großfamilie ausgelöst hat, zu schaffen. Darin hat er den Vater als Diktator dargestellt und der Mutter, die bald darauf stirbt, Kummer bereitet. Erst bei ihrer Beerdigung kommt Sebi auf die Idee, dass sie an etwas anderem als an Krebs gestorben sein könnte. Je mehr er nachforscht, desto mehr düstere Geheimnisse kommen ans Licht. Dass man ihn nicht an das Totenbett seiner Mutter gerufen hat, hat jedoch auch mit Sebis viel jüngerer Freundin Lil zu tun. Einige der katholischen Paulichs lehnen sie ab, dabei führen sie selber keineswegs vorbildliche Ehen. Während Lil für einen Politiker zu arbeiten beginnt, der sich für die gefährdete Demokratie Ungarns engagiert, bleibt Sebi in die Immobilien- und Glücksspielaffären seiner Geschwister verstrickt. Als auch der Vater, dessen Lebensweg nach Rumänien und Russland zurückreicht, im hohen Alter stirbt, sorgt sein Erbe für eine Überraschung. »Bis ans Ende unserer Leben« ist ein temporeicher und turbulenter Roman über den Alltag einer so gar nicht alltäglichen Familie im kulturell und politisch tief gespaltenen Ungarn von heute.

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Seitenzahl: 674

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

[Cover]

Titel

Widmung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

Danksagung des Autors

Autorenporträt

Übersetzerporträt

Kurzbeschreibung

Impressum

Für Lil

1

Ich will mich befreien. Kann es nicht. Die Schmerzen sind so stark, dass ich nicht aufstehen und aus dem Krankenzimmer gehen kann, nicht auf dem Flur losgehen, hinunter in den ersten Stock, dann ins Erdgeschoss, durch die Eingangstür hinaustreten, dann den Hof des Krankenhauses überqueren – den Haupteingang erreiche ich nämlich nur, wenn ich durch die vergitterte Tür des Nebengebäudes gegenüber in das Hauptgebäude gehe. Es muss drei Uhr nachts sein. Wenn die vergitterte Tür offen ist, dann gelange ich auf einen schmalen Flur, den muss ich in Richtung Pforte entlanggehen. Das Gelände wird von Kameras überwacht; egal, wenn ich es bis hierhin schaffe, dann kann mich selbst der Pförtner nicht mehr aufhalten – wenn es sein muss, durchbreche ich die Glastür mit meinem Körper. Ich würde mich nicht ernsthafter verletzen, sodass ich meinen Weg zu den Plattenbauten fortsetzen könnte.

Selbst für die kleinste Bewegung brauche ich die Hilfe der Krankenschwester. »Schwester!«, rufe ich. Sie hört mich nicht, ich weiß, dass sie mich nicht hört, vielleicht hat sie sich hingelegt, um sich auszuruhen, oder wurde zu einem Patienten gerufen. Ich rufe noch einmal, jetzt sehr viel lauter: »Schwester!!« Ein Druck und ein Spannen in meinem Unterbauch, in meiner Blase, in der Gegend darüber – der Schmerz strahlt in meinen Körper aus. Wieder ein Urinstau. Würde das doch endlich aufhören! Wenn ich dieses Spannen doch bloß nicht mehr spüren müsste! Der Druck ist schon gar nicht mehr in meinem Unterbauch, sondern in meinem Kopf. Aber nein, das Ganze passiert in der Blasengegend. Ich diszipliniere mich, doch vergebens. Das, was mich übermannt, ist viel stärker als mein Wille. Ich wimmere. Nein. In einem Krankenzimmer, in dem sich außer mir noch andere Patienten befinden, die zudem vermutlich schlafen, traue ich mich nachts um drei nicht zu wimmern. Es ist mein Körper, der Töne von sich gibt: Die zum Platzen gespannten Zellwände pressen den Ton aus meiner Kehle, aus den Rissen darunter. Die unwillkürlichen Reaktionen meines Körpers gelangen stockend in mein Bewusstsein, dabei überkommen mich immer neue Schmerzwellen. Wenn sich diese Wellen weiter verstärken, so wie jetzt auch, dann kann ich mich nur darauf konzentrieren, von hier hinauszugelangen, nur darauf, dass im Vergleich zu diesem Zustand das Nichtsein eine Befreiung, eine Erlösung ist.

Ich rufe wieder. Vergebens.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergeht, bis die Schwester endlich an meinem Bett erscheint. Ich teile ihr mit, dass ich erneut einen Urinstau habe. Daraufhin beugt sie sich über meinen entblößten Unterleib und zieht den Katheterschlauch aus dem Katheterschaft, der aus meinem Glied herausragt; das muss sie tun, anders kann sie nicht feststellen, wo er verstopft ist. Sofort bemerkt sie die im Kunststoffschlauch festgeklemmten Blutstückchen, das sehe ich im Halbdunkel, da ich in dem Bett liege, das dem Flur am nächsten ist, und draußen ein Teil der Neonröhren leuchtet. So gut ich kann, hebe ich meinen Oberkörper an; nur Schmerz und Hilflosigkeit regen sich in mir. Die Schwester geht einige Augenblicke später mit dem Katheterbeutel in der Hand in das zu unserem Krankenzimmer gehörende Bad, in dem sich auch eine Toilette befindet; ich höre, wie sie den Inhalt des Kunststoffbeutels ausschüttet. Ich höre auch, wie sie danach den Wasserhahn aufdreht und den Katheterschlauch durchspült; Letzteres höre ich nicht, weiß aber, dass sie das macht, machen muss. Danach kommt sie zurück an mein Bett und platziert den Schlauch des Katheterbeutels erneut in den aus meinem Glied hervorstehenden Plastikschaft: Ich spüre, wie sie die beiden Röhren ineinanderschiebt, an das Gefühl, das dieses erneute Einführen verursacht, habe ich mich gewöhnt, im Vergleich zu der Spannung ist das nichts. Indes setzt sich mein Urin langsam in Gang, fließt durch den Schlauch in den Plastikbeutel. In den vergangenen fünfzehn Stunden habe ich beobachtet, auf welche Weise mein Körper zum weiteren Ertragen der Leiden Kraft sammelt. Nicht ich, sondern mein Körper bereitet sich auf das Kommende vor. Wäre es doch nur schon vorbei! Endlich vorbei! Ich will nichts von mir wissen! Will nicht wissen, dass ich bin! Der im unbewussten Zustand durchlebte Schmerz ist nicht der Schmerz, den ich kenne, wenngleich das Bewusstsein auch im Zustand der Bewusstlosigkeit ist, vor sich hin rieselt. Im Krankenhaus von Dr. Csető konnte ich zum Teil verfolgen, was mit mir passierte, und ich erinnere mich an das Gefühl: Erst bei der vollkommenen Ablösung, der vollkommenen Loslösung schwindet das, was einen an die Sinneswahrnehmung und durch diese auch an die Empfindung bindet.

Nach einer halben Stunde beginnt alles von vorn.

Es ist niemand bei mir. Allein daraus schöpfe ich Kraft. Es gibt zwar auch andere im Krankenzimmer, doch sind sie Fremde, obwohl es, wenn der Schmerz stärker wird, auch sie nicht gibt, es gibt nichts und niemanden, ausgenommen den Schmerz, der mich voll und ganz erfüllt. Und die Sehnsucht.

Ich lag auf dem Bett und konzentrierte mich einzig und allein darauf: nicht mehr zu sein. Dieser Wunsch war in mir stärker als alles andere, in dem ein oder anderen Augenblick sogar stärker als der Schmerz. Wenn ich nicht bin, dann ist auch der Schmerz nicht. Eine einzige Frage hatte ich, eine einzige praktische Frage: Wie könnte ich es zu den Plattenbauten schaffen? Um zu den zehnstöckigen Plattenbauten zu gelangen, müsste ich um das Haus des Bestattungsunternehmens herumgehen, dachte ich, ich müsste also die Sörgyár-Straße bis zur Lavotta-Straße entlanggehen, dann links in die Lavotta-Straße einbiegen, diese in Richtung Hauptstraße weitergehen, die vermutlich etwa vier bis fünf Minuten vom Krankenhaus entfernt war. Von dort wären ungefähr noch hundert Meter zurückzulegen, um das erste Gebäude zu erreichen. Vielleicht käme ich schon in das erste zehnstöckige Haus hinein, dachte ich, vielleicht schlossen sie es nicht ab, oder wenn sie es auch abschlossen, hatte gerade jemand heute Nacht vergessen, die Eingangstür abzuschließen. Ich müsste nur in das Gebäude gelangen, es machte auch nichts, wenn der Aufzug nicht funktionierte, irgendwie würde ich es schon in den zehnten Stock schaffen. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn. Das Dach war schon der elfte Stock, sicher gäbe es irgendeine Tür nach draußen, ins Freie, einen Notausgang oder etwas Ähnliches, warum sollte ich nicht aufs Dach gehen können, meiner Erinnerung nach wurden die Sicherheitsvorschriften in Ungarn ja keineswegs immer eingehalten. Ich muss einfach hoch auf das zehnstöckige Haus! Falls es nicht klappt, muss ich bei einer Wohnung klingeln, ab dem sechsten oder siebten Stock egal wo, irgendetwas muss ich mir einfach einfallen lassen. Die wollen mich lynchen, verstecken Sie mich! Es kann auch sein, dass ich mit etwas anderem ankomme; ich kann durchaus Dinge sagen, die mein Gegenüber für einige Augenblicke hilflos machen, sodass es sich nicht regt, und mir reichen schon ein paar Augenblicke. In dieser Zeit durchbreche, durchreiße ich alles, Hauptsache, ich komme durch in eine Wohnung, in ein Zimmer, in eine Küche: Ich muss an ein Fenster gelangen, an eine freie Öffnung, die unmittelbar zur Straße oder zum Park hin sieht, den Rest erledige ich. Hauptsache, ich bin weit oben, sehr weit oben, weil ich auf Nummer sicher gehen muss, das ist die einzige Möglichkeit, diesem Ganzen ein Ende zu setzen. Ein einziger Augenblick wird es sein, eine einzige konzentrierte, unglaublich exakt ausgeführte Bewegung. Schwung und Kraft werde ich in mir haben, das wird mich befreien.

Gegen halb sechs, nachdem die Schwester meinen Katheterbeutel noch zweimal ins Bad getragen hatte, ließ der Druck nach. Meine Zimmergenossen waren schon wach. »Entschuldigen Sie das heute Nacht«, sagte ich, während ich daran dachte, dass ich eigentlich noch nie bei den zehnstöckigen Plattenbauten gewesen war. Ich hatte die Wohnblocks bemerkt, als ich einige Monate zuvor das Bajcsy-Zsilinszky-Krankenhaus das erste Mal durch den Haupteingang in der Sörgyár-Straße verließ. »Wir sind hier nicht im Beichtstuhl, lassen wir das mit den Geständnissen!«, sagte ein Mann mittleren Alters, der auf dem Bett mir gegenüber saß und Zeitung las. Wir waren zu viert im Krankenzimmer, er war der Jüngste unter uns. Die anderen beiden Männer mochten so um die siebzig gewesen sein, beide sahen wortlos vor sich hin. Ich drehte mich zum Fenster und dachte daran, dass wir im Augenblick unseres Todes gar nicht unser Leben zurücklassen, sondern die wenigen Erinnerungssplitter, die da aus irgendeinem Grund in uns aufblitzen. Alles andere löscht sich in uns aus, auch das, dass wir gelebt haben.

Ich war nach einer als gelungen geglaubten Prostataoperation Mitte Oktober wieder in der Urologischen Abteilung des Bajcsy-Zsilinszky-Krankenhauses gelandet. Dr. Szokolai hatte mich eine Woche zuvor damit entlassen, dass ich während der Zeit der Genesung viel Flüssigkeit zu mir nehmen solle, was ich auch tat. Einige Tage schien es so, als würde ich langsam, aber sicher gesund, doch dann fiel mir das Wasserlassen am sechsten Tag immer schwerer. Nach einer Weile ging es gar nicht mehr. Lil war nicht zu Hause, denn sie war wegen ihrer anstehenden Reise nach Übersee am frühen Morgen zu einer Besprechung in die Provinz gefahren. Bevor sie sich auf den Weg gemacht hatte, sagte sie: »Trink viel, so, wie der Arzt gesagt hat. Die Flüssigkeit spült die Röhren durch.« Also trank ich viel Wasser, praktisch doppelt so viel wie in den Tagen davor: Ich war schon bei fünf, sechs Litern. Alle zehn Minuten ging ich auf die Toilette, dann alle fünf Minuten, schließlich alle zwei Minuten. Trotzdem war ich nicht imstande zu urinieren. Von Zeit zu Zeit drehte ich den Wasserhahn am Waschbecken auf, dann setzte ich mich aufs Klo und wartete. Vergeblich. Später ging ich ins Zimmer zurück und legte mich aufs Bett, weil sich mein Bauch, der sich da schon erschreckend aufgebläht hatte, so weniger spannte – unmerklich war mein Körper zu einem anderen geworden. Dann konnte ich auch nicht mehr liegen. Gegen Mitternacht, noch bevor Lil nach Hause kam, rief ich ein Taxi und ließ mich ins Bajcsy-Zsilinszky-Krankenhaus bringen. Lil schrieb ich aus dem Taxi eine SMS.

»Was ist passiert?«, fragte der Bereitschaftsarzt, auf den ich eine gute Viertelstunde vor der urologischen Facharztpraxis des Krankenhauses wartete; die Nachtschwester hatte ihn irgendwo aufgetrieben. »Herr Doktor, ich kann seit Stunden kein Wasser lassen und habe wahnsinnig viel getrunken.« Das war alles, was ich sagte. Darüber, was ich in den vergangenen Stunden durchlebt hatte oder gerade durchlebte, konnte ich nicht reden, so wie ich auch darüber nicht berichten konnte, was mein Körper durchmachte, obwohl mein Körper das, was mir schon fast unerträglich schien, noch ertrug. Hätte er es nicht mehr ertragen, wäre es das Ende gewesen. Wie genau formuliert die Medizinwissenschaft doch: Exitus.

»Legen Sie sich aufs Bett und machen Sie sich unten rum frei!«, sagte der Arzt. Während ich mich hinlegte und dabei die Hose samt Unterhose hinunterschob, las sich der Arzt meinen vor einer Woche verfassten Entlassungsbrief durch, den ich ihm beim Betreten des Untersuchungszimmers überreicht hatte. Danach untersuchte er mich.

»Postoperative Blutung, so etwas kommt vor. Das Blut kann sich da leicht in der Harnröhre verklumpen, was dann zu einem Harnverhalt führt«, sagte der Arzt und wandte sich der Nachtschwester zu, die zusammen mit uns in das Untersuchungszimmer gekommen war.

»Manyika, ich benötige einen Katheter«, sagte der Arzt. Die Schwester holte einen aus dem Glasschrank und packte ihn aus. Dann trat sie zum Arzt und reichte ihm den Katheter.

»Das wird sich etwas unangenehm anfühlen«, sagte der Arzt, der den Kunststoffschlauch des Katheters kurz darauf in die Öffnung meiner Harnröhre steckte. Danach wartete er ein wenig und schob den Schlauch dann mit langsamen Bewegungen ganz bis zu meiner Harnblase hoch. Es war nicht das erste Mal, dass sie das mit mir machten, auch unmittelbar nach der Operation war mir ein Katheter gelegt worden. In Kürze setzte der Urinfluss ein.

»Danke, Herr Doktor«, sagte ich oder flüsterte ich eher.

»Wir müssen Sie hierbehalten, in diesem Zustand können wir Sie nicht gehen lassen«, sagte der junge Mann, der vielleicht ein Assistenzarzt war.

»Und wie lange muss ich hierbleiben?«

»Das weiß ich nicht. Gehen Sie jetzt, ruhen Sie sich aus«, sagte der Arzt und gab der Schwester Bescheid, damit sie sich um ein Bett für mich kümmerte.

Mit dem Katheterbeutel in der Hand kletterte ich irgendwie vom Bett und richtete meine Kleidung. Dann sagte ich der Schwester, dass wir losgehen könnten.

Die Schwester begleitete mich in ein Krankenzimmer am Ende des Flurs, wo sie auf das leere Bett neben der Tür zeigte. »Legen Sie sich hierhin«, sagte sie und drückte mir ein weißes Hemd in die Hand, wie sie es einem für Operationen geben. Eine Woche zuvor hatte ich ein ähnliches Hemd bekommen. Jetzt brauchte ich es wegen des Katheters; der Schlauch war samt Beutel fast einen Meter lang, und mein Geschlechtsorgan musste auf jeden Fall frei bleiben. »Sagen Sie Bescheid, wenn etwas sein sollte«, sagte die Schwester ein paar Augenblicke später, damit ließ sie mich zurück.

Ich zog mich aus und legte mich, nachdem ich das Nachthemd angezogen hatte, ins Bett. Ich dachte, ich würde binnen einer Stunde einschlafen. Aber ich konnte nicht. Nach zwanzig Minuten rief ich das erste Mal nach der Schwester: »Schwester!«

Als sich der Chefarzt der Abteilung bei der Morgenvisite den Bericht des Bereitschaftsarztes über meinen Zustand angehört hatte, ordnete er eine Elektrokoagulation an, das heißt eine Blutstillung durch Verbrennung.

»In Ihrem Alter ist eine Wiederholung der Operation riskant. Lassen Sie es uns versuchen, vielleicht gelingt es ja. Doktor Básti wird sie vornehmen, weil Ihr Arzt, Dr. Szoklai, heute frei hat. Seien Sie ganz beruhigt, Sie sind in guten Händen.«

Danach erkundigte sich der Chefarzt nach dem Befinden meiner Zimmergenossen und verließ, nachdem er alle drei behandelnden Ärzte konsultiert hatte, das Krankenzimmer. Sie waren insgesamt zu siebt gewesen, unter ihnen eine große, rothaarige Frau, die sich von Zeit zu Zeit Notizen machte.

Als Dr. Básti unser Krankenzimmer eine halbe Stunde später mit einem Metalltablett in der Hand betrat, schaute ich zur Tür, während ich versuchte herauszufinden, was er in den kommenden Minuten mit mir machen würde. Ich wusste es nicht. Auf dem Tablett lagen eine Nadelelektrode, ein Ballonkatheter mit Gummischlauch, ein Monitor in Größe einer Taschenlampe sowie Metallinstrumente und Gummihandschuhe. Dr. Básti stellte das Tablett auf mein Bett, zu meinen Füßen.

»Die Decke benötigen wir nicht, die lege ich jetzt hier auf den Stuhl. Und Sie ziehen bitte Ihr Nachthemd ganz bis zum Brustkorb hoch.«

Während Dr. Básti meine Decke auf dem Stuhl platzierte, zog ich das Hemd bis zur Brust hoch. Danach zog Dr. Básti beide Gummihandschuhe an und sagte: »Jetzt werde ich Sie foltern.«

Ich hatte nicht einmal so viel Zeit, um darüber nachzudenken, was das bedeutete, denn schon beugte er sich über meinen Unterleib und zog den Katheterschlauch aus dem Kunststoffschaft, der aus meiner Harnröhre ragte. Ich glaubte, es würde dasselbe passieren wie in der Nacht, doch ich irrte, denn Dr. Básti zog auch den Kunststoffschaft aus mir heraus, aber nur, um nach einer guten Minute den in einer antiseptischen Lösung desinfizierten Ballonkatheter in mich hineinschieben zu können, den er dann durch die Harnröhre bis zu meiner Prostata führte. Danach pumpte er den Ballon mit Luft auf, die er kurz darauf zu meiner Prostata unterhalb der Harnblase blies. Er führte die an den Monitor angeschlossene elektrische Nadel durch den Ballonkatheter ebenfalls bis zur Prostata und begann dort, die blutenden Stellen mit elektrischem Strom zu verbrennen. Da die Nadelelektrode mit einer Kamera ausgestattet war, traf Dr. Básti das blutende Gewebe auf den Millimeter genau. Auf dem taschenlampengroßen Monitor war meine Prostata gut zu sehen.

Von alldem erinnere ich mich bloß an den starken Brandgeruch sowie daran, dass ich von Zeit zu Zeit schrie. Ich konnte mich nur darauf konzentrieren, die Koagulation irgendwie auszuhalten. Das Ganze dauerte ungefähr eine halbe Stunde, aber es kann auch sein, dass es eine Stunde war. Als Dr. Básti meinte, dass es ihm gelungen war, die Blutung zu stillen, hörte er mit dem Verbrennen auf.

Auf einmal rann mir Wasser über das Gesicht. Ich fühlte nichts, dachte an nichts. Kurz darauf begriff ich, dass das Wasser aus meinen Augenhöhlen floss. Ich weine, dachte ich. Das plötzliche Eintreten der schmerzfreien Momente verursachte einen derartigen Schock, dass sich die vitalen Prozesse unabhängig von meinem Willen in Gang setzten.

Es handelte sich um Sekunden oder um einen Bruchteil davon. Ich kann nicht entscheiden, wie kurz oder lang diese Zeit war, da ich mich nicht an sie erinnern kann. Dabei füllte mein Bewusstsein ein unendlich einfaches Rieseln oder durchdrang es eher, was mir zwar bekannt vorkam, doch gleichzeitig ein völlig unbekanntes Erlebnis war: ich bin, ich existiere. Als wäre dieses Ich, das ich bis dahin als Ich kannte, in eine von meinem Körper unabhängige fremde Materie gepresst, zu der ich aber einen Zugang hatte, genauer gesagt plötzlich bekam. An diese paar Sekunden versuche ich mich zu erinnern, kann es aber nicht. Es ist hier in mir, jedoch abgesondert; es ist kein Teil von mir. Wäre es zu einem Teil von mir geworden, dann wäre ich ein anderer. Aber ich bin kein anderer. Ich bin der, der ich vor der Vivisektion war.

Als Dr. Básti das Krankenzimmer verließ, rann mir noch das Wasser aus den Augenhöhlen.

Ich schämte mich sehr für mein Leiden. Schämte mich für mein ganzes Leben.

Etwas später versuchte ich nachzudenken, konnte aber nicht.

Gegen Mittag schaltete ich mein Handy ein. Ich sah sofort, dass Lil mich mehrmals angerufen hatte. Ich rief sie zurück, doch ihr Telefon war ausgeschaltet. Einige Minuten später konnte ich sie dann aber erreichen.

»Du hast mich angerufen.«

»Was ist passiert?«, fragte Lil.

»Das besprechen wir später. Wann kommst du?«

»Wann soll ich denn kommen?«

»Wenn du Zeit hast.«

»Gegen vier?«

»In Ordnung.«

Lil betrat das Krankenzimmer gegen vier.

»Wie geht es dir?«, fragte sie und nahm meine Hand.

»Gut.«

Lil wusste, dass ich nicht die Wahrheit sagte.

»Was war bei der Besprechung?«, fragte ich.

»Natürlich haben sie nicht gezahlt. Die zahlen nie. Der Besitzer von einem Siófoker Restaurant hat aber eine Schrankwand aus Teakholz für seine Wohnung bestellt. Von dem Geld könnten wir Ende des Jahres nach Zalakaros fahren. Aber jetzt erzähl mir bitte, was passiert ist!«

»Ich habe einen Katheter bekommen. Wenn die Blutung nicht aufhört, müssen sie mich noch mal operieren.«

»Weiß deine Familie, dass du hier bist?«

»Nein.«

»Und deine Tochter?«

»Sie auch nicht.«

»Warum nicht?«

»Darum.«

»Ich rufe sie an.«

»Das machst du nicht!«

»Warum darf sie nicht erfahren, was mit dir los ist?«

»Ich will nicht, dass sie es erfährt.«

»Sie ist deine Tochter!«

»Auch dann nicht.«

Plötzlich verstummten wir beide und sagten eine ganze Weile nichts.

Um Viertel vor fünf kam die Freundin meines mir gegenüber liegenden Zimmergenossen an. Ich sah zur Tür. Ich wusste, dass eine Frau namens Erika eintreten würde, mein Zimmergenosse hatte zwischen nachmittags um zwei und vier mindestens anderthalb Stunden mit ihr telefoniert; währenddessen war er mehrmals laut geworden. »Ich flehe dich an, Erika, habe ich dir nicht gesagt, du sollst das nicht machen!?« Danach kommentierte Dénes alles, so erfuhr ich unter anderem, wann Erika in den Bus stieg und wann in die Straßenbahn, was sie über Pferde dachte und über gesunde Ernährung sowie über die Luftverschmutzung in Budapest.

Als Erika das Krankenzimmer betrat, schaute sie, wenn auch unwillkürlich, zu uns. Gewisse Situationen sorgen bei mir leicht für Verstörung, dann benehme ich mich sogar verstört, in solchen Momenten täuschen mich selbst meine Sinnesorgane.

»Was ist?«, fragte Lil.

»Nichts.«

Lil wurde ernst. Es war ihr anzusehen, dass meine Verstörung sie verletzte. Doch sie riss sich schnell zusammen und erzählte, dass der Straßenbahnfahrer der Linie achtundzwanzig auf dem Weg zum Krankenhaus bei der Haltestelle Sörgyárak mit einer Anderthalb-Liter-Flasche Theodora-Mineralwasser in den Fahrgastraum spaziert sei, wo er zu einer Frau hintrat und sagte: »Geben Sie das den Kindern.«

»Er hatte offensichtlich dasselbe gesehen wie ich einen Moment vorher. Die Romni hatte die Flasche, aus dem ihre Kinder sofort zu trinken begannen, an der Straßenbahnhaltestelle aus dem Mülleimer geholt.«

»Und was ist dann passiert?«

»Der Mann ist zurück in die Fahrerkabine gegangen und hat die Fahrt in Richtung des Friedhofs an der Kozma-Straße fortgesetzt«, sagte Lil, die danach noch eine Stunde an meinem Bett saß. Dann ging sie, weil ich sie darum bat. Ich wollte schlafen. Besser gesagt wollte ich so tun, als würde ich schlafen. Ich zog mir sogar die Decke über den Kopf.

2

Meine Familie hatte ich seit der Beerdigung nicht mehr getroffen. Auch meine Tochter nicht, die mir sogar noch am Vormittag jenes Maitages Bedingungen stellte, was sie bereit wäre und was sie nicht bereit wäre zu tun: Selbst in den Stunden vor der Beerdigung diskutierte sie noch mit mir über den Zeitpunkt beziehungsweise den Ort unseres Treffens. Nachmittags um zwei könne sie einfach nicht von ihrem Arbeitsplatz, der R&M, wegkommen, sagte sie, und der Kosztolányi-Dezső-Platz wäre für sie sowieso nicht geeignet, aber sie wolle sich uns auf jeden Fall anschließen, denn allein finde sie die Szent-Gellért-Kirche nicht, da sie die Gegend nicht kenne. Szonja wusste, dass sie alles mit mir machen konnte. Das war seit Jahren so, und ich verstand es einfach nicht, weil ich davon überzeugt war, ihr keinen Anlass für dieses Verhalten gegeben zu haben, bis mir Lil eines Tages erklärte, worum es eigentlich ging. Frauen durchschauen solche Situationen rasch, oder ich war einfach nur zu dumm dazu. »Das ist meistens so. Scheidungskinder begleichen ihre Rechnungen in bestimmten Fällen nachträglich«, sagte sie eines Abends, nachdem sie sich wieder mal eines unserer unzähligen Telefonate mit angehört hatte. Ich dachte, Szonja würde gar nicht zur Beerdigung kommen, aber dann traf sie doch ein. Auf einmal stand sie dort neben uns in der letzten Reihe. Ein paar Minuten später hatte sie sich sogar von irgendwoher einen Stuhl besorgt und nahm neben mir am Rand der Reihe Platz. Lil saß zu meiner anderen Seite.

Unser Vater hatte sich in die erste Reihe der Krypta gesetzt, wir, die Geschwister, saßen verstreut – mit Ausnahme von Umu, der Jahre zuvor gestorben war, waren wir alle anwesend: Sára, Magda, Aranka, Iván, Jani, Csaba, Veronika, Kálmán, Lali und ich sowie die Ehefrauen, die Ehemänner, die Kinder. Es musste schon mindestens eine halbe Stunde vergangen sein, als die Zeremonie begann.

Hinter dem Altar stand ein hochgewachsener Pfarrer, er sprach. Etwas weiter hinten saßen zwei Messdiener sowie ein älterer Mann auf jeweils einem Stuhl.

Als die Zeremonie zu Ende war, stand unser Vater auf, zeigte auf das Tischchen mit der Urne, das einen Meter von ihm entfernt stand, und sagte mit zitternder Stimme: »Das hier ist eure Mutter.« Dann drehte er sich um und ließ seinen Blick über die Stuhlreihen schweifen. Er sah nichts und niemanden, da bin ich mir sicher. Unser in Salzburg lebender Bruder hatte am Tag nach Mamas Tod versucht, in die Leichenhalle des Bestattungsunternehmens zu gelangen, um unsere Mutter noch einmal zu sehen, aber man ließ ihn nicht rein. Auch ich war nicht am Sterbebett unserer Mutter gewesen. Oft fällt mir ein, was gewesen wäre, wenn ich mit meinen Geschwistern dort im großen Zimmer hätte sein können. Ich überlegte viel, was sich in jenen Stunden an Mamas Bett abgespielt haben mochte. Später sah ich nur noch vor mir, wie unsere Mutter in einem Fach der Leichenhalle lag, dann, wie sie von dem Metallgestell gehoben und ins Krematorium transportiert wurde. Ich versuchte herauszufinden, wann sie verbrannt werden sollte, konnte aber nichts in Erfahrung bringen. Ist es möglich, dass ich Mama schon in der Feuerhalle gesehen hatte, als sie noch gar nicht da war? Kann es sein, dass man mit der Einäscherung noch gar nicht begonnen hatte, ich aber schon sah, wie der Wagen aus dem Feuerbestattungsofen rollte, in dem da nur noch Mama war?

Flackerndes Kerzenlicht.

Altar.

Leere.

Schwarzes Messgewand mit schwarzer Stola.

Buch, aus dem gelesen wird.

Mir war schwindlig. Währenddessen sah ich überall Mama. Sah sie gar nicht, sondern spürte sie. Ich erinnere mich nicht, geweint zu haben, obwohl mir meine Tochter irgendwann ein Taschentuch reichte, das ich entgegennahm. Sich einen halben Liter Unicum, fünf Flaschen Bier, die Angst und die Fast-Besinnungslosigkeit aus dem Gesicht wischen. Wir wussten, dass dies jederzeit eintreten könnte, denn Mama hatte Leukämie, man hatte die Diagnose zwei Jahre vorher, als sie schon achtzig Jahre alt war, erstellt. Dennoch wollten wir nicht daran denken, dass sie sterben könnte, oder wollten uns, wenn wir daran dachten, nicht vorstellen, mit welchen Folgen das im Hinblick auf uns einherginge. Wir alle waren gestorben. Mit meinen Geschwistern sprach ich nicht darüber, aber ich wusste, dass sie dasselbe dachten. Nicht dachten, erlebten. Keiner von uns war mehr der, der er vorher gewesen war, wir hatten uns verloren; du hörst und siehst, was vergangen ist, aber das ist nicht mehr wahr, wird nie mehr wahr sein, dabei hatte uns einst diese Welt umgeben: Alles war Spiel, Fröhlichkeit, wir waren begabt, auch dann, wenn wir es nicht waren, Begabung ist keine Fähigkeit, sondern eine Frage des Willens, Ehre den Menschen, die guten Willens sind. Den Anzug über die Trainingshose ziehen, die Fußlappen in die Schuhe stopfen, die Welt auslachen, alles und jeden, und dabei an den Allmächtigen denken, an den Heiligen Geist, den Sohn und Johannes Sebastian Bach. Und dann wieder Späße machen. Bei wie vielen Beerdigungen hatte sie Befreie mich, Herr, vom ewigen Tode gesungen! Und jetzt saßen wir hier vor dem Tischchen mit der schwarzen Tischdecke.

Wir und das Nichtsein.

Dann mussten wir aus der Krypta hinauf in den Kirchhof gehen, damit die Urne an ihren Platz gebracht werden konnte. Wir mussten aufstehen und losgehen, nacheinander an den Stuhlreihen vorbei, den Weg über die Treppe fortsetzen, zum Seitenschiff der Kirche hinausgelangen, von dort weiter auf den Hof, über den Hof hinter die Kirche zum Urnenfriedhof – ich folgte den anderen. Die beiden Messdiener begleiteten den Pfarrer, vor ihnen ging der ältere Mann, in seinen Händen befand sich die Urne. Lil lief neben mir her, meine Tochter war irgendwo zurückgeblieben. Wir gingen, weil wir ja die Mitte des Urnenfriedhofs erreichen mussten, Mamas Platz.

Wir erreichten ihn.

Der Pfarrer platzierte die Urne in Mamas Fach, dann sprach er. Die Rede, deren Sinn für mich darin lag, dass der Redner die Zeit irgendwie ausfüllte, dauerte vielleicht eine Minute. In mir war nur dieses Nichtsein, und die Betonwand – in der Betonwand die Fächer, auf den Platten der Fächer Namen, neben den Namen weitere Namen, dann ein geöffneter Raum von 0,027 m3, der bald darauf verschlossen werden sollte. Dann sagte der Pfarrer etwas zu uns, den Familienangehörigen, doch verstand ich nicht, was, weil ich seine Stimme nicht hörte.

Nach einer Weile mussten wir Mamas Platz verlassen, weil die Beileidsbekundungen, unser Gebet und auch unsere gemeinsame Stille zu Ende waren. Wir wussten zwar nicht, wohin, gingen aber los.

Ein paar Schritte weiter blieben wir jedoch alle stehen.

Wir standen verstreut auf dem Gelände zwischen Kirche und Urnenfriedhof herum. Mama hatte uns in solchen Situationen immer geholfen. Jetzt gab es niemanden, der hätte helfen können; wir waren uns selbst überlassen.

Kurz darauf setzte Magda unseren Vater auf eine Bank in der Nähe, das bemerkte ich sofort. Ich versuchte, mich so hinzustellen, dass er mich nicht sah. Ich stand neben Lil an der Hintertür der Kirche, als Magda zu uns trat.

»Ihr müsst zu Vater hingehen«, sagte sie.

»Warum müssten wir das?«, fragte ich.

»Weil ich dich darum bitte.«

»Wie sollte ich zu ihm hingehen?!«, sagte ich nervös.

»Ich bitte dich sehr, geht hin!«, sagte Magda und begann zu weinen.

»Gut«, sagte ich nach kurzem Zögern und ließ mich von meiner älteren Schwester zu meinem Vater führen.

Als wir bei der Bank ankamen, sah mein Vater nicht einmal auf. Außer seinem schwarzen Anzug und seinen schwarzen Schuhen war alles weiß an ihm, auch sein Blick. Er saß mit zurückgekämmtem weißem Haar auf der Bank, mit weißer Stirn und weißen Falten. Dreiundneunzig Jahre Weiße. Ich hatte keine Angst, der Schmerz machte mich leer; in der Leere bleibt nichts haften, auch die Angst nicht. Wir standen herum. Es kam mir vor wie Minuten, was vielleicht nur einige Sekunden waren. Mein Vater sah uns weiterhin nicht an. Erst kurz zuvor hatte man das Urnenfach verschlossen, darin die Asche jenes Menschen, mit dem er zweiundsechzig Jahre zusammengelebt hatte. Unser Vater war durch unsere Mutter – durch sie und mit ihr und in ihr, allmächtiger Vater. Eure Mutter war elfmal glücklich im Leben, hatte er einmal gesagt, worüber wir alle herzlich lachten.

Dann hob mein Vater plötzlich den Kopf. Ich dachte, er würde mich wegschicken, aber es kam anders. Ich erinnere mich gar nicht mehr genau, ob sein Blick verwirrt war, ich glaube, er war nicht verwirrt. Er schaute nur Lil an. Vielleicht sah er sie, vielleicht nicht. »Er plaudert gern Familiensachen aus«, sagte mein Vater zu Lil ohne jegliche Einführung, dabei deutete er mit dem Zeigefinger auf mich. Nichts anderes sagte er, nur so viel, dann verstummte er und schaute wieder vor sich hin. Ich reagierte nicht auf die Worte meines Vaters; Magda und Lil schwiegen. Plötzlich hatte ich das Gefühl, als wäre der halbe Liter Unicum innerhalb von Augenblicken in mein Blut übergegangen.

Nachdem wir uns von meinem Vater getrennt hatten, gingen wir in Richtung des kleinen Platzes vor der Kirche. Magda blieb bei meinem Vater.

»Willst du nicht nach deiner Tochter sehen?«, fragte Lil.

»Nein«, antwortete ich.

Meine Gedanken kreisten um meine Geschwister.

Seit dem Tod unserer Mutter war ich ihnen jetzt das erste Mal begegnet. Als Mama gestorben war, hatte mich keiner von ihnen angerufen, was ich bis heute nicht verstehe. Sie waren sich vollkommen im Klaren darüber gewesen, dass ich mich praktisch ständig im Objekt aufhielt, wo ich auch Ende April, an Mutters Todestag gewesen war. Als ich das später zur Sprache brachte, verteidigten sie sich damit, dass sie versucht hätten, mich an meinem Arbeitsplatz zu erreichen, doch hätte es mit der Verbindung Schwierigkeiten gegeben. So wusste an diesem frühen Donnerstagabend Ende April jeder in unserer Familie, was mit Mutter geschehen war, außer mir. Magda hatte sogar unsere im Ausland lebenden Geschwister, Veronika und Kálmán, erreicht. Mich benachrichtigte schließlich meine in Kopenhagen lebende, ältere Schwester Veronika, doch erst am nächsten Tag, am Freitagvormittag. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass es im Objekt keinerlei Schwierigkeiten mit der Verbindung gab, als sie mich anrief.

Wir blieben auf dem kleinen Platz vor der Kirche stehen und warteten. Hätte mich jemand gefragt, auf wen oder was wir da warteten, hätte ich nicht antworten können. Kurz darauf traten Veronika und Lali zu uns; auch Lalis ältester Sohn Boldi war bei ihnen. Zuerst schienen sie alle drei angespannt, doch mit dem Verstreichen der Minuten wurden sie etwas gelöster. Ich stellte ihnen Lil vor. Eigentlich hätte ich sie nur Lali und Boldi vorstellen müssen, doch auch Veronika tat so, als sähe sie Lil das erste Mal.

»Wollen wir was trinken?«, fragte ich meinen jüngeren Bruder.

»Of course, Sebi, mein Lieber«, sagte Lali und klopfte mir auf die Schulter.

Unterdessen machten sich meine älteren Geschwister samt ihren Familienmitgliedern auf den Heimweg. Sie gingen an uns vorbei, doch mich grüßte nur der eine oder andere. Sie sahen mich an, als wären wir gar keine Geschwister.

Veronika stand wortlos neben uns. Dann sagte sie mit einem Mal: »Ich komme mit den Kindern auch mit.«

»Gut«, sagte ich und sah zu den Fahrzeugen, die am Kelenföldi-Weg parkten – Vater stieg gerade in den Wagen meines ältesten Bruders. Aus dem Augenwinkel sah ich auch, wie sich Veronikas Kinder, Rasmus und Tilde, von Jancsi, dem ältesten Sohn meines mittleren Bruders, verabschiedeten. Dann kamen sie auf uns zu. Nach einigen Metern schloss sich ihnen auch Szonja an.

»Kommst du mit?«, fragte ich meine Tochter, als sie uns erreicht hatten.

»Nein. Ich habe zu tun.«

»Und kommst du zu Großvater raus?«

»Nein.«

Wir brachen auf. Lali und wir in Richtung Etele-Platz, Szonja zur nächsten Straßenbahnhaltestelle.

Wir landeten in der Bierstube Vasút, noch dazu in deren hinterstem Raum, weil nur noch dort Tische frei waren. Lali und ich bestellten Unicum, Boldi, Rasmus und Veronika Bier; nur Tilde wollte ein Mineralwasser haben. Da es keine Bedienung gab, holten wir die Getränke am Tresen. Wir setzten uns an den Tisch und begannen, uns über Mama zu unterhalten.

»Erinnerst du dich? Ihr wart aus Siebenbürgen, aus Szováta zurückgekommen.«

»Wir waren auch in Parajd.«

»Später hat sie sich über sich selbst lustig gemacht.«

»Und dabei geklatscht.«

»Wie viel sie in letzter Zeit doch über Parajd und Szováta gesprochen hat!«

»Und wir haben es nicht verstanden.«

»Auch das haben wir nicht verstanden.«

»Dann fing sie zu singen an. Und danach hat sie stundenlang den Schlüssel vom großen Zimmer gesucht, aber nicht gefunden. Am Ende ist ihr dann eingefallen, dass ihr der Schlüssel um den Hals hing.«

Keiner von uns konnte eine einzige Geschichte fertig erzählen. Ich sagte übrigens erst nach dem zweiten Unicum hier und da etwas; vor allem schwieg ich, weil meine Gedanken nach einer Weile wieder um meine Geschwister kreisten. Ich versuchte herauszufinden, was wohl in ihrem Kopf vor sich ging.

Eine halbe Stunde später tauchte auch Csaba mit seinem Sohn Ágoston auf; vielleicht hatte Veronika ihnen Bescheid gesagt, wo wir waren. Csaba ist der Jüngste unter meinen großen Brüdern. Er und Ágoston setzten sich neben Lali.

»Was trinkt ihr?«, fragte ich.

»Mineralwasser«, sagte Csaba.

»Bier«, sagte Ágoston.

Ich stand vom Tisch auf und ging in den anderen Raum der Bierstube, der sich mittlerweile gefüllt hatte, man konnte kaum an den Tresen gelangen. Die Leute tranken, schwangen Reden, übertönten einander. Als ich dort unter ihnen stand, tauchte auf einmal Veronika neben mir auf und flüsterte mir etwas ins Ohr, dessen Sinn ich in diesem Lärm nur halb verstand. Dann drehte sie sich um und ging zu den anderen zurück. Als ich an die Reihe kam, bestellte ich das Mineralwasser und das Bier, für Lali und mich hingegen noch eine Runde Unicum.

»Jani tobt«, sagte Csaba, nachdem ich mich an den Tisch gesetzt hatte.

»Warum?«

»Er sagt, es sei pietätlos, sich nach der Beerdigung unserer Mutter in der Kneipe zu betrinken.«

»Wir betrinken uns nicht. Wir unterhalten uns«, sagte ich.

»Das sehe ich.«

»Warum, etwa nicht?«

»Du packst die Gelegenheit ja immer beim Schopf.«

»Was für eine Gelegenheit?«

»Lass gut sein.«

»Oh, Sebi weiß schon, was er tut!«, rief Lali.

Auch in dem hinteren Raum, in dem weiterhin nur wir uns aufhielten, wurde die Stimmung etwas ausgelassener. Während ich meinen Geschwistern zuhörte, versuchte ich herauszufinden, was sich da vor mir abspielte. In unserer Familie wissen wir fast nie, wer was denkt. Seit Jahrzehnten leben wir so und haben nicht einmal den Versuch unternommen, etwas daran zu ändern. Jetzt beispielsweise kam ich nicht umhin zu denken, dass meine Geschwister mit mir in der Vasút-Bierstube nur deshalb so ungezwungen waren, weil sie sich nicht mit mir konfrontieren wollten. Sie verhielten sich mit einer Art unnatürlicher Natürlichkeit, während es den Anschein hatte, als würden sie mir etwas verheimlichen, was, wie ich fühlte, mit dem Tod unserer Mutter in Zusammenhang stand. Ich war mir zunehmend sicherer, dass mich meine Geschwister am Todestag unserer Mutter absichtlich nicht angerufen hatten.

Jahrzehntelang hatte ich in dem Glauben gelebt, dass wir gute Geschwister wären, obwohl ich mir tief im Inneren sehr wohl darüber im Klaren war, dass wir es nicht waren. Wir waren nicht deswegen keine guten Geschwister, weil wir einander geschadet hätten, sondern weil wir uns nicht trauten, füreinander Geschwister zu sein. Wir hatten keinen Mut dazu.

Etwas später ging mir auch durch den Kopf, dass Veronika und Lali eigentlich auf mich abgestellt worden waren. Sie waren nicht zufällig zu uns gekommen, dachte ich, und hatten nicht zufällig so schnell zugestimmt, in die Kneipe zu gehen; Veronikas Schweigen war nur Taktik gewesen. Sie wollten überprüfen, in was für einer Verfassung ich mich befand. Die bei uns übliche Strategie des Aufpassens. Vielleicht hatte sich Magda das ausgedacht. Falls dem so war, weiß ich nicht, was sich Magda davon versprach, sie kannte uns doch, sie hätte wissen müssen, dass wir untereinander nur sehr selten über Dinge sprachen, die uns wirklich wichtig waren.

Aber es kann auch sein, dass Veronika und die anderen nicht die ihnen zugeteilten Rollen spielten, sondern einfach sie selbst waren, so wie bei anderen Gelegenheiten, wenn unsere Familie in Schwierigkeiten steckte. Im Nachhinein muss ich, wenn ich an dieses Beisammensein zurückdenke, doch sagen, dass sie etwas vorspielten. Aber sie wollten nicht mich täuschen; mit ihrer scheinbaren Ungezwungenheit verhüllten sie ihren Schmerz über den Verlust unserer Mutter.

Gegen sechs zahlten wir und gingen zur Straßenbahnhaltestelle vor der Bierstube. Die Linie neunzehn stand schon an Gleis zwei. Sobald wir eingestiegen waren, schlossen sich die Türen.

Als die Straßenbahn losfuhr, wurde mir etwas schwindlig, doch nicht vom Unicum. Lil und ich standen neben Veronika, alle drei an der mittleren Tür. Wir schwiegen. Auch die anderen unterhielten sich nicht, von Zeit zu Zeit musterte ich sie: Sie standen da, hielten sich fest, schauten sich um. Ich weiß nicht, was sie sahen. Während wir uns der Haltestelle an der Szent-Gellért-Kirche näherten, dachte ich darüber nach, ob ich wohl zur Kirche schauen würde. Ich schaute nicht hin. An der Haltestelle stiegen ein paar Leute zu, und wir fuhren weiter. Zuerst folgte die Remise, dann ein Wohnpark, danach die Tankstelle und nach der die große Kreuzung. Allmählich ließen wir die Gebäude am Kelenföldi-Weg zurück, wir befanden uns schon auf dem Bartók-Béla-Weg. Ich betrachtete den Bürgersteig, die dort entlanggehenden Menschen. Was ich sah, waren sich auf zwei Beinen bewegende Flecken, Linien, im Zerfall begriffene Formen, die allein die Bewegung zusammenhielt, doch hatte diese Bewegung für mich keine begreifbare Bedeutung. Niemand wusste, was mit uns passiert war, auch die Flecken wussten es nicht, und ich wollte auch nicht, dass sie es erfuhren. Ich sah vor mich hin und dachte daran, wie gut es wäre, wenn Szonja jetzt neben mir stünde oder in meiner Nähe wäre, wenn sie mit mir zu unserem Haus käme, wenn sie mit mir im großen Zimmer wäre, das ich eine gute Stunde später betreten sollte.

»Steigst du am Kosztolányi-Platz aus?«, fragte ich Lil.

»Ich glaube schon«, antwortete sie.

Wir hatten noch in der Bierstube abgemacht, dass ich allein zum Haus meiner Eltern fahren würde, Lil nicht mitkäme. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn sie bei der Beerdigung nicht an meiner Seite gewesen wäre. Dabei hatten wir kaum ein Wort gewechselt; wir hatten gestanden, gesessen, waren gegangen, beieinander gewesen.

Lil stieg schließlich an der Haltestelle Szent-Gellért-Platz in die Straßenbahnlinie siebenundvierzig in Richtung Deák-Platz um.

Ich erinnere mich nicht, ob sich Csaba, Veronika und Lali bis zum Batthyány-Platz oder aber in der S-Bahn nach Szentendre untereinander oder mit den Kindern unterhielten. Wir sahen vor uns hin, wichen dem Blick des anderen aus.

In Pomáz stiegen wir aus der S-Bahn. Lali und ich gingen sofort in den Bull Pub gegenüber der Bahnstation, die anderen setzten den Weg zum Haus fort, das kaum fünf Minuten vom Pub entfernt ist; um uns beide musste sich keiner sorgen, eigentlich waren auch wir schon zu Hause.

Ich wollte den Augenblick der Ankunft unbedingt hinauszögern. Außerdem wollte ich mit jemandem zusammen sein, den ich anschauen konnte und dessen Blick ich standhielt. Den ganzen Tag über war ich auch Lils Blick ausgewichen; ich wollte nicht, dass sie mein Gesicht sah.

Wir bestellten Unicum und Bier, dann gingen wir auf die Terrasse des Bull Pubs und setzten uns an einen freien Tisch.

»Unicum, das sag ich dir, schmeckt mir besser noch als Bier«, sagte Lali und grinste. Dann zündete er sich eine rote Marlboro an und blies den Rauch mit einer solchen Miene aus, als hätte man ihm gerade eine gute Nachricht überbracht. Er hatte nicht vergessen, woher wir gekommen waren, beziehungsweise wohin wir gingen, dennoch schien es mir, als fühlte sich mein kleiner Bruder in dem Moment wohl.

»Sebi, die Sprüche sind noch die alten«, sagte er.

»Mhm«, sagte ich und zündete mir eine Sopianae an.

»Die Meisterschaft aber haben wir verloren.«

»Welche?«

»Ist das nicht egal?«

Ich wusste nicht, ob mein Bruder von Fußball oder von Tennis redete. Beide Sportarten liebte er, beides spielte er. Lali war der jüngste unter uns Geschwistern, er war kurz zuvor siebenundvierzig geworden. Er sah aus wie ein Schauspieler – vielleicht, weil er seit Jahren nichts anderes machte, als zu spielen, wenn auch nicht auf Bühnen, sondern auf Fußball- und Tennisplätzen. Vier Kinder hatte er, aber nur seine Frau Irma hatte eine Stelle, sie war Verkäuferin in einem eleganten Budapester Uhrenfachgeschäft.

»Du hast recht, es ist egal. Aber sag mal …«

»Noch eine Runde?«, fiel Lali mir ins Wort.

»Das meinte ich nicht.«

»Sebi, uno momento, ich bin gleich mit den Getränken da.«

Lali stand auf und ging in die Kneipe.

Als er mit den beiden Gläsern Unicum und den beiden Krügen Bier zurückkam, setzte ich erneut zu meinem Satz an, doch Lali stoppte mich wieder.

»Sebi, jetzt trinken wir. Lassen wir die ganze Chose, ist eh langweilig.«

Wir tranken.

Beim Trinken wurden wir zunehmend lockerer, was jedoch bei Weitem nicht bedeutete, dass wir unsere seit Jahren aufrechterhaltene Strategie aufgaben; wir waren dem anderen gegenüber ebenso verschlossen und zurückhaltend wie immer. Ich traute mich zum Beispiel auch nach dem zweiten Unicum nicht, meinen Bruder zu fragen, warum sie in Szentendre eine Wohnung mieten mussten, wo doch ihr neues Haus vor Kurzem fertig geworden war. Stattdessen begann ich davon zu reden, dass ich ab jetzt auf ihn achten wolle, seine Sachen verfolgen, so wie vor dreißig Jahren.

»Erinnerst du dich? Ich wollte dich auf dein Abitur und dann auf die Aufnahmeprüfung an der Hochschule vorbereiten.«

»Aber klar erinnere ich mich, Sebi! Du bist mein großer Erinnerer. Memento mio, io capisco radio.«

»Ich hab’s nicht deshalb zur Sprache gebracht.«

»Liebes Brüderchen, hast es aber doch zur Sprache gebracht!«

»Lass uns über was anderes reden.«

»Wechselst hier die Bahnen, und tutut, gar kein Sprit? Du bist mir ein Herzchen.«

Ich sah meinem Bruder an, dass er plötzlich betrunken war.

»Du bist mein Retter, jetzt rettest du mich auch, mio bello!«

»Lass uns gehen«, sagte ich.

»Jetzt willst du natürlich gehen.«

»Sie warten auf uns.«

»Hochschule, das ist nur was für Intelligente. Ich bin ein Bauer, wenn auch kein schlauer, aber ein blauer. Das kannst du auch mal schreiben, scrittore mio, nicht nur das große Finale!«

»Hör schon auf.«

»Dujudu Tohuwabohu?«

»Lali, ich bitte dich, hör auf!«

»Pleaseplease, ich hör schon auf. Lamalein, wenn du willst, halt ich auch hacke die Klappe, das Finale kapier ich aber trotzdem nicht. Wie hast du dir das gedacht, Maestro?!«

»Wovon redest du?«

»Oh, mein Scrittore, du weißt ganz genau, wovon ich rede.«

»Was hast du für ein Problem mit dem Ende?«

»Da ist Sand im Getriebe, Brüderchen.«

»Was meinst du damit?«

»Betonung, Kontrapunkt, Hervorhebung, ach, muss ich dir das etwa erklären?«

»Von welcher Betonung redest du?«

»Die Fremden mögen wir, unsereins aber nicht?«

»Was willst du damit sagen?«

»Du wolltest was sagen, nicht ich.«

»Wovon redest du?«

»Den einen mögen wir noch, den andern schon nicht mehr?«

»Von wem redest du?«

»Du weißt ganz genau, von wem ich rede.«

Ich wusste, von wem mein Bruder redete, doch ich wollte, dass er es selbst aussprach.

»Von wem redest du?«, ich wiederholte die Frage.

»Von Mutter. Von wem sonst, Sebi.«

»Du hast das Ganze missverstanden.«

»Aber sicher! Missverstanden. Was für ein Drama!«

»Kein Drama. Ein Missverständnis.«

»Und die anderen, haben die’s auch missverstanden?«

»Wer sind die anderen?«

»O Mann, Sebi …«

»Sie auch?«

»Ja.«

»Na, dann haben sie es auch missverstanden.«

»Wir haben es also alle neun missverstanden?«

»Ja.«

Da sah mich Lali an und musterte mich lange. Ich hielt seinem Blick stand und er meinem. Wir kannten einander seit mehr als vierzig Jahren, ich sah meinem Bruder also fast sofort an, was er über mich dachte. Er war nicht mehr betrunken. Ein paar Sekunden später sagte er: »Brüderchen, wenn das der Sachverhalt ist, dann freu ich mich! Es hätte mir sehr wehgetan, wenn ich mich in dir getäuscht hätte. Und weißt du was? Die andern sind mir schnuppe; sollen die doch denken, was sie wollen.«

»Wir müssen los«, sagte ich.

»Ja, worauf warten wir denn dann? Los geht’s!«

Wir zahlten, dann brachen wir auf. Bis zum Pesti-Weg wechselten wir noch ein paar Worte, dann verstummten wir.

Einige Minuten später kamen wir vor unserem Haus an. Es war schon dunkel, über uns funkelten die Maisterne.

»Noch eine Zigarette?«, fragte ich.

»Of course«, sagte Lali.

Ich öffnete das zweite Päckchen Sopianae.

»Gut, was?«

»Ja, gut.«

Nachdem wir die Zigarette geraucht hatten, standen wir noch ein bisschen auf der Straße, vor dem Pfirsichbaum herum. Dann gingen wir rein. Lali trat als Erster durch das Gartentor, ich folgte ihm.

Alle meine Geschwister waren zu Hause, aber ich begegnete nur Magda und Kálmán. Sie beide saßen im Zimmer unserer Mutter und unterhielten sich, die anderen waren im Klavierzimmer. Als ich das große Zimmer betrat, erhob sich Kálmán aus dem Sessel und ging raus. Ich sah Magda an. Meine Schwester saß mit verweinten Augen auf dem Liegesofa hinter dem Tischchen; auf ihm brannte eine Kerze.

»Komm, setz dich zu mir«, sagte sie.

Ich drehte mich um und ging in die Diele hinaus, von dort in den Garten. Die Weinlaube grünte schon, die Blätter raschelten im plötzlich aufkommenden Wind. Ich schlenderte zu dem kleinen Haus, wo ich stehen blieb und mir eine Zigarette anzündete. Ich stand vor dem Gebäude, in dem wir vor mehr als vierzig Jahren zu elft gewohnt hatten. Plötzlich hatte ich das Gefühl, als hätten gar nicht wir in diesem kaum dreißig Quadratmeter großen Häuschen gewohnt, sondern andere. Nachdem ich die Zigarette geraucht hatte, ging ich ins große Zimmer zurück, wo niemand mehr war. Ich setzte mich auf das Sofa. Das Bett unserer Mutter war mit einer dunkelgrauen Wolldecke zugedeckt, am Kissen aber lehnte ein Bild von ihr, das, wie ich später erfuhr, einige Wochen vor ihrem Tod aufgenommen worden war. Eine Zeit lang betrachtete ich dieses Porträt, danach die über dem Bett hängenden Fotografien, unter denen ich auch ein Bild unserer Mutter als junges Mädchen entdeckte. Solange Mama gelebt hatte, war dieses Foto nicht an der Wand gewesen. Auf einmal bemerkte ich, dass sich die Tür des kleinen Zimmers nebenan öffnete. Ich wusste, es war mein Vater. Ich hörte, wie er den Flur entlangging, die Toilette betrat, dann kurz darauf herauskam und sich zurück in sein Zimmer begab. Später erfuhr ich, dass sich unser Vater, nachdem er von der Beerdigung heimgekehrt war, sofort in seinem Zimmer eingeschlossen hatte. Er hatte sich nicht nur aufgrund seines Schmerzes so entschlossen, sondern wusste ganz genau, dass auch Jani und ich im Laufe des Abends auftauchen würden. Unser Vater sprach damals weder mit mir noch mit Jani.

Eine halbe Stunde später trat ich durch das Tor unseres Gartens, ohne mich von meinen Geschwistern verabschiedet zu haben. Auf der Straße wurde mir schwindlig. Diesmal musste ich stehen bleiben, um mich zusammenzureißen; ich atmete tief die frische Luft ein. Als ich ein wenig zu Kräften gekommen war, machte ich mich auf den Weg zur S-Bahn-Station. Nach einigen Schritten hielt ich wieder an. Ich drehte mich um und sah an unserem Haus hoch. Wäre der Himmel bewölkt gewesen, hätte ich sicher gar nicht bemerkt, dass das Dach an der Stelle über der Diele eingesackt war.

3

Sechs Tage hatte ich auf der Urologischen Abteilung des Bajcsy-Zsilinszky-Krankenhauses verbracht, das ich an einem Vormittag Ende Oktober als genesen verließ. Ich hatte das Taxi, das zehn Minuten später eintraf, an den Eingang in der Lavotta-Straße bestellt. Lil wollte mich eigentlich mit ihrem eigenen Auto abholen, doch ich hatte es ihr ausgeredet: »Es ist vollkommen unsicher, wann ich den Entlassungsbrief bekomme. Mit dem Taxi bin ich sowieso im Handumdrehen zu Hause.« Ich bemühte mich, mit möglichst unauffälligen Bewegungen in den Wagen zu steigen.

Der Taxifahrer kannte den Bezirk Kőbánya gut. Er fuhr mich nicht über den Maglódi-Weg zurück nach Ferencváros, sondern auf einer mir völlig unbekannten Route. Wir fuhren durch Straßen, in denen ich nie zuvor gewesen war, deren Namen ich bis dahin nicht einmal gehört hatte. Als wäre ich in einer fremden Stadt gewesen, bei der mir allein die Verwahrlosung und Armut bekannt vorkamen.

»Wieder auf freiem Fuß?«, fragte der Mann.

»Ja«, sagte ich, weil ich mich noch nie getraut hatte, die Frage eines Budapester Taxifahrers unerwidert zu lassen, eine aufdringlichere Sorte Mensch kenne ich gar nicht. Selbst wenn die Budapester Taxifahrer taktvoll sein wollen, reden sie. Während wir fuhren, kreisten meine Gedanken um Dénes, dem ich meine Telefonnummer schließlich gegeben hatte und der bei unserem Abschied sagte, ich müsste mich geistig ändern, sonst hätte ich nur noch ein paar Jahre und man würde mich an den Haken hängen, aber vielleicht schon früher. Dann hörte ich die Worte Dr. Szokolais, der mich nach der Morgenvisite beiseitegenommen und gesagt hatte: »Was jetzt mit Ihnen passiert ist, das kommt bei tausend Operationen zwei- oder dreimal vor. Nicht, dass Sie missverstehen, was ich jetzt sage. Gut, dass Sie das durchlebt haben.«

Es war kaum Verkehr, so kamen wir bald in der Mester-Straße an. Lil wohnte in dem Haus Nummer 79, so wie ich auch seit einigen Monaten; Mitte Januar war ich zu ihr gezogen. »Könnten wir nicht in die Mester-Straße ziehen?«, fragte ich sie eines Abends in meiner Einzimmerwohnung in der Innenstadt, wo wir die ersten zwei Wochen nach unserem Kennenlernen verbracht hatten. »Doch, sicher«, sagte sie. Ich wusste nicht, was Lil insgeheim über diesen Umzug dachte, und eigentlich weiß ich es bis heute nicht, weil wir seitdem nicht wieder darauf zurückgekommen sind. Mich zu bewegen fiel mir schwer, dennoch sagte ich dem Taxifahrer, dass er an der Ecke Mester-, Lenhossék-Straße halten solle. Ich wollte wegen der alten Frau Sztojka nicht vor dem Haus aussteigen. Frau Sztojka wohnte im Haus nebenan und verbrachte den Großteil ihrer Zeit, zehn bis fünfzehn Stunden täglich, vor dem Tor der Mester-Straße Nummer 81. An diesem Vormittag war sie nicht an ihrem Platz. Vielleicht war sie mit dem Hund Gassi gegangen.

Ich schaffte es nur langsam in die Wohnung im vierten Stock hinauf, doch zum Glück begegnete ich niemandem im Treppenhaus, nicht einmal Herrn Gál. Lil öffnete die Tür.

»Na endlich!«, sagte sie und umarmte mich. Ich ließ mich von ihr drücken, dabei hatte ich mir diese Szene im Taxi ganz anders vorgestellt.

»Du wirst sehen, alles wird gut.«

»Sicher«, murmelte ich, während ich an Doktor Szokolai dachte, der mir drei Stunden zuvor nicht nur seine Privatmeinung mitgeteilt, sondern mich auch ermutigt hatte, er sagte, ich solle nicht verzweifeln, ich sei nicht der erste Mann, den man mit einem Prostatatumor operiert habe.

Ich zog mich um und legte mich auf das Bett in dem Zimmer, das auf den Laubengang schaute und von dem Lil am Tag meines Einzugs in der Mester-Straße gesagt hatte, ich solle diesen Raum ab jetzt ruhig als mein Arbeitszimmer betrachten. Ich wollte mich ausruhen, konnte es aber nicht. Im Taxi hatte ich mir vorgenommen, mit Lil zu reden, sobald ich zu Hause angekommen war. Aber ich war nicht in der Lage dazu, dabei wusste ich, dass ich es nicht weiter hinausschieben konnte. Auch sie müsste davon wissen, wovon ich wusste, dachte ich, obwohl ich ehrlich gesagt nichts wusste. Dass wir in Gefahr waren, spürte ich allerdings. Im Krankenhaus hatte ich Lils Fragen allesamt abgewehrt. »Lass gut sein, wir sprechen ein andermal darüber«, hatte ich ihr auch Mitte Oktober nach der Operation gesagt, obwohl mir ständig durch den Kopf ging, welche Auswirkung meine Krankheit auf unsere Beziehung haben würde. Mir fiel eine Toilette auf der Urologiestation ein, in die ich an einem der Tage nach der Operation geeilt war, mit dem Katheter in der Hand, dessen Plastikbeutel leer war, weil ich zu dem Zeitpunkt schon seit einem ganzen Tag kein Wasser lassen konnte. Das war mein zweiter ernsthafter Urinstau gewesen. Dr. Szokolai hatte einige Stunden vorher gesagt, ich solle viel Flüssigkeit zu mir nehmen und ich würde sehen, mein Harnfluss käme wieder in Gang. Ich trank Unmengen an Wasser, doch mein Harnfluss kam nicht in Gang. Da stand ich aus dem Bett auf und begann, auf dem Flur herumzulaufen, da ich dachte, mich zu bewegen würde helfen. Es half nicht. Unterdessen verursachte die Flüssigkeit eine zunehmend größere Spannung. Ich ging auf und ab, als ich plötzlich das Gefühl hatte, jetzt könnte ich endlich Wasser lassen. Ich eilte in die Toilette und blieb vor einem der Pissoirs stehen, aus dem ein leises schlürfendes Geräusch zu hören war. Ich drückte meinen Bauch, spannte ihn an, presste meine Harnblase, aber der Urin setzte sich nicht in Gang. Während ich mich anstrengte, zitterte ich, mir war kalt, nach einer Weile wimmerte ich. Später stellte ich mich auf die Zehenspitzen und begann, mit meinen Knie zu kreisen, mit den Oberschenkeln, schließlich mit der Hüfte, weil ich dachte, eine kreisende Bewegung würde die Flüssigkeit in Gang setzen. Das geschah nicht, in den Auffangbeutel floss kein Milliliter Urin. Ich weiß nicht, wie lange ich mich so anstrengte, die Minuten kamen mir unendlich lang vor. Dann sah ich auf einmal, dass Blut in den Kunststoffschlauch rann. Meinen Körper hielt da nur noch der Schmerz zusammen, der kein Zentrum besaß. Überall war Schmerz. Indes wurde das Rinnsal stärker und stärker, der Plastikbeutel füllte sich innerhalb kürzester Zeit zu drei Vierteln mit Blut. Ich spürte kalte, scharfe Stiche, dann ein Pulsieren, eine verkrampfte Spannung, die meinen Unterbauch und meinen Penis fast sprengte.

Im Taxi hatte ich mir vorgenommen, sobald ich zu Hause angekommen war, mit Lil zu sprechen. Auf einmal sah ich die Januarnacht vor zehn Monaten vor mir: Ich erinnerte mich nicht, wer von uns beiden den anderen zuerst berührt hatte, sah nur, dass ich Lil umarmte; wir tanzten in dem Lokal Betérő, Einkehr; es war spät in der Nacht; seit Stunden hatte ich sie beobachtet, bevor mich eine gemeinsame Bekannte an ihren Tisch einlud und mich Lil vorstellte; geht tanzen, sagte Hedvig, woraufhin Lil sagte, sie tanze nicht; ich war aufgeregt, wusste nicht, was ich machen sollte; ich setzte mich an den Tisch; meine Hände waren klatschnass; da fragte Hedvig: »Was eierst du hier herum, warum führst du sie nicht aufs Parkett?«; ich antwortete, dass Männer in meinem Alter nicht mehr tanzen würden, ich wolle mich nicht lächerlich machen; etwas später nahm ich doch Lils Hand und ging mit ihr tanzen; ich weiß nicht, wie lange wir tanzten, doch irgendwann sagte ich zu ihr, wir sollten gehen, worauf Lil antwortete, gut; wir gingen los; von Hedvig verabschiedeten wir uns nicht einmal; ich wusste, dass ich nicht in meine Wohnung gehen wollte, deshalb fragte ich Lil, wo sie wohne; in der Mester-Straße, sagte sie; lass uns dahingehen, schlug ich vor; das geht nicht, sagte Lil; warum nicht?, fragte ich; weil es nicht geht, wiederholte Lil; da sagte ich, gut, dann lass uns zu mir gehen, ich wohne sowieso in der Nähe; ich versuchte, nicht an meine Wohnung zu denken, bemühte mich, nur an die vergangenen Minuten zu denken und an Lil, die mir da schon gegenübersaß, weil wir an der Straßenbahnhaltestelle Vámház-Ring in die Siebenundvierzig gestiegen waren – eine Weile betrachtete ich die Gebäude am Museumsring; bei der Haltestelle Astoria nahm ich Lils Hand; Lil drückte meine Hand; eine halbe Stunde später kamen wir bei meiner Wohnung an; ich erinnere mich nicht, wer von uns beiden den anderen zuerst berührte, weiß auch nicht, wie wir auf der Matratze landeten – aneinander geklammert lagen wir seit mindestens einer Stunde da; in meinem Zimmer im vierten Stock gibt es kein Bett, nur Bücherregale, außerdem einen Tisch und einen Stuhl; dann liebten wir uns; ich erinnere mich nicht, wann es begann und wie es weiterging; es gab Momente, in denen ich nicht wusste, wo ich war, was mit mir und um mich herum geschah, dabei war ich klar im Kopf, hatte im Laufe der Nacht kaum Alkohol getrunken; ich wusste nicht, was geschah, wusste nur, dass ich mit Lil zusammen war; mit Lil zusammen bin; wir waren zusammen, sie und ich, ich und sie, und noch etwas, selbst heute weiß ich nicht, was, bin seither nicht dahintergekommen; wir liebten uns wieder. Dann sagte Lil: »Mit dir will ich alles.« Ich antwortete nicht. Ich weiß nicht, wie lange wir so auf der Matratze dalagen, es mussten Stunden vergangen sein, denn nach einer Weile wurde es schon hell. Ich sah aus dem Fenster, betrachtete die vom Gitter umrahmte Dämmerung. Mir kam gar nicht in den Sinn, ob Lil das Eisengitter sehen dürfte, das ich Jahre zuvor bei meinem Nervenzusammenbruch am einzigen Fenster meines Zimmers hatte anbringen lassen. Lil sagte wieder: »Mit dir will ich alles.« Ich wusste genau, was sie damit meinte. Sie meinte, dass sie eine Familie wolle, einen Partner wolle, ein Kind wolle. Sie sagte es nicht, dachte es aber, und sie wusste, dass auch ich es wusste. Sie wusste auch, dass wir in dieser kurzen Zeit vieles miteinander durchlebt hatten, und sie wusste auch, dass wir uns darüber beide im Klaren waren, dabei kannten wir uns erst seit fünf oder sechs Stunden. Keiner von uns begriff, in was wir da hineingeraten waren. Vor unserer Begegnung waren wir beide allein gewesen. Jetzt waren wir zu zweit allein. Der eine von uns war zu zweit und auch die andere von uns war zu zweit. Wir verzweifachten uns. Was möglich ist, erwächst aus dem Unmöglichen.

Ich hätte mit Lil über die Operation reden müssen, aber ich konnte es nicht. Wir hätten gar nicht über die Operation reden müssen, sondern über die möglichen Folgen der Operation, über die mich Dr. Szokolai noch im Juni, bevor ich das Ganze in Angriff nahm, informiert hatte. Schließlich entschied ich, mit dieser Unterhaltung zu warten. Ich entschied nicht wegen mir so, sondern wegen uns beiden.

Ich holte den Entlassungsbrief hervor und begann das, was Dr. Szokolai geschrieben hatte, zu lesen, obwohl ich es schon im Krankenhaus überflogen hatte: Entfernung eines benignen Tumors aus der Prostata mit TUR-P. PSA-Wert im Normbereich; 0,6 ng/ml. Die Werte sind zufriedenstellend. Kontrolluntersuchung in einem Jahr.

Einige Minuten später kam Lil in mein Zimmer und setzte sich aufs Bett. Sie sah, was ich las.

»Darf ich das mal lesen?«, fragte sie.

»Na klar«, sagte ich und reichte Lil die zwei A4-Seiten.

Lil nahm den Entlassungsbrief und begann, laut zu lesen: Gutartiger Tumor … die Zellen … in fortgeschrittenem Stadium … Ergebnis der Biopsie: negativ.

»Die Biopsie ist die Hauptsache. Der Rest ist uninteressant. Du wirst sehen, bald bist du wieder gesund.«

Ich nahm Lils Hand und drückte sie an mein Gesicht.

»Mir hat deine Geschichte gefallen. Ist das in der Straßenbahn wirklich passiert, oder hast du dir das nur ausgedacht?«, fragte ich.

»Ist das nicht egal?«

»Nein.«

»Meinst du, man kann sich so eine Story ausdenken?«

»Nein.«

»Na dann?«

Ich musste lächeln. Lil stand auf und ging zur Tür. Bevor sie das Zimmer verließ, sagte sie: »Sprich mit deiner Tochter.«

»Ich kann jetzt nicht.«

»Ruf wenigstens Magda an.«

»Was soll ich ihr sagen?«

»Dass du krank warst und dich deshalb in den letzten Monaten nicht gemeldet hast.«

»So was kam auch sonst schon vor.«

»Das ist jetzt etwas ganz anderes.«

»Warum sollte das etwas anderes sein?«

»Wegen eurer Mutter.«

»Und wenn sie fragt, was ich hatte?«

»Dann sagst du eben irgendwas.«

»Magda, ich hatte ein paar Probleme mit meiner Prostata …«

»So habe ich das nicht gemeint.«

»Wie dann?«

»Egal.«

»Aha.«

»Dann ruf Veronika an.«

»Keine Angst, die meldet sich bald von selbst.«

»Wer war diese Frau im Krankenhaus?«

»Wer soll das schon gewesen sein? Die Freundin meines Zimmergenossen.«

»Ich gehe in den Laden. Muss noch ein paar Sachen für die Reise besorgen.«

»Gut«, sagte ich und legte den Entlassungsbrief in eine Mappe.

Einige Tage später flog Lil über Istanbul beziehungsweise Singapur nach Denpasar, in die Hauptstadt von Bali. Sie war Wareneinkäuferin bei einer Firma mit Sitz in Budapest, die Geschenkartikel vertrieb. Zweimal im Jahr musste sie nach Indonesien reisen, wo sie früher fast zehn Jahre gelebt hatte. Mitte der Neunzigerjahre war sie mit einem Stipendium nach Yogyakarta gekommen, wo sie an der renommiertesten Universität Indonesiens, der Universitas Gadjah Mada, Kulturanthropologie studierte. Sie sprach ausgezeichnet Indonesisch, auch deshalb hatte sie der Besitzer der Bali-Bál GmbH angestellt. Nach ihrem Studium lehrte Lil an der UGM, begann auch mit ihrer Doktorarbeit, bis sie dann eines Tages erkannte, dass das akademische Leben nichts für sie war.

»Stört es dich nicht, dass ich Kauffrau bin?«, fragte sie einmal.

»Du bist Wareneinkäuferin, nicht Kauffrau. Aber selbst wenn du Kauffrau wärst, würde mich das nicht stören.«

Ich sagte, was ich dachte. Bei Lils Arbeit war die Rede von Waren, Zahlen, Posten, Excel-Tabellen, Ausgaben, Einnahmen und ähnlichen Dingen. Klare Geschäftsordnung. Fünftausend Stein-Buddhas, zehntausend Traumfänger, tanzende Mini-Elefanten, javanischer Kopfschmuck, Steine, Schmuck, Sarongs, Tücher, kurzum alles, was Posthippie-Frauen und -Männer in Ungarn brauchen. »Ich arbeite auch jetzt mit Menschen, eigentlich ist das eine ständige Feldforschung«, sagte Lil bei der besagten Unterhaltung.