Bis auf die Haut - Nikki Gemmell - E-Book

Bis auf die Haut E-Book

Nikki Gemmell

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Beschreibung

»Zum ersten Mal im Leben setzt du dir zum Ziel, einen Mann zu erregen, bis er völlig fertig ist. Mit deinen Händen, deinen Lippen, deiner Zunge.« Eine Frau verschwindet. Ihr Auto steht verlassen an einer abgelegenen Klippe, ihr Körper wird nicht gefunden. Sie war die brave Ehefrau, die gute Mutter, wohlerzogen, ruhig, verschlossen. Aber sie hat ein brisantes Tagebuch hinterlassen – den Bericht eines brennend sinnlichen Erwachens. Erotisch und gefährlich. »Der Sex ist hart und schmutzig und genau da wo du ihn willst.« Elle »Erregend…wie ein kunstvoller Striptease - BIS AUF DIE HAUT verführt.« San Francisco Chronicle »Ein gewaltiger Roman der nicht vor starken Emotionen oder eindeutigen Beschreibungen zurückschreckt.« London Times

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Seitenzahl: 341

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Nikki Gemmell

Bis auf die Haut

The Bride Stripped BareRoman

Übersetzt von Maria Andreas-Hoole

Fischer e-books

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich erlaube mir, Ihnen dieses Manuskript zuzusenden, in der Hoffnung, es könnte Ihr Interesse wecken.

Die Autorin ist meine Tochter. Sie ist vor genau zwölf Monaten verschwunden. Ihr Wagen wurde in Südengland auf einer Steilklippe gefunden. Eine Leiche konnte allerdings nie geborgen werden, was für die Gegend ungewöhnlich ist. Trotz der Aussagen ihr nahe stehender Personen kam die Polizei zu dem Schluss, es läge ein Selbstmord vor, und stellte die Untersuchungen ein. Es gibt aber auch Spekulationen, meine Tochter hätte das Ganze womöglich inszeniert, um unterzutauchen. Keiner der beiden Erklärungsversuche über­zeugt mich, und die Ungewissheit setzt mir schwer zu.

Zum Zeitpunkt ihres Verschwindens beendete meine Tochter gerade ihre Arbeit an einem Buch. Soweit ich weiß, bin ich der einzige Mensch, dem sie davon erzählt hat. Es handelt vom geheimen Leben einer verheirateten Frau. Meine Tochter wollte anonym bleiben, um mit absoluter Ehrlichkeit schreiben zu können; sie fürchtete, sie würde sich nur selbst zensieren, wenn ihr Name mit dem Werk in Verbindung gebracht würde. Auch wollte sie alle Beteiligten und sich selbst schützen.

Der Text befand sich auf ihrem Laptop, den mir die Polizei aushändigte. Ich habe ihn direkt auf dem Monitor gelesen, weil ich hoffte, darin einen Anhaltspunkt für ihr Verschwinden zu finden. Beim Lesen hat sich mir das Leben meiner Tochter geöffnet wie eine Blüte. Was ich alles nicht wusste! Was ich alles nicht wissen wollte! In vielem war sie für mich eine Fremde – und dennoch der Mensch, der mir am nächs­ten stand.

Zuerst hätte ich die Datei am liebsten gelöscht, um alles ganz schnell wieder zu vergessen. Aber nun ist meine Tochter schon so lange fort, und obwohl ich immer noch bei jedem Klingeln des Telefons hoffe, dass sie es ist, wächst in mir das Gefühl, ich müsste alles in meinen Kräften Stehende tun, um einen Verleger für ihr Werk zu finden. Das hat sie sich so sehr gewünscht, das bin ich ihr schuldig. Denn letzten Endes wollte ich immer nur ihr Glück.

Hier also ist ihr Buch, Bis auf die Haut. Ich danke Ihnen, dass Sie sich Zeit dafür nehmen.

Für meinen Mann. Für alle Ehemänner.

I

Ich habe das Gefühl, irgendwo in dir gibt es jemanden,von dem niemand etwas weiß.

 

Im Schatten des Zweifels, Alfred Hitchcock und Thornton Wilder

1. LektionVon äusserster Bedeuthung ist die Ehrlichkeit

Dein Mann weiß nicht, was du hier schreibst. Es ist so einfach, es direkt vor seinen Augen zu schreiben. Vielleicht genauso einfach, wie mit anderen Männern zu schlafen. Niemand wird jemals erfahren, wer du bist oder was du getan hast, denn du warst ja immer die brave Ehefrau.

2. LektionKaltes Wasser reget an die Nerven, kräftiget und stählet

Flitterwochen. Ein fremdes Land.

Da liegst du, beugst dich dem Ritual des Sex und erinnerst dich an den Tag, als du das Wasser entdeckt hast – sieben Jahre warst du alt. Du warst noch nie in einem Schwimmbad gewesen; dort, wo du aufgewachsen bist, gab es keines. Es war in den Sommerferien, du erinnerst dich an das Becken, wo dir das Wasser bei jedem deiner zaghaften Vorwärtsschritte weiter den Bauch hochkroch, an die Kälte, die langsam in deine Glieder schlich, an deinen Atem, der sich in deinem Magen ganz klein zusammenballte, und deine Mutter immer ein Stück weit vor dir, lächelnd streckte sie dir ihre Hände entgegen und redete dir gut zu und ging einen weiteren Schritt zurück und noch einen. Und plötzlich, plopp, schwebst du, und das Wasser stützt deinen Bauch und deine Beine wie ein Geflecht aus Sehnen und Muskeln, umfängt dich sanft und seidig, und die Erinnerung daran ist so überwältigend wie ein erster Kuss.

Dein erster Fick? Nun ja, du erinnerst dich an die Geräusche, als seine Finger sich zwischen deinen Schenkeln zu schaffen machten, bis du bereit warst, sonst an nicht viel. Nicht einmal an einen Namen.

3. LektionDas Bett aufs Behaglichste zu bereiten ist ein höchst bedeuthsamer Theil der häuslichen Arbeit

In der Nachtluft Marrakeschs, dem Ziel eurer verspäteten Hochzeitsreise, klingt das erste frühmorgendliche Vogelgezwitscher wie das Zischen und Spritzen heißen Öls in der Küche. Es ist noch dunkel, doch die Vögel lösen die Frösche so unvermittelt ab, als hätte ihnen ein Dirigent mit dem Taktstock ein Zeichen gegeben. Der Gebetsruf hat dich geweckt und du kannst nicht wieder einschlafen, du willst die Flügel der Balkontür aufreißen, so weit du kannst, und die seltsame Wüstendämmerung in dich einatmen. Doch dann würde Cole, dein Mann, aufwachen und sich beschweren.

Auch gut. Du legst deine Hand auf den Vorsprung seiner schlafenden Hüfte, atmest den säuerlich süßen Duft seines Schlafes ein und lächelst leise im Dunkeln. Mit der Nasenspitze streifst du schnuppernd seinen Nacken entlang.

Nie in deinem Leben hast du jemanden mehr geliebt.

Du schlüpfst auf den Balkon hinaus. Es ist heiß, hat mindes­tens 28 Grad. Mit dem staunenden Strahlen eines Kindes begrüßt du den sternenübergossenen Himmel, denn im orangen Lichtschein über London siehst du die Sterne nie und weißt nicht einmal, wann Vollmond ist. Die Nachtgewächse verströmen sich in ihrer Blütenfülle, Bougainvillea und Hibiskus und Magnolien, reglose Schatten im Dunkel. Du platzt beinahe vor Zufriedenheit. Cole ruft mit kindlichem Jammerton nach dir und du schlüpfst wieder hinein, sein Arm legt sich wie ein Flügel über deinen Körper und umklammert dich ganz fest.

Deine Füße strampeln sich frei von den stickigen Leintüchern und baumeln an der Bettkante herunter, wie immer, wenn sie luftige Kühle suchen.

4. LektionNur wenig Menschen haben viele Freunde; wie das Wort gemeinhin gebraucht wird, hat es keinerley Bedeuthung

Am Tag vor eurer Abreise nach Marrakesch erzählt dir Mrs. Theodora White, es gäbe keine Leidenschaft in ihrem Leben, für rein gar nichts. Es macht dich betroffen, das zu hören, doch sie lächelt nur und winkt verächtlich ab. Sie zupft sich ein Tabakfädchen von der Zunge und wirft den Kopf zurück, um den letzten Schluck ihres abgestandenen Weißweins hinunterzukippen. Sie war schon bei ihrer Geburt fünfunddreißig, während deine Persönlichkeit immer noch nicht klar umrissen, noch nicht ausgehärtet und richtig erwachsen ist. Auch du bist in den Dreißigern, patschst aber immer noch viel zu oft durch Pfützen und singst dauernd falsch, als wäre in dir ein kleines Mädchen, das sein Ableben hartnäckig verweigert.

Nur für Jesus hatte ich mal eine Leidenschaft, erzählt dir Theo, die einzige in meinem Leben. Als ich elf war. Das hatte was mit den Hüften zu tun.

Sie war von eurer Klosterschule verwiesen worden, weil die Oberin meinte, Theo hätte mehr Einfluss auf die Schülerinnen als die Nonnen. Sie hat viele solche Geschichten auf Lager. Du nicht. Ihre engsten Freunde nennen sie Diz. Sie dreht sich ihre Zigaretten immer selbst und trägt ihren Tabak in einer zerbeulten Silberdose mit sich herum, was zu ihrem Charme ebenso beiträgt wie der Eindruck, sie wäre ständig scharf. Deine Freundin ist ein reifer Pfirsich, ein Vollweib der üppigen Größe 42. Man sieht ihr an, dass sie alles im Übermaß genießt, Essen, Sex, Lachen, Alkohol, Liebe, sie sieht aus, als würde sie sich niemals etwas versagen. Neben Theo fühlst du dich farblos, wie ein Blatt, das zu lange im Wasser gelegen hat, aus dem alles Grün, alles Leben herausgewaschen ist.

Aber du beneidest sie nicht, denn du weißt zu viel über sie. Sie ist deine allerälteste Freundin, du liebst sie seit deinem dreizehnten Lebensjahr. Du bist dir nicht sicher, warum es dich so verstört, dass sie keine Leidenschaft in sich fühlt; vielleicht weil dein Leben gerade, im Stern der Flitterwochen, rundum in Liebe getaucht zu sein scheint. Du ertappst dich dabei, wie du bei diesem Gedanken laut lachen musst und mit einem breiten Lächeln die Straße vom Café nach Hause entlanggehst.

5. LektionEs ist unbedingt nöthig, sich täglich die Achseln und Hüften zu waschen

Du lachst mit Theo darüber, dass dein Mann immer in T-Shirt und Boxershorts schläft, auch bei der größten Hitze. Dass er die süße Berührung nackter Haut an nackter Haut nicht genießt, kein Gefühl für die Wärme, die Seidigkeit und den Duft der Haut hat. Allein beim Anblick einer nackten Männerbrust kannst du feucht werden. So würdest du dich ihm gegenüber nie ausdrücken – feucht werden. Zu Theo würdest du das schon sagen. Cole wäre entsetzt, wie viel sie weiß.

Du liebst es, deine Hand auf Coles Brust zu legen, wenn ihr im Bett liegt, und dich um die Rundung seines Rückens zu schmiegen, als wärt ihr zwei Teile eines Puzzles. Du liebst seinen Geruch, wenn er sich nicht gewaschen hat, vor allem das Weiche unter seinen Achseln. Wenn er das wüsste, würde er es unschicklich finden. Manchmal duldet Cole im Bett deine Hand auf seiner Brust nicht und schiebt sie unwirsch weg. Manchmal lässt er sie auf seiner Brust ruhen. Manchmal umklammert er deine Hand und hält sie wie in einer Falle gefangen, und wenn du sie wegziehst, packt er sie noch fester und es wird ein Spiel daraus, dich wieder zu befreien.

Aber nur du kicherst, im tiefen Dunkel.

6. LektionEine junges Weib kann nicht aufmerksam genug seyn

Warum ziehst du denn deine Socken an, fragst du.

Weil ich ins Zimmer zurückgehe, Schatz.

Aber wir sind doch gerade erst gekommen, Brummbär. Deine Badehose ist noch nass.

Ich weiß, aber ich habe eine wichtige Verabredung vor dem Fernseher. Kommst du mit?

Nein, ich bleib noch ein bisschen.

Du hast leise Schuldgefühle wegen deiner Abfuhr, denn Cole braucht dich sehr; er äußert seine Bedürfnisse lautstark, fast bockig wie ein kleiner Junge. Aber deine Haut saugt dieses harte marokkanische Licht auf wie die Wüste den Regen, du spürst, wie sich dadurch etwas in dir entfaltet. Hier drischt das Licht auf dich ein, in England leckt es gerade mal an dir. Coles Haut und Augen schrecken vor diesem Licht zurück, seine Haut ist fast durchscheinend, und er zieht sich häufig nach drinnen zurück. Nicht nur im Urlaub, auch in London. Er zieht sich gewohnheitsmäßig zurück. An seinen Arbeitsplatz, wo er bis in die späten Abendstunden bleibt, vor den Fernseher oder ins Bad. Dein Mann kann eine Dreiviertelstunde auf dem Klo hocken. Wenn du dich neben ihn aufs Sofa setzt, geht er zum Sessel hinüber, ohne zu merken, was er da tut, wenn du ihm im Bett deine Hand auf die Lenden legst, schüttelt er sie ab. Er dreht dir beim Schlafen häufiger den Rücken zu als das Gesicht.

Aber selbst wenn er fort ist, braucht er dich in seiner Nähe. Du wärst sein Leben, hat er zu dir gesagt. Die Heftigkeit seines Bedürfnisses gefällt dir, du willst gern so gebraucht werden. Von allen Männern, die du attraktiv findest, ist Cole der einzige, mit dem du dich ohne die Angst vor einem peinlichen Schweigen unterhalten kannst, das sich mitten im Gespräch auftun könnte wie eine leere Autobahn. Ohne die Angst, etwas Lächerliches zu sagen und dich bloßzustellen, mit der Lippe zu zittern oder zu erröten. In Coles Nähe gehorcht dir dein Körper, du hast dich unter Kontrolle, kannst dich entspannen. Das ist einer der Gründe, warum du ihn geheiratet hast. Du fühlst dich wohl mit ihm, brauchst nicht allzu sehr zu schauspielern, du kannst – fast – du selbst sein. Niemanden sonst lässt du so nahe an dich heran.

7. LektionDem Tanze gebet ganz euch hin

Dein großer Zeh wird nachsichtig geküsst, als du die Arme wie eine Filmdiva auf dem Liegestuhl nach hinten wirfst und erklärst, du würdest noch etwas länger am Pool bleiben. Keiner von euch beiden hat bisher etwas von der fremden Stadt gesehen, obwohl ihr schon seit vier Tagen hier seid. Theo würde euch dafür ausschelten, aber die Ehe hat dich bequem gemacht und deine Neugier gedämpft. Die am Flughafen auf euch einstürmenden Eindrücke – Massen verschleierter Menschen, Gepäckberge, mit Maschinengewehren bewaffnete Wachen, schreiende Kinder – waren doch etwas überwältigend, sodass ihr euch beide gern eine Weile im Hotel einigelt. Das Hotel könnte aus dem Film Shining stammen, mit breiten Korridoren im Art-déco-Stil, einer unwirklich menschenleeren Lobby und dem nostalgischen Flair einer längst vergangenen Dekadenz. Eine Bas­tion des französischen Kolonialismus, die heute von reichen Europäern besucht wird, allerdings nicht von genügend, um sie mit Leben zu erfüllen. Unter den Gästen sind keine Muslime. Vielleicht finden sie das Hotel zu lächerlich, ungastlich oder verschroben, aber es gibt niemand, den du danach fragen könntest.

Früher hättest du nach Antworten geforscht, berstend vor Neugier. Heute bist du fast zu träge, um überhaupt Interesse dafür aufzubringen, denn du bist zerstreut, auf herrliche Weise abgelenkt. Du sitzt am Rand des Pools, plätscherst mit den Fingerspitzen im kühlen Wasser und erinnerst dich an etwas, was du in der Times von gestern gelesen hast: Der Drang zu denken überkomme die Zufriedenen nur selten. Du lächelst, na und, und winkst einen Poolkellner herbei, um noch einen Bellini zu ordern. So was von köstlich! Noch nie hast du dir den Luxus des Faulenzens gegönnt oder vier Bellinis nacheinander.

Ein Esel zieht einen Karren mit Gartenabfällen durch die Rosenlaube, die den Weg durch den Hotelgarten überspannt. Ein Mann schnalzt über dem Rücken des Tieres schwerfällig mit der Peitsche. Endlich etwas Einheimisches. Du musst ein Foto davon machen.

8. LektionEs ist die Pflicht eines Weibes, dem Gatten ein glückliches Heim zu bereiten

Um Mitternacht ist die Luft zäh vor Hitze und die Stille dröhnt, bevor der Sturmangriff der Frösche und der Vögel einsetzt. Deine Lider sind geschlossen, doch du weißt, wo Cole seine Augen hat, spürst seine Begierde und die Kehle wird dir irgendwie eng. In eurer Beziehung klappt alles wunderbar, mit Ausnahme vom Sex.

Aber Sex war auch nicht der Grund, warum du Cole geheiratet hast.

Eine Zunge stößt auf dein Auge nieder, nass und schwer wie eine Nacktschnecke. Dein Mann schält das widerspenstige Leintuch weg, das sich um deine Beine wickelt, und zwängt sein Knie gebieterisch zwischen deine Schenkel. Er muss lieben, wann er eben kann, und das ist nicht oft. Meist liebt ihr euch morgens und nutzt den Ständer aus, den er beim Aufwachen hat. Coles Penis ist oft nicht hart genug, als führe er ein Eigenleben und wäre mit den Gedanken woanders. Cole kommt auch nicht sehr oft. Meist gebt ihr beide vorher auf, stets zu deiner Erleichterung. Du fragst dich, ob bei Cole irgendetwas nicht stimmt, weil er so lange braucht, ob seine Sexualität unterentwickelt ist oder ob er einfach müde ist. Wie du selbst so oft.

Als Cole in diesem breiten Hotelbett auf dir liegt, siehst du zu, wie die Ziffern des Radioweckers Minute für Minute weiterblättern, und dir fällt Marilyn Monroe ein, die mal gesagt hat, ich glaube nicht, dass ich es richtig mache, das hast du in einer Zeitschrift gelesen, staunend und erleichtert: Aha, noch so eine, und was für eine! Du bist nicht sicher, ob Cole es richtig macht, du weißt nicht, was richtig ist. Theo wüsste es natürlich, als Sexualtherapeutin mit einer verschwiegenen Praxis in Knightsbridge und einer Kolumne in der Sonntagsbeilage. Du hast den Verdacht, sie findet euch beide unschuldig und lächerlich und süß. Cole und du, ihr habt euch nie zweimal hintereinander geliebt oder dabei Lampen umgestoßen oder euch an den Haaren gezerrt. Wenn ihr Sex habt, wäre reinlich eine gute Beschreibung dafür.

Die Ziffern der Radiouhr wandern viel zu langsam weiter, als du auf dem Bett liegst und Cole auf dir drauf. Irgendetwas tief in dir hat sich davongemacht. Ihr liebt euch nicht oft, du hast in Frauenzeitschriften Artikel gelesen, wie oft Paare sich lieben, und die Zahlen erscheinen dir immer sehr hoch. Aber wer ist schon ehrlich, wenn es um Sex geht.

Dreizehn Minuten nach Mitternacht. Cole hatte einen Orgasmus. Das ist selten. Er wischt das Sperma über deine Brüste und deine Wangen und tupft es dir auf die Stirn, wie man es mit einem Jagdhund macht, den man an Blut gewöhnen will. Cole ist zufrieden. Du bist zufrieden. Vielleicht war’s diesmal richtig. Cole knipst die Nachttischlampe an und sucht die Leintücher und sämtliche Kleidungsstücke nach Flecken ab, das macht er immer, er will alles so schnell wie möglich wieder sauber haben, er hasst alle Unsauberkeit.

Du ziehst seinen Kopf zu dir hin. Deine kühne Bestimmtheit überrascht ihn, er will seinen Kopf wieder zurückziehen, aber du hältst ihn fest, denn du erinnerst dich, wie du zum Altar geschritten bist und ihm entgegenblicktest und dein Herz anschwoll vor Liebe wie ein alter, ausgetrockneter Schwamm, der in die Badewanne getaucht wird. Wenn dein Mann dich in die Arme schließt, fühlst du dich geborgen wie in einem geschützten Hafen, in dem du dich von allen Stürmen der Welt erholen kannst. Das hattest du dir immer gewünscht, wie du zugeben musst, den sicheren Hafen, dieses Klischee.

9. LektionJeglicher Verschwendung Einhalt zu gebiethen ist hohe Pflicht

Bevor du Cole begegnet bist, hattest du vier Jahre nicht mehr mit einem Mann geschlafen. Es ist grausam, sagtest du immer zu Theo, wirklich grausam. Die endlosen Geburtstags- und Silvesternächte, in denen du allein im Bett lagst und niemand bei dir, der Kloß im Hals bei Hochzeiten, das Brennen hinter den Augenlidern, wenn alle Paare zum Tanzen aufstanden. Manchmal fühltest du dich, als hätte dein Herz so viele Sprünge wie die alten Unterteller deiner Großmutter. Manchmal brach es dir beim Anblick eines Paars, das am Samstagnachmittag durch den Park schlenderte. Junge Paare, die schon jahrelang zusammen waren, weckten in dir Neugier, Hass und das Gefühl unerreichbarer Ferne. Worin bestand ihr Geheimnis? Du warst schon so weit, dass du dir eine Liebesbeziehung nicht einmal mehr vorstellen konntest.

Theo hatte dich gewarnt, dass jeder, der länger als drei Jahre allein lebt, selbstsüchtig und eigenbrötlerisch wird und dann mit Gewalt in diese Welt zurückgeholt werden muss. Sie sagte, sie müsse sich einschalten. Das verbatst du dir, du warst überzeugt davon, dass dir nicht zu helfen wäre. Dein Leben lang waren Menschen fortgegangen: Als Kind geschiedener Eltern warst du nicht der Erwartung aufgewachsen, jemand würde sich um dich kümmern – und bleiben.

Aber dann kam Cole McCain.

Ein alter Bekannter aus der Studienzeit, ein Freund, nichts weiter. Du hast während des Sommerfestivals ein Haus in Edinburgh gehütet, und er fragte dich, ob er dort übernachten könnte, er würde sich gern einige Events ansehen. Du erinnerst dich, wie du ihn zu seinem Zimmer geführt hast, einem Kleinmädchenzimmer mit schmalem Bett und rosa Patchworkdecke. Du hast noch seinen zweifelnden Blick vor Augen.

Vielleicht solltest du doch lieber bei mir im großen Bett schlafen, hast du da gesagt.

Du dachtest dir dabei nichts weiter, als dass ihr freundschaftlich im selben Bett übernachten würdet, weil es so besser passte. Ihr hattet beide eure Schlafanzüge an, dafür hattest du gesorgt. Aber dann spürtest du plötzlich seine Finger auf deiner Haut wie Wasser an einem schwülen Sommertag. Ein seltsames Gefühl durchrieselte dich, du drehtest dich zu ihm um und küsstest ihn. Cole zog seinen Pyjama aus, du deinen. Nach einer Woche habt ihr euch in die Laken eingerollt und seid vom Bett gefallen, ein lachender Kokon. Nach zwei Jahren wart ihr verheiratet.

Ich wusste es seit Jahren, du Dummerchen, sagte Theo im Nachhinein mit diebischem Vergnügen, das sah ja jeder Blinde.

Du hattest es nie gesehen.

Du hast lange gebraucht, um ein bisschen Verstand zu entwickeln. Früher hast du mit Männern geschlafen, mit denen du dich unwohl fühltest; Sex war für dich der Versuch, eine bessere Beziehung zu ihnen herzustellen. Den Einzigen, mit dem du dich wirklich wohl fühltest, hast du geheiratet.

Doch dann kam dieser Augenblick der Unsichtbarkeit bei der Anprobe des Hochzeitskleids, als verschwändest du im elfenbeinfarbenen Tüll, würdest darin ausgelöscht. Der Mo­ment ging jedoch rasch vorüber und wurde natürlich dadurch aufgewogen, dass dir der Anblick eines lachenden Paars am Samstagnachmittag nie mehr das Herz brechen würde.

10. LektionBei der Leibwäsche ist häufiges Reinigen unumgänglich

Männer, mit denen du geschlafen hast. Was dir davon im Gedächtnis geblieben ist:

Der, der die Frauen liebte.

Der, der nie die Socken auszog.

Der, der so große Hände hatte, dass es dir vorkam, als wären sie an drei Stellen gleichzeitig.

Der, bei dessen Berührung deine Haut summte, der genau zu wissen schien, was er machte, und sich dadurch von allen anderen abhob. Er schien nur Lust zu empfinden, wenn du Lust verspürtest, worum sich sonst keiner scherte. Er fragte nach deinen Phantasien, aber du hattest nicht den Mut, darüber zu reden. Damals dachtest du, du würdest nie den Mut dazu aufbringen.

Der, der dir ein Polaroidfoto von seinem großen Schwanz[1] schickte. Aber die Größe bedeutet dir wenig, du weißt nicht, warum sie ständig so ein Getue darum machen. Dir ist ein handlicher Penis wesentlich lieber als ein zu großer; du magst es nicht, wenn es sich anfühlt, wie auseinander gerissen zu werden.

Der, der zu dir sagte, nimm mich, als er kam, und der stöhnte, als würde er einen Riesenhaufen kacken.

Der, der dich in den Kniekehlen kitzelte und dir das Gesicht ableckte, der dich zwang, sein Sperma zu schlucken, und es dir in die Haare rieb, den alles erregte, was dir nicht gefiel.

Der, der ja sagte, als du ihn halb im Scherz, halb im Ernst an einem 29. Februar fragtest, ob er dich heiraten wolle. Es ist dir peinlich, dass du Cole McCain selbst fragen musstest. Du wünschst dir, er würde es nie erwähnen, er tut es leider oft, wenn er seine Späßchen mit dir treiben will.

11. LektionDas sittsame Weib von untadeligem Anstande sollte sich stets würdiger, vornehmer Zurückhaltung befleissigen

Früher Morgen.

Ein Vogel fliegt ins Zimmer und du wachst auf, das Geflatter über deinem Kopf versetzt dich in helle Panik, du rennst ins Bad und schlägst die Tür hinter dir zu, flehst Cole an, etwas zu tun, schnell, schnell. Der Vogel ist rasch wieder draußen. Er ist nicht blind gegen Spiegel oder Fenster geflogen. Das könntest du nicht ertragen, hast es einmal als Kind miterlebt, den Kot, der in der Angst ausgestoßen wird, das viel zu helle Blut, den Aufprall in wahnwitziger Verwirrung gegen die Scheibe, dem Licht entgegen, das aufgerissene, starre Auge.

Aber jetzt herrscht im Raum nur friedvolle Ruhe. Du verlässt das Badezimmer und küsst Cole auf die Nasenspitze. Er schließt dich mit der überlegenen Ruhe des Besitzers in die Arme und lacht, es gefällt ihm, wenn du dich verwundbar zeigst. Und wenn er dich belehren, in neue Dinge einführen kann. Vor deiner Ehe hast du einen Penis nie genauer betrachtet, wusstest nicht, wie ein beschnittener aussieht. Jetzt fragst du dich, wie du mit Männern schlafen konntest, ohne wirklich hinzusehen. Du wolltest immer schnell das Licht ausknipsen und unter die Decke schlüpfen, weil du deinen Körper nie mochtest; es kam dir unzivilisiert vor, die männliche Anatomie allzu genau zu studieren, Blickkontakt und Berührungen waren dir lieber. Cole hat dich gleich von Anfang an gezwungen, hinzuschauen und dich zu nähern. Er lenkt gern dein Leben und führt dich.

Du lässt ihn in dem Glauben, dass er es tut.

12. LektionSelbstlosigkeit sey unser größtes Glück

Einmal ist Cole in dir eingeschlafen. Er lacht, wenn er sich daran erinnert, findet es erotisch und lustig und tröstlich. Am Morgen danach behauptete er, um dich in deiner Entrüstung zu beschwichtigen, in einer Frau einzuschlafen sei ein Zeichen wahrer Liebe.

Was? Du schüttelst den Kopf, als wolltest du eine Fliege daraus verscheuchen.

Das zeigt, dass der Mann sich mit der Frau wirklich wohl fühlt, so wohl, dass er während des Liebesakts einschlafen kann. Das wäre mir bei niemand sonst gelungen. Fühle dich geehrt, meine Schöne.

Hmmm, hast du geantwortet.

Du liebst Cole auf eine Weise, wie du nie zuvor geliebt hast. Nämlich mit tiefer Seelenruhe; deine Liebe glitzert nicht, sondern leuchtet wie eine Kerze. Du liebst ihn sogar, wenn er mitten im Sex einschläft. In deinen Zwanzigern hast du nie auf diese ruhige Weise geliebt. Das waren die Jahre der gierigen Liebe, der Euphorie und der panischen Ängste, und wenn du zu jemandem sagtest, ich liebe dich, hattest du immer das Gefühl, dich bis ins Mark zu entblößen, du empfandest Liebe nie als rettende Befreiung. Jetzt fragst du dich manchmal, was aus der Intensität deiner Jugend geworden ist, als alles so heftig und verzweifelt und in grelle Farben getaucht war. Manchmal stellst du dir vor, wie ein Lackpinsel über dein ruhiges Leben fährt und es mit Glanz überzieht, sozusagen im Licht auflodern lässt.

Doch dann wieder Cole. Wenn er dich in die Arme schließt, spürst du, wie seine Liebe ruhig und stark und tief durch dich hindurchfließt wie ein unterirdischer Fluss. Er beruhigt den Aufruhr, die Unruhe in dir wie der Besuch eines Choralgottesdiensts am Abend oder ein langer Spaziergang nach der Arbeit. Das Band zwischen euch scheint so klar und vernünftig: Eure Ehe ist nicht perfekt, in keiner Weise, aber du bist alt genug zu wissen, dass man vom Geschenk der Liebe keine Perfektion erwartet. Du hast viel mehr, als die meisten Menschen haben. Theo zum Beispiel.

Deine liebe, rastlose Freundin mit dem unruhigen Herzen. Manchmal beneidest du sie heftig um ihre luft- und lichtdurchflutete Wohnung, ihre Prada-Taschen, ihre freien Arbeitszeiten. Aber dann rufst du dir wieder ins Gedächtnis, dass Theo nicht glücklich ist und wahrscheinlich auch nie sein wird, und das tröstet dich. Egal, wie viel Theo erreicht und anhäuft, egal, wie sehr sie alle anderen aussticht, sie wirkt nie zufrieden. Durch sie hast du gelernt, dass Menschen, die heller strahlen als andere, mit Unzufriedenheit geschlagen sind wie zur Strafe dafür, dass sie ein glanzvolleres Leben haben wollten. Ich bin so oft überfahren worden, dass ich mir die Nummernschilder nicht mehr merken kann, hat Theo einmal gesagt.

Viele haben Angst vor Theo, das hattest du nie, vielleicht seid ihr euch deshalb so nahe. Alles Lärmende an ihrer Persönlichkeit ist nur Maske, und wenn sie diese Maske bei seltenen Gelegenheiten einmal fallen lässt, schockiert dich stets ihre große Verletzlichkeit.

13. LektionEs kann kein vernünftiger Genuß seyn, sich an einen Ort zu begeben, wohin man sich nicht von seinem besten, wahrsten Freunde begleitet wissen möchte

Lass meine Hand nicht los, sagt Cole, als er dich in der Dämmerung durch das Verkehrsgewühl Marrakeschs lotst. Ihr habt beide keine Ahnung vom Verhaltenskodex für Fußgänger in dieser Stadt, die Autos kommen aus allen Richtungen, die finsteren Straßen brodeln wie New York zur Stoßzeit, nur ist alles noch schneller, dreister und rücksichtsloser; grandios, denkst du dir. Mopeds, Touristenbusse und Eselkarren bleiben stehen und fahren los, wechseln die Spur und schneiden einander den Weg ab, alles ohne erkennbare Regeln. Die Menschenmassen schieben euch zum großen, pulsierenden Platz im Herzen der Stadt, Djemma El Fna, und du blickst hoch zu den niedrigen, ockerfarbenen Gebäuden ringsum. Da löst du dich von Cole und drehst dich trunken von diesem Anblick im Kreis, denn für dich ist es, als ob sich alles Leben auf diesem Platz verdichtete. Schlangenbeschwörer, um deren Arme sich lebende Ketten aus Schlangen ringeln, Geschichtenerzähler mit tausend Runzeln im Gesicht, umringt von aufmerksamen Zuhörern, Wasserverkäufer mit Messingbechern am Gürtel wie Patronengurte, verschleierte Frauen, die Glücksbringer und Schmuck anbieten, hennagefärbte Hände. Eine Filmkulisse voller phantastischer Exotik und abscheulichstem Kitsch.

Diz wäre hingerissen, lachst du.

Gott sei Dank hast du sie nicht mitgebracht.

Du hättest sie am liebsten direkt mitgenommen, als du sahst, wie schlecht drauf sie war. Sie hätte sich euch ein paar Tage anschließen können, die Reise als Geschenk von dir: In drei Tagen hat sie Geburtstag, am 1. Juni. Aber dir war klar, dass du das erst mit Cole absprechen musstest, und er wollte natürlich nichts davon hören.

Die tickt doch nicht ganz richtig.

Das sagst du von allen meinen Freundinnen.

Diz ist schlimmer als der Rest.

Das kannst du nicht bestreiten. Theo fährt nach Paris, nur um zum Friseur zu gehen. Hat ein Tattoo – eine Gardenie in der Bikinizone. Kann nicht mal ein Spiegelei braten. Schaut nie Fernsehen. Lässt sich jeden Montag und Freitag ihre Lieblingsblumen liefern: Floribunda-Rosen, Kelchlilien, exquisite Gardenien-Gebinde. Ist mit einem Mann namens Tomas verheiratet, der zwanzig Jahre älter ist als sie und mit dem sie noch nicht besonders oft geschlafen hat. Sie hat da ein Problem.

Was denn?, hast du gefragt, als sie dir das erzählt hat.

Vaginismus. Klingt übel, was? Wie etwas, was man sich in Amsterdam holt. Es bedeutet, dass sich, wenn mich jemand ficken will, die Muskeln rund um meine Vagina verkrampfen. Tut scheußlich weh.

Theo, ausgerechnet deine Theo! Du nahmst sie in die Arme, Sorgenfalten im Gesicht, und begannst zu weinen.

He, schon gut, lachte sie, ist alles halb so schlimm. Hat mir sogar viel Spaß gebracht.

Sie lehnte sich zurück und verzog den Mund zu ihrem üblichen schiefen Grinsen, ihrem Markenzeichen. Holte ihre kleine Silberdose hervor. Zündete sich eine Zigarette an. Erzählte, dass sie deshalb die Sache untersuchen wollte, Forschung über die weibliche Lust treiben, über die weibliche Lust, was so herrlich spannend war, dass schließlich ein Job daraus wurde. Informierte dich, dass die meisten Frauen nie durch vaginale Penetration zum Orgasmus kommen, dass der ganze Spaß in der Klit liegt. Ihre unverblümte Ausdrucksweise brachte dich damals zum Erröten, gegen manches warst du einfach machtlos.

Ich kann dir nicht sagen, wie viele meiner Klientinnen nicht den geringsten Lustgewinn aus einer Nullachtfünfzehnpenetration ziehen, sagte sie und unterstrich ihre Worte mit wütenden kleinen Schlägen auf den Tisch, dass das Besteck klirrte. Wir Frauen wissen einfach nicht, wie wir uns Lust verschaffen. Und werden’s nie lernen. Wir konzentrieren uns immer noch viel zu sehr auf die Lust der Männer, auf Kosten unserer eigenen.

Dir war nicht ganz wohl bei dieser Unterhaltung, sie ging dir zu tief unter die Haut.

Konnte dir bei diesem Vagi …, Vaginismus denn geholfen werden?

Ja. Unter Einsatz eines schrecklichen Instruments namens Dilator.

Und klappt’s denn jetzt?

Nun ja, das schon, aber als ich dann endlich bekam, worauf ich gewartet hatte, war’s eine herbe Enttäuschung. Diese Art von Sex ist ja so öde im Vergleich zu allem anderen. Warum hat mir bloß keiner was gesagt?

Und da gurgelte wieder Theos wunderbares Lachen aus den Tiefen ihres Bauchs empor, aber in ihren Augen lag keine Fröhlichkeit. Ihre Ehe mit Tomas war so seltsam, du konntest dir kaum vorstellen, wie das funktionierte. Er hatte andere Beziehungen mit Männern wie mit Frauen, und Theo hatte auch Beziehungen mit Frauen wie mit Männern, so lebten sie eben. Trotzdem blieben sie zusammen. Es gibt keine Leidenschaft in meinem Leben, für rein gar nichts. Weder für ihren Mann, den zu lieben sie nach ihren eigenen Worten zu klug sei, noch für London, diese Stadt voller mürrischer Energie, in die ihr vor fast zwanzig Jahren als Teenager aus dem Internat geflohen wart. Und nicht einmal für ihren Job – den mache sie nun schon so lange, dass sie immer wieder dieselben Geschichten höre, es gäbe im Leben der Menschen nun mal nicht viele neue Plots, und sie habe sich in letzter Zeit dabei ertappt, dass sie einfach abschalte.

Vermutlich ziehst du extreme Menschen wie Theo deshalb an, weil du selbst so stabil bist, wie übrigens auch Cole. Sie hat euch beide einmal als schauerlich zufrieden bezeichnet, manche Leute würden darunter ein unverzeihliches Grau in Grau verstehen, doch für andere bist du ein Anker in ihrem Leben, immer für sie da, sogar an Sonntagabenden, Geburtstagen und an Weihnachten.

Seit eurem ersten Internatsjahr habt ihr euer Leben miteinander geteilt, Theo und du, habt Pferdebilder aus Zeitschriften über Araberstuten getauscht, über Nacht gecampt, um ein Ticket für Duran Duran zu ergattern, und im Tandem Bücher verschlungen, von Unsere kleine Farm über Die Dornenvögel bis zur Geschichte der O. Du hast deine erste Zigarette mit ihr geraucht, und als du zum letzten Mal mit einem Mädchen zusammen geduscht hast, war es natürlich mit ihr. Ihr habt bei euren Trauungen am Altar der anderen gestanden und wusstet schon, dass ihr einmal die Patinnen eurer Kinder werdet.

Ihr seid euch in derselben Klasse eines unbedeutenden Internats in Hampshire begegnet, einem Ort, an dem man zur Mittelmäßigkeit ermutigt wurde. Man sollte nicht zu klug sein, weil einen das zu einer schlechten Ehefrau machte. Wenn man sich auf irgendeinem Gebiet auszeichnete, galt das als leicht pervers, doch an Theo glitt das alles in erstaunlicher Weise ab. Anfangs war sie nicht sehr beliebt. Sie kam mitten im Schuljahr in die Klasse. Hatte einen komischen Namen. War körperlich schon weiter entwickelt als die anderen Mädchen und hatte ausländische Eltern, Neuseeländer, die erst vor kurzem zu Geld gekommen waren, allerdings bei weitem nicht zu genug Geld. Doch dank ihrer starken Persönlichkeit stieg sie in der Gunst und wurde sogar zur Vertrauensschülerin gewählt, wie du übrigens auch.

Kein Grund zur Euphorie, sagte sie, praktisch jede wird Vertrauensschülerin. Das machen die nur, weil sie vergessen haben, uns Bildung zu vermitteln – das ist etwas, was wir später in unseren Lebenslauf schreiben können.

Sie wurde der Schule verwiesen, weil sie dem Papst geschrieben hatte, warum Knaus-Ogino bei vielen Mädchen einfach nicht funktionierte. Ihr Fehler dabei: Sie unterzeichnete den Brief mit dem Namen einer blonden Mitschülerin, die Model werden sollte und der ihr Vater ein Auto versprochen hatte, wenn sie mit dem Nägelkauen aufhörte. Und die besonders gut darin war, auf euch beide herabzuschauen. Der Skandal machte sie zur Exilheldin, doch sie blieb dir immer treu, ihrer Hofdame, die sich als Erste in sie verliebt hatte.

Hier in Marrakesch wünschst du dir nur, dass deine Freundin genauso glücklich wäre wie du, denn du möchtest, dass auch andere sich freuen, möchtest ihnen Freude schenken, das verschafft dir tiefe Befriedigung. Ständig hast du für andere eine nette Geste bereit, deine Großmutter sagte dir immer, du solltest nie einen freundlichen Gedanken unterdrücken, und daran versuchst du dich zu halten. Du machst einen Schnappschuss vom Schlangenbeschwörer auf dem Platz und er stürzt auf dich zu, fordert ein paar Münzen und schwenkt seine Schlangen in deine Richtung. Kreischend weichst du vor ihm zurück und ziehst Cole mit dir fort. Das musst du Theo erzählen.

14. LektionSeid anständige junge Damen, jede einzelne

Ihr wagt euch an einen verrauchten Imbissstand auf dem Platz, kauft euch etwas zum Abendessen und setzt euch auf die rohen Holzbänke. Zaghaft esst ihr ein wenig vom Couscous, aber die sehnigen Fleischstückchen auf den Spießen und den sandigen Salat lasst ihr liegen; zum Beweis für eure Tollkühnheit lasst ihr euch fotografieren. Cole ist gereizt und missmutig und möchte ins Hotelzimmer zurück, du aber fühlst dich wie im Herzen eines gewaltigen Treffpunkts, an dem afrikanische Stämme aus dem Süden und Araber aus dem Norden und Berber aus den Bergdörfern zusammenströmen, und du reckst den Kopf und trinkst die Gerüche und die Hitze und den Rauch in dich hinein. Alle diese wundersamen Menschen! Du blickst zu deinem Mann hinüber und streichst ihm über den Arm, spürst sein schmales, sinnliches Handgelenk, und in dir regt sich Begehren, du willst ihn, willst ihn ganz dringend, hier, auf diesem menschenübersäten Platz. Du legst nur deine Lippen an der haarlosen Stelle hinter seinem Ohr auf seine Haut und atmest seinen Duft ein. Eine kleine Geste wie diese, eine Berührung, ein Schnuppern genügt meist, um dir wieder bewusst zu machen, was du an ihm hast.

Aber hier und jetzt regt sich etwas, was in dir schlief, und macht einen Katzenbuckel. Du denkst an das Hotelzimmer und das breite Bett. Einen flüchtigen Moment lang siehst du dich nackt mit gespreizten Beinen daliegen, vor mehreren gesichtslosen Männern, die dich begutachten und ihre Hände über dich gleiten lassen.

Du lächelst Cole zu.

Was denkst du?, fragt er.

Nichts, murmelst du, nichts.

15. LektionNur selten ein Eheweib, das sich nicht von ganzem Herzen ein Kindlein wünschte

Am nächsten Morgen, als ihr euch faul auf euren Liegestühlen räkelt, schreitet eine hochschwangere Frau wie eine Fregatte in voller Takelage zum Pool hinüber, ein Bild der Kraft, des Stolzes und der in sich ruhenden Ganzheit. Ihr wollt es auch bald probieren – wenn das erste Jahr der Ehe vorüber ist.

Genießen wir eine Weile unsere Zweisamkeit, hat Cole gesagt.

Zum Glück ist in deinem Leben auch die Mutterschaft bereits fest eingeplant. Mann, Haus, Kind: So viel Glück für einen einzigen Menschen ist obszön, oder? Die Freude, die du jetzt empfindest, grenzt an Vermessenheit. Wahrscheinlich bist du unerträglich. Du wirfst einen kurzen Blick auf Cole: Lange sah er zu jung aus für sein Alter, noch nicht ganz fertig, jetzt aber, mit Ende dreißig, wenn viele schon ein Bäuchlein ansetzen und schütteres Haar bekommen, blüht er erst richtig auf. Nach einer verlängerten Pubertät hat er sich schließlich zu einem attraktiven Mann entwi­ckelt. Er besitzt das Potenzial zu späterer Größe, und das sieht man gerade erst jetzt.

Sollte sich dieses Glücksgefühl, das dein Herz beinahe sprengt, nicht allmählich abnutzen? Wann wird es abflauen? Du wirfst deine Vogue beiseite, rollst dich zu Cole hinüber und schmiegst dich an ihn, Bauch an Bauch, saugst den Duft seiner Haut in dich ein wie eine Mutter den Duft ihres Kindes. Wird dieser Duft für dich jemals schal werden? Unvorstellbar! Cole schiebt dich weg, spielt den Mürrischen und gibt dir einen Klaps auf den Hintern. Du jaulst auf und ziehst dich wieder auf deine Liege zurück. Ein junger Kellner geht vorbei. Wie eine Katze schließt du die Augen zu schmalen Schlitzen, hebst träge den Arm über den Kopf und maulst, wenn Cole dich nicht anständig behandelt, dann heiratest du eben als Nächsten diesen Kellner.

Klasse, und um dich wieder loszuwerden, braucht er bloß dreimal zu sagen, ich verstoße dich. Ich wünschte, ich hätte es genauso einfach.

Du lachst, die Freude, die dich bis oben hin erfüllt, perlt über. Die Schwangere steigt aus dem Pool. Ihr werdet oft gefragt, wann ihr denn eine Familie gründen wollt, und dein Mann antwortet dann immer, er wolle ein Kind, wenn er sich selbst erwachsen fühle, und wer weiß, wie lange das noch dauern würde. Du antwortest, bald. Alle Frauen wollen irgendwann Kinder, dieser heftige Wunsch steckt ihnen tief in den Knochen, und wenn eine Frau sagt, sie will keine, glaubst du ihr nicht ganz. Der Muttertrieb wird allmählich quälend, je weiter du in den Dreißigern voranschreitest, ein Instinkt, der sich frech verselbständigt. Dir wird jetzt immer eng ums Herz, wenn du deine Freunde in den Gesichtern ihrer Kinder wiedererkennst. Es besteht die Gefahr, dass dieses tiefe Bedürfnis nach einem Kind bald dein Leben beherrscht.

16. LektionDie Natur ist stets erquicklich und ehrfürchtiger Studien werth

Auf dem Tagesausflug ins Atlasgebirge streckst du deinen Kopf aus dem Autofenster und hältst ihn dem Himmel und dem Geruch der Wüste entgegen, während Cole die Herald Tribune liest, immer wieder einnickt und hochschrickt.

Als Restaurator, der sich auf die Malerei des 15. bis 19. Jahrhunderts spezialisiert hat, arbeitet er äußerst hart. Er reist rund um die Welt, erstellt Gutachten über den Zustand von Gemälden, die verkauft werden sollen, und restauriert die Objekte meist direkt vor Ort, denn seit dem 11. September sind die Versicherungsprämien derart in den Himmel geschossen, dass der Flug des Restaurators zum Bild oft billiger ist als umgekehrt. Cole hat lange Arbeitszeiten, doch das lohnt sich in jeder Hinsicht – du brauchst nicht mehr zu arbeiten. Du wolltest schon immer gern ausprobieren, wie es ist, einfach nichts zu tun, und bist nun im zweiten Monat der Untätigkeit. Cole hat dich darin bestärkt, deinen Job als Dozentin für Journalismus an der Londoner Uni aufzugeben, deine ängstlichen Bedenken walzte er mit seiner Begeisterung einfach platt. Dir wurde eine Abfindung geboten, mit der ihr die Hypothek auf eure Wohnung ablösen konntet. Deine Kollegen ließen dich alle nur ungern gehen, denn du warst der hart arbeitende, ruhende Pol in einer Fakultät, die von jeder Menge Allüren gebeutelt wurde. Aber das jahrelange Unterrichten hat dich ausgelaugt, die unerbittliche Alltagsroutine von Arbeiten, Essen, Schlafen, in der sonst nicht viel Platz fand, verwob sich langsam zu einem Netz, das dich zu Boden drückte. Theo meinte, es fordere eben seinen Tribut, dass du als Lehrende so edel, so selbstlos gewesen bist. Du hast ihr nicht gestanden, wie feige es dir vorkam, die Universität nie zu verlassen und sich der wirklichen Welt zu stellen. Stattdessen hast du nur gefrotzelt, sie lehre doch ebenfalls und sei daher nicht weniger edel und selbstlos.

Du lieber Himmel, ich arbeite nur, weil es mir selbst gut tut, nicht als Wohltäterin für andere! Also aus ausgesprochen selbstsüchtigen Motiven!

Und was tut dir daran so gut, meine Liebe?

Dieser geheime Kick, grinste sie, wenn mir meine Klientinnen ihre intimsten, schwärzesten Gedanken verraten.

Dein Job war für dich schon längst nicht mehr befriedigend; dagegen empfindest du eine seltsame Genugtuung, wenn du deine neuen Aufgaben als Hausfrau gut erledigst. Du hast nicht erwartet, dass deine Tage von so vielen Banalitäten verschlungen würden; im Moment jedenfalls genießt du es noch, ein aufwendiges Sonntagsessen zuzubereiten, die Küche zu streichen, eure Kleidung durchzusehen. Die Tage galoppieren vorbei, auch wenn dir bewusst ist, dass eines Tages die Langeweile und der Verlust des Selbstwertgefühls nach deinen Fersen schnappen könnten. Aber noch ist es nicht so weit.

Von deinem Ersparten ist nicht viel übrig, doch Cole zahlt dir monatlich 800