Bis auf Weiteres - Valentin Schwan - E-Book

Bis auf Weiteres E-Book

Valentin Schwan

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Beschreibung

Der lange vergessene Roman eines ehemaligen Häftlings über seine Zeit im Konzentrationslager Esterwegen 1934-1936. Kommentiert und mit erweiternden Texten neu herausgegeben. "Einer wird es einmal schreiben, Jakob. Einer aus der anonymen Schar derer, die davongekommen sind … Das Buch unserer Zeit … Das Denkmal des unbekannten Moorsoldaten …" Diese Worte lässt der Autor eine Figur im Roman über das KL Esterwegen sagen und meint damit vielleicht sich selbst. Doch das 1961 unter dem Pseudonym Valentin Schwan erschienene Buch geriet bald in Vergessenheit und die Identität des Autors blieb ein Rätsel. Erst 2015 konnte das Pseudonym durch Zufall entschlüsselt werden: Hans-Otto Körbs – Häftling in Esterwegen 1935/36 – hatte den Text verfasst. Die Geschichte des Romans ist damit auch die Geschichte einer Wiederentdeckung. In sachlichem Stil hat Schwan / Körbs seine Erinnerungen an die Haft romanhaft verarbeitet. Er schreibt gedankenreich und tiefgründig über das Leben in einem der frühen Konzentrationslager in Deutschland: über die Häftlinge, die Lager-SS und die Gewalt. Sebastian Weitkamp, Co-Leiter der Gedenkstätte Esterwegen, hat den Text nun kommentiert und zusammen mit dem sehr persönlichem Bericht eines Nachkommen von Hans-Otto Körbs – des Schweden Birger Schmitz – neu herausgegeben.

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Seitenzahl: 1317

Veröffentlichungsjahr: 2023

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SCHRIFTENREIHE DER GEDENKSTÄTTE ESTERWEGEN

Band 4

Herausgegeben im Auftrag der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen

von Sebastian Weitkamp

Valentin Schwan

BIS AUF WEITERES

Herausgegeben und kommentiertvon Sebastian Weitkampmit einem Beitrag von Birger Schmitz

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2023

www.wallstein-verlag.de

Der Originaltext erschien 1964 im Progress-Verlag Johann Fladung, Darmstadt.

Umschlaggestaltung: Wallstein Verlag

Umschlagabbildung: Gestaltung durch Wolfgang Freitag, 1961

ISBN (Print) 978-3-8353-5378-7

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-8434-7

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-8435-4

INHALT

Editorische Notiz

Zum Geleit

DER WEG I

»Zum Schutz von Volk und Staat«

Musik im Hinterhaus

Die Staatsreise

»Rauh, aber herzlich«

Der Gemüatsmensch

»Herzlich Willkommen!«

Die Hausordnung

Appell

Ein alter Kämpfer

Die Feuertaufe

Baldrian

4711

Es tut sich was

Alle Vögel sind schon da ...

Der Priem

Die erste Welle

Die ruhige Kugel

Heinrich der Schreckliche

Mittelalter

Ein Denkmal wird enthüllt

Jeder stirbt zu seiner Zeit

DER WEG II

Der Blutordensträger

Die Strafkompanie

Die Getreuen

Das Gulasch

Der Walfisch

Lilo

Das Schweineschlachten

Achtung! ... Taschen zu!

Mann über Bord

Die zweite Welle

Der Vorbeimarsch

Nürnberg

Köbes

»Wer aber unter euch ...«

»Stille Nacht, heilige Nacht ...«

Wachablösung

Ein Stern erlosch

Die letzte Parole

Wohin rollst Du, Äpfelchen?

Anhang

Wer ist Valentin Schwan? Der Roman »bis auf weiteres« und ein entschlüsseltes Autoren-Pseudonym

Valentins Tochter Edith und die schwedische Fortsetzung

Abkürzungsverzeichnis

Anmerkungen

Editorische Notiz

Der Kommentar des Textes von Hans-Otto Körbs alias Valentin Schwan ist bewusst zurückhaltend. Der Autor hat seine eigenen Hafterfahrungen im KL Esterwegen literarisch verarbeitet. Seine schriftstellerische Darstellung des Lager- und Haftalltags, der Gewalt und der Morde sowie seine Beschreibungen vom Denken, Sprechen und Fühlen der Romanfiguren müssen allein schon deshalb unkommentiert bleiben und sollen auch nicht in irgendeiner Form nachträglich bewertet werden. Er hatte das Anliegen, einen Roman zu schreiben mit allen Freiheiten als Schriftsteller, und es ging ihm nicht um einen authentischen Zeitzeugenbericht mit dem Anspruch auf historische Korrektheit.

Dennoch ist auffällig, dass viele literarische Personen ganz offensichtlich reale Personen zum Vorbild haben und viele Ereignisse der Romanhandlung so oder in ähnlicher Form auch von anderen ehemaligen Häftlingen berichtet werden oder sich aus anderen Quellen nachweisen lassen. Vielem, aber nicht allem Beschriebenen wohnt also ein tatsächlicher Kern inne. Es kann jedoch nicht die Aufgabe einer kommentierten Neuauflage sein, Dichtung und Ereignisgeschichte voneinander trennen zu wollen, weshalb darauf weitgehend verzichtet worden ist.

Der Kommentar in den Fußnoten beschränkt sich auf Hinweise zu den Romanfiguren, denen historische Personen zugrunde liegen – sofern die Alias-Namen zu entschlüsseln waren. An einigen Stellen sind auch kontextuale historische Hintergründe erläutert und in wenigen Fällen sind Anmerkungen gesetzt zu beschriebenen Ereignissen, Zahlen und Daten, die zwar im Roman einen gewissen Raum einnehmen oder eine Bedeutung haben, sich aber nach aktueller Kenntnis nicht oder noch nicht nachweisen lassen. Zum Beispiel gibt es zurzeit keinen Beleg für die beschriebene Kennzeichnung von Häftlingen, die als homosexuell galten, oder für eine Typhus-Epidemie im Lager.

Trotz des unbestrittenen authentischen Charakters ist und bleibt »bis auf weiteres« am Ende ein Roman. Der Roman eines ehemaligen Häftlings.

Hans-Otto Körbs alias Valentin Schwan

Foto, nach 1945, Aktionskomitee Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager e. V.

Dem unbekannten Moorsoldaten

Zum Geleit

Keine Einrichtung des »Dritten Reiches« hat dem deutschen Ansehen in aller Welt so sehr geschadet wie das System der Konzentrationslager. Rund sechzehn Jahre sind vergangen, seit der Rauch der Verbrennungsöfen die Luft der Menschheit verpestet hat, aber noch immer steht das KZ im Brennpunkt öffentlicher Diskussion, und die Frage »Wie war es wirklich?« beschäftigt vor allem in steigendem Maße die jüngere Generation, die glücklich sein kann, jene schaurige Epoche totalen Machtmißbrauches und menschlicher Entartung nicht miterlebt zu haben.

Viel Wahres und Falsches ist über die Lager geschrieben und geredet worden, und die fortlaufende Aufdeckung noch ungesühnter KZ-Verbrechen gibt dieser Auseinandersetzung immerzu neue Nahrung. Zwar liegt der äußere historische Rahmen der Entwicklung von 1933 bis 1945, von den Friedenslagern bis zu den Massenvernichtungsstätten im Kriege, in großen Zügen fest, aber an dem dazugehörigen Bild, dem Lager selbst, wird noch immer fleißig gemalt. Leider sehr oft mit dem Pinsel einer bestimmten Ideologie, wodurch sich die Konturen nicht selten verwischen und die Akzente verschieben.

Von den zwei Abschnitten der KZ-Geschichte bildet jener der Vorkriegszeit die gesellschaftliche Grundlage des Romans, zwar weniger bekannt als die spätere Stufe der zentralen Vernichtungslager, doch schon deshalb allein nicht weniger wichtig, weil es die Anfänge waren, aus denen alles kam.

Der Autor ist der Gefahr der literarischen Gestaltung des Themas vom rein Subjektiven her nach Möglichkeit dabei ausgewichen. Ihm kam es darauf an, weder zu beschönigen noch zu übertreiben, sondern Zustände und Opfer des Hitlerschen Menschenschlachthauses so zu schildern, wie sie wirklich waren. Primitive, billige Schwarzweißmanier lag ihm ebenso fern wie ein neuer Heldenmythos. Seine Gestalten sind weder Helden noch Märtyrer, sondern Menschen wie Du, lieber Leser, und ich, Menschen mit allen ihren Vorzügen, aber auch mit ihren Schwächen; Väter und Söhne, die dadurch zu Opfern der braunen Unmenschlichkeit wurden, weil ihnen ihr Gewissen verbot, in die unseligen Heilrufe ihres verblendeten, von allen guten Geistern verlassenen Volkes einzustimmen …

Daß die Literatur über die zweite Entwicklungsstufe, die Massenvernichtungslager, in denen der Mord am laufenden Band, zur höchsten Perfektion entwickelt, zum täglichen »Arbeitspensum« der SS gehörte, umfangreicher ist als die vorhandene Dokumentation über die Anfänge, ist nur natürlich. Einmal liegen die KZ-Greuel der Vorkriegszeit weit zurück, zum andern haben die schier unvorstellbare Barbarei der Kriegslager und auch der Krieg selbst die Anfänge stark in den Hintergrund gedrängt.

Und darin liegt die Gefahr, daß sich die Maßstäbe verschieben. Das heißt, daß der Leser dieses Berichtes sich unwillkürlich dazu verleiten läßt, die jahrelangen Ausschreitungen in den Friedenslagern, gemessen an den potenzierten Entsetzlichkeiten der Kriegs-KZ, als noch recht »harmlos« und »halb so schlimm« zu bewerten. So sei zum Beispiel bei Wehrmacht und Arbeitsdienst auch nicht alles so gewesen, wie es hätte sein sollen …

Eine solche Argumentation ist ebenso oberflächlich wie falsch. Schon der Vergleich an sich hinkt. Das Konzentrationslager läßt sich nach Zweck, Kondition und Ablauf mit keiner anderen menschlichen Einrichtung nur annähernd vergleichen. Und da jede geschichtliche Epoche bekanntlich ihre eigenen Maßstäbe hat, kommt man zwangsläufig zu völlig falschen Schlüssen und Wertungen, wenn man die Vorkriegszustände der KZ-Epoche rein schematisch an dem Produkt ihrer Endphase mißt. Mit einem Satz: Das Bild wird schief.

Nichts in dem Buch rechtfertigt auch nur die geringste Verharmlosung der Anfänge aus falschen Maßstäben heraus.

Deshalb: Wehret den neuen Anfängen, nachdem wir Deutsche in unserer Mitschuld auch wie keine andere Nation erlebt haben, wohin sie im Endeffekt führen. Die Kenntnis der KZ-Schlußphase allerdings allein genügt hier nicht. Den neuen Anfängen von vornherein zu wehren, muß man die alten Anfänge kennen, deren letztes Ergebnis die Gaskammern und Verbrennungsöfen, die Genickschußapparaturen und Kalkgruben waren. Es führt ein schnurgerader Weg von Dachau und Esterwegen über Sachsenhausen und Buchenwald nach Auschwitz und Maidanek …

In dieser Erkenntnis schrieb der Autor seine Aussage nieder, die Chronik einer Finsternis, die in der Geschichte des deutschen Volkes ohne Beispiel ist.

Er schrieb sie nicht trotz, sondern wegen der verhängnisvollen deutschen Mentalität, alle Lehren und Erfahrungen der Vergangenheit zu ignorieren und das dunkelste Kapitel im Buch unserer Geschichte einfach zu überschlagen, so tuend, als wäre es nicht da.

Im Lüneburgischen,

Frühjahr 1961

DER WEG I

»Zum Schutz von Volk und Staat«

Die große Uhr an der Zentrale im ersten Stock zeigte auf halb zwölf. Der diensttuende Hauptwachtmeister, der von seinem Sitz neben der blanken Glocke die strahlenförmig auseinanderlaufenden drei Flügel mit je vier Stationen ausreichend übersehen konnte, klopfte mit dem großen Schlüssel dreimal an das eiserne Treppengeländer zum C-Flügel, verharrte einen Augenblick und setzte vier kurze Schläge hinterher.

Ein verschlafenes Gesicht tauchte über der Brüstung der obersten Station auf.

»Station C4, Fahrenhorst!«

»Ein Transport: Peter Adrian, Zelle 23, sofort mit allen Sachen zur Kammer, Herr Fahrenhorst!« …

Der »Hausvater«, Vorsteher der Bekleidungskammer im Parterre des Zuchthauses, wartete schon voller Ungeduld.

»Mal fix, mein Sohn! Hab andres zu tun als auf jeden Abgang stundenlang zu warten. Muß dir ja gut gefallen bei uns. Runter mit die Klüngel! Gleich schlägts zwölf. Sonst komm ich noch wegen Freiheitsberaubung dran!«

»Ich stelle keinen Strafantrag, Hausvatter!« erwiderte Adrian grinsend und schälte sich eilig aus der blauweißen Zebrakluft, die nach der Machtübernahme durch Hitler das traditionelle Zuchthausbraun verdrängt hatte, weil Braun des Dritten Reiches Farbe war.

»Dann bin ich ja beruhigt, mein Sohn. Nur eins, eh du jetzt von uns gehst, laß dir vom alten Schnauz« – so nannten ihn die Gefangenen wegen seines prächtigen Schnurrbartes mit den hochgezwirbelten Enden – »den ehrlichen Rat geben: Laß die Finger von die Dinger draußen! Es lohnt sich nicht. Beim zweitenmal kommst nicht so billig davon – – – dann wackelt der Kopp … Und sieh zu, daß du bald wieder Farbe kriegst ins Gesicht … siehst wie ausgeschissen aus … viel Gemüse und frische Luft … sonst denken die Leute noch, du kommst aus dem Zuchthaus …«

Adrians Zivilsachen waren tadellos in Ordnung, gewaschen und gebügelt, sogar die Schuhe geputzt. Nur der Hut paßte nicht mehr: die Haare darunter fehlten.

»Macht nix, Söhnchen«, tröstete Schnauz, »die wachsen schneller als der Verstand.«

Er ließ sich die Rückgabe der Sachen bescheinigen und brachte Adrian zur Abgangszelle nebenan.

An der Zentrale war es bereits fünf vor zwölf.

Tabaksqualm schlug dem Eintretenden entgegen. Die Abgangszelle war ungelüftet, schwach erhellt und gerammelt voll. Obwohl dreimal so groß wie die Einzelzellen der Station, war sie als Sammelzelle für Zugänge, Abgänge und Transporte viel zu klein. Sitzgelegenheit gab es nicht. Man saß auf dem Fußboden oder lehnte gegen die Wand.

»Servus!« sagte Adrian, drückte sich durch den Haufen in die Ecke und setzte sich auf seinen Lederkoffer.

Flüchtig glitt sein Blick über die vielen Gesichter hin. Kein Bekannter aus dem Haus war darunter. Gierig, nach so langer Entbehrung, rauchte er eine der wiederausgehändigten Zigaretten. Sofort hingen zahlreiche Blicke an seinen Lippen und folgten hungrig dem hochsteigenden Rauch.

»Die reinste Aufreizung zum Klassenhaß!« kam es von irgendwo aus dem Hintergrund.

»Ach so«, sagte Adrian, »nichts für ungut! Nach so langer Zeit muß man sich erst daran gewöhnen, daß man nicht mehr allein ist. Hier! Bedient euch!«

Die Zwanzigerpackung war im Nu leer, und die Luft wurde zum Schneiden dick, die Unterhaltung lebhafter.

Die lässige Freigebigkeit des Neuen imponierte. Man drängte näher, schätzte ab: erstklassige Schale, komplett vom Hut bis zu den Schuhen, schwerer Mantel, Glacéhandschuhe, Lederkoffer … bestimmt ein besserer Pinkel. Die Sorte kannte man schon. Wahrscheinlich Kavaliersdelikt: »Süßer Einbruch«, Zuhälterei oder § 175 …

»Na, Kollege«, fragte ein pockennarbiger Mansardenknacker, »wie lang haste aufm Kübel gesessen?«

Der Gefragte winkte ab.

»Nicht die Welt! Knapp zwei Jahre. Ein Dreck, verglichen mit der Zeit, die hier so abgerissen wird. Trotzdem – – – mir langts auch so.«

»Ein Tag is hier schon zuviel«, warf ein schielender Straßenräuber ein, »aber zwei Jährchen – – – die mach ich auf dem Kübel ab. Die hab ich auch rum, aber fünf Jahr hab ich noch Kost und Unterkunft frei …«

»Drei Jahr hab ich rum«, verriet ein alter Taschendieb, »mein erstes Z. Aber verdammt! Mir langts! Der Bart is ab. Kinder, wie ich mich freu! Nach dem Schlangenfraß hier hau ich mir erst mal die Wampe bis obenhin voll: Eisbein mit Sauerkraut und nen anständigen Pott Bier dazu. Dortmunder Export. Mein Leibgetränk! Und zum Nachtisch wird ne kesse Puppe vernascht …«

»Selbstverständlich wird zuerst mal anständig gespachtelt!« pflichtete ein schlaksiger, rotblonder Zuhälter eifrig bei, »nach dem vielen Kapps, den Oldenburger Südfrüchten, den Kälberzähnen und den Polizeifingern … Eine Schwedenplatte – – – so groß wien Wagenrad, ein halbes Dutzend Steinhäger und ne Zigarre mit Bauchbinde für dreißig Pfennig … Und dann zu Emmi, meine Braut, die lauert schon auf mir …«

»Nu gib man nich so an, Langer! Denkst, die hat drei Jahr uff dich gewartet? Die hat sich bestimmt die Männer nich nur uff der Leinwand angesehn!«

»Was kratzts mich! Hauptsach, sie weiß wofor! Auch die Liebe ist ein Vergnügen. Und Vergnügen kostet Geld. Die Kleine kennt ihren Preis. Von wegen eine Zigarette und ein Glas Bier – – – so siehste aus!«

»Wieviel Pferde haste am Laufen, Langer?«

»Der Traum is aus, mein Süßer. Stall aufgelöst, Firma pleite und ich drei Jahr hier zur Erholung. Nee, fang gar nicht erst wieder an. Wird jetzt zu teuer. Wenn se mich nochmal schnappen: Sicherungsverwahrung …«

Ein Banknotenfälscher im weißen Haar winkte geringschätzig ab:

»Hör uff! Die Musik kenn ick. Das sagen hier alle drin. Aber biste erst mal raus, hast keene Maloche und nix zum Beißen, dann biste genau wieder dabei und bald wieder hier.«

Der allgemeine Lärm übertönte das Geräusch des Türaufschließens.

»Mal nich so laut hier, Herrschaften!« knurrte Schnauz, »noch seid ihr nich vorm Tor. Wagner! – – – mitkommen!«

»Machts gut, Jungens!« dröhnte der Zuhälter, »besucht mich mal draußen. Bin bei der Emmi, Postgasse, Haus 12. Ehrenwort: Für euch umsonst!«

»Ehrenwort, daß du bald wieder hier bist!« brummte Schnauz.

»Eher häng ich mir uff, Hausvatter!«

Während das Gespräch stockte und der Lärm etwas nachließ, hatte Adrian Zeit, die zahlreichen Inschriften zu studieren, die rings die Wände schmückten. Im Laufe der Zeit hatte sich so mancher Gast in diesem nicht gerade alltäglichen Hotelbuch verewigt. Dabei kam auch die Poesie nicht zu kurz:

Du, der Du hier eintrittst – – –

laß alle Hoffnung draußen …

Gott segne dieses schöne Haus!

Besser, Du bleibst raus …

Brauner Kapps und faule Rüben

haben mich von hier vertrieben.

Hätt’ der Koch auch Fleisch gekocht,

wär ich noch geblieben.

Wer niemals aus dem Picknapp frißt,

Weiß nicht, wie schön die Freiheit ist!

O wie wohl ist dem zumut,

der die letzte Nacht hier ruht!

»Die«, grübelte Peter, während er dem träg aufsteigenden Rauch der Zigarette nachblickte, »habe ich glücklich hinter mir. Aber was kommt nun?«

Die Zellentür flog auf. Ein langer Kerl, der gerade in den Türrahmen paßte, stolperte herein. Er trug einen schwarzen Manchesteranzug mit breiten Hosenbeinen und vielen weißen Knöpfen. Die weitausgeschnittene Weste war mit zahlreichen Münzen geschmückt. In der einen Hand hielt er einen breitkrempigen Hut, in der anderen ein zusammengeknüpftes, rotkariertes Taschentuch, in dem sich sein »Reisegepäck« befand. Ein Tuch von gleich greller Farbe wie das Bündel umschloß den Hals und hing mit einem Zipfel auf die mächtige Brust.

Beim unvermuteten Anblick dieses blonden Hünen kam sich Adrian einen Augenblick ganz klein vor.

»Mensch«, raunte er seinem Nachbarn zu, »ist das ein Bär! Guck dir bloß die Pranken an! Wo die hinhauen, wächst kein Gras mehr!«

»Sieht aus wie ein Zunftbruder«, erwiderte der andere nachdenklich.

»Aber bestimmt nicht von der Zunft, die hier seßhaft ist! Sieht nicht aus wie ein Ganove. Was der wohl ausgefressen hat?«

Die Antwort gab der Neue selbst.

»Hallo, Ganoven, Tippelbrüder und verwandte Berufe! Macht Platz für einen ›Hochverräter‹!«

Adrian wurde es ganz warm um das Herz.

»Erst mal: Guten Tag allerseits; Halt, stopp: ›Trittst du als Deutscher hier herein, so soll dein Gruß Heil Hitler sein‹!«

»Heil du ihn doch!« rief einer aus dämmeriger Ecke.

»Sieg Heil! In diesem Augenblick betritt der Führer und Reichskanzler den Sportpalast. Spontan erheben sich die Zehntausende von den Sitzen. Ein Orkan von Heilrufen braust durch die riesige, überfüllte Halle. Durch ein Meer von Fahnen geht Adolf Hitler, der erste Soldat der Nation, im schlichten Braunhemd zur Tribüne, die Hand zum Gruß erhoben. Die Kapellen intonieren das Horst-Wessel-Lied. Begeistert singen es die Zehntausende mit: Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen! …«

Sprachlos starrte alles auf den sonderbaren Sprecher.

Der sackte nun ganz in sich zusammen, hob die rechte Hand und kopierte die bekannte tiefe Armhaltung und schräge Beinstellung des kleinen Goebbels.

Da brüllte die ganze Bande vor Vergnügen.

Schnauz streckte den Kopf durch die Tür.

»Mensch, Köbes, halt bloß das Maul! Sonst bist du bald wieder hier!«

Der Zünftige tat entrüstet.

»Herr Hauptwachtmeister«, warf er sich in die Brust, »als guter Deutscher wird man wohl noch – – –«

»Hör auf! Um Gottes willen hör auf! Mir tun die Ohren weh! Mach nur so weiter, dann biste bald wieder hier, Söhnchen. Auf dich wartet die Gestapo noch!«

»Laß sie warten. Komm noch früh genug. Der Zug geht erst um drei!«

»Wenn dus weißt, ists ja gut. Doppelter Grund, vorsichtig zu sein! Wo du dann hinkommst, hören solche Späße auf …«

Adrian horchte auf. Die Tür schlug zu.

»Hier, Kamerad, eine Zigarette!« sagte er.

»Die erste Aktive nach zwei Jahren. Schmeckt doch besser wie ausgekauter Priem! Schönen Dank, Kamrad!«

»Wo kommst du her?«

»Aus dem Zuchthaus, aber erzähls nicht weiter …«

»Nicht die schlechteste Empfehlung heutzutag! Wo stammst du her?«

»Aus dem Kohlenpott, Gelsenkirchen 04.«

»Aha. Und bei dem Spiel haben sie dir den Kasten vollgehauen.«

»Kasten ist gut. Zwei Jahre Z wegen ›Vorbereitung zum Hochverrat‹, sagte der freundliche Herr Senatspräsident.«

»Wie sich die Bilder gleichen! Ich auch. Adrian ist mein Name.«

»Falk. Jakob Falk. Von der ehrbaren Zunft der Zimmerleute.«

»Sag mal, Holzwurm: was war das vorhin für ne Anspielung von Schnauz? Hast du noch ein Verfahren am Hals?«

»Kein Gedanke! Draußen alles dicht. Aber der Meister von der Mattenfabrik – – prima Kerl aus Neumünster, irgendwo da oben an der Ostsee – –, der hat die Nazis gefressen wie zehn Pfund Schmierseife, der hat mir durchgetan, ich muß stark damit rechnen, nicht nach Haus, sondern in Schutzhaft zu kommen. Die neue Tour der Gestapo. Die sagt, was er vor Gericht zuwenig gekriegt hat, bekommt er von uns noch dazu …«

Der andere wurde blaß. Verflucht! Daran hatte er nicht gedacht! Wenn das stimmte, fielen alle seine Zukunftspläne in das Wasser …

Aber schon hatte er sich wieder gefangen.

»Dann«, sagte er in einem Tone, der jeden Zweifel ausschloß, »dann bin ich bestimmt dabei. Na schön. Viele Wege führen zum Ziel. Zu unserem Ziel. Auch der Weg übers KZ. Dauert etwas länger. Aber könnens nicht ändern.«

»Nein, das können wir nicht«, entgegnete der Zimmermann und sang: »Glücklich ist, wer vergißt, was nun einmal nicht zu ändern ist …«

Schnauz pochte mit dem Schlüssel an die Tür.

»Halts Maul, Köbes! Sonst gehst noch in den Bunker!«

»Meine Zeit ist rum, Hausvatter! Das ist Freiheitsberaubung!«

Kurz danach holte der Alte Adrian heraus. Am Stand war es bereits zwanzig nach zwölf. Da wußte Adrian, was die Uhr geschlagen hatte.

Hinter einem wuchtigen Schreibtisch hockte, anscheinend ganz in eine Akte vertieft, der braune Polizeiinspektor des Hauses und bot dem Eintretenden die Totalität seiner strahlenden Glatze. Adrian war lange genug im Haus, um zu wissen, wen er vor sich hatte. Dieser fette Zwerg mit seinen in braunen Stiefeln und Hosen steckenden O-Beinen war der Schrecken aller, der Bewacher wie auch der Bewachten. Adrian wußte genau, was jetzt kam.

Aber vorerst kam gar nichts. Herr Pampel liebte es, jeden Vorgeführten erst einmal geraume Zeit warten zu lassen, damit er sich von vornherein der unüberbrückbaren Kluft zwischen einem Polizeiinspektor des Dritten Reiches und einem Zuchthäusler bewußt wurde. Bei Adrian verfingen solche Mätzchen nicht. Er hatte jetzt Zeit. Viel Zeit sogar. Zur Gestapo kam man nie zu spät.

Graue Kringel stiegen zur Decke hoch. Schwerer Zigarrenduft schwängerte angenehm den Raum. Dann endlich begann die Billardkugel zu steigen. Und das erste, was Adrian sah, war das krumme, übergroße Kreuz am Rock, dieses geschmacklose Stück Emaille, dem allein Herr Pampel verdankte, daß über Nacht aus einem kleinen Wachtmeister ein allgewaltiger Polizeiinspektor geworden war, Herr über tausend Seelen. Das teuflische Symbol war nicht nur Hinweis, es war Warnung zugleich.

»Peter Adrian?«

»Bitte sehr! Das bin ich.«

»Geboren den 5. April 1898 zu Mainz am Rhein?«

»Stimmt.«

Die Billardkugel begann zu tanzen. Böse leuchtete das Weiß der kleinen Wieselaugen. Im Bau nannten sie ihn »die Ratte«.

»Das heißt nicht: Stimmt! – und auch nicht: Bitte sehr, sondern: Jawohl, Herr Inspektor!«

»Alles im Leben fließt, Herr – – Pampel. Auch das ist nun verflossen. Meine Haft ist seit zwölf Uhr um. Jedes weitere Festhalten ist ungesetzlich!«

Häßliches Grinsen überzog das spitze Gesicht. Drohend funkelte es hinter den dicken Gläsern.

»Wenn Sie denken, Sie haben Ihren Knast abgerissen und können nun frech werden, sind Sie schief gewickelt, mein Lieber. Keine Angst! Wo Sie hinkommen, wird man Ihnen schon die passenden Umgangsformen beibringen. Und ›Ungesetzliches‹ gibts bei uns überhaupt nicht. Sperren Sie Ihre empfindlichen Ohren mal gut auf! Im Auftrage der Geheimen Staatspolizei habe ich Ihnen zu eröffnen:

Auf Grund der Verordnung des Herrn Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 werden Sie hiermit

bis auf weiteres

in Schutzhaft genommen.

Die Inschutzhaftnahme erfolgt wegen unmittelbarer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung …

So, das wärs. Ich hoffe, nun sind Sie bedient!?«

»Restlos!« entgegnete Adrian, unterschrieb den Behändigungsschein und steckte den Schutzhaftbefehl ein.

Ein Hilfsaufseher, braun behost und braun gestiefelt, kam herein.

»In die Transportzelle damit!« quiekte die Ratte.

Adrian hatte die Hand schon am Türgriff.

»Noch eine Frage, Adrian: Sie hatten ja zwei Jahre Zeit, sich alles reiflich zu überlegen. Wie stehen Sie jetzt zur Volksgemeinschaft, zu Führer und Reich? Noch immer dagegen? Wie?«

»Gegenfrage, Herr Pampel: Was geht das Sie noch an? Genauso könnte ich fragen: Sind Sie dafür?«

»Daran zweifelt wohl niemand, der mich kennt!«

»Ich auch nicht, Herr – – Polizeiinspektor.«

Die Ratte sprang hinter dem Schreibtisch hoch.

»Raus! Raus! Sie unverschämter Lümmel!« kreischte sie.

Der Wachtmeister drängte Adrian sanft hinaus. Wutentbrannt nahm Pampel den Kneifer ab und betupfte mit dem karierten Taschentuch die Billardkugel.

»Schade! Jammerschade!« knurrte er wie ein Hund, dem man den Knochen weggenommen hat, »das hätte ich ahnen sollen! Jetzt ist der Galgenvogel durch die Lappen.«

Erleichtert kehrte Adrian in die Transportzelle zurück.

»Hast richtig getippt, Holzwurm: Schutzhaft! Komm zur Gestapo zurück. Hier! Lies mal den Wisch!«

»Na also: die Reichstagsbrandverordnung von Wilhelms ehemaligem Generalfeldmarschall … Na, wenn der geahnt hätte, wozu ihn sein böhmischer Gefreiter da mißbraucht – –.«

»Der wußte genau, was kam. So dumm ist nicht mal ein General! Der Name Hindenburg ist für alle Zeiten mit dem Fluch beladen, das Reich den Nazis in die Hände gespielt zu haben.«

»Und das Volk bezahlt jetzt die Rechnung. Hier steht: Zum Schutze von Volk und Staat. Und wer schützt das Volk – – vor seinen Führern?«

»Nicht nötig. Das deutsche Volk in seiner überwältigenden Mehrheit hat sich nie wohler gefühlt als jetzt, wo es den braunen Stiefel ständig im Hintern spürt …«

»Nur Geduld! Die Zeit wird kommen, wo es nicht mehr stillhält!«

»Wie alt willst du bis dahin werden? Und wenn – – wer bezahlt dann all das zerschlagene Porzellan?«

»Das Volk, wer sonst? Hier haste den Schrieb. Nun weiß ich wenigstens schon, was in meinem steht.«

»Nur langsam, Kamerad! Noch hast du keinen.«

In diesem Augenblick wurde der Zimmermann geholt.

»Na bitte! Zweifelst du noch daran?«

Adrian setzte sich auf den Koffer und begann gierig zu rauchen.

»Pech, Kamerad!« bemerkte einer, »aber schitt wat drup! Der braune Spuk geht auch vorüber! Einmal kriegt die ganze Bande da oben kalte Füße …«

Adrian war nicht geneigt, mit einem Kriminellen ein politisches Gespräch zu führen.

»Das ist ja ein Geschnatter! Ob da noch mehr Politische drunter sind?«

»Nö. Die meisten kenn ich. War ja drei Jahre in diesem Käfig.«

»Und weswegen?«

»Sie sagen, ich hab mein Haus hoch versichert und dann angesteckt.«

»Pech gehabt, mein Lieber!«

»Klar. Hätt noch etwas warten müssen! Aber das Wasser stand mir am Hals. Na, wenn schon! Um vier komm ich raus. Schwamm drüber! Hier sind Leute mit ganz andren Faktümern. Guck dir mal den besseren Herrn rechts neben der Tür an! Der mit dem kessen Hut und der Hornbrille.«

»Was ist damit?«

Des Brandstifters heisere Stimme ging in Flüstern über.

»Schau ihn dir gut an, Kumpel! Das ist ein Mörder! Ein richtiggehender Mörder!«

»Auch daran gewöhnt man sich mit der Zeit. Tausende Mörder laufen frei herum. Was hat er denn ausgefressen?«

»Hat seine Frau vergiftet, um seine Freundin zu heiraten. Das Schwurgericht hat gesagt: Vorsätzlicher Mord. Weg mit der Rübe! Aber die Republik hat ihn zu ›Lebenslänglich‹ begnadigt. Nun sitzt er hier auf dem Altenteil …«

Polizeiinspektor Pampel war von dem ersten Fall reichlich bedient. Diesmal versuchte er es auf die andere Tour.

»Na, Falk, wir kennen uns doch!«

»Jawoll, Herr Inspektor! Sie haben mir zweimal Dicken aufgebrummt wegen Rauchens!«

»Die Hausordnung verbietet es, Falk! Und ich bin dazu da, sie zu schützen. Das ist nun mal meine Pflicht, und dafür werd ich bezahlt. Ordnung muß sein. Wo kämen wir sonst hin?«

»Ehrlich gesagt, Herr Inspektor: die ganze Straferei ist für die Katz. Ständig sitzen die Arrestzellen voll, und trotzdem qualmt der ganze Bau! Als ich in den Bunker kam, hab ich schön weitergeraucht. Man ist da viel ungestörter als auf der Station.«

Die Ratte schaute Falk ganz entgeistert an. Der kostete den Augenblick voll aus.

»Na, Schwamm drüber! Sie habens ja hinter sich. Aber setzen Sie sich doch! Da ist ein Stuhl!«

»Nee, danke, Herr Inspektor! Ich hab lange genug gesessen …«

Die Ratte quälte sich ein Lächeln ab.

»Wie Sie wollen! Wissen Sie, warum ich Sie hab rufen lassen?«

»Ich kann mirs denken.«

»Sie sollen vor der Entlassung noch einmal der Gestapo vorgeführt werden. Ein paar Fragen – – – der Ordnung halber.«

»Den Dreh kenn ich, Herr Inspektor! Als sie mich vor zwei Jahren holten, haben sie auch gesagt: Nur ein paar Fragen, Herr Falk, dann können Sie wieder gehen. Und daraus wurden dann zwei Jahre, und das Ende ist noch gar nicht abzusehen.«

»Noch ist nichts entschieden. Sie kommen ja erst vor die Polizei. Die Verhängung der Schutzhaft jetzt ist eine reine Formalität zur Rechtfertigung der Überführung. Ich kann mir da auch kein Urteil erlauben, Sie werden ja wissen, warum.«

»Weil die Kommunisten den Reichstag angesteckt haben!«

Die Augen hinter dem Kneifer quollen förmlich heraus.

»Ist das Ihre ehrliche Meinung, Falk?«

»Ganz und gar. Hermann Göring hats ja gesagt, und der muß es wissen! Es stand ja in allen Zeitungen, und was in der Zeitung steht – –«

Der Schutzhaftbefehl wurde verlesen. Falk unterschrieb. Seine schwere Hand zitterte nicht.

»Sie kommen also nachher auf Transport. Nun wünsche ich Ihnen noch alles Gute für Ihr ferneres Leben! Und führen Sie sich gut, werden Sie ein brauchbares Mitglied unserer Volksgemeinschaft, damit Sie nicht noch einmal hierherkommen!«

An der Tür riß es den Zimmermann ganz plötzlich herum. Er maß noch einmal das abstoßende Gesicht des kleinen Mannes hinter dem großen Tisch und hob die rechte Hand hoch über den Kopf.

»Heil Hitler!«

Und schon war er hinaus.

Die Zellentür hatte sich kaum hinter dem Gelsenkirchener geschlossen, da brach er in schallendes Gelächter aus.

Herrn Pampel erstaunlich treu kopierend, gab er Bericht.

Lachsalven fegten in kurzen Stößen durch den Raum.

Das Abschiedsessen kam. Traditionelle Zuchthauskost, von einem erfunden, der sie selbst nicht zu essen brauchte: »Himmel und Erde«, Kartoffeln mit süßsauren Äpfeln zusammengekocht.

Der einströmende Geruch bewog einige, gar nicht erst mit dem Napf an die Tür zu gehen. Jene, die ihn füllen ließen, stellten die Kost unberührt in die Ecke und machten sich über die »Transportverpflegung« für einen Tag her: eine doppelte Margarinestulle.

»Zum Abschied schenk ich dir meinen Schlag«, sagte Falk zu dem Manne mit der Literkelle, »wohl bekomms! Dreimal die Woche Himmel und Erde, noch ein Vierteljahr, dann bin ich bestimmt im Himmel …«

Um zwei Uhr wurde der Transport, zweiundzwanzig Mann, in den Gefängnisvorhof geführt.

Zwei Landjäger vom Orte nahmen ihn in Empfang. Ihre Körperfülle stand in schreiendem Gegensatz zu den armseligen Figuren, für die sie sich eigens mit Karabinern behängt hatten.

Adrian und Falk waren die einzigen Schutzhäftlinge der Gruppe.

Sie wurden als erste aufgerufen.

»Handgelenk einer links – – einer rechts freimachen!«

Der Ton duldete keinen Widerspruch.

Schwer legten sich die Ringe der stählernen »Acht« um die Gelenke.

»Was soll das blöde Armband? Ich bin nicht für Schmuck!« begehrte Falk auf.

»Sind wir Schutzhäftlinge oder Straßenräuber?« schrie Adrian.

Auch die alten Dorfpolizisten hatten sich längst dem Ton der neuen Zeit angepaßt.

»Schnauze halten! Befehl is Befehl …!«

Der Aufruf der Strafgefangenen war schnell geschehen.

Ein Anstaltswachtmeister mit einem schwarzgelben Schäferhund gesellte sich noch hinzu.

Der Transportführer warf sich in die Brust.

»Herhören! Wir marschieren jetzt durch die Stadt zum Bahnhof, immer zwei und zwei hintereinander. Es ist verboten, unterwegs zu sprechen, etwas aufzuheben oder wegzuwerfen und die Bevölkerung anzusprechen. Keiner verläßt die Reihe! Bei Fluchtversuch wird ohne Anruf geschossen!«

Die schwere Außentür kreischte in den Angeln.

»Ohne Tritt – – – marsch!«

Stumm zog der Trupp durch die mittagsstillen Straßen.

Hie und da blieben Passanten stehen, schauten verwundert auf den seltsamen Zug.

Kinder sammelten sich, liefen hinterher.

»Das reinste Spießrutenlaufen!« knirschte der Zimmermann. »Verflucht! wie das Armband drückt!«

»Die Kette ist mein ganzer Stolz!« erwiderte Adrian.

Frei sahen sie den Leuten in das Gesicht.

Hinter ihnen schlich gesenkten Blickes der Haufen Krimineller.

Keiner von ihnen war gefesselt.

Nicht einmal der Mörder.

Musik im Hinterhaus

Die Hauptpolizeiwache der Stadt war als Gestapogefängnis im ganzen Land berüchtigt. Hier hatte die politische Fahndungsabteilung ihren Sitz, hierhin schleppte sie die Opfer ihrer staatserhaltenden Tätigkeit, hier wurden mit »schlagkräftigen« Argumenten Geständnisse erpreßt, die dann zu Verfahren vor den Politischen Senaten der Oberlandesgerichte und vor den Sondergerichten führten.

Hier hatte schon so mancher »Staatsfeind« unter der »Wucht« der Argumente gestanden und unterschrieben, was er nie getan.

Aber viele Festgenommene hielten auch, allen Leiden zum Trotz, die Fahne des gesinnungsmäßigen Widerstandes mannhaft hoch und zogen es vor, zu sterben oder zum Krüppel zu werden, statt ihre Überzeugung und ihre Mitverschworenen preiszugeben.

Früher nur Durchgangsstation zum Untersuchungsgefängnis für schwere Fälle, Asyl für Landstreicher, Trunkenbolde und Straßenmädchen, niemals voll belegt, war der graue dreistöckige Bau im Hinterhof der stillen Seitenstraße seit dem Fackelzug des 30. Januar 1933 überfüllt. Tag und Nacht herrschte Hochbetrieb, war ein ständiges Kommen und Gehen; immerfort, ohne Rast und Ruh, summten Motoren im Hof, schrillten die Fernsprecher und dröhnte der Lautsprecher in den Vernehmungszimmern.

Nacht für Nacht zogen die Menschenfischer des Dritten Reiches auf Fang aus. Nur selten kamen sie mit leeren Netzen zurück.

Wie die meisten Polizeikisten Preußens war auch dieser Bau völlig veraltet, und die an sich schon unhygienischen Zustände wurden jetzt durch die Überbelegung bis zur Unerträglichkeit verschlimmert. In jeder der kleinen Einzelzellen lagen drei bis fünf Mann, einer stand dem anderen im Wege, und die Luft hinter den verblendeten Gitterluken war zum Schneiden dick. Spülklosetts waren Luxus. Alle Bedürfnisse wurden im Beisein aller auf dem primitiven Leibstuhl in der Ecke verrichtet.

Auch die Nacht milderte den Zustand nicht. Das Schlafen war eine Qual. Es gab keine Bettwäsche. In eine dünne, schmutzige Decke gehüllt, lagen sie wie Heringe im Faß auf harten, blutverschmierten Matratzen auf dem Boden, von Wanzen und Läusen geplagt. Und nicht selten war der nächtliche Fischzug so erfolgreich, daß nicht alle Insassen liegen konnten. Dann schlief man eben im Stehen oder Sitzen.

Auch Hand- und Spültücher wurden seit Anbruch des neuen Zeitalters nicht mehr gestellt, und wer das Bedürfnis nach einem reinen Hemd hatte, spülte das getragene im kalten Wasser durch und trocknete es auf der Dampfheizung, die nur den Fehler hatte, daß sie meistens nicht funktionierte.

Es war spät am Nachmittag. Kreischend schloß sich das Eisentor der Einfahrt. Mit einem Ruck hielt die schwarzgrüne Minna im Hof unter den Zellen.

»Alles aussteigen! In zwei Gliedern antreten! … Rechts um! Ohne Tritt marsch …!«

Die zweiundzwanzig Zugänge aus dem Zuchthaus packten in der Annahme ihre paar Habseligkeiten vor dem Verwalter aus. Polizeimeister Strehlau stand über dem dicken Eingangsbuch hinter einem hohen Pult und musterte argwöhnisch seine neuen »Gäste«. Er war ein alter »Afrikaner«, der – lang war es her – einst in der Kolonialtruppe Deutsch-Südwest gegen die Hereros gekämpft und später mit einem Zivilversorgungsschein bei der Polizei untergekrochen war. Auf den Tropenkoller, den er sich in der Kalahari geholt hatte, war er besonders stolz.

Der Hausvater war sichtlich guter Laune. Jeder Zugang steigerte den Umsatz in seinem verschwiegenen Hotel, in dem seine Frau die Küche führte, wofür er recht ansehnliche Verpflegungsgelder von der Polizeiverwaltung bezog. Bei der jetzigen Hochkonjunktur im Bau gingen die Geschäfte ausgezeichnet. Der monatliche Reingewinn überstieg bei weitem sein Gehalt.

»Na, Stachu, da bist du ja wieder! Beim alten Strehlau kehrt doch jeder gern wieder ein! Kommst grad richtig: Morn gibts dein Leibgericht!«

»Was heißt hier morjen, Chef?« entgegnete der alte Taschendieb, »und heut?«

»Heut habt ihr Transportverpflegung von der Anstalt. Zweimal am Tag den Bauch vollhauen is ungesund. Aber morn, Stachu, gibts Peluschken mit Speck – – sone Suppe kriegst in der ganzen Stadt nicht …«

»Du lieber Gott!« seufzte Stachu, »auch das noch! Peluschken! Peluschken mit Wasser … das einzige, was ich nich mag …«

Adrian und Falk waren für die kurze Fahrt im verschlossenen Wagen vom Bahnhof bis zur Wache erneut gefesselt worden. So stand es auf ihren Transportscheinen; und Ordnung muß sein. Nun schmerzten die Handgelenke abscheulich, und Falk knurrte.

»Was gibts da in der Ecke zu maulen?«

»Die Knochen tun weh von dem verfluchten Armband! Behandelt wird man wien Raubmörder, Herr Polizeimeister!«

»Wer weiß! Vielleicht biste auch einer, Jungchen? Wer bei uns geschlossen wird, weiß auch warum. Ja, ja, unser Herrgott hat en großen Tiergarten … Was habt ihr denn ausgefressen? Wie heißt ihr?«

Sie nannten ihre Namen.

»Und ausgefressen haben wir gar nichts«, sagte Adrian. »Wir sind Politische und haben den Knast rum.«

Der Afrikaner blätterte in den Scheinen.

»Moment mal … Adrian … Falk … Tatsächlich! Stimmt aufs Haar: Schutzhaft! Und dann geschlossen? Habt ihr etwa türmen wollen? Im Bau oder unterwegs?«

»Nö«, erwiderte der Zimmermann trocken, »haben wir nich nötig. Die Landjäger von dem Kaff haben uns schon im Zuchthaushof geschlossen. Die haben bestimmt im Keller die dicksten Kartoffeln. Und bei der Ankunft hier hat man uns von neuem geschmückt. So wat Doofes.«

Der Alte grinste.

»Die Beamten nich. Steht ja auf dem Schein … Kinder, Kinder, was es nich alles gibt! Schleppen se mir die Leute in Ketten an … Dabei sieht doch jeder auf den ersten Blick … Aber bei mir nicht! Trotz Tropenkoller! Wachtmeister Grün, nehmen Sie den Leuten das Armband ab! Hier im Haus wird kein Schmuck getragen …«

Die Namen wurden verlesen, die Sachen registriert und weggepackt.

»So«, meinte der Alte seufzend, »nun muß ich mal sehn, wo ich euch laß … Mein Hotel ist derart begehrt, daß ich bald nich mehr weiß, wo ich all die lieben Gäste unterbringen soll … Bei mir habt ihr nichts auszustehen, Jungs. Macht nur dem alten Strehlau das Herz nich schwer! Und wer vernommen wird – – Kinder, sagt die Wahrheit! Flunkern hat keinen Zweck! Weht jetzt ein scharfer Wind. Die Gestapo versteht in den Sachen keinen Spaß! Sagt die Wahrheit, dann seid ihr schnell davon … Die Welt ist ja so schlecht! Hat doch so ein Halunke in der Stadt erzählt, beim alten Strehlau gäbs mehr Prügel als Brot zu fressen … Man solls nich glauben! Wie kann ein Mensch nur so lügen! Dabei geb ich mir soviel Müh …«

Ein Mann in Zivil kam durch die Tür zum Gefängnis herein. Schlank, überaus stattlich und elegant, Ende der Dreißig. Das volle, dunkle Haar war sorgfältig gescheitelt, das längliche Gesicht blaß, die Haut rein, die Nase scharfgeschnitten. Ganz ruhig, schier freundlich, blickten die braunen Augen. Nichts gab es an der äußeren Erscheinung zu bemängeln. Ein Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle. Das einzige, was Adrian bei seiner heimlichen Betrachtung störte, war das Hakenkreuz am Revers.

Aber der Eindruck täuschte. Denn dieser schlanke Elegant war der Schrecken aller politischen Insassen: »Kanonen-Willi« von der Gestapo.

Die Zigarette lässig im schmalgeschnittenen Mund, musterte der Eintretende flüchtig den Zuwachs.

Der Hausvater deutete auf den Mörder.

»Der Rogalla ist auch mal wieder da!«

»Sieh an, Rogalla! Alter Bekannter. Hast Schwein gehabt, Justav, daß das Ding damals in der Judenrepublik passiert is! Jetzt heißts kurz und bündig: Rübe ab …! Mensch, Mensch, wie kann man auch nur son Quatsch machen! Ich schlaf ja auch mal gern beim kleinen Mädchen, aber deshalb tu ich meiner Alten noch lange nix in Kaffee … Nu haste freie Kost und Logis auf Lebenszeit. Ein teurer Spaß, mein Lieber!«

»Fünf Jahr hab ich schon rum. Noch zehn, dann mach ich ein Gnadengesuch. Die Zeit geht auch vorüber. Dann fang ich ein neues Leben an!«

»Klar. So jung wie du bist, Justav. Alles ist vergänglich, auch das Lebenslänglich …«

Kanonen-Willi ging lachend weiter.

»Dich kenn ich doch auch, Lulatsch? Warst du nich schon hier?«

»Vor zwei Jahren«, antwortete Falk, »als Durchgang, Herr Kommissar.«

»Und weswegen biste wieder hier?«

»Ich hab meinen Strang im Z abgerissen und wart hier, wies weitergeht. Hab nichts mehr am Laufen …«

»Und da haste gedacht: Jetzt nix wie nach Haus und rauf auf die Alte! Haste dir so gedacht. Aber der Mensch denkt, und der Führer lenkt. Die Hauptstrafe kriegst du erst dort, wo du jetzt hinkommst. Wirst dich wundern! Kennst mich überhaupt?«

»Nein, Herr Kommissar.«

»Langsam, langsam. Noch is nich. Aber sei froh, daß du mich nich kennst. Und laß die Finger vom RFB! Wenn wir zwei uns unterhalten müssen, siehste lecker aus …«

»Kunststück!« dachte der viel stärkere Zimmermann, während ihn die Fäuste juckten, »aber bei gleichen Waffen möcht ich dich nicht nachher besehen!«

Der Schwarze wandte sich lächelnd ab.

»Is überhaupt noch Platz in dem Puff, Albert?«

»Voll bis unters Dach, Willi! Schieb mal wieder en Schwung ab, sonst müssen wir die Matratzen auf den Hof legen …«

»Morn gibts Luft. Schließ heut noch paar Sächelcher ab … Na, dann wollen wir mal wieder ein bißchen Musik machen. Es geht nichts über Musik …«

Pfeifend ging er hinaus.

Als die Zugänge die Treppe zu den Stationen hochstiegen, hörten sie durch die Dämmerung Musik. Ganz in der Nähe spielte ein Radio lustige Weisen.

Plötzlich brach die Musik ab, und man hörte entsetzliches Geschrei.

Adrian und Falk sahen sich vielsagend an und dachten an den gutgekleideten, freundlichen Herrn, der die Musik so sehr liebte.

»Da hauen sich doch wieder welche!« polterte der Alte. »Sauvolk! Nich mal im Kittchen kann sich sowas vertragen …«

Die beiden Schutzhäftlinge kamen in getrennte Zellen. Adrian zu zwei Sozialdemokraten, einem »Meckerer« und einem Bibelforscher. Die Sozis waren Bergleute aus dem Bochumer Revier.

»Hast Glück, Kumpel«, meinte der eine, »daß sie dich nicht jetzt geschnappt haben. Jetzt kämst du nicht so billig weg … Uns beiden werden sie anständig was draufhauen. Vorbereitung zum Hochverrat, sagen sie. Wir sind hier fertig und kommen vor den II. Senat nach Hamm …«

»Hat man Beweise gegen euch?«

»Die Gestapo weiß noch immer nicht, woran sie wirklich mit uns ist. Das eine und andre haben sie ja rausgekriegt. Illegale Arbeit ist in erster Linie Erfahrung, und die fehlte uns. Und die Krims geben keinen Pardong, die machen Hackfleisch aus dir, wenn du nicht sagst, was sie gern wissen wollen.«

»Ist es wirklich so schlimm?«

»Schlimm ist gar kein Ausdruck. Ich kann dir flüstern! Wir zwei habens mitgemacht … Vernehmung am laufenden Band … Tag und Nacht … Zuletzt siehst du aus wien Boxer nach zehn Runden … Kanonen-Willi kriegt alles, was er braucht: Geständnis und Unterschrift. Auch wenn du von Tuten und Blasen keine Ahnung hast. Ganz egal. Hauptsache, es steht da schwarz auf weiß …«

»Aber«, protestierte Adrian, »ich kann doch nicht Sachen gestehen, die ich nicht gemacht habe! Das ist doch ausgesprochener Quatsch!«

»Was du kannst, Kumpel, bestimmen die unten. Der Quatsch ist ihre Methode. Methode zu ihrem eignen Erfolg. Komm du mal nach Station I zu Kanonen-Willi und Schlachter-Jupp zur Vernehmung – – – nachher sprichst du anders …«

»Wers nicht mitgemacht hat, kann es einfach nicht glauben«, warf der andere Bergmann ein. »Als ich nach unten kam, stand Kanonen-Willi da in Hemdsärmeln und wischte sich grad einen breiten Blutfleck von der weißen Manschette. Da wußt ich schon, wie der Hase lief. ›Setz dich mal hier hin, mein Junge‹, sagt Willi scheißfreundlich, ›und hör genau zu, was ich dir sag: dein Kumpel hat bereits ausgepackt wie ne Frau im Wochenbett. Is alles raus. Nu wollen wirs noch von dir hören. Sagst die Wahrheit, sind wir schnell miteinander fertig. Du unterschreibst und brauchst nicht mehr wiederzukommen. Machst du aber den Doofen und nimmst mich auf den Arm – – dann hau ich dir an Bahnhof, daß sämtliche Züge entgleisen und dein Arsch die Därme einzeln auskotzt …! Hier, rauch ne Zigarette und überleg es dir. Gleich gehts los – –‹. Na, hab ich gedacht. Mal immer mit der Ruhe! Da bin ich auch noch dabei. Sie haben mich dann nach Sachen gefragt, von denen ich nicht die geringste Ahnung hatte. Und als ich sie nicht zugab – – aus wars mit der Gemütlichkeit. Da sagt Kanonen-Willi zu Schlachter-Jupp: ›Jupp‹, sagt er, ›du weißt doch, wie ich die Musik lieb. Leg mal ne neue Platte auf, damit Stimmung in die Bude kommt …!‹ Kaum dudelt der Kasten, da brüllt er los: ›Du hast wohl lang nicht mehr dein eignes Geschrei gehört, du roter Hund?‹ Und eh ich mich versah, hat mir der dicke Pferdeschlächter den Arm auf den Rücken gedreht, und Willi gab mir einen Kinnhaken, daß ich dachte, die Welt geht unter. Dann mußt ich mich bücken, der Dicke preßte meinen Kopf zwischen seine Schenkel, zog mir das Hemd hoch, und Willi drosch mit dem Gummiknüppel fleißig drauf … Dazu hat das Radio gespielt, und ich hab wie verrückt geschrien. Aber je mehr ich schrie, um so doller schlug Kanonen-Willi zu. Mit einemmal war Schluß. Kurzschluß … Alles um mich verschwamm … Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf der Station in der Spülzelle, wo sie die Kübel leeren, und konnte kein Glied mehr rühren … So geht das hier, Kamerad. Und wenn du das paarmal mitgemacht hast, wirst du weich wie die Wurst, die aus dem Kessel kommt, und unterschreibst alles, was sie verlangen. ›Siehst du, mein Junge‹, hat der Wüterich später zu mir gesagt, ›so gehts, wenn man dem guten Onkel Willi wat vorflunkern will. Die Wucht hättst du dir sparen können! Hau ab, du Hosenscheißer …‹«

»Mir gings nicht anders«, brach der »Heimtücker« zum ersten Male sein Schweigen.

»Was hängen sie dir an, Kamerad?«

»Du wirst lachen: ein Witz! Ein kleiner, dummer Witz ist schuld!«

»Durchaus nicht. Der politische Witz steht auf dem Index und ist jetzt ein gefährlicher und teurer Spaß. Und gegen die Diktatur ist er eine stumpfe Waffe. Er geißelt und verulkt Zustände, ändert aber nichts. Verspottet die Despoten, aber stürzt sie nicht. Und die Nazis sind gegen Lächerlichkeit völlig immun. Wie oft haben die sich schon vor aller Welt blamiert und sitzen noch immer fest im Sattel. Was hast du denn gesagt?«

»Kommt nur von dem verdammten Suff! Geh ich da nachts von einem fidelen Bierskat nach Haus, bißchen schräg, verstehste, begegnet mir ein ehemaliger Schulkamerad und brüllt: ›Heil Hitler, Alfred!‹ Denk ich, der is wohl nicht ganz bei Trost? Was geht mich der Adolf an? Und sag: ›Heil du ihn!‹ und denk mir weiter nichts dabei. Vierzehn Tage später haben sie mich geholt. Der alte Freund hat mich genau bei der Partei verpfiffen. Und dann kam ich vor Kanonen-Willi …«

»Und da?«

»Nun – – ich bin aus alteingesessener Familie und ein angesehener Geschäftsmann. Hatt ich nötig, vor so einem kleinen Kriminalsekretär, der von unseren Steuern bezahlt wird, Männchen zu machen? Hab erzählt, wies gewesen ist. Und hab ihm mein Parteibuch gezeigt. Ich bin da eingetreten, weil ich mir als Geschäftsmann sagte, man muß jetzt mit den Wölfen heulen … Kanonen-Willi putzte seine Fingernägel und kippte ab und zu einen runter. Als ich fertig bin, steht er auf, stellt das Radio an und kommt auf mich zu. ›Dir werd ich die faulen Witze abgewöhnen, dreckiges Schwein!‹ schreit er, und im selben Moment schmeißt mir der dicke Schlachter eine Decke von hinten über den Kopf, und dann bekam ich ne Wucht – – – da war alles dran. Da hab ich geschrien: Hört doch auf, ich bin ja Parteigenosse! ›Schöner Genosse: Karteigenosse!‹ hat Willi gebrüllt. ›Dafür noch Extraprozente!‹ Sie haben nur noch toller auf mir herumgedroschen, und das Radio hat dazu Tanzweisen gespielt. Ein schöner Tanz! Dann krieg ich einen übern Kopf. Was weiter geschah, weiß ich nicht mehr. Als ich wach wurde, lag ich grün und blau geschlagen in der Zelle … Und alles wegen einem dummen Witz …«

»Alles steht in Gottes Hand«, sagte in mildem Tonfall der Zeuge Jehovas, »am Tage des Gerichts werden auch diese ihrer gerechten Strafe nicht entgehen …«

»Schöner Trost, Heinrich! Und wieviel beißen bis dahin noch ins Gras?«

»Mit welcherlei Maß Ihr messet, sagt die Schrift, wird Euch gemessen werden!«

»Und mit welchem Maß hat Kanonen-Willi bei dir gemessen? Mit dem Schlauch oder dem Knüppel?«

»Jehova war mit mir. Ich zeugte für ihn, und der Teufel wagte nicht, Hand an mich zu legen …«

»Mensch, hast du Schwein gehabt! Was haben sie gesagt?«

»›Total plemplem!‹ hat der Große gesagt. ›Unterschreib deinen Psalm und zieh Leine. Zeug weiter, bis du verreckst, und bet fleißig zu Jehova, daß es nicht mal Krieg gibt – – – dann biste genau in Arsch …‹ Nur, als ich hinausging, hat mich der Dicke fürchterlich in Hintern getreten …«

Früh brach die Nacht herein. Die fünf breiteten die dünnen Matratzen auf den Boden, wickelten sich in die schmutzigen Decken und vertrieben sich, mit Ausnahme des Bibelforschers, der in Jehovas Hut bald kräftig schnarchte, die Zeit mit leisen Gesprächen. Kein Laut störte die unheimliche Stille des überfüllten Hauses. Allmählich schlief einer nach dem andern ein.

Der Schlaf war nicht von langer Dauer. Die nahe Kirchturmuhr dröhnte den Beginn eines neuen Tages über die schlafende Stadt, da weckte Motorenlärm die Gefangenen des Dritten Reiches.

Adrian fuhr aus wüsten Träumen hoch. Das Brummen des Motors kam aus dem Hof, ging plötzlich in Heulen über. Verstummte. Stimmen schwirrten, Türen knallten. Da – – eine bekannte Stimme, die keiner vergaß, der sie einmal gehört: »Schnauze halten! Folgen!« – – – Kanonen-Willi … Der Lärm verlagerte sich nach innen. Schlüsselgerassel. Getrappel zahlreicher Füße. Dumpfer Hall zuschlagender Zellen.

Bis auf den Zeugen war Adrians Gemeinschaft wach und hielt lauschend den Atem an.

Schwarz und drohend stand die Nacht vor den Gittern.

»Was ist da unten los?« fragte Peter endlich in die Stille.

»Das übliche«, erwiderte der Meckerer gleichmütig, denn er hatte ja alles hinter sich. »Die Bullen waren wieder auf Jagd. Machen die Nacht zum Tag. Tagsüber pennen sie, nachts ziehn sie los. Niemand kennt sie, selten sieht sie einer. Brechen in die Wohnungen ein, reißen die Menschen aus den Betten und verarzten sie dann hier …«

»Hört! Was ist das?« fragte Peter.

»Musik. Ihre kleine Nachtmusik. Sie haben das Radio angestellt. Die Vernehmungen beginnen …«

»Hier kann man wirklich sagen, Hiebe nach Noten …«

Nacht für Nacht der gleiche Vorgang. Immerfort hallten Schritte durch den Flur, knarrten Schlüssel, bumsten Türen. Und immerfort dudelte das Radio. In Angst und Unruhe wälzten sich die Häftlinge auf den Matratzen, verkrochen sich mit stockendem Atem bei jedem näherkommenden Schritt unter den Decken und atmeten jedesmal befreit auf, wenn sich das erste Frührot mild in dem trüben Fensterglas spiegelte.

Am Morgen nach der fünften, besonders unruhigen Nacht, lief durch den Bau die Nachricht, daß sich in der Frühe ein Politischer in Einzelhaft erhängt hatte, nachdem er von der ersten Vernehmung durch Kanonen-Willi schwer angeschlagen zurückgekommen war.

Die Nacht darauf sprang ein Zugang auf dem Wege zum Verhör über das Geländer der obersten Station zehn Meter in die Tiefe und blieb zerschmettert auf dem Estrich liegen. Ein anderer verschluckte zerbrochene Rasierklingen, mußte, im Blute schwimmend, wohl oder übel in das Krankenhaus gebracht werden, und ein Jude schnitt sich nachts mit einer Glasscherbe die Pulsadern auf und verblutete schweigend neben seinen ahnungslosen Mitschläfern.

Aber die Proteste der hilflosen, gemarterten Kreatur verpufften wirkungslos. Keine Behörde nahm daran Anstoß. Der verantwortliche Polizeipräsident, ein zum SA-Obergruppenführer aufgestiegener ehemaliger Volksschullehrer, war genau im Bilde und schwieg, und kein Staatsanwalt, kein Kriminalist, kein Untersuchungsrichter fand sich, die Zustände in dem musikalischen Hinterhaus zu überprüfen und die Hintergründe der vielen Selbstmorde seit der Machtübernahme aufzuhellen.

Nur der Afrikaner fühlte sich wieder einmal nicht ganz wohl in seiner reichlich abgebrühten Haut. Die Dinge waren in die Stadt gedrungen. Es wurde viel darüber getuschelt und, wie immer in Fällen, wo von oben herunter alles vertuscht wurde, stark übertrieben.

Das verborgene Hinterhaus in einer Seitenstraße der Innenstadt bildete wieder einmal das Hauptthema der Flüsterkonversation.

Der Alte ging mit säuerlicher Miene zu seinem Freund Willi. Während sie kräftig einen hinter die Binde gossen, meinte der alte Sünder beiläufig, es sei wohl an der Zeit, mal wieder »etwas kurz zu treten …« Vier Tote in einer Woche sei ein bißchen »haarig« … in der Stadt schwirrten mal wieder die tollsten Gerüchte …

Kanonen-Willi winkte gelangweilt ab.

»Stört mich en Dreck, Albert, was das Scheißvolk draußen quasselt! Tu meine Pflicht und damit basta! Von mir wirds verlangt. Schaff ich nichts – – – bin ich kurz oder lang erledigt … Bloß keine Gefühlsduselei! Was weg is, is weg. Einmal müssen wir alle den Arsch zukneifen. Und wer sein dreckiges Leben so gern wegschmeißt – – – soll er ruhig. Ich spendier ihm noch den Strick. Auf diese Sorte kann der Führer gut verzichten …«

Und der Mann, der vor Hitlers Machtantritt vorsorglich zwei Parteibücher besaß – – eins der SPD und eins der NSDAP, ein offizielles und eines für den Privatgebrauch –, kippte vergnügt den letzten Kognak hinunter und fuhr in dem erhebenden Gefühl, wieder einmal seine Pflicht für Führer und Volk getan zu haben, in funkelnder Limousine nach seiner Wohnung im vornehmen Südteil, sich im Kreise seiner Familie von den Anstrengungen der verflossenen Nacht zu erholen und Kraft zu sammeln für die kommende …

Ganz plötzlich wurde der Witzemacher entlassen. Ein mutiger Staatsanwalt hatte das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt. Kanonen-Willi meinte zwar, es sei keine Geringfügigkeit, den Führer als Verrückten hinzustellen, und der Mann gehöre auf jeden Fall ins KZ, aber in dem großen Parteigetriebe war auch er nur ein kleines Rad. Einflußreiche Bürger intervenierten auf einer Gesellschaft beim Gauleiter, und der Geschäftsmann kam gegen Zahlung einer stattlichen Buße an die NSV frei.

Die folgende Nacht stellte alle bisherigen Nächte in den Schatten. Schon vor Mitternacht fing es an, was darauf schließen ließ, daß der Fischzug mal wieder besonders lohnend gewesen war. Noch lauter als sonst orgelte ununterbrochen der Lautsprecher und konnte doch das entsetzliche Geschrei nicht übertönen. Das ganze Haus war wach und lauschte.

Mit einem Male setzte das Radio aus. In das gräßliche Wehgeschrei der Gepeinigten, das Wut- und Hohngebrüll der Peiniger mischte sich helles Klatschen und der dumpfe Klang fallender Gegenstände.

In den engen Käfigen wurden die Tiere unruhig. Haß und Empörung loderten auf, wühlten im Gedärm, stachen in das Gehirn und machten sich plötzlich Luft. Erst vereinzelte Stimmen.

»Aufhören da unten! Aufhören, ihr Bestien!«

Dann ein langgezogener, schauerlicher Schrei:

»Mörder! Mörder! Schlagt sie tot, die Mörder!«

Das Stichwort war gegeben. Hunderte Stimmen brüllten im Chor:

»Mörder! Mörder!«

Schaurig hallte es durch den schwacherleuchteten Bau, und die Wände warfen den Schrei hundertfach verstärkt zurück.

Auf Station I öffnete sich die Tür der Vernehmungszelle. Im trüben Nachtlicht stand mit aufgekrempelten Hemdsärmeln Schlachter-Jupp, einen Ochsenziemer in der behaarten ungepflegten Tatze. Schief hing der Selbstbinder wie eine nasse Fahne an dem dicken, kurzen Hals. Schweiß perlte auf dem roten Mopsgesicht.

»Ääh, ihr Hosenscheißer!« grölte er, »euch werd ich helfen! Morn … morn kriegt der ganze Bau nix zu fressen! Sauvolk! Durch den Wolf dreh ich das Geschlüns …«

»Wart nur, Katzoff! Du bist der erste, der aufgehängt wird … neben Kanonen-Willi!«

»Mit dem Kopp nach unten, die feigen Schweine!«

Noch verstand der ehemalige Roßschlächter jedes Wort. Blutroter Nebel schwamm vor seinem glasigen Blick. Alle bösen Triebe hatte der Alkohol in ihm entfesselt. Sie drängten zur Tat. Schon griff er in die Gesäßtasche, zog den Sicherungshebel zurück. Was hatten sie da geschrien? Aufhängen wollten sie ihn? Ihn – – von der Geheimen Staatspolizei?

Aber erst noch eine kleine Stärkung, und dann wollte er ihnen mal zeigen, wer hier mit dem Hängen an der Reihe war.

»Moment, Moment, meine Herren! Gleich werdet ihr rasiert!« Er zog eine halbvolle Schnapsflasche aus der Hose und leerte sie in einem Zug.

»Aah! Wie das schmeckt!« Klirrend zerschellte die Flasche auf dem Kellerestrich.

Der Fusel gab dem braunen Ordnungshüter den Rest. Er machte einen Schritt, schwankte und fiel gegen das Treppengeländer.

»Wuat is los? Wuat sagste? Aufhängen? Mitn Kopp nach unten? … Jawoll! Alle aufhängen … die Blase … Aufhängen wie Leberwürste. Willi! He, Willi! Ein Schluck …! Ein Schluck für den guten, ollen – –«

Mitten im Satz sackte er weg und schlug lang in den Flur.

Und immer noch schrien sie aus den Zellen …

An dem bewußtlosen Schlachter vorbei schwankten die letzten Vernommenen dieser Nacht zu den Stationen. Sie waren noch einmal glimpflich davongekommen. Als das Wutgeheul der gefesselten Masse wie ein Orkan durch den stillen Bau brandete, brach Kanonen-Willi die Vernehmung ab.

Das große Vernehmungszimmer sah aus wie nach einer Saalschlacht zur Zeit der Republik. Auf dem grauen Linoleum glänzten Lachen von Blut und Wasser, Blutspritzer zierten die getünchten, hellen Wände. Zerfetzt schleifte die große Fenstergardine auf dem schmutzigen Boden, der runde Tisch davor streckte alle viere in die Luft. In der Ecke bildete eine zerbrochene Stehlampe zusammen mit leeren Schnapsflaschen ein seltsames Stilleben.

Widerlicher Mief von Rauch, Fusel und Schweiß schwängerte den Raum. Und dazu Musik … Musik am laufenden Band …

Die Beine auf dem zerwühlten Schreibtisch, die Hände in den Hosentaschen, räkelte sich Kanonen-Willi, berauscht vom Schnaps und von seinen neuen Erfolgen, vergnügt trällernd im Sessel. In dieser Nacht hatten sie einen großen Fang gemacht. Hatten auf Grund einer Denunziation ein ganzes Nest von »Staatsfeinden« und »Hochverrätern« ausgehoben und zahlreiches Material – – Musikinstrumente, Fahnen, Bücher, Flugblätter, Sammellisten – – erbeutet.

Wem Gott ein Amt gibt, gibt er auch Kraft. War keine leichte Arbeit gewesen, aus der Bande etwas herauszukriegen. Die wußte genau, was ihr vor Gericht blühte. Aber sie hatten nicht gewußt, was ihnen vorher hier blühte, wenn sie versuchten, den guten Onkel Willi auf den Arm zu nehmen. Die erste Abreibung hatten sie schon mal weg …

Zu blöde, daß ausgerechnet im entscheidenden Moment, als er die »Geständnisse« schon so quasi in der Tasche hatte, der alte Rappelkasten streikte! Aber da war Jupp dran schuld. Der hatte in seinem Tran dran rumgefummelt … Nun lag er blau wien Veilchen im Flur …

Der schmächtige Chauffeur – – Nummer drei des staatserhaltenden Kleeblattes – – stolperte von vorn herein. Die borstigen Haare hingen ihm wirr in das zerkratzte Gesicht, der schmutzige Hemdkragen klebte zerknittert an dem dürren Hals. Die braune Fahrerkluft war mit Flecken übersät, ein Ärmel war ausgerissen. Auch ihm wehte die »Fahne« voraus.

Nudel nannten sie ihn wegen seiner Vorliebe für Makkaroni.

»Komm, Nudel, alter Junge! Noch einen auf die Lampe, damit der Docht nich trocken wird! Hast dich gut gehalten … War ne heiße Schlacht … Gottverdammich! Die Brüder sind zäh wie ne alte Kuh … Prösterken!«

»Auf dein Spezielles, Willi! Wo steckt denn Vatti?«

»Liegt im Flur. Voll wie ne Haubitze. Sag ja immer, Schnaps is bloß for Erwachsene …«

Der Lautsprecher schrillte Koloratur.

»Hör dir die alte Ziege an! Da wird ja die Milch in der Brust sauer. Such mal anständige Musik, Musik ists halbe Leben – – und dann hol den Katzoff rein und verbind ihm den Daumen … Irgend son geiles Ferkel hat ihm reingebissen …«

Vor der Luke dämmerte schwach der Morgen auf, als sich behutsam die Zellentür öffnete. Längst waren die Insassen hoch. In dieser Nacht hatte nicht einmal der Zeuge Jehovas geschlafen.

Ein menschliches Bündel wurde sacht hereingeschoben.

»Hallo, Jungs«, wisperte der junge Hilfswachtmeister, »hier kommt einer eurer Leute. Ein bißchen mitgenommen. Kümmert euch mal drum. Sieht meist schlimmer aus, als es ist. Paar Tage Ruhe, dann ist er wieder bei …«

»Du lieber Gott!« platzte Adrian heraus, »wie sieht der Mann aus! Nun sagen Sie bloß, Herr Wachtmeister, wie ist so etwas denkbar? Denkbar in einem ›Kulturstaat‹ im 20. Jahrhundert?«

»Fragen Sie nicht mich, Herr«, kam es sichtlich verlegen zurück, »ich bin dafür nicht zuständig. Hab Frau, zwei Kinder und ne alte Mutter zu ernähren … Sie verstehen? Sagen Sies doch dem Polizeimeister …!«

»Bestellen Sie dem mal nen schönen Gruß von uns! Er ist der größte Heuchler, der im Bau hier rumläuft …«

»Ich werd mich hüten!« erwiderte lächelnd der junge Mann.

Sie legten den Geschundenen vorsichtig auf eine Matratze. Der Bibelforscher, Sanitäter aus dem Weltkrieg, zog ihm die blutbefleckten Fetzen vom Leib und flößte dem Manne etwas Wasser ein. Der stöhnte, öffnete schwach die Augen. Kein Wort kam von den geschwollenen Lippen. Der Blick war voller Angst und Grauen.

Als die Männer den nackten Körper sahen, überlief es sie eiskalt. Die ganze Haut war schwarz, grün und gelb und wies mehrere Platzwunden auf. Das Gesäß war vollkommen aufgeschlagen, grüngelbe Ränder säumten die Augen; die Nase war blutverkrustet, und Blut klebte auch im Haar.

»Der enorme Blutverlust hat ihn sehr geschwächt«, sagte Heinrich, den Puls fühlend, »aber das kriegen wir schon hin. Haben im Krieg ganz andere Leute wieder zusammengeflickt … Ich werd ihn jetzt waschen und ihm ein reines Hemd anziehen …«

»Woher, Heinrich? Was wir an Hemden besitzen, tragen wir auf dem Leib …«

»Ich hab zwei. Nehmen wir eins davon. Und dann, wer en Handtuch hat, her damit für Kompressen …«

Beim Aufschluß verlangte Adrian von dem Wachtmeister der Morgenschicht, er solle unverzüglich den Afrikaner herholen. Vom Anblick des geschändeten Mannes auf dem Strohsack sichtlich bestürzt, ging der Beamte kopfschüttelnd davon.

»Denk gar nicht dran!« knurrte der Alte schlecht gelaunt, »hab andres zu tun, als im Bau Krankenvisite zu machen. Wo käm ich da hin? Auf jeder Station liegen welche rum. Von ner Portion ungebrannter Asche is noch keiner gestorben. Geschieht den Pochmuchelsköpp ja recht! Lügen das Blaue vom Himmel runter, denken, sie könnten die Staatspolizei veräppeln … Aspirin kann er haben. Wenns nicht hilft – – schaden tuts auch nicht …«

Dank der sorgsamen Pflege war der Neue am vierten Tage so weit genesen, daß er aufstehen und seine Geschichte erzählen konnte: Vorarbeiter auf einer Eisenhütte der Vorstadt mit Frau und zwei Kindern, war er vor 1933 Mitglied des kommunistischen »Kampfbundes gegen den Faschismus« gewesen. Nach der Machtergreifung Hitlers setzten sie am Orte ihre Tätigkeit noch einige Zeit fort, dann flog ein Stützpunkt nach dem anderen im Bezirk auf. Die Verbindungen rissen ab, die Bewegung schlief ein. Jetzt, eineinhalb Jahre später, hatten sie ihn wegen angeblicher Fortführung des Roten Frontkämpferbundes geholt.

»Der übliche Dreh«, warf Adrian ein. »Der RFB war schon lange vor 33 verboten und aufgelöst. Alles, was jetzt nach illegaler Arbeit riecht, wird als RFB oder Eiserne Front abgestempelt. Das gibt mehr her und macht bei den Vorgesetzten mehr Eindruck … Von wegen Uniformen, Kapellen, militärische Ausbildung und Waffen. Und damit kommen sie erst jetzt?«

»Der Kurier, der uns damals mit Rundschreiben und Broschüren versorgte, ist erst jetzt irgendwo hochgegangen. Den haben sie natürlich anständig durch die Mangel gedreht, da wurd er weich und hat auch uns verpfiffen.«

»Und was habt ihr dazu gesagt?«

»Haben zugegeben, daß er mehrmals bei uns war und bei uns übernachtet hat, aber der Wahrheit gemäß den Besitz von Waffen bestritten. Aber dann kam der Knall. Er wurde uns gegenübergestellt. Wie er unten reinkam, hat er uns gleich mit Namen angeredet. Da war für den Schwarzen schon alles klar. ›August‹, hat er gesagt, ›sind das die Leute vom RFB, denen du Waffenunterricht geben solltest?‹ ›Jawoll‹, hat der gesagt, ›das sind sie: der Otto, der Wilhelm, der Jupp und der Franz …‹ Als darauf einer von uns sagte: ›August, du lügst! Bleib bei der Wahrheit!‹, da hat ihm son dicker Krim mit der Faust ins Gesicht geschlagen, daß gleich das Blut aus Mund und Nase schoß …«

»Das war Schlachter-Jupp! Weiter!«

»Und dann kam von der andern Seite der Chauffeur von der ›Minna‹ mit zwei SS-Leuten herein, und der Schwarze sagte: ›Es geht halt nix über die Gemütlichkeit! Musik! Musik! Und jetzt gehts rund! Sagt, wo die Waffen verbohrt sind, dann machen wirs kurz ab. Ihr spart mir Arbeit und euch ne Wucht! Und wir bleiben die besten Freunde … Also, raus mit der Sprache: Wo?‹ Aber da es ein solches Versteck nicht gab, konnten wirs auch nicht angeben; da war der Bart ab. Da hat uns der Chauffeur mit roter Farbe Schnurrbärte bis an die Ohren gemalt und auf die Stirn RFB geschrieben. Dann bekam jeder eine alte RFB-Mütze ins Genick geschoben und ne Luftbüchse in die Hand. Der Schwarze kommandierte ›Gewehr über!‹ und wir mußten im Kreis marschieren und singen:

›Das ist der Rote Frontkämpferbund,

der sich nicht verbieten läßt …‹

Dabei fing der Lange an, uns zu jagen … schneller … immer schneller, und die vier anderen Helden schlugen mit Gummiknüppeln auf uns ein. Wir rannten wie die Verrückten. Dann baute Franz, der älteste, ab, da brachten sie die Spatzenflinten raus, und der Anführer hinter dem Schreibtisch machte böse Augen und sagte: ›Na, Genossen, wie ists? Wollt ihr endlich sagen, wo die Waffen sind?‹ Egal, was jetzt kommt, hab ich gedacht und gesagt: ›Wir haben keine Waffen versteckt, Herr Kommissar! Der August lügt!‹ Da ist der Schwarze hochgesprungen und hat geschrien: ›Verlogenes Gesocks! Dreht die roten Schweine durch die Mangel …!‹ Und dann haben sie so lang auf uns rumgeschlagen, bis einer nach dem andern liegen blieb … Aber unterschrieben haben wir nichts.«

»Sie holen euch wieder. Und dann?«