Bis die Sonne wiederkommt - Beate Hummel - E-Book

Bis die Sonne wiederkommt E-Book

Beate Hummel

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Beschreibung

Anna liebt Grönland, dieses kalte Land, so gewaltig in seiner Schönheit und Zerstörungskraft, und nun möchte sie diesen magischen Ort mit den wichtigsten Menschen in ihrem Leben teilen: ihren besten Freundinnen Ute und Birgitta, die ebenfalls auf der Flucht vor sich selbst sind. Die beiden beschließen, mit ihr nach Grönland zu kommen. Alle drei Frauen träumen seit dem Beginn ihrer Freundschaft in der Frauenbewegung von einem Leben in Freiheit, nun wollen sie – dreißig Jahre später und nach dem Scheitern ihrer Jugendträume – in Grönland einen Neustart wagen. Beinahe zerstören sie sich selbst, aber am Ende bewältigen sie den eisigen, dunklen Winter, jede auf ihre eigene Weise, und finden Glück und eine ehrliche Verbundenheit in ihrer Freundschaft.

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Seitenzahl: 491

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Die Handlung, die Figuren und manche Schauplätze des Romans, insbesondere Qeqisillit, sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen sind unbeabsichtigt.

Lektorat: Karen-Susan Fessel

© Querverlag GmbH, Berlin 2021

Erste Auflage September 2021

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale unter Verwendung einer Fotografie von mauritius images / EyeEm.

ISBN 978-3-89656-677-5

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Querverlag GmbH

Akazienstraße 25, 10823 Berlin

www.querverlag.de

Kapitel I

Ankunft in Grönland

Mit schnellen Schritten stieg Anna den Berg hinauf, suchte sich ein wenig bewachsenes Plätzchen und streckte sich lang auf dem Boden aus. Der Erdboden war warm. Mit geschlossenen Augen lauschte sie, während sich ihr Atem allmählich beruhigte. Stille. Der eigene Herzschlag in den Ohren. So still. Anna seufzte. Der quälende Metallring aus Maschinengeräuschen, menschlichen Stimmen und diesem elenden Gedudel überall, der ihren Kopf zusammenpresste, löste sich langsam. Hier konnte sie atmen. Ihre Haut wurde weit und weich, so fühlte sich das an. Sie war wieder in Grönland.

Anna setzte sich auf und öffnete die Augen. Die Blätter der Zwergweiden um sie herum waren noch grün, nur einige Moospolster leuchteten schon herbstlich bunt. Vergangene Woche hatte es geschneit und deshalb waren die Myriaden von Mücken verschwunden. Keine sirrenden, quälenden Mücken also und die Mittagssonne wärmte noch. Es war Mitte August. Sie hatte genau das richtige Zeitfenster erwischt. Ihre Freundinnen würden sich wohl fühlen. Birgitta und Ute würden morgen früh mit dem Flugzeug aus Kopenhagen ankommen, um gemeinsam mit ihr sechs Wochen zu wandern.

Anna lächelte und begrüßte mit ihren Augen jeden einzelnen Hügel, den sie erblicken konnte. Die winzigen Zwergweiden, kleine Büsche, dreißig Zentimeter hoch, überzogen das Land, schützten den mageren Boden. Sie waren zähe Gesellen, hatten vielleicht hundert Jahre gebraucht, um diese Größe zu erreichen. Anna streichelte die silbrigen dünnen Zweige, die wieder einen endlosen Winter lang Schnee und Orkanböen getrotzt hatten.

Tief unten, neben der Landebahn, konnte sie ihr kleines, blaues Zelt entdecken. Von hier aus, von Kangerlussuaq, am Ende eines langen Fjordes, war das Meer mit den vielen Eisbergen nicht zu sehen. Auch das Inlandeis war nicht zu erkennen, es gab gar nichts Spektakuläres, und doch war es für Anna bei jeder Ankunft ein Ritual, von hier oben das Land zu begrüßen mit seinen runden vom Eis geschliffenen Hügeln und dem wilden graubraunen Gletscherfluss im Tal.

Gerade letzte Woche noch hatte sie versucht, ihrer Chefin – oder vielmehr ihrer Ex-Chefin, sie hatte ja ihre Arbeit gekündigt – zu erklären, warum Grönland sie so begeisterte. Es war ein Entzücken über die Stille, über das weite, einsame Land. Manchmal erlebte sie auch das aufregende Gefühl, dass vielleicht noch nie ein Mensch den Fleck, an dem sie zeltete, betreten hatte. Das war vermutlich eine Illusion. Die Inuit waren auf Beerensuche oder Rentierjagd überall gewesen. Sie aber war hier schon vierzehn Tage gewandert, ohne einem einzigen Menschen zu begegnen. Und wie dann ihr Körper sich anfühlte, nach stundenlangem Gehen, kraftvoll, lebendig, das war Lust pur, besser als Sex. Die Chefin hatte skeptisch das Gesicht verzogen und Anna hatte wieder geschwiegen. So war das immer.

Egal. Sie hatte ihre Arbeit gekündigt und nun hatte sie ein ganzes Jahr Freiheit vor sich, Freiheit in ihrem geliebten Grönland. Wie die Kolleginnen auf sie eingeredet hatten. „Das kannst du doch nicht tun, du findest nie wieder Arbeit, du bist viel zu alt für solchen Blödsinn!“

Anna lachte laut auf. Sie konnte das nicht erklären. Irgendeine Arbeit würde sie immer finden, da war sie sich sicher. Das konnte sie. Das war nicht ihr Problem. Jetzt war sie endlich wieder in Grönland und sie hatte es sogar geschafft, ihre beiden engsten Freundinnen zu überreden mitzukommen.

Lachend band Anna sich ihre Haare zu einem Pferdeschwanz. Sie war hier und dieses Mal für lange. Sie hatte tatsächlich ausreichend Geld gespart, um ein Jahr davon leben zu können, und für ihren VW-Bus hatte sie auch noch gutes Geld bekommen. Ein herrlich langes Jahr – uferlos Zeit – und alle Veränderungen in der Natur, durch alle Jahreszeiten hindurch, erleben. Und das Schönste war, ihre Freundinnen, Birgitta und Ute, würden in den ersten Wochen mit ihr wandern. So lange hatte sie sich gewünscht, den Menschen, die sie liebte, dieses Land, das sie so glücklich machte, zu zeigen.

Ihre geliebte Ute kam. Das hätte Anna nie für möglich gehalten. Und ihre verrückte, quirlige, quicklebendige Birgitta!

Anna würde Ute immer lieben, obwohl die ja nun Ewigkeiten mit einem Mann zusammen gewesen war. Ute mit dem weichen, runden Bauch, den festen, großen Brüsten, heute noch so schön wie früher, als sie zusammen in der Schule waren. Wenn Ute damals vergaß, dass sie sich mit dem Lernen schwertat und dass sie sich deshalb für dumm hielt, wenn sie sich einmal nicht dafür schämte, dann konnte sie so wunderbar strahlend lachen. Wärme wellenweise, wie ein Wasserfall.

Einmal, das war noch während der Schulzeit, hatte Anna Ute in der Eisdiele gesehen, ohne dass Ute es gemerkt hatte. Das würde Anna nie vergessen. Ute hatte mindestens zwanzig Minuten an ihrem Eis gegessen, daran gerochen, es sich auf der Zunge zergehen lassen, mit geschlossenen Augen. Den Finger in die Sahne gesteckt und ihn dann genüsslich abgeschleckt. Wieder ein Stückchen Eis gelutscht.

Anna seufzte. Ja, es stimmte, mit den Jahren war Ute immer unerträglicher geworden. Ute musste bestimmen, schimpfte über alles, und seit ihr Mann sie verlassen hatte, schlug sie nur noch um sich. Aber Anna war sich sicher: Dieser warme, liebevolle Kern von Ute, der war immer noch da. Und wenn sie gemeinsam in den Frieden und die Schönheit hier in Grönland eintauchten, dann käme die alte Ute wieder zum Vorschein. Birgitta war skeptisch, aber auch sie würde schon sehen.

Energisch stand Anna auf und ging zurück zu ihrem Zelt. Es gab noch viel zu tun, um die erste gemeinsame Wanderung vorzubereiten.

Während sie ins Tal hinunterblickte, dachte Anna, dass sie den Flugplatz immer noch lustig fand. Die Amerikaner hatten ihn im Zweiten Weltkrieg angelegt, um ihre Bomber auf dem Weg nach Europa aufzutanken. Es war der einzige Flughafen auf Grönlands Festland, auf dem Jets landen konnten, und Grönlands Verbindung zur Welt und vor allem zum Mutterland, der ehemaligen Koloniemacht Dänemark. Wenn die Flieger in Kopenhagen starteten, konnte man nie wissen, wie nach sechs Stunden Flugzeit das Wetter in Grönland sein würde. Die Piloten mussten nach einer Wende über dem Meer ihre Maschinen auf der kurzen, häufig schlammigen oder vereisten Landebahn, die bis ans Talende reichte, zum Stehen bringen. Das war manchmal ganz schön knapp.

Eine Landebahn im Nichts. Die Inuit hatten hier in Kangerlussuaq nie gelebt, der Platz war zu weit vom Meer und ihren Jagdgründen entfernt. Deshalb gab es keine Siedlung, sondern nur, etwas entfernt von der Landebahn, die ehemaligen Armeeunterkünfte und ein paar neue Häuser. Hier war nichts, außer einem flachen Betongebäude, das die Flugabfertigung, eine Cafeteria und ein kleines Hotel enthielt. Direkt neben der Landebahn gab es ein paar Bänke und Tische für die Wanderer. Dort durfte man zelten. Ein kleiner, roter Helikopter stand verloren vor ein paar Ölfässern.

Anna stieg hinab und ging zu dem winzigen Laden, der in einem alten Nebengebäude untergebracht war. Sie hoffte, noch frisches Gemüse und Obst kaufen zu können. Die Tomaten sahen immerhin aus, als würden sie zwei Tage überleben, die Karotten … nun ja. Jedenfalls gab es Käse. Dafür war der Preis eindrucksvoll. Der Rest des Warenangebots bestand vor allem aus Konserven, die für die Wanderung zu schwer waren. Beladen mit Tomaten, Karotten, Käse und matschigem Brot ging Anna zum Zelt zurück.

Sie holte die große Kiste aus dem Zelt, die sie aus Deutschland hergeschickt hatte. Sie wollte den Proviant für die erste gemeinsame Wanderung einpacken, die sie für fünf Tage in die Wildnis führen würde. Die Kunst war, Essen dabei zu haben, das nahrhaft war und schmeckte, ohne dass die Rucksäcke unerträglich schwer würden.

Bald war der Holztisch mit Päckchen übersät. Anna sortierte die Grundnahrungsmittel, vor allem Suppen, Fertiggerichte, Müsli und Milchpulver in Tüten, die sie mit kleinen Zetteln versehen hatte: „Frühstück Donnerstag“, „Abendessen Samstag“. Sie wusste, wie wichtig es war, die Verpflegung sorgfältig zu packen. Eine einzige vergessene Mahlzeit würde eine Krise auslösen, weil alle hungrig und erschöpft waren. Tagsüber würden sie Studentenfutter und Müsliriegel essen. Anna schnupperte genüsslich an den Rosinen, die sie im Alltag nie essen würde. Sie mochte keine Süßigkeiten, aber Rosinen waren wunderbare Energiespender. Dazu packte sie Kleinigkeiten. Die getrockneten Tomaten, die Birgitta so liebte, vielleicht am vierten Tag. Sie stellte sich das breite Grinsen der Freundin vor, wenn sie die entdeckte. Am vierten Tag wären sie alle schon so ausgehungert nach etwas Gutem, da wären die Tomaten eine Sensation. Und ja, die Zwiebel und die Knoblauchzehen am fünften Tag, zum Aufpeppen, wenn sie alle die Trockennahrung nicht mehr sehen könnten. Und Mittwoch Schokoladenherzen und Donnerstag Gummibärchen. Und natürlich für jeden einzelnen Tag ein Päckchen Pudding, immer eine andere Sorte, auch wenn Birgitta den vielleicht nicht essen würde. Aber der Pudding würde Utes Stimmung heben und das würde sie brauchen.

Einen Moment hielt Anna inne und starrte gedankenverloren auf die Landebahn. Ute. Die Angst nagte immer noch an ihr, dass Ute sich doch noch umbringen würde. Ob Grönland für sie gut wäre? Plötzlich wusste Anna es nicht.

Anna würde das Zelt und den Kocher tragen. Für die ungeübten Freundinnen wären die Rucksäcke mit Schlafsack, Isomatte, Kleidung und Verpflegung schon schwer genug. Anna saß auf dem Tisch zwischen den bunten Päckchen, baumelte mit den Beinen und stellte sich vor, wie Birgitta zäh und geschmeidig einen felsigen Hang hinaufstieg. Birgitta war zwar zierlich, aber die Frau hatte eine solche Kraft, die würde den Rucksack schon tragen können. Auch wenn Birgitta lieber kletterte als wanderte. Und vielleicht, ja, bestimmt, geschähe das Wunder, irgendwann Ute wieder lächeln zu sehen.

Anna teilte die fertigen Proviantpäckchen in drei gleich große Haufen, einen für jede Frau. Bloß fünf Tage und solche Berge von Proviant, Anna seufzte. Keine Diskussion, entschied sie. Ute und Birgitta würden sich die ersten beiden Tage mit dem schweren Rucksack quälen. Aber nicht genug zu essen dabeizuhaben, wäre schlimmer. Den Rest der Tüten, die Verpflegung für die nächste Tour, stopfte sie in die Kiste zurück und brachte sie zur Lagerung ins Flughafenkontor.

Sie beobachtete den alten Moschusochsen, der auf der anderen Seite des Tales den Hügel hinaufwanderte. Sie wusste, dass er oft in der Gegend war. Er war bereits hier unterwegs gewesen, vor dreizehn Jahren, als sie selbst zum ersten Mal nach Grönland gekommen war.

Anna merkte, wie sie wieder ins Grübeln rutschte. Sie hoffte, dass es mit dem Flug morgen keine Probleme geben würde. Aber in Wahrheit sorgte sie sich, ob die Freundinnen wirklich kommen würden. Bei Birgitta wusste man nie, was der einfiel. Und Ute wollte sowieso nur in der Ecke liegen und in Ruhe gelassen werden. Wenn sie nicht kämen!

Energisch schob sie die Gedanken weg. Sie erinnerte sich lieber daran, wie die drei Freundinnen vor ziemlich genau dreißig Jahren zum ersten Mal gemeinsam auf ihrem Felsen im Kurpark, Annas Versteck, gesessen hatten. Das war ihr auch damals wie ein Wunder erschienen. Diese beiden tollen Mädchen waren mit ihr mitgekommen. Und was hatten sie über Grönland fantasiert. Und nun war sie selbst schon zum neunten Mal hier. Und Ute und Birgitta würden kommen, bestimmt, sie würde ihnen all das Wunderbare zeigen können.

Anna schlenderte zum Zelt zurück. Morgen.

Der Vormittag streckte sich endlos hin. Anna war schon zweimal den Hügel hinaufgestiegen, aber dann nervös wieder umgekehrt. Was waren das für Wolken am Horizont? Was, wenn das Flugzeug früher käme und sie wäre nicht da, die Freundinnen zu begrüßen?

Sie rannte ins Flughafengebäude, um die Anzeigentafel zu studieren. Das wievielte Mal war das jetzt? Aber es gelang ihr einfach nicht, sich auf ihr Buch zu konzentrieren.

Als sie gegen zwölf Uhr wieder in die Flughafenhalle kam, spürte sie es sofort. Vielleicht war es die Art, wie die Leute herumsaßen. Apathisch, fand Anna. Keiner redete. Sie starrte zur Anzeigentafel: „Ankunft Kopenhagen storniert“ las sie. Wie, storniert? Was storniert? Die Maschine musste doch schon über Grönland gewesen sein!

Ein Inuit fasste sie am Arm, lächelte ihr zu. „Es ist nichts Schlimmes! Sie sind umgekehrt. Der Wind hat gedreht und wir werden in einer Stunde hier einen wüsten Sturm haben.“

Sie starrte ihn an, merkte, wie sie anfing zu zittern. „Das ist doch nicht schlimm! Morgen schafft der Flieger es sicher!“ Und als sie sich immer noch nicht rührte, „das passiert hier öfter. Das ist hier Grönland, nicht Hawaii!“

Aber dann kommen sie nicht, dachte sie. Klar waren Flugprobleme hier im Norden normal und vermutlich würde die Fluggesellschaft in Kopenhagen eine Übernachtung organisieren. Anna stellte sich vor, wie Ute und Birgitta nach zehn Stunden Flug erschöpft wieder aus der Maschine stiegen und müde und ratlos am Flughafen in Kopenhagen stünden. Sie sah, wie Birgitta die Nase rümpfte und die Lippen zusammenpresste, und stellte sich vor, wie Ute den Kopf schüttelte, nicht so entschieden wie früher, eher kraftlos-traurig, so wie sie jetzt war, und trotzdem sagte: „Das ist doch alles Quatsch. So etwas muss man nicht machen!“

Ob man sie in Kopenhagen ausrufen lassen konnte für ein Telefongespräch? Anna besaß zwar ein Mobiltelefon, aber es gab kein Netz in Grönland, deshalb hatte sie es gar nicht erst mitgenommen.

Sie musste lange warten. Der Mann am Schalter hatte viel zu tun, für all die Menschen, die Angehörige abholen wollten, eine Notunterkunft zu organisieren. Er schüttelte den Kopf. „Wie sollen wir deine Freundinnen denn in Kopenhagen finden? Die Airline kümmert sich schon um alles.“ Und als sie immer noch dastand und den Platz am Schalter nicht räumte, meinte er ärgerlich: „Mädel, falls du keine Notunterkunft willst, solltest du besser dein Zelt ordentlich abspannen, sonst ist es weg.“

Er hatte ja recht. Mit kleinen Schritten ging Anna aus dem Flughafengebäude. Wenn sie jetzt nicht kamen, würden sie nie kommen. Nie würde sie ihren Freundinnen dieses wunderbare Land zeigen können. Nie würde sie das mit ihnen teilen können, was sie liebte. Scharf hörte sie die harte Stimme ihrer Mutter. „Du störst! Geh sofort in dein Zimmer!“ Die weißen Wände des kleinen Souterrainraumes schienen sich immer mehr zusammenzuziehen. Die Tür war fest geschlossen.

Ein Windstoß ließ Anna stolpern und holte sie in die Gegenwart zurück. Das Zelt! Sie brachte zusätzliche Abspannleinen an und suchte große Steine, um die Zeltränder und die Leinen zu beschweren. Anna kroch in den Schlafsack. Ihr Herz würde das weiße Souterrainzimmer ihrer Kindheit nie verlassen können, dachte sie. Weinen konnte sie nicht. Die Zeltbahnen flatterten. Es war unerträglich laut.

Müde starrte Birgitta aus dem Flugzeugfenster. Was für ein ödes Land, war ihr erster Eindruck. Grau, braun und graugrün. Sie dachte an Annas Strahlen beim letzten Treffen in Deutschland, Annas Vorfreude. Nun erschien Birgitta das alles lächerlich. Worauf sich freuen? Weiter Blick, eine Landschaft, die nichts verbarg.

Wenn Anna sich nicht so gefreut hätte über ihre Zusage zur Reise. Sie warf einen Seitenblick auf Ute, die neben ihr vor sich hin döste. Allein der Anblick brachte sie in Rage. Der endlose Flug gestern. So viele Turbulenzen und dann plötzlich die Mitteilung, dass sie umdrehen würden. Birgitta hatte lange nicht mehr so viel Angst gehabt. Geschlagene zwei Stunden hatten sie am späten Abend in Kopenhagen für die Voucher für Abendessen und Hotel anstehen müssen. Allerdings – sie war es, die in der Schlange gestanden hatte, schwitzende Menschen viel zu dicht um sie herum, während Ute sich auf eine Bank gelegt und gesagt hatte: „Mach doch, was du willst. Das ist eh alles Quatsch!“

Ich hasse Ute, dachte Brigitta. Warum Anna bloß so an ihr hängt? Birgitta seufzte. Natürlich war das nicht wahr, das wusste sie sehr wohl. Moralinsauer, überheblich, herrisch, ja, das konnte Ute sein und war es im Moment in Höchstform, dazu die Massen an Selbstmitleid. Und ja, ohne Anna hätte es keinen Platz mehr für Ute in Birgittas Leben gegeben. Sie, Birgitta, war gut darin, Beziehungen und Freundschaften zu beenden. Ein klarer Schnitt und etwas Neues begann.

Ja, aber … Damals war auch Birgitta hingerissen gewesen von der jungen Ute, die dem Leben mit solchem Staunen, solcher Offenheit gegenübertrat. Die überall Hoffnung und Schönheit sah. Die so gar keine Ahnung hatte von Misstrauen und Schmerz. Die so unverletzt war. Utes lautes Lachen, unbefangen, mit ganzem Herzen dabei. Ein Lachen, das Birgitta mitriss, sie mitgezogen hatte. Sie ins Leben gezogen hatte.

Immerhin, nun waren sie in Grönland angekommen. Bei der Landung hatte Birgitta nicht viel sehen können. Plötzlich eine starke Kurve, grauer Stein, Seen, die zwischen Wolkenfetzen auftauchten, erschreckend nah, kurz der graubraune Fjord, und dann schon die Landebahn. Ein Flughafen, ohne Flughafen sozusagen, nur zwei, drei flache Häuser neben der Piste.

In der Ankunftshalle – sie hatten alle drei nur ein kühles Hallo zustande gebracht – musterte Birgitta die dunklen Ringe unter Annas geröteten Augen. Wut durchflutete Birgitta. Ute zu verhätscheln hatte ihr gereicht. Es täte so gut, einfach zuzuschlagen. Sie fuhr einen Inuit an, der sie aus Versehen angerempelt hatte. Kindermädchen für alle würde sie nicht spielen. Sie atmete tief.

„Erfolgreich angekommen! Mit aller Bagage!“, fauchte sie Anna an. Anna schaute zurück und plötzlich lächelte sie. Ein Lächeln, von weit her, dem Gletscher entkommen, dachte Birgitta und dass sie für Anna alles tun würde oder jedenfalls fast alles. Und typisch, grollte sie dennoch, dass Anna Utes Rucksack nahm, als sie das Flughafengebäude verließen.

Rundliche Berge, von den Gletschern zu sanften Formen geschliffen. Der Fluss wirbelte kackbraun. Birgitta hatte Abwechslung gewollt, weil das Leben sie wieder einmal langweilte und unruhig machte.

Es war nicht der Mangel an Komfort, sie war hart, sie konnte das schon, auch wenn es ihr absurd schien, im Lärm der startenden und landenden Maschinen, nein, Maschinchen waren das, direkt neben der Landebahn zu campieren. Die drei Frauen gingen mit den Rucksäcken zum Zelt. Birgitta fand ihren Rucksack auch ohne Verpflegung zu schwer. Sie würde ihren hässlichen Gefährten „Monster“ taufen, beschloss sie. Anna lief schnatternd vorweg, so viel hatte sie Anna noch nie reden hören.

Anna erklärte, dass vormittags Flugbetrieb war, wenn der große Jet aus Kopenhagen kam. Anschließend würden die Menschen mit kleinen Propellermaschinen oder Helikoptern über das Land verteilt, denn in allen anderen Orten gab es nur kurze Landebahnen. Nachmittags würde es still werden. Birgitta wollte das alles gar nicht wissen.

Aber diese Einöde hier.

Annas Vorschlag, nach Grönland zu reisen … Birgitta seufzte. Das war ihr wie eine Rettung erschienen. Nun hatte Birgitta sich so lange bemüht, sich ein ordentliches Leben aufzubauen, und es war immerhin vier Jahre lang gut gegangen. Und jetzt war wieder diese schreckliche Unruhe in ihr. Da war sie wie getrieben. Und es nutzte überhaupt nichts, dass sie das schon kannte. Wie oft schon hatte sie in ihrem Leben alles kurz und klein geschlagen, Arbeit gekündigt, Beziehungen kaputtgemacht. Sie sah es ja, wie Karin, ihre Liebste, dabei kämpfte und litt. Und fassungslos war und sie nicht verstand. Da waren so eine große Zärtlichkeit und Wärme für Karin in ihr. Und gleichzeitig diese wilde Gier nach Affären, danach, sich lebendig zu fühlen. Die Tage waren unerträglich grau und langweilig. Sich wegschaffen, fortschaffen, weit weg, bis ans Ende der Welt, bis nach Grönland, bevor sie noch mehr Schaden anrichtete. Eine richtig gute Idee.

Aber hier war es grau und öde.

Erfüllt von guten Vorsätzen war Birgitta hergeflogen. Nun dachte sie, dass die Monotonie der Landschaft vermutlich bald ihre schlimmsten Seiten wecken würde. Immerhin war es nicht so kalt, wie sie befürchtet hatte. Und immerhin gab es keine Lesben hier, die sie in Versuchung führen würden. Karin hatte gesagt, sie werde keinen einzigen Seitensprung mehr tolerieren.

Birgitta warf einen Blick auf Ute. Die sah regelrecht angewidert aus. Vermutlich war das besser als das leere Gesicht, das dumpfe Vor-sich-Hinstarren, das sie in den letzten Stunden so genervt hatte. Birgitta wollte sich nicht erinnern und kannte das Gefühl selbst doch zu gut, diese Verbissenheit: „Ihr könnt tun, was ihr wollt, niemand wird mich zwingen, weiterzuleben.“

Noch stand der Jumbo auf dem Flugfeld. Vielleicht gab es noch freie Plätze zurück nach Kopenhagen?

Birgitta versuchte sich auf das zu konzentrieren, was Anna erzählte, dass Kangerlussuaq in der Sprache der Inuit „großer Fjord“ bedeutete.

Anna erzählte mit diesen großen, strahlenden blauen Augen, dass Birgitta sich von Wellen der Zärtlichkeit überflutet fühlte. In solchen Momenten empfand sie Anna als kleine Schwester, die sich noch ungeschützter ins Leben stürzte als sie selbst.

Diese Reise konnte nur in einer Katastrophe enden, aber wann tat sie, Birgitta, jemals etwas, was ein gutes Ende nahm?

Es war so kalt. Ute dachte an Martin, dachte, wie sie zusammen auf Teneriffa Urlaub gemacht hatten. Die Palmen im Wind über blauem Wasser. Eis gab es im Eisgeschäft, lauter bunte Sorten, der Duft von frischem Obst. Martin. Hier gab es auch gar kein Eis, nur grauen Sand.

Martin … Bestimmt würde er merken, dass er ohne sie nicht leben konnte, dass er einen Fehler gemacht hatte. Er würde zurückkommen. Es waren die Freundinnen, die nicht verstanden hatten, was Sache war.

Das Eis war kalt. Erfrieren war eine Möglichkeit. Sie würde einfach müde werden und sich hinlegen und schlafen.

Es wäre ein Unfall.

Ute dachte, dass sie in ihrem Leben vielen Menschen geholfen hatte. Sie hatte geglaubt, viele Freunde zu haben, aber nun hatten alle genug von ihr und wollten sie einfach loswerden. Vergiss ihn endlich. Sie hatten sie ans Ende der Welt geschickt. Nun war sie nur noch Annas Problem.

Es ging doch nicht, dass es auf der Wanderung in die Wildnis keine Hotels, kein Telefon gab und Martin sie nicht erreichen konnte. Wenn er doch versuchen würde, sie anzurufen.

Angewidert starrte sie auf die grün-matschigen Krüppel, die Anna ihr mit diesem dummen Grinsen hinhielt. Das sollten wohl Tomaten sein und so etwas sollte sie essen?

Kapitel II

Anfänge, 1968, Deutschland

Niemand hatte sie gewollt, niemand hatte sie gewählt. Es tat weh. Nein, dachte Anna, es war doch egal. Sie zog die Schultern hoch. Das Gelächter der Schulkameraden in den Ohren, krasse Sprüche, obszöne Gesten, aus den Augenwinkeln wahrgenommen, verließ sie mit Birgitta und Ute die Schule. Aufrecht gingen sie über den Schulhof, hatten sich untergehakt.

Anna fand das Gefühl, gemeinsam zu gehen, wunderbar. Dann war sie eben nicht ins Streikkomitee gewählt. Der ganze Spott lief wie Spucke an ihr herunter. Allein hätte sie wahrscheinlich den ganzen Nachmittag geweint. Aber dass gerade Birgitta, die so stark und kaltschnäuzig war, sich jetzt an ihr festhielt. Und auch Ute, so warm, so schön und immer so praktisch. Ute hatte ihren Arm umklammert, dass es ein bisschen wehtat. Anna fühlte sich wie ein Fels in einem Bergbach. Diese beiden Mädchen aus der Parallelklasse, die sie so lange schon bewundert hatte, an ihrer Seite, da konnte sie über die Gemeinheit der anderen lachen.

Ihre Haut war wasser- und spuckedicht. Schließlich war sie schon mit acht Jahren über den Titisee geschwommen. Das machte ihr keiner der Jungen nach. Wie konnte sie nur vor lauter Begeisterung für den Schulstreik so dumm sein zu glauben, sie hätte eine Chance, gewählt zu werden? Aber es brannte in ihr. Ihre Eltern, aber nicht nur die, auch andere Erwachsene, sie alle behaupteten, wir hätten nun eine gute Demokratie und sie wollten nie wieder Krieg. Aber wenn sie getrunken hatten, erzählten sie Judenwitze und sagten, Hitler habe so viel Gutes getan, die ganzen Autobahnen gebaut. Sie wären die tollsten Eltern, behaupteten sie, aber sie schlugen Anna mitten ins Gesicht. Und nun zuckten sie bloß mit den Schultern, Notstandsgesetze seien eben notwendig. Aber sie, Anna, sie und all die anderen Schüler und Studenten, sie würden kämpfen, sie würden wirklich etwas ändern.

Anna seufzte. Sie hätte sich so sehr gewünscht, im Streikkomitee zu kämpfen. Mutig zu sein, selbst, wenn ihr das einen Schulverweis eintrug! Aber seit sie nun auch die Beste in Mathe und Physik war, schikanierten die Jungen sie ohnehin, wo immer sie konnten. Sie hätte das besser wissen müssen, aber zum ersten Mal stand sie nicht alleine im Spuckeregen. Das war schön. Was könnte sie nur tun, damit Ute und Birgitta nicht gleich nach Hause gingen?

Heute früh hatten sie gemeinsam dafür gestimmt, aus Protest gegen die Notstandsgesetze einen Schulstreik zu organisieren. Auch Ute und Birgitta wollten sich beteiligen. Nicht mehr kuschen, sondern gegen die Verlogenheit von Eltern und Lehrern protestieren.

„Ich wollte doch so gerne mitkämpfen!“, schluchzte Ute. Anna würde nicht weinen.

„Ich kenne einen tollen Felsen im Kurpark“, schlug sie vor. „Von oben kann man alles sehen und hat seine Ruhe.“ Birgitta zuckte mit den Achseln. In die Eisdiele, den üblichen Schülertreffpunkt, wollte jetzt sicher keine von ihnen.

Birgitta und Anna halfen Ute auf den Felsen hinauf. Oben saßen sie stumm, warfen sich flüchtige Blicke zu und schauten schnell wieder weg. Sie hatten sich noch nie außerhalb der Schule getroffen. Nicht einmal in den Pausen hatten sie miteinander geredet. Für Anna war es wie ein Wunder. Diese beiden tollen Mädchen waren hier bei ihr in ihrem Versteck.

„Deutsche Markenqualität eben. So wählt das Volk!“, meinte Birgitta spitz. „Ich habe viele Freunde an der Uni. Ich weiß sicher mehr über die Notstandsgesetze als das ganze Streikkomitee zusammen. Aber diese blöde Kuh, Ingrid, mit ihrem ewigen Lächeln und den blonden Haaren bis zum Po, die haben sie gewählt! Die hat doch von nichts eine Ahnung!“

Anna war aufgebracht. „Und dann regen sich die Jungen über die Heuchelei der Erwachsenen auf! Und was machen sie selbst?“ Sie biss sich auf die Lippen, damit sie nicht zitterten. Es hatte sie viel Mut gekostet, sich für das Streikkomitee zu bewerben, aber sie wollte unbedingt für die Freiheit kämpfen. Sie war so begeistert gewesen, endlich leisteten die Schüler gemeinsam Widerstand. Das war toll. Sie hatte dabei sein wollen, trotz aller Angst.

Anna sah zu Birgitta hinüber. Seit sie die Haare kurz geschnitten trug, sah sie noch schmächtiger aus. Sie war so dünn, als würde sie beim nächsten Windhauch zerbrechen. Birgitta war manchmal laut und schrill, aber sie versuchte nie, im Mittelpunkt zu stehen. Auch für sie war es wohl sehr mutig, dass sie sich wählen lassen wollte. Anna wusste, was in der Klasse über Birgittas Familie geredet wurde. Weil sie so stolz auf ihre Unikontakte ist, deshalb! Anna seufzte. Sie fand, Birgitta war das attraktivste Mädchen der ganzen Schule. Ständig liefen ihr Jungen hinterher. Trotzdem hatten die Mitschüler Birgitta nicht gewählt.

„Mein Vater ist Vorsitzender der Bauarbeitergewerkschaft“, unterbrach Ute Annas Grübeln. „Mein Vater hat gesagt, die Gewerkschaft hilft uns. Die druckt uns Flugblätter und die beraten uns.“

Anna wurde still. Unifreunde, Gewerkschaftsboss als Vater, da konnte sie nicht mithalten, da war sie mit ihrer Begeisterung wohl einfach lächerlich.

„Achtung!“, hauchte Ute und die Mädchen legten sich auf den Bauch, so dass sie von unten nicht gesehen werden konnten.

Auf dem Weg, der sich unterhalb des Felsens vorbeischlängelte, kam eine Gruppe Jungen entlang, laut grölend, sich schubsend, aufgedreht.

„Am liebsten würde ich Steine auf sie schmeißen“, zischte Birgitta. Anna ballte die Fäuste und griff nach einem dicken Felsbrocken. Erschrocken zerrte Ute an ihrem Arm. Birgitta und Anna brachen in wildes Kichern aus, die Hände vor den Mund gepresst, dass auch Ute mitlachen musste.

„Krach, da würden die gucken! Nur noch ein Blutfleck und Matsch. Wo ist denn der Jürgen?“

Aber es war nicht zum Lachen. Da unten lief der harte Kern des Streikkomitees.

Sie schwiegen wieder.

„Wir brauchen doch nicht die drei blödesten Mädchen der Schule im Komitee“, hatte Jürgen verkündet.

Anna starrte auf den Weg, auf dem die Jungen verschwunden waren. Ute hatte plötzlich wieder Tränen in den Augen. „Ich habe dem Jürgen bei der Mathearbeit geholfen. Wie kann er dann so gemein zu mir sein? Das ist nicht fair!“

Vorsichtig legte Anna ihr den Arm um die Schultern und streichelte ihr schüchtern über den Kopf. Wie weich sich ihr Haar anfühlte. „Vergiss den Kotzbrocken!“ Sie schüttelte sich. „Die Jungen verraten die gemeinsame Sache!“ Aber sie merkte schon, dass das Ute nicht tröstete.

Birgitta musterte die beiden spöttisch. „Ihr seid eben nicht sexy. Das ist das Problem!“

Empört fuhr Ute auf: „So etwas will ich auch gar nicht sein. Ich will richtige Liebe, nicht so ein Getue. Und ich habe geglaubt, Jürgen ist mein Freund. Er ist oft nachmittags gekommen und ich habe ihm bei den Hausaufgaben geholfen. Gestern hat er …“

Anna unterbrach sie und wandte sich an Birgitta. „Du bist sexy, Birgitta. Und was nützt dir das?“ Überrascht sahen sie, dass Birgitta rot wurde, und starrten sie neugierig an. „In wen bist du verliebt, erzähl mal!“

„Du wirst doch nie rot“, wunderte sich Ute und begann die Jungennamen aufzuzählen, die ihr in den Sinn kamen.

Annas Hände krallten sich in den Felsen, sie merkte, wie sie selbst brennend rot wurde und ihre Stimme schrill. „Es ist ein Mädchen, eine Studentin?“

Birgitta hatte sich wieder unter Kontrolle. „Das tätest du wohl gerne wissen!“

Annas Hände ließen sich immer noch nicht bewegen, sie wagte nicht aufzuschauen. Aber Birgitta hat auch Angst, dachte sie.

In den nächsten Tagen wurden sie in der Schule demonstrativ angeschwiegen. Wie von weit außen, von oben her, von ihrem Felsen, schauten die Mädchen zu, was passierte. Das Streikkomitee diskutierte noch immer über das Flugblatt, das entworfen werden sollte. Einige der Jungen waren inzwischen stiller als sonst. Nur ein paar wenige Lehrer zeigten Sympathie für den Protest der Schüler, aber die meisten versuchten Druck auszuüben. Am deutlichsten war der Mathematiklehrer gewesen. „Ich behalte mir vor, spontan eine Klassenarbeit anzusetzen. Wer unentschuldigt nicht da ist und sie nicht mitschreibt, bekommt eine sechs!“

Die sind doch alle Feiglinge, keiner hat Mut, fanden die drei Mädchen. Freiheit sah anders aus.

„Grönland“, sagte Anna. Sie hatte gerade ein Buch von Fridtjof Nansen gelesen. „Das ist echte Freiheit. Sich in der Wildnis behaupten, in der Natur überleben können, niemanden und nichts brauchen.“

„Du spinnst“, meinte Ute. „Es geht doch um Gerechtigkeit, dass die Gesetze gelten, dass die Polizei nicht einfach Leute durchsuchen und festnehmen darf. Mein Vater sagt“, sie brach ab. Keine wollte wissen, was ihr Vater sagte. Ihr Vater wäre stolz auf sie gewesen, wenn sie am Streikkomitee teilgenommen hätte, aber ihre Mutter hatte gestern schon ängstlich gefragt: „Kind, du machst dir durch den Blödsinn doch nicht die Noten kaputt?“

„Grönland“, Birgitta hatte die Beine lang ausgestreckt, schob die Pulloverärmel hoch, damit die Arme Sonne abbekamen. „Lauter Eisberge, blau, grün, lila, weiß in der Sonne, wir rasen mit dem Motorboot zwischen den Eisbergen durch, dass das Wasser spritzt. Wow! Und Mitternachtssonne!

Ute schaute misstrauisch. Vermutlich dachte Birgitta an Sex auf einem Eisberg, die dachte wohl eh an nichts anderes mehr. „Also, lieber eine tolle Forscherin werden. Und dann bei den Eskimos leben, erforschen, wie die jagen, was sie essen, was sie tun, wenn sie krank sind. Ich glaube, die Eskimos sind lieb zu Kindern.“ Plötzlich redete sie sich in Eifer. „Ich will, dass Kinder auf der ganzen Welt lesen und schreiben lernen und kein Kind mehr geschlagen wird. Das ist doch Freiheit, dass alle Menschen gut leben können!“

„Schamanen“, seufzte Birgitta. „Sie tanzen und tanzen, bis alle gesund sind.“

„Ich will das Inlandeis überqueren wie Nansen“, erzählte Anna aufgeregt.

„Aber …“ Ute wollte nicht schon wieder sagen: Ihr spinnt doch. Es ging schließlich bei dem Schulstreik um Deutschland und darum, dass nie wieder Krieg wird. „Mein Vater … also … ich meine, in Grönland ist es kalt!“

Plötzlich mussten sie lachen wie verrückt. „In Grönland ist es kalt!“ wurde ihr Wahlspruch. Zettelchen unter der Schulbank, mit denen sie sich in schwierigen Situationen trösteten. Sie wussten Bescheid über das Leben und über Grönland. Und sie schworen sich, sie werden anders leben, ohne Feigheit und Heuchelei, frei eben.

Kapitel III

Deutschland 1995 – 1998

Auf dem Stuiben. Mit Blick auf die Zugspitze und die ganze Wettersteinkette. Glitzernd weiß. Die Märzsonne hatte einen grünen Flecken in den Schnee gebrannt. Die drei Frauen – Anna, Birgitta und Ute – saßen auf Annas Biwaksack. Hinter ihnen steckten blau, rot, grün die Schneeschuhe im Schnee. Um sie herum Brot, Käse, Mützen, Obst, Handschuhe, Thermoskannen, Tomaten.

„Das ist so schön wie Grönland, Anna!“, sagte Ute lachend.

Anna sah überrascht auf. „Sag schon ja“, bat Birgitta.

Anna zögerte, schaute in die strahlenden Gesichter der Freundinnen. „Ja!“, sagte sie dann. „Mit euch zusammen ist das hier so schön wie Grönland!“

Birgitta zog ihr T-Shirt aus und ließ sich auf den Rücken fallen. „Sonne! Endlich Sonne auf der Haut!“

Ute schüttelte den Kopf über Birgitta. Sie betrachtete Birgittas mageren Oberkörper; jede Rippe zeichnete sich einzeln ab. Die kleinen spitzen Brüste. Nur Arme und Beine waren kräftiger, muskulös eben. Verächtlich kräuselte Ute die Lippen. Was musste sich eine quälen, auf was musste eine alles verzichten, um so auszusehen? Das war doch krank! Stopp, dachte Ute. Sie kniff sich in die Arme, um die Gedanken zu stoppen. Meine Arme sind nicht fett, die sind auch muskulös. Stopp. Ich will mich doch entspannen, ich muss abschalten. Ich muss, muss, muss abschalten. In letzter Zeit schlief sie so schlecht. Und sie explodierte ständig. Ute war froh, dass sie sich endlich wieder einmal Zeit genommen hatte, einen ganzen Tag Zeit, um die Freundinnen zu treffen. Obwohl sich eine Mitarbeiterin im Mütterprojekt krankgemeldet hatte und ihr Sohn morgen eine Mathematikarbeit schreiben würde. Sie wäre zuhause gebraucht worden – wie immer. Aber so hatte sie ihr Leben gewollt. Trotzdem, dachte sie. Die drei Frauen kannten sich jetzt seit bald dreißig Jahren. Auch das war kostbar. Wir drei, das war doch immer schön, das tut mir auch jetzt gut. Ute band sich den Pferdeschwanz neu. Sich hinlegen und dösen?

Ute merkte, wie schwer es ihr fiel abzuschalten. Ihr Kopf ratterte ihre To-do-Listen herunter. Und was könnte heute alles schiefgehen, wenn sie nicht da war und aufpasste. Nicht nur Martin warf ihr immer wieder vor, wie gereizt sie die letzte Zeit war. Und es stimmte ja. Gestern war sie dreimal explodiert und hatte andere angeschrien: ihren Mann, ihren Sohn und eine Mitarbeiterin. Aber warum konnten die nicht einmal von selbst irgendetwas ordentlich machen? Jetzt hatte sie schon wieder die Zähne aufeinandergebissen. Ute seufzte. Sie wollte, sie musste sich entspannen.

Ute konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal in den Bergen gewesen war. Ihr Garten war ihr Natur genug. Und einmal im Jahr, im Februar, wenn ihr Garten sie noch nicht brauchte, flogen sie für eine Woche nach Teneriffa, nur Martin und sie. Sie vermisste das Reisen gar nicht wirklich, sagte sich Ute. Reisen, das hatte sie als junge Frau getan. Ute streckte sich, massierte sich die Beine. Morgen würde sie Muskelkater haben vom Aufstieg. Ihr Leben mochte anstrengend sein, aber, ja, gerade wenn sie sich anschaute, was aus den Freundinnen geworden war, das waren doch in Wirklichkeit Versagerinnen, dann war sie stolz. Unbändig stolz. Sie hatte einen wunderbaren Mann und einen wunderbaren Sohn, sie hatte mit Martin zusammen einen alten Bauernhof gekauft und renoviert, so dass ihr Kind in der Natur aufwuchs. Ihr Garten wurde von allen bewundert. Und mit dem Mütterprojekt hatte sie etwas Großes geschaffen. Inzwischen gab es viele Nachahmerprojekte in ganz Deutschland. Es war wunderbar zu sehen, wie die jungen Mütter aufblühten, wieder lachen lernten, das Zusammensein mit ihren Kindern genießen lernten. Es war toll. Sie war toll. Aber wenn ihr Kopf mal anhalten könnte und nicht immer die gleichen Gedanken herunterratterte, das wäre schon etwas. Warum konnte sie nicht einfach mal nichts denken und die Sonne genießen? Ärgerlich griff Ute nach der Zeitung, um sich abzulenken.

Während Birgitta schlief und Anna vor sich hinträumte, las Ute einen Zeitungsartikel über die 68-er-Generation. Es war gerade Mode, bald dreißig Jahre 68-er-Bewegung, sich über deren ganze Fehler lustig zu machen, dachte sie. Und das stimmte ja auch alles. Die ganze abstruse Theorielastigkeit der Bewegung einerseits, das Sich-Zerfleischen über die richtige Linie, der Blödsinn in den Kommunen, die Verwechslung von freier Sexualität und Freiheit. Es hatte genug Idioten gegeben. „Aber wir haben die Welt verändert!“ Ute merkte erst, wie laut sie das gesagt hatte, als Birgitta hochschrak. „Was?“

„Ach, der Artikel hier über die 68-er. Wir haben die Welt verändert!“

Annas Augen leuchteten und Birgitta setzte sich auf.

„Ja. Vor allem die Frauenbewegung“, sagte Anna. „Was es jetzt an Wissen und Möglichkeiten gibt, sexuell traumatisierten Mädchen zu helfen!“ Beinahe schüchtern fügte sie hinzu: „Vielleicht bin ich nicht so politisch, wie es sein müsste. Ich hasse es immer noch, auf Demonstrationen zu gehen. Die Menschenmassen. Aber ich liebe meine Arbeit mit den Mädchen.“

„Ja!“, rief Brigitta, „Und all die Freiräume für Lesben! Und die Selbstverteidigung. Wisst ihr, wenn die Frauen so ängstlich zum Kurs kommen und wenn sie dann erst mal ein Brett durchgeschlagen haben und sehen, dass sie das können, wie sie plötzlich ganz anders gehen, ganz anderes sprechen, viel lauter.“ Birgitta sprang auf, boxte in die Luft, ließ sich wieder fallen. „Und vor allem: Mädchen und Frauen kennen ihren Körper. Sie spüren, was Lust ist, können sich und ihren Körper schützen. Nicht alle, aber doch viele. Und alle wissen, dass es Lesben gibt, nicht wie wir mit fünfzehn, die noch geglaubt haben, die einzigen absonderlichen Wesen zu sein!“ Sie lachte und sang: „‚Wir sind die homosexuellen Frauen!‘ Was war das damals für eine tolle, aufregende Zeit!“

Naja, jede sah halt ihr Thema, ihr Anliegen, dachte Ute. Nur, das waren alles Probleme von Minderheiten. Aber wie die Situation junger Mütter sich verändert hatte, das hatte eine ganz andere gesellschaftliche Bedeutung. Sie unterbrach Birgittas Gesang und sagte: „Und Mütter können ihre Babys nach der Geburt bei sich behalten und wissen, dass sie auch Rechte haben. Auch das Recht, für sich selbst zu sorgen!“

Aber sie hatte sich doch vorgenommen, nicht immer so streng zu sein, erinnerte sie sich. Sollten die Freundinnen doch lachen und froh sein. Ute atmete bewusst ganz langsam aus und fügte hinzu: „Und es hat uns glücklich gemacht! Es war wunderbar, mit so viel Hoffnung, Leidenschaft und Energie aufzubrechen. So lebendig zu sein!“

„Das war eine tolle Zeit! Als wir gemeinsam als junge Frauen mit den Motorrädern durch Europa gedüst sind! Das war so cool! Von Frauenprojekt zu Frauenprojekt. Besetzte Häuser, Frauen­discos, Frauencafés, Frauenbuchläden …“, sagte Birgitta. „Ach, die Lesbendisco in Trastevere in Rom! Schade, dass die junge Generation das nicht mehr schätzt!“

Für einen Moment tauchte in Ute das Bild auf: der große Raum, mit den alten Sofas und den bunten Tüchern an den Wänden, in dem von Lesben besetzten alten Justizpalast in Rom. Die Wärme, die Nähe, wie sie ineinander verknäult auf den Sofas lagen. Anna, die mit glänzenden Augen zu der Frau mit dem Lockenkopf hinsah, die herzzerreißend Gianna Nannini sang. Mit einer Stimme, die auch ihr, Ute, im Körper vibrierte. Eine Frau massierte ihr die Füße, eine den Nacken. Dazu eine warme Hand auf dem Bauch.

Blöde Bilder. Was sollte das alte Zeug jetzt? Aber die entscheidenden Veränderungen waren andere, dachte Ute wieder und merkte, wie sie plötzlich schon wieder gereizt war. Ja, konnte schon sein, dass das Motorrad ihr Selbstbewusstsein gegeben hatte, aber Motorradfahren war eine einzige sinnlose, dumme Umweltbelastung.

„Und die Ökobewegung! Was sind wir damals verspottet worden und wie sehr ist ökologische Ernährung inzwischen im allgemeinen Denken angekommen!“ Daran musste sie ihre beiden Freundinnen immer wieder erinnern, dachte Ute. Das vergaßen sie, dabei war die Ökologie das Wichtigste, fand sie. Sie war schließlich auch keine Lesbe, auch wenn sie mal ein paar Affären mit Frauen gehabt hatte.

„Und in Grönland in der Wildnis zu wandern!“, sagte Anna und schaute traumverloren auf den schmelzenden Zugspitzgletscher. Birgitta und Ute grinsten sich an.

–◊–

Das Mobiltelefon klingelte und Anna starrte es an. Sie zögerte abzuheben. Sie hatte gar keine Lust auf Menschen. Die Stille tat gut. Dieser Tag ist einfach wunderbar, dachte sie. Eine freundliche Sonne leuchtete kühl. Sie saß in ihrem VW-Bus, der auf dem Parkplatz am Schwimmbad stand, und trank einen Tee. Die Berge waren frisch mit Schnee überzuckert. Sie wollte nur schnell etwas essen und dann los. War das jemand von der Arbeit? Musste sie wirklich ans Telefon gehen? Den beiden Mädchen, die sie im Moment als Sozialpädagogin betreute, ging es viel besser. Kathrin hatte ihr stolz die Arme gezeigt, mit den fast verheilten Wunden. Seit einer Woche hatte sie sich nicht mehr geschnitten! Vier Wochen Alltag hatte Kathrin geschafft, ohne wieder in der Psychiatrie zu landen. Um das zu feiern, waren sie zusammen Eis essen gegangen. Es war immer wieder auf neue Weise schön zu erleben, wenn eins ihrer Mädchen anfing, Mut zu schöpfen. Ein warmes Gefühl von Erfolg war das. Aber jetzt war die Stille gut und Anna hatte solche Lust auf eine lange Wanderung.

Das Telefon schrillte weiter. Mit einem Seufzer nahm Anna den Anruf an und hob das Handy ans Ohr. Eine Schockwelle von Wut und Verzweiflung knallte ihr entgegen. „Bitte, wer ist da?“ Der Mann schrie.

Anna hielt den Hörer vom Ohr weg. Ein Suizidversuch? Nein! Das konnte nicht wahr sein. Anna wurde nun auch laut. „Jetzt sagen Sie mir erst einmal, wer Sie sind und um wen es geht!“

Ute? Welche Ute? Sie betreute kein Mädchen, das Ute hieß. Dann wurde ihr flau im Magen. „Ute?“ Ihre Freundin Ute? Das konnte nicht sein. „Lebt sie? Wo ist sie?“ Das war offensichtlich Martin, Utes Ex-Mann, am Telefon.

„Ich lasse mich nicht erpressen! Und ich lasse nicht zu, dass sie unserem Sohn das Leben zerstört!“, schrie Martin.

„Kannst du mir bitte sagen, was passiert ist?“

Seinem wirren Geschrei entnahm Anna, dass Ute mit einhundertvierzig Stundenkilometern mit ihrem alten Opel von der Autobahn abgekommen, eine Böschung hinuntergestürzt und gegen einen Baum geknallt war. Andere Fahrzeuge waren nicht beteiligt.

Ute? Das konnte nicht sein. Ute war doch diejenige, die immer die Ruhe und den Überblick behielt, die immer pragmatische Lösungen fand. Und die immer nervte, weil sie alles besser wusste und Anna belehrte.

„Ich lasse mich nicht erpressen!“

„Wo ist sie?“ Anna schrie nun auch. Der Mann war offensichtlich so außer sich, dass er nicht in der Lage war, vernünftig zu reden.

Ute lag schwer verletzt in Murnau, in der Unfallklinik, erfuhr sie. Als Anna versprochen hatte, dort sofort anzurufen, legte der Mann auf. Sprachlos starrte Anna ihr Handy an. Hatte er nun das Problem Ex-Frau Anna in die Schuhe geschoben und war es los? Etwas mehr Information wäre auch gut gewesen.

Anna schaffte es, mit dem diensthabenden Stationsarzt verbunden zu werden, indem sie sich als Utes Schwester ausgab. Es bestehe keine akute Lebensgefahr, aber ihre Schwester sei noch im OP. Heute sei ein Besuch nicht möglich, erfuhr sie. Sie solle sich morgen wieder melden. Anna hinterließ ihre Telefonnummer.

Eine Zeit lang starrte Anna aus dem Fenster, ohne etwas zu sehen, dann rief sie Birgitta an. Plötzlich war ihr kalt. Es war schwer, es auszusprechen. „Ute hatte einen Autounfall. Sie liegt in Murnau in der Unfallklinik.“ Die Worte klebten an der Zunge fest. Anna schien es, als könnte sie durchs Telefon sehen, wie Birgitta steif und starr wurde. Anna hatte Knoten in der Zunge und das Schweigen zog sich hin. „Wo bist du? Soll ich kommen?“, fragte Birgitta schließlich. Wenn Birgitta jetzt käme? Das wäre schön, das wäre unerträglich. Anna wusste nicht, wie es sein würde. Sie fing plötzlich an zu zittern. Hoffentlich merkte Birgitta das nicht. „Nein“, gelang es Anna zu sagen. „Morgen, vierzehn Uhr ist Besuchszeit, ja?“ Das „Okay“ kam zögernd. Aber Anna wusste, auch wenn es Birgitta sehr schwerfiel, ins Krankenhaus zu kommen – sie fürchtete sich in Krankenhäusern –, würde sie kommen wollen. „Bist du sicher, dass du okay bist?“, fragte Birgitta noch einmal. Und Anna sagte entschieden: „Ja!“ Sie schwiegen noch einen Moment. Das war ein gutes gemeinsames Schweigen jetzt, fand Anna. Dann legten sie auf.

Nun wollte Anna nur noch nach draußen. Nur laufen. Es gab auch wirklich nichts mehr, was sie gerade tun konnte. Aber sie würde nicht die geplante Gipfeltour machen, auch nicht draußen übernachten, denn sie wollte abends und über Nacht telefonisch erreichbar sein. Sie entschied sich, die Fahrstraße zur Vereinsalm hochzugehen. Ein einfacher Weg, der ruhig ins Hochtal führte. Jetzt im November würde dort niemand sein.

Das trockene Laub raschelte unter ihren Füßen. Beim Gehen dachte sie, dass sie in Wahrheit doch nicht überrascht war. Ute … Aus dem weichen Mädchen war eine leistungsorientierte, erfolgsverwöhnte Frau geworden. Und ihre kindlich-schamerfüllte, christliche, gottgläubige Moral hatte sich in eine vor Arroganz triefende, saure Bitterkeit verwandelt. Anna erinnerte sich, wie verbissen Ute bei ihrer letzten Begegnung im März gewirkt hatte. Ihre Mitarbeiterinnen hatten es bestimmt nicht leicht mit ihr und ihre Familie schon gar nicht. Ute war hart geworden, vor allem zu sich selbst.

Anna fragte sich, ob sie hätte helfen können, ob sie die Not der Freundin nicht früher hätte spüren müssen. Ihr Kopf sagte nein, ihr Bauch sagte ja. Ute hatte so hart und abgebrüht geklungen, als sie von Martins Entscheidung, sich von ihr zu trennen, erzählt hatte. Sie hatte barsch abgelehnt, als Anna sie besuchen wollte. Wie hätte ich wissen können, wie sehr Ute in Not war? Ärgerlich wischte Anna sich den Schweiß aus der Stirn. Aber, dachte sie, vielleicht wollte ich es nicht wissen. Sich selbst etwas vormachen, das konnte sie eben nicht gut. Anna wusste, dass Ute verbittert war. Diese harte, erfolgreiche Projektmanagerin Ute hatte doch gar nichts mehr mit dem Mädchen zu tun, das Anna einmal so sehr geliebt hatte. Und auch damals war es brutal gewesen, wie Ute die „Affäre“ mit Anna, so nannte sie es, beendete. Und als Anna in Not war, in den Mobbing-Situationen im Frauenteam und in der Wagenburg, da hatte Ute ihr bloß gesagt, sie sei selbst schuld. Anna wusste, dass sie dumm war, dass sie nicht loskam, dass sie viel zu viel dafür tat, die Freundschaft aufrecht zu erhalten. Anna hatte sich seit Langem von Ute abgelehnt und im Stich gelassen gefühlt und in Wahrheit war sie nun diejenige, die Ute im Stich gelassen hatte. Oder doch nicht?

Dort, wo der Wald sich öffnete, der Weg ins Hochtal führte, dort, wo ein Bach den Weg kreuzte, setzte sie sich auf einen Stein. Der Bach führte nur wenig Wasser, das mehr plätscherte als rauschte. Im Winter schoben sich hier oft Ausläufer von Schneelawinen über den Weg und versperrten ihn. Bei Schneeschmelze toste der Bach.

Mal stark, mal schwach. Das kalte Wasser riss allen Schmerz weg. Sie konnte sich verletzen, ja, das schon, sie konnte stürzen. Natürlich, aber die Natur würde ihr nie absichtlich Böses tun.

Als Kind hatte Anna sich oft in den Wald geflüchtet, wenn sie die Kälte und Ablehnung ihrer Mutter nicht mehr ertrug. Sie hatte sich ins Moos gelegt; vor allem Sternenmoos liebte sie. So klein, so zart und doch so schön. Die zierlichen grünen Sterne streichelten sie, der Waldboden war warm. Dann hatte sie sich geborgen gefühlt. Als Jugendliche hatte sie begonnen, nachts wegzulaufen und im Freien zu schlafen. „Hier gehöre ich hin“, hatte sie gedacht, „ich gehöre nicht zu den Menschen.“ In der Natur schlief sie immer gut.

Kein Glockengebimmel mehr, nur der Bach mit seinem feinen Rauschen. Die Alm war geschlossen, die Kühe waren längst im Tal. Anna fühlte sich wie eine dumme Gefangene, die Stricke waren längst zerschnitten und die Käfigtür stand weit offen. Trotzdem. Sie würde Ute immer lieben und der Gedanke, sie könnte sterben, war unerträglich. Vielleicht war es ja doch bloß ein Autounfall und der Ex-Mann war hysterisch.

Es würde schwierig werden, dachte Anna, wenn Ute sich wirklich hatte umbringen wollen. Woher würde Ute den Mut für einen Neuanfang nehmen? Wie konnte Anna helfen?

Da taumelte doch tatsächlich noch ein Schmetterling durch die warme Nachmittagssonne. Das trockene Gras schimmerte golden. Anna fühlte sich getröstet.

–◊–

Birgitta hasste Krankenhäuser. Vermutlich war es ihr Gefühl, dass sie selbst eines Tages wirklich verrückt und auf Dauer in einer Klinik eingesperrt werden würde. Aber sie würde kommen. Sie musste kommen. Sie wollte eine gute Freundin sein.

Diese Freundschaft mit Ute und Anna war das einzig Dauerhafte in ihrem Leben. Es war die einzige Beziehung, die sie ertragen hatte, die sie nicht kaputtgemacht hatte.

Langsam, mit ganz kleinen Schritten, ging Birgitta über den Parkplatz zum Krankenhaus. Was wollte Ute? Es konnte nicht wirklich Ute sein, die da im Krankenhaus lag. Ute hatte immer alles im Griff, plante alles. Bestimmt gab es eine Cafeteria, wo sie sich vorher mit einem Kaffee stärken könnte, überlegte Birgitta und blieb stehen.

Ute kannte das alles nicht: den wilden Schmerz, die genauso wilde Freude, die schwarz-roten Wirbel von Gefühlen, die machten, dass Birgitta durch ihr Leben taumelte und immer wieder Dinge tat, die sie nicht wollte. Sie seufzte. Sie brauchte unbedingt einen Kaffee. War sie herzlos, dass sie so überzeugt war, Ute hätte eine große Show inszeniert, um irgendwen zu erpressen? Im Zweifelsfall ihren Mann?

Wenn sie ins Auto stiege und ganz schnell wieder wegführe? Birgitta ging zwei Schritte zurück und blieb wieder stehen.

Da stand Anna vor ihr. Anna mit ihren ernsthaften, großen, blauen Augen. „Das kann doch nicht sein!“, sagte Birgitta.

„Ja, ich meine, nein.“ Anna seufzte. Dann lächelte sie dieses Anna-Lächeln, das von weit hinter ihren Augen aufzutauchen schien. „Komm! Hinterher gehen wir in Murnau Zwetschgendatschi essen.“

Anna hatte „hinterher“ gesagt. Es gäbe vermutlich keine Zwetschgendatschi im November, aber es gäbe ein hinterher, wenn sie aus dem Krankenhaus wieder draußen wären. Birgittas Füße ließen sich auf einmal bewegen.

–◊–

Ein blasses, halb unter Verbänden verstecktes Gesicht, das linke Bein in Gips, eine Infusion an einem hohen Gestell, ein Urinbeutel am Bett, Maschinen tickten. „Wo ist Martin?“

Anna überlegte noch, was sie sagen sollte, da hatte Ute schon die Augen geschlossen und den Kopf weggedreht.

Anna zog sich einen Stuhl ans Bett und setzte sich hin. Sie nahm Birgittas Unruhe wahr, aber sie konnte nicht spüren, wie es Ute ging. Das Schweigen war schwer. Wenigstens hatte die Stationsärztin gesagt, dass die Operation gut verlaufen war. Die Milz war gerissen und hatte entfernt werden müssen. Es bestünde keine akute Lebensgefahr. Anna meinte dennoch, Zweifel in der Stimme der Ärztin zu hören. Also eher chronische Lebensgefahr? Auch Ärger über eine undankbare Patientin, die nicht gerettet werden wollte? Sie musterte ihre Freundin und dachte, wie fremd Ute ihr geworden war.

„Ich glaube, es stört sie nur, dass wir hier sind, es ist nicht gut“, flüsterte Birgitta, aber Anna schüttelte den Kopf. „Nach einem Selbstmordversuch ist es wichtig, da zu sein!“

Ute öffnete die Augen und fauchte sie an. „Du Lügnerin! Das war kein Selbstmordversuch!“ Überrascht schauten Birgitta und Anna sich an. „Was ist denn dann passiert?“, fragte Anna.

„Die Ärzte sagen, es war vermutlich ein kleiner Schlaganfall, weil ich ja nicht gebremst habe.“

„Okay? Hast du noch körperliche Folgen vom Schlaganfall?“ Immerhin redete Ute jetzt.

„Geht bloß weg! Lasst mich doch in Ruhe! Ich tue so etwas nicht, ich bin keine Selbstmörderin, nicht wie du!“, fauchte Ute Birgitta an. Anna sah, wie Birgitta die Zähne aufeinanderbiss und ganz langsam atmete. Sie legte ihr die Hand auf den Arm.

Plötzlich weinte Ute. „Aber ich hätte doch jetzt einfach tot sein können. Dann wäre alles gut gewesen!“

Und im nächsten Moment wieder aggressiv: „Haut bloß ab! Geht doch zur Hölle!“

Eine Krankenschwester war ins Zimmer gekommen und machte Anna und Birgitta Zeichen, dass sie gehen sollten. „Bis morgen, Ute!“, sagte Anna und zog Birgitta mit sich.

–◊–

Später saß sie mit Anna im Café. Birgitta sah Annas fragenden Blick und sie merkte, dass ihr Kopf leer war und sie ihren Körper nicht mehr spürte. Birgitta presste die Hände unter der Tischplatte zusammen. Ein Blick auf die Wanduhr verriet ihr, dass es schon sechzehn Uhr war. An die letzten zwei Stunden hatte sie keine Erinnerung.

Birgitta begann die Füße zu kreisen und die Hände zu bewegen, um wieder Gefühl in ihren Körper zu bekommen. Warum das jetzt? Ein solcher Blackout war ihr lange nicht mehr passiert. Aber offensichtlich hatte sie wohl geschafft, das Krankenhaus zu betreten und Ute zu besuchen.

„Ute hat unglaubliches Glück gehabt“, sagte Anna und rührte in ihrem Kaffee. „Es ist ein Wunder, dass sie noch lebt.“

Birgitta hatte das Gefühl, an ihrem Gehirn herumzuzerren, aber sie schaffte es nicht. Kein Bild tauchte auf. Scheiße war das.

„Wenigstens ist sie nicht mehr in Lebensgefahr.“

Dankbar schluckte Birgitta auch dieses Häppchen Wissen.

„Zeitloch. Blackout!“, sagte sie und war froh, als Anna ihr kurz und sachlich berichtete, wie es im Krankenhaus gewesen war. Gut, dass sie Anna solche Dinge nicht erklären musste.

Während sie den Kuchen aßen, trugen sie Bruchstücke an Informationen und Erinnerungen zusammen. Am Anfang, in den 70er Jahren, war ihre Freundschaft innig und intensiv gewesen. Aber in den letzten Jahren hatten sie sich nur selten getroffen. Birgitta war lange in Südfrankreich gewesen und Anna oft in Grönland. Und Ute hatte zielstrebig Schritt für Schritt ihre Träume verwirklicht, den eigenen Ökohof und das Mütterprojekt.

Birgitta dachte, wie stolz Ute darauf gewesen war. Überheblich wie immer, nur ihre Vorstellung von Freiheit war richtig, nur ihr Weg, ein gutes Leben zu führen, war wertvoll.

Birgitta seufzte und massierte sich das Gesicht. Nein, sie war hier nicht nur Anna zuliebe. Sie dachte, dass sie Ute gleichzeitig liebte und hasste, wie sonst keinen Menschen. Und das nicht nur, weil die in den letzten Jahren so verbiestert geworden war, sondern immer schon.

Nachdem sie Anna das Herz gebrochen hatte, hatte Ute sich einen moralisch einwandfreien, zuverlässigen, bei Greenpeace engagierten Ehemann gesucht. Damit ihr Vater stolz auf sie war, dachte Birgitta zornig. Und dazu hatte sie einen Sohn produziert, so dass auch ihre Mutter zufrieden war. Mit Martin hatte sie einen alten Bauernhof gekauft, ein kleines, feines Häuschen für die Sicherheit, in dem sie nun ökologisch lebten. Birgitta würde nie Utes Blick vergessen, als sie sich zufällig begegnet waren, als Birgitta ihre Einkäufe von Tengelmann in einer Plastiktüte nach Hause trug. „Ich hole mein Gemüse in einem Korb aus dem Garten!“, hatte Ute gesagt. Sie hatte es geschafft, dass Birgitta sich einen kleinen Moment richtig gefürchtet hatte. Natürlich hätte sie den Inhalt ihrer Plastiktüte nicht vorgezeigt, das dann doch nicht. Aber Birgitta hatte sich geschämt. Denn natürlich war in ihrer Plastiktüte kein Gemüse, sondern Nutella, Salami und Toastbrot.

Was für eine Energie diese Frau hatte! Neben Familie und Hof hatte sie noch eine Mütterberatungsstelle aufgebaut. Junge Frauen sollten lernen, gute Beziehungen zu ihren Kindern herzustellen und auch die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, sich nicht mehr für Mann und Kind aufzuopfern. Die Beratungsstelle wuchs und wuchs, bekam Zweigstellen. Die Zeit für Basisdemokratie im Team war vorbei, Ute wurde die Leiterin. Unglaublich, was Ute alles geschafft hatte.

Fassungslos hörte Birgitta, was Anna erzählte. Der Mann hatte Ute verlassen und den pubertierenden Sohn mitgenommen. Wegen der Trennung musste der Bauernhof verkauft werden. Und die Stadt hatte dem Mütterprojekt die Zuschüsse gestrichen und Ute war von der Geschäftsführung, die es inzwischen gab, entlassen worden.

Krass! Aber das konnte doch nicht alles gleichzeitig aus heiterem Himmel geschehen? Oder?

Das ganze, in zwanzig Jahren mühsam aufgebaute Leben zusammengestürzt in so kurzer Zeit? Ute, die Stetige, die Zielorientierte, die Erfolgreiche. Und jetzt das? Das war ungeheuer. Birgitta fühlte sich in ein schwarzes Loch sinken, in ein Meer aus Hilflosigkeit. Als ob die Wellen über ihr selbst zusammenschwappten. Was konnte eine dazu noch sagen? Wie konnte sie Ute helfen? Plötzlich hatte Birgitta Tränen in den Augen.

Anna, ihre kluge Anna, sagte: „Ute hat überhaupt keine Erfahrung mit Misserfolg.“

Birgitta schaute sie groß an und dachte plötzlich, wie oft sie selbst in ihrem Leben verlassen worden war, wie oft ihr gekündigt worden war. Sie musste lachen. Sie lachten beide so, dass die anderen Leute im Café herschauten. Aber es tat gut.

–◊–

Jedes Mal war es wieder schwer, ins Krankenhaus zu gehen. Warum tue ich mir das an?, fragte sich Birgitta. Tue ich es nur Anna zuliebe? Sie bereitete sich sorgfältig vor, hatte Fläschchen mit ätherischen Ölen dabei und Gummibänder zum Schnipsen am Arm. Mit den intensiven Reizen wollte sie verhindern, dass ihr angsterfülltes Gehirn wieder im Nirwana verschwand.

Birgitta konnte sehen, dass Ute schwere Verletzungen hatte. Und doch sah sie nur eine Spinne, die in ihrem Netz hing und Fäden spann. Als sie am dritten Tag kam und wahrnahm, wie Ute flüchtig hinschaute und dann wieder so tat, als schliefe sie, sagte sie laut: „Ich bin nicht Martin. Ich bin die chronische Selbstmörderin!“ Das „nur“ verkniff sie sich.

Dann saß sie am Bett, sehr brav, wie sie zornig dachte, und wartete auf Anna. Was konnte frau denn sagen? Das Leben war im Arsch, alles kaputt, na, gut, dann hieß es, aufstehen und wieder neu anfangen. Ganz einfach. Es tat weh, wenn Dinge kaputtgingen. So war das. Ganz einfach.

Das Schlimme war, die ganzen Erinnerungen an ihren eigenen Suizidversuch kamen hoch. Damals, als Tanja sie verlassen hatte, hatte sie nur noch sterben wollen. Letzte Nacht hatte sie zum ersten Mal seit Jahren wieder einen Albtraum gehabt. Ihre Ex-Liebste Tanja, die lachend mit ihrem, Birgittas, Vater, in dessen rotem Porsche wegfuhr. Diesem Dreckschwein, diesem Vergewaltiger. Konnte ihr Gehirn keinen anderen Scheiß produzieren? Und musste dieses verdammte Krankenhaus einen Chefarzt haben, der einen roten Porsche fuhr, einen Oldie, das Modell, das auch ihr verdammter Erzeuger besessen hatte? In dem er sich erfolgreich totgefahren hatte? Das war doch alles so lange her!

Sie hätte Ute gerne all das an den Kopf geschmissen, was die ihr damals gesagt hatte: „Du bist selbst schuld. Wenn du einfach die Augen aufgemacht hättest, hättest du gesehen, dass Tanja nichts taugt. Wer sich selbst belügt … Sei nicht so hysterisch, mach kein solches Theater, mach einfach eine Ausbildung.“ Erstaunlich, wie viele solche Scheißsätze ihr einfielen, die ihr Ute um die Ohren gehauen hatte. „Du erntest doch bloß, was du gesät hast!“

Und doch, wenn sie so still Stunde um Stunde am Krankenbett saß und hoffte, dass Anna endlich von der Arbeit käme … Und wenn, wie sie glaubte, Ute vergessen hatte, dass sie dasaß, dann war es wie feuchter Nebel auf stiller See, wenn man gar nichts sehen konnte, dann sickerten Schmerz und Leere aus Ute heraus und füllten Birgittas ganzen Körper. Dann konnte Birgitta wieder das dicke, kleine Mädchen sehen, das es allen recht machen wollte, der Mama, dem Papa, den Lehrern, den Mitschülern, und das vor allem Angst hatte. Dieses Mädchen, das erstarrte, wenn Birgitta Wörter wie „Sex“ und „Lesbe“ sagte, das gut behütet in einer vollkommen sicheren Welt lebte und doch viel mehr Angst hatte, als sie, Birgitta, je haben würde. Sie hatte dieses Mädchen beschützen wollen. Und etwas in ihr hatte angefangen zu lächeln, wenn sie sah, wie Ute sich anstrengte, ja alles richtig zu machen. Etwas in ihr hatte Ute angelächelt.

Birgitta wollte nicht, dass Ute so am Boden lag. Vor einem halben Jahr, im März, hatten sie sich zum letzten Mal gesehen. Anna und Birgitta hatten Ute auf ihrem Hof besucht. Und Ute hatte sie schon nach einer Stunde wieder weggeschickt, sie müsse noch einen Antrag fürs Frauenprojekt schreiben. Anna hatte protestiert. „Du kannst doch nicht nur arbeiten. Freundschaft ist auch wichtig!“ Ute hatte ihre Haare fest im Nacken zusammengeknotet, so fest, das musste doch wehtun, und hochgesteckt und von der dritten Treppenstufe auf sie heruntergelächelt. „Ich habe eben keine Zeit für Loser.“

Anna und sie hatten sich angeschaut. Birgitta war überrascht. Sie waren beide nicht gekränkt. „Ein Kind, das im dunklen Keller laut singt“, sagte sie. Nur mit Anna konnte sie so lachen.