Bis du mich findest - Minnie Darke - E-Book

Bis du mich findest E-Book

Minnie Darke

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Beschreibung

Er glaubt sie für immer verloren zu haben. Doch sie wird ihn wiederfinden.

Es ist Liebe auf den ersten Blick, als Diana, Klavierwunderkind und Starpianistin, in Jeanslatzhose und Chucks in Aries Büro im Musikkonservatorium stolpert. Sieben gemeinsame Jahre später weiß Diana, dass sie auch den Rest ihres Lebens mit Arie verbringen will. Da Diana noch nie besonders gut mit Worten war, schreibt sie ein Lied, das Arie ihre Liebe zeigen soll. Doch sie wird es ihm nie vorspielen können. Eines Abends hört ein Mann in einer Hotellobby eine junge Frau Klavier spielen, und die Melodie berührt ihn zutiefst. Noch hat er keine Ahnung, dass dieses Lied sein Leben für immer verändern wird. Und nicht nur seines ...

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Seitenzahl: 423

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Buch

Es ist Liebe auf den ersten Blick, als Diana, Klavierwunderkind und Starpianistin, in Jeanslatzhose und Chucks in Aries Büro im Musikkonservatorium stolpert. Sieben gemeinsame Jahre später weiß Diana, dass sie auch den Rest ihres Lebens mit Arie verbringen will. Da Diana noch nie besonders gut mit Worten war, schreibt sie ein Lied, das Arie ihre Liebe zeigen soll. Doch sie wird es ihm nie vorspielen können. Eines Abends hört ein Mann in einer Hotellobby eine junge Frau Klavier spielen, und die Melodie berührt ihn zutiefst. Noch hat er keine Ahnung, dass dieses Lied sein Leben für immer verändern wird. Und nicht nur seines …

Mehr Informationen zu Minnie Darke und lieferbaren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.

MINNIEDARKE

Bis du mich findest

ROMAN

Übersetzt von Stefanie Retterbush

Die australische Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »The Lost Love Song« bei Penguin Random House Australia.

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Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Die Gedichte auf Seite 93, 359 und 358 stammen von Young Dawkins.

Copyright © der Originalausgabe 2020 by Minnie Darke, Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2022 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur GmbH

Umschlagmotiv: FinePic c/o Zero Werbeagentur GmbH (441994)

Redaktion: Ann-Catherine Geuder

LK · Herstellung: ik

Satz: Mediengestaltung Vornehm GmbH, München

ISBN: 978-3-641-24052-3V003

www.goldmann-verlag.de

Man kann den Sänger einsperren, aber nicht das Lied.

Harry Belafonte

AUFTAKT

Das Liebeslied begann nicht etwa mit einem Fanfarenstoß oder dramatisch scheppernden Becken, sondern mit einem sachten Klopfen an der Tür.

Die Tür befand sich im Untergeschoss des Konservatoriums für Musik, wo – wegen Januarferien und Hitze – auf Gängen und in Treppenhäusern eine seltsam gespenstische Atmosphäre herrschte. Doch selbst an einem geschäftigen Tag mitten im Semester wäre das Schild an der Tür irreführend gewesen. ABTEILUNGFÜRINFORMATIONSTECHNOLOGIE stand da, obwohl drinnen nur ein einziger Mitarbeiter saß. Arie Johnson war sechsundzwanzig Jahre alt und saß gerade, kurz vor Mittag, an seinem Schreibtisch. Noch ahnte er nicht, dass er das leicht zerdrückte Schinken-Käse-Sandwich, das er sich morgens gemacht hatte, nie essen würde. Oder dass sein Leben sich bald dramatisch verändern sollte.

Arie hörte es klopfen und schaute auf. Im Türrahmen stand Diana Clare, doch das allein reichte noch nicht, um ihm das schiere Ausmaß dessen, was hier gleich geschehen sollte, begreiflich zu machen. Die langen Haare hatte sie, wie er bemerkte, oben auf dem Kopf zu einem Zuckerwattebausch zusammengebunden, und ihre Wangen waren hochrot. Nicht weiter verwunderlich, schließlich waren laut Wetterbericht für heute 34 °C und mehr vorausgesagt.

Bis gestern hatte Arie Diana nur aus der Ferne gekannt, von Plakaten her und aus dem Feuilleton. Abgesehen von ein, zwei beinahe schon sagenhaften Gestalten, nach denen andernorts Konzertsäle benannt waren und deren Bronzestatuen in dramatischer Pose auf dem Campus des Konservatoriums standen, war Diana Clare, Klavierwunderkind, ganz sicher die bekannteste Absolventin. Ihr Markenzeichen waren die Auftritte in schulterfreien roten Abendkleidern, zu denen sie als Stilbruch knöchelhohe Converse trug, und die im selben knalligen Farbton wie ihre Kleider geschminkten Lippen. Im Hauptfoyer des Konservatoriums hing eine Fotografie von ihr beim Klavierspielen – bloße Schultern, die Arme ausdrucksstark nach den Tasten ausgestreckt, den Kopf in den Nacken gelegt, dass die langen, hellen, rotblonden Haare sich bis fast auf den Boden ergossen.

Mit gerade einmal fünfundzwanzig war Diana schon in den bedeutendsten Konzertsälen der Welt aufgetreten, aber jetzt war sie für den Sommer ans Konservatorium zurückgekehrt, um Meisterklassen zu unterrichten. Ihr einen Rechner einzurichten fiel in Aries Aufgabenbereich, weshalb er gestern die Treppe zu dem ihr zugewiesenen Büro hinaufgejoggt war, und zwar mit einem derart klaren Bild von ihr vor Augen, dass er kurz gestutzt hatte, sie ohne rotes Kleid zu sehen. Stattdessen hatte sie ein lässiges Jeans-Latzkleid mit Trägern angehabt und darunter ein über und über mit winzig kleinen Kleeblättern bedrucktes T-Shirt, und die Haare hatte sie zu straffen Zöpfen geflochten.

Auf Fotos wirkte Diana Clare immer wie ein Weltstar, mondän und glamourös. Atemberaubend. Aber in echt gefiel sie Arie noch viel besser – Sommersprossen im Gesicht, erstaunlich zierliche Hände, kurz geschnittene Fingernägel, Wimpern, so blass, dass man sie kaum sah.

Doch wenn Arie eins war, dann Realist. In der Schule und auf der Uni hatten die Mädchen ihn immer »super süß« gefunden, was allerdings nichts anderes hieß, als dass er für sie der Kumpel zum Pferdestehlen war, die Schulter zum Ausweinen und ein praktisches Versuchsobjekt für Flirtübungen.

Während er ewig an dem launischen alten iMac in Diana Clares Büro herumgebastelt hatte, war sie die ganze Zeit ausnehmend nett und freundlich zu ihm gewesen, aber Arie kannte diese Masche nur zu gut. Seiner Erfahrung nach flirteten Frauen mit ihm, solange er sich um ihre technischen Probleme kümmerte. Eine harmlose Dankbarkeitsbezeugung, die rein gar nichts zu bedeuten hatte.

Dass Diana Clare, nur einen Tag nachdem er ihre Problemchen mit Passwörtern, Netzwerkzugang und Druckerverbindung gelöst hatte, bei ihm vor der Tür stand, konnte also nur computerbezogene Gründe haben. Entschuldigend lächelte er sie an.

»Sag nichts. Irgendwas funktioniert nicht«, sagte er.

»Oh, nein«, versicherte sie rasch. »Alles bestens.«

Arie blinzelte. »Okay, aber …?«

»Ich bin, ich wollte nur …«, setzte sie an und unterbrach sich dann. Sie holte tief Luft und versuchte es noch einmal, wobei sie sich fast verhaspelte. »Ich wollte dich fragen, ob du vielleicht Lust hast, mit mir mittagessen zu gehen.«

Arie starrte sie an.

Das war Diana Clare. Die Diana Clare. Das war die Frau, die mit ihrem ganzen Körper Klavier spielte. So, als schaute ihr niemand dabei zu. So, als schüttete ihr jemand die Musik oben in den Kopf, von wo sie dann ihren ganzen Körper flutete, Schultern und Torso durchstrudelte und sich schließlich durch die Finger in die Tasten ergoss. Und sie hatte ihn gerade gefragt, ob er mit ihr essen gehen wollte?

Sollte das etwa ein Date sein? Hatte er das richtig verstanden? Am liebsten hätte er es zur Sicherheit schnell gegoogelt, aber sie stand da und wartete auf eine Antwort, also musste er dringend eine funktionierende Verbindung zwischen Hirn und Mund herstellen.

»Natürlich nur, wenn du gerade nicht zu viel zu tun hast«, fügte sie hinzu, aber Aries Zunge schien die Fähigkeit zur Artikulation gänzlich verloren zu haben.

Hätte Diana dabei nicht so hibbelig und nervös gewirkt, hätte Arie das Ganze als einen schlechten Scherz eingestuft, als einen kleinen, gemeinen Streich. Doch wenn das kein Streich war, dann gab es nur eine einzige andere plausible Erklärung: Er wurde gerade Zeuge eines echten, wahrhaftigen Wunders. Aber sollte dann nicht ein goldener Lichtstrahl vom Himmel fallen, durch die Wolken brechen und zum Fenster hereinscheinen? Wobei das, dachte Arie, in einem Kellerbüro doch eher unwahrscheinlich wäre.

»Entschuldige«, murmelte Diana verlegen und trat einen kleinen Schritt zurück, »wenn mein Vorschlag irgendwie unangebracht oder unerwünscht ist oder …«

Arie befahl seiner Zunge, sich endlich zusammenzureißen.

»Pressen wäre Lasse«, quiekte er.

Amüsiert verzog sie das Gesicht. »Hast du gerade was von Pressen gesagt?«

»Essen«, stellte Arie richtig. »Essen wäre klasse.«

Von da an ging alles ganz schnell – allegro, mindestens, wenn nicht sogar presto. Dem Mittagessen am Dienstag in einem Café unweit des Konservatoriums folgte eine Verabredung zum Pizza-Essen am Mittwochabend, die recht harmlos endete (mit einem Kuss auf dem Rücksitz eines Taxis) und ihrerseits wiederum zu einem Date am Freitagabend beim Inder führte, welches nicht ganz so unschuldig ausging.

Diana wohnte in einem Apartment im Erdgeschoss eines einst herrschaftlichen Gebäudes, das krude in sechs einzelne Wohnungen aufgeteilt worden war. Die winzige Küche war mehr ein potenzieller Brandherd und das noch winzigere Bad ein akutes Gesundheitsrisiko, aber Diana war, wie sie Arie erklärte, als sie ihn herumführte, so oft unterwegs, dass es sich für sie kaum lohnte, sich nach etwas Besserem umzusehen. Und außerdem hatte das dritte Zimmer – Schlaf-, Ess- und Wohnzimmer in einem – ein Erkerfenster.

»Das solltest du vielleicht wissen«, meinte Diana.

Zu Aries Erstaunen musste er feststellen, dass sie mit ihm über die Zukunft redete, und zwar so, als spielte er darin eine Rolle.

»Was denn?«, fragte er.

»Ich brauche unbedingt ein Erkerfenster. Immer.«

»Und warum?«

»Das hat der Steinway nicht anders verdient«, erklärte sie und wies auf ihren Stutzflügel, der sehr schön anzusehen war, wie er so dastand, gerahmt von den schrägen Fenstern, auch wenn die mit fadenscheinigen Gardinen verhangen waren und sich auf der breiten Fensterbank darunter die getragene Wäsche einer ganzen Woche neben schmutzigem Frühstücksgeschirr und gebrauchten Kaffeetassen türmte.

Der Steinway schien, wie Arie bemerkte, größer als Dianas schmales Bett, das gegen die Wand geschoben und mit bunt zusammengewürfelter Bettwäsche bezogen und mit einer Melange an Kleidern garniert war. Das Bett war zwar klein, aber das störte Arie nicht, denn dort lernte er, dass Diana genauso leidenschaftlich liebte, wie sie Klavier spielte.

In den ersten Monaten ihrer Beziehung war Arie nicht der Einzige, der sein unverschämtes Glück kaum fassen konnte. Eines Freitagabends nach der Arbeit wurde er im Pub von einem bereits zum dritten Mal verheirateten Dozenten für Musiktheorie gestellt, der anzüglich eine Augenbraue hochzog und ihm verschwörerisch zuraunte: »Hast wohl besondere innere Werte, was?« Und selbst Aries bester Freund und Mitbewohner Richard stichelte ständig.

Die neidischen Kommentare von Kollegen und Freunden vermochte Arie noch an sich abperlen zu lassen, die Reaktion von Dianas Mutter war jedoch nicht ganz so leicht abzutun. Bei seiner ersten Begegnung mit Belinda Clare kam er sich vor, als wäre er bei der Musterung und ein Paradeoffizier a. D. würde ihn gleich im Befehlston anherrschen, gefälligst strammzustehen und die Brust rauszustrecken. Oder zum Friseur zu gehen. Wohl weil es keinen Vater gab, glaubte Dianas Mutter, besonders streng und herrisch auftreten zu müssen.

»Was ist eigentlich mit deinem Vater?«, fragte Arie Diana in jenen ersten Tagen, als sie einander beinahe ihr ganzes Leben erzählten.

»Der ist abwesend«, entgegnete Diana einsilbig.

Belinda, Mitte vierzig, hatte kurze hellblonde Haare, die an den Schläfen gerade silbern zu ergrauen begannen, und die erschöpfte Aura einer Frau, die sich nie den Luxus der Nachlässigkeit hatte leisten können. Sie wohnte anderthalb Stunden außerhalb der Stadt in einem schindelverkleideten Farmhaus mit weitläufigem Garten hinterm Haus, mit ungemähtem Rasen, wild wuchernden Aprikosenbäumen und Ausblick auf die dicht bewaldeten Hügel ringsum.

Nach einem leicht angespannten nachmittäglichen Teestündchen im Wohnzimmer, wo die Wände über und über mit Porträts von Diana tapeziert und die Vitrinen von einer veritablen Armee an Pokalen bevölkert waren, die Diana irgendwann einmal gewonnen hatte, führte Belinda Arie zum Schuppen ganz hinten im Garten, damit er ihr einen Karton mit leeren Marmeladengläsern von einem hohen Regalbrett holte. Die Aprikosen, sagte sie, seien reif und müssten geerntet und eingekocht werden.

Belinda beobachtete ihn mit durchdringendem, kritischem Blick, während er die Leiter aufklappte und den Pappkarton, auf den sie zeigte, vorsichtig herauszog.

»Also, was hast ausgerechnet du, das sie so glücklich macht?«

Arie, der gerade mit dem Karton im Arm die Leiter hinunterstieg, hatte nicht den leisesten Schimmer, was er auf diese Frage erwidern sollte, aber zum Glück schien Belinda gar keine Antwort zu erwarten.

»Du vergötterst sie?«, fragte sie.

»Natürlich«, antwortete er.

»Ich habe sie dazu erzogen, vergöttert zu werden«, sagte sie.

»Tja, das dachte ich mir fast«, meinte Arie, und Belinda nahm ihm den Karton mit den Marmeladengläsern aus der Hand, als könne man ihm nicht trauen, ihn weiter unbeschadet festzuhalten.

»Dann wird es wohl gehen«, meinte sie. »Fürs Erste.«

Vier Wochen später zog Arie zu Diana, im Gepäck sein großes Doppelbett. Den ersten Abend in ihrer nun gemeinsamen Wohnung feierten sie mit Himbeer-Gin und gingen so früh ins Bett, dass sie vor Mitternacht wieder wach waren und nackt am Klavier saßen, Diana zwischen Aries Beinen, den Rücken gegen seine Brust gelehnt, seine Arme um ihren sich wiegenden Körper geschlungen, während sie spielte.

Er wusste nicht, ob sie Mozart spielte oder Mendelssohn. Er wusste nur, dass er vollkommen vernarrt war in diese Frau, die Pizza über alles liebte und Currys, noch schärfer, als er selbst sie mochte, die sich bei gruseligen Filmen an seine Hand klammerte und für die es anstrengender war, auf einer Cocktailparty eine Stunde Smalltalk zu halten, als ein Rachmaninow-Konzert zu spielen. Mindestens fünf Stunden am Tag spielte sie Klavier, und obwohl sie danach meistens lustlos und gereizt war, waren ihre Launen doch wie ein Regenschauer im Sommer – rasch vorbei und schnell vergessen.

Ganz gleich, wie oft Arie sich auch den Kopf über diese Frage zerbrach, er hatte noch immer nicht den leisesten Schimmer, wie es sein konnte, dass Diana genauso verliebt in ihn zu sein schien wie er in sie. Und auch wenn er gerne behauptet hätte, diese Frage dürfe, wenn es nach ihm ginge, auf ewig eins der ungelösten Rätsel der Menschheit bleiben, solange sich nur nichts daran änderte, hielt sie ihn in Wahrheit doch oft nächtelang wach.

Die Musik endete mit einem herzergreifenden Akkord, und Diana ließ sich mit einem zufriedenen Seufzen gegen Aries Brust sinken. Er legte ihr das Kinn auf die nackte Schulter und drückte seine Wange in die wilden, zerzausten Haare.

»Warum?«, fragte er.

»Warum was?«

»Warum ich?«

Diesmal klang ihr Seufzen entnervt.

»Ich bin nicht auf Komplimente aus«, beeilte Arie sich hinzuzufügen. »Ich möchte bloß … ich möchte es bloß verstehen.«

»Ich kapiere nicht, warum das einer Erklärung bedarf.«

»Na ja, du bist du, und ich bin … so was von hundsgewöhnlich. Sieh mich an. Sogar mein Muttermal« – er wies auf seine Hüfte – »ist beige.«

Diana lächelte, während ihre Hände über die Klaviatur strichen und ein Geräusch machten, das, wie Arie immer dachte, die musikalische Entsprechung zu Kritzeleien auf einem Notizblock war.

»Diana?«

»Ich weiß nicht, was du von mir hören willst.«

»Ich verstehe nicht, warum du nicht … mit dem weltbesten Cellospieler zusammenlebst?«

»Mit einem Musiker?«, fragte Diana angewidert und schüttelte sich vor Entsetzen. »Igitt, nein danke.«

»Aber warum ausgerechnet ich?«

Wäre Diana wortgewandter gewesen, hätte sie sich besser ausdrücken und ihm vielleicht all die vielen Gründe erklären können. Sie hätte ihm gesagt, dass ihr, gleich als sie ihn das erste Mal gesehen hatte, gefallen hatte, wie ihm die dunkelblonden Haare in die Augen fielen, die dunkelbraun waren und warm und in denen sie etwas sah, von dem sie sich geschworen hatte, niemals ohne leben zu wollen: Güte und Freundlichkeit.

Womöglich hätte sie ihm gesagt, dass er in seinem knittrigen blauen Hemd, der billigen Bürohose und den lose geschnürten Vans, die er jeden Tag zur Arbeit trug, zwar tatsächlich ein bisschen wie ein Nerd aussah, aber dass das völlige Fehlen jedweden Egos das mehr als wieder wettmachte. Sie hätte ihm womöglich gesagt, dass sie die sanft gebräunte Haut an seinen Unterarmen mochte und einfach nicht genug bekommen konnte von seinen Händen, die lang und schmal und elegant waren und – sehr zu ihrem Ärger – mehr nach Pianistenhänden aussahen als ihre eigenen. Dass sie seine Stimme liebte, die sie an eine Violine erinnerte: nicht besonders tief, aber angenehm und voller als erwartet. Dass sie wusste, er würde sie nie betrügen und auch nie einschränken.

Hätte Diana sich besser ausdrücken können, sie hätte ihm gesagt, dass Arie für sie das Seltenste und Schönste war, was man sich nur vorstellen konnte: ein Entlein, das nicht einmal ahnte, dass es einmal ein stolzer Schwan werden würde.

Aber Worte lagen Diana nicht. Musik war ihre Welt. Während sie also über all die vielen Gründe nachdachte, weshalb sie sich in Arie verliebt hatte, wanderten ihre Finger über die Tasten des Steinways und probierten verschiedenste Akkorde aus.

»Okay«, sagte sie schließlich. »Wie wäre es damit?«

Sie nahm Aries rechte Hand in ihre und legte seinen Daumen auf eine elfenbeinweiße Taste, sodass ein einzelner Ton glockenhell durch den Raum tönte. »Das ist für dich. A wie Arie«, erklärte sie und legte seinen Ringfinger auf eine zweite Taste, »und das bin ich. D wie Diana. Spiel sie beide gleichzeitig.«

Er tat, wie ihm geheißen, und zusammen klangen sie sehr ernst. Gesetzt und feierlich.

»Okay, jetzt hör genau hin«, sagte sie und spielte drei Töne zusammen als Akkord. »Der unterste Ton ist ein D. Hör zu.«

Ihre Finger spielten einen anderen Akkord. »Jetzt ist der unterste Ton ein A.«

Dann spielte sie noch mal beide Akkorde.

»Hörst du das? Hörst du, wie diese beiden Akkorde zusammen klingen? Der Diana-Akkord und der Arie-Akkord. Wenn man beide zusammen spielt, erst den einen, dann den anderen, in diesem Fall erst den D-, dann den A-Akkord, nennt man das eine plagale Kadenz.«

»Bitte was?«

»Eine plagale Kadenz«, wiederholte sie. »Der Abstand zwischen den beiden unteren Tönen der beiden Akkorde ist eine Quarte. So. Wäre der Abstand zwischen den unteren Tönen eine Quinte, dann wäre es eine vollkommene Kadenz. Die ginge von E nach A. Hör hin. Vom D-Akkord zum A-Akkord, und jetzt vom E-Akkord zum A-Akkord. Hörst du den Unterschied?« Sie wartete seine Antwort gar nicht ab. »Vollkommene Kadenz, plagale Kadenz. Vollkommene Kadenz, plagale Kadenz. Mir persönlich gefällt die plagale besser. Kommst du darauf, woran sie dich erinnert?«

Sie spielte die beiden Akkorde wieder und wieder, aber Arie kam nicht darauf.

Diana half ihm auf die Sprünge: »Das kennst du aus der Kirche, wenn alle nach einem Lied ganz am Ende Amen singen. Hör genau hin.«

Zuerst hörte er es nicht, aber dann – als sie dazu »A-men« sang – war es nicht mehr zu überhören.

»Siehst du? Siehst du?«, fragte sie.

»Ich glaube schon.«

Diana ließ die Finger über die Tasten fliegen und entfesselte einen musikalischen Wasserfall, der schließlich mit den Tönen endete, die er nun als plagale Kadenz erkannte.

»Verstehst du, was ich meine?«, fragte sie.

»Ich bin dein Amen?«, fragte Arie.

»Ja, das bist du«, antwortete Diana. »Und ich bin deins.«

Und sieben Jahre lang sollte das so bleiben.

EINS

JAHRESTAG

Natürlich kauften Arie und Diana ein Haus mit einem Erkerfenster. Es war ein Reihenhaus in einer schmalen Straße in der historischen Altstadt – eine Gegend mit Sandsteinhäuschen, elegant gestrichenen Schindelverkleidungen und der womöglich höchsten Pro-Kopf-Dichte uriger Bäckerei-Cafés weltweit.

Arie hatte das Haus entdeckt. Nachdem sie bei zwei vorherigen Versteigerungen überboten worden waren, hatte Arie selbst die Initiative ergriffen. Stundenlang war er an den Wochenenden durch die Straßen gestreift und hatte unermüdlich an Türen geklopft, bis er schließlich in der Tavistock Row auf ein Häuschen mit Erkerfenster gestoßen war und der dazugehörige Besitzer ihm nicht gleich ins Gesicht gelacht hatte, als er ihn fragte, ob er womöglich verkaufen wolle.

Das Häuschen war unrenoviert und mehr shabby als chic, und der Lage entsprechend war auch der Preis, aber Diana befand das Erkerfenster für perfekt, und damit war die Sache besiegelt. Das Erkerzimmer lag im oberen Stock und hatte polierte Dielen und eine Flügeltür mit Milchglasfenstern. Die Wände strich Diana selbst, in einem Beige, für das sie sich nur deshalb entschieden hatte, weil es den klingenden Namen »Grand Piano« trug, und dann stellte sie den Steinway so, dass sie das Erkerfenster im Rücken hatte und die Morgensonne ihr beim Üben auf die Tasten fiel.

In diesem Haus stand am siebten Jahrestag von Aries und Dianas erstem Kennenlernen ein gepackter Koffer abfahrbereit unten am Fuß der Treppe. Am nächsten Morgen würde Diana auf Tournee gehen. Erster Halt Singapur, dann weiter in Städte, bei denen man an glitzernde Schneekugeln denken musste: Paris und Salzburg, Prag und Sankt Petersburg. Beinahe einen Monat würde sie außer Landes sein, also kamen – wie inzwischen längst Tradition – Richard und Lenka zum Abschiedsabendessen.

Obwohl Diana und Arie ein gemütliches kleines Esszimmer hatten, schafften sie es beim Kochen mit Richard und Lenka doch nie aus der Küche. Während Arie den Belag auf seine selbstgemachten Pizzen häufte und seine kreisrunden Meisterwerke in den Ofen schob und wieder herausholte, gab Richard ihm von der Bank ungefragt Ratschläge. Diana, barfuß und in einem karierten Sommerkleid, lehnte mit einem halbleeren Glas an der Küchenspüle und beobachtete Lenka, die auf dem einzigen kleinen Hocker in der Küche saß und noch immer nicht an ihrem Wein genippt hatte, den Diana ihr vor gut einer halben Stunde eingegossen hatte. Und auch Lenkas lila Swinger-Top, das, da war Diana sich ziemlich sicher, allem Anschein nach brandneu war, warf einige Fragen auf.

»Ehrlich gesagt bin ich froh, dass du gehst, Di«, meinte Richard mit einem breiten Grinsen.

Richard war der einzige lebende Mensch, der Dianas Namen derart abkürzen durfte. Dass sie ihm das durchgehen ließ, war ein Zugeständnis an die Männerfreundschaft, die Arie und Richard seit dem achten Schuljahr verband, als Richard mit dicker Brille auf der Nase, Zahnspange im Mund und einem Akzent, der unglaublich affig und affektiert klang, aus Großbritannien hergezogen war. Zahnspange und Akzent waren längst passé, und die Brille war auch schon seit geraumer Zeit mehr Dolce & Gabbana als Glasbausteine, aber Richard und Arie waren noch immer unzertrennlich.

»Also, was soll ich sagen, danke für deine Offenheit, Richie-Poo.« Dass sie sich von ihm »Di« nennen ließ, hieß nicht, dass sie nicht gelegentlich zu Vergeltungsschlägen ansetzte.

»Er glaubt, ich arbeite mehr, wenn du nicht da bist«, erklärte Arie und belegte eine Pizza mehr als großzügig mit Jalapeño-Scheiben.

»Stimmt«, pflichtete Richard ihm bei. »Nur wenn Di nicht im Lande ist, schrubbst du mehr Stunden runter als ich. Paradiesisch! Und ich kann ausnahmsweise mal die Füße hochlegen.«

Fünf Jahre war es nun her, dass Arie seinen Job im Konservatorium gekündigt und mit Richard zusammen eine eigene Web-Entwickler-Firma gegründet hatte. Ihr kleines Unternehmen, Sonder Digital, war mit den Jahren stetig gewachsen, sodass sie mehr und mehr Mitarbeiter hatten einstellen und schließlich den ganzen ersten Stock eines alten Warenlagers in einem Mischgebiet hatten übernehmen können.

»Er nun wieder«, bemerkte Lenka mit ihrem leichten Akzent, aber das hätte es gar nicht gebraucht. Tatsächlich machten sowohl Richard als auch Arie ungezählte Überstunden, und beiden lag das Wohl der gemeinsamen Firma sehr am Herzen. Um ihre Angestellten bei Laune zu halten, gab es tägliche Motivationsansprachen, regelmäßige Teambuilding-Maßnahmen und einmal monatlich einen Hackathon. Darüber hinaus hatten sie im Gemeinschaftsbereich eine Tischtennisplatte aufgestellt sowie einen großen Kühlschrank, in dem immer reichlich Kombucha stand.

Diana trat zu Arie und klaute ihm ein Scheibchen Mozzarella von einer der Pizzen.

»Du diebische Elster, du«, schimpfte er und drückte ihr einen Kuss auf die Haare.

»Pass ein bisschen auf ihn auf, ja?«, sagte Diana zu Lenka. »Damit er sich nicht zu Tode schuftet, während ich weg bin.«

»Keine Sorge. Ich füttere und tränke ihn. Und sorge dafür, dass er gelegentlich ein bisschen an die frische Luft kommt«, erwiderte Lenka lachend. »Versprochen.«

Nicht immer verstehen sich die Lebenspartner alter Freunde so gut, dass sie selbst gute Freunde werden, aber Diana und Lenka hatten großes Glück: Sie waren sich auf Anhieb sympathisch gewesen, auch wenn sie kaum unterschiedlicher hätten sein können. Diana beispielsweise kochte nie. Und sie faltete auch keine Wäsche, trug den Müll nicht raus, putzte nie den Ofen und schrubbte auch nicht das Bad. Lenka hingegen konnte nicht aus dem Haus gehen, ohne das Spülbecken abgewischt, die Decke auf dem tadellos gemachten Bett geradegezogen und die Sofakissen aufgeschüttelt zu haben. Diana war mit Allesfressergenen gesegnet und konnte essen, was sie wollte, ohne dabei auch nur ein Gramm zuzunehmen, während die arme Lenka strikte Diät halten musste, um nicht noch rundlicher zu werden, als sie es ohnehin schon war.

Lenka war Psychologin, und Diana konnte sich lebhaft vorstellen, wie tröstlich ihre patente, schnörkellose Art auf ihre Klienten wirken musste. Sie war kein bisschen musikalisch, dafür aber sehr sportlich, und je rauer der Sport, desto besser. Wobei Diana sich an diesem Abend fragte, wie lange das wohl noch so gehen würde. Sie beobachtete, wie Richard einen Schluck Craft-Bier trank und sich mit der Hand durch die kurzgeschorenen Haare fuhr.

»Also, ähm«, setzte er an, »es gibt Neuigkeiten. Noch ist es nicht offiziell, aber das machen wir dann, wenn du schon weg bist, Di, und … na ja, wir wollten es dir lieber persönlich sagen.«

Dianas Blick ging zu Lenka.

»Wir sind schwanger«, verkündete die.

In der kleinen, engen Küche fielen die vier sich überschwänglich in die Arme, und all die üblichen Fragen wurden gestellt. Wie weit seid ihr schon? (Beinahe in der zwölften Woche.) Wollt ihr vorher wissen, was es wird? (Auf jeden Fall.) Wie lange willst du pausieren? (So lange ich irgend kann.) Diana kippte Lenkas Wein in den Ausguss und holte ihr ein Glas Mineralwasser.

»Wir hatten gehofft«, sagte Lenka, »dass ihr beiden die Pateneltern werden wollt.«

»Aber hallo«, rief Arie mit einem Seitenblick zu Diana. In dem flüchtigen Blick, den sie sich zuwarfen, glaubte Arie eine leichte Unsicherheit zu erkennen. Doch noch ehe er sich darüber Gedanken machen konnte und noch ehe Richard oder Lenka ihre zurückhaltende Reaktion bemerkten, sprudelte Diana schon wieder über vor Freude über das Glück ihrer Freunde.

»Heiliges Kanonenrohr«, rief sie und stieß mit Lenka, Arie und Richard an. »Ich fasse es nicht, ihr bekommt ein Baby!«

»Habt ihr beiden heute nicht auch was zu feiern?«, fragte Lenka, um ein bisschen von dem ganzen Rummel abzulenken.

»Haben wir«, erwiderte Diana und legte Arie den Arm um die Taille. »Sieben Jahre sind wir heute zusammen. Sieben ganze Jahre.«

»Gibt es dafür einen bestimmten Grund?«, fragte Diana.

Es war nach elf, und Arie saß nun schon seit bestimmt einer Viertelstunde ohne Hemd in der sommerlichen Wärme des Schlafzimmers gegen die Kissen gelehnt. Keine Bewegung von Diana entging ihm, die in einem blassrosa Nichts von Negligé barfuß durch das Zimmer tappte, in ihrem Handgepäck herumkramte und den Wecker stellte.

»Einen Grund wofür?«, fragte Arie.

Zwar hatte er ein aufgeschlagenes Buch im Schoß, aber Diana war sich ziemlich sicher, dass er in der ganzen Zeit, die sie gebraucht hatte, um sich erst einmal und dann noch ein zweites Mal zu vergewissern, dass sie auch wirklich alles Wichtige eingepackt hatte – Pass, Kreditkarte, Ladegerät –, keine einzige Seite umgeblättert hatte. Sie setzte sich zu ihm aufs Bett.

»Für das Gewitterwölkchen über deinem Kopf.«

»Da ist keine Gewitterwolke«, entgegnete er, ohne von der Buchseite aufzuschauen.

»Arie, ich sehe sie doch ganz genau«, widersprach Diana und pikste mit dem Finger in die leere Luft über seinem Kopf. »Da ist sie.«

»Das bildest du dir bloß ein.«

»Ich glaube kaum.«

Nun sah er doch auf. Er klappte das Buch zu und seufzte. »Willst du das wirklich? Jetzt? Heute?«

Diana wunderte sich über seinen gereizten Tonfall. »Na ja, wie es scheint, hast du mir etwas zu sagen.« Sie reckte das Kinn. »Na los, raus damit.«

»Also gut. Schau dir deine Hand an. Die linke.«

Diana tat, wie ihr geheißen.

»Was siehst du?«

Sie sah Sommersprossen, zwei feine parallele Streifen von einem Kaninchenkratzer, die sie schon seit Kindertagen hatte, und kurze, schlanke Finger, die jetzt gerade die Hälfte von Prokofjews Concerto No. 2 gespeichert hatten, das sie bald mit dem Orchestre de Paris zusammen spielen sollte.

»Ich sehe nichts.«

»Ganz genau«, sagte Arie.

»O-o-oh. Verstehe. Du meinst, ich trage meinen Verlobungsring nicht.« Die Sache war die, Diana trug nie Ringe. Oder Armbänder. Oder Uhren. Die störten sie bloß beim Spielen. »Ich kann es nicht ausstehen, Ringe zu tragen. Das weißt du doch.«

Arie setzte sich auf, und Diana konnte jedes kleinste Detail der glatten, olivbraunen Haut an seiner Brust erkennen, die empfindliche Kuhle unter den Schlüsselbeinen, die sanfte Rundung der Schultern. Wie sie wünschte, sie hätte seinen Köder nicht geschluckt. Hätte sie ihm doch bloß das Buch aus der Hand genommen, die Lampe ausgeknipst und wäre zu ihm ins Bett geschlüpft, dann würden sie sich jetzt lieben, so wie immer, ehe sie wegmusste – mit einem Hauch von Traurigkeit, der dem Ganzen einen köstlich bittersüßen Beigeschmack verlieh.

»Wie lange hast du diesen Verlobungsring, den zu tragen du nicht ausstehen kannst, jetzt schon?«, fragte er.

»Das müssen jetzt … wie viele Jahre sein? Drei?«

Arie hatte Diana den Antrag in New York gemacht, an einem himmelblauen Tag im August, in einem Ruderboot im Central Park. Mit den festgenieteten Rudern war das kleine rundnasige Boot nicht leicht zu manövrieren gewesen, aber irgendwie hatte Arie es geschafft, quer über den gut besuchten See zu rudern, bis dahin, wo ein Jazz-Trio unter einer Pergola spielte, die über das Wasser hinausragte. Er hatte große Hoffnungen in den kleinen Ring gesetzt, nachdem er den Juwelier eigens gebeten hatte, ihn besonders klein und zart zu machen, so klein und zart, dass er eine Pianistin nicht beim Klavierspielen stören würde. Aber obwohl Diana ihn – und den dazugehörigen Heiratsantrag – überglücklich angenommen hatte, hatte der Ring beinahe seine ganze bisherige Existenz in einer dunklen Samtschachtel verbracht. Und eine Hochzeit hatte es bisher auch noch nicht gegeben.

»Wir sind jetzt seit beinahe viereinhalb Jahren miteinander verlobt«, sagte Arie.

»Nicht schlecht, findest du nicht?«, entgegnete Diana mit einem zögerlichen Grinsen, in der Hoffnung, ihm ein Lächeln zu entlocken. Das aber blieb aus.

»Warum sind wir nicht verheiratet?«

Diana seufzte. »Du weißt, warum. Wir sind einfach noch nicht dazu gekommen. Wir wissen nie, wann ich …«

»Genau genommen bestimmst du selbst deinen Terminkalender. Also, warum sind wir nicht verheiratet?«

»Warum muss das denn unbedingt sein?«

»Ich hasse es, wenn du Fragen mit Gegenfragen beantwortest.«

»Ich bin gerne Diana Clare«, brummte sie. Der schmollende Unterton in ihrer eigenen Stimme entging ihr dabei nicht.

»Wer sagt denn, dass du deinen Namen ändern musst?«

»Ich bin gerne Miss Clare. Mrs mag ich nicht. Das ist so schwerfällig.«

»Als du damals Ja gesagt hast, hattest du da jemals vor, mich zu heiraten?«

»Ja«, antwortete Diana nicht sehr überzeugend.

»Und, wirst du mich jemals heiraten?«

»Ich werde dich nie verlassen«, erwiderte Diana.

»Danach habe ich nicht gefragt.«

»Ach, Arie. Ich weiß es nicht.«

Arie hörte ihr an, wie entnervt sie war, und wünschte, er hätte es einfach gut sein lassen. Nach sieben Jahren hätte er es besser wissen müssen, als sich mit Diana wegen eines solchen Themas anzulegen. Wenn man sie in die Ecke drängte, wurde sie nur umso bockiger.

»Nun, dann denk doch bitte mal darüber nach. Während du weg bist. Wenn du nach Hause zurückkommst, dann mit einer Entscheidung.«

Diana lief es eiskalt den Rücken hinunter. »Sonst?«

»Das soll kein Ultimatum sein.«

»Kommt mir aber so vor.«

»Es wird Zeit, Diana. Es wird Zeit für den nächsten Schritt.«

»Hochzeiten sind kitschig«, meinte Diana in einem Ton, der zugleich abfällig klang und wie eine Einladung für Arie, ihr zu widersprechen.

»Wir könnten es genau so machen, wie du es möchtest«, erwiderte er sanft.

»Aber warum muss das denn unbedingt sein? Du weißt, dass ich dich liebe. Tue ich nämlich. Ich liebe dich. Ich habe dir schon gesagt, dass ich für immer bei dir bleiben will. Wir haben zusammen ein Haus gekauft. Ich will nirgendwo anders sein als bei dir.«

»Nur, dass du das bald wieder bist«, wendete Arie ein.

Es wurde still, und Diana spürte jede Meile ihrer anstehenden Reise und jede Minute der vielen Stunden, die vergehen würden, bevor sie sich wiedersahen.

»Und, was war das vorhin? Als Richard und Lenka uns gefragt haben, ob wir die Pateneltern werden wollen?«, fragte Arie.

»Was denn?«

»Du weißt schon. Dieser Blick.«

Diana seufzte tief. »Das ist eine gewaltige Verantwortung, und du hast einfach Ja gesagt, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Pateneltern zu sein ist eine große Verpflichtung.«

»Na und? Die beiden sind unsere besten Freunde.«

»Ich sage nicht gerne Ja, ohne mir ganz sicher zu sein, dass ich es auch richtig machen kann. So richtig, wie es sich gehört.«

Da zeigte sich wieder einmal ihr Perfektionismus, der sie zu der Pianistin gemacht hatte, die sie war.

»Diana, wo ich auch hinschaue, überall um mich herum geht das Leben weiter«, sagte er. »Alles verändert sich, nur wir nicht.«

Sie kniff die Augen zusammen. »Geht es hier ums Kinderkriegen? Geht es eigentlich darum?«

»Ich weiß es nicht«, gestand Arie kleinlaut. »Das ist ein ganz anderes Thema. Aber ich möchte gerne heiraten. Ich möchte … den nächsten Schritt gehen. Aber du … mir kommt es so vor, als würdest du am liebsten alles so lassen, wie es ist, für immer und ewig.«

»Was ist denn daran so schlimm?«

»Hast du vielleicht mal daran gedacht, dass es nicht das ist, was ich möchte?«

Diana war es nicht gewohnt, dass Arie ihr sagte, was er wollte. Denn eigentlich, und das wusste Diana ganz genau, wollte er immer nur, dass sie glücklich war.

Sie sprang auf.

»Wo willst du hin?«, fragte Arie, dabei wusste er es längst, noch ehe sie aus dem Schlafzimmer gestürmt war. Einen Augenblick später hörte er, wie sie den Steinway aufklappte. Und dann klangen die Tonleitern durch die Wand herüber – aufgebracht, aber präzise.

Wenn das Liebeslied, in gewisser Weise, sieben Jahre zuvor mit einem Klopfen an der Tür begonnen hatte, so begann es, in anderer Hinsicht, in jener Nacht im Klavierzimmer. Es war fast Mitternacht, als Diana endlich genug Tonleitern gespielt hatte, um sich wieder ein wenig zu beruhigen. Wobei sie gar nicht so genau hätte sagen können, was sie so aufgebracht hatte. Ihr Verhältnis zu Hochzeiten vielleicht. Das war nämlich kompliziert. Allein die Vorstellung, sich aufzubrezeln, sich zu kostümieren mit Kleid und Schleier und dem ganzen Chichi, und dann auch noch so einen blöden Spruch aufsagen zu müssen … lächerlich war das, schnulzig und gespielt. Es widerstrebte ihr, öffentlich ein Versprechen abzugeben, das eigentlich nur zwei Menschen anging. Aber ein bisschen, ein klitzekleines bisschen gefiel ihr die Vorstellung auch. Aber so kompliziert diese ganze Geschichte auch war, ihre Gefühle für Arie waren alles andere als kompliziert. Hätte sie ihre Gefühle besser in Worte fassen können, dann hätte sie es ihm vielleicht erklären können.

Sie saß am Klavier, einen leichten Schweißfilm auf der Haut, und die Oberschenkel klebten am Lederbezug des Hockers. Durch das offene Erkerfenster, durch das eine leichte, kühle Brise hereinwehte, kam der Duft von wildem Jasmin, der draußen am Haus wucherte. Diana betrachtete das vertraute Muster aus weißen und schwarzen Tasten und spürte, wie das Lied in ihr Form annahm. Wie jedes gute Liebeslied hatte es zwei Stimmen. Während ihre Finger über die Tasten spazierten, erzählten sie zuerst den tieferen Teil, das Fundament, das aus einer Reihe Akkorden bestand, in Dreiergrüppchen, aufsteigend und abfallend. Dann tanzten sie die Melodie dazu, die über den tieferen Tönen ansetzte, süß und leicht, verschnörkelt wie die Zuckerschrift auf einer Torte.

Irgendwann schlug Diana ein Notenheft auf, in schwarzes Leder gebunden, und griff zu dem Bleistift, der immer auf dem Notenpult des Klaviers lag. Sie spielte, unterbrach sich, kritzelte ein paar Noten ins Heft, die sie gerade entdeckt hatte, und spielte weiter. Manche Noten bearbeitete sie mit dem Radiergummi, malte andere darüber, spielte wieder.

Als er irgendwann in der Tür stand und ins Licht blinzelte, war das Lied fast fertig. Es brauchte nur noch drei oder vier Takte, viel war es nicht mehr, aber gerade hier durfte man nicht schludern, nicht am Ende. Diana mochte es nicht, wenn Lieder einfach so verklangen. Für sie gab es kaum etwas Schöneres, als ein vorzüglich aufgelöstes Ende, wenn der letzte Ton oder der letzte Akkord in der Luft hing und in ihrer Brust widerhallte, bis sie glaubte, weinen zu müssen. Nicht vor Traurigkeit, sondern vor Ergriffenheit.

Sie sah ihn an – die nackte Brust, die blassblauen Boxershorts, die tief auf der Hüfte saßen. Alles an ihm kannte und liebte sie: Die Stelle oben rechts an seiner Brust, auf die sie immer den Kopf legte, morgens im Halbschlaf, wenn sie sich an ihn schmiegte und sich in seine Arme kuschelte; die Füße mit dem absurd hohen Spann; der vollkommen flache verwirbelte Bauchnabel; die Barthaare, die – wenn er sie denn mal wachsen ließ – ein bis zwei Farbtöne dunkler waren als die Haare auf seinem Kopf; die geschwungenen Lippen.

»Komm ins Bett«, murmelte er und streckte die Hand nach ihr aus. »Sonst bist du morgen todmüde.«

Diana klappte das Notenheft auf dem Pult zusammen, stand auf und streckte sich. Sie ging zur Tür, nahm seine Hand und lehnte die Stirn gegen seine Brust.

»Es tut mir leid«, flüsterte sie, den Blick auf den Boden geheftet.

»Was hast du da gespielt?«, fragte er.

Sie schaute zu ihm auf und zuckte die Achseln. »Ach … bloß ein Lied.«

»Das war wunderschön.«

Er hatte recht. Es war wunderschön, aber auch als Diana aufstand und ihm ins Schlafzimmer folgte, wusste sie noch immer nicht so recht, wie es eigentlich enden sollte.

WIEMANEINLIEBESLIEDBEENDET

Zwei Nächte später lag Diana schlaflos in ihrem großen Doppelbett im sechsundzwanzigsten Stock eines Glaskastenhotels in Singapur zwischen den gestärkten weißen Laken. Dicke Monsunregentropfen klatschten gegen die deckenhohen Fenster, zerbarsten und formten kleine Rinnsale an den Scheiben. Die Stadt dahinter war eine grelle Matrix aus Licht und glitzernden schwarzen Wasserstrichen.

Dianas berühmtes rotes Kleid war über einen luxuriösen Polstersessel drapiert, und auf dem Teppich lag ein weggeschleudertes Paar High Heels. Diana hasste es, in hohen Schuhen aufzutreten. Viel lieber trug sie ihre heißgeliebten alten Converse, aber wie der Kulturkolumnist einer Tageszeitung neulich angedeutet hatte, wurde es langsam – Diana war zweiunddreißig – Zeit, »die Überbleibsel ihrer Wunderkindzeit« hinter sich zu lassen. Erwachsensein, dachte Diana, konnte manchmal ganz schön schmerzhaft sein.

Die Nachttischuhr zeigte die Ortszeit an, kurz nach Mitternacht, was hieß, dass es zu Hause jetzt gerade kurz nach drei war. Trotzdem war Diana hellwach. Auf einer Bank am Fußende des Bettes, und gedoppelt in einem übergroßen Spiegel, stand der gigantische Blumenstrauß, den man ihr nach ihrem Auftritt heute Abend überreicht hatte. Sattgrünes Laub und rosa Orchideen, die Nationalblumen Singapurs, wucherten in dem tropischen Gebinde. Aber genau wie Flügel und Klaviere ließen sich Blumensträuße nur schwer unter den Arm klemmen und auf Reisen mitnehmen. Schon morgen, wenn die Blüten nicht einmal angefangen hatten zu welken, würde sie die Blumen im Eiskübel des Hotels zurücklassen müssen und hoffen, dass irgendwer sich vielleicht noch an ihnen erfreute, während sie längst auf dem Weg nach Paris war.

Diana wünschte, sie wäre nicht so wach. Nicht jetzt. Sie brauchte ihren Schlaf, denn schon kurz nach ihrer Ankunft in der französischen Hauptstadt sollten die mehrtägigen, anstrengenden Orchesterproben für das Prokofjew-Concerto beginnen. Eine weitere halbe Stunde versuchte sie sich etwas vorzumachen, lag mit geschlossenen Augen da und tat, als schliefe sie. Aber es nützte alles nichts.

Seufzend knipste sie das Licht an und musste sich eingestehen, dass das Hotelzimmer durch und durch dianafiziert worden war. Ihr Koffer hatte drei Viertel seines Inhalts auf den Boden gespuckt, wo sich nun ein Berg Kleider und Schuhe, Toilettenartikel und Notenblätter in wildem Durcheinander türmte. Aus diesem Chaos angelte Diana ein leichtes Kleidchen und ein Paar Sandalen, ihr Notenheft und einen Bleistift, der reichen musste, auch wenn er dringend angespitzt gehörte. Dann trat sie hinaus auf den Flur und machte sich auf die Suche nach dem Hotelklavier.

Bei der Unterbringung während ihrer Tourneen gab es für Diana nur ein Kriterium, bei dem sie nicht mit sich reden ließ: Sie brauchte unbedingt ein Piano. Manchmal erwies sich das Instrument als nichts weiter als ein winziges Klavier, verschämt in der Ecke eines Salons, in dem die Gäste abends vor dem Schlafengehen noch eine heiße Schokolade als Schlummertrunk nahmen. Manchmal war es ein prachtvoller Konzertflügel, der unübersehbar mitten in einer hallenden, marmorverkleideten Hotellobby prangte. Hier in Singapur stieß sie nach einigem Suchen schließlich auf einen glänzend schwarzen Kawai-Flügel, fast brandneu, der einen Logenplatz auf einer Galerie mit Blick auf die mit Rattanmöbeln ausgestattete Lobby des Hotels darunter gefunden hatte. Der Zugang war mit roter, zwischen verchromten Pollern gespannter Samtkordel abgesperrt, aber der geschwungene Deckel war einladend geöffnet.

Von unten hörte Diana das Klirren dickwandiger Bechergläser, angeregtes Geplauder und lautes Gelächter. Jenseits der Brüstung sah sie Männer in Segelschuhen und offenen Hemden, die einander mit zitronenscheibchengarnierten Bierflaschen zuprosteten. Frauen mit der Attitüde losgelassener Stewardessen in grellbunten Flatterkleidchen, die makellose gebräunte Knöchel und Schultern zeigten, bei deren Anblick Diana immer ein bisschen neidisch wurde, nippten an bunten Cocktails.

Samtkordel und Poller, entschied Diana, galten für sie nicht. Vorsichtig machte sie einen großen Schritt über das Seil und setzte sich ans Klavier. Mit einigen einleitenden Tonleitern machte sie sich dann mit dem Instrument vertraut, das auf ihre Berührung mit einem tröstlich warmen, harmonischen Klang reagierte. Ein gutes Klavier war in Dianas Welt eins, bei dem sie sich vorstellen konnte, wie sein Klang in einer wunderschön schillernden runden Blase aufstieg. Und das hier war ein gutes Klavier – so gut sogar, dass sie kurz überlegte, sich durch das Prokofjew-Concerto zu ackern. Aber nein. So würde sie nie in den Schlaf finden.

Heute war die Nacht für ihr fast fertiges Liebeslied. Sie legte die Finger auf die Tasten, setzte sachte an und hoffte, die Musik werde sie wie eine sanfte Woge weitertragen bis zum letzten, perfekten Ton.

Beim Spielen dachte sie an Arie, wie es sich anfühlte, ihn zu lieben und von ihm geliebt zu werden. Sie dachte an all das, was die Leute, und manchmal sogar Arie selbst, nicht sehen konnten oder nicht verstanden.

Diana hatte sich nie einen großen Mann gewünscht, oder einen mit markantem Kinn oder mit einer verheißungsvollen Zukunft in diesem oder jenem gutbezahlten Job. Nein, was sie sich gewünscht hatte, war so unendlich viel kostbarer – eine ganz bestimmte Architektur des Herzens. Im ersten Augenblick, als sie Arie kennengelernt hatte, hatte sie es gespürt – ein Herz wie ein Palast, aus hellem Marmor und mit offenen Wänden. Massiv, aber zerbrechlich, solide, aber luftig und leicht. Vom ersten Moment an hatte sie gewusst, dass sie in ihm einen Ort gefunden hatte, wo sie ganz fraglos vertrauen, wo sie sich ausruhen konnte und wo sie immer frei sein würde.

Irgendwie musste ihr Lied all das erzählen, und auch, wie umsorgt sie sich fühlte, wenn er ihr jeden Morgen eine Tasse Tee ans Bett brachte, und wie sie seine Stimme liebte, die sanft war und weich und sexy, und wie dankbar sie jedes Mal war, wenn er sich auf größtmögliche diplomatische Weise weigerte, sich von ihrer Mutter in einen Wortwechsel verwickeln zu lassen; und auch, wie es sich anfühlte, wenn sie von einer Tournee nach Hause kam und am Flughafen im Ankunftsterminal sein Gesicht in der Menge suchte und fand.

Sie musste daran denken, wie es sein würde, am Ende dieser Reise mit ihm ins Klavierzimmer zu gehen und ihr Lied für ihn zu spielen, und was für ein wunderbares Gefühl es wäre, wenn er dann verstand, dass sie sich entschieden hatte.

Habe ich das?, fragte sie sich.

Ja, dachte sie, ja. Sie würde ihn heiraten. Auch wenn es ihr Angst machte, auch wenn sie sich nicht sicher war, ob sie immer alles richtig machen würde. Wenn es ihm wirklich so wichtig war, dann würde sie es tun. Und damit fanden ihre Finger ihren Weg durch den letzten Teil der Melodie. E-Akkord zu A-Akkord. Eine authentische Kadenz. Eigentlich lag es auf der Hand, dachte sie, während ihr angesichts der Vollkommenheit dieser Akkordfolge Tränen in die Augen traten.

»Ja«, murmelte Diana leise. »So ist es richtig.«

Sie nahm die Hände von den Tasten und lächelte, während die letzten Töne ihres Liebesliedes in der stickigen Luft über der Hotelgalerie verklangen.

Wenn Diana zu Hause war, war auch immer Musik in Aries Leben. Diana mochte sie am liebsten laut und hatte Arie einmal erklärt, es gebe so etwas wie die perfekte Lautstärke. So wie sie es beschrieb, war es, als würde ihr die Musik mit einem Trichter in den Schädel geflößt, und je lauter sie wurde, desto mehr Raum nahm sie ein, bis zu dem Moment, in dem ein Equilibrium herrschte und der Klang sich so um ihre Knochen legte und alles ausfüllte, dass er jeden anderen Gedanken verdrängte.

Für Diana, so hatte Arie gelernt, war Musik ein Allheilmittel. Schwungvolle Musik motivierte sie, sentimentale Musik tröstete sie, brachiale Musik war ihr Ventil für Wut und Frust, und bittersüße Musik rührte sie zu Tränen.

Wenn Arie sonntagmorgens aufwachte, war Dianas Bettseite meistens schon leer, und von irgendwo aus dem Haus ertönte Musik. Ob sie im Badezimmer herumträllerte, den Steinway hinter den verschlossenen Milchglasscheiben des Klavierzimmers spielte, in der Küche Radio hörte oder die Anlage aufdrehte, bis es in jeden Winkel des Hauses schallte, die Musik verriet Arie alles, was er über Dianas Stimmung wissen musste.

An diesem Sonntagmorgen allerdings war es still im Haus. Die einzige Begleitung zu Aries einsamem Morgenritual – Kaffee kochen, rasieren, duschen, runter zur Bäckerei gehen und ein pain au chocolat holen, auf der Küchenbank die Zeitung lesen – war eine Melodie, die er, irgendwie unbefriedigend, vor sich hin summte. Eine Melodie, die sie mitten in der Nacht gespielt hatte, als er ins Klavierzimmer gegangen war, um sie endlich ins Bett zu holen. Er nahm sich vor, sie noch mal zu fragen, was für ein Lied das war. Sobald sie wieder zu Hause war.

Auf Reisen bekam Diana immer dieses eigenartig losgelöste Gefühl, fast als hinge sie in der Luft, genau wie jetzt, als sie in der Boarding-Schlange von Air Pleiades Flug PQ108 von Singapur nach Paris stand. Ganz gleich, wie oft oder wie weit sie auch reiste, Reisen vermittelten ihr nie das Gefühl, dass die Welt kleiner wurde. Ganz im Gegenteil, es erinnerte sie vielmehr daran, wie unermesslich groß und unüberschaubar dieser Planet doch war – wie viele verschiedene Menschen in ihren eigenen kleinen Orbits lebten, ihre gewohnten Straßen entlanggingen, in ihren gewohnten Läden einkauften, ihr gewohntes Essen aßen, ihre eine gewohnte Sprache, oder auch viele, sprachen.

Beim Gedanken an Arie zog sie das Handy heraus. Die Nachricht, die sie tippte, bestand nur aus einem Wort: Sonder.

Diana war es, die sich den Namen für Aries und Richards Firma ausgedacht hatte. Sonder – ein Wort aus einem Internetphänomen namens Dictionary of Obscure Sorrows, das »Wörterbuch der obskuren Kümmernisse« – beschrieb den Zustand, wenn einem plötzlich aufging, dass alle anderen um einen herum eine Realität erlebten, die genauso tief und komplex war wie die eigene. Das konnte einem auf einer belebten Straße passieren oder in der U-Bahn oder – wie es Diana oft erging – am Flughafen. All diese vielen Menschen, und alle hatten eine Vergangenheit und eine Zukunft, Hoffnungen und Ängste, Freunde und Feinde, Liebe und Leiden.

Sie setzte ein Emoticon hinter ihre Nachricht, das strahlende Gesicht mit den roten Wangen, aber dann fiel ihr ein, dass es zu Hause beinahe Mitternacht war und Arie sicher schon schlief, und sie verschickte sie lieber doch nicht. Sie wollte nicht, dass er aus dem Schlaf gerissen wurde, im Bett hochfuhr und hektisch nach dem Handy tastete. Sie wollte nicht, dass er sich Sorgen machte. Sie konnte ihm die Nachricht auch später noch schicken, dachte sie, denn in diesem Augenblick war Diana Clare eine Frau, die glaubte, noch mehr als genug Zeit zu haben.

Sie steckte das Handy wieder ein und beobachtete die Menschen um sich herum. Ein kleines Mädchen fiel ihr auf, mit großen braunen Augen und unglaublich langen schwarzen Haaren, das stolz den Griff seines funkelnagelneuen Marienkäferkoffers ganz fest umklammerte. Sie sah ein hübsches, skandinavisch aussehendes Paar, das in der Schlange stand, beide mit einer Baby-Björn-Trage vor der Brust, in der je ein winziges, weißblondes Baby schlummerte. Die beiden frischgebackenen Eltern waren sichtlich übermüdet, aber anscheinend auch entschlossen, trotz aller Erschöpfung die Zähne zusammenzubeißen.

Diana bewunderte die Flugbegleiter hinter dem Schalter, alle mit silbernen Pleiaden-Sternen-Ansteckern am tadellosen marineblauen Revers. Sie konnte ja nicht ahnen, dass die Crew schon eine ganze Woche unterwegs war und dass dies der letzte Flug auf ihrem Dienstplan war. Sie konnte auch nicht wissen, dass sie viel zu spät am Flughafen angekommen waren, weil ihr Crew-Bus wegen des Zusammenpralls eines Motorrads mit einem Lieferwagen auf der regennassen Autobahn im Stau gestanden hatte. Mit den untadelig gebügelten Hemden und Blusen, den auf Hochglanz polierten schwarzen Schuhen, die Frauen mit sorgfältig frisierten, festgesprühten Dutts, die Männer mit frisch rasiertem Kinn, merkte man ihnen nichts an von der Hektik, mit der sie nun die Passagiere abfertigen mussten, um ihre anvisierte Abflugzeit um 10 : 35 Uhr einhalten zu können.

Diana zeigte im Vorbeigehen Pass und Boardingkarte, dann ging sie die Fluggastbrücke hinunter und stieg in den Flieger. Die Luft drinnen schmeckte noch nach der Hitze und Feuchtigkeit draußen. Diana konnte sich kaum vorstellen, im Morgengrauen am Flughafen Charles de Gaulle auszusteigen und dort Mantel, Mütze und Handschuhe zu brauchen. Zu ihrer Freude hatte sie einen Fenstersitz und den Luxus, dass der Platz neben ihr frei blieb. Und was noch besser war, die Dame am Gang, die gerade einen teuren Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung aufsetzte, machte keinerlei Anstalten, sich mit ihr unterhalten zu wollen.

Jenseits des Bullaugenfensters, am anderen Ende der nassen geteerten Startbahn, zuckten Blitze grell über den dunklen Himmel. Diana schaltete weder den Fernseher ein, noch schlug sie ein Buch auf, um darin zu lesen. Stattdessen wickelte sie sich in die dünne blaue Airline-Decke, stopfte das Kissen zwischen sich und die Armlehne, damit ihre Hüfte ein bisschen gepolstert war, und schloss dann die Augen. Als das Flugzeug sich schließlich schwerfällig vom Boden löste und in den Himmel schwang, war sie schon fast eingeschlafen.

Ein umgelegter Schalter.

Mehr war es eigentlich nicht – ein in die falsche Richtung umgelegter Schalter, der der Crew vermutlich aufgefallen wäre, hätten die Flugvorbereitungen nicht so überhastet stattfinden müssen. Aber all das würde Diana nie erfahren. Sie würde nie erfahren, dass ihr Flugzeug kurz zuvor aus Peking kommend gelandet war und die Crew eine eingefrorene Dichtung an der hinteren Tür gemeldet hatte. Sie würde nie erfahren, dass ein Bodenmechaniker die Kabinendruckregelung zur Wartung auf »manuell« umgestellt und anschließend vergessen hatte, den Schalter wieder auf »auto« umzulegen. Und sie würde auch nicht erfahren, dass, weil das System auf manuell stand, die Ventile, die die Luftzufuhr in der Kabine regelten, genau in der Stellung blieben, in der sie waren, nämlich ganz leicht geöffnet, sodass, als das Flugzeug langsam in den Nachthimmel stieg, immer mehr Luft unerkannt aus der Kabine nach draußen strömen konnte.

Es gab viele Gründe für »hätte, hätte«. Im Cockpit schrillte ein Alarm, als der Flieger weiter stieg, um den Kapitän und seinen Co-Piloten vor dem zu niedrigen Kabinendruck zu warnen. Hätte der Warnton doch nur nicht genauso geklungen wie die Start- und Landekonfigurationswarnung, die die Piloten routinemäßig vor jedem Start überprüften. Hätten die Piloten doch nur nicht wertvolle Minuten im Cockpit mit diesem ohrenbetäubenden Tuten im Ohr verschwendet. Hätten sie doch nur erkannt, was wirklich geschah, statt Anfragen an die Wartungsleitstelle zu schicken, wie sich der vermeintliche Fehlalarm wieder abstelle ließe. Hätten sie doch nur ihre allmählich einsetzende Desorientierung bemerkt und die Sauerstoffmasken angelegt.

Grausame Ironie des Sauerstoffmangels ist, dass er die Fähigkeit des Gehirns herabsetzt, die fraglichen Symptome zu erkennen. Und während die Piloten immer benommener wurden, erwachte Diana aus ihrem Schlummer, weil sie das wachsende Unbehagen der Passagiere ringsum bemerkte. Außerdem war ihr eigenartig warm. Ihre Zehen kribbelten, und … wo sie jetzt so darüber nachdachte, fiel ihr das Atmen irgendwie schwer. Sie verstand nicht, dass sie und alle anderen im Flieger sich gerade in einem unbeschreiblich engen Zeitfenster befanden, das man – im Zusammenhang mit extremem Sauerstoffmangel – als TUC – Time of Useful Consciousness oder »den Zeitraum bei vollem Bewusstsein« – bezeichnete.