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»Wir sind aus dem Frühling gekommen«, sagt Babulya, und die junge Nanush weiß, dass ihre Urgroßmutter nicht nur von ihnen beiden spricht. Schon immer ist Babulyas Küche der Mittelpunkt aller Geschichten, der Ort, wo das Leben passiert für alle Menschen im Haus. Für Oma Elsa, die weder Hochdeutsch noch Russisch spricht, Felek, die aus Kurdistan geflüchtet ist, Vitali, der sich von seinem Hund beschützen lässt, oder Gregorij, der weiß, wie man Sonnenblumenkerne im Mund schält. Doch Babulya ist alt geworden, einst hat die Urgroßmutter ihre Urenkelin von Sibirien nach Deutschland getragen, nun deckt Nanush die alte Frau abends mit einer Steppdecke zu. Babulya verlässt kaum noch ihr Bett, die Hüterin der Erinnerungen ist still geworden, und die Hausgemeinschaft muss sich fragen, was es bedeuten könnte, wenn sie eines Tages nicht mehr da ist ...
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Seitenzahl: 159
Veröffentlichungsjahr: 2025
»Wir sind aus dem Frühling gekommen«, sagt Babulya, und die junge Nanush weiß, dass ihre Urgroßmutter nicht nur von ihnen beiden spricht. Schon immer ist Babulyas Küche der Mittelpunkt aller Geschichten, der Ort, wo das Leben passiert für alle Menschen im Haus. Für Oma Elsa, die weder Hochdeutsch noch Russisch spricht, Felek, die aus Kurdistan geflüchtet ist, Vitali, der sich von seinem Hund beschützen lässt, oder Gregorij, der weiß, wie man Sonnenblumenkerne im Mund schält. Doch Babulya ist alt geworden, einst hat die Urgroßmutter ihre Urenkelin von Sibirien nach Deutschland getragen, nun deckt Nanush die alte Frau abends mit einer Steppdecke zu. Babulya verlässt kaum noch ihr Bett, die Hüterin der Erinnerungen ist still geworden, und die Hausgemeinschaft muss sich fragen, was es bedeuten könnte, wenn sie eines Tages nicht mehr da ist ...
Birgit Mattausch hat Germanistik und evangelische Theologie studiert. Zehn Jahre lang war sie Pfarrerin in Süddeutschland, seit 2017 arbeitet sie als Referentin in der pastoralen Aus- und Weiterbildung. Sie arbeitete mehrere Jahre in einer Gemeinde, der viele Aussiedlerinnen und Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion angehörten, und wohnte mit ihnen in einem Hochhaus.
Birgit Mattausch
Bis wir Wald werden
Roman
Ungekürzte Taschenbuchausgabe bei NAGEL UND KIMCHE
© 2023 Klett-Cotta – J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
© für diese Ausgabe 2025 NAGEL UND KIMCHE in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH
Valentinskamp 24, 20354 Hamburg
Covergestaltung von wilhelm typo grafisch, Zürich unter Verwendung des Originals von FAVORITBUERO, Buero für Gestaltung, München
Coverabbildung von JOANNA NIXON / Stocksy; DEEPOL by plainpicture / Dan Lepp; fhm / Getty Images
E-Book Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783312014033
www.nagel-kimche.ch
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberin und des Verlags bleiben davon unberührt.
Die Nacht ist eine bestickte Steppdecke. Ich lege sie vorsichtig über dich, Nanushkinia. Ich wickle dich hinein. Bis hierher trug ich dich. Bis zu diesem Haus. Diesem Aufzug. Dieser Tür. Diesem Zimmer. Diesem Bett. Ich trug dich in dieses Land. Hinter meinen Augen für immer die Birken, der Wind. Vor uns dein Leben, Kätzchen. Sollst es besser haben als ich. Nichts wissen von den Gräbern im Wald. Sollst Deutsche sein unter Deutschen. Du schläfst. Aus dem Koffer hole ich den Stern aus grünem Plastik. Ich hänge ihn an den Fenstergriff.
Jetzt sind wir da, meine Kleine.
Unser Haus hat 323 Fenster. Früher taten Nelli, Vitali und ich so, als wären die Fenster Augen: Etwa 87 von ihnen sind eigentlich immer geöffnet. Die geschlossenen haben Lider aus weißer Synthetikspitze, aus Fadenvorhängen, gelbem Satin, geriffelten Jalousien, grauen Rollläden. Manche haben Hornhauttattoos: Einhörner, Regenbögen, Sonnenblumen aus Windowcolours.
Direkt hinter den Augen: Orchideen aus Stoff. Rosen aus Plastik. E. T. in Plüsch will nach Hause.
Felek, Babulya, Lilli, Oma Elsa, Valentina – sie alle putzen die Fensteraugen regelmäßig. Um danach die Vorhänge wieder zuzuziehen. Um sie aufzuziehen. Die Fensteraugen zu öffnen und hinunterzurufen wie früher schon: Kommt! Es gibt Waffeln / Pide / Eis / Germanys Next Top Modell / Pelmeni / Hausaufgaben / Schlaf / ein Zuhause.
Wir wohnen in Babulyas Küche. Sie ist klein, und sie ist groß.
Klein, weil sie eine Hochhausküche ist. Ein in Beton gegossener Raum zu einer Zeit, als man Wohnküchen für überholt hielt und Fertiggerichte die Verheißung der Zukunft waren. Küchen wie Nischen in Raumschiffen. Eine Zeit, in der Babulya noch immer auf den Urgroßvater wartete und auf den Frühling, tausende, tausende Kilometer entfernt von diesem Ort hier, an dem die Betonplatten zu dem zusammengesetzt wurden, was dann ihre Küche war.
Groß, weil es eben Babulyas Küche ist. Das Herz unseres Hauses. Oder sein Magen. Seine Vorratskammer. Vollgestopft mit Salzgurken, Schinken, dem Samowar. Mit von der Decke hängenden Büscheln von Salbei. In den Hängeschränken Fische in Dosen. Tomatenpflänzchen am Fenster.
Die Küche hat einen Tisch, um den wir sitzen und Wareniki rollen und kleben, Tee trinken, Zwiebeln hacken, deshalb weinen; an dem ich früher Hausaufgaben machte und Vitali sie von mir abschrieb – und eigentlich war das alles gar nicht möglich. Denn die Küche war viel zu klein für all das und ist es noch.
Gut möglich dagegen, dass Onkel Wladi eine Wand mit dem Vorschlaghammer herausgehauen hat, dass Oma Elsa gesagt hat Ihr sejd verrieckt. Wenn das Haus zusammafälld!, dass das Haus nicht zusammengefallen ist, dass überhaupt niemand es bemerkt hat, denn schließlich ist es verboten, Küchen größer zu machen.
Gut möglich aber auch, dass wir eingezogen sind und Babulya sagte: Hier ist die Küche. Den Herd hierher, Wladi. Dass Onkel Wladi sagte: Das ist das Wohnzimmer, Babulya. Und Babulya: Wer braucht ein Wohnzimmer, das so groß ist? Und Onkel Wladi: Das ist Deutschland, Babulya. Und Babulya: Hier ist die Küche. Und Onkel Wladi hat gehorcht und die Kabel verlegt, die Wasserleitungen umgeleitet, den Herd herübergeschleppt.
Gut möglich aber auch, dass es die Luft aus Sibirien war (eine Luft mit dem Geruch von Birkenharz in der Sonne, eine Luft wie eben geschmolzener Schnee) – Babulya hatte sie mitgebracht in ihrem Haar, unter dem Kopftuch, in ihren Lungen, ihrem Koffer mit den Töpfen darin. Und diese Luft verrückte die Wände der kleinen Hochhausküche, so dass sie groß wurde und Platz hatte für den Tisch, die Fischdosen und vor allem für die Geschichten, die Babulya erzählte, Valentina, Oma Elsa, Lilli, später auch Felek. Geschichten, denen Vitali, Nelli und ich zuhörten, während wir unterm Tisch saßen und uns von Gregorij zeigen ließen, wie man Sonnenblumenkerne im Mund schält.
Die Geschichten begannen mit Schwänen und Brennnesseln, gingen über zu Prinzessinnen in Schlössern aus Eis, sie machten kleine Abbiegungen Richtung Meer und endeten mit einer Hochzeit. Andere erzählten von schiefen Augen und einem Güterwaggon. Von Säcken mit Zement und einem Stempel auf einem Papier. Sie kannten einen rot angemalten Tisch, diese Geschichten. Ein Kleid mit einer Spitzenborte und eine getrocknete und in einer Bibel gepresste Blume, die Wunder tat – wenn die Taube um zwölf auf dem Giebel des Daches gurrte. Nur dass unser Haus ein flaches Dach hat, und weit und breit kein Giebel ist.
Nur dieser Tisch und diese Küche. Der Mittelpunkt unseres Universums. Ein winziger Punkt, um den die Planeten kreisen, die Sterne und Sonnen. Denn kann es Besseres geben, als um einen Ort voller Salbei, Salzgurken, eingelegtem Schaschlik zu kreisen? Einen Ort, an dem die Butter nie ausgeht und an dem Babulya mich auf ihren Schoß zog und mich, wenn ich einnickte, in die bestickte Steppdecke wickelte, in der ich auf der Küchenbank weiterschlief, umgeben von den Stimmen der anderen und dem Geruch nach Mehl und Hefe.
Es gibt die eine Geschichte und die vielen.
Die eine: Wir wanderten aus, wir bauten Häuser, wir waren fleißig und rechtschaffen. Dann verfolgt. Dann verstreut. Dann zurück. Fertig. »Deutsche aus Russland: Sie waren Deutsche, und sie sind Deutsche.«
Die eine: Wir waren Russen, aber ohne Bildung, ohne Dostojewski, Tolstoi, Tschaikowski. Dann holte uns Kohl, weil *irgendetwas mit einem Deutschen Schäferhund*, wir waren undankbar, kriminell und bekamen Geld und Kredite für viel zu große Häuser.
Die vielen: Oma Elsa mit ihren deutschen Wörtern und Gewohnheiten des 18. Jahrhunderts. Babulya mit immer noch Sibirien im Haar. Olga, eingeheiratet. Onkel Wladi, nie eine Gratifikation, weil zu deutsch. Onkel Heinrich Soder, Held der sowjetischen Landwirtschaft.
Babulya
Geboren: im Schnee
Frühe Kindheit: winters am Feuer, sommers im Wald, lernt die Sprache der Zauberer
Jugend: fliegt mit den Schwänen
Spätere Jugend: liebt den Bär, folgt dem Mond,
wird schwanger, hört auf, Schnee zu sein und
Schwan und Wald
Feststellung: Viele Jahre später brachte ich das Kleid aus Brennnessel und Schwanengefieder über die Grenze. Frag mich nicht wie, mein Kätzchen. In meinen Gedanken.
P. S.: Wenn ich sterbe, zieh es mir an. Dann werde ich fliegen. Und du hast kein Müh mit dem Grab.
Als Onkel Wladi den deutschen Boden betrat, da war der deutsche Boden ein Stück Asphalt. Auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen.
Onkel Wladi hatte seine Aktentasche in der einen Hand und Tante Irina an der anderen, so stieg er die Treppe vom Flugzeug hinunter. Eine Stufe nach der anderen, die Füße in braunen Schuhen, gekauft in Novosibirsk. Von Weitem sahen die beiden vielleicht aus wie John F. Kennedy und Jackie – nur die sowjetische Variante (für die Hiesigen) oder die russlanddeutsche (für uns). Wir werden es nie wissen, denn es war niemand da, der von diesem Moment ein Foto machte.
Es ging alles so schnell, Nanushka, ich dachte noch: jetzt! Und dann war es vorbei und jemand rief: Gehen Sie weiter! Und dann das Gepäck.
Der deutsche Boden war erst Asphalt, dann Linoleum. Er war ein Bahnsteig, dann eine Straße, ein Lager. Der deutsche Boden war Friedland. Und die gelben Fliesen bei Aldi. Erst später war er Parkett in kleinen Quadraten, war Teppich, war Weg bis zur Tür des eigenen Hauses, sogar Waldboden war er und Wiese. Er war aber nie das, was Onkel Wladis Vater versprochen hatte: ein Heimkommen wie in deiner Mutter Schoß, ein Ort ohne Fragen und ohne das Wort Fascisti.
Wobei: Fascisti waren Onkel Wladi, Tante Irina, Babulya, Oma Elsa, Valentina, Nelli, Vitali und ich nicht mehr. Jetzt waren wir die Russen. Die ersten dreißig Jahre etwa waren wir das. Bis einige von uns anfingen, eine Partei zu wählen, die kein Problem hatte mit Fascisti, Putin und dem Gedanken, dass der deutsche Boden mehr war als Asphalt und Wiese. Wir wurden russische Fascisti oder: faschistische Russen oder: die, die man aufgenommen hat wegen eines deutschen Schäferhundes im Stammbaum und die jetzt …
Wie können sie so dumm sein und die wählen! (Ich. Zu Vitali. Zu Babulya. Zu Nelli. Oma Elsa.)
Lass die Männr ieber Palietijk rede, Nanushka! (Oma Elsa)
Haben wir noch Tee im Haus, Kätzchen? Geh schauen für mich. (Babulya)
Weil sie alles glauben, was auf Facebook steht. (Nelli)
Ach, Nanush, du kennst sie doch. (Vitali)
Nicht alle sind so. (Lilli)
Onkel Wladi frage ich nicht. Ich will die Antwort nicht hören.
Wenn ich morgens aufwache, denke ich an all die Menschen in unserem Haus.
16 Stockwerke à 5 Wohnungen. Ich kenne beinahe alle, die hier wohnen. Höre, sehe, rieche sie durch den Beton hindurch.
Die baptistischen Familien mit den vielen Kindern, die Mädchen immer in Röcken. Im Aufzug schauen sie zu Boden, und ich spüre ihre Verachtung wie ein ausgeklapptes Messer. An den Sonntagen und an den Mittwochen gehen sie in die Bibelstunde zu Bruder Rudolf.
Dann tragen die Frauen durchsichtige Kopftücher auf ihren Haaren, und die Kinder sind noch ein bisschen stiller als sonst.
Und die anderen. Ich weiß, dass Mirna aus dem 8. Stock heute bei Jacquie aus dem fünften übernachtet hat. Höre sie kichern unter Bettdecken, wie Nelli und ich es früher taten. Erinnere mich an die Wärme unserer Körper.
Ich denke an die Alten, deren Rollatoren unten zwischen den Kinderfahrrädern stehen und die immer ein Stück Schokolade dabei haben für alle, auch für mich. Ich sehe, höre, rieche sie, allein in ihren Wohnungen. Oder in den Zimmern, die sie sich mit ihren Enkelkindern teilen.
12 Stockwerke unter mir: Babulyas Küche
Schnee wie Milch
Milch wie Schnee
Nudelsuppe wie Regen
Wie Wolken: Sahnebaiser
Grüner Wackelpudding wie Wälder
Einmal steht ein Ferrari vor unserem Haus – eine solche Farbe haben Babulyas Hände, wenn sie Rote Bete schneidet.
Die kleinen Maiskolben aus dem Glas sind hellgelb. Wie das Geräusch, das sie machen, wenn ich hineinbeiße.
Ketchup (mit U gesprochen) auf den Pelmeni
(wie Berge im Abendrot)
Schaschlik wie eckige Flusskiesel
Ich sehe Einbauschränke, Samowars und Felek, wie sie mit einem Oklava, einer Art Besenstiel, den Teig ausrollt. Später wird sie die Kinder wecken, dann die braune Strickjacke anziehen und putzen gehen.
Ich höre Frau Rappard im Erdgeschoss mit dem Blechlöffel in der Tasse rühren. Es ist die Tasse mit den vierblättrigen Kleeblättern. Höre eine Flasche umfallen in einer der Werkstätten, die die Männer sich weit unten in den Tiefgaragen eingerichtet haben. Mit einem Kofferradio und einem Kasten Bier. Die einzigen Orte im ganzen Haus ohne rosa Plastikblumen.
Hier oben, direkt unter meinem Bett, haben die beiden aus dem 15. Stock einmal die Woche Sex. Immer Samstagmorgens. Um 8. Oder vielleicht auch nicht beide – sondern nur er. Zumindest höre ich nur eine Stimme, eine Art von Keuchen. Aber das muss nichts bedeuten.
Ich bin meistens allein. Die Männer, die ich kenne, bleiben selten über Nacht. Und der Gedanke an Haus und Kinder, an Einbauschränke und selbst gebackenes Brot ist ihnen fremd wie ein fernes Land. Oder aber sie haben all das schon gehabt und wollen es nicht mehr.
Wenn sie gehen, öffne ich das Fenster. Dann stürzt der Himmel in mein Bett, mal blau, mal schwarz oder grau. Die Muttermale auf meinem nackten Körper sind Sterne. Milchstraßen. Planetenkonstellationen. Und ich stelle mir vor, Jurij Gagarin in Uniform stiege direkt aus seinem Raumschiff zu meinem Fenster herein, legte seinen Kosmonautenhelm auf die Kommode mit meinem Plastikschmuck, ginge in die Küche und kochte mir Kaffee.
Ich, Nanushka
Geboren: Im Jahr vor dem Jahr der Reise
Frühe Kindheit: eingewickelt in den Mantel aus Fell
Jugend: eingewickelt in Babulyas Welt und in die Bücher aus der Stadtbibliothek
Spätere Jugend: bricht mit Vitali den Zigarettenautomaten am Ende der Sackgasse auf, trägt dabei den Steppenwolf in der Tasche des blauen Anoraks, wird Wald, wird Feld, wird Jahrgangsbeste
Feststellung: Ich lernte, ohne Akzent zu sprechen, ohne Akzent mich zu kleiden, zu schlafen, zu essen. Ich trieb mir die Wörter aus. Babulyawörter, die schmeckten wie Smetana und wie die kleinen gesalzenen Fische aus dem Laden, in den ich nicht mehr ging.
P. S.: Wenn der Wind russisch spricht, hör nicht hin.
Hör doch hin.
Jede Wohnung in unserem Haus hat einen Balkon. Manche zwei. Sogar Valentina und Vitali haben einen Balkon, dabei wohnen sie im Erdgeschoss. Der Balkon hängt nur wenige Zentimeter über dem Boden, aber er ist da. Vitalis Hanteln liegen auf diesem Balkon. Und ein Wäscheständer lehnt an der Wand.
Auf Feleks Balkon steht ein Ofen, auf Oma Elsas wachsen Geranien. Auf meinem ist nur ein Stuhl, ein Tisch, der Staubsauger. Manchmal trage ich einen Sessel hinaus. Babulyas Balkon ist im Sommer voll mit Pflanzen: eine Palme, ein Drachenbaum, Birken, die aus den Samen gewachsen sind, die der Wind brachte, Tomatenstauden natürlich, Giersch. Auf einem kleinen Regal: Petersilie, Dill, Basilikum aus dem Supermarkt, aber mittlerweile groß wie ein Strauch, die Wände hinauf Wein. Zwischen all dem ihr Liegestuhl mit den orangefarbenen Blumen auf Frotteestoff. Der Liegestuhl ist viel älter als ich, es gibt ihn länger, als wir in Deutschland sind. Babulya hat ihn von irgendjemandem geschenkt bekommen, kurz nachdem wir eingezogen sind (Was brauuchscht du eijn Liegestuuhl, Babulya? Du liagst doch ned. (Oma Elsa)) Babulya legt einen Sack Erde darauf, um sich nicht so viel bücken zu müssen. Ihre Hacke. Einen Blechlöffel. Und früher mich.
In dem Sommer, in dem Babulya viel schläft und, wenn sie wach ist, Bären sieht, sitze ich oft in diesem Liegestuhl. Morgens mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Abends mit Bier, später Wodka (Kann es sein, dass du zu viel trinkst, Nanush? Ja. Es kann sein. Aber ich würde es nicht zugeben. Nicht einmal vor Vitali.). Der Himmel ist sehr blau in diesem Sommer, auch abends noch. Die Krähen davor wie fliegende Fetzen von verkohltem Papier (die Buchstaben sind verbrannt, die Geschichten nur noch ein ferner Klang in unseren Köpfen). Der Balkon ist aus Beton wie unser ganzes Haus. Und er schwankt unter mir, wie unser ganzes Haus schwankt. Weil die Erde sich dreht und der Wodka. Der rechteckige Balkon verformt sich. Würde ich mich jetzt weit genug vorlehnen über die Brüstung, dann wäre alles weich, und ich fiele in einen Frühling in Sibirien. Aber ich tue es nicht. Jetzt sind wir hier, Babulya. Jetzt sind wir hier, Nanushkinia. Sage ich zu mir selbst.
In den Fluren vor unseren Wohnungen stehen kleine Hocker mit Monstera, Grünlilien, Gummibäumen (wie in den hippen Cafés in der großen Stadt, nur dass weder Babulya noch Oma Elsa noch Felek oder sonst jemand weiß, dass auch Pflanzen in Mode sein können). In den Töpfen Maulwürfe aus Keramik.
An den Wänden hängen Puzzle-Bilder »1000 Teile, Welpenglück«, »2000 Teile, Sternennacht van Gogh«, »5000 Teile, Abends am Hafen«. Und auf Holzplatten aufgeklebte verblasste Drucke mit Bildern, vielleicht vom Schwarzwald, vielleicht aus Sibirien.
Auf unseren Fußmatten steht »Welcome«, »Home« und »Mallorca«.
In jedem Stockwerk riecht es anders. In einem nach Zwiebeln. In einem anderen nach Rauch und Aftershave.
Früher haben Babulya, Oma Elsa und Valentina Klappstühle in die Flure gestellt. Auf denen saßen sie, tranken Tee und schauten Vitali, Gregorij, Nelli und mir zu, wie wir auf unseren Bobbycars und Dreirädern übers Linoleum flitzten.
Heute dürften genau genommen nicht einmal die Schuhe von Vitali auf dem Flur stehen, ganz zu schweigen von den Pflanzen, Hockern, Maulwürfen: Brandschutz. Aber zum Glück sagt der Hausmeister Herr Rappard nichts. Frau Rappard putzt um die Hocker herum. Immer dienstags. Wenn ich dann von der Arbeit komme, sind meine und alle Fußmatten an die Wand gelehnt: Welcome home, Mallorca!
Ich schließe die Tür auf, gehe hinein. Ich ziehe die Schuhe aus (nie würden wir in Schuhen durch eine Wohnung laufen, ich kann immer nicht fassen, dass die Hiesigen das tun), hänge den Anorak an die Garderobe. Ein paar Minuten stehe ich dann nur da, mit geschlossenen Augen, und warte, dass all die Geräusche und Gerüche und Farben des Tages in meinem Kopf weniger werden. Die Stimmen der beiden Kundinnen, die sich beschweren über den Zustand der Zwiebeln und den der Welt insgesamt, das Parfüm der Kolleginnen im Pausenraum, die orangefarbenen Aufkleber auf dem Käse aus dem Sonderangebot, den ich über den Scanner ziehe. Der Hall von all dem wird weniger und weniger, während ich dastehe, weniger und weniger, bis es ganz still ist und ich die Augen wieder öffne.
Welcome home, Nanush.
Babulya liebt mich und den Urgroßvater (wie ein Bär war er, mein Kätzchen, wie ein Bär und seine Augen). Mome liebte die Freiheit. Großmoder die Ordnung. Ich liebte früher und auch jetzt Kakao, so wie ihn die Hiesigen machen. Valentina liebt Vitali. Der alte Herr Ebinger die Erinnerung ans Fliegen und die Elegien Hölderlins. Vitali liebt das Gefühl, nie mehr der Schwächere zu sein. Felek liebt ihre Kinder und mich auch. Der Mann, den ich in Trainingskleidung und Schuhen, auf denen er balanciert, im Aufzug treffe, liebt das Radfahren. Seine Frau das Geräusch ihrer eigenen Schritte in der leeren Wohnung. Herr P. aus dem anderen Haus liebt im Grunde nur sich selbst, aber Babulya sagt, das stimme nicht, er liebe niemanden und nichts. (Aber, Babulya, man kann nicht leben, ohne zu lieben./ Da hast du recht, mein Kätzchen. Vielleicht täuscht deine Babulya sich, und er liebt auch etwas. Den Gedanken daran, dass er klüger ist als wir.) Eugen liebt Putin und das Vaterland. Bruder Rudolf liebt die Heilige Schrift, sein Sohn Alexander auch, aber noch mehr liebt er das, was passiert, wenn er bei Gregorij ist. Gregorij liebt den Moment, wenn er ein gutes Geschäft gemacht hat. Nelli jenen, wenn der Schmerz nachlässt. Lilli liebt ihren Mann. Und ihr Mann sie, auch wenn er es nie sagt. Oma Elsa liebt ihre Enkelkinder und ihre Urenkelkinder und überhaupt alle Kinder in unserem Haus und außerdem Sahne aus der Dose zum Sprühen.
