Bisons im Winter - Franz Böni - E-Book

Bisons im Winter E-Book

Franz Böni

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Beschreibung

Der Lebenskampf eines Schriftstellers Franz Böni verbringt einen eiskalten Winter in einem Haus im Tösstal. Danach unternimmt er eine lange Schiffsreise nach Casablanca. Begegnungen mit Schriftstellern und Verlegern tauchen vor seinem geistigen Auge auf. In zwei kämpfenden Bisons in Wyoming sieht er das Sinnbild für einen Schriftsteller, der vierzig Jahre lang allein mit seinem Werk kämpft. "In Ihrer besonderen Eigenart fühle ich mich mit Ihren Texten verwandt, ich in meiner ganz anderen Eigenart. Das Licht ist es, was mir durch Ihre Bücher eine Art Vertrauen gibt, ein düsteres schimmerndes Seitenlicht, das ich auch gern hätte, manchmal. Bei mir ist das Licht, so will es das Schreiben, klar, undurchdringend und wird mir selber immer wieder in der Arbeit zu viel - als ob es die Dinge und mich entstofflicht. Da fühle ich mich dann in Ihrem Dämmerlicht wohl." (Peter Handke)

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EPUB

Seitenzahl: 102

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und -auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2011 novum publishing gmbh
ISBN Printausgabe: 978-3-99003-316-6
ISBN e-book: 978-3-99026-322-8
Lektorat: Dr. phil. Ursula Schneider
Umschlagfoto: Olivier Le Queinec | Dreamstime.com
Gedruckt in der Europäischen Union auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtem -Papier.
www.novumpro.com
AUSTRIA · GERMANY · HUNGARY · SPAIN · SWITZERLAND
Vorwort
Die Sonne geht auf, scheint ein wenig.
Die Sonne geht unter und kehrt nie mehr zurück.
Geronimo
Seit zwei Monaten eine mörderische Kälte. Minus 5 oder höchstens 0 Grad. Temperaturen wie gewöhnlich im Januar. Doch dann wäre man an die Kälte schon gewöhnt. So kam die Kälte über Nacht. Denn dieser Winter begann schon Anfang November mit Temperaturen unter null und Schnee. Dabei hatte es im Mai noch geschneit und man wartete eigentlich auf den Sommer. Aber der hat nicht stattgefunden. Wir waren nie in den Ferien. Im Juli wurden es nur 18 Grad, im August begannen die Herbstnebel. Dann immer weiter Nebel und ich litt ständig unter Asthma.
2.1.06
Telani, unser Hausmeister in Winterthur, ging mit 60 mit seiner Frau ins Tessin. Erst heute weiß ich, welchen Mut und welche Kraft man dazu braucht, um nochmals bei null anzufangen. Auch Urs A., der Winterthurer Kunstmaler, der sein ganzes Leben in dieser Stadt verbracht hatte, ging im Alter von 53 mit Frau und Kind nach Ascona. Seine Heimatstadt Winterthur hatte ihm als Kunstmaler nie etwas gegeben. Bis 50 hofft man ja immer noch. Ich habe ja auch nichts erhalten und bin schon 54. Dann unser Nachbar in der Zuger Altstadt. Er hatte eine kleine Spenglerei. Mit 60 verschloss er die Werkstatt. Er kannte niemanden. Ganz allein zog er ins Tessin. Patricia Highsmith, die aus Texas stammte, wohnte zuerst in Pennsylvania, dann in Positano, anschließend bei Paris. Mit 70 zog sie ganz allein nach Tegna bei Locarno, wo sie auch starb. Niemand besucht ihr Grab. Wie viel Kraft so eine kleine Frau gehabt haben muss! Ich bin erst 54 und hätte nicht diese Kraft. Diese Zeit überlebe ich nur dank der Vorfreude auf die Kreuzfahrt nach Madeira im April.
3.1.
Am Boden die Feuchtigkeit des Schnees und am Himmel die des Nebels und ich mit meiner chronischen Bronchitis dazwischen. Ich kann kaum atmen, habe vom Nordwind Kopfschmerzen und drei Stunden von hier, in Lugano, hat es 10 Grad und blauen Himmel. Im Dezember waren wir im Tessin und konnten am See in der Sonne auf der Bank sitzen, ebenfalls bei 10 Grad.
4.1.
Arlati litt an Borderline. Manchmal konnte er die Wirklichkeit nicht von seiner Wahnvorstellung unterscheiden. Er kam daher und redete wirres Zeug. Meine Freundin sagte dann: „Heute kann man mit ihm nicht vernünftig reden.“ Er erzählte dann immer, er werde verfolgt. Gestern sei er in einem Café gesessen und da sei ein Mann hereingekommen und habe ihn angeblinzelt. Heute sei er in einem anderen Café gewesen, da sei wieder derselbe Mann gekommen und habe den Namen „Brigitte“ genannt. Er wisse, dass er vor zwanzig Jahren ein Verhältnis mit der Dichterin Brigitte Meng gehabt habe. Oder er schickte mir eine Ansichtskarte, in welcher er mich beschimpfte und beleidigte. Am nächsten Tag rief er dann an und entschuldigte sich. Er wisse auch nicht, was los gewesen sei, er habe an jenem Tag eine Krise gehabt und habe einfach das Bedürfnis gehabt, jemanden zu beschimpfen. Einmal rief er nachts um 2 Uhr den Verleger Unseld in Frankfurt an und beschimpfte ihn. Unseld traf sich im folgenden Monat mit Arlati in Zürich und erklärte ihm, dass er keine Bücher mehr von ihm verlegen werde. Arlati wechselte dann zum Rauhreif Verlag, wo er nur noch halb so viel verkaufte.
8.1.
Immer noch minus 5 Grad. Jeden Tag Bronchitis und Kopfschmerzen.
Zum ersten Mal hatte ich Asthma als Jugendlicher in der Spinnerei. Die Luft war dort angefüllt mit Baumwollstaub. Die Lungenschwäche kommt vom Einbrechen ins Eis. Ich stand damals bis zum Hals im Wasser und musste dann bei Minustemperaturen platschnass etwa 500 m nach Hause gehen. Seither ist meine Lunge geschwächt.
Arlati war die ganze Kindheit über krank. Er erzählte einmal, die anderen Kinder hätten ihn in Altstetten ständig gehänselt. Einmal zum Beispiel, weil er mit dem Vater am Mai-Umzug teilnehmen musste. Dann, weil er aus der italienischen Schule mit der Schuluniform heimkam. Er litt auch unter seiner Nase, denn er hatte sich angeblich als Kind im Keller mit einer Klinge die Nasenspitze abgeschnitten. Die Narbe sah man heute noch.
Wenn ich ihn traf, sagte er immer, er trinke seit drei Monaten nichts mehr. Aber immer an diesem Tag gönnte er sich ein Glas. Er meinte dann, ein Glas gelte nicht. Das könne er schon trinken. Doch er belog sich selber, denn er trank dann noch eins und noch eins. Ich verabschiedete mich dann gegen 17 Uhr und ging nach Hause zu meiner Freundin. Ich begleitete ihn ins Zentral, wo er den 3er zur Kalkbreite hätte besteigen müssen. Ich nahm meine Straßenbahn, sah aber beim Wegfahren, dass er das Tram zum „Pfauen“ nahm, wo er bis morgens weitertrinken würde.
Was sollte er zu Hause? Er hatte kein Heim, nur eine Kammer, 8 x 2 m groß, an der Zentralstraße. Davor hatte er eine 1-Zimmer-Wohnung in Höngg gehabt, danach eine Mansarde beim Restaurant „Drei Linden“ am Klusplatz. Er sagte immer, dass er früher im „Pfauen“ verkehrt habe, diesen Leuten aber nicht mehr begegnen wolle. Doch er besuchte immer noch den „Pfauen“. Wenn er betrunken war und keine Straßenbahn mehr fuhr, ging er zu seiner Freundin, der Schauspielerin Ruth Wyler und klopfte an die Tür. Sie war eine herzensgute Frau und ließ ihn bei sich übernachten. Sie hatte ihm 1989 auch eine Wohnung in Baden besorgt.
9.1.
In letzter Zeit ist viel vom Phänomen des „Stalking“ die Rede. Doch es gab schon immer Stalker. So hat Patricia Highsmith schon 1958 einen Roman unter dem Titel „Der süße Wahn“ über einen Stalker geschrieben. Der Hollywood-Film „Cable Guy“ mit Jim Carrey handelt davon. Ein Fernsehtechniker repariert bei einem jungen Mann einen Fernseher und tut so, als wären sie dicke Freunde. Am nächsten Tag steht er wieder vor der Tür. Später kommt er plötzlich in dessen Firma und tut so vor allen Mitarbeitern, als seien sie dicke Freunde, obwohl sie es gar nicht sind.
Diese Geschichte ist gar nicht so ungewöhnlich. Etwas Ähnliches habe ich 1992 erlebt. Ich ließ einen Computertechniker kommen, weil mein Computer nicht funktionierte. Es war ein seltsamer Typ, lebte immer noch bei seiner Mutter draußen am Stadtrand in Zürich-Neuaffoltem. Er sah aus wie ein Serienmörder, geiferte, wenn eine schöne Frau im Bikini auf dem Bildschirm zu sehen war, machte anzügliche Bemerkungen und blinzelte mir zu. Er tat so, als würde er mit mir am Samstagabend ausgehen, um Weiber aufzureißen. Sicher hatte er noch nie eine Frau gehabt.
Einen Monat später ging mein Computer wieder nicht und er kam leider noch einmal in meine Wohnung. So entstand eine gewisse Vertraulichkeit. Er rief nun jede Woche an und fragte, ob alles funktioniere oder ob ich mit ihm ein Computerprogramm einrichten wolle. Ich lehnte immer ab und schließlich musste er akzeptieren, dass ich nicht sein Freund war. Doch offenbar hatte er seiner Mutter schon erzählt, dass er mich zum Freund habe. Denn von da an ging immer wieder das Telefon, und wenn ich abnahm, hängte er auf. Er wollte nur meine Stimme hören. Nach fünf Jahren sprach ich ein Machtwort. Da kam tatsächlich ein Brief mit dem Inhalt, er beende nach fünf Jahren unsere Freundschaft, die es ja nie gegeben hatte. Dann rief er noch ein Jahr lang an, bis jeweils meine Freundin ans Telefon ging. Da gab er endlich auf.
Auch meine Freundin wurde 1984 von einem Stalker verfolgt. Sie erzählte damals, dass ihr ein Mann nachgehe, wenn sie auf der Müllerstraße nach Hause komme. Erst glaubten wir an einen Zufall. Schließlich fand er heraus, wo wir wohnten. Ich war in dieser Zeit gerade für zwei Monate in Amerika. Er kam nun jeden Samstag, nachts um 2 Uhr, und klingelte an der Tür. Meine Freundin fürchtete sich und öffnete nie. Als ich wieder zurück war, klingelte es wieder um 2 Uhr. Ich ging nachschauen. Es war tatsächlich der beschriebene Mann. Ich öffnete und fragte ihn, was er wolle. In diesem Augenblick wurde wohl seine Vorstellung, dass in dieser Wohnung eine Frau allein lebe, zerstört. Er kam nie wieder.
10.1.
Minus 34 Grad in La Brevine, dem schweizerischen Sibirien.
Ein seltsames Leben hatte der Michel. Da er Vollwaise war, war er froh, als er heiraten konnte. Dann musste er aber in Netstal, wo Ludwig Hohl immer bergsteigen ging, in der Spinnerei arbeiten. Das hielt er nicht lange aus. Er ließ sich scheiden und zog nach Zürich, wo er als Kellner arbeitete. Auch das fand er zu anstrengend. Mit 27 Jahren wurde er Frührentner. Er arbeitet nur noch aushilfsweise und lebte sein ganzes Leben lang nur in einem Zimmer, um die Lebenskosten niedrig zu halten. Als ich ihn kennenlernte, war er 46. Er imponierte mir. Er lebte von der Hand in den Mund und war ein Lebenskünstler. Er schaffte es auch, ein Zimmer so einzurichten, dass man sich wohlfühlte, wenn man zu Besuch kam. Zuletzt hatte er als Zettelverteiler etwas Geld verdient. Jetzt arbeitet er bei „Toni“, wo er Käse wägen musste im Käsekeller.
Das letzte Mal, als ich ihn traf, erzählte er, dass er sich beim Tages-Anzeiger als Einlader beworben hätte. Morgens um fünf sei er zum Tages-Anzeiger in die Speditionshalle gewandert. Dort hätten die Angestellten gebückt Zeitungsstapel herumbugsiert. Ein großer, kräftiger Aufseher sei nervös in der Halle auf und ab gegangen und habe auch durch das Fenster nach dem neuen Aushelfer Ausschau gehalten. Da sei er, Michel, gleich wieder umgekehrt und nach Hause gegangen. Er habe gedacht, in einer solchen Halle könne er nicht arbeiten.
Ich sah ihn dann alle paar Jahre mal auf der Straße. Schließlich war er wieder mein Nachbar in der Rolandstraße. Er war jetzt pensioniert und lebte mit seiner Freundin in einer 2-Zimmer-Wohnung. Auch seine Freundin hatte nie viel Geld verdient, weil sie als Aushilfe in einer Kantine beschäftigt war und hauptsächlich Kochöl aus Fässern in Eimer abfüllen musste. Nun hätten sie beide eine Altersrente, erzählte er, und zum ersten Mal in seinem Leben habe er Geld und es gehe ihm gut.
11.1.
Immer wenn ich in die Küche gehe, um ein Glas kalten Tee zu trinken, fährt gerade das Postauto nach Bichelsee vorüber, was mich daran erinnert, dass es jetzt öfters fährt als in meiner Kindheit.
Gerhard Meier las ich zuerst 1970. Ich traf ihn dann bei einer Lesung 1978, wo er ein Buch für mich signierte und sagte, er freue sich über jeden neuen Leser. 1979 besuchten wir ihn dann in Niederbipp und ich erzählte ihm, dass von meinem ersten Buch 5.000 Stück verkauft worden seien. Er erwiderte, dass er schon froh sei über 1.000 verkaufte Exemplare des Buches „Der schnurgerade Kanal“. Es war seltsam für mich zu sehen, dass ich mit 27 Jahren schon erfolgreicher war als er mit 65. Etwa zwei Jahre später schrieb ich ihm und gratulierte ihm zu einem ausländischen Literaturpreis. Er teilte mir in einem Brief mit, dass ich der einzige Schriftsteller gewesen sei, der ihm gratuliert habe, was mich verwunderte.
12.1.
Wenn Arlati kam, sagte er gewöhnlich, dass er schon seit zwei Monaten nichts getrunken habe. Mich interessierte es nicht, ich hatte ihm nie geraten, weniger zu trinken. Bereits an diesem Tag griff er wieder zum Glas. Wenn ich gegen 15 Uhr einen Gespritzten trank, hatte er sich in derselben Zeit drei Gläser bestellt. Er hörte danach nicht auf bis nachts um 2 Uhr. Ich ging dann um 17 Uhr nach Hause und er sagte, er gehe auch nach Hause. In Wirklichkeit stieg er aber ins Tram, das zum „Pfauen“ fuhr. Das war sein Stammlokal. Wenn ich mit ihm in den „Pfauen“ wollte, sagte er aber jedes Mal, dort verkehre er nicht mehr. Vor zwanzig Jahren sei er hier verkehrt und daran habe er schlechte Erinnerungen. Er wolle mit diesen Leuten nichts mehr zu tun haben. In Wirklichkeit hatte er nie aufgehört, da zu verkehren. Er belog sich selber.