Bitte, gib nicht auf. - Denise Docekal - E-Book

Bitte, gib nicht auf. E-Book

Denise Docekal

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Beschreibung

Mary Vogel ist jung, kreativ und Studentin in einer der schönsten Städte der Welt. Doch ein herber Schlag trifft sie, als sie ihren Zwillingsbruder und somit ihren besten Freund verliert. Seitdem erscheint nichts mehr in ihrem Leben sinnvoll. Bis Adam in ihr Leben tritt. Doch Adam hat mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen. Können sie ihnen gemeinsam entkommen oder werden die Gestalten ihrer Vergangenheit sie letztendlich einholen?

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Seitenzahl: 495

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Bitte, gib nicht auf.

Denise Docekal

Prolog

2 Jahre zuvor 

Markus grinste mich von der Seite an. Wir saßen gerade in unserer ersten Vorlesung an der Uni und er wusste genau, wie nervös ich war. Und wie glücklich. 

Seit einer gefühlten Ewigkeit freute ich mich schon darauf, mich endlich Studentin nennen zu dürfen. 

Unsere Eltern hatten uns immer erzählt, wie wunderbar die Zeit an der Universität gewesen war und, dass wir diese Zeit genießen sollten. Aber natürlich auch, dass wir viel lernen und uns benehmen sollten. Von anderen Seiten hatte ich von dieser unglaublichen Freiheit gehört, die sie als Studenten empfunden hatten.

Ich fühlte mich gerade frei. 

Markus – mein Zwillingsbruder – und ich waren in unser erstes Apartment gezogen. Wir hatten es so eingerichtet, wie wir es immer schon haben wollten. Wir hatten uns unsere Studentenausweise geholt, auf denen wir beide wie Idioten aussahen. Und wir fühlten uns unglaublich frei. 

„Na, wie geht’s deinem Bauch?“, fragte mich mein Bruder und lehnte sich zurück. Um uns herum saßen einige Mädels, die ihn schon die ganze Zeit über mit einem verträumten Lächeln ansahen. Oh ja, Markus sah gut aus. Das konnte ich als seine Schwester ruhig zugeben. Seine braunen Haare fielen ihm leicht ins Gesicht und er war gut gebaut. 

Wenn man uns zusammen sah, würde man kaum davon ausgehen, dass wir Zwillinge wären. Bis auf unsere Augenfarbe und die Form unserer Nasen, hatten wir nicht viel gemeinsam. Im Gegensatz zu ihm war ich blond – zugegebenermaßen gefärbt – und eher kurvig gebaut. Das hatte ich eindeutig von meiner Mutter geerbt, wohingegen Markus unserem Vater wie auf’s Auge glich. 

„Er zittert.“, gab ich zu. 

Mein Bruder war sehr viel gelassener, als ich. Er freute sich auch riesig darüber endlich studieren zu können, aber seine Freude war nicht von Nervosität überdeckt, wie es bei mir der Fall war. 

„Du wirst angestarrt.“, flüsterte ich meinem Bruder grinsend zu und er blickte hinter sich. 

Der Großteil der Mädels sah sofort in ihre Laptops oder Blöcke und tat so, als ob sie irgendwas total Wichtiges notieren müssten. Nur ein paar vereinzelte blickten ihn weiterhin an und schickten ihm ein laszives Lächeln. 

Markus drehte sich wieder um und verdrehte theatralisch die Augen: „Ich sag’s dir, wenn ich mich nur für sie interessieren könnte, dann ...“, er grinste gespielt böse. 

„Soll ich ihnen sagen, dass du auf Kerle stehst?“, fragte ich lachend und war schon dabei mich umzudrehen, aber Markus legte eine Hand auf meinen Hinterkopf und drehte ihn wieder nach vorn. 

Gleichzeitig hörte ich Markus’ Lachen. 

Es war schön, ihn Lachen zu hören. Zu hart waren die Zeiten zu Hause gewesen. Besonders, seitdem Markus sich im letzten Sommer auch meinen Eltern gegenüber geoutet hatte. 

„Okay, okay.“

Links von mir ließ sich ein weiterer Student nieder. Ich blickte kurz hin, um mich vorzustellen. Ich wollte hier so schnell wie möglich Kontakte schließen, um mich mit verschiedenen Leuten anzufreunden. Ich brauchte ganz dringend neue Sozialkontakte. 

Meine Stimme blieb mir aber im Hals stecken. Der Typ neben mir war ... ich konnte es gar nicht beschreiben. Er war groß, muskulös und hatte das Gesicht eines Adonis. Sein gutes Aussehen wurde auch von den Mädels bestätigt, die bisher meinen Bruder umschwärmt hatten. Einige von ihnen waren nun zu dem Leckerbissen links von mir gewandert. 

Auch er starrte mich an und zog die Augenbrauen hoch: „Hast du gerade einen Schlaganfall oder bist du einfach nur von meinem guten Aussehen beeindruckt?“ 

Und damit war es auch schon wieder vorbei. Gutes Aussehen hin oder her, er war eindeutig ein arroganter Mistkerl. 

„Ich wollte mich nur vorstellen. Ich bin Mary.“, ich lächelte gezwungen: „Und das ist mein Bruder Markus.“ 

Der Typ sah kurz an mir vorbei zu meinem Bruder, bevor sein Blick wieder zu mir glitt: „Okay.“ 

„Und du bist?“ 

„Nicht an dir interessiert, Mäuschen.“, sein Blick glitt nochmal an mir auf und ab: „Obwohl ...“ 

Oh Gott. 

Ich räusperte mich und setzte mich wieder gerade hin, sodass ich nach vorne sehen konnte. 

„Na, jetzt doch schüchtern?“, fragte mich mein Sitznachbar. 

„Nein, nur genervt.“, brummte ich und öffnete meinen Notizblock. Jetzt war ich eine von denen, die irgendwas „total Wichtiges“ notieren musste. 

„Ich heiße Adam.“ 

„Okay.“

„Hey, du hast mich als Erstes angebaggert.“, aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie er sich entspannt zurücklehnte und die Arme hinter dem Nacken verschränkte. 

„Ich habe dich überhaupt nicht angebaggert.“, rief ich – zugegebenermaßen etwas zu laut. 

„Mary.“, flüsterte mein Bruder von meiner rechten Seite: „Lass dich von dem Idioten nicht nerven.“ 

Lachend warf Adam seinen Kopf nach hinten. Ich erkannte, dass er seine dunklen Haare, die ihm bis in den Nacken reichten, zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Mit dem leichten Bart erinnerte er mich fast an einen Wikinger. 

„Ja, Mary, lass dich von mir nicht nerven. Lass dich lieber von mir verwöhnen.“, den letzten Teil flüsterte er in mein Ohr. 

Ich spürte richtig, wie mein Gesicht rot wie eine Tomate wurde. Oh Gott, sowas konnte er doch nicht zu einer Fremden sagen! 

Als Adam sich wieder etwas zurücklehnte, war sein Grinsen noch breiter: „Wirst du eigentlich überall so rot, wenn du verlegen bist?“ 

„Pass auf, was du zu mir sagst. Sonst werden bei dir auch gleich einige Körperteile roter sein, als zuvor.“, gab ich schnippisch zurück. 

„Oh, ist das ein Angebot?“, er zog wieder seine Augenbrauen hoch. Der Schalk saß ihm eindeutig in den Augen. 

„Das ist eine Drohung.“, diesen Idioten würde ich bestimmt nicht mehr anreden. Der hatte sie doch nicht mehr alle. 

„Oh Mary, wir würden so viel Spaß gemeinsam haben.“, mit dieser Aussage merkte ich, wie neckisch sein Grinsen eigentlich war. Er nahm mich die ganze Zeit über auf den Arm.

Genervt wandte ich mich nun endgültig von ihm ab. Von diesem Idioten würde ich mir nicht meinen ersten Tag an der Uni verderben lassen. 

Ich war glücklich. 

Ich liebte es hier. 

Es fühlte sich gerade so an, als ob mir nichts jemals wieder meine Stimmung verderben konnte. 

Teil 1

Eins

Heute

Ich war alles andere als glücklich.

Ich hasste es hier.

Es fühlte sich gerade so an, als ob nichts jemals wieder meine Stimmung aufheitern könnte.

Seit sechs Monaten lief ich herum wie ein Zombie. Seit sechs Monaten hatte ich das Gefühl, dass die Sonne nie wieder aufgehen würde.

Vor sechs Monaten hatte ich meinen besten Freund verloren.

Vor sechs Monaten hatte ich meine zweite Hälfte verloren.

Seitdem wandelte ich nur noch als eine Art Schatten herum.

Eben wie ein Zombie.

Gerade saß ich mit meinen Eltern und dem dorfeigenen Pfarrer an einem Tisch. Alle drei starrten mich an, während ich meinen Blick nicht heben konnte. Ich wusste genau, was sie mir sagen wollten. Was sie von mir wollten.

„Mary.“, fing der Pfarrer an: „Wir machen uns wirklich Sorgen um dich.“

Am liebsten würde ich die Augen verdrehen, aber ich riss mich zusammen. Ich wusste, was meine Eltern von unserem Pfarrer hielten und ich wollte sie nicht schlecht vor ihm dastehen lassen.

„Wir denken, dass du wieder an die Uni gehen solltest.“, platzte meine Mutter heraus. Obwohl ich damit gerechnet hatte, war es doch nochmal was anderes, es aus ihrem Mund zu hören. Ich sollte wieder zurück? An den Ort, an dem ich mit Markus am glücklichsten gewesen war?

„Wir wollen nur dein Bestes.“, sprach nun mein Vater weiter. Ein großer, aber eher schmal gebauter Mann mit lichtem Haar. Ein typischer Vater eben: „Und wir wollen dir helfen, dass du dich wieder besser fühlst.“

Mich besser fühlen.

Diesmal hätte ich am liebsten verächtlich aufgelacht.

Niemals wieder würde ich mich „besser“ fühlen können. Nicht nach dem, was vor sechs Monaten passiert war.

Nun übernahm wieder der Pfarrer das Wort: „Deine Eltern haben mit der Uni geredet, Mary. Du kannst nächste Woche wieder in die Kurse einsteigen. Natürlich wird dein Abschluss nun nach hinten verschoben, weil du das letzte Semester verpasst hast, aber das wird kein Weltuntergang sein. Außerdem habe ich mit dem Pfarrer gesprochen, in dessen Bezirk du in Wien wohnen wirst. Er hat mir versprochen, dich im Auge zu behalten. Sollte es dir schlecht gehen, kannst du jederzeit für geistigen Beistand zu ihm kommen.“

Geistiger Beistand. Geistiger Beistand. Geistiger Beistand.

Immer und immer wieder wiederholte ich diese Worte in meinem Kopf. Am liebsten hätte ich laut geschrien. Wo war Markus‘ geistiger Beistand gewesen?

„Hast du uns verstanden, Mary?“, fragte meine Mutter und ich zuckte kurz unter ihrer strengen Stimme zusammen. Selbst nach der Tragödie, die unsere Familie heimgesucht hatte, hatte sie ihre Strenge nicht verloren. Es schien mir, als würden sie und mein Vater einfach ganz normal weitermachen. Als wäre nie etwas passiert.

Ich nickte nur. Mich gegen sie zur Wehr zu setzen hätte doch sowieso keinen Sinn. Es wäre dasselbe, wie wenn sich ein Kaninchen mit einem ausgewachsenen Löwen anlegen wollte. Außerdem war ich viel zu müde, um mir jetzt eine Diskussion mit ihnen zu liefern. Ich war erschöpft, obwohl ich den ganzen Tag über im Bett lag. Aber nachts fand ich einfach keinen Schlaf. Jedes Mal, wenn ich meine Augen schloss, hatte ich sein Gesicht vor mir.

„Wunderbar.“, der Pfarrer klatschte freudig in seine Hände: „Deine Eltern haben dir schon eine neue Wohnung in Wien gemietet. Ganz in der Nähe der Uni. Ein wirklich netter Bezirk. Auch zur Kirche gehst du nur wenige Minuten zu Fuß.“

Na großartig.

Hoffentlich würde mir dieser Pfarrer keine Hausbesuche abstatten. Sonst würde der Name meiner Familie wahrscheinlich auf ewig im verbotenen Buch der Kirche stehen.

„Wir haben uns gedacht, dass du am Samstag hinfahren könntest, damit du dich vor Montag noch einrichten kannst. Wir haben die Möbel aus der alten Wohnung bereits hingebracht und die Schlüssel liegen in deinem Zimmer.“, Dad lächelte mich einfühlsam an.

Offenbar konnten die beiden es gar nicht abwarten, mich endlich loszuwerden. Selbst bei diesem Gedanken, konnte ich nicht wirklich viel empfinden. Es war eigenartig. Als ob ich mein Herz vor allen zukünftigen Gefühle verschlossen hätte. Als ob ich ausgehöhlt wäre.

„Mary, hast du deinen Vater verstanden?“, wieder die strenge Stimme meiner Mutter.

Ich nickte nur, sah aber immer noch nicht hoch. Ich konnte einfach nicht in ihre Augen blicken.

„Wenn wir das geklärt hätten.“, der Pfarrer erhob sich aus seinem Stuhl in der Küche meiner Eltern: „Meine Telefonnummer hast du, Mary. Melde dich jederzeit bei mir.“, mit diesem Satz ließ er sich von meinen Eltern zur Tür begleiten. Ich nahm die Chance wahr und ging hoch in mein Zimmer.

In unser Zimmer.

Markus und ich hatten uns, seitdem ich denken konnte, immer ein Zimmer geteilt. Obwohl das Haus groß genug wäre, dass jeder sein eigenes Zimmer hat, hatten wir uns nachts immer in das des Anderen geschlichen, wodurch meine Eltern irgendwann eine Wand eingerissen hatten und wir ein großes gemeinsames Zimmer bekommen hatten.

Jetzt wirkte es leer, obwohl mein ganzes Zeug herumstand. Der Großteil befand sich immer noch in den Umzugskartons, in denen meine Eltern meine Besitztümer nach weniger als zwei Jahren zurück in ihr Haus gebracht hatten.

Ich setzte mich auf mein ungemachtes Bett. Im Raum miefte es ein wenig, da ich fast nie lüftete, und überall lagen Krümel von Essensresten herum. Neben dem Bett stapelten sich die Pizzakartons – hin und wieder nutzte ich sie als Nachttisch – und die Vorhänge waren fast den ganzen Tag über zugezogen, so wie auch jetzt gerade.

Mein Blick glitt auf das zweite Bett am anderen Ende des Raums. Es war, als ob dieser Raum aus zwei verschiedenen Welten bestünde Die eine Hälfte war ein einziges Chaos und – ehrlicherweise – auch ekelerregend. Die andere Seite war super sauber und geordnet. Die Bettwäsche hatte keine einzige Falte, die Hefte und Ordner waren säuberlich am Schreibtisch sortiert und im Wäschekorb war nichtmal eine dreckige Socke.

Bisher hatte ich mich noch nicht getraut hinüber zu gehen. Obwohl mich und die andere Hälfte des Zimmers keine vier Meter trennten, brachte ich es einfach nicht über mich, in diese selige Ruhe einzutreten. Wenn ich da rüber ging, dann würde alles echt werden. Dann konnte ich es nicht mehr leugnen. Solang ich hier – auf meiner sicheren Seite des Raumes – bleiben würde, konnte ich so viel leugnen wie ich wollte. Auch wenn meine Therapeutin meinte, dass das nicht gesund wäre.

Ich riss meinen Blick von dem Bett los und ließ ihn zu der kleinen Pillendose auf meinem Pizzakartonturm gleiten. Die sollte ich eigentlich nehmen.

Antidepressiva.

Nachdem es mir Monate nach dem Tod meines Bruders immer noch nicht besser gegangen war, hatten mich meine Eltern zu einer Seelenklempnerin geschleift und diese hatte mir nach der ersten Sitzungen diese Tabletten verschrieben.

Ich mochte sie nicht.

Also die Tabletten.

Die Therapeutin aber auch nicht.

Die Tabletten machten mich nicht glücklich oder einfach nur weniger traurig. Ich fühlte mich durch sie einfach nur betäubt.

Und obwohl dieses taube Gefühl irgendwie angenehm war, wollte ich den Schmerz nicht ausschließen. Das hatte Markus nicht verdient.

Er verdiente es, dass man um ihn trauerte.

Und nachdem meine Eltern das nach wenigen Monaten schon wieder aufgegeben hatten, musste ich es umso stärker tun.

Vielleicht war es ja doch gut, dass ich zurück auf die Uni ging. Weg von meinen Eltern. Ich liebte sie natürlich, immerhin waren sie meine Eltern. Sie waren auch grundsätzlich wirklich gute Menschen. Nur leider versuchten sie mir die ganze Zeit zu helfen oder mir zu sagen, wie ich mich fühlen sollte. Nachdem das nichts mehr genutzt hatte, hatten sie angefangen, mich jeden Sonntag nach dem Gottesdienst zu unserem Pfarrer zu zerren, damit dieser ein paar Worte mit mir wechseln konnte. Er hat mir dann jedes Mal zwanzig Minuten erzählt, was für ein wunderbarer Mensch mein Bruder gewesen sei. Und jedes Mal musste ich mich zurückhalten, ihm nicht ins Gesicht zu springen.

Wer war es denn gewesen, der meinen Bruder in ein „Umerziehungscamp“ schicken wollte, wegen seiner „Neigungen“?

Danach war mein Blick immer zu meinen Eltern gewandert, die nickend alles untermalten, was der Pfarrer sagte. Und auch bei ihnen hätte ich schreien können.

Wer war es denn gewesen, die Markus nicht dafür akzeptieren konnten, wer er war? Wer war es denn gewesen, die ihm immer wieder erklärt hatten, dass das alles doch gar nicht stimmte und nur eine Phase wäre? Wer verdammt nochmal war es denn gewesen, die ihm sagten, er würde in der Hölle schmoren, wenn er einen Mann küssen würde?

Vielleicht war es ja wirklich gut, dass ich hier verschwinden würde.

Zwei

Allein saß ich in meinem neuen winzigen Apartment. Das erste Mal in meinem Leben, dass ich tatsächlich allein lebte. Ohne Eltern. Ohne Mitbewohner. Ohne meinem Bruder.

Meine Eltern hatten mir wirklich eine Wohnung besorgt und mein ganzes Zeug eingeräumt. Es fehlten nur noch die Umzugskartons, die in meinem Zimmer gestanden waren, und die sollte ich nun ausräumen. Genauso wie meinen Koffer mit Klamotten.

Aber ich konnte mich nicht dazu überwinden. Denn es tat weh. Es tat weh zu wissen, dass ich mir vor sechs Monaten noch mit meinem besten Freund eine Wohnung geteilt hatte – das erste Mal, dass wir uns kein Zimmer teilten – und ich nun in diesem neuen Apartment ganz allein war.

Mein Schlafzimmer war kaum der Rede wert. Es gingen sich gerade so mein Einzelbett – meine Eltern meinten, dass ich vor der Ehe kein Doppelbett benötigen würde – mein Schrank, die kleine, weiße Kommode und ein Schreibtisch aus. Wirklich viel bewegen konnte ich mich nicht mehr. Dazu fehlte nun wirklich der Platz.

Seufzend erhob ich mich und ging aus dem Zimmer und landete damit direkt im Wohnzimmer. Dieses war ein wenig größer, wodurch sich ein großes Ecksofa ausging, ein Wohnzimmertisch und ein Schrank, auf dem der Fernseher stand. Darüber hing ein riesiges Kreuz, das mich jedes Mal fast zum Schreien brachte, wenn ich es sah. Am liebsten hätte ich es abgenommen, aber meine Eltern hatten es angeschraubt und ich besaß hier kein Werkzeug. Damit würde ich jetzt jedes Mal, wenn ich hier saß, diesen verzerrten Blick von Jesus sehen.

Großartig.

Genau das, was ich wollte.

Ich trat nach draußen in den Vorraum, in dem noch überall die Umzugskartons gestapelt waren. Von hier aus ging eine Tür in die Küche – kaum nennenswert, seitdem ich sowieso nicht kochen konnte, auch wenn meine Mutter jahrelang versucht hatte, es mir beizubringen – und eine weitere ins Bad, wo sich eine Dusche und eine Toilette befanden.

Alles in allem war das hier wirklich keine „umwerfende“ Wohnung, aber sie war okay. Für mich allein, würde sie reichen.

Nur, dass ich nicht allein sein wollte. Sobald ich allein war – also wirklich ganz allein, ohne Eltern einen Stock tiefer – fühlte ich, wie mich der Schmerz beinahe auffraß. Als würde mir mein Herz in der Brust zerrissen werden.

Ich konnte jetzt nicht auspacken. Ich musste so schnell wie möglich hier weg. Mit diesem Gedanken packte ich mir nur meine Schlüssel, zog mir die alten Birkenstock an, die direkt vor meiner Nase lagen und flüchtete aus der Wohnung. Ich konnte hier nicht sein.

Ich wohnte zwar im selben Bezirk wie vor sechs Monaten, allerdings in einer völlig anderen Gegend. Nach nur ein paar Schritten war ich einer wirklich schönen Straße, in der es unglaublich viele Einkaufsmöglichkeiten gab. Von Lebensmittelgeschäften über teure Boutiquen bis zu Krimskrams-Läden. Aber was mir besonders stark ins Auge fiel war ein kleiner Buchladen. Kein Buchladen einer großen Kette, sondern ein privat geführter. Sofort steuerte ich auf ihn zu. Ich hatte lesen schon immer geliebt. Markus auch. Wir hatten zwar einen unterschiedlichen Geschmack was die Genres betraf, aber trotzdem sind wir oft zusammen gesessen und haben uns darüber unterhalten, was in den Büchern geschah, die wir gerade lasen. Oft beim Sonntagsbrunch – wenn wir uns mal wieder davor drücken konnten, zu unseren Eltern nach Hause zu fahren, um in die Kirche zu gehen – oder wenn wir uns vom Lernen ablenken wollten.

Bevor ich wieder zu viel über Markus nachdachte, betrat ich den Buchladen. Er war genauso, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Die Wände waren bis oben mit Büchern vollgestellt. In der Mitte standen auch diverse Wannen mit Büchern im Abverkauf. Egal, wohin man blickte, überall konnte man Bücher erkennen.

Ein wahrer Traum.

Aktuell war der Laden sehr leer, nicht mal eine Verkäuferin konnte ich ausmachen. Also ließ ich in Ruhe den Blick streifen und ging zum ersten Regal. Darüber stand „Belletristik“, eines meiner bevorzugten Genres. Das erste Mal seit Monaten fühlte ich, wie sich ein kleines Lächeln auf meine Lippen schlich. Hier standen viele Bücher, die ich bereits gelesen und in die ich mich unsterblich verliebt hatte. Aber es gab auch welche, von denen ich noch nie zuvor gehört hatte.

Ich war mir jetzt schon sicher, dass dies mein neuer Lieblingsladen werden würde. Als ich mich nochmal umblickte entdeckte ich sogar eine kleine Ecke mit einer Kaffeemaschine und Sitzmöglichkeiten, sodass man sich offenbar einen netten Tag hier machen konnte.

Das wäre vielleicht eine gute Möglichkeit, um meiner kalten und einsamen Wohnung zu entkommen. Gerade als ich mir schon geistig ausmalte, wie ich hier täglich saß und ein Buch nach dem anderen verschlang, fiel mir eine weitere Aufschrift eines Regals ins Auge.

„Thriller“ stand in großen Lettern auf dem Regal mir gegenüber. Ich schluckte hart. Markus‘ absolutes Lieblingsgenre. Er war vernarrt gewesen in Thriller. Hatte sie verschlungen wie einen köstlichen Cheeseburger.

Augenblicklich schossen mir dicke Tränen in die Augen. Nein, ich konnte hier keinen Nervenzusammenbruch erleiden. Das erlaubte ich mir einfach nicht.

Ich atmete dreimal tief durch und es schien wirklich zu helfen. Mein rasender Herzschlag beruhigte sich allmählich wieder und ich hatte das Gefühl, freier atmen zu können.

In dem Moment, in dem ich mich von dem Thriller-Regal – ich konnte mich einfach noch nicht dazu durchringen hinzugehen – abwenden wollte, wurde die Tür daneben geöffnet. Sie führte offenbar zu einem Hinterzimmer, in dem die Besitzer wahrscheinlich die Abrechnung oder so machten. Ich wollte mich schon wegdrehen, da ich keine Lust hatte, mich mit Menschen zu unterhalten, da erkannte ich die große Gestalt, die hervortrat. Er musste sogar seinen Kopf einziehen, um durch die niedrige Tür zu kommen.

„Entschuldigen Sie, ich war gerade noch-“, er brach den Satz mittendrin ab und sah mich mit großen Augen an: „Mary?“

Vor mir stand Adam Winter.

Einer der letzten Menschen, die ich gerade sehen wollte. Beziehungsweise einer der letzten Menschen, die mich gerade sehen sollten. Ich sah aus wie eine Obdachlose in meiner kurzen Stoffhose und einem alten, schlabbrigen T-Shirt von Markus. Dazu meine Birkenstock und meine ungewaschenen Haare. Wann war ich überhaupt das letzte Mal duschen gewesen?

Ich bekam keinen Ton heraus. Adam – oder Winter, wie ihn die meisten nannten – sah unglaublich gut aus. Seine Haare trug er in einem Zopf und sein Bart war ein wenig gewachsen, seitdem ich ihn das letzte Mal vor sechs Monaten gesehen hatte.

„Mary Vogel. Ich dachte du wärst in einer Klapse oder tot, nachdem du ein ganzes Semester verschwunden warst.“, die anfängliche Überraschung war aus seinem Blick gewichen und nun grinste er mich an. Er war eindeutig wieder darauf aus, dass wir uns einen verbalen Kampf lieferten. Seitdem ich vor zwei Jahren zum Studieren begonnen und Winter kennen gelernt hatte, waren wir alles andere als Freunde geworden.

Eigentlich eher das Gegenteil. Ich hatte bald bemerkt, dass mein erster Eindruck – dass er überaus überheblich und arrogant war – keine Fehleinschätzung war. Jedes Mal, wenn er mich sah – was oft war, da wir fast jeden Kurs gemeinsam hatten – versuchte er mich zu provozieren. Und ich ließ das im Normalfall nicht auf mir sitzen. Dadurch waren wir in unseren Kreisen und Kursen als die Streithähne schlechthin bekannt geworden.

Markus hatte sogar einmal gesagt, dass, wenn er es nicht besser wüsste,vermuten würde, dass wir uns insgeheim wirklich gerne hatten, da wir nie ein gutes Haar am anderen ließen.

Und jetzt stand er vor mir. Seine Aussage wiederholte sich in meinem Kopf ein paar Mal: „Mary Vogel. Ich dachte du wärst in einer Klapse oder tot, nachdem du ein ganzes Semester verschwunden warst.“

In einer Klapse war ich beinahe gelandet. Tot war mein Bruder. Ich wollte ihn anschreien. Ihn beschimpfen. Ihn fragen, was er sich dabei dachte, mich so etwas zu fragen. So viele gemeine Worte und Beleidigungen für ihn lagen mir auf der Zunge. Aber als ich meinen Mund öffnete, um Konter zu geben, fing ich heftig an zu schluchzen.

Ich wollte mich schnell wieder zusammenreißen, mir nicht die Blöße geben vor Winter zu heulen, aber es ging einfach nicht. All meine Wut, die ich für ihn, für meine Eltern, für Markus und für die Welt empfand, kamen durch meine Tränen zum Ausdruck. Sie wandelte sich in eine schmerzende Trauer, die ich nicht zurückhalten konnte.

„Fuck, Mary?“, Winter stand direkt vor mir und legte eine Hand auf die Schulter.

Sofort zuckte ich zurück. Das Schluchzen stoppte, aber die Tränen liefen immer noch.

„Komm, setz dich hin.“, er wollte mich am Arm nehmen und zu der Sitzecke geleiten, doch ich entriss mich ihm und lief aus dem Buchladen.

Vielleicht würde das doch nicht mein neuer Lieblingsort werden.

Zuhause angekommen merkte ich, dass ich noch ein Buch in der Hand hielt. Das, das ich vorhin aus meiner Lieblingsgenre-Ecke genommen hatte. Oh verdammt, jetzt war ich also nicht nur ein weinendes Wrack, das vor einem Typen, den es hasste, zu heulen begann. Nein, jetzt war ich auch noch eine verdammte Diebin!

Ich musste das Buch unbedingt zurückbringen. Meine Mum würde wahrscheinlich den Exorzisten holen, wenn sie hörte, was ich gemacht hatte. Aber jetzt – nach allem, was gerade vorgefallen war – wieder zurück in den Buchladen gehen? Oh nein, keine zehn Pferde würden mich dorthin bringen. Vielleicht konnte ich es ja am Montag am Weg zur Uni in den Briefkasten werfen, gemeinsam mit einer Entschuldigung.

Wenn bis dahin die Cops noch nicht vor meiner Tür standen, immerhin wusste Winter wie ich hieß. Er hatte das Buch in meiner Hand bestimmt bemerkt.

Mit einem wütenden Schrei ließ ich das Buch zu Boden fallen und warf mich auf mein Bett. Toll, ein Tag zurück in Wien und ich war schon völlig fertig. Am Sonntag wäre ich in unseren Kursen wahrscheinlich das Gespött schlechthin. Winter schrieb sicher all seinen Freunden, dass er mich gerade gesehen und ich vor ihm zu heulen begonnen hatte. Er würde allen erzählen, dass ich aus der Geschlossenen wieder draußen wäre, mich aber noch nicht wirklich unter Kontrolle hatte.

Ich konnte mir richtig vorstellen, wie sie sich über mich totlachen.

Schnaufend drückte ich mir ein Kissen auf den Kopf. Wunderbar. Meine Trauer war wie mit einem Schlag weggeblasen. Stattdessen wurde ich jetzt mit Scham und Wut erfüllt.

Die besten Voraussetzungen für den ersten Tag zurück an der Uni.

Drei

Den restlichen Samstag hatte ich mich einfach in meinem Bett vor der Welt versteckt. Ich wollte nichts und niemanden sehen. Ich wollte von niemanden hören. Sogar mein Handy hatte ich abgeschaltet, damit sich ja niemand bei mir melden konnte.

Am Sonntag zwang ich mich dann aber doch wieder aus dem Bett zu kriechen. Nachdem ich mein Handy angemacht hatte, merkte ich, dass sich nur eine Person bei mir melden wollte.

Susi.

Also Susanne, meine beste Freundin.

Sie war zwar in den vergangenen sechs Monaten immer wieder bei mir gewesen, aber meine Eltern mochten sie nicht wirklich – sie war keine Christin – und das hatten sie sich auch anmerken lassen. Daher hatte ich Susi gesagt, dass sie mich wirklich nicht dauernd besuchen musste. Sie schrieb mir fast täglich, aber nur in den seltensten Fällen hatte ich geantwortet. Was mir rückblickend wirklich leidtat, weil sie eine wunderbare Freundin war – im Gegensatz zu mir.

Auch gestern hatte sie mir eine Nachricht geschickt: Hey, schon wieder in Wien? Wollen wir was machen?

Das war vor über 24 Stunden gewesen, dass sie mir diese Nachricht geschrieben hatte.

Anstatt zu antworten, entschied ich mich, sie anzurufen. Dann konnte ich mich wenigstens länger davon ablenken, dass ich die verdammten Umzugskartons auspacken musste.

„Hey, Süße!“, rief Susi glücklich ins Telefon.

Wow, ich hatte ihre Stimme so lange nicht mehr gehört, dass ich sie kurz nicht mehr erkannt hatte.

„Hey. Tut mir leid, dass ich mich erst jetzt melde. Mein Handy war ... leer.“

„Ja klar.“, sie glaubte mir kein Wort: „Der Sonntag ist noch jung. Lust auf Brunch?“

Hatte ich Lust?

Lust diese Wohnung zu verlassen – absolutes JA!

Lust mich unter Menschen zu begeben und viel reden zu müssen – eigentlich nicht.

Aber ich hatte Susi jetzt so lange Zeit vertröstet, wenn ich sie noch länger als Freundin haben wollte, sollte ich wohl nicht absagen.

„Ja. Wo willst du hingehen?“

Keine Stunde später saß ich mit Susi in einem netten Lokal in der Nähe unserer Universität. Wir konnten sogar draußen auf der Terrasse sitzen, da es für September noch extrem warm war.

Susi trug auch noch ein Sommerkleid, das ihr wie angegossen passte.

Aber meiner Freundin stand auch so gut wie alles. Im Gegensatz zu mir war sie recht groß und war – dafür, dass sie so gut wie keinen Sport machte – wirklich gut gebaut. Lange, schlanke Beine und ein flacher Bauch. Mit ihren roten Haaren und den vielen Sommersprossen zog sie dann wirklich jede Aufmerksamkeit auf sich.

Was mir aktuell ziemlich unangenehm war. Immerhin sah ich immer noch aus wie eine Pennerin. Ich hatte es geschafft, mir eine normale Hose anzuziehen, blieb aber bei einem von Markus‘ Shirts. Mit meinem neuen Haarschnitt und der neuen Farbe – beides erst seit wenigen Wochen – sah ich aus wie ein Kerl. Meine Haare waren kürzer als zuvor – früher waren sie mir bis zur Brust gegangen, heute nur noch bis zum Ohr. Auch meine Farbe hatte ich geändert. Vor sechs Monaten waren sie noch satt blond gewesen, jetzt waren sie dunkelbraun. Ich wusste nicht, warum ich meine Haare so stark verändert hatte. Ich hatte einfach das Gefühl gehabt, dass ich diese Veränderung benötigte. Außerdem fühlte ich mich so Markus näher. Er hatte in etwa dieselbe Haarlänge gehabt und war auch dunkelhaarig gewesen. Waren wir eigentlich beide, aber mit achtzehn hatte ich begonnen meine Haare zu bleichen. Eine Art kleine, harmlose Rebellion gegen meine Eltern.

Jetzt waren sie wieder in ihrer natürlichen Farbe. Und ich sah aus wie ein anderer Mensch. Susi wollte es sich nicht anmerken lassen, aber ihre Augen hatten sich für einen Moment lang erschrocken geweitet, als sie mich zum ersten Mal gesehen hatte. Ein Wunder, dass Winter mich gestern erkannt hatte. Ich hatte nämlich durch die Antidepressiva auch ein paar Kilo zugenommen und dadurch war mein Gesicht ein wenig runder geworden. Nichts was mich persönlich stören würde – mir war sowieso so gut wie alles mittlerweile egal – aber anderen Menschen fiel sowas sehr schnell auf.

Susi hatte mich aber nicht großartig darauf angesprochen. Sie sagte nur, dass mir die kurzen Haare stehen würden und anschließend setzten wir uns hin. Bis zur Bestellung unseres Essens hatten wir nicht viel miteinander gesprochen. Aber als der Kellner gegangen war, hatte ich keine Chance mehr zu entkommen. Ich musste mich Susis Fragen stellen.

„Ohne Witz, Mary. Du siehst wirklich gut aus. Die Farbe steht dir echt gut.“

Ich zuckte nur mit den Schultern. Mein Aussehen war immerhin nicht der Grund gewesen, warum ich meine Haare so radikal geändert hatte.

„Deine Mum hat mich angerufen.“, gab Susi nach ein paar Minuten des Schweigens zu.

Überrascht hob ich den Blick von dem Fleck, den ich gerade betrachtet hatte.

„Sie hat mich gefragt, welche Vorlesungen ich nächstes Jahr besuche, damit sie dich in denselben einschreiben kann. Ich hoffe es ist okay, dass ich ihr das gesagt habe.“

Oh Mann. Meine Mutter kannte nicht viel von Privatsphäre. Wie sie an das Passwort für meinen Online-Campus gekommen ist, will ich gar nicht erst wissen.

„Schon okay.“, beschwichtigte ich Susi: „Freut mich, dass wir in denselben Kursen sind.“, tat es wirklich.

„Gut. Und das eine Semester holst du ohne Probleme auf. Du hast dir ja noch nie schwergetan, was das Lernen betrifft.“

Ja, weil früher Markus und ich immer gemeinsam gelernt hatten. Er war eindeutig der klügere von uns gewesen und hat mir alles erklärt, was ich nicht verstanden hatte.

Aber das sagte ich nicht. Ich nickte nur und nippte an dem Kaffee, den ich gerade bekommen hatte.

Die restliche Zeit über blieb ich Großteils genauso stumm. Susi erzählte mir von einem Typen, den sie vor kurzem kennen gelernt hatte und von den Prüfungen, die letztes Semester die Hölle gewesen waren.

Es tat irgendwie wirklich gut, ihr einfach nur zuzuhören und von ihrem geregelten Alltag erzählen zu lassen.

So einen wünschte ich mir auch.

Aber sobald ich diesen Wunsch auch nur dachte, hatte ich sofort ein schlechtes Gewissen. Ich durfte keinen geregelten Alltag haben. Ich durfte Markus nicht vergessen.

Als wir bezahlten war ich erleichtert. Susi hatte mich nicht einmal gefragt wie es mir ging oder mich irgendetwas wegen Markus gefragt. Dafür war ich ihr unendlich dankbar.

Bei der U-Bahn verabschiedeten wir uns voneinander mit einer kurzen Umarmung.

Auch heute würde ich die Umzugskartons nicht ausräumen.

Vier

Montags aufzuwachen ohne Markus‘ verschlafenes Gesicht in der Küche zu sehen war scheiße. Und zwar so richtig.

Normalerweise stand er schon mit seiner dritten Tasse Kaffee in der Küche, die Haare standen ihm zu allen Himmelsrichtungen und unter seinen Augen hatten sich dicke Ringe breit gemacht, weil er wieder die halbe Nacht gelesen hatte.

Jetzt allein in meiner Küche mit einer Tasse Kaffee zu stehen war befremdlich.

Und schmerzhaft.

Ich musste mich zusammenreißen, damit ich ja nicht wieder anfing zu weinen. Die halbe Tasse schüttelte ich auch in die Spüle und ging anschließend duschen. Meine erste Vorlesung würde erst um zehn beginnen, wodurch ich mehr als genug Zeit hätte.

Am liebsten würde ich mich sowieso wieder in meinem Bett verkriechen, aber nachdem ich offenbar jede Vorlesung gemeinsam mit Susi hatte, war das keine Option. Sie würde meine Mum anrufen, wenn ich nicht kam, und diese würde den nächstbesten Geistlichen zu mir schicken.

Darauf konnte ich wirklich gut verzichten.

Also machte ich mich für die Uni fertig, auch wenn es weh tat und mir schwerfiel. Als ich meine Tasche für die Uni nahm, fiel mein Blick auf das Buch, das immer noch am Boden im Eingangsbereich lag.

Ich wollte es doch zurückbringen.

Als ich es hochhob, wunderte ich mich, dass mich die Polizei gar nicht aufgesucht hatte. Offenbar hatte Winter doch so etwas wie Mitleid mit mir gehabt. Unfassbar, hätte ich ihm gar nicht zugetraut gehabt.

Damit er letzten Endes nicht doch die Cops rief, nahm ich das Buch und steckte einen Zettel hinein, auf den ich in Großbuchstaben „Tut mir leid“ schrieb. Damit sollte wohl klar sein, dass ich es nicht klauen wollte.

Als ich mich am Weg zur Straßenbahn machte, kam ich auch an dem Buchladen vorbei. Ich ging über die Straße und hoffte dabei inständig, dass das Buch nicht zu groß war für den Postschlitz.

Als ich vor dem Buchladen ankam, erkannte ich, dass er bereits geöffnet hatte. Klar, es war schon halb zehn, so gut wie alle Läden waren bereits geöffnet.

Sollte ich also reingehen und mein Missgeschick persönlich begründen?

Nein, ich wollte nicht mit Menschen sprechen. Ich wollte nicht erklären, warum ich ein verdammtes Buch ausversehen geklaut hatte. Also öffnete ich den Postschlitz und wollte das Buch gerade hineinwerfen, da ging die Tür des Ladens auf und niemand anderes als Adam Winter trat heraus.

Als er mich erkannte, erschien sofort ein mitleidiger Blick auf seinem Gesicht. Na wunderbar – das war mir ja noch weniger lieb, als wenn er einfach idiotische Kommentare losließ.

Dann glitt sein Blick zu meiner Hand, die immer noch das Buch hielt und direkt über dem Postschlitz hing. Seine Brauen zogen sich hoch und er kam ein paar Schritte näher: „Was ist dein Plan? Willst du ein Buch wegschicken?“

„Nein, zurückgeben.“, brummte ich. Aber bevor ich es loslassen konnte, schloss sich Winters Hand um meine und zog sie vom Postschlitz weg. Dort wo mich seine Hand berührt hatte, breitete sich eine angenehme Wärme aus. Schnell schüttelte ich den Gedanken ab und sah ihn verwirrt an: „Warum willst du es zurückgeben?“

„Ich habe nicht dafür bezahlt.“, sagte ich, als würde das alles erklären. Es sollte auch eigentlich alles erklären.

„Hab‘ ich für dich übernommen. Keine Umstände.“

Verwirrt sah ich zu Winter hoch. Da ich sehr klein war und er sehr groß, musste ich meinen Kopf fast in den Nacken legen: „Was?“

„Ich habe es für dich bezahlt. Du brauchst dir keinen Kopf darüber machen.“

„Warum tust du das?“, fragte ich schockiert: „Warte, ich gebe dir das Geld.“, ich wühlte schon in meiner Tasche herum, um meine Geldbörse herauszufischen, aber Winters Hand legte sich schon wieder auf meinen Arm.

„Vergiss es. Sieh es als Geschenk an. Keine große Sache. Außerdem bekomme ich Angestelltenrabatt, dadurch habe ich so gut wie gar nichts dafür bezahlt.“

Mit großen Augen sah ich zu ihm hoch. War das sein Ernst? Warum zum Teufel bezahlte er ein Buch für mich?

Da ging mir ein Licht auf.

Dieser Mistkerl.

„Oh, du dachtest das arme, bemitleidenswerte Mädchen braucht deine Hilfe. Alles klar. Ich brauche deine Almosen nicht, Winter. Hier nimm dein Buch. Immerhin gehört es vom Gesetz her dir.“

Adam verdrehte die Augen – eine Spur zu theatralisch, wenn man mich fragt: „Jetzt krieg dich mal wieder ein, du Giftspritze. Das waren keine Almosen. Aber ich wollte meiner Chefin nicht erklären, dass ich zugelassen hab, dass mir ein heulendes Mädel ein Buch abluchst. Also habe ich es einfach bezahlt. Und du kannst es behalten – ist nicht ganz mein Stil.“, er deutete auf den Deckel. Da fiel mir ein, dass ich mir das Buch noch gar nicht richtig angesehen habe, seitdem ich damit geflüchtet war. Auf dem Titel küssten sich zwei Menschen und hielten einander eng umschlungen fest. Eindeutig eine Liebesromanze.

„Ich ...“, ich war sprachlos. Was sollte ich darauf sagen? Ich wusste nicht mal wirklich, warum Winter nicht einfach die Polizei gerufen hatte, anstatt das Buch für mich zu zahlen.

„Sag einfach ‚Danke, Adam. Du hast mir den Arsch gerettet. Das werde ich dir nie vergessen.‘“, den Teil, den offenbar ich sagen sollte, gab er in einer übertrieben hohen Stimme wieder.

„Danke.“, brummte ich aber nur und packte das Buch in meine Tasche.

„Na, schau. Geht doch.“, Adam grinste und sah auf seine Uhr am Handgelenk: „Ich muss los zur Uni. Ich habe um zehn eine Vorlesung.“

Oh Mann, wären wir auch in diesem Semester wieder in denselben Veranstaltungen?

„Ich auch.“, murmelte ich und machte mich auf den Weg zur Straßenbahn.

„Studierst du Kommunikationswissenschaften weiter?“, fragte Winter. Er klang ehrlich interessiert.

„Ja.“

„Wie machst du das mit den Lehrveranstaltungen des letzten Semesters? Machst du die in diesem?“

„Nein.“, warum musste er mich jetzt darüber ausfragen? Warum musste ich ihm denn unbedingt begegnen.

„Ich weiß ja nicht, wo du das letzte Semester über warst, aber offenbar ist dir in der Zeit der Gesprächsstoff ausgegangen.“, neckte mich Winter.

Konnte er nicht einfach die Klappe halten? Normalerweise würde ich so etwas nicht denken. Dafür war ich viel zu gut erzogen worden. Aber er brachte mich einfach immer auf die Palme.

„Geht dich nichts an.“, antwortete ich nur.

Adams Blick glitt wieder zu mir, als wir an der Haltestelle der Straßenbahn stehen blieben. Er musterte mich eine Zeit lang, dann schien ihm etwas einzufallen und er sah sich um: „Was ist mit deinem Bruder eigentlich? Der war auch die letzten sechs Monate nicht da. Hat er abgebrochen oder habt ihr euch voneinander abgenagt und besucht jetzt unterschiedliche Vorlesungen?“

Am liebsten würde ich ihm eine klatschen. Was gut war, denn wenn ich nicht so eine Wut in mir empfunden hätte, dann hätte ich wahrscheinlich wieder zum Heulen begonnen. Und ein zweites Mal würde ich mir vor ihm sicher nicht diese Blöße geben.

„Er kommt nicht.“, war alles was ich antwortete, und atmete erleichtert auf als die Straßenbahn endlich kam.

Als wir einstiegen, fiel mir auf, dass diese schon gut gefüllt war. Es gab keine freien Plätze mehr und die Menschen drängten sich jetzt schon aneinander. Einen Moment lang überlegte ich, ob ich nicht wieder aussteigen sollte, aber dann würde ich den Beginn der Vorlesung verpassen. Ich war jetzt doch schon spät dran, weil mein Abstecher zum Buchladen länger gedauert hatte als geplant.

Ich hatte es in solchen Situationen meistens ganz gut. Ich war nicht groß und nahm dadurch in überfüllten Straßenbahnen nicht viel Platz ein. Adam hingegen war nicht nur unglaublich groß, sondern auch breiter gebaut. Daher standen wir, als die Bahn wieder losfuhr, sehr eng beieinander.

Das würde bedeuten, dass er mich wahrscheinlich noch länger über meinen Bruder ausfragen würde. Daher startete ich diesmal das Gespräch: „Was hast du eigentlich vor der Uni im Buchladen gemacht?“

Adam zuckte mit der Schulter: „Ich habe noch eine Stunde gearbeitet. Ich kann jeden Cent gut gebrauchen. Außerdem wohne ich direkt überm Laden, daher fällt es mir nicht schwer da mal schnell auszuhelfen.“

Verdammt, Adam wohnte hier? Das heißt, wir würden uns jetzt jeden Morgen vor der Uni treffen? Geistig notierte ich mir, dass ich ab sofort früher zu meinen Vorlesungen aufbrechen würde, um zu verhindern, dass ich ihm täglich über den Weg lief.

„Aha.“, murmelte ich nur.

Adam wollte gerade noch etwas sagen, da blieb die Straßenbahn abrupt stehen und ich verlor das Gleichgewicht. Während ich hörte, wie der Fahrer laut fluchte und den Grund für unser abruptes stehenbleiben wüst beschimpfte, fing Adam mich auf, um zu verhindern, dass ich auf den dreckigen Boden knallte.

„Danke.“, murmelte ich leise. Dabei starrte ich auf seine Hände, die er um meine Arme gelegt hatte. Sie waren stark und groß. Und gut gebräunt. Offenbar war er im Sommer im Urlaub oder einfach viel draußen gewesen. Der Glückliche.

„Nichts zu danken.“, war seine Antwort, bevor er mich wieder losließ.

Die Straßenbahn fuhr weiter und ich hielt mich wieder an einem Griff an der Tür an.

„Hast du schon immer in der Gegend gewohnt?“, wollte Adam wissen: „Ich habe dich bisher noch nie gesehen und wir hatten die meisten Vorlesungen immer gemeinsam.“

Kopfschüttelnd starrte ich auf meine Füße: „Nein. Ich bin erst am Samstag hierhergezogen. Ich habe früher zwar auch in diesem Bezirk gewohnt, aber woanders.“

Nickend fuhr Winter weiter: „Wohnst du jetzt etwa allein?“

Oh nein, falsches Thema. Panisch überlegte ich, wie ich das Thema möglichst souverän wechseln konnte, ohne dabei über meinen Bruder reden zu müssen: „Ähm – das Apartment ist recht klein.“

Toll, Mary., innerlich klatschte ich mit einem Schwall Ironie für mich.

Also wenn er mich bis jetzt noch nicht für eine Idiotin hielt, dann würde er das spätestens ab dieser Antwort tun.

„Was ist mit dir?“, redete ich schnell weiter, bevor er mir noch weitere Fragen stellen konnte: „Wohnst du allein?“

„Nein, ich habe einen Mitbewohner. Ein guter Freund.“

„Bist du aus Wien?“, fragte ich, diesmal wirklich interessiert.

„Ja.“, ich merkte, wie sich Adams Hand fester um die Halterung der Straßenbahn schlung: „Bin aber mit achtzehn ausgezogen. War einfacher so.“

Wahrscheinlich ein kürzerer Weg zum Pendeln. Viele, die in Wien aufgewachsen waren, waren in einem der Außenbezirke zu Hause gewesen und für das Studium weiter hineingezogen.

Außerdem bedeutete ausziehen so etwas wie Freiheit. Das wusste ich besser als jeder andere.

„Und du? Woher bist du eigentlich?“, Adam kratzte sich am Hinterkopf: „Komisch. Obwohl wir uns schon zwei Jahre kennen, weiß ich so gut wie nichts von dir.“

„Weil wir uns nicht mögen.“, erinnerte ich ihn. Ich verstand ja auch nicht, warum wir uns die ganze Zeit unterhalten mussten.

Ein breites Grinsen entstand auf Adams Gesicht: „Ach ja, habe ich ganz vergessen.“, er zwinkerte mir zu: „Du Ziege.“

Wow, das war eine seiner schlechtesten Beleidigungen, die er mir je an den Kopf geworfen hatte.

So schlecht, dass ich sogar kurz lachen musste. Wirklich nur kurz, da ich sofort wieder ein schlechtes Gewissen bekam und meine Lippen zu einem schmalen Strich zusammenpresste.

Adam beobachtete mich dabei die ganze Zeit. Er schob seine Brauen zusammen und schien zu überlegen. Sein Blick wirkte gerade unglaublich konzentriert, als ob er irgendein Rätsel lösen müsste.

Zum Glück kamen wir in genau diesem Moment bei unserer Station an. Erleichtert murmelte ich ein „Bis später“ und verließ fluchtartig die Straßenbahn.

Oh ja, ab sofort würde ich sehr viel früher für die Uni aufbrechen.

Von der Vorlesung bekam ich so gut wie war nichts mit. Obwohl, nein, das war gelogen. Ich hatte gar nichts mitbekommen.

Susi schrieb die ganze Zeit neben mir wild mit und war hochkonzentriert. Ich konnte aber nicht mal verstehen, was die Dozentin vor mir erzählte. Es war, als ob sie eine mir völlig fremde Sprache sprechen würde.

Als sie die Vorlesung beendete und alle fluchtartig ihre Plätze verließen, saß ich immer noch auf meinem Platz und kritzelte kleine Zeichnungen in meinen Block. Erst als mich Susi an der Schulter antippte, merkte ich, dass der Hörsaal schon fast völlig leer war. Nur noch Susi, ich und ein paar Leute, die an uns nicht vorbeikamen und frustriert schnaubten, waren noch da. Als ich mich erhob und nach meinen Sachen griff, merkte ich, dass noch jemand den Saal noch nicht verlassen hatte.

Winter stand mit verschränkten Armen an der Tür und starrte mich unentwegt an.

Na toll, was wollte der denn jetzt noch?

Selbst als ich ihn auch anstarrte – und mein Blick war alles andere als freundlich – ließ er seine Augen auf mir ruhen. Sowas wie Scham oder Verlegenheit kannte der Kerl wohl einfach nicht.

„Willst du mit mir Mittagessen gehen? Hier in der Nähe hat ein echt süßer Asiate aufgemacht. Also, das Lokal ist süß. Obwohl dieser eine Kellner auch.“, Susi wurde sofort rot im Gesicht.

„Nein, ich muss noch meine Wohnung ein wenig einrichten.“, gab ich zurück.

Was an sich auch stimmte. Das musste ich wirklich. Ich hatte nur nicht vor, es heute zu erledigen.

Der Tag an der Uni war zwar kurz gewesen, aber dafür umso anstrengender. Und frustrierender als erwartet.

„Okay.“, meine Freundin versuchte sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, aber ich erkannte sie ganz deutlich: „Dann vielleicht ein andermal.“

„Ja, bestimmt.“, mit diesen Worten und einem kurzen Winken verabschiedete ich mich von Susi und lief zur Straßenbahnstation. Ich wollte die verdammte Bahn erwischen, bevor Winter da war und er mich wieder zehn Minuten über mein Leben ausfragen wollte.

Als die Straßenbahn einfuhr jubelte ich innerlich. Winter war weit und breit nicht zu sehen und es standen wenig Leute herum. Wenn ich Glück hatte, würde ich sogar einen Sitzplatz ergattern.

Erleichtert ließ ich mich dann auch in der Straßenbahn auf einen fallen und starrte aus dem Fenster.

Früher waren Markus und ich immer gemeinsam zur oder von der Uni gefahren und haben ein kleines Spiel in die Welt gesetzt.

Wir beobachteten die Menschen und überlegten, was für eine Geschichte sie wohl hatten. Wo sie wohl gerade hinfuhren und wer sie waren.

Hin und wieder hatten wir das ein wenig zu laut gemacht, wodurch wir schon des Öfteren böse Blicke geerntet hatten. Aber das war es uns wert gewesen. Wir hatten immer einen unglaublichen Spaß dabei gehabt.

Lächelnd erinnerte ich mich daran. Wir hatten es „Menschen-Kenner-Spiel“ getauft und uns über diesen überaus kreativen Namen totgelacht.

Wir hatten früher viel gelacht.

„Na, denkst du an mich oder warum lächelst du?“

Mein Blick glitt nach rechts.

Na toll, und ich hätte gedacht, dass ich ihn abgehängt hatte.

„Was willst du, Winter?“

„Ich wollte einfach nur einen Sitzplatz haben. Wir haben heute ja schon gesehen, dass in der Straßenbahn stehen lebensgefährlich sein kann.“, er zwinkerte mir zu, als er mich daran erinnerte, dass ich heute schon fast auf die Pfeife geflogen war.

Augenverdrehend sah ich mich im Wagen um: „Hier ist so viel frei. Sogar ein Doppelplatz da vorn. Nimm doch den.“, ich wollte diesen Mann einfach nur loswerden.

„Ach, da vorne habe ich doch gar keine Gesellschaft. Hier gefällt es mir viel besser.“, entspannt lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf: „Hast du gut geschlafen in der Vorlesung?“

„Ich habe nicht geschlafen.“, brummte ich.

„Ach ja? Früher warst du eine von denen, die sich bei jeder verdammten Frage gemeldet hat. Heute habe ich nicht ein einziges Mal deine Hand gesehen. Und auf mich hat es so gewirkt, als hättest du es nicht mal gecheckt, als die Vorlesung vorbei war.“

Was zum Teufel?

„Scheinst mich ja ausgiebig beobachtet zu haben, Winter. Vielleicht solltest ja du dich mehr auf den Stoff konzentrieren, als auf mich.“

Ha, der saß. Kurz sah ich etwas in Adams Augen wanken, aber er bekam sich schnell wieder ein: „Keine Sorge, Mäuschen. Ich kann mich auf vieles gleichzeitig konzentrieren.“

Wie sehr ich diesen Spitznamen, den er mir am ersten Tag vor zwei Jahren gegeben hatte, doch hasste.

„Dann konzentriere dich nächstes Mal einfach auf eine andere, anstatt auf mich.“, gab ich schnippisch zurück.

Adam antwortete nicht.

Endlich.

Ich hatte ihn endlich zum Schweigen gebracht.

Kaum zu glauben.

„Wo warst du die letzten sechs Monate, Mary?“

War ja auch zu schön gewesen, um es zu glauben.

„Habe ich doch schon gesagt, geht dich nichts an.“

Adam brummte: „Du warst sechs Monate wie vom Erdboden verschlungen. Bist nach den Semesterferien einfach nicht mehr aufgetaucht.“

„Was interessiert es dich?“, konnte er endlich aufhören zu quatschen? Langsam stieg meine Wut mir bis zum Kopf.

„Und als ich deine Freundin gefragt hab – Sara glaube ich – hat sie einfach angefangen zu heulen. Ich habe schon gedacht, dass dir irgendetwas passiert war. Ich habe mir echt Sorgen gemacht.“

„Susi.“, war alles was ich antwortete.

Moment Mal.

Hatte er gerade gemacht, dass er sich Sorgen um mich gemacht hatte?

„Wie auch immer.“

Seufzend ließ ich den Kopf in den Nacken fallen und starrte an die Decke des Wagons. War sauberer als erwartet: „Ich war bei meinen Eltern, okay?“

‘Bitte, lass mich jetzt einfach in Ruhe’, dachte ich verzweifelt in der Hoffnung, dass er nicht weiter nachhaken würde.

„Was hast du bei deinen Eltern für ein halbes Jahr gemacht?“

So viel zu meinen Hoffnungen.

„Das ist privat.“

Adam zog die Brauen hoch, aber anstatt mich weiterhin zu löchern – wie ich es erwartet hätte – nickte er nur und drehte seinen Kopf dann nach vorne.

Ich hatte es geschafft.

Er hielt endlich die Klappe.

Die Tatsache, dass mich das ein wenig störte, verdrängte ich gekonnt.

Fünf

Die darauffolgenden Tage verliefen wie vor einem Schleier. Ich ging jeden Tag auf die Uni, versuchte Winter so gut wie möglich auszuweichen, tat so, als ob ich Susi zuhören würde, wenn sie mir etwas aus ihrem Leben erzählte und sobald ich daheim war, lag ich stundenlang in meinem Bett und starrte an die Decke. Es war eine gewisse Routine, die sich nach und nach einstellte. Immer, wenn mein Magen knurrte, bestellte ich mir etwas online vom Lieferservice, um möglichst wenig mit Menschen reden zu müssen. Einmal hatte ich dem Lieferanten sogar gesagt, dass er das Essen einfach vor der Tür abstellen sollte und ihm nur das Geld durch den kleinen Schlitz durchgeschoben.

Ich wollte einfach allein sein. Sobald ich unter Menschen ging, gab es nur zwei mögliche Ausgänge. Entweder sie fragten mich über Markus aus und ich fing immer beinahe zu heulen an. Oder aber ich verspürte tatsächlich sowas wie Spaß und hatte Sekunden später ein schlechtes Gewissen, weil ich das Gefühl hatte, meinen Bruder zu verraten.

Daher war es einfacher allein zu bleiben und mir stundenlang die Decke meines Zimmers anzusehen. Dort konnte man mehr erkennen, als man glauben würde. Früher musste ein Kind hier gelebt haben, denn ich erkannte ganz deutlich die Umrisse von Klebesternen unter der weißen Farbe. In einer Ecke waren komische Flecken, die ich einfach ignorierte und über der Tür war ein Fleck, der stark danach aussah, als ob jemand einen Pancake zu stark gewendet hatte und dieser an der Decke gelandet war.

Alles in allem, wirklich interessant.

Mittlerweile hatten wir Freitag und ich hatte vorlesungsfrei. Da ich sowieso nicht lang schlafen konnte, war ich schon seit halb sechs wach und ging mal wieder meiner Lieblingsbeschäftigung nach. An die Decke starren.

Hin und wieder glitt mein Blick zu den Umzugskartons, die immer noch unberührt im Vorraum standen und darauf warteten, dass sie jemand auspackte.

Darauf konnten sie noch lang warten.

Keine Ahnung, wie lang ich schon im Bett lag – mein Handy hatte ich mal wieder abgeschaltet, damit mich niemand störte – aber irgendwann klopfte es an meiner Tür. Es läutete nicht unten an der Klingel, sondern es klopfte direkt an meiner Tür.

Offenbar hatte es jemand in das Mehrfamilienhaus geschafft. Zu seinem Glück, ich würde niemandem die Tür öffnen.

Genauso wenig wie jetzt, aber der ungebetene Besucher war penetrant. Gute fünf Minuten klopfte die Person hinter der Tür durchgehend, mit der Zeit wurden die Schläge sogar lauter.

Mein Herz begann zu rasen.

Wer war das? Warum schlug jemand so hart gegen meine Tür, dass sie beinahe nachgab? Warum verschwand die Person nicht einfach wieder?

„Mary Vogel.“, oh Gott, es war meine Mutter: „Öffne die Tür!“

Was machte sie denn hier? Sie hasste die Stadt und war bisher genau für meine Umzüge hier gewesen. Und damals, als Markus ...

Schwerfällig erhob ich mich und schlurfte zur Tür. Meine Mutter konnte ich jawohl nur schlecht vor der geschlossenen Tür stehen lassen.

Mürrisch entsperrte ich die zwei Schlösser an der Tür und blickte meine Mutter in die Augen: „Was willst du hier?“

„Was ist das denn für eine Art?“, fragte sie mich schnippisch: „Und wie siehst du aus? Und warum stinkt es hier so widerlich?“

Ein Besuch meiner Mutter war doch immer eine wahre Wohltat: „Mama, was willst du hier?“

„Du gehst seit zwei Tagen nicht an dein Handy und Susi hat auch gesagt, dass sie dich nicht viel zu Gesicht bekommt.“

Na toll. Seit wann verstand sich meine Mutter denn bitte so gut mit Susi?

„Der Akku war leer.“, war meine ganze Antwort und ich machte einen Schritt zur Seite, damit meine Mutter eintreten konnte.

Ihr Blick fiel sofort missbilligend auf die gestapelten Umzugskartons neben der Tür: „Meinst du nicht, dass du die endlich mal auspacken solltest?“

„Nein, meine ich nicht.“

Seufzend glitten ihre Augen wieder zu mir: „Mary.“

„Mama, ich bin gerade wirklich beschäftigt. Ich mache gerade ein paar Aufgaben für die Uni.“, log ich. Seit Markus‘ Tod fiel es mir unglaublich leicht meine Eltern zu belügen. Etwas, was ich früher nie gekonnt hatte. Markus hatte mich deswegen oft genug aufgezogen.

Er war der Profilügner von uns beiden gewesen.

„So siehst du auch aus.“, sie glaubte mir offenbar kein Wort: „Zieh dich an.“

„Was?“

„Wir gehen ein wenig raus. Hier drinnen muffelt es ganz schrecklich und du brauchst eindeutig ein wenig Sonne. Du bist ganz blass.“

„Mir geht’s gut!“, rief ich und fühlte schon wieder, dass mir die Lüge ganz leicht gefallen war: „Wirklich. Schön, dass du hier bist, aber du hättest dir den Weg wirklich nicht antun müssen.“

„Zieh dich an, Mary.“

„Ich gehe nicht mit dir in eine Kirche.“, Mum wusste genau, wie stark mein Glaube seit Markus‘ Tod bröckelte. Wie stark er bereits davor gebröckelt hatte.

„Rede nicht so über unseren Herrgott.“, fauchte sie: „Und nein, wir gehen nicht in die Kirche. Und jetzt zieh dich endlich an!“

Diese Aussage ließ wohl keine Widerworte zu.

Mum hatte mich missbilligend gemustert, als ich wieder aus meinem Zimmer gekommen war, hatte aber nichts gesagt. Ich trug wieder eines von Markus‘ T-Shirts und eine alte, ausgewaschene Jeans.

Jetzt gerade schleifte sie mich die Straße hinunter, in der ich wohnte. Sie hatte einen wirklichen flotten Schritt, als ob sie ein bestimmtes Ziel hatte. Sehr bald wusste ich auch, was ihr Ziel war.

Sie steuerte auf den Buchladen zu.

„Mama, nein.“, ich versuchte stehen zu bleiben, aber meine Mutter zog mich einfach weiter. Ihr Griff war so fest wie eiserne Handschellen um mein Handgelenk.

„Wir gehen da jetzt rein und du suchst dir ein Buch aus. Du musst dich wieder einkriegen, Mary. Und ich weiß, dass du gerne gelesen hast.“

Ja, vor der ganzen Geschichte mit Markus. Aber jetzt doch nicht mehr. Sobald ich es auch nur versuchte ein Buch zu öffnen, musste ich schon jedes Mal weinen. Außerdem wollte ich nicht in den Buchladen. Was, wenn Winter heute Schicht hatte?

„Ich war da schon mal drinnen, wirklich nichts aufregendes.“, versuchte ich es weiter.

„Mary Vogel, ich schwöre dir, ich fang an zu schreien, wenn du da jetzt nicht rein gehst.“

Sowas waren bei meiner Mutter keine leeren Drohungen. Sie würde wahrscheinlich wirklich mitten auf der offenen Straße anfangen mich anzubrüllen. Also ließ ich mich – wenn auch mit einem leichten Widerstand – in den Laden ziehen.

„Guten Morgen.“, begrüßte uns eine tiefe Stimme, die ich sofort zuordnen konnte. Winters Blick hob sich von einem Buch, das vor ihm am Tresen lag. Sofort fanden seine Augen meine. Er zog die Brauen hoch und wollte noch etwas sagen, da erkannte er meine Mutter. Immer wieder sah er zwischen uns hin und her: „Kann ich Ihnen helfen?“, war alles, was er anschließend fragte.

„Danke, wir sehen uns ein wenig um.“, sprach ich schnell, bevor meine Mutter auch nur auf den Gedanken kommen konnte, Winter etwas zu fragen.

Meine Mutter schenkte Adam aber sowieso keine Aufmerksamkeit. Sie zog mich weiter hinein in den Laden und blieb mit mir vor einem Regal stehen, auf dem in großen Lettern „RELIGION“ stand. Na toll, sie wollte mir also irgendein super christliches Buch kaufen.

„Such dir hier was aus.“, sie ließ ihren Blick durch den Laden schweifen: „Ganz nettes Geschäft.“, dann glitt er zu Adam, der immer noch zu uns sah: „Was ihr Personal betrifft, könnten sie sich aber ruhig mehr Mühe geben.“

Warum wunderte es mich nicht, dass meine Mutter scheinbar nicht viel von Adam hielt? Wahrscheinlich, weil er alles verkörperte, was meine Mutter nicht akzeptieren konnte. Heute trug Adam ein kurzärmliges schwarzes T-Shirt, wodurch ich seine Tattoos, die er auf den Armen trug, deutlich erkennen konnte. Viele verschiedene Muster und auch Texte, die ich allerdings von hier nicht lesen konnte.

„Mary.“, brummte meine Mutter, als sie merkte, dass ich Adam die ganze Zeit über angestarrt hatte. Auch Adam selbst hatte es bemerkt und grinste.

Sofort schoss mein Blick wieder zum Bücherregal und ich versuchte die Titel der Bücher zu lesen. Sie verschwommen aber vor meinen Augen, wodurch ich nur eine Vielzahl an einzelnen Buchstaben ausmachen konnte.

„Ich sehe mich auch mal ein wenig um. Lass dir nicht zu viel Zeit.“, zischte meine Mutter. Sie war ja heute wirklich in bester Laune.

Nachdem sie verschwunden war, glitt mein Blick wieder zu den Büchern. Von manchen konnte ich den Deckel ausmachen. Auf den meisten war der Papst zu sehen, oder betende Hände. Waren wohl die beliebtesten Motive für religiöse Bücher.

„Kann ich behilflich sein?“

Ich blickte auf und erkannte Adam, der mit einem breiten Grinsen vor mir stand. Ihm schien das gerade wirklich Spaß zu machen.

„Nein, danke.“, antwortete ich knapp. Als ob er mich überhaupt beraten konnte, wenn es um religiöse Bücher ging. Er sah mir nicht wie der große Kirchgänger aus.

„Wonach suchst du denn?“, diesmal sprach er mit eindeutig weniger Spott in der Stimme.

„Nach etwas, was mich nicht in der Hölle landen lässt, wenn ich es zu Hause in den Müll werfe.“, brummte ich und sah zu Adam hoch.

Da war wieder das Grinsen: „Hm, dann empfehle ich das hier.“, er zog ein Buch hervor, dessen Titel wirklich lautete „10 Wege, um nicht in der Hölle zu landen“.

Ich musste kurz auflachen, ließ es aber kurz darauf schon wieder ersterben. Das hier war falsch.

„Ich glaube nicht, dass meine Mutter so begeistert über dieses Buch wäre.“

„Ist es etwa für sie?“

Ich schüttelte den Kopf: „Nein, aber sie will mir eines kaufen. Und das hier ...“, ich zuckte mit den Schultern.

„Denkst du, sie weiß, dass der Titel ironisch gemeint ist?“

Hm, gute Frage. Meine Mutter konnte eigentlich nicht viel mit solchen Dingen wie Ironie und Sarkasmus anfangen.

Adam grinste: „Sieh einfach zu, dass sie nicht den Klappentext liest. Dann solltest du sicher sein.“

Wahrscheinlich hatte er recht. Mum würde es bestimmt für ein ernsthaftes Buch halten.

„Danke.“, diesmal war mein kurzes Lächeln wirklich ehrlich gemeint. Ich hatte Winter noch nie so freundlich erlebt, aber es war eine ganz nette Abwechslung.

„Kommt dich deine Mutter oft besuchen?“, fragte er interessiert.

Ich schüttelte den Kopf. Zum Glück war sie so gut wie nie in Wien: „Nein. Ihr Besuch war auch nicht angekündigt gewesen.“

„Warum ist sie denn hier?“

Oh nein, diese Unterhaltung ging schon wieder in die völlig falsche Richtung.

„Ähm.“, ich räusperte mich, aber bevor ich antworten konnte, stand meine Mutter schon wieder neben mir.

„Mary, hast du was gefunden?“, sie entriss mir das Buch, das ich in der Hand hielt und las den Titel. Sie nickte anerkennend: „Gute Wahl. Nimm dir diese Wege wirklich zu Herzen.“, mit diesen Worten gab sie mir das Buch wieder zurück und blickte zu Adam hoch. Da meine Mutter noch kleiner war als ich, sah es schon fast witzig aus, wie sie zu ihm hochblickte: „Wir würden gern zahlen.“, der bissige Unterton war nicht zu überhören.

„Natürlich.“, Adam lächelte, für einen Moment sah es sogar wirklich echt aus: „Zusammen oder getrennt?“, er nahm meiner Mum und mir die Bücher ab.

„Zusammen.“, so kurz angebunden kannte ich meine Mutter gar nicht.

Während wir an der Kassa standen, sagte sie kein Wort. Auch nicht, als sie Adam das Geld überreichte – sie war eindeutig darauf bedacht, ihn ja nicht zu berühren. Als ob er die Pest oder die Krätze hätte.

„Vielen Dank für Ihren Einkauf.“, wieder dieses falsche Lächeln von Winter, das meine Mum aber gar nicht bemerkte, weil sie die Bücher an sich riss und sich ohne eine Verabschiedung umdrehte um den Laden zu verlassen.

Entschuldigend sah ich zu Adam und wollte mich schon wegdrehen, da hörte ich, wie er meinen Namen rief.

„Ja?“, verwirrt drehte ich mich wieder um. Hatten wir etwas vergessen?