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Hartmut Petersohn

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Beschreibung

Die Geschichte beginnt an einem regennassen Morgen in Berlin. Martin erhält einen Anruf, der ihn irritiert. Die Mitarbeiterin eines Architekturmuseums bittet ihn, in Böhmen ein Landhaus im Bauhausstil zu fotografieren. Der Auftrag wundert ihn, denn zwar hat er als Interieur-Fotograf einen Namen, Häuser hingegen hat er noch nie fotografiert. Er wollte den Auftrag missgestimmt ablehnen, wie es seine Art war, aber die Stimme am Telefon hatte ein Gefühl in ihm ausgelöst, das ihm neu war.  Er nimmt den Auftrag an. Auf der Fahrt entdeckt er bei einem Halt in einer Ruine ein Buch. Er erkennt, dass es einen gewissen Wert haben muss. Als er Lea sieht, die vor dem Denkmal der Moderne steht und ihn erwartet, weiß er, das es richtig war, dem Gefühl zu folgen. Dagegen hatte sie sich den Fotografen anders vorgestellt und erschrickt vor seinem derben Auftreten. Aber auch sie spürt ein Verlangen. Er zeigt ihr das Buch und beide blättern aufgeregt die Seiten um und erkennen, dass eine fehlt. Zwar vermuten sie, dass dies den Wert des Fundes mindert, doch überbieten sie sich in leidenschaftlichen Vermutungen darüber, was mit ihm anzufangen sei. Sie ahnen, dass sich dahinter die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit verbirgt. Später spürt Martin die herausgerissene Buchseite auf. Er lässt eine Replik fertigen. Derweil beginnt Lea mit der Kopie zu arbeiten, verliert ihre ängstliche Zurückhaltung und gewinnt ein Selbstwertgefühl, wie sie es an Martin bewundert. Er übernimmt von ihr, ohne es sich einzugestehen, das Streben nach einem sinnvollen Ziel, nach Veränderungen. Jedoch misstrauen beide der wachsenden Nähe, da sie fürchten, ihre Unabhängigkeit aufgeben zu müssen. Als sie Erfolge auf ihren neuen Wegen erzielen, die sie voreinander zu verbergen suchen, scheint ihre Beziehung am Ende. Sie will einen neuen Anfang, er verlässt sie mit den Worten: "Wir haben uns verloren." Drei Jahre später begegnen sie sich zufällig. Sie ist sicher: "Es war nur eine Frage der Zeit."

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Seitenzahl: 639

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Hartmut Petersohn

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1

Die dünne Nässe hing wie ein feiner Vorhang zwischen den Häusern und überzog das Kopfsteinpflaster mit einem dunkel glänzenden Film. Seine Farben lagen in der Nacht verborgen. Menschen liefen von links nach rechts, oder von rechts nach links, die einen stemmten sich gegen den Wind, die anderen lehnten sich mit aller Kraft zurück. Sie glichen schwarzen Strichmännchen. Aus dem Dunkel tauchten die Scheinwerfer eines Busses auf, der wenig später hielt. Eine Frau rannte den Rücklichtern nach. Der Sturm riss ihr den Regenschirm aus der Hand. Die Türen des Busses schlossen sich, er fuhr an und scherte nach links aus. Der Schirm folgte dem Sog des robusten Vehikels in einem irren Auf und Ab, bis er in der Rinne neben dem Bordstein landete, das Gestell verbogen, die Bespannung in Fetzen. Die Frau hatte die Haltestelle erreicht, blieb stehen und senkte den Kopf. Unter den mächtigen, kahlen Bäumen tanzte eine Gruppe schwarzer Schatten singend durch den Park.

Es war Montag vier Uhr in Berlin und es regnete.

Die Wischblätter schleiften ruckelig über die Frontscheibe. In seinem alten, klapprigen Volvo umrundete Martin Ross den dunkelkalten Arkonaplatz. Ihn fesselten das Hin und Her im Hell und Dunkel der Straße, die schwarzen Strichmännchen auf dem Gehweg und die aufblitzenden Lichter über der Fahrbahn.

Sein Bildergedächtnis meldete: Expressionismus. Ein Versuch ist es wert, fand er und griff nach der Kamera, die auf dem Rücksitz lag. Er besann sich und hob die Hand zurück auf das Lenkrad. Der Fotograf des schönen Scheins und des modernen Seins wechselt das Lager und schafft Kunst in Schwarz-Weiß. Mann, was ist mit dir los, fragte er sich, war die Stimme am Telefon gestern Abend, ein Angriff auf deinen Hippocampus?

Über der Motorhaube löste sich ein roter Punkt aus der Nacht, er erschrak und drückte seinen Fuß kräftig gegen das Bremspedal. Das Signalrot in dem weißen Kreis hob und senkte sich, um schließlich zum Fußweg zu schwenken. Quietschend schleiften die Reifen am Bordstein entlang. Neben dem Fahrerfenster kreiste im schwachen Licht der Straßenbeleuchtung so gleichmütig wie bedeutungsvoll der Finger eines Polizisten.

Martin öffnete das Seitenfenster.

„Führerschein, Zulassung, Ausweis“, verlangte der Polizist. Ein zweiter stand daneben und schrieb etwas in eine Kladde, die er in die schwachen Strahlen der Straßenlaterne drehte.

„Erwischt!“ rief Martin und lachte.

„Allgemeine Fahrzeugkontrolle“, antwortete kühl der Polizist, steckte die Kladde in eine Tasche, streckte seine Hand in den Innenraum, in der er ein Mundstück hielt, und befahl: „Blasen, bitte!“

„Blasen!“, wiederholte Martin und lachte schallend. „Klare Ansage, wer um diese Zeit unterwegs ist, muss mit allem rechnen, aber ausgerechnet von einem Polizisten?“ 

„Negativ,“ meldete der Alkoholtester und steckte das Röhrchen in eine rechteckige, schwarze Box.

„Bitte aussteigen, die Heckklappe öffnen“, verlangte der Ausweiskontrolleur.

    „Jungs, was soll das? Es ist vier Uhr und ich habe eine Fahrt von acht Stunden vor mir.“

„Öffnen! Die Decke wegnehmen.“

„Ist eine Plane, festgezurrt.“

„Lösen!“, befahl der Beamte. „Und was ist in den Kisten?“

„Kameras“, stöhnte Martin.

„Schließen“, befahl der Polizist, reichte ihm die Ausweise und wünschte: „Angenehme Fahrt.“

„Prima, halbe Stunde eingebüßt“, gab Martin zurück, warf sich in den Fahrersitz und tippte den Namen Bozikov auf die Tasten des Navis, das Seitenfenster hielt er geöffnet. „Kein Treffer“, meldete die Elektronik. Er versuchte es mit Reichstadt, dem nächsten größeren Ort. „Zakopy“, mahnte der Routenfinder und setzte „Reichstadt“, den alten deutschen Namen, in Klammern.  „Ihr Ziel erreichen Sie in acht Stunden“, meldete die Stimme der Navigatorin, die er Chantal getauft hatte. „Chantal, hast du keine kürzere Route?“

Stets war er dem hellen Stakkato ihrer Ansage gefolgt, wenn auch widerwillig. Sie führte ihn auf seltsame Wege und oft in die Irre. An diesem Morgen erwartete er von ihr präzise Angaben, denn er wollte sich ohne Umwege seinem Ziel nähern, der Stimme am Telefon, die ihn irritiert hatte.

„Fahren Sie bitte sofort weiter“, befahl der Polizist neben dem Fenster.

Martin schloss das Fenster und sagte: „Zu Befehl, Idiot.“

Chantal empfahl: „Nach zweihundert Metern links abbiegen.“ Er bog nach rechts ab. „In zehn Metern bitte umdrehen!“ wies sie an.

Er stellte den Ton ab und fuhr durch den Wedding, den Hinweisschildern zur Stadtautobahn folgte er auf vertrauten Straßen. Den Weg durch die Ostbezirke Berlins mied er, selbst wenn er kürzer war. Am Funkturm schaltete er „Chantal“ wieder ein. Ihre Stimme wurde ihm bei dieser Reise von Kilometer auf Kilometer gleichgültiger, denn er folgte einer anderen, einer unbekannten; für sie hatte er die sechshundert Kilometer lange Fahrt auf sich genommen.

Seit dem gestrigen Abend hing ihr Klang in seinem Kopf fest, die Sprachmelodie leise und beinahe ängstlich, ihre Frage einfach und direkt. Er hätte sie klar und eindeutig mit „Nein“ beantworten und das Telefon auflegen können. Er hielt es sich weiter gegen das Ohr, hörte ihre weiche heisere Stimme. Seine Erinnerung suchte in ihrer Frage eine Antwort, die ihm den Grund der Reise erklärte.

„Würden Sie ein Denkmal der Moderne fotografieren? Ein Haus, das Landhaus Rhomboeder, in Bozikov, Tschechien.“ 

Was sollte mich reizen, ein Haus zu fotografieren, ein Haus, hatte er sich gefragt, obwohl er bereits wusste: Ich werde es tun.

Sie hatte innegehalten, um in ihrem zögernden, verhaltenen Singsang fortzufahren: „Ein wunderbares Gebäude.“

Sein Schweigen musste ihr wie die dunkle Andeutung einer Absage erschienen sein, die sie offenbar nicht bereit war, hinzunehmen.

Hektisch hatte sie gestottert: „Bauhaus. Weltkulturerbe. Es wurde in die Liste aufgenommen.“

Er hatte geschwiegen.

„Weltkulturerbe“, wiederholte sie leise. „Es wäre cool, wenn Sie nach Bozikov kämen.“

Ein Hilferuf? Ihre Stimme traf ihn unter der Haut. Er spürte ein Brennen. Ihm war, als sei etwas Fremdes in sein Atelier eingebrochen, in den geschäftsmäßigen Alltag des Berufs, dem Hin und Her aus Intuition, mühsamen Wichten, eintönigen Sortieren und Bearbeiten der Fotos mit den immer gleichen Motiven.

Diese seltsame Sprachmelodie, ein rollendes R gefolgt von einem langen Zischlaut. Für ein Mädchen zu dunkel, für eine Frau zu hoch, die Sprache stockend. Diese Stimme. Er war verwirrt. Die Routinen entglitten ihm. Ich habe vergessen, nach ihrem Namen zu fragen. Das ist mir noch nie passiert, erinnerte er sich, gedacht zu haben.

Er hatte an seinem Schreibtisch gesessen, unfähig, etwas zu tun, in das Dunkel hinter der Panoramascheibe geschaut und sich gefragte: Warum ist mir wichtig, zu der Stimme ein Bild zu haben?

Es ging auf Mitternacht, eine Katze setzte zum Sprung an und verschwand hinter der niedrigen Mauer im Hof. Der Bewegungsmelder flammte auf und er fand keine Erklärung für die Zusage zu einem Termin, der ihn nicht interessierte und mit dem er sich zwang, die Produktfotografie, sein Metier, in dem er sich sicher fühlte und die Monotonie seines Alltags füllte, zu verlassen. Was hat mich gehindert, Auskunft darüber zu verlangen, wofür die Fotos verwendet werden sollen. Für eine Zeitschrift, ein Buch, einen Katalog?

Die sonderbare Stimme hatte auf sein plötzliches „Auftrag angenommen“ freudig, wenn auch unsicher gefragt: „Wann könnten sie kommen?“

„Morgen, gegen 15 Uhr.“

Seine Zusage hatte derb und schroff klingen sollen und er wurde sich wieder der Unsinnigkeit seiner Reaktion bewusst. Reiß dich zusammen, ermahnte er sich. Du willst das Bild zu der Stimme, Action!

An diesem Morgen am ersten Tag des Frühlings, warm wie der Sommer, obwohl noch in der halben Nacht, hatte er sich in den Ledersitz seines alten Volvos geworfen. Alle Verwirrung war der Lust auf ein Abenteuer gewichen. Schon amüsierte ihn die Erinnerung an das seltsame Telefonat aus Tschechien und sein unprofessionelles Verhalten. Das wird spannend, redete er sich ein.

*

Zwei Tage hatte Lea vergeblich versucht, Martin Ross zu erreichen. Elena, die sie während ihres Praktikums in der Bauhausvilla Rhomboeder betreute, hatte ihm seine Telefonnummer mit dem klaren Auftrag gegeben: „Ruf bitte diesen Fotografen an und versuch, das Honorar herunterzuhandeln.“

Am Morgen vor dem Dienst, zu Mittag und am Abend und weit nach Feierabend hatte sie seine Stimme von der Mailbox abgehört: „Martin Ross.“ Das war alles. Kein: Tut mir leid, bin unterwegs, bitte hinterlass eine Nachricht nach dem Piep. Nichts. Nur der Name: Martin Ross.

Das ist eine Botschaft, fand sie: Euer Anruf interessiert mich nicht! Ihr seid mir alle egal! 

Diese Selbstsicherheit erschreckte sie. Hektisch hatte sie jedes Mal die Taste 'Auflegen' ihres Mobiltelefons gedrückt. Sogleich fürchtete sie, verpasst zu haben, dass er abnahm.

Am Morgen des dritten Tages meldete sich nach dem vierten oder fünften Rufzeichen seine Stimme, ebenso knapp wie die Ansage: „Martin Ross.“

Sie spürte, dass sie Gefühle fluteten, die ihr vertraut waren, die sie fürchtete und nach denen sie sich zugleich sehnte. Ihr war, als würde sie im nächsten Moment umfallen.

Dieses hilflose Schwanken zwischen Hoffen und Bangen, sie spürte es jedes Mal, wenn sie einen Mann begehrte, und sie begehrte oft. Sie war sich ihrer Reize bewusst. Mit ihnen zu spielen war das Einzige, worin sie sich gut fand. Sie tat es mühelos. Senkte sie den Blick aus ihren großen grünen Augen, galt das als Versprechen, strich sie sich eine der festen Wellen ihres krausen, dunkelbraunen Haarschopfs über das Ohr, war es ein Locken, hob sie mit beiden Händen ihre felldichte Mähne, konnte das als Offenbarung verstanden werden. Die feinen Rundungen ihrer Weiblichkeit unterstrich sie, wenn es darauf ankam, indem sie einen Push-BH trug. 

Mit seiner raschen Zusage hatte sie nicht gerechnet.

Ein Wort hatte ihm dafür genügt: „Wann?“

Seine Zusage, die wie eine Ablehnung klang, verwirrte sie.

Sie hatte sich setzen müssen, beinahe war es ein Fallen.

„Und, äh, wann können Sie kommen“, hatte sie gestottert.

„Morgen“, hatte er bestimmt. „Gegen 15 Uhr.“

„Danke“, hatte sie sich flüstern hören. Er hatte längst aufgelegt. 

Himmel! Was war das? fragte sie sich mit dem Gefühl, als erwache sie aus einem Traum. Jede Bedrückung war von ihr gefallen.

Gewöhnlich nahm sie alles als Prüfung, stets fühlte sie sich unsicher, selbst Erfolge brachten ihr keine Erlösung. Nun kam sie sich auf ungewohnte Weise befreit vor. Sie spürte eine beschwingte Fröhlichkeit. Am Abend bekam sie einen Durchfall. Das hat mir gerade noch gefehlt, hatte sie gedacht.

Nach dem Aufstehen vergaß sie, sich zu waschen, die Zähne zu putzen, setzte sich in ihrem flauschigen, dunkelblauen Schlafanzug mit den gelben Mondsicheln und den Sternen drumherum auf das rote Polster des Stuhls vor den Schreibtisch und suchte im Internet nach Spuren der Arbeit dieses Martin Ross. Fünf Seiten Standfotos, Interieurs, geschmackloser Luxus.

Das glaube ich nicht, dachte sie, da muss mehr sein. Sie klickte auf die nächste Seite und löschte aus der Suchmaske den Vornamen Martin. Ross gab es viele. Einer von ihnen war Unternehmer und nach dem 2. Weltkrieg als Kriegsverbrecher angeklagt worden. Als dessen Sohn war ein Rainer vermerkt, dann ein Enkel: Max. Endlich fand sich in der Aufzählung ein Martin. Der Name war mit einem Sternchen versehen, Fotograf stand zwischen den Klammern.

Hinter Ross setzte sie nun Martin und arbeitete sich mit einem Doppelklick weiter in das Leben des Besuchers ein, dessen Erscheinen sie fieberhaft erwartete.

Die erste Seite füllte sich mit Einträgen zu seinem fotografischen Schaffen. Nach Biographischem suchte sie vergebens. Es folgten Seiten, in denen seine Veröffentlichungen in Zeitschriften und Büchern aufgezählt wurden. Nur Inneneinrichtungen. Er hatte Details fotografiert, die wie abgeschnitten wirkten. Sie glichen Gemälden.

Das sind Porträts! entdeckte sie. Zwar fotografiert er keine Menschen, aber die Dinge, die er abbildet, bekommen eine Gestalt. Das ist suggestive Manipulation! Der Gedanke versetzte sie in eine widersprüchliche Aufregung. Diese Faszination, die Bilder haben eine Bedeutung, jedes Foto hatte ein Geheimnis, fand sie.

Abbildungen von Menschen fand sie keine. Auch fehlte den Internet-Beiträgen ein Bild von ihm. Er schien sein Gesicht verbergen zu wollen. Sollte sie das als Zeichen seiner Prominenz werten oder war es Eitelkeit, wie die knappe Ansage auf der Mobilbox: Martin Ross.

Auch Landschaften kamen in seinen Fotos nur als schmückendes Beiwerk vor; sie tauchten verstohlen hinter den Fenstern der Wohnungen auf, in denen er fotografierte oder hinter stylischen Terrassen.

Eine Erklärung für das Ausblenden jeder Wirklichkeit außerhalb des schönen Scheins lieferten die Fotos nicht. Er verbarg sich, zumal er im Internet keine eigene Seite betrieb.

Hielt er es für überflüssig, sich zu präsentieren?

An den Handflächen begann sie zu schwitzen. Es war das erste Mal, dass sie einem Menschen begegnete, der im Netz präsent war wie sonst niemand, den sie kannte und dem es dennoch gelang, als Person unsichtbar zu bleiben.

 Er ist eitel, legte sie für sich fest, einfach nur eitel.

Was zwingt mich, nach ihm zu suchen? fragte sie sich und spürte zugleich Wut in sich aufsteigen, denn sie kannte die Antwort. Was sich daraus ergab, war nie gewiss und nährte ihre Unsicherheit, bis sie endlich erreichte, wonach es sie verlangte. Die Mittel, dahin zu gelangen, waren ihr längst vertraut und sie wusste sie zu nutzen. Es war schwer, sich ihr zu widersetzen. Wer sich einem anderen offenbarte, wird sichtbar. Es ist ein Spiel, das sich stets neu erfindet, Nähe lässt seinen Reiz verblassen, hatte sie erfahren.

Was aber ist mit einem, der sich jedem Zugang verweigert, sich versteckt und unsichtbar bleibt? Ist das ein Spiel, dessen Regeln ich nicht kenne? Wusste er es? War das sein Kalkül?

Sie schalt sich erbärmlich. Ihre hektische Suche nach dem Unsichtbaren beendete sie mit einem Protest: Das ist ein Übergriff!

Ihre Gedanken flirrten und wisperten um ein: Was soll ich machen?

Es ging auf Mittag zu, sie stand vom Schreibtisch auf, lief zum Fenster, setzte sich wieder, und ihre Finger flogen über die Tastatur: „Wann kommen Sie? Wie lange soll ich warten? Bitte melden Sie sich, ich muss das Haus abschließen.“

Sie drückte auf 'Senden' und war erleichtert. Mich trifft keine Schuld, wenn er missgelaunt umkehrt, beruhigte sie sich.

Zugleich hoffte sie, er würde nicht mit Ablehnung reagieren. Das würde sie kränken. Denn beleidigt war sie schnell. Darunter litt sie, umso mehr, da sie nicht vermochte, auf Kritik, Herzlosigkeit, Zurückweisungen gar, gelassen zu reagieren, so sehr sie es sich auch wünschte. Sie sah sich ständig im Pech und war sich sicher, dass es an ihr klebe, von Kindheit an. Oft genug wurde ihr vorgehalten: Du nimmst alles zu persönlich!

  Der Fotograf verspätete sich.

Wie konnte ein Mensch, und mochte er noch so prominent sein, Stunden auf sich warten lassen? Das kann nur mir passieren.

Gestern noch, nach ihrem Anruf und seiner spontanen Zusage, nach Bozikov zu kommen, war sie voller Hoffnung.

Ein Gefühl kam in ihr auf, das ihr vertraut war, nur war es diesmal stärker.  Sie wollte diesen Mann sehen, sie fühlte sich zu ihm hingezogen, obwohl sie ihn nicht kannte. Es hatte sie eine Ahnung erreicht, von der sie wusste, woher sie kam.

Von Stunde zu Stunde schwand ihre Zuversicht, Martin Ross kennenzulernen.

Er musste längst in Bozikov sein. Ihre Finger umschlossen das Mobilphon, sie hatte zur Option „Klingelton laut“ sicherheitshalber noch auf 'Vibrieren' gestellt, um weder seine Textmeldung noch einen Anruf zu verpassen. Beim ersten Ton wollte sie sich melden.

Zur Mittagszeit, sie hatte nicht mit ihrer Chefin Essen gehen wollen, lief sie den Hügel vor der Villa Rhomboeder hinauf und hinunter. Sie achtete darauf, das Haus im Blick zu behalten und fühlte es neben sich wie eine sichere Burg. Näherte sie sich dem weißen Bau, dachte sie: Ist das alles wahr, was ich erlebe? Entfernte sie sich, vermisste sie den Anblick des geliebten Gebäudes. Inzwischen kannte sich niemand besser in der Villa aus als sie. Zwar war es erst die vierte Woche ihres Praktikums, jedoch hatte sie bereits Aufgaben übernommen, die bisher der Chefin dieses Denkmals der Moderne vorbehalten waren.

„Drei Stunden lässt der Typ mich warten! Beinahe vier! Unerhört!“, schimpfte sie vor sich hin.

Sie lief den sorgfältig gepflasterten Weg den Hang hinauf. Die fein in die Erde gesetzten Steine gingen am Ende und am Anfang des Grundstücks in einen löchrigen Teerbelag über. Das Geld hatte nur zum Pflastern der Straße vor der Denkmal-Villa gereicht. An der Grenze zwischen der abstoßenden Tristesse des Mangels und der von einem deutschen Spender geförderten Pflasterkunst kehrte sie um.

Sie war aufgeregt.

*

Auf der nachtverlassenen Brunnenstraße zog Martin die Plastikhülle der CD aus der Halterung und warf sie auf den Beifahrersitz. Antonio Vivaldi, die vier Jahreszeiten, der Frühling. Zwar war es noch März, aber die Temperaturen erlaubten den Vorgriff, fand er. Einen Techniker der Ross-Stiftung hatte er gebeten, den ersten Satz des Konzerts auf allen Geräten zu installieren, so geschah es im Sommer, im Herbst und im Winter.

Jedes der Jahreszeiten-Konzerte lief während der Arbeit im Atelier, im Auto, es erklang bei Anrufen und sogar über die Türsprechanlage so lange, bis die Anzeichen für einen Temperaturwechsel die nächste Saison ankündigten.

Auf diese Weise trachtete Martin zu vermeiden, dass ihn der Wechsel vom Frühling auf den Sommer, den Herbst oder den Winter überraschte. Er fühlte sich gewappnet. Den Winter hätte er gern ausgelassen. Der Frühling kam ihm gelegen. Es war eine Marotte. Ihm war sie hilfreich, wie alles, wenn es sich auf diese oder eine andere Weise erfüllte. Zwar fehlte es ihm an Ehrgeiz, aber gleichgültig was er tat, er hatte einen Plan, Pausen gehörten dazu. Bei der Arbeit im Atelier waren Unterbrechungen nützlich, sie gaben dem Tag eine Struktur, auch der Nacht, denn oft arbeitete er bis in den Morgen. Seine Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass ein bestimmtes Maß an Müdigkeit die Konzentration verstärkt und die Inspiration beflügelt, aber er wusste, es blieb ein gefährliches Spiel auf einem dünnen Seil. Die Pausen strafften es. Vivaldis Jahreszeiten waren hilfreich.

*

Das Boston-Symphonieorchester intonierte die wilden Gefühle, die der Komponist vorgegeben hatte, stürmisch steigerten die Violinen ihren Jubel, die Verheißung eines Beginns, das Glück des Erwachens.

Martin raste dem Largo entgegen und spürte plötzlich eine ungewohnte Schwäche. Begleitet von den Windgeräuschen und dem gewohnten Klappern der Karosserie rauschte der Volvo über den Beton nach Osten. Für Sekunden schlossen sich ihm die Augen, ein scharfer Geruch stieg aus den Achseln. Mit der flachen Hand fuhr er sich über die Stirn, drückte den Hebel des Blinklichts nach oben, nahm den Fuß vom Gaspedal und bog an der nächsten Ausfahrt von der Autobahn ab.

 Aus dichtem Gebüsch sprang ein Mädchen auf die Fahrbahn. Er erschrak, bremste hart, der Volvo schleuderte, dann blieb er auf dem sandigen Randstreifen stehen.

Irre, dachte er, Autostopp in einer Kurve, die hat Nerven oder sie ist lebensmüde.

Das Mädchen öffnete die Beifahrertür und schob ihren Kopf in den Innenraum.

„Richtung Süden?“

Strähnen blonder Haare fielen über die Stirn in ein blasses Gesicht, die Augen grau, ein Antlitz aus einem Renaissance-Gemälde.

„Italien?“, gab Martin zurück und lachte.

„Bon!“, jubelte sie und ließ sich in den Beifahrersitz fallen.

Sein Blick blieb auf den engen Jeans hängen, die ihre Oberschenkel wie eine zweite Haut straff umschlossen.

„Französin?“

„Lydia, Tschechin.“

„Martin, Berliner.“

„Cool“, urteilte sie, knallte die Tür zu und streifte sich die kurze Lederjacke von den Schultern. Darunter trug sie einen hochgeschlossenen schwarzen Pullover mit einem breiten Mittelteil von weißen, grauen und braunen Zacken überlagert. Weiche Wolle. Zarte Flusen segelten elektrisch aufgeladen zum Autohimmel hinauf.

„Feines Leder, deine Jacke“, nickte er.

„Wie dein Hemd“, sagte sie kühl.

„Kein Lack“, ulkte er.

„No Sex!“, erwiderte sie.

„Bisschen mutig, hier in der Kurve zu warten.“ Er teste den Übergang ins Unverfängliche. Sie ging darauf ein. „Wegen der Polizei. Es ist verboten, an der Autobahn zu stehen. Wirst du erwischt, ist es teuer. Aber von Bad Liebenstein weiterzukommen, das ist schwer. Fahren zu wenige Leute rein und wieder raus.“

Martin lachte. „Ich hatte nicht vor, hierzubleiben.“

„Klar, Berliner Nummer.“

„Du sprichst sehr gut Deutsch.“ Sein Lob klang platt und leer. Die Plattitüde sollte signalisieren: Wir bleiben auf Abstand.    

Sie ging darauf ein und erklärte trocken: „Ich studiere in Dresden.“

„Und wo soll es hingehen?“

„Nach Bozikov, bitte!“ Sie lächelte schelmisch.

„Okay, Bozikov“, bestätigte er wie ein Taxifahrer.

„Und wo willst du hin?“

„Bozikov“, versicherte er.

„Echt jetzt?“

„Ich fahre nach Bozikov und bin nicht sicher, ob das eine gute Idee ist.“

„Du bist lustig“, fand sie.

An einem Hang neben der Straße zog sich eine Wiese bis zum Kamm, auf dem schwer und zerfallen ein Haus stand; dunkle Fensterhöhlen, klagend streckten sich schwarze Dachbalken gegen den Himmel.

„Wir fahren den Hügel rauf zu der Ruine. Pinkelpause“, bestimmte er.

„Kann ich im Auto bleiben?“

„Klar, ich komme allein zu recht“, spottete er und suchte nach einem Platz, an dem sie ihn nicht sehen konnte, lief an drei dicht ineinander gewachsenen hohen Lebensbäumen vorbei zu einer Mauer und pinkelte gegen den zerbröselnden Putz. Der gelbe Strahl leckte über das schmutzige Grau und versickerte zwischen seinen derben, braunen Schuhen. Er schloss den Reißverschluss der engen Hose aus festem Leder und betrachtete die Umgebung. In der altersschwachen Mauer entdeckte er eine Öffnung. Vom Wechsle der Jahreszeiten aus dem Mauerspalt gebrochen, türmten sich graue Ziegel und grob behauene Felsstücke zu einem chaotischen Hügel. Er stieg auf den Bruch und winkte zum Auto hinunter. Die Tür öffnete sich, seine Beifahrerin zog sich den Blazer über und kam zu ihm heraufgerannt. Als sie neben ihm stand, zeigte er auf ihre dünnen weißen Turnschuhe.

„Aus Weiß wird Grün.“

„Bis Bozikov sind sie trocken“, wiegelte sie ab.

Er schob die Zweige eines alten, kräftigen Baumes zur Seite, eine Magnolie. An diese Bäume band ihn eine enge Beziehung, einer stand vor der Villa seiner Eltern im Grunewald, einer vor dem Haus der Familie am See und der ihm Wichtigste kümmerte im engen Hof seines Ateliers in Berlin an einer grauen Mauer dahin.

Die Äste der Magnolie vor der Ruine steckten ihre kahlen Zweige kraftvoll und frei in den Morgen.

Mit ihr hatte die Natur ein Gegenstück vor die sieche einstöckige Ruine wachsen lassen, über die der Frühling, der Sommer, der Herbst und der Winter Spuren der Verwahrlosung gezogen hatten. An der Wand des Hauses dunkelte schmutzig der Putz. Neben den schwarzen Fensterhöhlen liefen breite, nasse Schlieren die Fassade hinunter, dem Regen schutzlos ausgeliefert, hilflos hingen die Dachrinnen von der Traufe; ein schnörkelloser Klotz, dem Verfall ausgesetzt.

„Was siehst du?“

„Eine Ruine.“ antwortete Lydia. „Ein Bau ohne Rundungen, nur Ecken und Kanten. Hässlich, kalt, öde.“

„20. Jahrhundert. Früher?“

„Keine Ahnung. Ich studiere Politik, nicht Architektur.“

„Lust?“ Er zeigte zum Aufgang, der breit und schwungvoll auf einem quadratischen, von Unkraut überwucherten Wiesenstück endete, die Steine der Treppen aus den Stufen herausgebrochen, vom einst eleganten Lauf bröckelte der Putz.

„Was willst du dort?“

„Abenteuer.“

„Schutt und Dreck“, wiegelte sie ab. „Habe ich eine Chance mich zu wehren?“

„Du willst nach Bozikov?“

„Das ist hart. Aber gut, bei der ersten einstürzenden Mauer haue ich ab und klaue dein Auto.“

Trotz der einladend hohen Fenster erschien Martin der Bau ebenso abweisend wie die Bauhaus-Denkmäler. In der vergangenen Nacht hatte er sich im Internet einen Überblick verschafft, was ihre Architektur besonders machen soll. Zwar war sein Interesse eingeschränkt, aber da er nun eines der Häuser fotografieren sollte, sah er sich zu der Recherche verpflichtet. So hielt er es bei jedem Auftrag. Alles Neue war ihm willkommen, überraschen ließ er sich ungern.

Über zwei Etagen der Ruine zog sich auf der Fassade ein aufstrebender Erker bis unter das Dach, neben den zwei Seitenfenstern öffneten sich in der Mitte drei Fenster nach vorn, daneben gaben vier weitere dem Vorsprung einen optischen Halt, darüber ein mediterran anmutendes Satteldach. Am linken Giebel schloss sich ein flacher Portikus an, den das dichte Gebüsch eines verwilderten Parks überwucherte.

„Unternehmervilla, kleiner Fabrikant, Wende zum 20. Jahrhundert“, urteilte Martin, als sie sich vorsichtig über die wackligen Stufen einer Freitreppe hinauftasteten.

Sie zeigte auf die Eingangstür: „Kette, Schloss. Ende des Abenteuers.“

Der Rahmen des Holzes der Tür hatte sein Braun an ein verwittertes Grau verloren, spitz ragten Splitter heraus. Um den Stulp, den Überschlag in der Mitte der beiden Flügel, waren die rostigen Glieder einer Kette geschlungen. Hilflos hing sie an der Tür herunter.

Martin trat gegen das verwitterte Holz.

„Das ist verboten“, protestierte sie.

„War schon kaputt“, behauptete er und lachte.

Kleine Steine und Dreck knirschten unter dem schweren Holz. 

„Siehst du, was ich sehe?“ Martin wies auf die Flügel einer Rundbogentür, die lose in den Angeln baumelte. „Ein Windfang, gut erhalten, nur das Futter fehlt, herausgebrochen.“

Hinter seinem Übermut versteckten sich Erinnerungen, die er sein Leben lang zu verdrängen suchte. Im Haus der Großeltern diente die beinahe gleiche Tür als Windfang. Die allerdings war geschmückt mit bunten Scheiben, in denen sich Frauenleiber wanden. In den einsamen Mittagsstunden flutete gleißendes Licht das geschliffene Glas, die Frauen begannen zu schweben.  An keiner der blitzenden Scheiben hatte er je einen Riss bemerkt. Es hatte ihn gereizt, in die Pracht einen Makel zu setzten, sie zu zerstören. Bei seiner Lust am Demolieren von Gegenständen in den Häusern der Familie ging er bedacht vor. Nur wenn er sicher sein konnte, nicht erwischt zu werden, schritt er zur Tat.

Er ließ der Erinnerung Raum, befand sie als sentimental und verschloss sie mit der Feststellung, dass ein Gleiches nicht Dasselbe sei, und beschloss, die Verwalter der Familienstiftung auf die Ruine im Osten aufmerksam zu machen. Er rechnete mit ihrem Interesse. Das würde ihm erleichtern, andere Forderungen durchzubringen. Der Hunger der Stiftung nach Gold, Kunst und Immobilien war unersättlich.  

Unter seinen Schuhen wirbelte Staub auf, Fetzen abgerissener Tapeten und krümeliger Dreck von Putz und Stroh säumten den Gang. Die Tramperin folgte ihm mit unsicheren Schritten durch den verwüsteten Korridor.

 Die Diele war geräumig. Es war ihm angenehm, dass dem Haus in seiner Verkommenheit jeder Charme fehlte. Er lief nach rechts zu einer breiten Treppe.

„Da geh ich nicht rauf!“, protestierte das Mädchen.

„Komm lieber mit, hier unten gibt es Ratten.“

„Haben wir zu Hause auch. Wenn du abstürzt, rufe ich den Rettungsdienst“, versprach sie.

Vorsichtig setzte er Schritt für Schritt auf eine Stufe, dann auf die nächste. Er hatte ein Ziel: Der Turm. Der quadratische Aufbau über dem Dach war ihm aufgefallen, als er das Auto vor der Mauer des Grundstücks stoppte.  Der kleine rechteckige Dachaufbau ragte aus dem Dach im Mittelteil des Gebäudes. Mit seinen vier Fenstern, jedes zeigte in eine andere Himmelsrichtung, glich der Ausguck dem des ehemaligen Familiensitzes der Ross‘ hoch über dem Rhein. Dort war der Raum im Turm dem Großvater vorbehalten. Es hieß, er ziehe sich dahin zurück, um Zeitung zu lesen. Das Zimmer hatte Martin nie betreten, den krummen, dünnen Greis selten gesehen. Es rankte sich ein Geheimnis um den Rückzugsort des Großvaters. 

Dieser Turm über der geplünderten und zerfallenden Ruine zog ihn magisch an.  Er war ihm eine Verheißung, wofür oder warum, darüber verschwendete er keinen Gedanken.

Die Holztür war leicht, doch ließ sie sich nur schwer öffnen. Er musste den Schutt vom Boden schieben, der sich vor und hinter der Tür türmte, steckte seinen Kopf durch den Spalt und war enttäuscht. Dreck überzog die Dielen, aus dem bröckelnden Putz der Decke hingen Strohhalme. Dagegen waren Rahmen der Fenster unversehrt und in mächtige Kanthölzer gespannt. Ohne eine sichtbare Befestigung ragten sie aus dem Boden, verschwanden in der Decke und trugen das Dach.

Unter den Fenstern waren die Balken senkrecht ineinandergefügt. Warum wurden an dieser Stelle derart starke Hölzer verbaut, fragte er sich. Das hat keinen Sinn. Sie haben kein Gewicht zu tragen. 

Behutsam strich er über die Planken. Seine Finger tasteten die Fugen ab. In eine war eine dünne Sperrholzplatte eingelassen. Ein Geheimfach? Er bremste seine Erwartung mit der Annahme, dass damit ein Schaden überdeckt werden sollte, schien wahrscheinlicher.  Er drückte stärker gegen die Abdeckung. Sie gab dem Druck nach und senkte sich. Eine Höhlung wurde sichtbar. Im Dunkel ertastete er zwei Haken und löste sie. Eine Tür, klein wie die eines Spielhauses für Kinder. Sie ließ sich in den Raum hineindrehen, nicht weit, aber schließlich passte die flache Hand in den Riss.

Er spürte einen leichten Windzug auf der Haut, seine Finger berührten eine glatte, trockene Fläche. Sie fühlte sich an wie Papier. Unter dem vorsichtigen Druck der Hand gab es nach.

Packpapier, hinter einer Verkleidung, was verbirgt es, fragte er sich. Doch ein Schatz? Das Papier war um einen schmalen Gegenstand gewickelt. Behutsam zog er mit beiden Händen das Paket aus dem Versteck. In eine der oberen Ecken riss er ein Loch. Die Schicht darunter war aus festem Ölpapier. Sein Blick wanderte über den Bauschutt, der die Dielen bedeckte. In dem staubigen Grau entdeckte er am Fenster einen verrosteten Nagel. Den bohrte er in das Ölpapier und weitete das Loch, ein dunkles Blau drang heraus und es war, als breitete es sich in der zerfallenden Kammer aus, bis in die schmutzigste Ecke. Er befahl seinen Sinnen: Stopp und griff nach dem Blau und riss die Verpackung weiter auf.

Zwischen Daumen und Zeigefinger fühlte er festes Leinen, den Einband eines Buches. Inmitten einer breiten Umrandung aus blauem Stoff schlangen sich auf blassem rotem Grund gelbe, weiße, grüne und blaue Wicken um dünne Halme. Sie schienen zu schweben und in ihrem beschwingten Flug sich an Grazie gegenseitig übertreffen zu wollen. Die grünen Blüten fetzte eine stürmische Böe, die weißen hielten still, drängten sich in den Vordergrund und dominierten das Blatt, die gelben blieben im Hintergrund. Auf dem Buchtitel, in Goldbuchstaben mit feinen Linien und einem edlen, kursiven Schriftzug geprägt, stand: Das Musterbuch der Sarah Hirsch.

Ross, die Familie, Schuld bis ins vierte Glied. Er ließ das Buch aus den Händen fallen, als habe er sich daran verbrannt.

Staub wirbelte auf. Er sammelte die Zeitungsfetzen, die verstreut auf dem Boden lagen ein, knüllte sie zu Rollen und stopfte sie zurück in das Versteck. Zuletzt, als müsse er sich dazu überwinden, hob er das Buch sacht aus dem Dreck, wickelte sorgsam die raue Innenseite des Ölpapiers wieder herum, dann das Packpapier, die graue Schnur legte er als Kreuz um den Packen und zog sie mit einem nautischen Knoten fest. Er hielt das Paket vorsichtig und sicher in seinen Händen. Ihn überkam das Gefühl der Ehrfurcht.

Mit einem Witz befreite er sich davon. Ein Fall für Reinicke, dachte er und lachte. Er würde den Anwalt der Familienstiftung bitten, ein schmaler, älterer Herr, die Autorin Sarah Hirsch ausfindig zu machen, um ihr das Musterbuch zurückzugeben. Und er nahm sich vor, darauf zu achten, dass es am Ende genauso geschehe. 

Er legte das eingewickelte blaue Buch auf den schmutzigen Boden, drehte das Kantholz wieder in die Wand ein, setzte die kleinen Ankerhaken und drückte das dünne Holzblättchen, das als Revisionsklappe gedacht war, in den Spalt. Von der Tür aus betrachtete er sein Werk. Perfekt! fand er und stieg bedacht die Treppe hinunter, stolperte über die Schutthaufen, hielt den Packen mit beiden Händen fest gegen die Brust gedrückt, und fragte sich, ob die Anhalterin ihre Drohung wahrgemacht und sein Auto geklaut habe. Als er die Flügeltüren aufschob, war er sicher: Sie hat es getan. Er hob die schwere Eingangstür über den Dreck. Das Mädchen stand gegen die Balustrade der Treppe gelehnt auf dem Plateau und schien ganz in Gedanken versunken.

„Was für ein kräftiger Baum!“, schwärmte sie.

„Magnolie.“

„Muss schön sein, wenn sie blüht.“

„Darauf können wir nicht warten. Abfahrt und los!“, verkündete er, und legte das Buch-Paket auf die Rückbank. Das Mädchen hatte weder gefragt, was er gefunden habe, noch was der Packen enthielt.

Mit dem gewohnten, leichten Schütteln startete der Motor. Routiniert und in hohem Tempo lenkte Martin den Wagen vom Rand des Schotterberges vor der Mauer der Ruine auf die schmale Teerstraße. Er passierte den Ort, ohne ihm die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, und bog in die Auffahrt der Autobahn. Gelangweilt starrte er auf die zerhackte Linie der Fahrbahn, die sich vor der Windschutzscheibe in den Morgen bohrte: Weiß, Grau, Weiß, Grau.

„Der Beifahrer hat den Fahrer zu unterhalten, alte Regel“, verlangte er.

„Ich könnte dich fragen, was du in Bozikov willst“, schlug sie vor.

„Kein Quiz, gepflegte Unterhaltung.“

„Dresden oder Bozikov?“

„Dresden“, bestimmte er.

„Ich habe dir schon erzählt, dass ich dort studiere.“

„Und?“

„Politik und Verfassung.“

„Wie aufregend!“, lästerte er.

„Vielversprechend“, konterte sie. „Jedenfalls für mich. Robert und ich, wir haben einen Plan.“

„Robert? Ein Freund?“

„Mein Freund. Er kommt wie du aus Berlin. In Dresden haben wir eine kleine Wohnung.“

„Praktisch. Darum sprichst du so gut Deutsch. Der Plan?“

„Welcher?“

„Deiner.“

„Ich mache meinen Magister in Politik, Robert seinen Bachelor in Agrarwirtschaft, er schließt einen Magister in Produktionsmanagement an und dann gehen wir nach Malawi.“

„Afrika. Bisschen unsicher, oder? Irgendeine Ahnung, was euch dort erwartet?“

„Ein schönes Land, arm, aber friedlich. Robert hat eine Arbeit über die deutsche Sonderinitiative „Grünes Innovationszentrum“ geschrieben. Es ist aufregend.“

„Interessant“, fand er. Es sollte beiläufig klingen. „Noch zwei Stunden, dann sind wir in Bozikov. Sagt dir Vivaldi was?“

„Nicht so viel. Der Komponist?“

Er beugte sich am Lenkrad vorbei hinunter zur Instrumententafel. Sein Mittelfinger tastete nach dem schmalen Schlitz im schwarzen Plastik.

Sie nahm ihm die CD aus der Hand. „Darf ich? Ein schönes Cover! Wie hoch sich die Blüte in den Himmel streckt, die hellen Steine der Burg dahinter. Man kriegt sofort Lust, zu verreisen. Irgendwo im Süden, oder?“

„Jaffa, bei Tel Aviv, Vivaldi, von den Jahreszeiten der Frühling“, erklärte er knapp.

Die Streicher geigten sich durch Wiesen, ließen Bäche rauschen und einen Sturm brausen.

„Das Allegro, gleich.“

„Die CD hängt“, bemerkte sie nach der dritten Wiederholung des ersten Satzes.

„Ist Absicht“, sagte er arrogant.

Die blaue Linie auf dem Navi wurde kürzer, auf dem Monitor erschien die schwarz-weiß-karierte Ziel-Fahne.

„Bozikov.“ Sie zeigte auf das Ortsschild vor der Frontscheibe. „Du kannst mich hier absetzen.“

„Quatsch. Bei dem Matsch, in Turnschuhen, erst weiß, nun grün, dann nass und schwarz. Rechts oder links?“

„Das ist lieb. Links den Schotterweg hoch. Das Deutsche Haus.“

„Deutsches Haus?“

„Jedenfalls von einem Deutschen gebaut.“

„In dem Tschechen wohnen?“

„Slowaken.“

Martin schaltete in den ersten Gang. Schwungvoll nahm der breite, schwerfällige Kombi die steile Auffahrt.

„Ein Rätsel?“

Lydia lachte. „Unsere Geschichte. Lange Geschichte.“

„Die Kurzform?“

„Zweiter Weltkrieg.“

Das nicht, dachte Martin. Nein. Er unterbrach sie: „Lass mal, ist mir doch zu lang.“

„Versprochen: Kurz“, beharrte sie.  „Bozikov gehört zu Reichstadt, jetzt Zakupy. Viele Deutsche haben hier gewohnt, das Haus hat einer von ihnen gebaut, nach dem Krieg sind sie geflohen und die Tschechische Republik hat Slowaken angesiedelt. Seitdem wohnen meine Großeltern hier, meine Eltern, nun auch mein Bruder und ich, in dem Haus des Deutschen. Für meine Eltern und Großeltern ist das ein Problem, glaube ich.“

„Sie hassen die Deutschen?“

„Nein, sie hatten Angst, dass sie zurückkommen und wir aus dem Haus geschmissen werden.“

„Hatten?“

„Bis der Enkel des Mannes, der das Haus gebaut hat, mit seiner Frau zu Besuch nach Bozikov kam, mit ihrem Sohn, hübscher Junge. Wir waren ein bisschen zusammen.“

„Sex gegen Rückgabe.“

„Du bist gemein. Seine Eltern haben sich mit meinen einfach gut verstanden. Obwohl, anfangs war es eigenartig. Sie standen in der Küche wie in einem fremden Haus, so als hätten die Einen vergessen, dass sie hier wohnten, und die anderen, dass es ihren Großeltern gehörte. Dann setzten sie sich brav und steif nebeneinander auf die Bank unter dem Fenster. Siehst du“, sie zeigte auf den Giebel des Hauses, „die beiden Fenster an der Stirnseite, ihnen folgen drei Fenster, die auf den Hof zeigen. Mein Opa holte den Kasten Bier, der stets im Flur unter der Treppe steht, und stellte vor jeden eine Flasche auf den Tisch, nach denen alle gleichzeitig griffen. Das hätte ich gern gefilmt. Es war zu komisch. Wie es mit einem Mal reihum plopp machte und die Deutschen uns lobten, wie sorgsam wir das Haus erhalten hätten und wie gut das Bier schmeckt. Am nächsten Tag gingen sie gemeinsam wandern, fuhren in der Gegend herum, tranken Bier und aßen die Knedlik meiner Oma. Als die Deutschen sich verabschiedeten, sagten sie: Wir wollen euer Haus nicht. Sie haben meine Eltern zu einem Gegenbesuch eingeladen. Ich glaube, meine Mutter traut ihnen nicht, sie sind nicht nach Deutschland gefahren.“

„Du schon.“

„Ein paar Mal. Es war schön mit dem Jungen. Er konnte gut küssen. Aber vorbei.“

„Traurig?“

„Ich habe mir einen anderen Deutschen geangelt, Robert.“

„Tolle Geschichte“, fand Martin und betrachtete mit einem Staunen, das ihm fremd vorkam, das alte Holzhaus, das breit und fest auf dem Hügel hockte, mächtige dunkle Holzbohlen, dazwischen dicke, kalkweiß gestrichene Fugen, die winzigen Fenster im Erdgeschoss zur Straßenseite, der Eingang zum Hof verschlossen mit einem braunen Holztor. Auf dem kleinen Wall hinter einer kniehohen Ziegelmauer vor dem weiß getünchten, steinernen Sockel des Hauses würden im Frühling und im Sommer Blumen wachsen. Ein Bauernhof, der zum Eintreten einlud. Auch wenn das schwere Tor mit den dicken, grauen Brettern dem ungeladenen Eindringling signalisierte: Wag es nicht! Die kleine Tür neben der Einfahrt nahm dem Tor die Strenge.

„Im ersten Stock wohnen meine Großeltern, ich habe das Zimmer neben ihnen, mein Bruder wohnt im Giebel.“

Das Haus, die Scheune dahinter, der weite Hof, der den Hügel hinaufwuchs, die rote Ziegelsteinmauer neben dem Tor. Was für eine Geschichte! Könnte ich eine Serie von machen, fand Martin. Dazu müsste ich die Inneneinrichtung fotografieren, eine Bauernstube. Er sah das Entsetzen im Gesicht der Chefredakteurin des LUXUS-Magazins vor sich und musste lachen.

„Worüber freust du dich?“ Lydia öffnete die Tür, sprang aus dem Auto, beugte sich hinein und strich sich eine blonde Strähne hinter das Ohr.

„Dass ich dein Haus irgendwann von innen sehen werde.“

Darauf ging sie nicht ein und sagte: „Danke fürs Mitnehmen. Du bist sehr nett.“

In ihren blassgrauen Augen schwamm ein freundliches, nichtssagendes Lächeln. Es glich dem Bild des Hauses: Einladung und Abwehr. Wo befand sich der Zugang?

2

„Sie haben Ihr Ziel erreicht“, meldete Navi-Chantal. Die Villa, vor der Martin einparkte, dämmerte in einem dumpfen Weiß.

Ein Mädchen stand auf dem Fußweg vor einem Zaun mit hell lackierten Brettern. Das graue Kleid floss an ihrem Körper herab und betonte mit außerordentlicher Finesse ihrer weichen Rundungen, derb wirkte dagegen der Wulst der dunkelbraunen Haare, ein wildes Durcheinander.

Dieser Kontrast fügte sich zu einem betörenden Zauber. Es war schwer, sich ihm zu entziehen. Er zwang sich, dieser Verlockung zu widerstehen, versagte sich, zuzugeben, überrascht zu sein, redete sich ein, vorausgesehen zu haben, dass er zu der Stimme am Telefon dieses Bild erwartet hatte, auch, was sich daraus ergeben würde. Seine Unruhe bremste er mit einem: Was ist geschehen? Zu der Stimme ist ein Bild hinzugekommen, das einer jungen Frau mit verlegen gekreuzten Beinen, die Hände haltsuchend vor dem Bauch gefaltet, das Schwenken des Rumpfs, als fürchte sie, das Gleichgewicht zu verlieren. Alles an ihr wirkte unverstellt, unsicher zwar, jedoch in neugieriger Erwartung.

Er sprang aus dem Auto, landete mit beiden Beinen auf der Straße, lief um die Motorhaube herum, streckte ihr die Hand entgegen und rief: „Voilà! Da bin ich.“

*

Sein dröhnendes Lachen schmerzte ihren Hörnerv. Es explodierte in ihrem Kopf. In den Windungen ihrer Sinne hinterließ es einen Krater. Sie fühlte sich angegriffen.

Die Hand, der feste Griff. Sie wollte ihm entkommen. Doch wie und wohin? Den freien, linken Arm auf den Rücken legen? Sich umwerfen lassen? Im Fallen ihn mit einem letzten Blick strafen?

Drei Stunden lässt der Typ mich warten! Beinahe vier!

Zwar war sie wütend, aber kalte Blicke gehörten nicht zu ihrem Repertoire.

Der Auftritt des Fotografen vor der Bauhaus-Villa in Bozikov kam ihr vor, als folge er einer ausgefeilten Dramaturgie. Sie schien perfekt. Wie lange hatte er daran gefeilt?

Zugleich kam ihr die Szene bekannt vor, vertraut. An jedem 21. Juli schob ihr Vater den Film von der Mondlandung der US-Astronauten Neil Armstrong und Edwin Aldrin in den Videorecorder. Ihr Vater saß still in seinem Ohrensessel, als folge er einer Theateraufführung. Wie lange hatte Armstrong seinen Sprung aus der Raumkapsel auf den staubigen, grauen Boden des Mondes geübt? Hatte der Fotograf seinen Auftritt vor der Bauhausvilla geprobt?  Gehörte der Sprung aus dem Auto zu seinen Standards?

In seinem Gesichtsuchte sie nach einer Spur, die zu ihr führte und nur ihr galt, ein Stolpern, das verriet: Nimm meinen Auftritt als Premiere. Sein Blick war frei und neugierig, die Augen groß und rund. Sie glichen den Knöpfen seiner schwarzen Joppe. Knopfaugen. In seinem Schauen war kein Abtasten, kein Taxieren. Sein offenes, wenn auch spöttisches Sehen hakte sich in ihr fest. Sie senkte den Kopf und musterte die abgestoßenen Spitzen ihrer braunen Stiefel mit den angegrauten gelben Senkeln, als sehe sie sie das erste Mal. Seine kräftige Gestalt, die Schulter breit, der feste Händedruck. Die Hose aus braunem Leder lag eng an seinen Beinen, zu eng. Sie wusste, das Bild würde Änderungen erfahren. Den Kopf gesenkt entschloss sie sich: Der!

Langsam öffnete sich seine Hand. Sie wünschte, er hätte ihre länger festgehalten, wischte sich den Schweiß am langen Kleid von den Handflächen und bog ihren Köper zurück, als wolle sie einen Abstand zu ihm halten: „Lea Reiter.“

„Passt“, lachte er laut und rief, „Martin Ross. Ich Ross, du Reiter.“ 

Er öffnete die Tür zum Gepäckraum des Autos, zog zwei schwarze Taschen heraus, stellte sie auf das Pflaster des Gehwegs und fragte: „Du bist das Begrüßungskomitee?“

„Siehst du sonst noch jemanden?“

Die Frage fand sie vorlaut und biss sich verärgert auf die Lippen.

„Das ganze Equipment muss reingebracht werden“, sagte er in einem Ton, der keinen Zweifel daran ließ, dass sie zu helfen hatte.

 „Diesen Sack, die Taschen, die Koffer. Reiter hilft Ross. Ha! Ha!“

Eilig fügte er hinzu: „Bitte!“, und hob einen Aluminiumkoffer aus dem Kofferraum des alten Volvos. Mit der anderen Hand wuchtete er sich einen grünen Sack über die Schulter und lief durch die niedrige Eingangstür auf die Landhaus-Villa zu. Die beiden schwarzen hohen Taschen blieben stehen. Lea hob sie an und ließ sie erschrocken fallen.

Er drehte sich zu ihr um und erklärte: „Die Kameras. Sind sie dir zu schwer, lass sie stehen. Wir müssen ohnehin noch ein paarmal gehen.“ 

„Bleibt die Tür im Fond offen?“, fragte sie, als alles Gepäck in den Garten der Villa getragen war.

Mit einem kräftigen Schwung knallte er die hohe Heckklappe zu. Sie quietschte in den Scharnieren. Sogleich öffnete er sie wieder, um den Rest seiner Ausrüstung herauszuholen, von der er wusste, dass er sie brauchen würde, aber gerade dabei war sie zu vergessen.

Seltsam, was ist mit mir los, fragte er sich.

Auf der Ladefläche lehnte neben Kisten, Kästen und Koffern ein schmaler, schwarzer Beutel, eine Art Kleidersack. Dicke und dünne Stangen beulten den festen Stoff.

Unter den Händen fühlte er das feste Gewebe, die Stangen der Leuchten schlugen ihm gegen die Knie, und seine Gefühle zogen sich in eine Welt zurück, die ihm vertraut war; auspacken, Ausrüstung hin und her schleppen, irgendwo abstellen, kurze Pause, sich orientieren, die ermüdenden, langweiligen Rituale des Berufs. Rundgang durch das Haus und gut, nahm er sich vor. Sie soll mir die Schlüssel geben. Das Licht prüfe ich morgen. Die Hausfront scheint nach Westen gerichtet, riesig, dann kann ich vor Sonnenaufgang draußen fotografieren. Die große Fensterfront zum Garten hin würde bei den Innenaufnahmen stören. Klare Linien brauchen Sonne und Schatten. Glas blendet. Ich werde das Mittagslicht nutzen. Einen Tag oder zwei, einpacken, verstauen und weg. Oder? Wird sich zeigen.

*

 „Wir stellen deine Sachen unter das Garagendach, du schließt dein Auto ab und dann tragen wir alles rein“, schlug sie vor.

„Hier wird eingebrochen?“

„Volvo? Abgedunkelte Scheiben? Berliner Nummer?“ Sie schürzte die Lippen, streckte die Arme nach vorn und drehte die Handflächen gegen den Himmel, als erwarte sie von dort eine Bestätigung der vermuteten Gefahr.

„Wusste ich‘s doch: Bozikov, die Hauptstadt des Verbrechens!“, scherzte er.

Sie verdrehte die Augen und blähte die Wangen. Sie war sich der Wirkung dieses Grimassierens bewusst, sie beherrschte es. Es irritierte sie, dass er wegschaute, und sie war enttäuscht. Dann stimmte sie verlegen in sein Lachen ein. 

Gemeinsam trugen sie das Gepäck unter das kühn ausschwingende Dach neben dem Eingang des Hauses.

 „Was ist das? Ein Carport, ein Kiosk?“ Er zeigte auf die makellos runde Wand. „Gibt es außer der Garage da vorn und der Eisbude dort hinten auch ein paar interessante Räume?“

Sie tat, als überhörte sie sein Lästern, und öffnete einen Flügel der hohen Tür. „Bitte einzutreten in die Poesie aus Beton und Glas.“ 

Martin lachte: „Ich sehe nur Geometrie, Quadrate und Kreise.“ 

„Die Magie des Bauhauses“, dozierte sie. „Die Landhaus-Villa ist in den Hang gebaut. Wir gehen die Treppe hinunter zu den Wohnräumen. Von jedem hast du einen freien Blick auf die Hügel und die Felder. Total einmalig!“

 „Okay. Mit der Landschaft im Hintergrund lässt sich die kalte Ödnis des Baus aufpeppen“, räumte er ein. Als müsse er vor sich selbst seine Behauptung rechtfertigen, maß er mit einem Blick die Reihe der raumhohen Fenster. In ihnen spiegelten sich die Strahlen einer rotgelben Abendsonne, dahinter legten sich dunkle Hügel in matten, zaghaften Linien übereinander.

Wohl sah Lea sein Erstaunen, jedoch war ihr die Erhabenheit der Natur weniger wichtig.

„Das Landhaus Rhomboeder wurde 1930 fertiggestellt. Für eine deutsche Fabrikantenfamilie, über eintausend Quadratmeter Nutzfläche“, dozierte sie.

„Deutsche in Tschechien?“, unterbrach er sie. 

„In Böhmen. Sie lebten hier bis 1945.“

„Ah, verstehe, Weltkrieg und so.“

Er hoffte, sie würde das Thema wechseln. Über seine Familiengeschichte wollte er keinesfalls sprechen. Er sprach nie darüber.

„Die großen Fenster können im Boden elektrisch versenkt werden,“ erläuterte sie und hob die Stimme, wie sie es bei all ihren Führungen durch das Haus tat. Mit einer ausladenden Handbewegung zeigte sie auf die gläserne Fläche, die vom Boden bis zur Decke reichte.

„Sehr eindrucksvoll!“, räumte er ein.

Dass in seinem Bootshaus am See nahe Berlin in das Fenster zum See die gleiche Technik eingebaut war, verschwieg er.

„Ich sollte jetzt fotografieren. Oder morgen früh, wenn die Sonne noch nicht rum ist. Was meinst du?“

Er fühlte, dass ihm die ironische Distanz wegbrach.

Das nahm sie erfreut wahr und bestätigte: „Ja, vom Garten aus strahlt das Weiß der Landhaus-Villa wie eine Braut.“

Er lachte. „Bin ich als Hochzeitsfotograf engagiert? Habe ich etwas missverstanden?“

Sie ließ von ihrer Schwärmerei nicht ab. „Die Sonne ist mittags weg. Dadurch wird es selten zu heiß in den Zimmern. Am Nachmittag ist es am schönsten im Landhaus Rhomboeder.“ Als hätte sie etwas Wichtiges vergessen, fügte sie überstürzt hinzu: „Die Räume überzieht am Abend ein dämmriges Leuchten, als käme es von den Hügeln gegenüber. Total romantisch.“ 

„Sehe ich“, bestätigte er knapp.

Lea spürte, dass sich die Haut auf ihrem Gesicht rötete.

Er hatte ihre Verlegenheit bemerkt und ihn wunderte, dass ihm daran gelegen war, sie ihr zu nehmen.

Freundlich räumte er ein: „Das ist gut. Sonne brauche ich für die Innenaufnahmen nicht. Draußen ist okay. Muss ich mir ansehen. Bekomme ich die Weite der Landschaft ins Bild, ist das Foto perfekt. Die klaren Linien des Baues würden in das Tal hineinlaufen, die Hügel im Hintergrund sie auffangen. So könnte es gehen.“

Er hat Gefallen am Landhaus Rhomboeder gefunden, triumphierte sie in Gedanken. Er nimmt den Auftrag ernst. Meine Arbeit ist ihm wichtig. Sie spürte, was hinter ihrer Freude steckte: Wie er sich auch verhielt und gleichgültig, was er tat, das Schicksal hatte die Richtung vorgegeben, sie würde ihr folgen.

„Die Bodenflächen sind aus Travertin gearbeitet. Die Räume sind bis auf die Küche offengehalten und nur durch einzelne Elemente getrennt. Hier ist der Eingang, dort der Arbeitsbereich, der Esstisch, dann der Bereich, in den man sich zurückziehen konnte. Alles Original Bauhaus“, plapperte sie sich ihre Aufgeregtheit weg. 

Zwar hielt sie sich an den Fluss der Erläuterungen ihrer Führungen durch das Haus, jedoch variierte sie die Aussprache. Feierlich hob sie die Stimme, um sie an anderer Stelle andeutungsvoll zu senken.  Bei den täglichen Rundgängen mit Besuchern, meist deutschen und japanischen Touristen, hielt sie sich dagegen an eine schleppende Aussprache und einen akademischen Ton. Sie wusste, dass ihre Schwärmerei allein ihm galt, dass ihre Worte ihm den weiten Bogen ihrer Sinnlichkeit beschrieben und sie die geliebte Bauhaus-Villa genau dafür benutzte; es war ein einziges Werben. Als sie das erkannte, bremste die Peinlichkeit den Schwung ihres Vortrags, und sie ergänzte beinahe abweisend: „Wie ich schon sagte, die Küche ist der einzige mit einer Mauer umschlossene Raum.“

„Wer stellt einen dunklen Tisch vor eine dunkle Wand?“, entrüstete er sich und zeigte auf die halbrunde Trennwand, deren Tönung sich an den Rundungen des Esstischs wiederholte.

Lea fasste sich und hob belehrend die Stimme: „Die Trennwand ist unser Highlight. Sie wurde aus wertvollem Makassar-Holz gefertigt. Das gibt es heute kaum noch. Es ist zu teuer, um es zu verbauen.“

Er stellte sich neben die schmale Seite des ovalen Tischs, ging in die Hocke und stellte fest: „Das ist der Blick, den ich brauche. Von der dunklen Tischplatte bleibt nur noch eine schwache Linie, ich schneide die Wand bis auf einen Streifen ab und öffne das Ganze zur Fensterfront hinaus auf die Landschaft. Perfekt!“

Er streckte sich aus der Hocke und sagte: „Ich danke Dir! Feierabend.“

*

Es war eine Stille zwischen sie getreten, die beide für einen Augenblick gefangen hielt. Dieser Moment band sie aneinander, auch wenn sie nicht wussten, was ihm folgte. Zugleich fühlten sie sich davon bedroht. Sie ahnten, dass sie irgendwann ihre Unabhängigkeit hingeben würden, um sie durch eine Ungewissheit zu ersetzen, die alles veränderte. Sie würden sich dagegen wehren. Am Ende war dieser Widerstand kindisch, er würde nichts verhindern. 

Lea beunruhigte die Ahnung in diesem Schweigen, sie nickte und schlug vor: „Also gut. Ich schließe die Landhaus-Villa ab. Du wohnst im Hotel an der Burg?“

„Nein, hier.“

„Wo hier?“

Er lachte. „In deinem Denkmal.“  

Entsetzt widersprach sie: „Das geht nicht. Ich muss abschließen!“

„Und ich will ein Gefühl für den Raum bekommen“, entgegnete er. „Ich muss den Ort verstehen, in dem ich arbeiten soll. Man fotografiert nicht nur mit den Augen. Ein gutes Bild entsteht aus dem Gefühl. Du kannst abschließen und gehen. Ich verstehe, du willst nicht gegen die Hausordnung verstoßen, aber es wäre okay, wenn du bleiben würdest.“ 

Lea spürte jene Unsicherheit in sich, die sie hasste, faltete die Hände unter ihrer Brust, setzte das rechte Bein vor und drückte es gegen das linke.

„Ich habe Rotwein im Auto. Hatten die Bauhäusler Gläser oder haben die aus Flaschen getrunken?“

„Gläser? Ja. Moment. In der Küche“, sagte sie hastig, und ihr war, als habe eine andere für sie geantwortet.

Schönes Gesicht, dachte Martin. Das Grün dieser Augen! Suchen und Erstaunen, Posieren und Erschrecken. Wie fange ich das in einem Porträt ein? Ihr Kinn ist zu schmal, zu spitz. Den anscheinend unentwirrbaren Fitz der braunen Haare sollte sie unter eine Mütze stecken, ein buntes Tuch über Mund und Nase, warme Farben. Dann dominiert das Grün der Augen das Bild, so soll es sein. Er wusste, irgendwann werde ich es aufnehmen, brach seine Überlegungen ab und sagte mit einer unbestimmten Freundlichkeit: „Das ist perfekt. Dann machen wir uns einen netten Abend. Ich hole den Wein.“

Lea nickte und erschrak. Ihr Ja kam zu früh, für ein Nein war es zu spät. Sie stand in der Mitte des Raumes und fühlte sich verloren in ihrem Warten. Wach auf, befahl sie sich. Du weißt, was du willst, lass dich darauf ein!

Die Sonne warf einen letzten Schein auf die Hügelkette über dem Tal. Die feine Linie, die das stille Abendlicht unter das helle Blau des Himmels zog, verschwamm vor dem aufziehenden Dunkel.  Lea stand an einem der bodentiefen Fenster und beobachtete die Dämmerung, die sich gleich einem Vorhang über den Garten des Landhauses Rhomboeder breitete.

Das Hämmern gegen die Tür erschreckte sie. Das ungestüme Poltern des Fotografen brach in sie mit der gleichen Rohheit ein, wie sein Lachen. Es würde nicht helfen, sich dagegen aufzulehnen, es zog sie an. Das harte Trommeln hallte durch das Haus, dessen Stille sie so sehr mochte. Sein forderndes Lachen, Hämmern und Lärmen machten die Räume klein und eng. Der Krach war ihr unangenehm. Sie musste ihn stoppen, rannte zur Tür, griff nach der Klinke, stützte sich am Rahmen ab und hielt kurz inne, atmete tief ein, um sich zu sammeln, so wie sie es jeden Tag tat, bevor sie den Besuchern öffnete. Dieser Moment der Besinnung gehörte zu ihren Alltagsroutinen.

Martin schob einen dünnen roten Sack über die niedrige Schwelle in den Raum. Mit einem Fußtritt warf er die Tür hinter sich zu, die hart in den Rahmen fiel, und schaute sie prüfend an. Er hatte mit einem Protest, wenigstens einem Stirnrunzeln gerechnet.

„Das ist die Lounge?“, fragte er übertrieben forsch, stellte die Flasche Wein auf den Glastisch, an einer Seite von drei grünen, auf der anderen von drei cremefarbenen Sesseln flankiert, warf sich auf die Reihe der grünen Stühle und fühlte sich wie ein schlechter Schauspieler. Lea stand vor der Sitzgarnitur und ihr war, als sei sie wie eine Puppe von fremder Hand in das Zimmer gestellt, das ihr mit einem Mal fremd vorkam. Sie fühlte sich abwesend vor dem Tisch mit der Rotweinflasche und dem Mann, der ausgestreckt auf den wertvollen Sitzmöbeln lag.

*

Sie hatte sich den Fotografen Martin Ross anders vorgestellt - mit einem Seidenschal, einem Jackett aus Wolle, irgendwie feiner. Tatsächlich trug er einen Schal um den Hals. Jedoch war der weder aus Seide noch aus einem anderen feinen Gewebe. Er glich einem Putzlappen, den jemand weggeworfen hatte. Quasten baumelten an der Spitze des Tuchs. Die Mütze, weiches, braunes Leder, lässig über den Kopf gezogen. Er hatte sie nicht abgesetzt, seit er die Landhaus-Villa betrat. Sein Auftritt stieß sie ab und faszinierte sie; die klobigen, knöchelhohen braunen Schuhe, die respektlos auf dem grünen Bezug der Bauhaussessel lagen, die braune, enge Lederhose, die schwere Joppe, ebenfalls aus Leder. Eine Uniform, die provozieren sollte? Wer fuhr in solchem Aufzug zu einem Auftraggeber?

Er.

Das energische Kinn mit den dünnen Lippen und die kleine, knubbelige Nase passten nicht zu seinen freundlichen, braunen Augen, die sie ruhig musterten.

Diese blöde Unsicherheit. Sie kreuzte die Beine, wie sie es bereits als kleines Mädchen getan hatte, wenn sie verlegen war, und faltete die Hände vor dem Bauch.  Denk an was anderes! befahl sie sich. Behielt er die weiche Mütze mit dem schmalen Schirm auch nachts auf dem Kopf? Sie musste grinsen.

Er erwiderte ihr Lächeln und schob sich die Lederkappe verwegen auf den Hinterkopf.

„Die Gläser?“ 

„Entschuldigung, sind in der Küche.“ 

Im Hinausgehen hörte sie das Klicken des Auslösers. Sie hatte gesehen, dass er die Kamera in den Händen hielt, wie einen beliebigen Gegenstand, bar jeder Absicht. Glaubte er, dass sie nicht bemerkte, dass er sie fotografierte? Sie fühlte sich wichtig in diesem Moment, wenn auch benutzt. Sie nahm es hin, es passte in ihren Plan. Eitelkeit ließ sich ausnutzen. Die Fotos, die er im Auftrag des Landhaus-Rhomboeder-Vereins anfertigen würde, wollte sie ihm abschwatzen, um sie später für den Katalog ihres Projekts zu übernehmen. Wenn mir das gelingt, kostet mich die Veröffentlichung keinen Cent, hatte sie sich gedacht. Sie fand ihre Überlegung mutig. Mit einem Mal fühlte sie sich frei von allen Bedenken.

  Behutsam stellte sie die Gläser auf den Tisch und fragte: „Passen die zu Rotwein?“

„Hatten die Bauhäusler nur Weißweingläser?“, lästerte er. „Egal, Rotwein schmeckt auch aus Wassergläsern.“

„Entschuldigung, ich schau mal nach“, bot sie eilfertig an.

Er winkte ab und zeigte auf den Sessel neben sich.

Wieder legte sich eine Stille zwischen sie.

Ihn ärgerte, wie er sich vor diesem Mädchen aufspielte.

Beiläufig fragte er: „Ich hatte mit einer Tschechin telefoniert?“ 

Lea schaute auf das Glas in ihrer Hand, als fände sich im Rot des Weins eine Antwort.

Aufmerksam folgte er ihrem Blick. Ihre großen grünen Augen, die Lippen sorgfältig geschminkt, das Rouge über der her unauffälligen Form der Lippen zurückhaltend, die Frisur, wenn es eine war, dagegen verwegen, alles andere als mädchenhaft. Das dichte Haar überdeckte die Ohren. Die dunkelbraunen Strähnen rahmten das herzförmige, kleine Gesicht mit der schmalen Nase und den hohen Wangenknochen.

„Tschechin?“, fragte sie. „Du hast mit mir gesprochen, dann mit Elena, das ist meine Chefin. Die ist Tschechin.“ 

„Du bist aus Deutschland?“ 

Sie nickte.

„Und?“ „Praktikum, für ein Forschungsprojekt.“

„Unbezahlt, oder? Skandal! Skandal! Die Tschechen beuten deutsche Studenten aus!“ Er lachte scheppernd. „Schade, dass ich kein Reporter bin.“

„Meine Uni in Berlin bezahlt mich“, erklärte sie. „Das Praktikum ist Teil eines Leistungsstipendiums.“

„Wow, eine ganz eine Fleißige, du beschämst mich. Als Studienabbrecher werde ich mir an deiner Seite ein Leben lang schäbig vorkommen.“

Überrascht zogen sich ihre Brauen unter der Stirn zusammen. Was soll das, wir kennen uns seit einer Stunde, dachte sie missmutig.

„Entschuldigung, sollte ironisch sein. Wo, ich meine, welche Uni hat deinen Ehrgeiz gewürdigt?“

 „Technische Universität, Thema Historische Bauforschung“, antwortete sie knapp.  

„Berlinerin?“ „Weiter nördlich.“

Er hob das Glas. „Auf die Heimat und meinetwegen auf Vorpommern, zum Wohl!“ Er richtete sich auf, ließ sich auf den mittleren der drei Sessel fallen, beugte sich über die spiegelnde Platte des niedrigen Tischs und schaute sie fröhlich an. „Aber du wohnst in Berlin? Habe ich das richtig verstanden?“

 „Sauer!“ Sie verzog den Mund und stellte das Glas auf den Tisch. „Ich wohne bei meinem Freund, Sven. Wir kennen uns seit dem Kindergarten.“

„Trocken“, stellte Martin richtig. „Manche Mädchen merken erst, wenn die Flasche leer ist, dass Alkohol drin war.“

Nicht heulen, ermahnte sie sich, er will dir zeigen, dass du eine kleine Naive vom Land bist, dabei stört ihn nur, dass du bei einem Freund wohnst. Sie tat, als habe sie seine Anspielung überhört.

„Mecklenburg. Wir hatten eine Mühle, nicht weit von Hamburg“, entgegnete sie mit einem gewissen Stolz. „Pommern liegt weiter nördlich, an der Küste.“

Sie wehrt sich, fein, dachte er, sie geht auf einen Flirt ein.

„Eine Mühle? Im Osten gab es Kapitalisten?“

„Das ist gemein!“, protestierte sie. 

Er grinste frech, das kam ihm dümmlich vor, aber es gehörte zu seinen Routinen. Aus jeder Peinlichkeit löste er sich mit diesem schiefen Lachen, von Kindheit an tat er so. Es war ein Schutz, ein sicherer Wall gegen alles. Traurigkeit ließ er nicht zu. Alles Geschehen wendete er mit dem Ausbruch einer falschen Heiterkeit zum Spaß. Darin hatte er Übung. Das Verdrängen half ihm über jede Pein hinweg.

„Entschuldige“, bat er, um sogleich hinzuzufügen: „Wir sind beim gegenseitigen Bitten um Nachsicht angelangt. Das wird schwierig.“

Lea versuchte, sich aus der Verkrampfung zu lösen, lehnte sich in das dünne Polster zurück und schlug vor: „Gut, Themenwechsel. Warum hast du den Auftrag angenommen, und so schnell? Es hat mich überrascht.“ 

„Deiner Stimme wegen.“

„Wegen meiner Stimme?“ Ihr Lächeln war ein dünner Film, der ihre Verlegenheit nur vage kaschierte.

„Ja. Keine Ahnung. Noch nie habe ich am Telefon einen Auftrag angenommen, und keinesfalls so überstürzt.“

Sie irritiert mich. Was ist das? fragte er sich. Ihre Naivität? Wahrhaftigkeit? Eine Falle?

„Gegenfrage: Wie bist du darauf gekommen, mir den Job anzubieten?  

Sie zögerte: „Die Wahrheit?“

„Sie kommt sowieso raus. Außerdem kannst du nicht lügen. Also los!“ 

„Es war die Idee eines der Vorstandsmitglieder des Vereins Landhaus Rhomboeder. Meine Chefin bat mich, dich anzurufen. Als Deutsche wisse ich am besten, wie man einen bekannten Fotografen aus Berlin für einen Auftrag gewinnen könne. Sie versprechen sich von dir, dass du die Bauhaus-Villa mit deinen Fotos und deinen internationalen Kontakten bekannt machst.“ 

„Du folgst einer dienstlichen Anweisung? Keine Spur eigenes Interesse?“

Sie griff zum Glas.

„Der Wein ist doch nicht sauer“, räumte sie ein und nahm einen Schluck. Ihr wurde warm und leicht. „Schon. Doch. Ich habe im Internet recherchiert. Und mich gewundert, warum sie dir den Auftrag geben wollen.“

„Wieso?“

„Bilder von Wohnungen, Interieurs, Luxus.“

„Du hast dich überwinden müssen, mich anzurufen?“, fragte er mit gespielter Empörung.  

Sie kicherte: „Ich habe mich in dein Leben eingeklickt. Seite für Seite.“

„Oh“, lachte er. „Schlimm?“ 

Seine Fröhlichkeit steckte an. Sie begann sich wohlzufühlen. Es ist der Wein, glaubte sie.

„Recherche. Es bleiben Fragen.“

„Raus damit!“

„Du versteckst dich. Es gibt kein Porträt von dir, keine Fotos von Menschen oder irgendeines, das zeigt, wer du bist, wofür du bist oder wogegen. Du fotografierst Luxus.“

„Entschuldigung. Die Zeitschrift, für die ich arbeite, heißt so. Ich weiß, jeder denkt, Fotografen sind Leute, die mit der Kamera am Hals alles aufnehmen, was ihnen vor die Linse kommt, die alle Hässlichkeit der Welt abbilden, um sich in jeder World-Press-Fotoschau prämieren zu lassen.“

„Du versteckst dich schon wieder“, warf sie ihm vor. Von ihrer Kühnheit überrascht, wagte sie sich verwegen weiter vor, um mehr? alles? was? über ihn zu erfahren. „Reichtum fasziniert dich. Du bist auf Details der Wohlhabenheit versessen. Du liebst den Luxus und verachtest ihn. Gib zu: Dir macht es Freude, die Lebensumstände anderer Menschen vorzuführen und sie bloßzustellen, ihre Eigenheiten zu persiflieren.“

„Prost! Du hast mich überführt, ich bin ein Zyniker, ein Misanthrop, ein Mistkerl, auf den man sich lieber nicht einlässt.“