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Georg Konrad träumt davon, ein berühmter Menschenfotograf zu werden. Der Gymnasiast aus Bochum findet in seiner Schulfreundin Karin sein erstes Modell. Sie arbeitet weiter für den mittlerweile zum Star der Fotoszene avancierten Künstler. Im Lauf des letzten Aktshootings kommt es zum Eklat. Sie verlässt wutentbrannt sein Atelier und zeigt ihn wegen sexueller Nötigung an. Das Gericht spricht ihn aus Mangel an Beweisen frei. Doch ein Makel haftet an ihm.
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Seitenzahl: 312
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Ich danke
Frau Sandra Paetzold aus Beelitz für ihre gewissenhafte Korrektur des Manuskripts.
Im Studio
Schwierige Freundschaft
Der Busfahrer
Erste Schritte
Die Mutter
Lehrstunden
Verirrungen
Im Park
Der Abschied
Gefühle verwirrt
Die Hochschule
Neues Zuhause
Die Enttäuschung
Gefühle im Wettstreit
Stadt der Träume
Clochards und eine Malerin
Berlin
Neues Leben
Marion
Kurz vor Schluss
Der Abflug
Der Prozess
Danach
Karin trug nur einen weißen Morgenmantel. Georg nickte ihr aufmunternd zu. Sie zog ihn aus und setzte sich nackt auf das Sofa im Atelier.
Einem Bernstein gleich, schimmerte ihr makelloser, unaufdringlich gebräunter Körper im sanften Schimmer des Fotostudios. Die attraktive Lehrerin, Mitte 30, war nach Berlin-Weißensee gekommen, um mal wieder als Aktmodell für den berühmten Fotografen Georg Konrad zu posieren.
Nachdem der das Licht eingestellt hatte, erreichte ihn ein Anruf seines Agenten Charly von der Agentur Breuninger & Brink.:
„Hi George, ich bin‘s, Charly. Wir haben hier eine Anfrage unseres Kunden Francois Litera, du weißt schon, dieser Duftmulti aus Grasse, der hat ein neues Eau de Toilette zusamengepanscht. „Casablanca“ heißt das Wässerchen. B & B hat den Wettbewerb um den Werbeetat gewonnen. Wir peilen die Kampagne nach Möglichkeit in der Ästhetik des Films mit der Bergmann und Bogi an. Bisschen nostalgisch und ausschließlich in schwarzweiß. Soll edel daherkommen, unprätentiös und auf keinen Fall crazy. Eher unbeschwert und voller Lebensfreude. So, wie Bogi und Ingrid im Cabrio durch Paris kurven. Du weißt schon, klassisch eben. Machst Du uns die Fotos? Für den ganzen Quatsch drumherum, Location, Models Requisiten und so weiter, hat B & B bereits gesorgt, okay? Kannst Du sofort kommen, Georg?“
Der zögerte mit einer Antwort. Er ließ sich nicht gern unter Druck setzen. Erst recht nicht, wenn er in der Arbeit mit einem Modell steckte. Das gebot vor allem die Höflichkeit und die Achtung vor Karin. Die hatte sich, als das Telefon läutete, im Nu wieder den Morgenmantel übergeworfen. Nackt einem fremden Gespräch zu lauschen, fand sie demütigend.
Und sie nahm es ihm übel, den Apparat nicht auf „stumm“ gestellt zu haben, um den Anrufbeantworter seine Arbeit verrichten zu lassen. „Was für eine Zumutung“, dachte sie wütend, sagte aber nichts.
Derweil hatte Georg das Gespräch mit einem kurzen „Ich melde mich noch heute“ beendet.
Der um Verständnis bittende Blick, den er dem Modell mit einem Achselzucken zuwarf, sprach Bände. Bedauernd zwar, aber mit deutlichem Hinweis darauf, dass er ein solch lukratives Angebot seiner Agentur nicht ablehnen könne, zumal die Fotosession mit Karin dem Testen neuer Objektive diente und keinen direkten wirtschaftlichen Erfolg versprach.
Wenn er ehrlich war, wollte sich Georg durch die Verabredung mit ihr die Zeit vertreiben und seine Nervosität bekämpfen.
Es war still geworden um den erfolgsverwöhnten Fotografen. Seit Wochen hatte die Agentur keine neuen Aufträge vermittelt und Georg befürchtete schon, seine Bildersprache sei nicht länger gefragt. „Woran liegt das“, grübelte er ständig. Auch Charly antwortete mit wenig aussagekräftigen Allgemeinplätzen
„Deine Ästhetik ist vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß, die Journale weltweit werden zunehmend bunter, schwarz-weiß geht deutlich zurück. Die Bildredaktionen sparen an hochwertigen Fotos. Sie bedienen sich mittlerweile immer öfter bei Flickr oder Instagram, vielleicht noch bei Getty Images, günstiger halt und unkompliziert.“ Das wusste natürlich auch Georg und er fürchtete insgeheim, seine Zeit als Fotograf, der Bilder aufwendig inszenierte, könnte zu vorbei sein, obwohl er kaum etwas so sehr hasste wie Knipserei, womöglich mit dem Handy.
Er sah sich schon als mies bezahlter Hochzeitsfotograf enden. Doch dann kam Charlys Anruf.
Und Karin begriff. Empört sprang sie auf, eilte in die Garderobe, um sich anzuziehen. „Mit mir nie mehr“, waren ihre einzigen Worte, bevor sie ihm den Rücken zukehrte, um grußlos das Studio zu verlassen. Georgs Angebot, sie zum Hauptbahnhof oder ins Hotel zu fahren, wies sie mit einer schroffen Handbewegung zurück. Er fühlte sich elend. Er mochte Karin sehr und schämte sich, sie gekränkt zu haben.
Die beiden kannten sich seit ihrer Schulzeit am Heinrichvon-Kleist-Gymnasium in Bochum.
Als sie kurz vor dem Abitur auf dem Schulhof über ihre Zukunftspläne sprachen, erwähnte Georg, Fotografieren fasziniere ihn so sehr, dass er aus seinem Hobby unbedingt einen Beruf machen wolle.
Vor allem das Porträt habe es ihm angetan, weil Menschen das Einzige seien, das ihn ernsthaft interessiere. „Willst Du nicht mal mich fotografieren?“, fragte Karin spontan.
Georg war sofort hin und weg, hatte sich allein die Suche nach Modellen für seine Leidenschaft bisher stets als das größte Problem dargestellt.
Die meisten Mädchen, die er ansprach, hatten entrüstet abgelehnt. Die Entrüstung in ihren Stimmen brachte zum Ausdruck, dahinter unlautere Absichten zu vermuten. Das kränkte Georg umso mehr, hatte er doch einzig die hehre Kunst im Sinn. Immer öfter aber drangen erotische Fantasien auf ihn ein. Er spielte Fotoshootings im Kopf durch, in denen an exotischen Stränden ein verführerisches Modell sich vor seiner Kamera räkelte. Regelmäßig endeten das im Zimmer eines Karibikhotels nach dem üblichen Drink an der Bar.
Als Karin sich ins Spiel brachte, tauchten solche Bilder wieder auf. Doch bei einem Blick in das Mädchengesicht der Schulkameradin riss er sich zurück in die Realität des Schulhofes und er verbot sich jede Art von lüsternen Gedanken. Dabei bemerkte er erschrocken, wie sich eine heiße Schamröte seines Kopfes bemächtigte. Karin schien es aufgefallen zu sein. „Was ist los, findest Du meinen Vorschlag blöd?“, fragte sie den verblüfften Freund. „Nein, nein, überhaupt nicht, ich freue mich riesig“, erwiderte er sofort, „wir könnten uns nach der Schule in Boogies Pub treffen und schon mal was ausmachen für unser erstes Shooting.“
Shooting, das klang professionell, wie Georg fand. Doch auch ein bisschen überheblich und er wäre gern zurückgerudert. War aber zu spät.
Boogies Pub in der Turnstraße war ein unter Schülern beliebtes Lokal, zumal es in nur zehn Minuten Fußweg vom Gymnasium zu erreichen war. Zudem traf man auch Studenten der Ruhruniversität in der Kneipe. Georg ging gern dorthin.
Das alternative, intellektuelle Flair hatte es ihm angetan. Es stand in einem ihm wohltuenden Kontrast zum ansonsten eher spießbürgerlichen Mief der Ruhrgebietsstadt. Die Atmosphäre der Kneipe kam seinen künstlerischen Ambitionen als zukünftiger Fotograf entgegen. Hier träumte er von einer Karriere.
Er trank oft einen Cuba Libre, dessen Geschmack und mehr noch sein Name ihn in die Welt der Karibik versetzte, derweil ihn Rum und Cola langsam aus der als trist und grau empfundenen Realität entführten.
Karin bremste die aufkeimende Euphorie. „Nee, lass mal, gleich nach der Schule muss ich einkaufen, Du weißt ja, die Eltern sind beide nicht mehr ganz fit, sie brauchen meine Hilfe.“
Dem hatte Georg nichts entgegenzusetzen. Seine Zukunftsphantasien erhielten erste Risse. Die so vielversprechend begonnene Laufbahn eines Starfotografen schien beendet, ehe sie angefangen hatte.
„Aber“, hob Karin an, „vielleicht klappt‘s am Wochenende, Sonntagnachmittag habe ich Zeit, da fahren meine Eltern zu Verwandten nach Dortmund. Sie sind bestimmt nicht vor dem späten Abend zurück, wir hätten also ein paar Stunden.“
„Oh, super“, entgegnete Georg, „Mutter und Vater sind in den Tagen auch nicht zu Hause. Eine kleine Vorbesprechung wäre aber schon wichtig, Klamotten und so“. „Okay, das können wir ja auf dem Heimweg im Bus machen“, schlug Karin vor „bis Stiepel haben wir ja denselben Weg, reicht das?“ „Dat reicht“, gab er schelmisch zurück. Die Pause war zu Ende.
Den restlichen Schulstunden, Mathe, Deutsch, Englisch, folgte Georg nur mit Mühe, waren seine Gedanken doch längst beim Fototermin mit Karin hängen geblieben.
„George, please tell us something about the reasons for committing suicide in Death of a salesman, bitte erzählen Sie uns etwas über die Gründe für den Selbstmord im „Tod eines Handlungsreisenden“, riss ihn der Englischlehrer, Herr Botmann, aus den Gedanken.
„I think, that äh, the salesman commited suicide, because, äh, his dreams didn‘t become true. Der Vertreter beging Selbstmord, weil seine Träume nicht in Erfüllung gingen.“ And I think, that your dreams as a qualified student of the english speaking literature will not become true either , und ich denke, dass Ihre Hoffnungen, ein qualifizierter Student der englischen Literatur zu werden, auch nicht in Erfüllung gehen werden“, erwiderte Botmann lachend und erzeugte die schadenfreudige Heiterkeit der ganzen Klasse.
Georg war eigentlich ein guter Schüler und Englisch machte ihm besonders viel Spaß. Doch jetzt hatte er nur Gedanken für den kommenden Fototermin, deren Verlauf er schon bis ins Detail plante. Karin sollte möglichst ein schlichtes, rotes Sommerkleid tragen, das gut zu ihren dunklen, fast schwarzen Haaren passte. In ihm, malte sich Georg aus, würde sie zwar unschuldig, aber ein bisschen verführerisch aussehen, zumal, wenn der Sommerwind das Kleid an ihren Körper wehte und die Konturen betonte.
„Hoffentlich besitzt sie so eines“, dachte er bei sich, um sogleich über Alternativen nachzudenken. Ein weißes oder ein blaues täten es auch. Nur bunt gemustert fand er nicht passend. Das widersprach seiner Vorstellung von schlichter Eleganz. Fotografieren wollte er sie im Stadtpark, dessen alte und mächtigen Bäume eine fast malerische Kulisse abgäben. Der Bismarckturm mit der verwitterten Sandsteinfassade gäbe, als Requisit genutzt, Entscheidendes zum idealen Freilichtstudio dazu. Was interessierte ihn da das Stück von Arthur Miller, der mit der resignierenden Lebenseinstellung ihn in seinen euphorischen Zukunftsplänen ohnehin abstieß. Georg sehnte den Schulschluss herbei.
Kaum erscholl die Glocke zum Ende der letzten Stunde, sprang er auf, rannte aus dem Klassenzimmer, den langen Gang zur Pforte entlang, überquerte den Vorplatz und strebte der Bushaltestelle entgegen. Zum Glück war Karin noch nicht da. Unangenehm wäre es ihm gewesen, hätte sie auf ihn warten müssen. Langsam trudelten immer mehr Schülerinnen und Schüler an der Haltestelle ein. Auch aus der eigenen Klasse gab es etliche darunter. „Hat Mutti gerufen, oder warum bist du so panisch davongerannt?“, lautete nur einer der hämischen Kommentare zu der Schulflucht, „so gemein war Botmanns Bemerkung doch nun auch wieder nicht.“
Georg war verlegen, so wie immer, wenn Freunde Scherze auf seine Kosten verübten. Aber es störte ihn heute nicht wirklich. Es beunruhigte ihn mehr, dass Karin noch nicht da war. Hatte sie die Verabredung vergessen oder war sie ihr nicht wichtig? Ständig sah er in Richtung Schultor, aus dem immer noch grüppchenweise Schüler und vereinzelt auch Lehrer kamen und gen Haltestelle, Parkplatz und Fahrradgarage eilten. Sie war nicht darunter. Der Bus würde jeden Moment eintreffen und dann womöglich ohne ihn und auch ohne Karin abfahren. Georgs Vorstellung von einer gemeinsamen Fahrt, die zwar nicht lang wäre, aber ausreichte, Pläne für ein Fotoshooting zu schmieden, schmolz dahin.
Der Bus bog schon in die Heinrichstraße ein, als er aus den Augenwinkeln entdeckte, wie Karin mit wehenden Haaren angerannt kam. Der Fahrer, der sie ebenfalls bemerkt hatte, öffnete die Tür erneut, die sich schon hinter dem letzten Schüler geschlossen hatte. Er kannte das Mädchen von vielen Fahrten. Und er hatte sie gern, weil sie zu den wenigen gehörte, die ihn grüßte, wenn sie einstieg und auch „Tschüss“ sagte, wenn sie den Bus wieder verließ.
Ansonsten hatte er genügend Gründe, sich über die schnöseligen Gymnasiasten zu ärgern, die ihn oft keines Blickes würdigten.
„Die kommen sich als was Besseres vor“, dachte er so manches Mal. Und vor denen verschloss er schon mal die Tür, wenn sie, obwohl die Abfahrtszeit längst überzogen war, mit hochnäsiger Miene und betont lässig auf den Bus zugeschlendert kamen. Doch bei Karin zeigte er sich immer großzügig. „So ein nettes Mädchen hätte ich gern als Tochter“, dachte er dann meist.
Bis in die frühen 1960er Jahre hatte Otto Kniele als Bergmann auf der Zeche Mansfeld gearbeitet. Und er liebte diesen Beruf. Doch bei einem Unfall, kurz bevor das Werk im Zuge der Kohlekrise ebenfalls geschlossen wurde, hatte er die Zeugungsfähigkeit verloren. Und aus war‘s mit der Familienplanung.
Den Schock überwand er viele Jahre nicht. Zum Glück hielt seine Frau zu ihm. Und mit Hilfe der zahlreichen Sozialpläne, mit denen das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Bochum die betroffenen Bergleute unterstützte, fand er eine neue Arbeit als Busfahrer beim Verkehrsverbund Rhein-Ruhr.
Der Führerschein für die Personenbeförderung bereitete ihm wenig Probleme.
Die Fahrerlaubnis für Lkw hatte er schon in der Mine erlangt, weil man dort Fahrer suchte, um Abraum aus nicht kohlehaltigen Steinen zur Zeche in Lünen und ins Zementwerk Erwitte zu transportieren. Sie brauchte man als Füllmasse und Rohmaterial für abgebaute Flöze. Mansfeld besaß dafür drei eigene Henschel-Lastwagen. Für einen suchte der Betrieb einen neuen Chauffeur, weil Kurt Hornig, einer der alten wegen seiner immer schwächer werdenden Gesundheit in Frührente wechseln wollte. Die Zechenleitung unter Dr. Wilhelm Schmidt bat ihn, solange weiter zu fahren, bis der Ersatz die Führerscheinprüfung bestanden hatte.
Man hatte sich für Otto Kniele entschieden, weil der im Bewerbungsgespräch glaubhaft versicherte, ausreichende Fahrpraxis mit einem 7,5-Tonnen-Kleintransporter erworben zu haben.
Mit ihm karrte er in der Freizeit regelmäßig Pflanzen vom Großmarkt in Dortmund in das Blumengeschäft „Immergrün“ seiner Ehefrau Anita an der Harpener Straße, direkt vor dem Blumenfriedhof. „Außerdem habe ich während meiner Zeit beim Bund einen Führerschein für Planierraupen erworben, ich war ja in einer Pioniereinheit. Für den Lkw-Schein war dann der Grundwehrdienst zu kurz.“ Damit gelang es ihm, die Personalabteilung der Grube Mansfeld zu überzeugen. Auch der Betriebsrat stimmte zu.
Kniele war Mitglied der SPD und hatte sich von Beginn der Arbeit auf der Zeche bei der Arbeitnehmervertretung engagiert. Die Position eines stellvertretenden Vorsitzenden der Organisation krönte seine Karriere als Gewerkschafter.
Blumenschmuck für Firmenfeiern organisierte Otto Kniele zum Vorzugspreis über Anitas Laden. „Okay, das bisschen Führerschein übernehmen wir“, meinte der Personalchef Erwin Stikowski, „in ‚nem Vierteljahr sitzen Sie auf‘m Bock unseres Henschel.“ So startete Knieles Fahrerkarriere, die sich als Busfahrer des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr nun langsam ihrem Ende näherte.
Er war jetzt 63. Durch den Rückspiegel für den Innenraum sah er, wie die beiden nach einer freien Sitzbank suchten. Er erwachte er aus seinem kurzen Tagtraum, schloss die Türen und fuhr los.
Georgs Hoffnung, möglichst ungestört mit Karin sprechen zu können, erwies sich als Trugschluss. Der Linienbus war mittlerweile zum Schulbus geworden. Lautes Reden und vereinzelt lärmende Balgereien störten nicht nur die wenigen mitfahrenden Rentner, sondern genauso Busfahrer Kniele, dessen Durchsage mit der Bitte um ein bisschen mehr Ruhe gänzlich ungehört blieb.
Georg versuchte Karin mit Gesten zu erklären, sie möge ihr Ohr näher an seinen Mund halten, damit er ihr etwas sagen könne, ohne schreien zu müssen. Sie sah ihn zunächst verständnislos an, begriff dann aber, was er gemeint hatte und folgte der Bitte. Er erzählte ihr von den Ideen für die Fotosession, die er sich in der Englischstunde zurechtgelegt hatte, bevor Botmann ihn so jäh aus den Überlegungen gerissen hatte.
Mit seinem Gesicht so nahe an Karins Ohr nahm er ihren Geruch deutlich wahr. Er erinnerte ihn an eine soeben servierte Käseplatte mit frischen Erdbeeren. Der Fruchtgeruch rührte womöglich von ihrem Parfüm, der des hintergründigen Käses eher vom Schweiß, der sich über die langen Schulstunden in unzureichend gelüfteten Klassenräumen entwickelt hatte.
Georg störte es nicht. Im Gegenteil. Die Mischung aus Eau de Toilette und Menschengeruch betörte ihn. Karin quittierte seine Worte, die er so laut wie nötig, aber so leise wie möglich sprach, damit sie niemand sonst im Bus hören konnte, mit einem zustimmenden Kopfnicken.
„Soll ich dich am Sonntag um zwei abholen und wir fahren dann zusammen in den Stadtpark?“ „Okay“, antwortete das Mädchen, nachdem sie ihren Mund nahe an Georgs Ohr geführt hatte. „Wir können ja die Fahrräder nehmen“ Er nickte, versank darauf hin wieder in Gedanken an den ersten Fototermin mit der Freundin. In seinem Kopf spielte er die Szenen nochmals durch, die er sich im Englischunterricht zurechtgelegt hatte. Da stupste ihn Karin sanft an: „Du, am nächsten Halt muss ich raus.“ „Ach, stimmt ja“, erwiderte Georg, „dann bis Sonntag um zwei bei dir, mit Fahrrad und Kamera“, fügte er lächelnd hinzu.
Sie stand auf und wandte sich dem Ausgang zu. Sie hob den Arm und sagte schnell „Tschüss“, ihm gegenüber und in Otto Knieles Richtung. Der beobachtete wie immer durch den Rückspiegel aufmerksam das Geschehen in seinem Bus.
Als er ihren Gruß bemerkte, nickte er kurz und freute sich einmal mehr an dem netten Mädchen, um sich unverzüglich wieder auf den Stopp an der Haltestelle zu konzentrieren.
Nachdem Karin den Bus verlassen hatte, lief sie sofort hinter ihm über die Straße und strebte ihrem Elternhaus zu. Georg hoffte insgeheim, sie würde sich noch einmal umdrehen und ihm zuwinken. Doch das tat sie nicht, vermutlich, um ihm nicht den hämischen Bemerkungen seiner Klassenkameraden auszusetzen.
Nachdem Karin ausgestiegen war, fühlte er sich einsam. Zwei lange Tage lagen noch vor ihm und wieder plagten ihn Zweifel, ob sie es sich nicht doch anders überlegen würde. Dass sie sich nicht einmal umgedreht hatte, bereitete ihm Sorgen.
Er kramte sein Smartphone aus der Schultasche, starrte auf das Display, wählte „Telefon“ aus und suchte in den „Kontakten“ Karins Nummer, die er unter „Favoriten“ gespeichert hatte. Er zögerte und rief nicht an. Schließlich waren sie kein Paar, nur gute Freunde. Er durfte nicht aufdringlich sein. Er beschloss, es am Sonntag kurz vor ihrer Verabredung noch einmal zu versuchen. Das zumindest sei unverfänglich, dachte er.
Georgs Haltestelle „Königsallee“ im Stadtteil Wiemelhausen steuerte der Bus jetzt an. Das Display zeigte sie an. Er stand auf und begab sich zur Ausgangstür. Er nickte noch flüchtig den im Bus verbliebenden Schulkameraden zu und stieg aus. Den kurzen Weg zum Elternhaus in der Knappschaftsstraße 25 schlenderte er mehr, als er strammen Schrittes vorwärtsstrebte. Er hatte es nicht sonderlich eilig.
Man würde ihn ohnehin bloß fragen, wie es in der Schule gewesen sei. Für dieses tägliche Ritual hatte er heute keinen Kopf. Als ob sie es geahnt hätte, fragte die Mutter diesmal nicht. Sie stellte ihm den Teller mit Königsberger Klopsen hin. Georg aß hektisch. Kaum, dass er den letzten Bissen herunter geschluckt hatte, verschwand er nach einem kurzen „danke, lecker“ in seinem Zimmer im ersten Stock.
Sofort griff er ins Regal und holte die Kamera hervor. Sie war schon etwas in die Jahre gekommen, funktionierte aber einwandfrei. Der Akku war nur noch halbvoll, wie er mit einem Blick auf die Anzeige feststellte. „Unbedingt aufladen“, schoss es ihm durch den Kopf. Eine technische Panne durfte er sich beim Fototermin mit Karin auf keinen Fall leisten, er würde ohnehin aufgeregt genug sein.
Er probierte einige Einstellungen aus, um die beste für ein Porträt heraus zu finden. Dazu kramte er sein altes Stofftier aus dem Kleiderschrank. Es ruhte dort seit dem Ende seiner Kindertage. Georg setzte es auf den Schreibtisch, trat ein paar Schritte zurück und visierte es an. Den Focus des Apparates stellte er auf die gläsernen Augen des alten Teddybären ein. „Sie müssen immer scharf sein“, hatte er gelernt, „sonst ist das ganze Porträt ruiniert.“ Er bildete sich ein, der Stoffbär sei Karin.
Mit den Ergebnissen seiner Testschüsse war Georg nicht zufrieden. Mit zugeschaltetem Blitzlicht waren die Bilder zu hell und ohne zu dunkel. „Mist“, stieß er hervor. Sein Zimmer war zu klein, um die Fehler durch mehr Abstand zum Bären zu korrigieren. „Ich muss nach draußen“, sagte er sich, „wir wollen ja im Park fotografieren“. Er packte die Kamera samt Blitzlicht in seine Fototasche und lief hinunter in den kleinen Garten, der zu jedem Haus in der Siedlung gehörte.
Dort setzte er das Stofftier auf die alte, schon reichlich verwitterte Bank, trat ein paar Schritte zurück und fing an, den besten Bildausschnitt zu wählen. Dabei hatte er stets die Gestalt Karins im Kopf.
Er kniete sich auf den Rasen, um circa auf gleicher Höhe mit seinem Motiv zu sein. Die Probeaufnahmen gefielen ihm jetzt schon besser. Er probierte ein paar Mal mit und ohne Blitzlicht. Das künstliche Licht zu verwenden, schien ihm sinnvoll, weil er damit notfalls gegen die Sonne fotografieren konnte und Karin nicht im Schatten des Gegenlichts verschwände. Georg benutzte auch bei Tageslicht gern sein Kunstlicht, da es ein reizvolles Leuchten in den Augen des Modells zauberte. Den Effekt beobachtete er nun ebenfalls an den Glasperlen seines Stofftieres. „Das ist geklärt“, sagte er zu sich.
Den fast leeren Akku der Kamera hatte er vergessen. Dem Fototermin mit Karin sah er mittlerweile weniger aufgeregt entgegen.
Georg ging zurück in sein Zimmer. Die anstehenden Abiklausuren verlangten einiges an Vorbereitung. Für Mathe hatte er weiterhin eine Menge zu lernen.
Er strebte ein Studium der Fotografie an der Fachhochschule in Hannover an. Dort lehrte ein gewisser Imko Matthey, dessen Aufnahmen er in verschiedenen Fotomagazinen gesehen und bewundert hatte. Bei ihm wollte er studieren.
Georg war sich bewusst, dass eine Hochschulausbildung mehr war als anständige Bilder einzufangen. Die Lehren der Optik würden ein wesentliches Thema sein. Aber auch Geometrie und Teilbereiche der Informatik, um die Arbeitsweise moderner Digitalkameras begreifen und durchdringen zu können.
Also: Mathematik und Physik. Wenn er hier lediglich mittelmäßige Leistungen auf seinem Abizeugnis vorweisen konnte, hatte er kaum Chancen, an der Hochschule angenommen zu werden. Insgeheim tröstete er sich damit, dass es etliche berühmte Fotografen auch ohne Studium zu Weltruhm gebracht hatten. Doch dazu bedurfte es eines genialen Talents und einer gewaltigen Portion Glück. Dass er darauf keinen Anspruch hatte, war ihm klar. Es war Lernen angesagt und Georg lief hinauf in sein Zimmer zu den Büchern. Liebend gern wäre er noch etliche Stunden im Garten geblieben und Testaufnahmen mit seinem Teddybären, alias Karin angefertigt.
α=α‘ bezeichnet das Reflexionsgesetz, wonach der Einfallwinkel eines Lichtstrahls gleich dem Ausfallwinkel ist. Mit diesem Gesetz der Optik beschäftigte sich Georg zuerst bei der Vorbereitung auf die Physikklausur. Das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, hatte er sich vorgenommen. Im Schulfach Physik weiterkommen und sich zugleich nicht allzu weit von seiner Leidenschaft zur Fotografie zu entfernen. Wenn er erst einmal die optischen Gesetze in all ihren Variationen verinnerlicht habe, hätte er Entscheidendes für sein Fach gelernt. Da war er sich sicher. Einen Aufheller aus Alufolie zum Beispiel könne er dann gezielter verwenden. Das redete er sich ein, um das Büffeln für die Schule ihm zugleich als Vorbereitung für eine fotografische Karriere schmackhaft zu versüßen.
Die Motivation, die vereinzelt vorhandenen Schwächen in Mathe und Physik auszugleichen, stieg und seine Abneigung gegenüber den Lehrbüchern schwand allmählich. Endlich war sich der angehende Fotograf sicher, einen Weg gefunden zu haben.
Jetzt kam ihm die Schule nicht mehr so quälend vor. Er tauchte in die Welt der optischen Gesetze ein, lernte Formeln und Gleichungen. Georg legte sich Millimeterpapier, einen sorgfältig angespitzten Bleistift und sein Geodreieck zurecht.
Er skizzierte einen Menschen, Karin, des Weiteren eine Figur mit Kamera und Blitzlicht, er selbst, und zuletzt eine rechteckige Fläche, die einen Reflektor darstellte. Die Personen und Gegenstände ordnete er dahingehend an, dass der Lichtstrahl seines Blitzes etwa in einem Knick von 45 Grad auf die reflektierende Ebene traf. Im gleichen Areal würde die zurückgeworfene Helligkeit daraufhin auf die Figur treffen, die Karin darstellte. Mit dem Geodreieck maß er die Winkel aus und der Bleistift zog den Weg des Lichts nach. Zuletzt hatte er eine Szenerie auf das Millimeterpapier gezeichnet, die in etwa der gedachten Konstellation am Sonntag im Stadtpark entsprach. Den Reflektor plante er, an einen Baum zu hängen oder ihn an den Stamm zu nageln.
Es dämmerte bereits und die untergehende Spätsommersonne tauchte sein Zimmer in ein inniges, rot goldenes Licht. Georgs Gedanken entführten ihn erneut in den Stadtpark und zum Fototermin mit Karin. Mal für Mal spielte er mögliche Szenarien des Nachmittags durch.
Ihr rotes Sommerkleid umspielte ihren Körper, deren Rundungen oberhalb und unterhalb der schmalen Taille offenbarten, dass sie lange schon die Schwelle vom Mädchen zur Frau überschritten hatte. Georg war verwirrt und er verstrickte sich wieder in Phantasien, die er sich bereits auf dem Schulhof verboten hatte, nachdem sich Karin als Fotomodell ins Spiel gebracht hatte. Jetzt ließ er sie genauso wenig zu.
Klaus Lages Song „Tausend und eine Nacht ...“, schoss ihm durch den Kopf. „Wir waren nur Freunde und wollten‘s auch bleiben ...“, sang er verhalten.
Mit einem energischen Ruck stand er vom Schreibtisch auf, verließ seine Klausurvorbereitungen, sprang hinunter in den Keller, um nach etwas Brauchbarem zu suchen, aus dem er sich einen Reflektor basteln konnte.
Am Wochenende zuvor hatte sein Vater einen neuen Kaninchenstall gebaut. Moppels Exkremente hatten dem Vorgängermodell arg zugesetzt und Georgs Mutter lag ihrem Mann schon lange in den Ohren, das Zuhause des Kaninchens doch endlich, zumindest mit einem frischen Boden, wieder wohnlich zu gestalten. Erst jetzt hatte der Vater sich durchgerungen.
Ein paar Holzlatten waren übrig geblieben. Aus denen plante Georg, sich den Rahmen zu basteln. Für die Bespannung, der eigentlichen Reflexionsfläche, hatte er mehrere Bahnen Alufolie eingeplant, wie sie seine Mutter zum Kochen und Backen benutzte. „Dat is schlecht“, erwiderte sie, als er sie darauf ansprach. „Brauche ich für den Kuchen, den wir am Sonntag mit nach Dortmund zu Tante Erika und Onkel Otto mitnehmen wollen. Ist sowieso nur noch eine angebrochene Rolle da. Wozu willst du die denn haben?“ Dass er sich einen Reflektor für ein paar Fotoversuche basteln müsse, erklärte er ihr. Karin erwähnte er dabei nicht.
„Okay, dann hole ich morgen noch rasch Ersatzrollen bei Aldi“.
Georg war enttäuscht, seine Idee nicht sofort umsetzen zu können. Trotzdem stapfte er in den Keller, um zumindest mit dem Rahmen schon mal anzufangen.
Vier Latten zu je einem Meter Länge suchte er, um eine Fläche von einem Quadratmeter zusammen zu nageln. Dazwischen würde er anschließend mehrere Lagen Alufolie kleben. Hammer, Nägel und eine Säge fischte er sich aus Vaters Werkzeugkasten. Nachdem er ein bisschen in den Holzresten gekramt hatte, fand er letztlich vier Latten, die ihm geeignet schienen. Die brauchte er nur noch auf eine Länge zu sägen und der Rahmen nähme Form an. Zusammennageln würde er ihn im Garten. Die alte Bank diente ihm als Unterlage. Er kramte seine Fundsachen zusammen und begann sie ins Freie zu tragen. Mittlerweile war es finster geworden und er war gezwungen, auch diesen Teil der Arbeit auf den nächsten Tag zu verschieben.
Auf den Sonnabend, den Tag vor dem Treffen mit Karin. Georg ärgerte sich und er wurde nervös. Zu viele seiner Vorbereitungen hatten sich verzögert. Er sah es als böses Omen an. Wenn jetzt schon einiges schiefgelaufen war, was könnte am Sonntagnachmittag noch alles passieren? Zu böiger Wind, Regen gar. Oder es wären zahlreiche Spaziergänger im Park. Unter ihnen obendrein welche, die ihn kannten. Eltern von Schulkameraden. Die würden es Georgs Freunden erzählen und er durfte sich dann am Montag wieder ihre hämischen Bemerkungen anhören, die ihn aufregten und in Verlegenheit brächten.
All das spukte ihm durch den Kopf, derweil er seine Utensilien für den Reflektorbau erneut in den Keller schleppte. „Scheiße“, fluchte er tonlos vor sich hin, „das alles fühlt sich nicht gut an.“ Vorbei war es erst einmal mit der Vorfreude.
Es war halb acht am Freitagabend. Sich zu konzentrieren, zum Beispiel auf die Schularbeit, gelang ihm nicht länger. Den Krimi im ZDF würde er sich gemeinsam mit Mutter und Vater anschauen. Das hatte es schon seit Jahren nicht mehr gegeben. So etwas Spießiges wies er stets verächtlich zurück, wenn seine Eltern ihn einmal danach gefragt hatten. Doch heute hatte er Lust darauf. Renate und Heinz Konrad freuten sich unbändig, als er sich beim Abendessen nach dem Fernsehprogramm erkundigte. Endlich mal wieder ein gemeinsamer Abend mit ihrem Sohn. Georg setzte sich ansonsten immer gleich vor den Computer, um mit Freunden zu chatten oder Spiele auszuprobieren, die in der Schule zum alltäglichen Gesprächsthema gehörten.
Mit seiner Leidenschaft für die Fotografie vermochte er kaum jemanden zu begeistern. Abgesehen von Karin freilich. Mit Fußball, einem der beliebtesten Themen in Bochum und an der Schule, konnte er ohnehin nichts anzufangen. Das roch ihm zu aufdringlich nach Bier und Stammtisch.
Aber heute Abend wollte er sich einfach nur berieseln lassen, um der Unruhe zu entkommen, die ihn durch seine Pannen schon wieder überfallen hatte.
„KK Keller ermittelt“ hatten die Eltern für den heutigen TV-Abend ausgesucht. Es war eine der zahlreichen Krimiserien, die für gewöhnlich bei den meisten Familien das Wochenende einläutete. Georg war es Recht, in Wahrheit war es ihm aber ohnehin egal. Er hätte sich sogar eine Quizshow angesehen. Bloß raus aus der Grübelei und sich nur ablenken lassen, mehr wollte er nicht.
Kommissar Keller hatte einen verzwickten Fall zu lösen. Er handelte von einer jungen Prostituierten, die mit zerschmettertem Körper unter einer Autobahnbrücke gefunden worden war. Als das Ermittlerteam um den Chef am Fundort der Leiche eintraf, stellte sich die naheliegende Frage: „Ist sie gesprungen oder wurde sie gestoßen?“
Der ebenfalls herbei geeilte Gerichtsmediziner verweigerte eine vorschnelle Antwort mit dem schon hundertmal gehörten Hinweis, Ergebnisse seien frühestens nach der für den kommenden Tag anberaumten Obduktion zu erwarten. Und die ergab wie gewohnt, dass die Prostituierte gestoßen worden ist. Abwehrspuren an ihren Händen und Druckstellen an den Oberschenkeln und Armen erkannte der Mediziner als unmissverständliche Indizien dafür.
Das erklärte der Pathologe Dr. Felsenstein den Kriminalisten in der üblichen Szene im Sektionssaal des rechtsmedizinischen Instituts, nicht ohne den Hinweis, dass seine Untersuchungen durch den Zustand der Leiche erheblich erschwert worden seien.
Kommissar Keller nahm es achselzuckend zur Kenntnis, so als wolle er sagen „Es ist schließlich Ihre Aufgabe, ich muss auch arbeiten und Probleme lösen.“ Zu einem „Danke, Doc“, rang er sich noch durch. Im weiteren Verlauf plätscherte der Film ohne berauschende Spannung dahin. Die Lösung des Falles der toten Prostituierten war wenig spektakulär: Ein Freier, Dr. Max Schneider, hatte ihr den Ausstieg aus dem Milieu versprochen, zog das dann aber zurück, um seine bürgerliche Existenz mit Familie und einer vielversprechenden Karriere als Kommunalpolitiker mit Sprung ins Landesparlament nicht zu gefährden. Anna Wohllieb, das Opfer, klammerte sich an ihn. Dr. Schneider geriet in Panik und entledigte sich ihrer, indem er sie auf einem Spaziergang, der einer Aussprache dienen sollte, von der Brücke stieß.
Mit dem banalen Fazit, dass sich Verbrechen nun mal nicht auszahlen, endete der Film um 21:45 Uhr. Die letzte Szene zeigte, wie Keller den überführten Dr. Schneider aus dessen Villa am Europaplatz, im vornehmen Münchner Stadtteil Bogenhausen, abführen ließ.
Georg, den der Film nicht sonderlich gefesselt hatte, blieb gelangweilt vor der Glotze hängen. Die Eltern hatten sich kurz nach Ende des Krimis ins Bett verabschiedet, derweil er durch die Sender zappte, ohne etwas Bestimmtes zu suchen.
Von der Comedy im WDR bis zum Erotikfilm in RTL 2 nahm er so ziemlich alles mit, das ihn ablenkte. Eine Stunde nach Mitternacht übermannte ihn die Müdigkeit. Er schlich mit leerem Kopf hinauf in sein Zimmer und legte sich ins Bett. Sogar auf die allabendliche Routine, sich die Zähne zu putzen und den Tag aus dem Gesicht zu waschen, hatte er verzichtet. Doch einzuschlafen gelang ihm nicht.
Der für den nächsten Tag, ein Samstag, fest eingeplante Bau des Reflektors musste unter allen Umständen ohne weitere Hindernisse verlaufen. Er hatte ohnehin nur einen halben Tag zur Verfügung, um die noch fehlende Alufolie zu kaufen. Am Sonnabend schlossen die Geschäfte in Bochum schon mittags.
Georg schlief am Wochenende gern lange, oft bis in den späten Vormittag. Diese Angewohnheit hatte sich tief in seinen Biorhythmus eingegraben.
Er stand hastig auf, holte sein Handy aus der Jeanstasche und stellte die Weckfunktion auf sieben. Das waren noch knapp fünf Stunden. „Hilft nix“, sagte er zu sich und legte sich wieder hin. Vorsichtshalber hatte er vorher das Smartphone an die Steckdose angeschlossen. Er wollte jedes Risiko vermeiden.
Endlich schlief er ein mit dem beruhigenden Bewusstsein, alles Menschenmögliche unternommen zu haben, um den Fototermin mit Karin zum Erfolg zu verhelfen. Ein Albtraum quälte ihn: Auf der Fahrt zu ihr war er mit dem Fahrrad in eine Straßenbahnschiene gekommen und gestürzt. Er verstauchte sich den rechten Arm, mit dem er instinktiv den Sturz abfederte. Die Fototasche knallte auf die Straße. Die darin liegende Ausrüstung aus Kamera und Blitzlicht war zerstört wie die Hoffnung, seine Premiere als zukünftiger, erfolgreicher und berühmter Menschenfotograf zu bestehen. Gegen vier Uhr morgens erwachte er durchgeschwitzt und mit rasendem Herzen. Benommen von der Einbildung und kurzen Ruhe, stand er auf, griff ins Regal, nahm die Fototasche, öffnete mit zitternden Händen den Reißverschluss.
„Es war ein Traum“, stellte er erleichtert fest. Und nur langsam fand er in die Realität zurück. Schlafen konnte er trotz der nächtlichen Stunde nun nicht mehr. Er wollte es auch nicht. Zu groß war seine Angst, ein weiterer Albtraum würde ihn vollends aus der Fassung bringen.
Was aber sollte er tun? Die verbleibende Zeit bis die Geschäfte öffneten, kam ihm unendlich vor. „Ich muss noch ein bisschen schlafen“, sagte er sich, „sonst treffe ich morgen keinen Nagel.“ Verzweifelt versuchte er, Ruhe zu finden, doch es gelang ihm nicht.
Gereizt stand er auf, schlich sich so geräuschlos wie möglich in die Küche, holte sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, trat ins Wohnzimmer und setzte sich wieder vor den Fernseher. Um die Eltern nicht zu wecken, hatte er die Kopfhörer seines Handys mit nach unten genommen. Sie passten an das TV-Gerät der neuesten Generation, das sich die Konrads vor kurzem als Geschenk zu ihrem Hochzeitstag geleistet hatten.
Er sah eine im Nachtprogramm laufende Musiksendung. Sie fesselte ihn zwar nicht, aber Bier und Schnulzenmusik lullten ihn ein und ließen ihn dann schließlich in einen tiefen Schlaf fallen.
Seine Mutter fand ihn gegen sieben schlummernd auf dem Sofa. Die Kopfhörer hatte er noch auf den Ohren. Behutsam weckte sie ihn und meinte: „Georg, willst du nicht noch ins Bett gehen, da geht es dir bestimmt besser.“ Er schreckte hoch, antwortete nicht und fragte stattdessen mit hörbarer Panik in der Stimme: „Wie spät ham wir‘s?“ „Kurz nach sieben“, entgegnete sie und wunderte sich, warum das ihr Sohn insbesondere am Wochenende wissen wollte. „Na, ein Glück“, seufzte Georg erleichtert auf. Das Klingeln des Handys hatte er nicht gehört. Es lag oben im Zimmer. Mutter Konrad staunte zwar, aber fragte nicht weiter nach. Sie hatte sich damit abgefunden, dass ihr fast erwachsener Sohn schon seit längerem in seiner eigenen Welt lebte, zu der ihr der Zugang versperrt blieb.
In zwei Stunden öffneten die Geschäfte und er konnte endlich die fehlenden Sachen kaufen, um einen Reflektor zu basteln. Bis dahin war ausreichend Zeit, sich eine belebende Dusche zu gönnen und sich ausgiebig die Zähne zu putzen. Mit dem Ziel, den ekligen Geschmack im Mund zu bekämpfen, der sich durch das ungeputzte Gebiss des Vorabends und das Bier eingeschlichen hatte. Georg ging ins Bad, ergriff seine Zahnbürste, drückte so eine große Portion Blendamed auf die Borsten, wie sie fassten und fing an zu schrubben. Das tat er mehrfach bis die Zunge, die er prüfend über den Oberkiefer fahren ließ, ihm ein Gefühl von Sauberkeit und Frische vermittelte.
Er zog sich aus und stieg unter die Brause. Die Wassertemperatur stellte er so hoch ein, dass er es kaum ertrug. Nachdem er seinen Körper ausgiebig mit einem extra erfrischenden Gel abgerieben hatte, zögerte er kurz, um dann mit einer energischen Handbewegung die Dusche von heiß auf kalt zu stellen.
Das hatte er sich bei der Zahnreinigung ausgedacht. Er wollte damit die Mattigkeit aus dem Körper und seinem Kopf vertreiben. Der eisige Wasserstrahl traf ihn wie ein Peitschenhieb, sein Atem stockte, das Herz pochte. Schon nach wenigen Sekunden drehte er das Wasser ab, stieg aus der Dusche, griff sich ein Handtuch und trocknete sich ab. Er zog sich an, Jeans, T-Shirt, Sneakers.
Er eilte in die Küche, schnitt eines der bereit liegenden Brötchen auf, bestrich es mit Butter und legte eine Scheibe Käse darauf. Er biss hinein und trank einen Schluck von dem Kaffee, den Renate Konrad vorsorglich in eine Thermoskanne gefüllt hatte. Mehr aß er nicht zum Frühstück. „Ich geh‘ jetzt zu Aldi und hole dir deine Alufolie“, rief er seiner Mutter zu und verschwand. Wieder wunderte sich die. Ihr Sohn war ansonsten nicht sonderlich eifrig, wenn es darum ging, bei den alltäglichen Angelegenheiten des Haushalts mitzuhelfen.
Georg überlegte. Mit dem Fahrrad würde er in etwa einer Viertelstunde in der Aldi-Filiale in der Blumenstraße sein, zu Fuß bräuchte er mehr als eine halbe Stunde. Er rannte in die Garage, holte sein Rad heraus und fuhr los. Dass er den größten Teil seiner Strecke an der von Autos beherrschten Königsallee entlang radeln gezwungen war, störte ihn nicht weiter.
Er war es gewohnt, in der Stadt mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Er fuhr zügig und war etwas außer Atem, als er sein Rad an den Streben der Überdachung für die Einkaufswagen ankettete. Schon der fast voll besetzte Kundenparkplatz signalisierte ihm, dass der Einkauf von den paar Rollen Alufolie nicht in wenigen Minuten zu erledigen sein würde. Lange Schlangen vor den Kassen bestätigten die Befürchtung. Sie steigerten seine nervöse Unruhe, zumal die meisten Kunden, die mit ihren Besorgungen fürs Wochenende bereits fertig waren, ihre Wagen randvoll beladen hatten, so dass jedes Kassieren ewig zu dauern schien.
Eine ältere, gütig dreinblickende Dame, ließ ihn zumindest einen Platz zwischen den Wartenden vorrücken. „Geh ma‘ vor, mit deinen paar Sachen“, sagte sie, „ich bin Rentnerin und habe Zeit.“ „Vielen Dank, sehr freundlich“, quittierte er ihr Angebot. Es waren aber immer noch etwa zehn Kunden vor ihm. Es ging quälend langsam voran, zumal nicht wenige davon erst an der Kasse umständlich ihre Geldbörse aus der Tasche fingerten.
Georg war angespannt. Die Bastelarbeiten, die vor ihm lagen, erschienen ihm plötzlich riesig und kompliziert. Endlich war er an der Reihe. Sein Geld hielt er vorsorglich schon in der Hand. Er griff eine der Rollen mit Alufolie und reichte sie der Kassiererin mit den Worten: „Fünf Stück davon.“ Sie sah kurz in den Einkaufswagen Korb, tippte eine 5 auf ihrer Tastatur und zog eine der Verpackungen über ihren Scanner. „Sieben Euro fünfzig“, nannte sie ihm als Preis. Der streckte ihr die Hand mit einem Zehneuroschein entgegen. „Danke, und zweifünfzig zurück“, erwiderte sie. Georg nahm das Wechselgeld und eilte aus dem Laden.
