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Dieses Potpourri an illustrierten Kurzgeschichten handelt von bittersüßen Zeilen rund um die verschiedenartigsten Persönlichkeiten und Szenarien, die den Leser für einen kurzweiligen und tiefenentspannten Augenblick durch die gesamte Klaviatur unterschiedlicher Gemütsregungen entführen möchten. Etwas Zeit zum Tagträumen. Das Buch zeugt davon und beruht darauf, dass das Leben zu jeder Zeit ein unbeirrbares Licht- und Schattenspiel darstellt. Da wären unter anderem eine pfeilschnelle und gewiefte Talkmasterin, die galant und scharfsinnig mit brisanten Themen der Zeit jongliert und hierbei kunterbunte Talkgäste involviert. Eine alternative Öko-Mama und übermotivierte Anführerin der Globuli-Mafia, die einen gutherzigen Senioren und überzeugten Otto Normalverbraucher auf einer langatmigen Zugreise zur blanken Weißglut in Rekordzeit bringt. Ein nüchterner Kommissar und ein tiefblickendes Medium, die das unheilvolle Treiben eines soziopathischen Serienmörders ein für alle Mal beenden. Außerdem ein Junge namens August, dessen tragisches Schicksal unwiderruflich mit der Geschichtsschreibung der Deutschen Demokratischen Republik verstrickt ist. Erwähnenswert ist natürlich auch ein Marienkäfer in Amsterdam, der auf den einprägsamen Namen "Hugo Herrlich" hört und von seiner Sicht auf das Leben berichtet, während der Leser zeitgleich einen Einblick in die durchlebten Wiedergeburten dieses kleinen flotten Käfers erhält. Eine weitere Geschichte rankt sich um eine Skulptur als Sinnbild einer unmöglichen, tragischen und amourösen Liaison in den Anfängen des Zweiten Weltkrieges, die in den dunklen Schatten und der historischen Schuld des Holocausts mündet und für die Ewigkeit in den Seelen der einst Liebenden verbleibt. Und auch das wilde Dschungelgeflecht des heutigen Online-Datings wird in einer der Kurzgeschichten näher unter die Lupe genommen, das tatsächlich in einer überraschenden Liebe endet. All das und vieles mehr erwartet den Leser der "Bittersüßen Kurzgeschichten".
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Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2021
Impressum
© 2020 Patricia Geiger
2. Neuauflage 07/2021
E-Mail: [email protected]
Blog: www.bittersuesse-zeilen.jimdofree.com
Illustration (Buchinnenteil u. -rückseite): Gard Bruns
Umschlaggestaltung: Katharina Netolitzky
Verlag u. Druck: tredition GmbH, Halenreie 40 - 44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-31460-3
E-Book:
978-3-347-31462-7
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Mit Ausnahme einiger Personen, Institutionen und Ereignissen des öffentlichen Lebens sind alle hier geschilderten Handlungen, Personen, Namen und Geschehnisse frei erfunden und entstammen Fantasiekonstrukten. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Geschäftseinrichtungen und Schauplätzen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Zur Autorin
1. Die Globuli-Mafia & Die antiautoritäre Erziehung
2. Die Skulptur
3. Verlorene Herzen im virtuellen Dating-Marathon
4. Carla Tiefblick & Kommissar Nüchtermann
5. Das unergründliche Leben der Society-Ladys
6. Die Eiskönigin – Die unerträgliche Leichtigkeit der Einsamkeit
7. Schönheitskönigin im Schwabenländle-Express
8. Die Stasi, der Kapitalismus und August
9. Schattenwelt – Das Seelengemüt der Zwangsprostitution
10. Eine Talkshow-Runde nach Feierabend
11. Eine Ode an das Leben und seine Vergänglichkeit
12. „Hugo Herrlich“ – Ein Marienkäfer in Amsterdam
Nachwort
Vorwort
Dieses Potpourri an illustrierten Kurzgeschichten handelt von bittersüßen Zeilen rund um die verschiedenartigsten Persönlichkeiten und Szenarien, die den Leser für einen kurzweiligen und tiefenentspannten Augenblick durch die gesamte Klaviatur unterschiedlicher Gemütsregungen fantasievoll, charmant, humorvoll, melancholisch, sinnlich, provokant, dreist, gruselig und überraschend entführen möchten. Etwas Zeit zum Tagträumen. Das Buch zeugt davon und beruht darauf, dass das Leben zu jeder Zeit ein unbeirrbares Licht- und Schattenspiel darstellt. Genau so wurde die Entstehung dieser vielfältigen Geschichten angedacht und ins Leben gerufen.
Ein herzhaftes und beseeltes Lachen, während man im Wartezimmer des Zahnarztes sitzt und auf seine nahende Wurzelbehandlung wartet. Eine Portion unverhofftes Glück jenseits des Nougat-Schokoriegels für die kleine Pause zwischendurch. Beschwingte Unterhaltung für eine ebenso unvergessliche Urlaubsreise. Anregende Inspiration für Ideen, Geistesblitze und Gedankengänge, die einem die Sinne querbeet durcheinander wirbeln. Erheiterndes Amüsement nach Feierabend auf dem heimischen Kuschelsofa. Überschwängliche Vergnügung inmitten störrischer Alltagswidrigkeiten. Stirnrunzelnde Provokation, die Lust und Laune macht, eine heißblütige Diskussion zu führen. Schmerz und Trauer, die das Leben mit sich bringt und die der unverblümten und authentischen Offenheit bedürfen. Ein eiskalter Schauer, der einen mit Gänsehaut verstörend durchfährt, während man mit Anspannung den weiteren Ausgang der Geschichte verfolgt. Und vielleicht auch eine Prise herausfordernder Empörung, die einem den Blutdruck kurzatmig hochtreibt und ein wutrotes Schmunzeln verleiht … während man am Tobsuchtsanfall haarscharf vorbeischrammt.
All das und vieles mehr erwartet den Leser der „Bittersüßen Kurzgeschichten“.
Zur Autorin
Patricia Geiger - Pseudonym - hat am 22.09.1977 im bayerischen Allgäu das Licht der Welt erblickt. Passend zum Geburtsmonat ist der wunderbare Herbst ihre liebste Jahreszeit. Aufgewachsen ist sie daraufhin im berühmt-berüchtigten „Schwabenländle“ – einer kulturellen Mischung aus liebenswertem Genie, hanebüchenem Wahnsinn und einem pfiffigen Dialekt. Ein erfrischendes Kontrastprogramm und belebendes Gegengewicht haben hierbei die Balkanwurzeln der Großeltern väterlicherseits dargestellt, um den Geisteshorizont breitgefächert auszurichten.
Es folgte im Leben ein kunterbunter beruflicher Werdegang bestehend aus einem abgebrochenen Studium der Geisteswissenschaften, diversen Praktika, Weiterbildungen, unterschiedlichen Jobs, einer kaufmännischen Ausbildung und darauffolgenden beruflichen Anstellungen in der Industrie, bei einer internationalen Organisation sowie im öffentlichen Dienst, für den sie gegenwärtig tätig ist. Geographisch verschlug es Patricia Geiger im Alter von zwanzig Jahren zunächst für einige Zeit in die atemlose wie reizüberflutete Hauptstadtmetropole Berlin, dann ging es erst einmal retour ins Schwabenland zwecks konzentrierter und meditativer Neuorientierung. Letztlich führte der schicksalhafte Weg ins idyllische Bayern, wo sie jetzt schon seit langer Zeit bestens und wunschlos glücklich im Fränkischen verweilt. Wohin die Lebensreise sonst noch führen wird, steht in den Sternen. Darüber könnte man nur mutmaßen und vor sich hin träumen.
Patricia Geiger liebt die Leichtigkeit des Seins, Purismus und hart erarbeitete Lachfalten genauso glühend wie stürmische Herbst- und sinnliche Wintertage. Sie begeistert sich für Kunst und Kultur in allen Variationen, hat einen Faible für kluge und bewährte Lebensweisheiten und ist überdurchschnittlich tierlieb. Knapp drei Jahrzehnte erfülltes und köstliches Vegetariertum aus komplexer Überzeugung sprechen für sich selbst. Harmonisch hinzukommend ist sie eine passionierte und überzeugte Verfechterin der Naturheilkunde und Homöopathie. Es herrscht jedoch eine kontraproduktive und ausgeprägte Disziplinlosigkeit in Sachen Schokoladenkonsum vor. Hier dürften die Lobbyisten der Zuckerindustrie vollumfassend zufrieden mit Frau Geiger sein. Was mag sie weniger? Hundsgemeine Stinkstiefel, bösartige Gewitterhexen, unbelehrbare Hornochsen, zweifelhafte Pinocchio-Nasen und schwül-heiße Sommertemperaturen, die Tropenflair versprühen und einen Hitzschlag garantieren. In diesem Zuge sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Frau Geiger zwischendurch eine begnadete Flucherin sein kann.
Nun ist es an der Zeit, der eigentlichen Lebensberufung als tollkühne Geschichtenerzählerin und waghalsige Akrobatin der Worte nachzugehen. Dies gründet sich aus einer innigen und puren Herzblutleidenschaft fürs Schreiben heraus, die gelebt werden möchte. In der stillen Hoffnung und verbunden mit dem leisen Wunsch, vielleicht die Gemüter und Herzen von ein paar Menschen mit bittersüßen Zeilen zu erreichen und zu beflügeln. Zwischen Himmel und Erde gibt es eine Menge. An übersprudelnder Fantasie am grenzenlosen Horizont des Lebens soll es hier keinesfalls mangeln.
Die Globuli-Mafia & Die antiautoritäre Erziehung
Rentner Ulrich Gleichmut besteigt gemächlich den Zug Richtung Frankfurt. Er ist auf dem Weg zu seiner jüngsten Tochter Juliane, die gerade das dritte Enkelkind gesund und munter auf die Welt gebracht hat. Glücklicher Weise ist der Zug noch verhältnismäßig leer und er findet für sich und sein sperriges Glückwunschpräsent zügig einen gemütlichen Fensterplatz. Es sind noch zehn Minuten bis zur Abfahrt. Ulrich holt tiefenentspannt seine Lesebrille sowie die soeben erworbene Tageszeitung hervor, um einen Blick ins turbulente Weltgeschehen zu werfen.
Spotlight on - Heidrun Cecilia Ungestüm - ihres Zeichens diplomierte Sozialpädagogin, angehende Lebensberaterin und akribische Patin der Globuli-Mafia betritt gemeinsam mit ihrem fünfjährigen Sohn Thorben Joshua sowie vier farbenfrohen Jutebeuteln mit der handbestickten Aufschrift und Kampfansage „I Love Bio“ unüberhörbar das Zugabteil. In seine Zeitung vertieft, blickt Ulrich für einen Moment auf. Thorben Joshua steht direkt vor ihm, um ihn mit einem fast hypnotischen Scannerblick kritisch zu begutachten. Ulrich schenkt ihm noch ahnungslos ein freundliches Lächeln.
Der Zug setzt sich kurz darauf in Bewegung und Heidrun Cecilia fordert ihren bis dahin mäuschenstillen Sohn mit nasaler Stimme auf, doch freundlicher Weise Platz zu nehmen, damit die gemeinsame Vesperpause eingeläutet werden kann. Zu diesem Zeitpunkt ahnt Ulrich noch nicht, dass dieses Vorhaben zu einer kulinarischen Zeremonie ausarten wird. Für Thorben Joshua hingegen war die Aufforderung zur Nahrungsaufnahme lediglich das Stichwort, um in fast glockenklarer und kindlicher Sopranstimme sowie in der Endlosschleife quer durch das Zugabteil zu quietschen, dass er keinen Hunger hat.
Heidrun Cecilia beginnt gänzlich unbeeindruckt damit, ein Buffet aus diversen Tupperdosen liebevoll anzurichten. Es scheinen mehrere Breivariationen auf der Tageskarte zu stehen, Reispuffer und das gesamte Obstsortiment des Reformhauses. Thorben Joshua hingegen verbringt seine Zeit damit, mit eigener Stimmeskraft die Schallmauer zu durchbrechen und springt tollkühn kreuz und quer durch das zwischenzeitlich gut besetzte Zugabteil. Die Begeisterung über so viel Esprit und Elan ist den restlichen Fahrgästen förmlich auf das angespannte Gesicht geschrieben.
Ulrich überkommt das scharfsinnige Gefühl, dass er für die verbleibende Stunde Zugfahrt den nervlich überspannten Jackpot gezogen hat. Er beschließt Richtung Toilette zu marschieren, um auf dem Weg eventuell eine passende Fluchtmöglichkeit für sich und seinen Geschenkkarton ausfindig zu machen. Die Hoffnung löst sich fix in Vergeblichkeit auf. Als Ulrich voll düsterer Vorfreude zu seinem Platz zurückkehrt, plant der fidele Thorben Joshua soeben schon mal einen forschen Blick in den Geschenkkarton zu werfen. Es könnte ja auch etwas Passendes für ihn dabei sein, was ihn mehr verzückt als das Brei-Potpourri seiner Mutter, die ihn zum hundertsten Mal dazu anspornen möchte, sein Zwischenfrühstück einzunehmen. Mit sonorer Engelsstimme kann Ulrich den kleinen Thorben Joshua eindringlich dazu ermuntern, die Finger vom Geschenkkarton zu lassen. Seine Frau Mama sieht hierzu eigenständig keinen Anlass. Ulrich kontert mit einem tiefen Seufzen, das ihm Gleichmut bescheren soll und ist darauf konzentriert, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass er Kinder mag und seine drei Enkelsöhne von Herzen liebt.
Heidrun Cecilia scheut keinesfalls davor zurück, über die Hungersnot in Afrika zu philosophieren, um eine Motivation für ihren störrischen Sohnemann ins Leben zu rufen, die gesundheitsträchtigen Tupperdosen demütig zu leeren. Das lässt sich unser kleiner Sonnenschein doch nicht zweimal sagen. Er schnappt sich beherzt und entschlossen eine der Dosen mit Reispuffern und beginnt fröhlich damit, die anderen Fahrgäste gemäß dem Überraschungseffekt großzügig zu bewerfen. Nun, das Echo der Dankbarkeit lässt nicht lange auf sich warten. Heidrun Cecilia fordert den zwischenzeitlich fast tobsüchtigen Stammhalter in ruhigem Ton auf, seine eigenwillige Essensverteilung zu unterlassen und versucht ihn mit getrockneten Mangostreifen zu besänftigen.
Der kleine Junior positioniert sich in seinem modischen Leinen-Ensemble samt Bio-Sandale und orthopädischem Fußbett mit Zornesfalte vor seine Mutter, in der vergeblichen Hoffnung, dass diese doch mal ein klares und konsequentes Machtwort von sich gibt, das ihn nachhaltig überzeugen würde. Der kleine Mann verzehrt sich sehnsüchtig danach, mal eine gestrenge Ansage zu ernten. Knapp daneben ist auch vorbei. Mama Heidrun Cecilia kichert beseelt und verzückt über den gesunden Energiestatus ihres Kindes, das soeben wieder eifrig damit beginnt, wutentbrannt durch die Zugabteilung zu brüllen und exzessiv polternde Turnübungen zu veranstalten. Man kann nur willkürlich darüber mutmaßen, mit welchen Globuli Thorben Joshua heute Morgen gedopt wurde.
Einige Fahrgäste kämpfen zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Gedanken, das Anti-Terror-Kommando einzubestellen und murmeln schimpfend vor sich hin. Als ob es unser Thorben Joshua sensitiv und intuitiv spüren würde, hat er den brandheißen Einfall, sich zielstrebig das chilenische Bananen-Mus zu schnappen und unserem dreifachen Opa Ulrich einen Löffel voll ins Gesicht zu knallen.
Das Nervenkostüm von Ulrich ist bei aller Kinder- und Nächstenliebe an dieser Stelle eine Nuance überstrapaziert. Er fordert Heidrun Cecilia in klarem Ton auf, ihr übermütiges Kind zur Räson zu bringen und Ruhe einkehren zu lassen. Die alternative Mutter des Jahres zischt besserwisserisch ein minimales Bedauern durch die Lippen und vermittelt zeitgleich mit einem vielsagenden Blick, dass Rentner Ulrich sich wegen des bisschen fair gehandelten Breis mal nicht so anstellen solle. Ein weiterer Fahrgast bekundet seinen Missmut in einem unerfreulichen Kommentar. Heidrun Cecilia fühlt sich an dieser Stelle provoziert und verkündet frohen und stolzen Mutes, dass Thorben Joshua „antiautoritär“ erzogen wird. Sie scheint der offenkundigen Meinung zu sein, dass das Thema damit zu ihren Gunsten entschieden sei. Ulrich platzt blitzgeschwind und in Windeseile per Express der Geduldsfaden. Er blickt Heidrun Cecilia tief in die widerspenstig funkelnden Augen und kontert: „Sie dumme Spinatwachtel, Sie blöde Nuss … Sie kümmern sich jetzt mal anständig um ihren Mini-Terroristen außer Rand und Band und sorgen dafür, dass sich niemand mehr belästigt fühlt.“ Heidrun Cecilia schwinden für einen Moment die biofreudigen Sinne, bevor sie voller Entrüstung antwortet: „Was erlauben Sie sich denn, so mit mir zu sprechen?!“ Mit einem sanftmütigen und fast nüchternen Lächeln bekundet Opa Ulrich: „Ich wurde auch antiautoritär erzogen.“
Die Skulptur
Berlin 1932 – Marga Wunsch läuft eiligen Schrittes durch die hohen und anmutigen Räumlichkeiten der Grunewalder Stadtvilla und gleitet über den glänzenden und edlen Parkettfußboden hinweg. Es ist ihre zweite Anstellung als Wochen- und Säuglingsschwester in einem privilegierten Privathaushalt des Berliner Großbürgertums, seitdem sie ihre schwäbische Heimat frohen Mutes und voller abenteuerlustigem wie zielstrebigem Tatendrang verlassen hat.
Das jüdische Ehepaar Samuel und Anna Liebermann bewohnt die großzügige Stadtvilla seit elf Jahren gemeinsam mit ihren drei Kindern Ruth, Esther und dem kleinen Benjamin, der das Licht der Welt vor genau zwei Wochen erblickt hat. Samuel Liebermann - ein besonnener, kluger und bedachter Mann - ist als Bankier in zweiter Generation im privaten Bankhaus seiner Familie tätig. Die Geschäfte haben sich im Laufe der letzten Jahre stetig und fortwährend erfolgreich entwickelt. Samuel Liebermann besitzt einen kristallklaren Instinkt für gute Investitionen und fortschrittliche Errungenschaften. Diese Gabe beschert seiner Familie einen gehobenen und sorgenfreien Lebensstil. Seine zehn Jahre jüngere Ehefrau Anna ist eine bildschöne Erscheinung voller Sinnlichkeit wie aus einem Buche entsprungen. Ihre weiße und makellose Haut, ihr tiefdunkles Haar und ihre strahlend grünen Augen besitzen eine Unergründlichkeit, die schwer zu fassen ist. Sie tragen eine gewisse Melancholie in sich und üben eine magnetische Faszination auf ein Gegenüber aus. Sie ist eine sensible und fragile Persönlichkeit, die mit depressiven Verstimmungen zu kämpfen hat. In diesen wiederkehrenden Phasen zieht sie sich stets diskret und taktvoll in ihre persönlichen Räumlichkeiten zurück, um wieder zu ihrer inneren Mitte zu finden. Dennoch ist sie eine beliebte, hoch angesehene und brillante Gastgeberin, die ihre vielseitigen Gäste aus Kunst, Kultur und Wirtschaft mit raffiniertem Charme, geistreichem Witz und beeindruckendem Verstand inmitten bunter Soirée-Abende bei Laune hält und keine Langeweile aufkommen lässt. Ihren aufgeweckten und umtriebigen Kindern ist sie eine liebevolle Mutter, auch wenn die alltägliche Hauptlast der Kindererziehung zumeist auf den Schultern des Hauspersonals und der insgesamt drei Kinderfrauen liegt.
Eine davon ist Marga Wunsch. Sie entstammt einem protestantischen Haushalt aus dem Schwäbischen nahe Stuttgart. Hinter ihr liegt eine glückliche und unbeschwerte Kindheit und Jugend gemeinsam mit ihren beiden Schwestern. Sie wurde vergleichsweise weltoffen und modern erzogen im Gegensatz zu einigen ihrer Klassenkameradinnen, die vielfach in streng katholisch gläubigen und teils bigottischen Verhältnissen aufwuchsen. Eine gute und solide Berufsausbildung stand innerhalb ihrer Familie nie zur Debatte. Auch ihr anschließender Expansionswunsch die Weltstadt Berlin zu erobern und Entfaltungsmöglichkeiten zu erkunden, wurde letztlich nicht gebremst, aber mit fürsorglichen Abschiedsworten begleitet. Marga ist eine vor praller Gesundheit und heiterer Lebensfreude sprudelnde junge Frau, die zugleich den Eindruck erweckt, patent und strebsam im Leben zu stehen. Genau diese Ausstrahlung hat ihr den Glücksgriff beschert, in einer der höher stehenden Familien Berlins beruflichen Einlass zu finden. Die einzige verheerende Leidenschaft Margas ist ihr ausgeprägter und hingebungsvoller Sinn für Stil und Mode, der immer wieder mit ihren übersichtlichen Finanzmöglichkeiten unglücklich und unsanft aufeinanderprallt. Aber das soll ihr kleines und stolzes Geheimnis bleiben.
Sie hat sich in den letzten drei Wochen gut in der Familie Liebermann eingelebt und die Geburt des jüngsten Familiensprosses Benjamin mit begleitet. Der Säugling erweist sich von Beginn an als pflegeleicht und ist weit davon entfernt, ein Schreibaby zu sein. Das erleichtert Marga ihre verantwortungsvolle Tätigkeit sehr. Sie hat den kleinen Schatz wie auch seine beiden Geschwister in ihr Herz geschlossen. Das Zusammensein in der Familie gestaltet sich harmonisch und angenehm. Die beruflichen Rahmenbedingungen für das kommende Jahr sind klar definiert. Dennoch erweist sich Familie Liebermann als kulanter Arbeitgeber. Kleingeistigkeit kann man ihnen gewiss nicht unterstellen und auch kein überhebliches Gehabe rund um Unterschiede der einzelnen Gesellschaftsklassen. Familie Liebermann kennt ihre Stellung und behält dies umsichtig und weise für sich, ohne etwas verbissen zur Schau stellen zu müssen. Das kann man sicherlich nicht von allen Mitgliedern der Oberschicht behaupten. Marga fühlt sich im Hier und Jetzt angekommen und genießt den Moment.
Eine Geste besonderer Großzügigkeit besteht darin, dass den Kinderfrauen die Möglichkeit geboten wird, abwechselnd an den wöchentlichen Abendgesellschaften teilnehmen zu dürfen, was generell nicht üblich ist. Gemeinsames Dinieren und Trinken, philosophische, politische und theologische Gespräche in alle Himmelsrichtungen, Musizieren, Karten- und Gesellschaftsspiele, kleine Theaterstücke, Pantomime, ein paar sorgfältig ausgewählte Malereien, eine Bühne für die prächtige Haute-Couture-Mode der Damen. Für alle kulturellen Sinnesfreuden ist gesorgt.
Marga ist keine eingeschüchterte Persönlichkeit und nimmt gerne an diesen facettenreichen und schillernden Abenden teil, die sie zweifelsohne beeindrucken. Die Gespräche und Begegnungen bereichern und beschäftigen Marga zumeist. Sie weiß die zwischenmenschliche und soziale Freizügigkeit von Frau Liebermann zu schätzen. Und diese wiederum ist bei weitem menschenerfahren und gescheit genug, um zu realisieren, dass Marga noch von höheren und glorreicheren Zielen in ihrem Leben träumt als ein ewiges und dauerhaftes Dasein als fügsame Kinderfrau. Marga liebt das gute Leben nicht weniger als Anna Liebermann – und das ist schließlich kein Verbrechen. Die beiden mögen sich und haben aufrichtigen Respekt voreinander, ohne das Verhältnis zwischen Arbeitgeberin und Arbeitnehmerin grenzüberschreitend und somit unvorteilhaft auszuloten.
An einem lauwarmen Mittwochabend im Juni 1932 verleiht Marga ihrer zusammengesparten Abendgarderobe ihren letzten Schliff. Sie hat ein gutes Gespür für das gewisse Etwas und die wohl dosierte Prise lustvoller Schönheit – ohne aufdringlich oder gar ordinär zu wirken. Sie macht sich gespannt und voller Vorfreude auf den Weg, um den Hauptsalon des Hauses aufzusuchen. Ein Violin-Solist wird die heutige Abendgesellschaft musikalisch eröffnen. Margas Lieblingsinstrument ist die Violine. Kein Klang eines anderen Instruments berührt ihre Seele so tief und gefühlvoll.
Beim leisen und vorsichtigen Betreten des Hauptsalons fällt ihr sofort Gustav Löwenstein auf. Laut Klatsch und Tratsch ein sechsundvierzigjähriger ewiger Junggeselle und Lebemann, jüngster Sohn eines wohlhabenden Warenhausbetreibers und amtierender Professor an der Universität der Künste in Berlin. Ein auf den ersten Blick fast verhalten anmutender, wenn auch eleganter und aparter Mann mit stattlicher Figur und Vollbart. Erst beim genaueren Hinsehen und Hinhören erschließt sich die markante Attraktivität und Aura dieses Menschen. Sein Gespür für das weibliche Geschlecht beruht vielmehr auf seiner charmanten Höflichkeit, seinem schlagfertigen Humor, seinem hoch dekorierten Intellekt und Allgemeinwissen sowie einem entzückenden und fast unmerklichen Lispeln – garniert und umschmeichelt mit einem unwiderstehlich liebevollen Lächeln. Da schmelzen auch die Herzen der stolzesten Frauen aller gesellschaftlichen Stände willenlos dahin. Wäre er nicht solch ein sagenumwobener Filou, dann sicherlich eine lohnenswerte und interessante Partie.
Gustav Löwenstein hat Marga längst in seinem seitlichen Blickfeld entdeckt, während er sich mit Eleonore Silberthal - einer Grande Dame der feinen Gesellschaft rund um den Globus - unterhält. Sie ist eine große Bewunderin und Liebhaberin seiner Skulpturen. Gustav verliert für einen Moment den Gesprächsfaden, während er Marga beobachtet, wie sie etwas unbeholfen an einem bunt dekorierten Cocktail nippt. Marga ist sich Gustavs folgsamen Blicken sehr wohl bewusst. Dennoch kann sie ihre aufkeimende Nervosität souverän überspielen. Marga verlässt den großen Salon, um den Wintergarten aufzusuchen, wo sie Gerda vermutet. Eine der beiden anderen Kinderfrauen, mit der sie sich angefreundet hat. Gerda hat den gleichen schwarzen und feinsinnigen Humor wie Marga. Das hat schnell gegenseitige Sympathiepunkte erweckt. Marga blickt in den penibel gepflegten und endlos erscheinenden Gartenpark mit einer graziös angelegten Teichlandschaft. Das lädt an diesem schönen Sommerabend mehr denn je zum Träumen und sanften Dahinschwelgen ein. Fast unbemerkt nähert sich Gustav Marga von hinten und stellt sich ihr mit einem beschwingten wie forschen Tonfall vor. „Leider hatten wir beide bisher noch nicht das Vergnügen, ein paar Worte miteinander zu wechseln. Das würde ich gerne ändern, wenn sie erlauben. Ich bin Gustav Löwenstein, ein alter Freund des Hauses.“ Marga kontert mit einem schüchternen Lächeln.
Ein Jahr ist seit jener Anfangsbegegnung vergangen. Gustav und Marga pflegen seit wenigen Monaten eine innige Liebesliaison im Stillen und Verborgenen. Sie ist zu Gustavs Lieblingsmuse für seine Skulpturen avanciert. Marga befindet sich wie Gott sie schuf in einer allmählich unbequem werdenden und hockenden Pose … während Gustav konzentriert an seinem Grundentwurf arbeitet. Die sagenumwobene Venus und Margas schöner junger Frauenkörper verschmelzen vor Gustavs geistigem Auge ineinander – während er glücklich in sich hinein schmunzelt. Für Gustav ist nicht nur die körperliche Verschmelzung mit Marga ein Liebesakt, sondern auch die Modellsitzung in seinem Atelier. Gustav ist neben seiner Professur in jeder Faser seines Körpers ein freischaffender Künstler. Er wäre nicht fähig, etwas anderes mit seinem Leben anzufangen. Marga fühlt sich wohl in ihrer Rolle der inspirierenden Muse und empfindet dies zu keinem Zeitpunkt als verwerflich und unmoralisch. Sie ist stolz darauf, ein Teil von Gustavs Kunstschaffen zu sein und etwas für die Ewigkeit zu erhalten. Das hat etwas sehr Romantisches. Gustav und Marga schwelgen leichtfüßig in ihrer zärtlichen Verliebtheit. Über eine Zukunft jenseits dieser verträumten Augenblicke möchte keiner der beiden nachdenken.
Ein weiteres Jahr ist rasend schnell vorübergezogen. Marga sitzt an einem kleinen verschnörkelten Holztisch in Gustavs Atelier. Die Tränen laufen ihr unentwegt lautlos über das von Schmerz überzogene Gesicht. Gustav lehnt sich betreten und schweigend an eine Fensterbank. Eine offizielle Verbindung und Eheschließung mit einer Nicht-Jüdin würde seine Familie zu keinem Zeitpunkt ehrlichen Herzens akzeptieren können. Selbst eine Glaubenskonvertierung - zu welcher Marga nicht bereit ist - würde daran nichts ändern. Gustavs gläubige und eigensinnige Mutter, zu der er ein enges Verhältnis pflegt, würde ihm dies immer mit bitterem Schweigen und enttäuschten Blicken vorhalten. Lea Löwenstein ist durchaus eine warmherzige, aber dennoch verbissen sture Frau, wenn es um Religion, Tradition und Glaubenssätze geht. Den diversen verschwiegenen Kurzzeitaffären ihres Lieblingssohnes mit schönen jungen Damen jenseits aller Religionen und Gesellschaftsschichten im Laufe der Zeit hat sie keine Beachtung beigemessen und mit Kontenance darüber hinweggesehen. Ihr Gustav ist ein Lebemann und eingefleischter Künstler, der zu einem guten und gewissenhaften Ehemann in einer jüdischen Verbindung gleichen Standes heranreifen wird, wenn die Zeit dafür gekommen ist. In all den Jahren wollte sie von diesem Dogma nicht ablassen. Begehren und Leidenschaft werden nach Lea Löwensteins Ansinnen im Leben überschätzt und sind nicht die Grundbasis für eine gut funktionierende Ehe und eine gemeinsame Zukunft. Hier spielen andere Werte und Vorstellungen eine ausschlaggebende Rolle. Eine davon ist die für sie von Geburt an festgelegte und vorbestimmte Religion eines Menschen, die den unwiderruflichen Leitfaden darstellt. Die jüdische Tradition ist für Lea Löwenstein von höchstem Wert.
Marga träumt von einer eigenen Familie, einem schönen Haus und einem gemeinsamen guten Leben als „Wir“. Sie möchte auf Dauer nicht nur die verborgene Frau und Muse im Atelier sein. Oder nur an Orten mit gebührendem Abstand gemeinsam auftreten, die als unverfänglich und harmlos angesehen werden. Marga ist reflektiert und clever genug, um marternd zu realisieren, dass diese Liebe keine andere Zukunft hat. Dem gefährlich und bedenklich fortschreitenden Antisemitismus schenkt sie hierbei keine Bedeutung. Politik interessiert sie nicht. Die unterschiedlichen Strömungen kommen und gehen auch wieder. Das Verhängnis dieser unbedarften Einstellung wird sich ihr erst zu einem späteren Zeitpunkt im Leben offenbaren. Gustav trägt Liebe in seinem Herzen für seine wunderbare und unvergleichliche Marga. Dennoch kann er ihr nicht das Leben bieten, das sie sich für die Zukunft ersehnt. Er kann ihr nur die Freiheit und ein paar unvergessliche Erinnerungsmomente schenken, um ein neues Glück zu finden und ihre Träume Wirklichkeit werden zu lassen, auch wenn ihn dieser ungewollte Abschied sehr zermürbt. Gustav geht wortlos zu einer großen Truhe. Er holt eine der Skulpturen hervor, die er von Marga angefertigt hat. Er ist ihr dankbar für ihre unbefangene Schönheit beim Modellsitzen und die Stunden unbeschwerter Liebe, die ihn erfüllt und seelentief beglückt haben. Gustav umarmt die schluchzende Marga ein letztes Mal inniglich und küsst ihren Kopf, während auch er seine aufkommenden Tränen nicht mehr zu unterdrücken versucht. Mit einem alles sagenden Blick legt er ihr sein persönlichstes Abschiedsgeschenk in die kraftlosen Arme. Marga verlässt ein letztes Mal das ihr so vertraute Atelier.
Im Winter 1936 heiratet Marga einen aufstrebenden und ehrgeizigen Major der deutschen Wehrmacht – Dr. Friedrich Thiele. Beide sind sich bei einem Ausflug im Schwäbischen begegnet. Es war Zuneigung auf den ersten und Liebe auf den zweiten Blick. Der erste Mann, der Margas schwermütiges Herz wieder zum Lachen bringen konnte und sie mit Fröhlichkeit und Zuversicht erfüllt hat. Friedrich trägt deutsches National- und Pflichtbewusstsein in sich in preußischer und ehrenhafter Manier, gepaart mit einem großen Karrierebestreben. Ein glühender Nationalsozialist ist er nicht. Dem menschenverachtenden und zerstörerischen Rassenwahn seiner Parteigenossen entzieht er sich so gekonnt und unmerklich wie möglich. Er entwickelt sich geradezu zum Meister des Verdrängungs- und Ignoranz-Gebarens. Die dunkle Seite seiner Partei ist nicht die seinige, aber er toleriert sie in seinem Vorwärtsstreben, was ihm zum Mitschuldigen werden lässt.
Der Zweite Weltkrieg tobt in verbrecherischer Gnadenlosigkeit. Es ist Herbst 1942 und die Menschheit scheint endgültig zum Scheitern verurteilt zu sein. Marga lebt zwischenzeitlich in einer kleinen Villa an einem Waldrand in ihrer alten schwäbischen Heimat gemeinsam mit ihren beiden Söhnen und ihrem Ehemann. Für Marga scheint es ein privilegiertes Leben fernab der Wirklichkeit und des Krieges zu sein. Sie liebt die schönen Dinge des Lebens. Mit dem Grauen des Krieges, absurden Rassengesetzen und der Vernichtung von Menschenleben möchte sie nicht in Berührung kommen. Das ist ihr ganz und gar zuwider und befremdlich. Sie weiß damit nicht umzugehen und flüchtet in ihr kleines und sicheres Scheinreich, solange sie kann. Sie verweigert sich der düsteren Realität und dem damit einhergehenden Wahnsinn konsequent. Stattdessen widmet sie sich gesellschaftlich weitgehend zurückgezogen ganz der Erziehung ihrer beiden Kinder – zwei entzückende Augensterne, die sie bedingungslos und abgöttisch liebt. Fast beiläufig investiert sie noch absurde Energie in neue und schicke Modekreationen sowie eine wert- und kunstvolle Einrichtung. Die Erinnerung und das Gewissen lassen sich aber nicht überlisten und drängen immer öfter in ihren Kopf empor und quälen sie mit einer bohrenden Migräne, die kein Arzt in den Griff zu bekommen vermag. Marga hat sich seit dem Spätnachmittag in ihrem stilvoll eingerichteten Rückzugszimmer schlafen gelegt. Sie blickt auf die Skulptur Gustavs – einem fast unwirklichen Relikt aus einem anderen Leben. Niemandem hat sie jemals die doch so prägende Geschichte dieser Skulptur erzählt.
Friedrich ist kein Mann der vielen Fragen, deren Antworten er nicht hören möchte. Marga liebt Friedrich nicht weniger als damals Gustav, aber keine Liebe ist austauschbar und jede trägt ihre ureigene Schönheit, Besonderheit und ihren unvergleichlichen Schmerz in sich. Wenn man das wirklich verstanden hat, so kann die Eifersucht mit ihrer aufreibenden Macht ein wenig weichen.
Es ist lange her, dass Marga sich einen Gedanken voll Melancholie und einen Moment der Sehnsucht erlaubt hat. Wie ist es Gustav und Familie Liebermann wohl in diesen dunklen Zeiten ergangen. Der Kontakt hat vor acht Jahren geendet. Seither ist sie nur nach vorne geschritten – ohne einen Blick zurück. Nur so war es möglich, die Wehmut des damaligen Abschieds zu überstehen. Es herrscht absolute Stille im Haus. Nur das ungedämpfte Pochen ihres Schädels dringt zu Marga vor. Plötzlich öffnet sich vorsichtig die Tür. Ihr jüngerer Sohn Anton springt zur Récamière, auf der Marga ihren Gedanken nachgeht. Das Hausmädchen und ihr älterer Sohn Johann stehen im Türrahmen und warten bis Anton sich mit einem dicken Gute-Nacht-Kuss von seiner Mutter zur Nachtruhe liebevoll verabschiedet hat. Heute wird sie ihre Söhne nicht zu Bett bringen können.
Zur gleichen Zeit sitzt Gustav Löwenstein vor Kälte und Pein zusammengekauert in einer winzigen Ecke eines Viehwagons mit ca. achtzig weiteren verzweifelten und verängstigten Menschen. Den Gestank der ausgeschiedenen Exkremente und bereits verstorbenen Seelen nimmt er nur noch unmerklich war. Die Reise geht Richtung Osten ins Nirgendwo. Die Geschehnisse der letzten Zeit haben für Gustav noch immer etwas Unwirkliches. Der Zug dampft und rattert lautstark, unentwegt und atemlos Richtung millionenfacher Vernichtung. Gustavs Ende ist nicht mehr aufzuhalten. Der letzte Zeitpunkt zur Flucht ist längst verstrichen. Gustav kann kaum mehr klar denken vor apathischer Besinnungslosigkeit. Nur in einzelnen Momenten ziehen Bilder und Menschen seines Lebens vor seinem geistigen Auge vorbei und passieren ein letztes Mal Revue. Auch Erinnerungen an Marga mit all ihrer unbändigen Lebenslust und ihrem samtweichen Körper durchfließen noch einmal Gustavs Sinne. Es ist mitten in der Nacht, als Gustav das Tor der Hölle durchfährt und sein Todesurteil mit einer zügigen und selektiven Handbewegung an einer Eisenbahnrampe inmitten von tobsüchtigem und hasserfülltem Geschrei sowie verstörten Verzweiflungsrufen entschieden wird. Gustav wird mit einer willkürlichen Menschenmenge an Todesopfern zu den Gaskammern von Auschwitz getrieben, einem nicht vorstellbaren Sündenpfuhl der Weltgeschichte. Die perfide Todesmaschinerie läuft Tag und Nacht und lässt den nackten und wimmernden Menschen in all ihrem Elend kein Entkommen. Um 23: 28 Uhr endet Gustav Löwensteins Leben und entweicht durch einen grauen Schornstein.
Marga wacht ruckartig in der Dunkelheit auf. Ihr Herz rast und das Atmen fällt für einen stechenden Augenblick schwer. Die Unschuld ist für immer verloren.
Verlorene Herzen im virtuellen Dating-Marathon
Lieselotte – genannt Lotte, achtundzwanzig blutjunge Jahre alt, eine blonde Naturschönheit mit schwedischen und österreichischen Wurzeln, zahlreichen Sommersprossen und einer hinreißenden Zahnlücke, versucht gerade zum gefühlten hundertsten Mal ihren altersmüden Volvo, der ihr in der Vergangenheit einst gute Dienste geleistet hat, anspringen zu lassen. Hierfür nutzt sie abwechselnd tobsüchtige Kraftausdrücke, oder aber liebevollen Zuspruch, der einem fruchtlosen Monolog gleicht. Für eine angehende Investigativ-Journalistin scheint sich diese Schrottkarre als karrierevernichtend zu erweisen, aber die monetären Kapazitäten lassen derzeit keinen funktionstüchtigen Neuwagen zu. Die heutige Redaktionssitzung eines kleinen und variationsreichen Wochenmagazins für Liebhaber und Kenner wird sie mit einer Verspätung von ca. fünfundvierzig Minuten beiwohnen können. Also gut, es hilft alles nichts. Lotte bemüht in diesem Monat bereits zum achten Mal die Kölner Taxizentrale. Das bedeutet unterm Strich im Klartext, dass alle guten bis mittelprächtigen Kolumnen und Recherchen bis dahin bereits verteilt sein werden und ihr nur noch die inhaltliche Resterampe verbleibt, die ihr der Redaktionsleiter Cornelius Schlaumeier mit einem doppeldeutigen und tugendhaften Kommentar zum Thema Pünktlichkeit übertragen wird. Lottes Laune befindet sich bereits jetzt knapp unter dem Gefrierpunkt lustloser Demotivation.
Lotte betritt leicht atemlos und errötet die Redaktionssitzung, die sich bereits in den erheiterten Endzügen befindet. Ihre fünf Kollegen begrüßen sie mit einem freudigen und zufriedenen Lachen. Cornelius Schlaumeier setzt Lotte auch fix und umgehend darüber in Kenntnis, wie die Themen der ersten Ausgabe des Folgemonats verteilt wurden.
Walburga Wirbelwind wird eine rasante wie informative Kurzreportage über eine bekannte Rennstrecke in Holland recherchieren und verfassen. Die PS-trächtigen Zeilen werden von Privatpersonen mit Hang zum Bleifuß und quietschenden Autoreifen handeln, die sich in ihrer überschüssigen Freizeit mit Höchstgeschwindigkeit austoben können und die Formel Eins gegen Vorkasse nachahmen. Für diesen Zweck steht ein Deluxe-Fuhrpark zur Verfügung, der keine PS-Wünsche offen lässt. Walburga hätte es schlimmer treffen können. Daraus lässt sich etwas machen, wenn man den eskalierenden Klimawandel für einen ignoranten Moment beiseiteschiebt.
Rudi Schlitzohr hat sich gleich zu Beginn der Sitzung mit seinem unwiderstehlichen Charme das Kulinarik-Special samt Weinreise in der Toskana an Land gezogen. Ein bisschen Arbeit und noch mehr „Dolce Vita“ und „Amore“. Man kann nur mutmaßen wie vielen jungen und schönen Signorinas unser Don Giovanni mit seinen dunkel funkelnden Augen das Blaue vom italienischen Himmelszelt erzählen wird, um ein paar süße Stunden nebst Recherchearbeit zu verbringen. Es sei unserem Super-Rudi vergönnt. Er ist ein hilfsbereiter, kompetenter, gewiefter und furchtbar lustiger Kollege, dem man nur selten etwas abschlagen kann. Da drückt man auch mal ein feministisch orientiertes Auge zu. Ja, Rudi Schlitzohr weiß, wie’s läuft. Er könnte alternativ auch ein Handbuch darüber verfassen, wie man die Damen dieser Welt in fast allen Lebenslagen dahinschmelzen lässt wie Gelato in der heißen Sommersonne.
Giselle Glanzlicht – hier hält der Name, was er verspricht. Mit vierundzwanzig Jahren die jüngste im Redaktionsteam. Giselle rutscht regelrecht aufgedreht vor Betätigungsdrang auf ihrem Stuhl hin und her. Ihr wurde die ehrenvolle und heiß begehrte wie anvisierte Aufgabe übertragen, einen Artikel über zwei neue aufgehende Sterne am Influencer-Universum eines trendigen Videoportals zu erstellen. Oh, man kann sich sicher sein, dass unsere Giselle alles Menschenmögliche an Oberflächlichkeit aus diesem Beitrag herausholen wird. Zwei Teenager-Fräuleins aus der Next Generation der Influencerinnen werden mit strahlend weißen Zähnen und einem süßlichen Lächeln auf den Lippen Giselle und die Menschheit per Kettenreaktion darüber aufklären, welchen Concealer die moderne Frau von heute am besten benutzt, während sie sich die Fußnägel schneidet. Oder welche von Hand marmorierten und parfümierten Papiertaschentücher das neuste Must-Have für die ladylike Nasensäuberung darstellen, wenn die Rotznase läuft und man dennoch hip sein möchte. Es wird ein sinnbefreites und überteuertes Designer-Produkt nach dem anderen mit heller und maximaler Begeisterung angepriesen und beworben, als ob diese problemlos in Konkurrenz mit einem Krebs- und Ebola-Allheilmittel gehen könnten. Die lückenlos geplanten Beauty-Eingriffe der verkaufstüchtigen Teenager-Girls in der nahen Zukunft wollen schließlich solide finanziert sein. Es besteht ein hauchzarter Zweifel, ob Giselles Starkolumne tatsächlich ins Rennen um den Pulitzer Preis gehen wird.
Harald Tausendsassa – ein brillantes Journalistenurgestein der alten Schule. Das trifft Lotte hart. Er bekommt die großangelegte Reportage samt mehrfacher Auslandseinsätze über verpackungsfreie Läden im Bundesgebiet, neue Konzepte für die Mülltrennung und innovative Projekte zur Meeressäuberung. Als wäre das nicht genug, wird ihm nebenbei auch noch die Ehre zuteil, für die Feuilletonabteilung einen Interviewbeitrag mit einem Country-Sänger zu führen, für dessen Musik Lotte seit geraumer Zeit glühend brennt.
