Bittersüßes Leben - Hans-Wilhelm Meyer - E-Book

Bittersüßes Leben E-Book

Hans-Wilhelm Meyer

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Beschreibung

Der Roman spielt im Jahr 2006. Er umfasst drei Teile. Teil eins hat im Wesentlichen den G8-Gipfel im Juni zum Inhalt. Parallel entwickelt sich eine Kriminalgeschichte. Die Protagonisten Clara, Paul und Andreas sind vom Alter her etwa 10 Jahre jünger als die 68er Generation. Sie sind Mitte der 70er Jahre politisiert worden und wurden geprägt durch das Scheitern der 68er Bewegung in dieser Zeit. Ende der 70er Jahre haben sie zusammen in einer Wohngemeinschaft gelebt. Sie zogen unterschiedliche Konsequenzen aus diesen Erfahrungen. 2006 haben sie immer noch oder wieder Kontakt zueinander. Clara lebt mit Andreas zusammen und hat eine Tochter, die zu den Demos gegen den G8-Gipfel nach Rostock fährt. Robert Glowacki ist Hauptkommissar bei der Berlin Mordkommission. Diese Figur wird im Laufe des ersten Teils entwickelt. Er ist ca. 10 Jahre jünger als die o. g. Personen und kennt sie vom Tangotanzen. Er ist unzufrieden mit seiner Lebenssituation. Weitere Erzählstränge behandeln das Thema Integration, sowie den Tod der Mutter von Daniel, dem Liebhaber von Clara. Paul ist in eine türkische Frau verliebt, die in einem Café arbeitet und sich in einem Verein zur Unterstützung von Migrantinnen engagiert, indem auch die Lebensgefährtin von Daniel arbeitet. Eine Rolle in der Kriminalgeschichte spielen zwei türkische junge Männer ohne Schulabschluss, denen die Integration misslungen ist. Alle Personen sind miteinander verbunden und leben in Kreuzkölln (Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln). HWMeyer

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Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Hans-Wilhelm Meyer

Bittersüßes Leben

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Erster Teil

Zweiter Teil

Dritter Teil

Impressum neobooks

Erster Teil

Aus der Nacht der Bewusstlosigkeit zum Leben erwacht findet der Wille sich als Individuum, in einer end- und gränzenlosen Welt, unter zahllosen Individuen, alle strebend, leidend, irrend; und wie durch einen bangen Traum eilt er zurück zur alten Bewusstlosigkeit.

Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. DB Sonderband: Meisterwerke deutscher Dichter und Denker, S. 44450

Paul schreckt hoch, das Telefon klingelt. Er schaut auf die Uhr. Zwölf! Er hat schon wieder zu lange gepennt, eigentlich wollte er um elf aufstehen. Er hat Kopfschmerzen, die Flasche Wein, die er in der Nacht alleine austrank war wohl zu viel.

Das Telefon klingelt immer noch, Paul stemmt sich aus dem Bett, in eine Sitzposition, schlüpft in seine Latschen, atmet aus und ein, dann steht er auf, geht ins andere Zimmer, hebt den Telefonhörer ab.

„Hallo“

„Hallo Paul, hast du noch geschlafen?“

„Guten Morgen Clara, gut dass du anrufst, wer weiß wie lange ich sonst noch im Bett gelegen hätte, eigentlich müsste ich schon längst am Schreibtisch sitzen, was gibt es Neues?“

„Einiges. Was machst du heute Nachmittag? Ich habe heute frei und wenn du willst können wir uns mal wieder auf einen Kaffee treffen, um mal wieder etwas länger miteinander zu reden.“

„Heute Nachmittag? Da müsste ich mal nachdenken. Was heißt für dich Nachmittag?“

„So gegen fünf Uhr.“

„Ja, da habe ich Zeit. Was hältst du vom Kranich? Da wollte ich heute sowieso hin.“

„Etwa immer noch wegen der Frau, die dort arbeitet?“

„Na ja, sie ist eben meine heimliche Liebe“.

„O.k. treffen wir uns dort um fünf Uhr, abgemacht?“

„Ja, bis dann.“

„Warte, ich wollte dich noch um einen Gefallen bitten, kannst du mal bei Daniel anrufen? Ich versuche schon seit Tagen, ihn zu erreichen, ein Handy hat er nicht, und im Festnetz ist nur die automatische Durchsage zu hören: Dieser Anschluss ist vorübergehend nicht zu erreichen, versuchen sie es später noch einmal oder so ähnlich. Wir waren am Samstag verabredet, er ist nicht gekommen und hat sich auch nicht gemeldet. Er ist sonst immer zuverlässig, ich mache mir langsam Sorgen.“

„Und warum soll ich dann anrufen? Ich habe seine Nummer gar nicht.“

„Die Nummer gebe ich dir, ich will da nicht noch mal anrufen, weil seine Freundin in letzter Zeit misstrauisch geworden ist, ich will die Beziehung der Beiden nicht gefährden. Es passt nicht zu ihm, dass er Verabredungen nicht einhält und auch nicht absagt, da stimmt irgendetwas nicht.“

„Vielleicht musste er dringend verreisen. Was soll ich denn sagen, wenn jemand ans Telefon geht?“

„Wenn er verreist wäre, hätte er es mir gesagt, frag nach Daniel, wenn sie rangeht, vielleicht ist ihm ja etwas passiert.“

„Also ich würde da noch etwas abwarten, was soll denn passiert sein? Aber ich kann ja mal anrufen. Ich habe doch seine Nummer, ist mir gerade eingefallen. Er hat sie mir mal gegeben, als wir über Drogen gesprochen haben. Er hat da wohl irgendwelche Insiderinformationen und wollte mir für einen Artikel Material besorgen. Ich bin dem Thema dann aber nicht weiter nachgegangen. Wenn er rangeht, sage ich ihm, er möchte sich bei dir melden. Einverstanden?“

„Ja, dir fällt schon was ein“

„Dann bis nachher, im Kranich, ich freue mich, da können wir dann weiterreden.“

„ O.k., bis dann, ciao.“

„Ciao“.

Sein erster Impuls ist, wieder ins Bett zu kriechen, dann aber geht er ins Bad.

Paul Suwe ist 51 Jahre alt, Politologe, ohne feste Arbeit, ab und zu mal einen Job, oft durch Kontakte, die schon seit Jahren bestehen, das Geld ist immer knapp. Er lebt allein. Früher wohnte er meistens in Wohngemeinschaften, auch mal drei Jahre mit Clara, ihrem jetzigen Lebenspartner Andreas, mit Peter, dem Vater von ihrem Kind und zwei anderen Frauen. Abgesehen von Clara, wechselten die Frauen in der WG öfters. Mit einigen war er zusammen, aber eine dauerhafte Beziehung hat sich nicht ergeben. Seit 10 Jahren lebt er jetzt allein.

Nachdem er sich eine Kanne Tee gekocht hat, setzt er sich an den Tisch in der Küche, überlegt, was heute zu tun ist. Zunächst will er frühstücken gehen, da er mal wieder vergessen hat, Brot einzukaufen, am besten ins Café Wunderbar, dort kann er auch die aktuellen Tageszeitungen lesen.

Dann muss er sich dringend um seine Finanzen kümmern. Einen Artikel für eine Zeitung, der fast fertig ist, zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen, sollte er heute noch rausschicken, vielleicht wird er ja noch in der Samstagsausgabe veröffentlicht. Außerdem muss er bei einer anderen Zeitung, für die er ab und zu schreibt, anrufen. Da steht noch eine Zahlung für den letzten Artikel aus, damit könnte er seine Miete für den nächsten Monat bezahlen.

Der G8-Gipfel in Heiligendamm steht vor der Tür, auch im nächsten Monat. Vielleicht findet er auch noch einen Abnehmer für eine aktuelle Darstellung der auf dem Gipfel zu behandelnden Themen und zu den zu erwartenden Protesten. Obwohl er sich da keine großen Hoffnungen macht. Leider ist es ihm nicht gelungen, einen Presseausweis zu bekommen und damit in Heiligendamm Zugang zum eigens eingerichteten Pressezentrum zu erhalten. Er überlegt, ob er trotzdem hinfahren sollte. Am 2. Juni findet eine Großdemonstration in Rostock statt. Bis dahin sind es noch ein paar Wochen, heute ist erst der 8. Mai. Der 8. Mai, da war doch was? Klar, Ende des 2. Weltkrieges, Ende der Diktatur, leider nicht das Ende der Nazis.

Dann müsste er auch mal wieder bei dem Sozialforschungsinstitut, für das er schon einige Male gearbeitet hat, vorbeischauen, vielleicht haben sie mal wieder etwas zu tun.

Er nimmt sich vor, ab morgen wieder etwas früher aus den Federn zu kommen. Er sollte seine Kontakte pflegen, um nicht wieder Arbeitslosengeld beantragen zu müssen.

Bevor er aus dem Haus geht, ruft er bei Daniel an. „Dieser Anschluss ist vorübergehend nicht zu erreichen, versuchen sie es später noch mal“, meldet sich gleich eine Computerstimme.

Um Punkt fünf sitzt er an einem Tisch vorm Kranich, hat gerade ein großes Alster bei Ayla bestellt. Er schaut den Vorbeigehenden nach, die Sonne scheint. Ein Spatz landet auf dem Tisch, piept seinen Spatzengesang, reckt den Kopf in alle Richtungen und hebt wieder ab. Es ist ein herrlicher Nachmittag, eigentlich viel zu warm für diese Jahreszeit, fast wie im Hochsommer. Die Menschen genießen diesen vorzeitigen Sommer. Dann sieht er Clara, aus der Zossener um die Ecke biegen und auf ihn zukommen.

„Hallo, du bist schon da, wartest du schon lange?“

„Nein, kein Problem, es ist herrlich hier in der Sonne zu sitzen und den Leuten nachzuschauen.“

„Vor allem den Frauen, vermute ich mal.“

„Klar, warum nicht, Frauenschönheit fasziniert mich immer noch.“

Ayla kommt mit dem großen Alster, stellt es auf dem Tisch, lächelt wie meistens, schaut Paul an, schaut Clara an.

„Weißt du schon, was du möchtest?“

„Ich nehme eine Weißweinschorle.“

„Bring ich dir.“

Sie dreht sich weg, schaut zu den anderen Tischen, wird zu einem gewunken. Für Paul ist sie wunderschön, er sieht ihr nach, am liebsten schaut er ihr in die Augen. Sie zwinkert ihm oft zu, wenn sie in seine Nähe kommt. Er lächelt dann zurück.

„Na hol dich mal wieder ein, da merkt ja ein Blinder mit dem Krückstock, dass du auf die Frau abfährst. Warum sprichst du sie nicht mal an?“

„Ich habe sie angesprochen, aber das ist auch schon wieder 3 Jahre her. Damals habe ich sie gefragt, ob sie sich mal mit mir verabredet. Sie sagte, sie habe einen Freund, der das bestimmt nicht gerne sehen würde. Trotzdem bin ich zum Bezahlen ins Café gegangen, um ihr noch zu sagen, dass ich sie als einen sehr sympathischen Menschen wahrnehme und dass sie für mich eine wunderschöne Frau ist. Sie lächelte und bedankte sich bei mir. Ich wusste damals nicht, ob sie sich für meine Worte bedankte oder für das Trinkgeld, dass ich ihr gab. Ich war, als ich die Worte sagte und auch noch einen Moment später, wie in einem Tunnel und ziemlich aufgeregt. Erst als ich draußen darüber nachdachte, wurde mir richtig bewusst, wie sehr mir diese Frau gefällt.

Aber dann habe ich sie mal mit ihrem Freund am Paul-Linke-Ufer gesehen, ein junger gutaussehender Typ. Da war mir klar, dass ich alter Sack keine Chancen mehr habe. Mir bleibt nur die kleine Freude, dieser wunderbaren Frau ab und zu mal zu begegnen und ein Lächeln von ihr zu erhaschen. Das empfinde ich nicht nur als professionell, also beruflich motiviert, ich glaube sie mag mich auch.“

„Ich glaube eher, du willst dich nicht wirklich einlassen, ich kenne dich schließlich ganz gut.“

„Vielleicht will ich mich nicht einlassen, weil ich keine wirkliche Möglichkeit sehe. Nach dem Maßstab dieser Gesellschaft bin ich ein Nichts, ein Aussteiger. Natürlich habe ich Lust mit dieser Frau ins Bett zu gehen, aber das ist nicht mehr ganz so wichtig wie früher. Das ist eine Folge des Alters, es macht gelassener, ich komme auch alleine sehr gut klar. Sie ist noch jung, ich schätze sie so auf die 35 Jahre und wahrscheinlich ist sie gerade in dem Alter, wo sie endlich Kinder will, bevor die Zeit dafür abläuft.“

„Aber das sind doch alles Spekulationen, vielleicht hat sie ihre Kinder schon, ist jenseits davon und sucht jemand mit dem man alt werden kann, obwohl ich Tanja auch in dem Alter bekommen habe.“

Sie senkt ihre Stimme, Ayla bringt die Weißweinschorle, stellt sie vor Clara, sie schaut Paul an und lächelt, geht dann.

„Jemanden zum Altwerden und weil man nicht alleine bleiben will, sucht man in unserem Alter. Du hast dich doch auch gleich nach der Trennung von Peter wieder Andreas zugewendet. Du bist doch mit ihm zusammen, weil du nicht allein sein kannst und hast dann noch, nebenbei, deine Sachen mit jüngeren Männer laufen, wie mit Daniel.“

„Das ist keine Frage des Alters, ich habe immer jemanden gehabt mit dem ich zusammen sein konnte, darüber will ich jetzt nicht mit dir reden, du bist da doch manchmal ziemlich verbohrt. Und was Andreas betrifft, da weißt du ganz genau, dass uns sehr viel verbindet. Aber ich will auf jeden Fall nicht allein sein, das ist schon richtig.“

„Für mich ist das nur Unehrlichkeit, diese Heimlichtuerei. Andreas war schon damals sehr empfindlich und geht vielleicht davon aus, dass du im Alter ruhiger geworden bist. Gut der Daniel hat dir geschmeichelt, dein Ego gekitzelt.“

„Jetzt fängst du aber an, Mist zu labbern, außerdem ist das meine Sache.“

„Gut, ich will mich nicht mit dir streiten, ich habe übrigens bei Daniel angerufen, da meldet sich nur eine Computerstimme, wie du erzählt hast.“

„Ich war vorhin bei seiner Wohnung und habe geklingelt, die Frau hat sich gemeldet. Ich habe so getan, als wäre ich von der Post. Sie ist also zu Hause, das mit dem Telefon verstehe ich nicht, da muss etwas passiert sein, ich mache mir echt Sorgen.“

„Was kann denn passiert sein?“

„Keine Ahnung das ist ja das Schlimme, ich weiß nicht, ein Unfall vielleicht, ich glaube, ich werde mal die Krankenhäuser anrufen.“

„Vielleicht musste er kurzfristig verreisen und hatte keine Zeit mehr, sich bei dir zu melden?“

„Das hätte er auf jeden Fall getan, nein es gibt nur einen Grund, er konnte sich nicht bei mir melden.“

„Na, da können wir hin und her spekulieren. Hat er irgendetwas mit Drogen zu tun? Damals als ich den Artikel über den Drogendeal in der Hasenheide schreiben wollte, hatte ich den Eindruck, als ob er Insiderinformationen hätte.“

„Er hat mal erwähnt, dass er Ärger mit den Dealern dort hat, die da rumhängen, weil er in der Nähe wohnt und es ihn stört, dauernd von ihnen angequatscht zu werden. In seinem Haus wohnt wohl auch einer, den er schon eine ganze Weile beobachtet.“

„Was weißt du von ihm eigentlich wirklich? Wie lange kennst du ihn?“ „Seit etwa drei Monaten, ich weiß allerdings nicht viel über seine Vergangenheit, nur, dass er mit einer Frau zusammen lebt, er ist eigentlich Fotograf, aber arbeitslos. Im letzten Jahr hatte er vom Arbeitsamt eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in einem Jugendzentrum in Neukölln. Sonst reden wir nicht viel über uns, wir gehen tanzen und amüsieren uns. Er ist ein sehr charmanter Typ. Es bringt Spaß, mit ihm zusammen zu sein.“

„Mir ist er auch sympathisch, vielleicht sollten wir uns mal wieder treffen, wenn sich die Sache hier aufgeklärt hat. Ich denke, das dürfte nicht lange auf sich warten lassen.“

„Ich habe dich ja immer gefragt ob du mit zum Tanzen kommst, ich freue mich immer wenn du dabei bist.“

„Wollen wir noch eine Runde bestellen, Ayla kommt gerade?“

„Was sagt die Uhr, gleich sechs ja, eine geht noch, um acht bin ich mit Tanja verabredet.“

Sie bestellen noch mal das Gleiche. Paul schaut Ayla in die Augen und fühlt sich gut.

„Wie geht es Tanja eigentlich, ich habe sie lange nicht mehr gesehen?“ „Sie hat einen neuen Freund und zurzeit ist sie ziemlich aktiv bei attac wegen dem G8-Gipfel. Ich glaube, es geht ihr gut. Sie hat alles, einen Freund, einen Studienplatz, eine eigene Wohnung, die ihr Vater ihr gekauft hat. Allerdings mache ich mir etwas Sorgen. Sie will mit einer großen Gruppe nach Rostock zur Demo.“

„Ich überlege, ob ich auch hinfahre und vor Ort recherchiere. Ich bräuchte nur noch einen Fotografen. Ich habe noch nicht mal eine Kamera. Vielleicht sollte ich mir so eine moderne Digitalkamera kaufen, allerdings muss man da schon ganz dicht am Geschehen sein, um Bilder zu bekommen, die sich auch gut in einem Artikel machen.“

„Daniel hat eine prima Fotoausrüstung, er fotografiert viel. In den 80er Jahren hat er auf Demos gegen die Räumung von besetzten Häusern eine Menge Bilder geschossen.“

„Vielleicht sollte ich ihn mal fragen, ob er mit mir nach Rostock fährt.“ „Aber erst mal müssen wir ihn finden.“

„Was Tanja betrifft, denke ich, dass sie das richtig macht. Der beste Schutz vor Übergriffen der Polizei ist eine große Gruppe. Ich finde ihre Aktivitäten bei attac gut. Was attac für die heutige Jugend, im Kampf gegen die sogenannte Globalisierung, ist, war für uns damals der Kampf gegen Imperialismus und Atomkraft. Obwohl Globalisierung nichts Neues ist. Es hat sie immer gegeben. Der Widerstand richtet sich gegen eine Weltordnung, die von den Interessen des Kapitals, vor allem des Finanzkapitals, bestimmt wird, in der sich alles dem Profit unterordnet. Auch bei uns werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer.“

Ayla bringt die Getränke. Paul schaut zu ihr hoch.

„Heute hast du ja einiges zu tun, bedienst du hier draußen alleine?“

„Um sechs fängt noch eine Kollegin an, ab dann wird es hier richtig voll, da haben wir zu zweit kaum Zeit zum Luftholen. Bei dem schönen Wetter, wird es wohl bis in die späten Abendstunden viel zu tun geben.“ „Du machst den Job hier ja schon einige Jahre und ich finde du machst ihn richtig gut.“

„Danke, ich verdiene mein Geld damit und heutzutage muss man schon gut sein, die Konkurrenz ist groß. Dich sieht man ja leider nur im Sommer im Winter lässt du dich hier ja nicht blicken.“

„Im Winter kann man nicht draußen sitzen.“

„Wir haben auch ein gutes Restaurant, ich muss weitermachen.“

Sie wird von einem anderen Tisch gerufen, lächelt Paul noch mal zu und widmet sich den anderen Gästen.

„Ich glaube, die Frau mag dich wirklich, vielleicht solltest du mal etwas offensiver werden.“

„Das Thema hatten wir doch schon, sie ist immer freundlich, das gehört zu ihrer Arbeit, und da kann ich sie nicht noch mal fragen, ob sie sich mal mit mir verabreden will.“

„Vielleicht hast du Recht, es ist schön, hier zu sitzen, beim Thailänder nebenan, ist auch alles besetzt, vielleicht sollten wir da mal zum Essen gehen!“

„Vielleicht sollten wir im Winter mal hier was essen, am liebsten wenn Ayla da ist.“

„Hör auf mit dem Winter, ich bin froh, dass es nun endlich wieder Sommer wird. Ich denke nicht schon an den nächsten Winter, aber ich merke, dich beschäftigt diese Frau.“

„Ich habe übrigens vorgestern eine türkische Hochzeit bei uns im Haus miterlebt. Nicht selten sieht und hört man ja, eine türkische Hochzeitsgesellschaft lärmend im Autokorso durch die Straßen fahren. Das Brautpaar kam aus dem Haus, in dem ich wohne. Die Autokarawane fuhr unter lautem Gehupe vor, der Brautwagen geschmückt, eine Drei-Mann-Kapelle mit einem Trommler und zwei Flötenspielern, wie sie im Nahen Osten anzutreffen sind, weißt du?“

„Ja, ich habe so etwas auch schon mal gesehen.“

„Jedenfalls spielte die Truppe lautstark auf und die Hochzeitgesellschaft, die Frauen in schicken Kleidern, die Männer meistens im Anzug, aber nicht alle mit einem Schlips, standen auf dem Bürgersteig, um die Musiker herum. Dann ist die Kapelle ins Haus gegangen, bis in den ersten Stock, wo die türkische Brautfamilie wohnt. Die Musik dröhnte im Hausflur. Da haben sie dann mindestens 15 Minuten lautstark aufgespielt, bis sie mit dem Brautpaar wieder herauskamen. Das Paar wurde zum besonders geschmückten Auto geführt, die Anderen stiegen auch in die wartenden Autos und unter lautstarkem Gehupe ging die Fahrt los. Wie mir mein türkischer Nachbar erzählte, der auch aus dem Fenster schaute, fuhren sie in ein Restaurant, wo dann groß gegessen und gefeiert wird. Ich habe ihn gefragt, ob das Brautpaar in der Moschee getraut wird, wie bei uns in der Kirche. Die Frage konnte er mir aber nicht beantworten oder er hat mich nicht verstanden.“

„Bei uns ist das Heiraten ja auch wieder in, sogar kirchlich, mit schickem Brautkleid und am besten noch eine Hochzeitskutsche. Wenn ich bedenke, wie out so etwas in unserer Generation war.“

„Ja die 68er Bewegung hat zwar viele Veränderungen mit sich gebracht, die damals fast revolutionär waren und heute akzeptiert sind, aber andere Ideen, wie die sogenannte „freie Liebe“, die du ja immer noch zu praktizieren versuchst, funktionieren nicht. Genau wie früher wird heimlich betrogen, die Beziehungen zwischen Mann und Frau enden oft in Grabenkämpfen. Die Zweierbeziehung ist wieder ein Hort der Eifersucht und des Wandels von sogenannter Liebe in Hass geworden.“

„Soll das mit dem heimlichen Betrügen jetzt wieder eine Anspielung auf meine Beziehung zu Daniel sein?“

„Nein das war jetzt nur eine allgemeine Feststellung.“

„Na dann hast du recht. Was die jungen Menschen betrifft, befinden die sich, wie wir früher, auch in einem Gefühlschaos, bevor sie ihren Weg finden. Treue wird groß geschrieben. Ich bin der Meinung, man kann mehreren Menschen treu sein.

Treue beinhaltet ja auch Zuverlässigkeit und Schutz, man gehört zu jemanden oder zu einer Gruppe, ist nicht allein, da hängt soviel mit zusammen, das ganze Selbstwertgefühl einer Person, das ganze Ich.“

„Na, jetzt wirst du ja philosophisch, jedenfalls ist diese Haltung der heutigen Jugend ganz gewaltig von den Medien bestimmt. Wenn ich an diese Vorabendsendungen im Fernsehen denke, an denen viele Jugendliche hängen, wie Junkies an der Nadel, dann wird mir doch etwas übel. Es geht vor allem um Treue in der Partnerschaft, die natürlich meistens nicht funktioniert, weil sie nur auf eine Person fixiert ist und von dieser Person zu viel erwartet wird. Das wird aber nicht reflektiert. Alles bleibt oberflächlich und banal.“

„Ja, du hast ja Recht, aber ich muss jetzt langsam, lass uns mal zahlen.“

Sie schauen nach Ayla, die Sonne ist hinter den Häusern verschwunden, es ist etwas kühler geworden.

Ayla kommt an den Tisch.

“Ihr wollt zahlen? Geht das zusammen?“

„Ja, ich lade dich ein“, kommt´s von Clara.

„Zusammen 12,20 Euro.“

„13,--„

„Danke, ich wünsche euch noch einen schönen Abend.“

„Ich wünsche dir einen schönen Feierabend, tschüs.“

„Danke, mach´s gut Paul“

„Ciao“.

Die Beiden gehen die Zossener hoch, in Richtung U-Bahn. Clara hat ihr Auto gleich um die Ecke geparkt, Pauls Fahrrad steht am Eingang zur U-Bahn.

„Danke für die Einladung, grüß Tanja von mir und falls du was von Daniel hörst, ruf mich an.“

„Und du melde dich auch mal, vielleicht hast du ja Lust mal wieder tanzen zu gehen.“

„Vielleicht, tschüs.“

„Ciao“.

Paul geht weiter in Richtung Gneisenaustraße, denkt über Ayla nach.

Ihm ist klar, dass er damit eigentlich aufhören sollte, aber in letzter Zeit klammert sich sein Gefühl an Hoffnungen und Illusionen. Er ist schon viel zu lange allein. Auch wenn er sich nicht einsam fühlt, fehlt ihm etwas. Eigentlich, kann er gar nicht genau sagen, was das ist. Es ist so eine traurige Leere, die er manchmal verspürt, so eine Hoffnungslosigkeit, dass sich daran jemals etwas ändern könnte. Manchmal, wenn er alleine ist, nimmt er dieses Gefühl deutlich wahr. Auch als er noch mit Clara Tango getanzt hat, spürte er es. Zwar fand er die Berliner Tangoszene zum Abgewöhnen, sie besteht zum großen Teil aus gutsituierten Menschen, die einem neuen Trend folgen. Es kam ihm vor, wie ein Ausverkauf der ursprünglichen Gefühlstiefe, die für ihn durch die Tango-Musik ausgedrückt wurde. Sie handelt vom Scheitern, vom Verlust, der nicht zu vermeiden ist, von Trennung, von Sehnsucht, die sich, wenn der Verstand schweigt, vielleicht in einem Tanz auflöst. Es gab Momente, da spürte er diese Tiefe, in der Musik und im Tanz, aber das passierte eher selten. Zu oft war der Tanz nur eine Aneinanderreihung von gelernten Schritten, ohne jegliche gemeinsame Harmonie. Aber vielleicht sollte er es mal wieder probieren.

„Du Scheiß-Typ, was hast du dir dabei gedacht? Dass ich das einfach so akzeptiere?“

Daniel schaut etwas schuldbewusst in Richtung seiner Freundin, die drauf und dran ist noch irgendetwas zu zerdeppern.

„Nun beruhige dich, ich hab doch gesagt, dass du mir am wichtigsten bist und wenn du willst, gehe ich erst mal nicht mehr zum Tanzen.“

„Ach ja, du pennst mit der erstbesten Frau, die du kennen lernst. Meinst du, dass ich da noch Vertrauen zu dir habe? Wie lange geht das schon so?“

Rodica Schmith, 41 Jahre alt, lebt seit 15 Jahren zusammen mit dem fünf Jahre älteren Daniel Kofahl. Sie zittert vor Wut und Enttäuschung. Sie hat ihrem Daniel vertraut. Sie gehen schon seit einiger Zeit an den Samstagen eigene Wege. Sie spielt regelmäßig Handball in einer Neuköllner Mannschaft und nach dem Spiel, das meistens am Spätnachmittag stattfindet, sitzen sie noch bis zum späten Abend zusammen und feiern, egal, ob es einen Sieg oder eine Niederlage gab. Sie bilden eine Gruppe von 12 Frauen aus verschiedenen Nationen, zwischen 25 und 43 Jahren, hinzu kommen der Trainer, der schon seit 20 Jahren die Frauenmannschaft des Clubs betreut, seine beiden Assistenten und einige Fans.

Vor den letzten beiden Spielen dieser Saison stehen sie in der Tabelle zwei Punkte hinter einem Aufstiegsplatz. Rodica ist engagiert, sie spielt im rechten Rückraum, aber in letzter Zeit ist sie nicht mehr ganz so bei der Sache. Seitdem ihr Daniel eigene Wege geht, fühlt sie, dass irgendwas falsch läuft. Sie war froh, als Daniel ihr vor einem Jahr erzählte, dass er Argentinischen Tango lernen will. Seine vorwurfsvollen Blicke an manchen Samstagen, wenn sie ihre Tasche packte, vermittelten ihr das Gefühl, irgendwie schuldig zu sein. Seither geht er regelmäßig tanzen, unter der Woche den einen oder anderen Kurs und am Samstag ins Ballhaus Rixdorf, zum „Schwofen“, wie er es nennt, um sie ein wenig zu ärgern. Sie fand das zunächst prima, aber mit der Zeit spürte sie, dass sie sich voneinander entfernten. Sie hat diese Gefühle zunächst beiseitegeschoben. Außerdem hat sie zurzeit mal wieder einen Job von der Agentur für Arbeit, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, bei dem Verein „Menschen mit Migrationshintergrund e. V.“, der eine Anlaufstelle für ausländische Frauen und Mädchen eingerichtet hat. Eine Arbeit, die ihr liegt. Sie selbst hat auch einen Migrationshintergrund, sie kommt aus Bozen, hat die italienische Staatsbürgerschaft. Als Südtirolerin beherrscht sie die deutsche Sprache von Kind an. Ihre Familie gehört zu dem Teil Südtirols, der schon immer Deutsch sprach. Sie lebt seit 20 Jahre in Berlin und fühlt sich eigentlich nicht als Ausländerin. Aber die Tatsache, dass sie Italienerin ist und dass sie Erfahrungen mit Migranten besitzt, in ihrem letzten Job hat sie türkischen und arabischen Migrantenkindern bei den Schularbeiten geholfen, hat ihr diese, für ein Jahr befristete Stelle, bei dem Verein eingebracht. Außerdem war sie mit Janina befreundet, einer der festangestellten Aktivistinnen. Sie spielt auch in der Handballmannschaft.

Rodicas Aufgabe ist es, vor allem das Büro, das als Anlaufstelle für Mädchen und Frauen gedacht ist, so lange wie möglich zu öffnen und die meistens ehrenamtlichen Frauen, die die eigentliche Betreuungsarbeit machen, zu unterstützen und vor allem, den anfallenden Verwaltungskram zu erledigen. Sie hatte in den letzten Monaten also kaum Zeit mit Daniel verbringen können.

Daniel hat dann, nach einem Dreivierteljahr Tanzerfahrung, Clara kennengelernt, schon nach kurzer Zeit waren sie so vertraut miteinander, dass es sich einfach so ergab. Zuerst tauschten sie nur Zärtlichkeiten auf der Tanzfläche aus, sie waren jetzt keine Fremden mehr, die sich für 3 Minuten zusammentaten, um gemeinsam ihre Sehnsucht tänzerisch auszudrücken. Sie tanzten jetzt kaum noch mit anderen, nur noch miteinander und in den Pausen saßen sie manchmal am Tisch und hielten wie Teenager Hände. Dabei muss sie wohl eine Bekannte von Rodica irgendwann mal beobachtet haben.

Gestern, am Sonntag, ist sie schon früh aus dem Haus und nicht nach Hause gekommen. Er hat versucht, sie auf dem Handy anzurufen, das aber ausgestellt war. Und heute Morgen ist sie dann in die Wohnung gestürmt. Er hatte bereits überlegt, was zu tun sei, sollte sie nicht bald etwas von sich hören lassen. Es war nicht das erste Mal, dass sie über Nacht wegblieb. Dann hatte sie entweder im Büro geschlafen oder bei einer Freundin. Im Büro war sie nicht, er hatte dort angerufen. Er wollte gerade die Nummer einer Freundin wählen. Aber dann hörte er die Wohnungstür. Sie kam sofort in die Küche, wo er am Frühstücktisch saß und ließ ein Donnerwetter auf ihn los, schmiss das Marmeladenglas und einen Teller auf den Fußboden, bis er zugab, dass da was lief mit Clara.

„Wir kennen uns jetzt seit 3 Monaten, aber sie weiß von dir und ich habe ihr auch immer gesagt, dass du für mich am wichtigsten bist. Sie hat das akzeptiert, will auch gar nichts anderes. Sie lebt auch mit jemandem zusammen, der keinen Tango tanzt. Es hat sich einfach so ergeben und ist im Grunde ganz harmlos. Das hat nichts mit dir zu tun, ich liebe dich, das weißt du doch.“

„Ach ja, und was erwartest du nun von mir, dass ich euch meinen Segen gebe und sage ist schon o.k.? Vielleicht suche ich mir auch einen Liebhaber und dann können wir es ja mal zu viert treiben. Wäre ja noch nicht mal etwas Neues, hat’s ja alles schon mal gegeben. Aber nicht mit mir.“

Sie packt das Telefon und schleudert es gegen die Wand.

„Ich ziehe erst mal zu Janina, muss mal gründlich über uns nachdenken. Du Scheiß-Typ.“

Sie zeigt ihm noch den Stinkefinger und verlässt mit einem lauten Tür Knall die Küche und dann die Wohnung.

Daniel hängt ganz zusammengesunken auf seinen Stuhl, dann steht er auf, sammelt die Scherben auf und wischt die Marmelade weg. Das Telefon, so ein Mist denkt er, es funktioniert nicht mehr. Wir haben sowieso keine Geld und dann zerdeppert sie noch das Telefon. Er flucht, aber vor allem ist er traurig, fühlt sich leer und kann es einfach noch nicht glauben, dass Rodica nicht da ist.

Er muss sich jetzt bewegen. Er beschließt mit dem Fahrrad durch die Hasenheide zu fahren, bis sich seine Gefühle und Gedanken wieder beruhigt haben und er weiß was er als nächstes tun kann, um den Schaden so gering wie möglich zu halten.

Er verlässt die Wohnung, die Treppe vom dritten Stockwerk runter in den Hausflur, das Fahrradschloß aufgeschlossen und auf die Straße. Dort trifft er den Türken, der über ihnen wohnt und mit dem er in den letzten Wochen Stress hatte, weil er Nachts oft laut ist, mehrmals aus dem Haus geht und schon nach kurzer Zeit alleine oder mit anderen Personen wiederkommt, dabei immer laut ist, ständig hustet und ausspuckt. Daniel vermutet, dass er dealt, sich nachts mit „Kunden“ trifft. Sie gehen aneinander vorbei ohne sich zu beachten oder zu grüßen.

Es ist warm, viel zu warm für diese Jahreszeit, er hält an, zieht sich den Pullover aus, ist jetzt nur noch im Unterhemd, aber was soll’s. Er fährt die Fontanestraße ein Stück runter, bis zu der Stelle, wo der Weg in den Park führt. An der Ecke steht ein Farbiger, schaut den Vorbeifahrenden an, Daniel denkt, scheiß Dealer, stehen die schon hier am Eingang. Er fährt weiter bis zur Teerstraße im Park, dann nach rechts. Er will zu der kleinen Erhebung in der Hasenheide fahren, die aus den Trümmern des 2. Weltkrieges errichtet wurde.

An der nächsten Ecke steht eine Gruppe Farbiger, im Vorbeifahren ruft er: „Scheiß Dealer verpisst euch.“

Einer läuft ihm hinterher, die anderen schreien. Er hört so etwas, wie „fuck you“. Aber er ist schon vorbei, der Verfolger geht zurück. Daniel fährt durch die Senke, auf der anderen Seite, wieder hügelaufwärts und geradeaus. Hier muss es irgendwo hoch gehen. Er sieht die schmale Auffahrt, schaltet in den kleinsten Gang seiner Kettenschaltung und nimmt den Teer Weg in Angriff, der sich in Kurven den kleinen Berg hochschlängelt. Alle paar Meter geht eine tiefe Querrinne durchs Asphalt, vielleicht damit das Wasser bei Regen besser abläuft, jedenfalls sind die nichts für Fahrradreifen, schon die erste Rinne bringt ihn fast zu Fall, bei der nächsten, versucht er im Fahren das Vorderrad anzuheben und über die Rinne zu hüpfen, aber er verliert so viel an Geschwindigkeit, dass er absteigen muss. Er schiebt die restliche Strecke hoch.

Oben ist ein runder freier Platz, rundum alles Grün, Bäume und Buschwerk. Es ist so zugewachsen, dass es nicht möglich ist, in die Umgebung zu schauen. Im Winter kann man weit über Kreuzberg und Neukölln schauen. Dahinten sieht er die Kirchturmspitze von der Kirche am Südstern. Am Kreisrand, dicht am Buschwerk, stehen Steinbänke ohne Rückenlehne. Er ist ganz allein hier oben. Er sucht sich eine sonnige Bank, stellt sein Fahrrad an einen Baum und legt sich rücklings auf die Bank, den Pullover als Kissen benutzend. Er atmet tief ein und aus, lauscht den Geräuschen. Von links hört er Stimmen, da kommen wohl Leute den Weg hoch. Er hört den Gesang der Vögel. Er meint sogar eine Nachtigall zu hören, von ganz weit weg Straßenlärm.

Er denkt an Rodica und an Clara. Warum ist das alles bloß so kompliziert?

Um Clara macht er sich weniger Sorgen, die wird es schon verschmerzen, sollte er erst mal nicht mehr zum Tanzen kommen, die kennt noch andere Männer. Aber er wird sie vermissen, es war schön mit ihr, er hat sie gern berührt beim Tanzen und auch sonst. Als er daran denkt, wie sie in ihrem Auto das erste Mal zur Sache kamen, merkt er, wie seine Hose sich spannt. Scheiße, denkt er, ich muss aufhören damit. Das ist die Sache nicht wert, Rodica will ich nicht verlieren. Sie gehört doch zu seiner Familie.

Er muss an seine Schwester denken, die in Lüneburg, im Landeskrankenhaus, in der Geschlossenen saß, weil sie, nach jahrelangem Genus von Rauschmitteln, und sie hat fast alles genommen, in eine Psychose, sagen die Ärzte, gefallen ist. Seit wann ist sie wieder raus? Er glaubt sich zu erinnern, dass sie jetzt in Lüneburg in einer Wohngemeinschaft lebt. Er hat lange nicht mehr von ihr gehört und sich auch nicht gekümmert. Und seine Mutter, sein Vater ist schon vor jetzt 7 Jahren gestorben, seitdem ist er nur noch selten in seine alte Heimat, einen kleinen Ort bei Lüneburg, gefahren. Er versteht sich nicht so gut mit seiner Mutter. Vielleicht sollte er mal wieder „nach Hause“ fahren, aber ist es überhaupt noch sein zu Hause? Es sind die Erinnerungen an die Kindheit und Jugend, die diese Gegend, in der seine Mutter und seine Schwester auch heute noch leben, zu einer Art Heimat machen, vielleicht sollte er Pfingsten mal wieder hinfahren.

Das letzte Mal war er vor drei Jahren da. Er wollte schon lange mal wieder anrufen, aber bei ihm rufen sie ja auch nicht an, trotzdem nimmt er sich vor, heute Abend noch anzurufen, nachdem er mit Rodica gesprochen hat. Da fällt ihm ein, dass das Telefon ja kaputt ist. Er fühlt einen Stich in der Brust. Es läuft zu viel schief zurzeit. Auch beruflich geht nichts im Augenblick, er hat schon lange keine Fotos mehr verkauft und der letzte Job vom JobCenter hat ihm zwar Spaß gebracht, er hat gelernt mit einem Grafikprogramm zu arbeiten, aber die dauerte nur sechs Monate. Finanziell kommt er zwar klar, da Rodica bei ihrer Freundin gemeldet ist, er den vollen Arbeitslosengeldsatz erhält, aber befriedigend ist das nicht.

Ein Hund schnüffelt um ihn rum, die dazugehörigen Menschen, ein Mann und ein kleiner Junge, rufen nach ihm, schauen zu Daniel, der Mann nickt ihm zu „schon fast zu heiß für diese Jahreszeit, junger Mann passen sie uff, dass sie keinen Sonnenbrand kriegen.“

Daniel nickt zurück „Keine Sorge, das geht schon.“

Der Junge fängt an mit Steinen zu kicken, der Mann scharf „Thomas hör uff damit, willste dir die Schuhe ruinieren?“

Der Hund bellt.

Daniel setzt sich auf, die Ruhe ist vorbei. Er klemmt den Pullover wieder auf den Gepäckträger, nimmt das Fahrrad und schiebt es zu dem Weg, der gegenüber der Stelle, wo er hochgekommen ist, hinunter führt.

„Ham wir se gestört“? hört er den Mann fragen.

„Der Platz ist für alle da“, antwortet er und ist schon um die Kurve, sitzt jetzt im Sattel und fährt mit angezogenen Bremsen langsam den schmalen Weg hinunter, durch die Rinnen schafft er es abwärts besser. Auf dem Hauptweg angekommen, wählt er ohne nachzudenken, denselben Rückweg. Er will zurück in ihre Wohnung, vielleicht ist Rodica ja da, er muss mit ihr reden, es noch mal versuchen und wenn es sein muss, sie bitten, ihm zu verzeihen, auch wenn er eigentlich der Meinung ist, dass es eigentlich nichts zu entschuldigen und zu verzeihen gibt. Aber erst mal muss er diesen Streit aus dem Wege räumen, damit sie wieder vernünftig miteinander reden können.

Schon von weitem sieht er die Gruppe Farbiger, soll er abbiegen, einen anderen Weg wählen? Aber schon ist er näher gekommen, einer sieht zu ihm, erkennt ihn, läuft auf ihn zu, läuft jetzt nebenher, aber gute 10 Meter entfernt. Daniel beschleunigt, aus dem Augenwinkel sieht er einen zweiten Mann näherkommen, der hat einen Stock in der Hand. Daniel wendet sich ab und weicht einem Inline-Skater aus. Will gerade den Dealern, die er so hasst, seitdem das mit seiner Schwester passiert ist, den Stinkefinger zeigen, da sieht er etwas Dunkles in sein Rad fliegen und im nächsten Moment reißt es ihm das Vorderrad weg und er geht im hohen Bogen über die Lenkstange, knallt mit der linken Schulter auf die Teerstraße. Sein Kopf wird zum Glück von seinem Arm geschützt. Trotzdem ist der Aufprall so hart, dass er für einen Moment das Bewusstsein verliert. Von der Wiese kommen Leute auf die Stelle zugelaufen, einer bückt sich nach Daniel, der am Kopf blutet.

„Hat jemand ein Handy?“ fragt der Typ der sich über Daniel beugt.

„Ja“, antwortet eine Frau.

„Rufen sie die Feuerwehr, das sieht nicht gut aus.“

Der Mann dreht Daniel, der wieder zu sich zu kommen scheint, auf die Seite. Er fühlt einen dumpfen Schmerz im Kopf, im Unterleib, in der linken Schulter, weiß gar nicht was los ist, schaut den Mann an, will aufstehen.

„Bleiben sie liegen, die Feuerwehr kommt gleich“, sagt der Mann.

Daniel fragt, „was ist denn passiert?“

„Sie sind mit dem Fahrrad gestürzt. Sie haben wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung, bleiben sie ruhig liegen.“

Daniel versucht sich noch mal aufzurichten, schaut um sich, er sieht sein Fahrrad auf der Straße liegen, sieht die vielen Beine, es haben sich immer mehr Leute um ihn versammelt, dann spürt er, wie ihm schlecht wird, er sackt wieder zusammen, der Arm schmerzt, er dreht sich auf die rechte Seite, dann hört er noch die Sirene und ihm wird schwarz vor Augen.

Als er wieder aufwacht, wird er gerade von Sanitätern auf eine Bahre gehoben, sein linker Arm schmerzt stark, er stöhnt.

„Ganz ruhig, wir bringen sie jetzt ins Urban Krankenhaus, dort werden sie versorgt.“

Sie schieben die Bahre in den Wagen, einer steigt hinten ein, geht durch einen Durchgang zum Beifahrersitz. Der Fahrer fährt los.

Von der ganzen Aufnahmeprozedur hat er kaum etwas mitgekriegt, er hat die Handynummer von Rodica, mit der Bitte dort anzurufen, der Ärztin in der Aufnahme gegeben.

Jetzt liegt er in einem Zimmer mit vier Betten, er hat starke Kopfschmerzen und seine Schulter tut weh, obwohl er eine schmerzstillende Spritze erhalten hat.

Rodica sitzt an seinem Bett.

„Was ist denn passiert?“

„Keine Ahnung ich erinnere mich nicht, das heißt ich erinnere mich wie plötzlich etwas in mein Vorderrad flog, dann lag ich auch schon auf der Straße.“

„Hast du dich mit den Dealern im Park angelegt?“

„Was heißt angelegt, ich habe ihnen gesagt, sie sollen sich verpissen.“ “Das hast du nun davon, lass die Typen doch in Ruhe, du brauchst ja ihren Stoff nicht zu kaufen. Warum legst du dich immer wieder mit ihnen an? Ist doch klar, dass die sich dann dein Gesicht merken.“

„Rodica keine Vorwürfe jetzt, mir geht es echt beschissen, was sagt denn der Arzt?“

„Die Ärztin sagt, du hast Glück gehabt, deine Schulter hat wohl am meisten abgekriegt, aber da können sie gar nichts machen, die muss von alleine wieder heilen, gebrochen ist jedenfalls nichts, und du hast eine mittlere Gehirnerschütterung, aber wegen der braucht man heute nicht mehr so lange im Krankenhaus liegen. Sie sagt in 2 bis 3 Tagen kannst du wohl wieder raus.“

„Das ist schon komisch, wie schnell so etwas passieren kann, vorher habe ich noch in der Sonne gelegen, mir über alles mögliche Gedanken gemacht und jetzt…, es hätte noch viel schlimmer kommen können.“

„Lass dich ein bisschen pflegen hier, dann komm wieder nach Hause. Ich werde erst mal nicht zu Janina ziehen, über alles andere müssen wir dann reden, wenn du wieder da bist. Ich gehe jetzt, versuche zu schlafen, dann erholst du dich am schnellsten.“

Sie gibt ihm einen Kuss auf die Stirn, er bewegt sich, stöhnt.

„O. k., ich bin froh, dass du da bist, du kommst doch noch mal vorbei, sollte ich noch hierbleiben müssen?“

„Klar, morgen bin ich wieder hier und bringe dir auch frische Unterwäsche mit, brauchst du sonst noch was?“

„Zahnbürste?“

„Ist schon da, habe ich ins Bad gestellt.“

„Meinen Mp3-Player.“

„O.k. bring ich mit, dann tschüs bis morgen.“

“Danke, tschüs.“

Sie geht. Daniel sucht eine einigermaßen erträgliche Stellung zum Liegen, dreht sich auf die rechte Seite und versucht zu schlafen, er ist alleine in diesem Zimmer, die anderen Betten sind leer.

Er fährt mit der U-Bahn bis zur Bismarckstraße. Hier steigt er aus und geht die Kantstraße hoch. In dieser Gegend kennt er sich nicht aus. Über den Savignyplatz ist er noch nicht hinausgekommen. Er schaut auf die Uhr, es ist noch zu früh. Er hat erst um drei die Verabredung mit der Frau, die er in der Zeitung gefunden hat.

Er hat da angerufen, dreimal, zweimal gestern und einmal heute, mit verstellter Stimme, natürlich aus einer Telefonzelle. Es war immer dieselbe Frau am Telefon. Heute hat er dann einen Termin für den Nachmittag gemacht. Er hat sich lange dagegen gewehrt, aber das Bedürfnis ist zu groß geworden. Seit ihn ein Freund vor zwei Monaten in einen Club mitgenommen hat, konnte er die Frauen, die sich jedem anbieten, der genug Geld zahlte, nicht mehr vergessen. In seinen Vorstellungen sah er immer wieder ihre nackten Brüste, ihr Geschlecht, das ihn anzieht und zugleich abstößt. Vor allem diese Zurschaustellung, diese verwirrenden nackten, schamlosen Frauenkörper ließen ihn nicht mehr los.

Er musste es tun. Jetzt steht er vor dem Haus, die Nummer stimmt. Er liest die Namen, findet den richtigen, aber es ist noch zu früh. Er geht weiter, schaut sich in der Gegend um.

Dann ist er wieder vor dem Haus, klingelt. Eine Stimme sagt, „im vierten Stock.“ Ein Summen, er drückt die Tür auf, geht hinein, die Treppe hoch.

Er ist aufgeregt. Er atmet flach, hat einen Schmerz in der Brust. Er muss husten, sein altes Leiden, er zieht den Schleim hoch, spuckt in eine Ecke, was soll’s, ist ja keiner da.

Dann steht er vor der Tür, bevor er auf den Klingelknopf drücken kann, öffnet sie sich. Eine Frau schaut heraus, sie ist grell geschminkt, knallrote Lippen, schwarze Augen. Sie bittet ihn hinein. Sie stehen in einem kleinen, hellerleuchteten Flur. Sie trägt einen leichten Bademantel, sieht nach Seide aus.

„Was kann ich für dich tun?“

Er ist jetzt vollkommen angespannt, sein Herz rast, verdammt, denkt er.

„Ganz normal“, sagt er.

„Also Geschlechtsverkehr, macht 60 Euro, französisch und ganz ausziehen kostet extra, alles nur mit Gummi.“

Er gibt ihr die 60 Euro. Sie geht voran in eins von drei abgehenden Zimmern. Es ist eine kleine Wohnung. Er ist sich sicher, dass sie alleine sind, dafür hat er ein Gefühl.

In dem Zimmer stehen ein großes Bett und ein Stuhl. Die Vorhänge sind zugezogen, an der Wand hängen ein paar Bilder, Frauen in eindeutigen Positionen.

Die Frau legt sich aufs Bett, zieht ihren Bademantel aus. Darunter trägt sie lange Strümpfe und irgendetwas um den Bauch, das Geschlecht ist unbedeckt, sie ist rasiert. Ihr üppiger Busen quillt aus dem Halter. Im ersten Moment hatte er einen Fluchtimpuls, jetzt ist es zu spät.

Er stürzt sich auf die Frau, holt seinen Penis raus. Die Frau schreit, „halt langsam, erst das Kondom“.

Er hört nicht auf sie, drückt sie auf das Bett, ein Schlag ins Gesicht, noch einer. Sofort ist die Frau ruhig, sie ist erstaunt, hat noch gar keine Zeit gehabt, Angst zu haben.

Dann wird ihr die Situation bewusst, sie will schreien. Er hält ihr den Mund zu, mit der andern Hand ist er an ihrer Kehle. Sie bäumt sich mit aller Kraft auf, doch er ist stark, drückt sie nieder, dringt in sie ein.

Dann legt er beide Hände um ihren Hals und drückt zu. Ihr Strampeln, ihre Gegenwehr dauert nicht lang, dann liegt sie ruhig da, er ejakuliert.

Er ist gleich raus aus der Wohnung, die Treppe runter, niemand sieht ihn, raus aus dem Haus. Auf der Straße atmet er durch, ist noch ganz benommen, ist erstaunt über sich selbst, was er gemacht hat, fühlt sich aber gut. Er hat sich nichts gefallen gelassen, er hat es ihr gezeigt. Er irrt noch lange durch die Straßen, wie im Rausch. Am Ernst-Reuter-Platz steigt er in die U-Bahn.

Die Tage vergehen, Paul verpennt nach wie vor den halben Tag, steht mittags auf, schaut aus dem Fenster. Meistens scheint die Sonne, hat ihren Höhepunkt schon überschritten.

So geht es den Rest der Woche, auch die nächste Woche.

An einem Freitag steht er auf und irgendetwas ist anders. Liegt es daran, dass er gestern eine ganze Flasche Roten leer gemacht hat? Er blinzelt aus dem Fenster, die Sonne scheint nicht, es ist bewölkt, die Straße ist nass.

Na Klasse, heute wollte er mal wieder ins Kranich gehen, Ayla besuchen, auch wenn sie am letzten Freitag keinen Blick für ihn übrig hatte und er sich richtig schlecht fühlte. Es war auch nicht die einzige Situation, fällt ihm ein, bei der sie zurückhaltend war. Er erinnert sich auch noch an eine Begegnung, da saß sie an der Theke; er kam rein, freute sich, sie zu sehen, wollte sich spontan zu ihr setzen. Dann sah er ihr Gesicht, in dem klar stand: bitte nicht. Aber er war sich nicht sicher. Trotzdem setzte er sich drei Plätze weiter an die Theke. In den letzten Wochen hat er sich da richtig reingesteigert. Die Frau geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er ist ratlos und verwirrt und je kühler sie wird, desto tiefer verstrickt er sich.

Er überlegt, hingehen oder nicht hingehen, aber bei dem Wetter? Das war ja auch schon zu viel, mit dem Hochsommer im Frühling, dieses Jahr. Der Regen tut gut, denkt er, na erst mal frühstücken, dann sehe ich weiter.

Er setzt Teewasser auf, in der Zeit, bis das Wasser kocht, versucht er, seine steifen Knochen zu lockern, streckt sich, beugt sich, rollt ab, o.k., das reicht. Dann kurz unter die Dusche, während der Tee zieht. Danach zwei Brote geschmiert, mit Wurst und Käse, was hat er noch? Bisschen Krautsalat ist noch da, prima, gibt es dazu, der Tee ist jetzt fertig. Mit einem Tablett trägt er alles in sein Zimmer. Er macht die Musik an, legt eine gebrannte CD mit den Best of Peter Green auf, die er erst vor einigen Tagen von einem Freund bekam. Bluesmusik kommt aus den Boxen, der Sänger singt „you love me tomorrow, too many times i give too much…please leave me no, I need a room to cry…”

Paul bekommt nur Bruchstücke des Textes mit und diese vielleicht auch nicht richtig, aber die Musik, dieser schleppende Bluesryhtmus, lässt ihn traurig werden. Er denkt an Ayla, aber was hat das für einen Sinn? Er kaut seine Stulle. Dann, das nächste Stück, er hat den Player auf Shuffle gestellt „..you never find a man like me and you be sorry some day…“

Er hat das Gefühl, dass er gar nicht mehr weiß, wie er eine Frau für sich gewinnen kann, was kann er ihr schon bieten? Seine Zuverlässigkeit, aber ist das was Besonderes? Etwas, dass ihn anziehend für Frauen macht? Nicht wirklich, muss er sich eingestehen. Wenn er wenigstens einen vernünftigen Job hätte und genügend Geld verdienen würde, aber dann wäre er auch ein anderer Mensch. Er ist so wie er nun mal ist, er kommt auch alleine klar. Familie, er braucht das nicht, aber ganz wohl fühlt er sich nicht bei diesen Gedanken.

Er beschließt, Ayla einen Brief zu schreiben, irgendwie sollte er vielleicht mal erklären, warum er sie immer anschaut! Obwohl ihm im Grunde genommen klar ist, dass sie vor allem freundlich ist, weil das zu ihrer Arbeit dazu gehört. Sie will schließlich, dass die Gäste wiederkommen.

Vielleicht liegt es an seiner Einsamkeit, auch wenn ihm das nicht so bewusst ist, da er sich meistens im Alleinsein wohlfühlt.

Er will ihr einfach einen Brief schreiben, was soll’s, sie anzusprechen bringt er nicht mehr, in einem Brief kann er sich auch besser ausdrücken, als in einem kurzen Gespräch beim Bezahlen.

Er weiß, dass das Blödsinn ist, aber er mag diese Frau und könnte sich vorstellen...ach, was könnte er sich alles vorstellen…, aber zumindest will er erklären, will verstanden werden.

Er setzt sich hin und schreibt einen Brief an Ayla, versucht seine Gefühle auszudrücken, merkt, dass es ziemlich verwirrt klingt, streicht, versucht neu zu formulieren, schließlich ist er einigermaßen zufrieden, ist aber immer noch unsicher, ob er sich so zeigen kann:

„Mach´s gut Ayla,

es ist sicherlich kein üblicher Weg, für einen Gast, sich zu verabschieden, aber vielleicht täusche ich mich auch damit.

Am Freitag hast du mir noch mal deutlich gezeigt, dass ich für dich nur als Gast existiere. Das hat mich tief traurig gemacht.

Am meisten erstaunt war ich aber über mich selbst. Dass ich plötzlich so traurig war, obwohl mir alle, mit denen ich über dich gesprochen habe, gesagt haben, dass meine Illusion bald wie eine Seifenblase zerplatzen wird und ich habe das auch so gesehen. Aber es ging mir so gut wenn ich in deine Augen schauen durfte, als ich hoffte dich vielleicht doch besser kennen zu lernen.

Mir ist es nicht gelungen, eine Nähe zu dir herzustellen, ich habe es mir sehr gewünscht, denn wie oft habe ich dich angeschaut und oft habe ich gefühlt, dass ich dich liebe, da gab es für mich keinen Zweifel.

Aber ich habe mir dann gesagt, dass dies Schwachsinn von mir ist und ich es doch besser sein lasse. Ich war, als mir klar wurde, dass du mir mehr als gefällst, ziemlich durch den Wind, wie man so schön sagt. Denn ich weiß, dass ich sicherlich einige Pferdefüße habe, ich deine Freundlichkeit genießen sollte und mich ansonsten am besten zurückhalte.

Inzwischen merke ich selber, wie verstrickt ich bin, und ein Grund für diesen Brief ist, mich etwas zu befreien, wie gerne hätte ich mit dir geredet und dir mal alles erzählt. Und dann hätte ich mich besser gefühlt und die Gastrolle wieder akzeptiert.

Aber als du neulich, nach der Frühschicht, an der Theke saßt und ich reinkam, es vielleicht für mich eine Chance gab, mich zu dir zu setzen, da habe ich sofort gespürt, dass du das nicht willst. Jedenfalls habe ich das so empfunden, mich deshalb zwei Stühle weiter hingesetzt.

Na ja, immerhin weiß du jetzt, was für ein Typ dir so gerne in die Augen schaut.

Ich werde in Zukunft nicht mehr so oft kommen und die Gastrolle akzeptieren.

Noch mal, mach´s gut Ayla. Paul“