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Mit vierundzwanzig heiratet Sophie ihre große Liebe. Drei Jahre später ist sie Witwe und hat nur noch eine Sicherheit: Ihr Herz gehört Markus – für immer. Jason „Toffifee“ Hart ist nicht nur verboten attraktiv. Der erfolgreiche Unternehmer setzt sich für Obdachlose und verfolgte Frauen ein – und ist der Liebling der Wiener Presse. Heute beneiden ihn diejenigen, die ihn früher als Bastard beschimpften und verprügelten. Doch ändert das nichts daran, dass seine Mutter die Tochter eines Schwarzen ist und sein Vater eine berühmte Dragqueen. Bekommt man einen Stempel aufgedrückt, wird man ihn nicht mehr los. Daher ist es das einzig Richtige, sich mit einem Eispanzer zu umgeben, Mitmenschen auf Distanz zu halten und Frauen ausschließlich als kurzfristige Ablenkung anzusehen. Als ausgerechnet Sophie und Jason aufeinandertreffen, ist das emotionale Chaos vorprogrammiert ...
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Bittersüß fühlt es sich an, denn nicht alles im Leben ist schwarz oder weiß.
Mit vierundzwanzig heiratet Sophie ihre große Liebe. Drei Jahre später ist sie Witwe und hat nur noch eine Sicherheit: Ihr Herz gehört Markus – für immer.
Jason „Toffifee“ Hart ist nicht nur verboten attraktiv. Der erfolgreiche Unternehmer setzt sich für Obdachlose und verfolgte Frauen ein – und ist der Liebling der Wiener Presse. Heute beneiden ihn diejenigen, die ihn früher als Bastard beschimpften und verprügelten. Doch ändert das nichts daran, dass seine Mutter die Tochter eines Schwarzen ist und sein Vater eine berühmte Dragqueen. Bekommt man einen Stempel aufgedrückt, wird man ihn nicht mehr los. Daher ist es das einzig Richtige, sich mit einem Eispanzer zu umgeben, Mitmenschen auf Distanz zu halten und Frauen ausschließlich als kurzfristige Ablenkung anzusehen.
Als ausgerechnet Sophie und Jason aufeinandertreffen, ist das emotionale Chaos vorprogrammiert ...
„Bittersweet Vibes: Jason & Sophie“ ist der zweite Roman der Reihe
Alle Bücher können ohne Vorkenntnisse gelesen werden.
INHALTSVERZEICHNIS
Bittersweet Vibes
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Mr. Never-Ever
Die Autorin
Impressum
1
Die Sekretärin legt den Hörer auf und schenkt mir ein einnehmendes Lächeln. »Es dauert nur noch ein paar Minuten, Frau Schönfeld«, teilt sie mir mit. »Bei Herrn Hart verzögert sich heute alles ein bisschen.«
Ein bisschen?
Ich warte bereits seit einer halben Stunde und kenne mittlerweile jedes Bild, das die Wände des stylish eingerichteten Wartezimmers des Chefbüros schmückt, bis ins kleinste Detail. Außerdem habe ich nahezu alle der ausgelegten Frauenzeitschriften von vorn bis hinten durchgeblättert und die Überschriften der Artikel verinnerlicht. Wollen Frauen wirklich wissen, mit welchen Tricks sie die Aufmerksamkeit eines Mannes erregen können, selbst wenn dieser nichts von ihnen will?
Eigenartig, was für Unfug Journalisten zu Papier bringen, um Seiten zu füllen. Oder bin ich es, die nicht versteht? In Anbetracht meines absolut nicht aufregenden – um nicht zu sagen nicht existierenden – Liebeslebens müsste ich wohl dieser Art von Zeitschriften mehr Beachtung schenken. Aber will ich das?
Es ist ja nicht so, dass sich nie jemand für mich interessiert hat.
Markus hat sich auf den ersten Blick in mich verliebt – und ich mich in ihn. Damals, als ich ihm am Tag der Immatrikulation auf der Treppe der Akademie der bildenden Künste in die Arme stolperte, war es um uns geschehen. Dieser eine Augenblick hatte unser beider Leben verändert, es zu einem gemacht. Wir waren verschmolzen, zu einer Einheit geworden. Gemeinsam haben wir jede einzelne Hürde des Studiums genommen, uns gegenseitig zu Höchstleistungen angetrieben, ausnahmslos sämtliche Prüfungen in Rekordzeit und mit Bestnoten abgelegt. Wir waren das Dreamteam, diejenigen, die alle anderen um ihr Glück beneideten. Selbst unsere Eltern, die meinten, dass wir als frischgebackene Architekten mit vierundzwanzig noch viel zu jung waren, um zu heiraten, hatten einsehen müssen, dass das Alter unbedeutend war. Die große Liebe gibt es nur einmal im Leben. Wenn man Glück hat, denn manche finden sie nie. Warum also hätten wir warten sollen, wo wir doch genau wussten, dass wir einander nie wieder gehen lassen würden? Bis dass der Tod euch scheidet, hatte der Dompfarrer bei der Trauung im Stephansdom gesagt. Und er hatte recht behalten. Auf entsetzliche Art und Weise. Nur drei wundervolle, erfüllende Jahre hatten wir miteinander gehabt – und jeden einzelnen Tag davon damit verbracht, unser Fachwissen in den Dienst derjenigen zu stellen, für die ein Brunnen oder ein mit einfachen Mitteln erbautes Krankenhaus in Zentralafrika den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachte. Doch unsere Liebe für den schwarzen Kontinent war uns zum Verhängnis geworden.
Mittlerweile sind ebenso viele Jahre vergangen, wie unsere Ehe gedauert hat. Die Hälfte der Zeit nach dem Studium war ich rundum glücklich gewesen und seither ... Der entsetzliche Schmerz hat nachgelassen. Die Erinnerungen an Markus sind es, die mir die Kraft gegeben haben, mein Leben neu zu ordnen. Es gibt so vieles, was einem Menschen Zufriedenheit schenkt, und manchmal spüre ich auch einen kleinen Funken Glück. Ich habe ein wundervolles Haus inmitten der Weinberge und wache morgens vom Gezwitscher der Vögel auf. Lange Zeit reichte das und heilte meine verwundete Seele. Aber seitdem ich wieder freier atmen kann und nicht mehr Tränen über meine Wangen laufen, sobald mein Blick auf das Foto auf dem Kaminsims fällt, dem letzten, das uns gemeinsam zeigt, bin ich unruhig.
Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb ich den Artikel, wie man seine Orgasmusfähigkeit verbessert, gelesen habe und auch dem über die Wirksamkeit hervorblitzender Dessous mehr als nur einen raschen Blick gewidmet habe. Gab es diese sexy Teile, die eigentlich nur aus Stofffitzelchen bestehen, immer schon? Und welchen Sinn hat ein Slip, der im Schritt der Länge nach geteilt ist? Wie unpraktisch wäre es gewesen, im Kongo bei schwüler Hitze da unten nichts zu spüren als das unablässige Reiben der Naht der Cargohose oder Jeans ... »Oh«, stoße ich leise aus, als ich weiterblättere und sich mir der Sinn dieses Höschens aufgrund ziemlich eindeutiger Skizzen erschließt.
»Frau Schönfeld? Herr Hart ist nun bereit, Sie zu empfangen«, unterbricht die Sekretärin meine Gedanken, die mir die Röte ins Gesicht schießen lassen. Was bei meiner hellen Haut, die mit dem Blond meiner Haare einhergeht, absolut nicht zu übersehen ist. Und das ausgerechnet jetzt!
Ich greife nach der Handtasche, die neben mir auf dem Sofa liegt, und stehe auf. Wahrscheinlich bin ich zu lässig und nicht dem Zweck entsprechend gekleidet, aber zumindest sind die engen Jeans, die weißen Sneakers und die himmelblaue Bluse bequem und haben mir die Wartezeit erträglicher gemacht.
Dankend nicke ich der Frau zu, die mir die riesige Doppeltür öffnet und sie hinter mir schließt.
Mit raschen Schritten durchquere ich den Raum und lasse mich auf einem der beiden Stühle vor Jason Harts Schreibtisch nieder, bevor ich zu dem Mann aufsehe, auf dessen Anblick ich vierzig Minuten habe warten müssen. Plötzliche Unruhe erfasst mich. Ich ziehe die Unterlippe zwischen die Zähne und starre ihn an. Keine Ahnung, wie oft ich ihn schon im Fernsehen oder auf Titelseiten einschlägiger Magazine, die über Mode und Lifestyle berichten, gesehen habe.
Er ist ... Mir fehlen die Worte.
Bisher habe ich ihn immer nur als innovativen und ausgesprochen erfolgreichen Unternehmer wahrgenommen, der aus dem Vibes im Wiener Bermudadreieck, das ihm seine Eltern vor acht Jahren übergeben haben, das Szenelokal schlechthin gemacht hat.
Einen Mann, der diesen Erfolg genutzt und die Agentur Vibes Events aufgebaut hat, die von Promihochzeiten und Sportevents bis hin zu Modeschauen und Vernissagen, also allem bis auf Musikevents, organisiert.
Jemand, der, auf einer schlichten Idee aufbauend, das Modelabel Vibes Fashion gegründet hat – ungefähr vor drei Jahren, in etwa, als ich aus dem Kongo zurückkam. Ein Label, das für Casual-Chic steht und für die Produktion ausschließlich natürliche Rohstoffe nachgewiesener Herkunft verwendet. Innerhalb kurzer Zeit hat er unmittelbar nach dem österreichischen den gesamten europäischen Markt erobert, und laut Presseberichten ist Jason Hart nun mit seinen tragbaren und erschwinglichen Kollektionen auf dem besten Weg, auch in Übersee Fuß zu fassen – von den Vereinigten Staaten bis Asien.
Und ausgerechnet er ist irgendwie auf mich aufmerksam geworden. Seine Sekretärin hat mich in seinem Namen kontaktiert und zu einem persönlichen Gespräch eingeladen.
Um mich dann eine knappe Dreiviertelstunde warten zu lassen, meldet sich mein Unterbewusstsein gehässig. Obwohl ich ohnehin schon einen halben Tag opfere, um nach Wien zu fahren, mich durch den Verkehr der Metropole zu quälen, eine Tiefgarage anzusteuern und später wieder im Schneckentempo aus der Stadt zu kommen.
Um dem schweigenden Mann nicht ins Gesicht sehen zu müssen, mustere ich die locker sitzende senfbraun und marineblau gemusterte Krawatte über dem weißen Hemd sowie das geöffnete dunkelgraue Jackett des Anzugs, das seine breiten Schultern perfekt ausfüllen.
»Danke, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind, Frau Schönfeld.«
Das Timbre seiner Stimme ist so unsagbar dunkel und melodiös, dass sich ein wohliger Schauer in meinem Nacken löst und über meine Wirbelsäule abwärts rinnt. Punktgenau zwischen meine Beine, wo es sich in pulsierende Wärme verwandelt, als ich aufsehe.
O mein Gott! Diese dunkelbraunen Augen in dem karamellfarbenen Gesicht, das von schwarzen wilden Locken umrahmt wird, sind wie unergründliche tiefe Brunnen.
»Bitte gern.«
Warum sage ich das? Ich bin doch wütend! Und seit wann piepse ich denn? Erschrocken räuspere ich mich und spreche im Normalton und kühl weiter, rufe mir in Erinnerung, dass er mich sozusagen einbestellt hat und alles andere als pünktlich war.
»Kommen wir zur Sache, Herr Hart. Meine Zeit ist knapp – und Ihre sicher auch.«
Jetzt mustert er mich vom Scheitel bis zur Sohle, was aufgrund der Glasplatte seines Schreibtisches kein Problem ist, verweilt auf meinen übereinandergeschlagenen Knien und lässt seinen Blick schließlich wieder aufreizend langsam nach oben gleiten.
Heiß. Es ist schrecklich heiß hier drin!
»Finden Sie? Dann werde ich dafür sorgen, dass die Klimaanlage kontrolliert wird.«
Egal, wie die Temperatur im Raum ist, die meines Körpers nimmt schlagartig einige Grade zu. Ich kann spüren, wie meine Wangen hochrot anlaufen. Seit wann spreche ich meine Gedanken laut aus? Vielleicht tut mir das Alleinsein doch nicht so gut?
Ich habe keine Ahnung, wie er sich bei seiner Größe so lautlos und geschmeidig bewegen kann, dass ich nichts davon mitbekomme – denn plötzlich steht er mit einem Wasserglas neben mir.
»Trinken Sie, Frau Schönfeld – und verzeihen Sie, dass ich Sie habe warten lassen. In der Fabrik eines Zulieferbetriebes gab es ein technisches Problem, das eine Kettenreaktion ausgelöst hat. Wenn ich nicht sofort eingegriffen hätte, würde sich die Produktion verzögern, und jeder Tag Stillstand verringert den Lohn von Mitarbeitern, die dringend darauf angewiesen sind.«
Ein Wohltäter ist er also auch noch?
Während ich an dem Wasser nippe und das Glas dann vorsichtig auf dem Tisch vor mir abstelle, umrundet er diesen und gibt den Blick auf sein breites Kreuz frei. Fast verschlucke ich mich, als er sich in den Stuhl fallen lässt und mir ein strahlendes Lächeln schenkt. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn seine Zähne sind so weiß, als ob er sie jeden Monat bleachen ließe, aber es muss an seiner Hautfarbe liegen. Dieser wundervolle Ton, der sich perfekt mit seinem erdigen Duft kombiniert, der über den Tisch in meine Richtung weht.
»Meine Sekretärin hat Ihnen gesagt, weshalb ich mit Ihnen reden wollte?«
Ich halte meinen Handrücken wie unbeabsichtigt unter die Nase, um meinen eigenen Geruch einzuatmen und runterzukommen. Der seine wirft mich in Kombination mit seinem absolut heißen Äußeren und nur durch einen Schreibtisch von ihm getrennt komplett aus der Spur. Zum Glück sitze ich, sonst würde ich jetzt zu Boden gehen wie ein Boxer nach einem perfekten linken Haken.
»Ja.« Ich nicke und senke den Arm, lege ihn wie den anderen auf der Stuhllehne ab. »Sie haben Interesse an meinen Bildern, hat sie mir erklärt. Deshalb habe ich mich ehrlich gesagt gewundert, dass Sie nicht meinen Galeristen kontaktiert haben. Er zeigt sie Ihnen auch abends oder am Wochenende. Es ist nämlich nicht meine Art, meine ungerahmten Werke in eine Mappe zu packen und damit Hausbesuche zu machen.«
»Sie denken, dass ich ein Bild von Ihnen kaufen will?«
Will er nicht?
»Natürlich. Deshalb hatte ich ja vorgeschlagen ...«
Er schüttelt leicht den Kopf und ich verstumme. Seine hellen, gepflegten Fingernägel bilden den perfekten Kontrast zu den dunkleren feingliedrigen Fingern, bemerke ich, als er die Hände vor sich auf dem Schreibtisch ablegt und sich vorbeugt.
»Ich mag die erdigen, warmen Töne, die Sie verwenden, Frau Schönfeld.« Und ich deinen erdigen Geruch, denke ich und unterdrücke einen Seufzer. »Ich liebe die Muster, die einerseits an Afrika erinnern, andererseits an einen Herbstwald. Sie verstehen es, mit Farben und Formen zu spielen – und ich will eine nach Ihnen benannte Kollektion auf den Markt bringen.«
Mein Mund öffnet sich, doch ich starre ihn nur stumm an.
Euphorisch spricht er weiter.
»Wir nehmen Ihre Bilder als Vorlage und bedrucken mit Ihren Mustern ägyptische Baumwolle und Seide. Können Sie sich vorstellen, wie wundervoll sich Blusen oder Hemden aus diesen Stoffen mit Hosen, Röcken und Jacken in Brauntönen kombinieren lassen?«
»Nein, Herr Hart, und das will ich auch nicht.«
Das Geräusch, das er von sich gibt, erinnert mich an eine dieser alten Dampfloks, die sich einen Berg hochquälen.
»Sie wollen nicht ...«
Jetzt schüttele ich den Kopf.
»Schon möglich, dass Sie das nicht verstehen«, erkläre ich kühl. »Aber ich will nicht, dass meine Werke hundertfach reproduziert werden und überall zu sehen sind. Weder in Form von billigen Drucken, die man dann in Baumärkten zwischen Badezimmerteppichen und Gardinenstangen kaufen kann, noch von Kleidungsstücken, in die sich Menschen einwickeln.«
Erst jetzt, als er die Nase in Falten legt, fällt mir der minimale Knick des Nasenbeins auf, der wohl von einem Bruch herrührt. Und dass seine für einen Mann eine Spur zu vollen Lippen mehr braun als rot sind und leicht glänzen.
Irritiert halte ich meine Hand mit der anderen fest, um nicht den Arm auszustrecken und mich über den Tisch zu lehnen, um sie zu berühren.
»Ich will Sie nicht übervorteilen, Frau Schönfeld. Selbstverständlich erhalten Sie eine erste einmalige Zahlung, mit der Sie mir die Lizenz der Wiederverwertung übertragen, und in der Folge Tantiemen für jedes einzelne verkaufte Kleidungsstück. Unsere Anwälte finden sicher einen Weg, der uns beide zufriedenstellt.«
Zufriedenstellen? Warum gleiten meine Gedanken bei seinen Worten unverzüglich in eine Richtung ab, die mich innerlich aufwühlt und lustvolle Schauer durch meinen Körper jagt?
»Es geht nicht um Geld, Herr Hart«, beeile ich mich, zu sagen, bevor mein Kopfkino wieder irgendwelche Bilder konstruiert, die nicht mit den von mir gemalten zu tun haben. Ich greife nach meiner Tasche und stehe auf.
Er ist jedoch rascher auf den Beinen als ich, streckt den Arm über den Tisch und umfasst mein Handgelenk. Ein Stromschlag ist nichts gegen die Wucht, mit der mich seine Berührung trifft. Ich stöhne auf.
Noch nie zuvor hat mich Lust so unmittelbar überfallen. Jason Hart hat etwas an sich, was mich vollkommen durcheinanderbringt und vereinnahmt.
Vielleicht, weil er hier und jetzt und in Anzug mit Krawatte absolut nicht meinen Erwartungen entspricht?
Der heiße Unternehmer der Wiener In-Szene, der in engen Jeans, Shirt und Lederjacke von Society-Journalisten interviewt wird, sobald er auf einem Event auftaucht. Dessen Lokal, das Vibes, seit Jahren der Treffpunkt von Promis, Möchtegern-Models und Goldgräberinnen ist, die auf der Suche nach ihrem Mr. Right jeden Respekt für sich selbst verlieren. Einer, der andererseits dafür bekannt ist, dass ihm das Schicksal von Armen und Obdachlosen zu Herzen geht und große Summen investiert, um ihnen zu helfen. Jason Hart, der allein aufgrund seiner Herkunft schon als Teenager für Schlagzeilen gesorgt hat. Sein Großvater war ein schwarzer GI der amerikanischen Besatzungsmacht, der nach dem Zweiten Weltkrieg hiergeblieben ist und eine Wienerin geheiratet hat. Die Tochter des ehemaligen Soldaten, die zur damaligen Zeit als Mischlingskind einen schweren Stand hatte, heiratete – gerade erst erwachsen – einen Künstler aus Brasilien. Dieser Mann war nicht nur ausnehmend attraktiv, er verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Dragqueen – und war mit seinen künstlerischen Auftritten höchst erfolgreich. So sehr, dass die beiden das einfache Gasthaus am Rabensteig in ein Varieté umwandelten und dieses Vibes nannten. Schwingungen waren es nämlich, die ihr Leben ausmachten – und auch das ihres Sohnes Jason. Diesen Satz wiederholte er regelmäßig bei Interviews, egal, ob man ihn zu dem Szenelokal, der Eventagentur oder sein Modelabel befragte.
»Sie sind außergewöhnlich, Sophie«, sagt er plötzlich mit seinem vibrierenden Timbre. »In jeder Hinsicht. Ich habe selten eine so schöne und zugleich intelligente Frau kennengelernt.«
Es verschlägt mir die Sprache. Nicht nur, weil er mich Sophie nennt und die Art, wie er meinen Namen ausspricht, meinen Körper erbeben lässt. Meine Handinnenflächen werden feucht und ich starre ihn an.
»Wie bitte?«, frage ich dann heiser.
Ein sinnlich-wollüstiges Lächeln überzieht sein Gesicht, bei dem viele meiner Artgenossinnen sicher sofort ihr Höschen herunterlassen würden. Zum Glück bin ich keine von denen, die auf solche miesen Tricks hereinfallen. Ich versuche, ihm mit einem Ruck meinen Arm zu entziehen – und er löst seinen Griff. Allerdings erst, nachdem er mit dem Daumen über die zarte Haut an der Innenseite meiner Handwurzel streift.
»Herr Hart«, stoße ich hervor. »Sie haben mir ein geschäftliches Angebot unterbreitet, das ich abgelehnt habe. Es gibt also nichts mehr zu sagen.«
Ich nicke ihm zu, drehe mich um und durchquere den Raum, der mir jetzt noch größer vorkommt als beim Eintreten. Mit einem leisen Seufzer erreiche ich endlich die Tür und strecke die Hand nach der Klinke aus – als eine dunklere der meinen zuvorkommt.
Jason Hart schiebt sich zwischen mich und die riesige Doppeltür, lehnt sich mit dem Rücken dagegen und schaut auf mich herab. Mit meinen eins achtundsiebzig bin ich für eine Frau nicht klein und mein Bruder ist sicher fast so groß wie er. Ich habe also mit hochgewachsenen Männern absolut kein Problem. Aber hier, so knapp vor ihm, fühle ich mich eingeschüchtert. Unsicher. Und ängstlich.
Er beugt den Kopf näher und ich gehe einen Schritt zurück.
»Ich mache Sie nervös«, stellt er fest.
»Wahrscheinlich bin ich den Umgang mit Männern wie Ihnen nicht gewohnt.«
»Das ist es nicht.« Er schüttelt den Kopf. »Ich glaube nicht, dass Sie meine Hautfarbe oder ganz einfach die Tatsache, dass Sie wissen, was über mich gesprochen wird, beeindruckt. Vielmehr denke ich, dass Sie mich ebenso attraktiv finden wie ich Sie.«
Meine Reaktion kann selbst ich nicht vorhersehen.
Reflexartig hebe ich die Hand und knalle ihm eine.
Meine gespreizten Finger zeichnen sich nun auf seiner Wange ab. Nicht rot, sondern weiß, kontrastieren sie mit seiner karamellfarbenen Haut.
Seine Augen funkeln, doch als er spricht, ist seine Stimme ruhig und sanft.
»Gehen Sie mit mir essen, Sophie.«
»Sie sind verrückt.« Ich trete zwei Schritte zurück und lege meine Hand auf seine Brust und schiebe ihn von mir, als er näher kommt.
»Ich verspreche, dass ich nicht mehr von Ihren Bildern sprechen werde. Vielmehr werde ich Ihnen mit Worten beschreiben, wie meine Lippen über Ihren Hals streichen, Sie hinter dem Ohrläppchen küssen, Ihren Mund berühren und erforschen. Wie meine Hände über Ihre Arme streifen, die Bluse von Ihren Schultern schieben und dann ...«
Allein die Vorstellung, dass dieser große, attraktive Mann genau das tun könnte, was er mit seiner warmen Stimme so bildlich beschreibt, jagt Hitze direkt zwischen meine Beine. Ich kann die Feuchtigkeit spüren, die aus mir austritt, bin entsetzt. Seit Markus hat nie wieder ein Mann meine Gedanken beherrscht. Keiner hat mich berührt – nirgendwo. Weder emotional noch physisch. Und jetzt ...
»Lassen Sie mich gehen«, knurre ich.
»Wissen Sie, dass das Blau Ihrer Augen dunkler wird, wenn Sie wütend sind?«, fragt er grinsend.
Verflucht!
Jason Hart spielt mit mir und ich weiß nicht weshalb.
»Ich spiele nicht, Sophie. Ich meine es verdammt ernst.«
Erschrocken schaue ich zu ihm auf.
Habe ich schon wieder laut gesprochen?
»Gehen Sie mit mir essen und ich beweise es Ihnen.«
Er lässt nicht locker.
»Kein Bedarf«, erwidere ich, greife blitzschnell um ihn herum, drücke die Klinke nach unten – und flüchte durch den schmalen Spalt, der sich öffnet.
Mein Herz rast immer noch, als ich endlich aus dem Gebäude von Vibes Fashion auf die Straße trete und den direkten Weg zur Tiefgarage einschlage, in der mein Wagen parkt.
2
Drei Wochen später
Mit beiden Händen umfasse ich den Macallan, sodass meine Fingerknöchel weiß hervortreten. Der Umstand, dass ich mir des Werts des achtzehn Jahre gereiften Whiskeys bewusst bin, hält mich davon ab, die Flasche als Keule zu verwenden. Außerdem liebe ich das Vibes und würde nie etwas tun, um dem Ruf meines Lokals zu schaden. Aber das, was sich vor meinen Augen im hinter der Bar verlaufenden Rauchglasspiegel abspielt, übersteigt alles Dagewesene.
Ich neige den Kopf zuerst zur einen, dann zur anderen Seite, um die Nackenmuskulatur zu lockern. Robert erwidert meinen Blick mit einem Nicken und verwahrt den Macallan sicher hinter dem Tresen. Langsam schiebe ich mich vom Barhocker und richte mich auf.
Es hat unbestritten Vorteile, wenn man knapp eins neunzig groß ist. Ich muss mich nicht auf die Zehenspitzen stellen oder den Hals recken, um mir einen Überblick zu verschaffen. Doch nicht nur damit falle ich auf. Mit meiner Hautfarbe, die mir den Namen Toffifee eingebracht hat, bin ich wahrlich nicht der durchschnittliche Einwohner Wiens – und wirke auf die, die mich nicht kennen, einschüchternd.
In dem Moment, in dem ich mich umdrehe, in Bewegung setze und auf den Tisch zugehe, an dem der reiche Schnösel mit seiner Entourage sitzt, hebt einer seiner Freunde den Kopf und erstarrt. Dem daneben rutscht die Hand von der silikonierten Brust der Tussi, die sich jedoch nicht die Mühe macht, das glitzernde Schlauchtop über den frei gelegten Nippel zu ziehen. Stattdessen wölbt sie ihre aufgespritzten Lippen und deutet einen Kussmund in meine Richtung an. Angewidert wende ich den Blick ab. Ich ignoriere auch die Möchtegern-Models am Nebentisch, die allabendlich wie die Heuschrecken hier einfallen, weil sie auf einen Auftrag von Vibes Fashion hoffen, und gehe direkt auf den Mann Typ Bürschchen mit Schwabbelbauch zu, der mir süffisant grinsend entgegenschaut.
Seine Arme liegen beiderseits lässig ausgestreckt auf der Rückenlehne der halbrunden Sitzbank. Auf dem Boden vor ihm kniet eine Frau, die ihm einen Blowjob verpasst. Das allein wäre Grund genug, die ganze Truppe rauszuschmeißen – obwohl nach Mitternacht immer wieder jemand ein wenig über die Stränge schlägt. Aber diejenige, deren Kopf sich ruckend wie der einer Körner pickenden Taube bewegt, ist so gut wie nackt. Nur ein schmaler weißer Stoffstreifen zwischen ihren mageren Pobacken und die roten Sohlen ihrer High Heels leuchten mir entgegen. Nicht, dass es viel zu sehen gäbe. Die Kleine ähnelt einer halb verhungernden Katze, deren Skelett nur von der Haut zusammengehalten wird.
Sosehr es mich juckt, den Typen anzuschreien, der mit geöffneter Hose dasitzt, als ob das Vibes ein Puff wäre, so wenig lasse ich es mir anmerken.
»Es reicht«, sage ich ruhig, während Ella Fitzgerald im Hintergrund Moonlight in Vermont singt.
»Sagt wer?«, fragt er gelangweilt.
Der großkotzige Idiot, dessen Vater Wurstfabrikant ist, zuckt nicht einmal mit einer Wimper. Auch nicht, als der Hungerhaken zu seinen Knien laut aufstöhnt – offenbar um einen Orgasmus vorzutäuschen. Als Schauspielerin hätte sie keine Chance.
»Derjenige, der Sie vor die Tür setzt und Ihnen Lokalverbot erteilt. Ihnen und allen anderen an diesem Tisch.«
Mit einer Geste deute ich auf seine Freunde, die mich mit offenem Mund und unnatürlich geweiteten Pupillen anstarren. Dementsprechend lang ist ihre Reaktionszeit – doch als sie begreifen, springen sie auf und ziehen die Frauen mit sich. Die mit dem glitzernden Schlauchtop zerrt den Stoff endlich hoch, und zwar so sehr, dass sie nun oben bis zum Hals bedeckt ist, hingegen der Rippenbogen klar zu erkennen ist.
Einen der beiden erwische ich an der Schulter und drehe ihn im selben Moment um, in dem Robert mit der Rechnung auftaucht (... wir sind wahrlich ein perfekt eingespieltes Team!). Ich nehme das Papier und halte es hoch.
»Wer zahlt?«
»Er!« Der Typ ist zwar ziemlich hinüber, aber er streckt den Arm aus und deutet auf Mister Würstchen.
Die Doppeldeutigkeit ist absolut gerechtfertigt, stelle ich fest, als ebendieser den nackten Hungerhaken zur Seite schiebt und an seinem Hosenstall herumfummelt. Viel ist dort unten nicht zu sehen.
»Na, sicher nicht!«, schreit er jetzt, steht auf und zerrt mit hochrotem Gesicht an dem Reißverschluss, der nicht hochwill. Mein Blick wird von dem Zipfel hellblauen Feinripps eingefangen, der das Unterfangen vereitelt. Feinripp!
Ich verbeiße mir das Lachen, mache einen Schritt vor und bleibe vor ihm stehen, sodass er den Kopf in den Nacken legen muss, um zu mir aufzuschauen. Zwei Sekunden vergehen, eine dritte.
»Sie haben die Wahl.« Ich ziehe die Kunstpause in die Länge, bevor ich weiterspreche. »Kreditkarte oder Polizei.«
»Das wagen Sie nicht«, flüstert das Bürschchen mit weit aufgerissenen Augen und stellt dabei den Versuch ein, die Hose zu schließen.
»Unsittliches Verhalten in der Öffentlichkeit ist ein Strafbestand und es gibt unzählige Zeugen sowie die Videoaufnahmen der Überwachungskameras«, erkläre ich ihm und trete einen Schritt zurück. Demonstrativ falte ich die Rechnung akkurat zusammen, schiebe sie in meine rückwärtige Hosentasche und schaue wieder zu ihm auf. »Die Polizei meldet sich dann bei Ihnen und Ihrer kleinen Freundin.« Die hat sich mittlerweile den fetzigen Fummel übergestreift, den sie offenbar als Kleid bezeichnet, und wirkt darin noch magerer als ohne.
Ich werfe Mister Würstchen einen letzten Blick zu, drehe mich um und mache einen Schritt, als die Frau »Jetzt tu doch was, du Vollidiot!« kreischt und ihre vogelgleichen Finger nach meinem Unterarm ausstreckt. Ich schüttele sie ab und gehe ungerührt weiter Richtung Bar.
»Herr Hart, warten Sie!«
Mister Würstchen springt vor mich und wedelt mit seiner goldenen Kreditkarte vor meinem Gesicht herum. Robert wirft mir einen grinsenden Blick zu und reicht mir über den Tresen das Lesegerät. Ich sage nichts und greife nach der Karte. Ungerührt beobachte ich, wie das Bürschchen mit zittrigen Fingern seine Unterschrift auf den Beleg kritzelt. Als er fertig ist, zwinge ich ihn, mich anzusehen, bevor ich seine Kreditkarte loslasse.
»Lassen Sie sich nie wieder hier blicken.«
Als er mit gesenktem Kopf an mir vorbeigeht, ist weit und breit keiner seiner Freunde mehr zu sehen. Auch der Hungerhaken ist verschwunden – und die wenigen Gäste, die um diese Uhrzeit noch hier sind, haben längst ihr Interesse verloren.
Robert schenkt meinen bevorzugten Whiskey in zwei Tumbler, schiebt mir eines der Gläser zu und meint: »Wieder einen von diesen Idioten losgeworden.«
Anstatt zu antworten, proste ich ihm zu und trinke einen Schluck. Nur schafft es nicht einmal der achtzehn Jahre gereifte Triple Cask Macallan, die Unruhe in mir zu vertreiben.
Seit dem Tag vor drei Wochen, an dem Sophie Schönfeld mich in doppelter Hinsicht abblitzen ließ und mich in meinem Büro wie einen dummen Jungen hat stehen lassen, bin ich einfach nicht mehr ich selbst.
»Sie geht dir nicht aus dem Kopf.«
Ich schaue nicht auf. Nicke nicht, verneine nicht. Robert kennt mich viel zu gut – und er ist der Einzige, dem ich von Sophie erzählt habe.
Am ersten Schultag in der Hotelfachschule hatte niemand neben ihm oder mir sitzen wollen, daher waren wir in derselben Bank gelandet. Unsere seither währende Freundschaft basiert also nicht auf spontaner Sympathie, sondern auf anfänglicher Gleichgültigkeit und erzwungener Annäherung. Er, der Sohn einer Zuwanderin aus dem ehemaligen Jugoslawien und einem Wiener, und ich, der einer brasilianischen Dragqueen und einer Mutter, die zwar unüberhörbar Wienerin war, aber von ziemlich dunkler Hautfarbe. Wir hatten uns gegen alle anderen abgeschottet, indem wir einfach nicht auf deren Hänseleien und blöde Sprüche reagierten, und waren ein Zweiergespann geworden. Im Laufe der fünf Schuljahre hatten wir ihnen gezeigt, dass Intelligenz absolut nichts mit der angeblich minderwertigen Herkunft zu tun hatte. Das Praktikum in den Sommermonaten hatten wir stets gemeinsam im Vibes absolviert. Mit neunzehn trat ich in den elterlichen Betrieb ein und war wie vor den Kopf gestoßen, als Robert das nicht ebenfalls tat. Stattdessen arbeitete er fast ein Jahrzehnt rund um die Welt auf Kreuzfahrtschiffen und in Luxushotels. Unsere Freundschaft war zwar nicht mehr so eng gewesen, doch als ich das Vibes übernahm und meine Eltern nach Südamerika zogen, reichte ein Anruf. Seit nunmehr acht Jahren ist er an meiner Seite und der absolute Star des Lokals – nicht nur, weil er höllisch heiß aussieht, wie ich ständig von unseren weiblichen Gästen zu hören bekomme. Keiner wirft Shaker und Flaschen hinter der Bar so elegant und sicher durch die Luft wie er.
Jetzt legt er seine Hand auf meine und ich schaue auf.
»Jason, seitdem wir fünfzehn waren, hast du Frauen immer nur als Mittel zum Zweck angesehen und dir nie etwas aus einer gemacht. Kann es sein, dass ...«
»Das stimmt nicht«, unterbreche ich ihn. »Denk an Leonie.«
Er lacht auf. »Sie ist deine beste Freundin, Jason, und die Geschäftsführerin von Vibes Events. Du hast sie damals am Bahnhof aufgelesen, ihr ein Dach über dem Kopf gegeben, ihr Studium bezahlt, und du liebst sie wie eine Schwester. Ich rede von etwas anderem.«
»Und zwar?«, frage ich knurrend und greife nach der Flasche, um mir nachzuschenken.
»Lass das«, erwidert Robert und nimmt mir den Macallan aus der Hand. »Du trinkst nie mehr als ein Glas, schon vergessen?«
»Stimmt nicht. Manchmal ...«
»Nicht mitten in der Nacht«, unterbricht er mich. »Außerdem ändert Alkohol nichts daran, dass du ständig an sie denkst. Das Einzige, was du damit erreichst, ist ein Brummschädel, und den kannst du dir bei deinem Arbeitspensum nicht erlauben. Geh lieber heim und schlaf ein paar Stunden. Du hast ja sicher wieder einen Haufen Termine mit Designern, Zulieferern oder Models. Ohne Augenringe sollte es kein Problem sein, eine von denen, die dir ohnehin in Scharen hinterherrennen, in die Kiste zu kriegen, um dich abzureagieren.«
»Ich will aber keine von denen.«
Ja, ich höre mich selbst in meinen Ohren an wie ein kleines Kind, was Robert mit seinem Lachen bestätigt.
»Nein, schon klar«, meint er grinsend. »Du willst Sophie Schönfeld. Nur tust du einen Scheiß dafür. Stattdessen läufst du seit drei Wochen herum wie ein verprügelter Hund, dem man den Lieblingsknochen weggenommen hat.«
»Quatsch.« Ich tippe mir an die Stirn. »Außerdem verstehst du nichts davon.«
»Meinst du? Nur weil ich genauso wenig auf feste Beziehungen stehe wie du, heißt das noch lange nicht, dass ich keine Gefühle habe. Oder hast du vergessen, wie verliebt ich damals war?«
»Du redest von der spanischen Botschaftssekretärin, der du nachgestiegen bist?«
»Nicht ich ihr, sondern sie mir. Sonst hätte sie wohl nicht jeden Abend hier an der Bar gesessen.«
Ich lache schallend auf. »Ihr habt jede Nacht Matratzenakrobatik betrieben, und zwar bei dir und nach Feierabend. Sie tauchte doch immer erst so um Mitternacht auf, weil sie sich zwischen ihrem Job und euren nächtlichen Sexmarathons ausschlafen musste.«
»Auch wieder wahr«, gibt Robert grummelnd zu. »Aber ich war in sie verliebt, und wenn sie nicht zurückgegangen wäre ...«
»Warst du nicht. Ebenso wenig wie sie. Sonst hätte sie sich auf Dauer versetzen lassen, anstatt nach Madrid zurückzugehen. Oder du wärst ihr gefolgt. Ein Barkeeper mit deinen Kenntnissen bekommt überall einen Job, das hast du ja in der Vergangenheit hinlänglich bewiesen.«
Er zuckt mit den Achseln, gießt sich ein Glas Wasser ein und leert es, bevor er mir antwortet.
»Möglich, dass ich mehr hineininterpretiert habe, nur reden wir jetzt nicht von mir, sondern von dir. Diese Frau, die so zurückgezogen lebt, dass es von ihr keine Spur im Internet gibt, hat dich total verändert. Am Anfang dachte ich, dass sie dich in deiner Ehre gekränkt hat, weil sie dein Angebot einer Zusammenarbeit ausgeschlagen hat. Aber das ist es nicht. Wie lang war sie bei dir? Eine Viertelstunde?«
»Zehn Minuten«, berichtige ich ihn, doch er spricht einfach weiter.
»Sie muss außerordentlich sein und zudem eine Wahnsinnsfigur haben, wenn sie es geschafft hat, dich derart durcheinanderzubringen. Und das, obwohl sie offenbar einen biestigen Charakter hat.«
»Ich würde sie eher mit einer Chilischote vergleichen. Schön anzusehen, aber höllisch scharf, sodass man sich an ihr verbrennt.«
»Unfassbar.« Robert grinst. »Der einzigartige Jason Hart, der ein weit geöffnetes Herz für Problemfälle hat, es hingegen mit einem frostigen Panzer umgibt, wenn es sich um Frauen handelt, ist verknallt.«
»Red nicht so blöd. Solchen Unsinn sagen nur Kinder. Ich finde sie interessant, mehr nicht.«
»Unsinn redest du, mein Freund. Nenn es, wie du willst, aber diese Künstlerin hat dich an den Eiern. Du bist einfach nicht mehr du, und wenn du nicht rasch etwas tust, wird dein Job darunter leiden. Und das«, er streckt seinen Arm über den Tresen und bohrt mir seinen Zeigefinger in die Brust, »ist dann nicht mehr nur dein Problem. Denn falls du Fehler machst und Geschäfte in den Sand setzt, riskierst nicht du allein, sondern mit dir auch all deine Mitarbeiter und die Menschen, die von deinen Hilfsprojekten abhängig sind. Willst du das?«
Verdammt! Etwas zu wissen, ist eine Sache. Es zu hören und die möglichen Konsequenzen aufgezeigt zu bekommen, eine andere.
»Und was soll ich deiner Meinung nach tun?«, fahre ich ihn an. »Ich weiß ja nicht einmal, wo sie wohnt, und ihr Galerist will es mir nicht sagen.«
Robert schüttelt grinsend den Kopf.
»Warum fragst du ihn und nicht mich? Du weißt doch, dass ich in nahezu allen wichtigen Behörden jemanden kenne. Geh heim, schlaf dich aus und widme dich dann deiner Mode. Sobald ich es weiß, schick ich dir eine Nachricht.«
»Wann?«
Robert verdreht die Augen.
»Spätestens morgen Abend.« Er wirft einen Blick auf den Chronometer auf seinem Handgelenk und berichtigt sich. »Heute Abend. Und jetzt schau, dass du wegkommst, damit ich abrechnen kann.«
Als ich das Vibes kurz darauf durch den Vordereingang verlasse, bemerke ich erstaunt, dass nur noch ein Tisch im vorderen Bereich besetzt ist. Der Grund dafür wird mir erst klar, sobald ich ein paar Minuten später meine Wohnung betrete und mein Blick auf die Wanduhr fällt. Es ist fünf vor zwei. Kein Wunder, dass ich mich zerschlagen fühle – und doch wälze ich mich wieder schlaflos herum. Ständig sehe ich Sophies apfelförmigen Po in den hautengen Jeans vor mir. Das war der letzte Eindruck, der sich mir bei ihrem bühnenreifen Abgang eingeprägt hat, während ich ihr nachsah. Und der blonde Pferdeschwanz, der dabei wie ein Pendel nach links und rechts schwang. Seine Wirkung ist es, die mich schließlich im Morgengrauen in einen unruhigen und viel zu kurzen Schlaf versinken lässt.
3
Samuel zieht sich auf den Hocker vor der Kücheninsel und schnappt sich eine der bereits geschälten Karotten.
»Du sollst nicht stehlen«, weist ihn Marie zurecht.
»Das ist Nahrungsbeschaffung, kein Diebstahl«, erwidert er naseweis und beißt ein Stück ab. »Außerdem habe ich Hunger.«
Ich kann mir das Lachen nicht verbeißen. Mit seinen schwarzen Locken und der kaffeebraunen Haut ist er nicht nur einer der hübschesten kleinen Jungen, die ich kenne, er ist mit absoluter Sicherheit der intelligenteste. Und er ist zu jeder Tageszeit hungrig – selbst wenn er zu Mittag einen großen Teller Grießnockerlsuppe und drei Palatschinken gegessen hat.
»Nimmst du deinen Schulkameraden auch alles weg?«, fragt ihn meine Freundin.
»Natürlich nicht, Mama, im Gegenteil. Ich gebe den anderen immer von den selbst gebackenen Schokokeksen oder vom Gugelhupf ab, weil sie so traurig schauen, wenn du mir etwas davon für die Pause einpackst.«
Marie unterbricht das Schälen und sieht auf.
»Und was isst du?«
Samuel zuckt mit den Achseln. »Manchmal geben sie mir ein Stück von ihrem Brot oder Obst. Was sie halt so haben.«
»Und die anderen Male?«
»Esse ich mittags mehr, so wie heute«, meint er lakonisch.
»Aber ...«
Ich lege meine Hand auf ihre Schulter und sie unterbricht sich.
»Er trägt das Gen der Nächstenliebe in sich wie du und ...«
»Wie wir alle«, kommt sie mir zuvor, ergreift die Karotte und setzt den Schäler wieder an, während ich die nächste Kartoffel zerkleinere.
Wir vermeiden es in Samuels Gegenwart grundsätzlich, von unseren Männern und der gemeinsamen Zeit in dem riesigen zentralafrikanischen Staat zu sprechen. Denn unweigerlich würde er dann die Frage stellen, die wir nicht beantworten wollen. Für die ehrliche Antwort ist er mit seinen sieben Jahren noch zu klein – doch sie wird ihn verändern, egal, wann er sie erhalten wird.
Emmanuel Malamba, sein Vater, war der kongolesische Stützpunktleiter der NGO, für die Markus und ich unmittelbar nach unserer Hochzeit in die Demokratische Republik Kongo gegangen waren. Schon am Tag unserer Ankunft in Kinshasa stellte er uns seine Frau Marie, eine Krankenschwester aus Österreich, und den einjährigen Samuel vor. Mit Emmanuels Hilfe verbesserten wir unsere vor Ort dringend erforderlichen Französischkenntnisse, von Marie lernten wir all das, was man für ein halbwegs komplikationsloses Leben in einem derart gefährlichen, fremden Territorium benötigte. Markus und ich waren uns damals einig, dass wir uns ohne die beiden niemals in so kurzer Zeit eingegliedert hätten. Denn nicht der Wille zu helfen und das Fachwissen sind die Basis der Entwicklungsarbeit, sondern die Fähigkeit, sich den Menschen und ihrem Land anzupassen und ihnen vorurteilsfrei entgegenzutreten.
Wir vier wuchsen so eng zusammen, dass es im Beisein anderer bald keiner verbalen Kommunikation mehr bedurfte, damit wir einander verstanden und gemeinsame Entscheidungen trafen. Und dann war da noch Samuel, der sich vom Krabbelkind, das er bei unserer Ankunft gewesen war, zu einem kleinen Wirbelwind entwickelte, der bereits mit dreieinhalb erste Wörter in seinen französischen und deutschen Kinderbüchern lesen konnte. Er war vier, als sein Vater und Markus am selben Tag starben – und er schien alles Zurückliegende vergessen zu haben, sobald er in Wien aus dem Flugzeug stieg, in das er und seine Mama in Kinshasa gestiegen waren. Wie sehr ich ihn dafür beneide!
Marie, die nur ein Jahr älter ist als ich, war gerade erst zwei Monate alt, als sie in das damalige Zaire kam. Ihre Mutter hatte sie ihn Wien zur Welt gebracht, da sie sich als Spätgebärende der Risiken mehr als nur bewusst war – und zudem Ärztin wie ihr Mann. Die heutige Demokratische Republik Kongo war Maries Heimat – und die internationale Hilfsorganisation MSF, Ärzte ohne Grenzen, gewissermaßen ihre Familie. Nur die Ausbildung zur Krankenschwester hatte sie in Österreich absolviert – hatte hier jedoch weder einen Wohnsitz noch Verwandte.
Ich nahm sie mit in das Haus im Weinviertel, das Markus von seiner Großmutter geerbt hatte (und ich von ihm), und das von meinem Vater und Bruder, die in der Baubranche tätig sind, nach unseren Plänen renoviert und umgebaut worden war. Nie wieder würden Marie und ich in das Land fliegen, in dem wir die Männer verloren hatten, die wir liebten – das hatten wir uns geschworen. Ich wollte aber auch nicht mehr in der pulsierenden Metropole an der Donau, meiner Heimatstadt Wien oder gar bei meinen Eltern leben. Mit siebenundzwanzig war ich längst erwachsen – und Witwe. Was ich brauchte, waren Marie und Samuel – denn sie waren seit Jahren das, was einer Familie am nächsten kam.
Zwischen den sanften Hügeln mit ihren Weingärten fanden wir die Ruhe, die wir benötigten, um den immensen Schmerz in einen dumpfen zu verwandeln. Sosehr ich meine Eltern und meinen Bruder liebe – das Leben ist nur eines, und das meine, das bis dahin so wundervoll gewesen war, war abrupt unterbrochen worden. Der Schnitt war so tief, dass die Straße, auf der ich mich befunden hatte, einfach nicht mehr da war. Eine Mure hatte sie verschüttet und die Felsbrocken waren riesig. Ich konnte sie weder entfernen noch über sie klettern, um auf die andere Seite zu gelangen. Die einzige Möglichkeit war die, ihnen auszuweichen und einen neuen Weg zu suchen.
Ich begann zu malen und Marie kaufte Stoffe, Garne und Fäden. Daraus fertigt sie nähend und stickend kleine Kunstwerke, die sie über einen Internet-Shop verkauft. Dort hat sie vor zwei Jahren auch ein erstes Bild von mir angeboten – und ich wurde von dem Galeristen entdeckt, der seither als mein Agent fungiert und meine Bitte um Anonymität respektiert. Mittlerweile leben Marie und Samuel im nächsten Dorf – und ich genieße das Alleinsein ebenso wie unsere Einkochtage.
Denn Kochen ist etwas, was in Afrika aus der Notwendigkeit geboren wurde und für uns beide zur Leidenschaft wurde. Lebt man in kaum besiedelten abgeschiedenen Gebieten im Kongo, bleibt einem nämlich nichts anderes übrig, die sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit im Übermaß gekauften Lebensmittel zu konservieren. Das gilt natürlich auch hier für all das, was auf dem zum Haus gehörenden Grund wächst oder von den Bauern rundum zu lächerlichen Preisen abgegeben wird, weil es für die verwöhnten Großstädter nicht gut genug ist. Deshalb schälen und schnipseln wir krumme Karotten, kochen Suppe aus kleinen Kartoffeln und stellen Marmeladen und Gelees her, die Marie ebenfalls über den Shop vertreibt.
»Was machst du denn mit dem Erdapfel, Sophie?«, fragt Samuel kichernd, und Marie deutet lachend auf die Kartoffel, die ich mit dem Messer in klitzekleine Schnipsel geschnitten habe.
»Sie ist in letzter Zeit ein wenig eigenartig, findest du nicht?«, meint meine Freundin zu ihrem Sohn, der altklug nickt.
»Ja, seitdem sie in Wien bei diesem Mann war.«
Ich spüre, wie Hitze in meine Wangen schießt. Hektisch wische ich die Hände an meiner Schürze ab, gehe eilig zum Kühlschrank und greife wahllos nach zwei Flaschen.
»Wollt ihr was trinken?«, stoße ich aus und drehe mich zu ihnen um.
Marie lacht auf. »Tomatensoße? Und Wein am Nachmittag ist doch eigentlich auch nicht deins, oder?«
Meine Gesichtsfarbe ähnelt mittlerweile der Farbe der Soße in der Flasche, die ich erstaunt hochhebe.
»Kaffee?«, frage ich ausweichend.
»Den natürlich gern, allerdings nicht für Samuel.« Marie zwinkert mir zu.
Sie spricht es nicht aus – es muss ja auch Dinge geben, die ihr Sohn nicht weiß –, doch ich sehe ihr an, was sie denkt. Seit dem Termin bei Vibes Fashion sind mehr als drei Wochen vergangen, aber ich bin immer noch komplett durch den Wind. Jason Hart geht mir nicht aus dem Kopf. Tagsüber tanzt er ständig durch meine Gedanken und lenkt mich ab. Nicht, dass ich nichts gemalt hätte – im Gegenteil. Nur zeigen die Bilder, die seither wie in einem Rausch entstanden sind, alles andere als Herbststimmung in gedeckten Farben. Sie werden von Rottönen beherrscht, sind feurig und sprühen vor prickelnder Lebenslust.
Marie sagt, dass die alte Sophie, die Frau, die ich früher einmal war, an die Oberfläche drängt und sich dies in meinen Kunstwerken zeigt.
Hingegen bin ich davon überzeugt, dass ich mir in Wien einen exorbitant bösartigen Virus eingefangen haben muss. Ich weiß doch, dass mir die Großstadt nicht guttut. Am allerwenigsten die Innenstadt, wo sich Tausende von Menschen auf so wenig Raum befinden, dass jedem von ihnen der Sauerstoff zum Atmen fehlt.
Genau. Das ist es!
Es begann in dem Wartezimmer, in dem ich geschlagene vierzig Minuten idiotische Artikel in viel zu erotisch angehauchten Zeitschriften durchgeblättert – und zwei davon sogar gelesen habe. In Ermangelung der guten Luft des Weinviertels, die für mich eine Selbstverständlichkeit ist, litt ich unter Sauerstoffmangel, weshalb meine Erinnerungen an das Gespräch mit Jason Hart schlichtweg verzerrt sind. Ebenso wie die an ihn persönlich, sein Gesicht, die Haare, seinen Körper. Nur deshalb liege ich jeden Abend stundenlang mit weit geöffneten Augen in meinem Bett und versuche mich zu erinnern. An das, was er gesagt hat. An seine Stimme, die schlanken eleganten Hände mit den weißen Fingernägeln, seine karamellfarbene Haut, die vollen Lippen und die breiten Schultern und seine sexy Kehrseite ...
»Ich denke, den kannst du wegschütten«, reißt mich Marie aus meinen Gedanken.
