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"Auf einmal änderte sich sein Gesichtsausdruck und seine normalen Fingernägel verwandelten sich in schwarze Krallen und bis kurz vorm Fingermittelgelenk entstanden Schuppen, die seine kompletten Fingerkuppeln bedeckten. Außerdem wuchsen um seine Augen herum ebenfalls schwarze Schuppen, die bis zu seinen Wangenknochen reichten. Seine Eckzähne verlängerten sich und wurden zu spitzen Reißzähnen. Dann riss seine Kleidung kaputt und aus seinem Rücken kamen schwarze, schuppige Flügel hervor, die die Möbel um sich herum wegrissen." Willkommen in meinem Gehirn! Diese Geschichte ist der Eintritt um die Welt von Jennifer, einer jungen Frau, die sich im jungen Erwachsenenalter ihrem Schicksal stellen muss. Dabei begleiten sie die aufgeweckte und ungeschickte Christina, ein Unicornis, und der leicht wahnsinnig wirkende und weise Fiete, ein Dragnitum. Nachdem Jennifer einige eigenartige Erlebnisse durchmachte, erfährt sie von Christina und Fiete ihre wahre Identität und muss feststellen, dass eine riesige Welt neben der ihr bekannten existiert, die durch Systeme aufrecht erhalten wird, die sie erst noch verstehen muss. Sie lernt viele neue Leute kennen, die nicht unterschiedlicher sein könnten, erfährt mehr über ihren Ursprung und muss sich Ängsten stellen. In diesem einen Jahr passiert viel und krämpelt ihr ganzes Leben für immer um! Aber was hat ihre älteste Schwester Pia damit zu tun?
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Seitenzahl: 426
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Vielen Dank an meine Mutter für deine Unterstützung An Evita, Mathia & Lisa für euer Korrekturlesen An Annika für die großartigen Bilder
Und ganz besonders an Lina! Du hast das Buch nicht nur einmal korrekturgelesen, mir sehr hilfreiche Tipps gegeben oder mir die ganze Zeit zugehört, sondern hast dem Buch ein umwerfendes Cover verpasst! Vielen Dank, dies werde ich dir nie vergessen!
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Hoffentlich habt ihr so viel Freude am Lesen, wie ich es am Schreiben hatte!
Ein Märchen?!
Ein Wiedersehen?!
Eine einfache Ankunft?!
Eine ganz normale Party?!
Friedliches Erwachen?!
Frohe Weihnachten?!
Ein normaler Tag?!
Schwere Päckchen?!
Endlich 18?!
Eine etwas andere Welt?!
Was bist du?!
Wir fliegen?!
Das Wiedersehen?!
Eine volle Geisterstadt?!
Die Flucht?!
Das Erwachen?!
In Gefangenschaft?!
Der Verlust eines Freundes?!
Die Ankunft?!
Neue Freunde?!
Ein ruhiger erster Tag?!
Ein normales Training?!
Es wird härter?!
Alles nur ein Traum?!
Ewiges Warten?!
Fünf Monate später?!
Das Buch der Maria Petrow?!
Der letzte Abend in der Villa?!
Das Millennium Schloss?!
Der Orden?!
Sterne?!
Der Wahnsinn im Kampf?!
Eine Nacht zu zweit?!
Ein ganz normaler Geburtstag?!
Abschied?!
Ein weiterer Verlust?!
Nur ein Traum?!
Durchbrochene Pläne?!
Das Tor zur Hölle?!
Der Mann, der tot sein müsste?!
Eine unmögliche Bitte?!
Das Lied vom Tod?!
Eine Überleitung?!
Der Stein der Neugeburt?!
Ungebetener Gast?!
Eine öffentliche Hinrichtung?!
Eine Nacht in der Wüste?!
Reine Einbildung?!
Eine verwilderte Seele?!
Zu spät?!
Verlorene Freundschaften?!
Bruderliebe?!
Ein ruhiges Ankommen?!
Jäger?!
Blutsverwandtschaft?!
Verzweiflung?!
Wissen?!
Gladio Amet?!
Eine ewige Verbundenheit?!
Erwache?!
Rückkehr?!
Albträume?!
Fietes Sünde?!
Ein grausamer Weg zum Tod?!
Alter Bekannter?!
In Gefangenschaft?!
Niemand?!
Die Wiedergeburt?!
Alleine?!
Auf zur Rettung?!
Auf Reisen?!
Einige Stunden später?!
Freiheit?!
Ein neues Kapitel?!
Einleben?!
Eine letzte Feier?!
Ein älterer Herr sagte einst zu seiner noch sehr jungen Enkelin: „Mein Kind. Träume nicht, sondern setze dir Ziele, denn Träume bleiben nur unbedeutende Träume!“ Dieses kleine Mädchen nahm sich die Worte ihres Großvaters zu Herzen und merkte sich diese für ihr ganzes Leben.
Eines Tages starb ihr Großvater, der sie vor Jahren aufnahm, als ihre Eltern und Geschwister in einem grausamen Feuer ums Leben kamen. Nun war sie alleine …
Sie hungerte und bettelte um Essen oder Geld. Dafür zog sie in die nächst größte Stadt, in der Hoffnung, dass unter all diesen vielen Menschen wenigstens einer sei, der ihr helfen würde.
Jahre vergingen und mit dem Hunger kam auch Verbitterung, die sie allmählich beherrschte. Es sollte nicht lange dauern, bis sie stahl, um am Leben zu bleiben.
Die Menschen der Metropole behandelten sie stets schlecht und je älter sie wurde und je erwachsener sie wirkte, desto weniger Mitleid bekam sie. Leider war sie auf dieses nun einmal angewiesen als Straßenkind. Doch mit dem Alter kamen auch die lustvollen Blicke der Männer und so eine neue Form der Möglichkeit, um an Geld zu kommen … Sie verkaufte sich und ihren Körper.
Männer jeden Alters zahlten, um mit dem jugendlichen Mädchen zu schlafen und sie nahm es mit offenen Armen an. Verheiratete Männer, alte Männer, reiche Männer, Adelige und Ritter zahlten für einen Blick unter den Rock des Mädchens. Einige nutzten sie aus und zahlten nicht oder nur lächerlich wenig. Es wurde fast zur Gewohnheit, dass sie vergewaltigt wurde. Sie lernte jenes Geschlecht zu verabscheuen, da sie sämtliche Menschen belogen. Sie belogen ihre Frauen und ihre Kinder; sogar das Volk, das ihnen vertraute.
Doch dann wurde sie schwanger und aus der Verzweiflung heraus beschloss sie, kein Kind in diese grausame Welt zu setzen. Sie konnte es nicht verantworten, dass es das Ergebnis einer Gräueltat war. Und noch viel weniger ertrug sie den Gedanken, dass es so enden würde, wie sie es tat.
Daher trieb sie es ab, bevor es überhaupt auch nur ein wenig dieser Welt kennenlernen konnte. Dafür nahm sie sich einen rostigen Metallstab, der eine Spitze hatte. Das Risiko, sich zu verletzen und durch eine Entzündung zu sterben, war hoch, doch nahm sie dies in Kauf, wenn es das Kind von der Welt fernhalten würde. Langsam, obwohl das Leben ihr ihr starb, erblühte etwas Anderes in ihr.
Mittlerweile war sie aufgewachsen und wurde zu einem Ebenbild Mutter Natur. Langsam sah man sie. Man nahm sie wahr.
In den Jahren der Prostitution war sie sicherlich berührt worden, aber keiner sah sie als Mensch, sondern nur als Objekt oder Plage.
Doch jetzt war da dieser Mann; dieser erfolgreiche und wohlhabende Mann, der sie ansah. Er wollte keinen Sex und wollte auch nicht, dass sie weiter Sex hatte. Daher gab er ihr Geld und brachte ihr regelmäßig Essen. Sie unterhielten sich und lachten laut.
Dann, an einem Morgen, bat er um ihre Hand an und sie sagte „Ja.“ Seine Familie war dagegen und so trennte er sich Stück um Stück von dieser und kümmerte sich um seine neue Frau. Sie verspürte wieder so etwas wie Glück und dachte sogar über Kinder nach … Jedoch kam es dazu nie, da sie durch die vielen verschiedenen Männer Geschlechtskrankheiten bekommen hatte und durch die häufigen Abtreibungen dann früher oder später unfruchtbar geworden war.
Ihr Gatte war nicht gerade glücklich darüber und als er dann seinen Beruf verlor, schien der Alkohol sein einziger Freund zu sein. Er verbitterte und verfiel in tiefe Depressionen. Sie versuchte noch zu retten, was nicht zu retten war, und musste so zusehen, wie sie ihren Gatten an den Alkohol verlor. Leider genügte dies nicht und er wurde wütend. Immer häufiger bekam er Gewaltausbrüche und zerschlug Gläser oder vernichtete Möbel, doch eines tat er nie; er schlug niemals sie.
Je tiefer er aber in das Glas schaute, desto weiter sank seine Hemmschwelle, bis er schließlich doch Hand an seine geliebte Frau legte. Nun entwickelte sich der Ritter zum Henker. Er schlug sie, vergewaltigte sie und sperrte sie schließlich ein, als sie versuchte, sich von ihm zu trennen.
Sie träumte von einer schöneren Welt. Sie träumte von ihrer Freiheit … Plötzlich kamen ihr wieder die Worte ihres Großvaters in den Sinn, an die sie schon viele Jahre nicht mehr dachte, und sie beschloss für sich, dass sie ihre Träume in Ziele umsetzen würde!
Ihre Entschlossenheit wuchs und dann wurde diese zu Kraft. Sie entwickelte Fähigkeiten, die sich keiner hätte erträumen können und als die Gelegenheit sich ergab, brachte sie ihren Ritter um die Ecke.
Blut geleckt ging sie in die Welt hinaus, entwickelte ihre Kräfte und tötete einen Mann nach dem anderen. Sie sah eine Welt ohne Männer und wollte ihre Vorstellung in die Tat umsetzen. Ganze Armeen vernichtete sie mit einem Wimpernschlag. Sie wirkte fast unbesiegbar und altern wollte sie auch nicht mehr.
Sie war mächtig, wunderschön, unsterblich und extrem wütend und verbreitete Angst und Schrecken im ganzen Land und irgendwann im ganzen Kontinent, bis schließlich die ganze Welt sie fürchtete!
Sie bekam über die Jahrzehnte Anhänger und verschonte nur Männer, wenn sie als Sklaven fungierten und zur Fortpflanzung benötigt wurden. Aber auch Feinde bildeten sich und darunter eine Frau. Eine Frau, ebenso schön und ebenso mächtig wie sie und sie wollte den Tyrannen stoppen.
Nur mit viel Unterstützung und aberhunderten Anhängern konnten sie dann schließlich die wütende Frau vernichten. Doch bevor sie ging, warnte sie noch: „Ich werde wiederkommen, dies schwöre ich euch, und wenn es soweit ist, dann werde ich euch alle unter meiner Wut ausrotten und grausame Rache nehmen!“
Viele Jahrhunderte des Friedens kamen einher, doch dies täuschte, denn der Mann führte weiter Krieg. Denn vieles verging mit der Zeit, selbst diese Geschichte wurde mehr und mehr als ein Märchen angesehen, doch die Habgier siegte kläglich über das Gute der Welt!
Die Angst vor der Wut dieser Frau schwand, doch ihre Anhänger vergingen nicht und sie setzten sich als Ziel, ihre Führerin aus den Tiefen der Hölle zu reißen, und sie waren voller Hoffnung, denn es war ein Ziel und kein Traum!
Jen oder auch Jenny. So nannte mich jeder. Natürlich war das nicht mein richtiger Name. Eigentlich hieß ich Jennifer Maria Elizabeth Roth. Warum so lang? Keine Ahnung. Meine Vermutung ist, dass zu meiner Geburt meine Eltern high waren. Sicherlich, da steckte eine Bedeutung hinter, aber echt, drei Vornamen? Elizabeth und Maria waren zwei Kontrahenten in dem Lieblingsmärchen meiner Mutter. Sie las mir stets aus ihm vor und ich lauschte ihr. Leider starb sie ein Jahr, nachdem meine kleine Schwester Lilly auf die Welt kam.
Lilly. Sie war ein so liebes Mädchen. Zu Beginn meiner Geschichte war sie gerade neun geworden und sie war mein kleiner Lichtblick. Ein Mädchen, welches so wenig Böses in sich trug, dass selbst ein Engel neben ihr wie ein Dämon erschien. Offen und freiherzig, damit rüstete sich ihr Charakter. Dadurch, dass sie sehr ehrlich war, kamen auch einige witzige Situationen zustande.
So hat William, unser Vater, ihr einst in einem Geschäft gesagt, dass sie keine Süßigkeit bekommen würde. Dies mache fett, meinte er. Kurze Zeit darauf stand natürlich an der Kasse eine … kräftige Frau vor ihnen. Ohne jemandem zu schmerzen, sagte sie völlig unverfroren: „Die Frau hat auch ganz viele Süßigkeiten gegessen.“ William entschuldigte sich direkt und die Frau nahm es mit Humor, doch peinlich war es dennoch.
William. William, nun ja … er hatte seine Höhen und Tiefen. Zu diesem Zeitpunkt jedoch eher seine Tiefen. Er passte in die Klischees der Welt. Gerade in die fünfziger gekommen, lebte er seine Midlifecrisis voll aus. Einen neuen Sportwagen und eine Freundin, die gerade um die dreißig geworden war. Mein Bruder Peter fand den Sportwagen natürlich klasse, auch wenn es ihn mauserte, dass er das schicke Gefährt nicht fahren durfte.
Peter. Ein so liebevoller … Falsches Familienmitglied. Er war ein junger Mann. 22 Jahre alt, doch ausziehen wollte er auch nicht. Wie auch, ohne Einkommen? Natürlich studierte er. Wohl kaum! Fleißig am Nichts tun, nutzte er das Glück seiner Gene und legte ein Mädchen der Nachbarschaft nach der anderen flach. Mitleid? Kein Stück. Langsam sollte das bekannt sein und das Dorf, in dem wir wohnten, war auch nicht sehr groß.
Dump Valley. Korrekt, so hieß das Kaff. Etwa 10 000 Einwohner. Selbst Konzerte von Lady Gaga toppten diese doch recht überschaubaren Zahlen. Wir zogen nach Dump Valley, nachdem Mutter verstarb. Aus der Stadt Hamburg, Deutschland, ging es dann in das Kaff Dump Valley, USA. Knapp an der Grenze nach Kanada, war der dunkle Teint beinahe schon utopisch. Wenigstens waren die Winter ein Traum. Wir kannten den Ort aber auch nur wegen meiner Tante Ilana.
Sie schwieg eher. Besonders nach dem Tod ihrer Schwester, meiner Mutter, sagte sie nichts mehr. Ilana Johanna Reichsberger war in ihren besten Jahren. 60 Jahre jung war die Gute. Etwas skurril war sie dennoch. Sie hatte einen Keller, der stets verschlossen war. Wo der Schlüssel war, war jedoch unbekannt. Vielleicht hatte sie ihn verschluckt. Zuzutrauen war es ihr. Aber Ilana war eine große Hilfe in den letzten Jahren. Da mein Vater der Dorfdoktor war, musste er viel arbeiten und Tante Ilana passte in der Zeit auf uns auf. Schließlich war sie unsere Nachbarin.
Ich war 17, als alles anfing, doch war es Dezember und einen Monat darauf sollte ich 18 werden. Mein Vater holte mich mit seiner Midlifecrisis-Karre von einer Freundin ab, als er mich erneut fragte, was ich denn jetzt machen wolle. Während ich mich also in den zu tiefgelegten Sportwagen legte, sitzen konnte man das nicht mehr nennen, verneinte ich hinsichtlich seiner Frage. „Schatz.“ – „Will.“ – „Du musst langsam überlegen, was du mit deinem Leben machen möchtest.“ – „Ich weiß.“ – „Du willst doch nicht wie dein Bruder enden.“ – „Good Point! Ich werde lieber wie Pia. Ehefrau“, konterte ich.
Pia ist meine älteste Schwester und lebte in New York City. Zusammen mit ihrem Ehemann James füllten sie zu zweit die letzten drei Stockwerke eines Gebäudes in Manhattan. Jedoch war sie mein Kompass. Ich bat sie stets um Rat, wenn ich nicht weiterwusste. Leider verringerte sich unser Kontakt, als sie umzog, aber wir telefonierten des Öfteren.
Zuhause angekommen, warf ich kurz einen Blick auf mein Smartphone, doch nichts war zu sehen. Ich zwängte mich aus dem fahrenden Bett und ging ins Haus, welches einen schmuddeligen Weißton vom Regen und Dreck bekommen hatte. Mir kam meine kleine Schwester Lilly entgegen, die mich voller Freude ansprang. Sie war mein Welpe, der sich freute, wenn Frauchen wieder heimkehrte.
„Ich bin in meinem Zimmer“, kündigte ich an und verschwand in meinen vier Wänden. Ich kramte meine Kopfhörer aus meiner Tasche, die ich kurz darauf in die Ecke schmiss, und steckte sie in die AUX-Buchse meines elektronischen Wunderwerks. Ich drückte eben auf Play und ließ mich in mein Kingsize-Bett mit Prinzessinnenwäsche fallen. Singend in Gedanken machte ich es mir bequem und schlief zügig ein. In einem richtigen Bett.
Wach wurde ich dann, als ich mir einbildete, dass Charli XCX meinen Namen rief. „Jenny ...“, sagte sie zunehmend lauter. „Verdammt nochmal Jennifer!“, schrie plötzlich jemand. Ich öffnete meine Augen und hatte den Zinken meines Vaters im Gesicht. „Jesus‘ Maria im Himmel! Erschreck mich doch nicht so“, meinte ich, als ich mir Luft beschaffte. William erwiderte: „Jetzt stell dich nicht so an! Es gibt Abendbrot. Holst du deinen Bruder?“ Ich nickte und er verschwand aus meinem Zimmer, welches überwiegend weiß und schwarz eingerichtet war … Ich brauche dringend eine Blume …, außer die Bettwäsche.
Das Zimmer von Peter war zwei Türen von meinem entfernt. Man darf sich das so vorstellen: Von der Treppe aus kam erst das Schlafzimmer von William, dann das Badezimmer, Lillys, meines, noch ein kleineres Badezimmer und das meines Bruders ganz hinten. William war zu faul, um bis nach ganz hinten zu gehen, weshalb er immer mich schickte, um die letzten beiden Türen zu gehen. Als wäre mein Zimmer der Boxenstopp zu Peter. Natürlich war ich ein liebes Mädchen und überwindete mich. Ich klopfte kurz. Niemand reagierte. Ich klopfte energischer. Immer noch keine Reaktion. Ich trat gegen die Tür.
„Was?“ – Ich nahm tief Luft, öffnete die Tür zur dunklen Seite der Macht und sagte, ohne viel Luft zu verlieren: „Essen.“ – „Ich verstehe dich nicht. Du musst lauter sprechen.“ – „Essen.“ – „Was?“ – „Essen! Verdammt nochmal!“, schrie ich, kurz bevor Peter begann, zu lachen: „Mist. Jetzt musste ich kontaminierte Luft einatmen. Du Arsch! Jetzt komm.“ „Ist ja gut, mein Engel“, erwiderte er.
Ich ging die hölzernen Stufen in das Erdgeschoss. Durch den Flur in das Esszimmer. Ein Durchgangszimmer zwischen Küche und Wohnzimmer. Der Raum und das Wohnzimmer wurden lediglich von einem Bogen getrennt, aber es ließ die Sitzecke etwas größer wirken. „Jessica“, meinte ich überrascht zu der Freundin meines Vaters. „Hallo Jennifer“, begrüßte sie mich. Ich zwang mir kurz ein Lächeln ab und ging in die Küche. „Was gibt es heute Schönes?“ „Lasagne“, antwortete Will.
Ich ging schnell an den Schrank und holte Teller und Besteck für fünf Personen heraus. Plötzlich fragte mich Will: „Wo ist Peter?“ – „Er wollte kommen.“ – „Heute räumt der Junge alles alleine ab. Okay, danke.“ Ich nickte kurz und brachte alles zu Tische. „Alles gut?“, fragte mich Jessica mit ihrer piepsigen Stimme. Ich reagierte: „Natürlich.“ – „Auch.“ – „Schön …“ … Habe ich danach gefragt? …
Mittlerweile saßen alle am Essenstisch, nur Peter ließ auf sich warten. „Komme ich zu spät?“, scherzte er. Will bestrafte ihn mit einem bösen Blick, doch Peter setzte sich schnell und damit verflog auch der Blick schnell wieder in die Nichtigkeit.
„Ich habe etwas anzukündigen“, begann Will: „Ich habe eben mit Pia telefoniert und sie bat uns an, dass wir doch die letzten Wochen bis über die Feiertage bei ihr und James in New York verbringen können. Sie meinte, dass wir doch so mal alle die neue Wohnung sehen könnten.“ Die Nachricht stieß natürlich auf positive Resonanz und so beschlossen wir, dass wir sie direkt am nächsten Wochenende besuchen. „Was sagst du dazu, Jenny?“, fragte Will auf einmal. „Super Idee“, meinte ich unverzüglich und versank zurück in meine Gedanken.
Nach dem Essen räumte Peter den Tisch ab … Von wegen Peter … und ich ging zurück in mein Zimmer. Ich schaute noch einmal kurz auf mein Display, doch auch jetzt war keine Nachricht zu sehen. Ich hatte nicht viele Freunde, wie es schien, und seitdem die Schule aus war, musste ich feststellen, dass ich wohl schnell vergessen wurde. Ich hatte irgendwann keine Kraft mehr, den Kontakt zu suchen, und lernte mit der Einsamkeit zu leben.
Ich schlief in einem Schlabbershirt, ohne BH und mit Boxer Shorts, die ich von Peter gestohlen habe. Er stänkerte zwar immer viel darüber, doch wirklich darauf reagiert habe ich nie. Ich wollte mir eben keine eigenen kaufen.
Während ich auf meinem Bett lag, das neuste Album von Lady Gaga hörte und in der Dunkelheit alleine war, musste ich erschreckend feststellen, dass ich Urlaub von meiner Freizeit brauchte. In der Schulzeit versuchte ich, zwischenmenschlichen Kontakt zu umgehen, doch jetzt, wo ich keine Wahl mehr hatte, war es doch sehr einsam. Und in der Zeit, in der ich über mich und mein Leben philosophierte, gedanklich, schlief ich doch tatsächlich mit meinen Kopfhörern in den Ohren ein.
Erst Stunden später wachte ich auf, da meine Ohren schmerzten von den Dingern, die diese penetrierten. Mittlerweile war ich vermutlich das zehnte Mal durch das Album durch und ich beschloss dann, die Musik auszumachen und mich auf das Schlafen zu konzentrieren. Natürlich wagte ich einen Blick auf mein postmodernes Handy … eine Nachricht …
„Wen würdest du lieber ficken Mich oder meine Schwester?! Und ein Link“, stand in dieser … Nur eine Porno-SMS. Als sei ich so doof und klicke auf den Link … Ich löschte die Nachricht direkt wieder und beachtete diese nicht weiter. Ein Griff zu meinem Kabel. Ich steckte das weiße Aufladekabel in mein Smartphone, welches kurz aufleuchtete, und legte es auf meinem weißen Nachttisch ab.
Am nächsten Morgen stand ich extra etwas früher auf, damit ich nicht den Bad-Stress mitmachen musste. Ich machte mein morgendliches Geschäft und duschte. Danach begann ich, die Tasche zu packen, denn nach dem Frühstück sollte es schon losgehen.
William hatte zwei Autos. Das eine, welches wir brauchten und in das alle reinpassten, und den Sportwagen. Für die Fahrt nach New York konnten wir ihn glücklicherweise überzeugen, den praktischen Wagen zu nehmen.
„Warum fliegen wir eigentlich nicht?“, fragte Peter irgendwann innerhalb der acht Stunden zu Pia. „Weil ich dieses Auto eben habe und der Flug nur unnötig viel Geld kosten würde“, erklärte Will, der am Steuer saß. „Aber im Flugzeug hätte ich wenigstens nicht ständig einen Ellenbogen im Bauch … Ja Jen, ich rede von dir.“ – „Willst du mich verarschen? Ich sitze in der Mitte! Wenn sich jemand beschweren darf, dann ja wohl ich.“ – „Ach so, leider darf ich nicht zurückschlagen.“ – „Versuch es doch!“ „Kinder, bitte. Vertragt euch“, unterbrach uns Will und wir gaben Ruhe. Ich verdrehte noch kurz die Augen und nuschelte: „Idiot.“ Da regte sich Peter auf und meinte: „Jetzt reicht es mir! Du kleine …“ „Peter! Sei besser als sie und du gewinnst diese Auseinandersetzung“, beruhigte Will ihn noch schnell und alle lauschten wieder ihrer eigenen Musik. Lilly verschlief das Spektakel nebenbei.
Wir kamen an einem verschneiten Nachmittag an. Wenn ihr New York an sich schon voll fandet, dann fahrt mal Auto, während es schneit. Wir klingelten und durch den Lautsprecher dröhnte eine Frauenstimme: „Hallo? Wer ist da?“ William drängte sich vor und ging an das Mikrofon der Klingel: „Hey Schatz. Wir sind es, deine liebe Familie.“ – „Ach hey Leute!“ – „Ja, genau. Wo können wir parken in diesem Gewirr aus Autos?“ – „Ach so. Wartet, ich komme runter“, meinte Pia und stellte wieder auf stumm.
Es vergingen einige Sekunden bis Minuten der Stille,
als sich die Tür öffnete und Pia durch sie trat: „Wie war die Fahrt?“ Plötzlich lachte Peter laut und Will meinte erschrocken: „Pia? Du bist schwanger!“ Die werdende Mutter schaute nach unten: „Oh, haha, ja.“
„Und wann hattest du vor, uns diese Neuigkeit mitzuteilen?“, fragte Will schockiert. Peter reagierte abrupt: „Neuigkeit? Sie ist so fett wie ein Walross. So neu ist das nicht mehr.“ Pia versuchte sich zu erklären: „Also. Ich wollte es euch jetzt sagen … Und danke, Peter. Charmant wie eh und je.“ William war sich nicht sicher, wie er das alles finden sollte und stotterte die nächst gelegene Frage: „Und … eh … wann, wann ist es soweit?“ – „Der Arzt meinte so um Weihnachten …?“ – „Du bist also im achten Monat?“ – „Ja.“ – „Super …“
Pia kriegte sich kaum noch ein vor Lachen und auch Peter vergnügte sich sichtlich über die unerwartete Situation. Einen Moment brauchte Will noch, um alles zu verarbeiten, doch freute sich dann sehr, nachdem Lilly das Eis brach und ihr gratulierte.
Pia erklärte schnell, wo Will das Auto parken konnte, und nach kurzer Diskussion über die Wucherpreise der Stadt, parkte er schließlich auch dort, wo er nun mal parken musste. Ich blickte kurz auf mein Internettelefon und musste erschreckend feststellen, dass ich eine Nachricht von einem Unbekannten bekommen hatte: „Herzlich Willkommen in NYC! Es ist eine so schöne Stadt, ich bin mir sicher, dass du deinen Spaß haben wirst.“ … Wem habe ich denn erzählt, dass ich hierhin fahre? … „Jen? Kommst du?“, meinte Pia auf einmal. „Natürlich. Einen Moment.“ Ich beachtete die Nachricht nicht weiter. Schließlich war sie von einem Handy einer mir unbekannten Person. Daher steckte ich es eben weg und ging zu Pia.
„Wie geht es dir eigentlich?“, fragte sie. „Gut. Dir?“ – „Auch. Wie läuft es eigentlich mit der Suche nach deinem Zukunftsziel?“ – „Gar nicht.“ – „Aber Jen, du brauchst ein Ziel im Leben.“ – „Zum Beispiel?“ – „Keine Ahnung. Ein Studium vielleicht.“ – „Ja, oder Hausfrau werden.“ – „Ich wollte immer Mutter sein und James verdient genug, damit ich mich auf das Kind konzentrieren kann. Aber James wollte sich die Zeit nach der Geburt freinehmen.“ – „Ich will nicht Mutter werden und erst recht nicht Hausfrau und nur, weil man mich ständig fragt, heißt das nicht, dass es schneller geht!“ – „Es tut mir leid, dass ich dich verärgert habe.“ – „Ist schon okay“, meinte ich: „Es ist nur so. Ich dachte wir könnten uns alles erzählen und dann sagst du mir nicht einmal, dass du schwanger bist … seit acht Monaten.“ – „Du hast ja recht, aber ich wollte euch irgendwie überraschen“, rechtfertigte sie sich.
Unser Gespräch endete an diesem Punkt, da Peter und Lilly dazustießen. Wir standen inmitten eines hallenartigen Raumes, der geschmückt war von edelsten Steinen und Metallen. Goldene Verzierungen schmückten den braunen Marmor, während wir vor dem Privatfahrstuhl von Pia und James warteten. In der Zwischenzeit schickte Pia Peter und Lilly vor, weil nur etwa vier Personen zugleich in den Fahrstuhl passten und die beiden konnten das Gepäck schon einmal mitnehmen.
Da vibrierte es in meiner Hose … Eine Nachricht? … Ich schaute auf das Gerät und las die neue Nachricht: „Deine Schwester scheint ein sehr netter Mensch zu sein. Du solltest solch nette Menschen in deiner Umgebung mehr schätzen.“ Ich schaute mich um, doch keiner außer Pia und mir war zu sehen. „Na. Hast du eine Nachricht von einer Freundin bekommen?“, fragte mich Pia. Ich guckte sie an und antwortete leicht verwirrt: „Was? Ach so. Nachricht. Freundin … Sicher.“ Nochmal lunzte ich auf das Display, doch beide Nachrichten waren verschwunden … Jetzt werde ich schon wahnsinnig …
In dem Moment kam Will wieder und Pia drückte auf den Fahrstuhlknopf. Schnell vergaß ich den Gedanken wieder und konzentrierte mich auf Wichtigeres: Das nächste Bett. Wir stiegen in den kleinen Fahrstuhl und fuhren nach oben. Einige Stockwerke später klingelte dann die schwebende Kammer und die Schiebetüren öffneten sich.
Wir machten einige Schritte und standen inmitten eines riesigen Raumes. Skulpturen, Bilder und Teppiche werteten die Eingangshalle auf, die über zwei Stockwerke ging. Dabei beleuchtete ein riesiger Kronleuchter das Zimmer, der über einem Tisch im zentralen Bereich der Halle hang. Der Tisch war kreisrund und bestand aus einem Gemisch aus dunklem Holz und edelstem Marmor … Marmor scheint beliebt zu sein … Eine kleinere Tischdecke lag auf diesem, wo einige schmückende Kerzen und Familienfotos standen.
„Wow!“, bewunderte Will die Räumlichkeiten. „Kommt. Ich zeige euch die Räume“, schlug Pia vor, als James aus einer Ecke kam. James war ein gutaussehender, junger Mann mit braunen Haaren und grünen Augen. Sein Kleidungsstil war sehr bewusst und schick. „Guten Tag. Dr. Roth. Jennifer“, begrüßte er uns, während er uns die Hand reichte. „Du darfst mich doch Will nennen“, meinte er. „Danke. Es ist schon lange her, nicht wahr?“ – „Die Hochzeit von dir und meiner Tochter.“ – „Du hast recht! Darf ich euch etwas zu trinken anbieten?“ – „Nur ein Wasser bitte.“
James schaute zu mir, doch ich schüttelte nur schweigend den Kopf. Pia bat uns, ihr zu folgen, jedoch unterbrach ich sie: „Entschuldigung. Aber ich bin etwas erschöpft von der Fahrt. Ich würde mich gerne kurz hinlegen.“ James und Pia tauschten kurz ihre Blicke, dann meinte Pia: „Natürlich. Warte. Ich bringe noch kurz Papa ins Wohnzimmer.“ „Das kann ich doch machen“, bot James an und Pia nahm das Angebot dankend an.
Wir gingen in den Aufzug und Pia erklärte dabei: „Keine Sorge. Du hast dein eigenes Zimmer. Das oberste Stockwerk besteht nur aus James und meinem Schlafzimmer, zwei Gästezimmern für dich und Peter und zwei Badezimmern. Vater, seine Freundin und Lilly können im zweiten Stockwerk schlafen. Dort sind noch ein Gästezimmer und das zukünftige Kinderzimmer, wenn er alt genug ist.“ – „Er?“ – „Ja. Es wird ein Junge.“ – „Glückwunsch.“ – „Danke.“
Pia zeigte mir mein Zimmer, welches das letzte vor dem Schlafzimmer von Pia selbst war. Das Zimmer war nicht gigantisch, jedoch war das Badezimmer direkt gegenüber von meinem Zimmer und ich hatte ein Doppelbett nur für mich. Dazu kam, dass ich noch einen eigenen Fernseher und eine bombastische Aussicht auf die Stadt hatte.
Ich legte mich etwas hin und schaute Fernsehen. Es lief eine Wiederholung der alten Serie ‚Golden Girls‘. Sicherlich, neue Folgen werden davon wohl nicht mehr veröffentlicht, aber ich kannte die Folgen eben schon, also war es auch eine Wiederholung für mich. Ich zappte später etwas herum, bis es Abendbrot gab und ich danach ins Fresskoma fiel. Zuvor hatte ich noch eine Nachricht bekommen: „Gute Nacht!“
Eine Woche verging und wir verstanden uns alle immer besser. Ich lernte auch eine junge Frau kennen, die mir ein Buch verkaufte. Christina Wrafe, so der Name der Frau, war 20 Jahre alt und wir verstanden uns auf Anhieb. Am selben Tag gingen wir noch essen und beschlossen, uns erneut zu treffen. Mittlerweile war es wieder Samstag und sie und ich hatten uns verabredet.
„Ich habe eine super Idee“, meinte meine platinblonde Freundin inmitten des Cafés. „Und welche?“ – „Wir gehen heute Abend in eine Disco! Ich kenne eine richtig gute und das wird bestimmt witzig.“ – „Aber ich bin noch nicht 18 und Alkohol dürfen wir beide noch nicht trinken.“ – „Gefälschte Ausweise?“, sagte Christina und kramte zwei Ausweise hervor: „Ich habe vorsichtshalber schon einen für uns gemacht. Man weiß ja nie … Komm schon Jen.“ … Woher hatte sie das Foto von mir? …
Wir tranken eine Tasse Kaffee und aßen ein Stück Kuchen in einem Café im altamerikanischen Stil, als sie mir diesen Vorschlag unterbreitete. Ich gebe zu, der Vorschlag stieß nicht direkt auf ungehaltenen Enthusiasmus, doch freundete ich mich mit der Idee schnell an. Ich meine, was hatte ich schon zu verlieren?
„Und was soll ich Will und den anderen erzählen?“, erwiderte ich noch etwas stutzig. „Frag sie doch einfach.“ – „Einfach fragen …?“ – „Ja.“ – „Dein Ernst?“ – „Natürlich! Du kannst dir nicht vorstellen, wie locker manche sind. Bestimmt hat niemand was dagegen. Natürlich. Du solltest vielleicht nicht am nächsten Tag deinem Vater auf die Füße kotzen, aber grundsätzlich. Warum nicht?“, erklärte Chris.
Ich nannte Christina Chris. Es ärgerte sie, da es ein Jungenname war, zumindest im klassischen Sinne, aber gerade dies machte mir so Freude daran. Natürlich durfte nur ich das, aber es war trotzdem super.
Ich beschloss, es zu versuchen und sprach William darauf an. Er war zwar erst skeptisch, schließlich war ich erst 17 Jahre alt … bla bla … aber am Ende ließ er sich doch weichklopfen. Christina bestärkte ihn, indem sie sagte, dass sie aufpasse, dass ich auch nichts trinke, das war gelogen, und Pia machte ihm klar, dass etwas Spaß sein müsse und sie selber hätte sowas nie gemacht, auch das war gelogen, und bereue das jetzt.
„Was hältst du von unserem neuen Präsidenten?“, fragte ich sie irgendwann zwischen Café und William. „Dem frauenfeindlichen Rassisten, Schrägstrich, Proleten?“ – „Ja genau der.“ – „Nicht sehr viel und das kommt von mir! Ich meine, Politik und ich sind keine großen Freunde. So richtig sind wir noch nicht auf einem grünen Pfad gelandet. Ich hätte es der Ex-First Lady mehr gegönnt. Wuh! Frauenpower“, schrie sie plötzlich und hob ihre zur Faust geballten Hand.
Später, am selben Tag gingen wir los. Sie fuhr mit ihrem gebrauchten BMW zu uns, da sie bei uns übernachten wollte, und wir machten uns gemeinsam fertig … Warum zieht man sich für die Disco eigentlich immer so freizügig an? … Ich guckte in den Spiegel und zupfte an meinem etwas zu kurzem Kleid. „Wollen wir?“, fragte Chris mich kurz vor elf Uhr am Abend. „Sicher.“ Ich warf mir einen Mantel über und zog mir meine Lederhandschuhe an.
Lederhandschuhe. Sie wärmten, aber auch nur bis null Grad Celsius. Alles darunter war fast geschenkt. Christina und ich waren vor Kurzem erst einkaufen und sie hatte mich überredet, Stiefel zu kaufen. Nicht, dass ich nicht in ihnen laufen konnte und sie sahen super in Kombination mit dem neuen weißen Kleid und den Netzstrumpfhosen aus, dennoch waren sie nicht sehr bequem.
Ich konnte mich nie so richtig für schicke Kleidung begeistern, was eventuell daran lag, dass ich einfach nicht so den Geschmack hatte. Aber ich hatte ja Chris und sie verstand etwas auf dem Gebiet. New York City war einfach ihre Stadt.
Wir gingen in einen Club, bei dem man eine halbe Stunde vorher warten musste. Glücklicherweise kannte Christina den DJ, sodass wir durch die Hintertür kommen konnten. Die Räume waren sehr modern und rüsteten sich mit vielen Lichteffekten, einigen Spiegeln und lauter Musik. Die starken Bässe ließen meinen Körper beben und die klaren Melodien zogen mich schließlich auf die Tanzfläche.
Es versteht sich von selbst, dass dies erst nach ein paar Gläsern war. Christina war eine trainierte Trinkerin, wie es schien, doch ich hatte bisher nur an einzelnen Gläsern von Verwanden genippt. Ich gebe zu, mein Ego war stärker. Im Glauben, dass ich sie unter den Tisch trinken könne, kippten wir uns einen nach dem anderen. Wir hatten sehr gute Laune und tanzten und sangen. Ab und an flirteten wir mit ein paar netten Kerlen, welche uns auch nochmal einige Gläser mit Tequila oder einem Wodka-Gemisch spendierten.
Es kam, wie es kommen musste. Einige Zeit später, bevor wir gehen wollten und auch schon einige gegangen waren, ging ich zur Toilette. Leider nicht nur zum Händewaschen. Schlussendlich würgte ich die Mahlzeiten und Getränke des Tages mit dem Kopf in der Frauentoilette hoch. Im Nachhinein war das gewagt, denn man solle bedenken, dass das eine öffentliche Toilette war und ich will nicht wissen, wer oder was alles an dem Abend auf dieser Toilette war. Aber auch hier muss ich zugeben, es war mir einfach egal.
Bis ich mich entleert hatte, dauerte es einige Minuten. Danach wollte ich mich schnell waschen und dann gehen. Leider unterbrach eine junge Frau mich dabei, als ich gerade dabei war, meine Haare zu richten. Sie kniff ihre Augen zusammen und sagte: „Leona? Bist du das?“ Ich bemerkte, dass sie betrunken war, wie auch ich; so beschloss ich, sie vorerst zu ignorieren. „Leona? Erkennst du mich nicht?“, fragte sie. Sie drang sich mir auf, also handelte ich.
„Nein. Sie müssen mich verwechseln.“ – „Verarsch mich nicht! Klar bist du das.“, sie wurde lauter und wirkte gereizt: „Du kleine Schlampe wagst es echt, mir gegenüberzutreten!“ – „Ich schwöre Ihnen. Ich bin nicht diese Leona.“ – „Erst vögelst du meinen Freund in meinem Bett und jetzt kommst du noch in meine Disco und belügst mich rotzfrech!“, schrie sie. Ich war zu betrunken, um die Situation klar einzuschätzen und sie war zu betrunken, um sich überzeugen zu lassen. Erschwerend kam noch hinzu, dass ich Einstiche an ihren Armen sah.
In der Hoffnung, dass sie mich in Frieden ließ, ging ich schweigend einfach von ihr. Plötzlich griff sie nach meinen Haaren: „Du gehst nirgends hin!“ Ich drehte mich zu ihr, da schlug sie mir in die Bauchgrube. Mit einem Kinnhaken brachte sie mich zu Boden und trat noch einige Male auf mich ein. Ich war unfähig, mich zu wehren. Sie stoppte erst, als ich nicht mehr zuckte. Danach legte sie mir meine Kleidung ab und schmiss diese in die Toilette.
Ich kämpfte um mein Bewusstsein und Mal um Mal nickte ich weg und wachte wieder auf. Ich bin mir nicht sicher, wie viel Zeit verging, doch irgendwann sah ich, wie Christina mich auf dem kalten Boden liegend auffand. Entblößt und verletzt lag ich einsam auf den Fliesen.
Christina kniete sich zu mir auf den Boden und checkte, ob ich noch wach sei. Einige Male bekam ich mit, wie sie wieder und wieder fragte, ob ich sie verstehen könne. Meine Augen waren geöffnet, doch ich konnte kaum etwas hören oder reden. Sie rief um Hilfe, holte aber ihr eigenes Handy raus.
„Der Krankenwagen ist unterwegs, Süße! Halte nur noch etwas durch“, meinte sie zu mir und strich mir über die Haare. Sie legte die Mäntel über mich, die sie zuvor schon aus der Garderobe holte. Mein Kopf war auf ihre Beine gelegt und sie mahnte mich immer wieder, dass ich nicht in Ohnmacht fallen dürfe.
Es fühlte sich wie Stunden an, als endlich Hilfe kam und mich holte. Im Krankenwagen hielt Christina durchgängig meine Hand, doch verlor ich irgendwann auf dem Weg das Bewusstsein. Ich wachte erst wieder im Krankenhaus auf.
Als ich wieder wach wurde, war es abends. Will hielt meine Hand und redete besorgt mit einem der behandelnden Ärzte. Der Mann im weißen Kittel sagte in dem Moment, in dem ich wach wurde: „Es tut mir leid. Die Verletzungen Ihrer Tochter sind sehr schwerwiegend und dass sie wieder aufwacht, wagen wir doch zu bezweifeln.“ Will ließ meine Hand los und wusch sich einzelne Tränen weg: „Sind Sie sich sicher?“ Der junge Arzt beugte sich auf Augenhöhe Williams: „Ganz ausschließen möchte ich es nicht, doch Sie sollten sich darauf einstellen.“
Plötzlich sagte Chris, die auf der anderen Seite des Bettes zuhörte: „Oh mein Gott. Sehen Sie doch! Ihre Augen, sie sind offen.“ Schnell wandte Will sich zu mir: „Jennifer! Bist du wirklich wach?“ Ich hatte noch leichte Kopfschmerzen und ich tat mich schwer, mich klar auszudrücken, daher nickte ich nur leicht. Der Doktor kam an meine Seite und leuchtete in meine Augen, dabei fragte er, ob ich ihn verstünde. Erneut nickte ich leicht. Dann fühlte er manuell meinen Puls und fragte mich, ob ich wüsste, wo ich sei. Erneut nickte ich. „Das ist ein Wunder!“, meinte er plötzlich: „Ich muss einmal meinen Chefarzt holen. Einen Moment bitte.“ McSexy verließ das Zimmer, freute sich und rief im Flur erneut: „Es ist ein Wunder! Ein Wunder, sage ich euch!“
Christina beugte sich über mich und schaute mir in die Augen: „Du bist wirklich wach.“ Auf einmal stand sie auf und ging ans Fenster. Einen Moment dachte ich, dass sie vor Freude weinte. Ich versuchte, etwas zu sagen, und konnte leise folgende Worte loswerden: „Was ist denn so besonders daran?“ Will griff sich wieder meine Hand und sagte beruhigt: „Die Ärzte vermuteten, dass du nie wieder aufwachen wirst, und jetzt bist du nach nur einem Tag wach. Wir dachten, dass wir dich verloren hätten.“
Ein wenig schmunzelte ich, dann sah ich einen Blumenstrauß. Er war prachtvoll! Ein Strauß bestehend aus roten Rosen und einer einzelnen schwarzen. „Von wem ist dieser Strauß?“ Will meinte, dass er es nicht wisse, da setzte sich Chris wieder neben mich und antwortete: „Ein junger Mann mit dunklen Haaren hat die eben gebracht. Ich dachte, er sei ein Freund von dir.“ – „Ich habe keine Freunde neben dir in New York.“ – „Dann also ein heimlicher Verehrer?“ Plötzlich mischte sich Will ein: „Verehrer? Was für ein Verehrer?“
Im Verlauf des Abends kam der Chefarzt, der noch einige Untersuchungen für den nächsten Tag ansetzte und später ließen sie mich wieder alleine. Erst als ich nachts in diesem Zimmer ganz alleine lag und es vollkommen still wurde, bekam ich etwas Bange. Lediglich das Rauschen einiger Beatmungsmaschinen und das Glucken der Infusionen war zu hören.
Inmitten der sterilen Räume bekam ich eine Nachricht und mein Handy leuchtete auf. Kurz erschrak ich. „Gute Besserung! Ich hoffe dir gefallen die Rosen“, schrieb mir Unbekannt … Wer ist dieser Unbekannt und was möchte er oder sie von mir? … Ich zögerte etwas, doch schrieb ich zurück: „Wer bist du und was willst du?“ Erst als die Benachrichtigung ankam, dass die Nachricht nicht ankommen würde, wurde mir klar, dass das nicht ging. Ich hatte nun mal nicht seine oder ihre Nummer.
Gruselig wurde es jedoch, als er oder sie dennoch antworte: „Ich bin nur ein Freund. Keine Sorge, ich möchte dir nichts Böses.“ Ich schmiss mein Handy beiseite und richtete mich auf, sodass ich Platz zwischen es und mir brachte. Dann betrachtete ich wieder die Rosen. Kurz beruhigte ich mich wieder etwas, doch dann stand ich auf, nahm den Strauß und warf ihn in den Müll! Erst als ich auf meine Hände schaute und sah, dass ich zitterte, realisierte ich, wie ich die Angst in mir anstieg … Was mache ich jetzt? …
Ich hob vorsichtig mein Smartphone auf, es hatte einen Kratzer davongetragen. Ich richtete mich auf, da sah ich einen Schatten an meinem Fenster. Ruckartig machte ich einen Satz nach hinten. Immer noch zitterte ich ein wenig. Ganz ruhig ging ich an das Fenster und schaute aus diesem, doch etwas anderes als die Stadt an sich sah ich nicht … Was hatte ich erwartet, zu sehen? Ich bin im achten Stock … Ich entriegelte mein Gerät und schaute nach, ob die Nachrichten noch da waren, doch sie waren weg … Jetzt drehe ich völlig durch. Ich werde vollkommen wahnsinnig …
In der folgenden Nacht schlief ich keine Sekunde. Und erst als Pia kam, um nach mir zu schauen, fühlte ich mich wieder sicher. Den Montag verbrachte ich mit Untersuchungen, doch sie konnten nichts finden. Es war, als wäre nie etwas passiert. Im Nachhinein komisch, doch zu der Zeit beachtete ich es nicht weiter oder sah es als großartig abnormal an … Ich hatte einfach Glück … Und schon Dienstag verließ ich wieder das Krankenhaus und schlief in der Nacht zu Mittwoch wieder in dem Gästezimmer von James und Pia.
Frohe Weihnachten!
Mittlerweile war es der 24. Dezember und das hieß, dass es Heiligabend war. Die schönste Jahreszeit erreichte ihre schönste Woche. Beginnend mit Heiligabend endet sie erst am Ende des Jahres, Silvester. Eine Woche, in der die Kinder neue Spielsachen bekamen und Eltern nicht arbeiten mussten. Viele konnten sich freinehmen und genossen die Tage mit ihrer Familie. Und was ist schöner als Weihnachten? Weiße Weihnachten. New York in Schnee gehüllt, trafen sich Freunde und Familien, um sich von dem Weihnachtsmann beschenken zu lassen.
Fun-Fact: Coca-Cola hat den Weihnachtsmann zwar nicht erfunden, aber in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts weltberühmt gemacht.
Wir waren eine deutsche Familie, daher nahmen wir einige deutsche Traditionen mit. Mitunter hieß das, dass wir nicht am ersten Weihnachtstag die Geschenke auspackten, sondern sie direkt an Heiligabend, nach dem Essen üblicherweise, aus ihrer Hülle befreiten. Ebenfalls war es Tradition in Deutschland, dass an Heiligabend nur eine Heißwurst verspeist wurde. Man muss ja nicht alle Traditionen mitmachen. Meine Mutter mochte keine Heißwürstchen, also führte sie bei uns die Weihnachtsgans ein.
Dieses Jahr übernahm Pia, die eine herausragende Köchin war, dies. Die servierte dazu Knödel, Rotkohl und eine dunkle, hausgemachte Soße, ganz nach Mutters Rezept. Pia übernahm seither die Weihnachtsgans. Sie war nun einmal die Einzige, die es von Mutter beigebracht bekommen hatte.
Christina und ich waren so gute Freunde in den Wochen zuvor geworden, sodass ich sie einlud, bei uns mitzuessen. Sie nahm das Angebot dankend an. Chris hatte keine Familie mehr. Ihre Eltern starben früh und sonstige Verwandte gab es auch nicht mehr. Meine Einladung war natürlich nicht aus Mitleid. Ich wollte sie einfach dabeihaben.
Die Uhr im Esszimmer schlug fünfmal, als James sich die Ehre machte und das Tier vor unseren Augen tranchierte. Zuvor leerte, füllte, würzte und backte Pia die Gans, die uns zum Opfer fallen sollte. Witzige Anekdoten füllten unsere Gespräche und Gelächter über alte Bekannte und Nachbarn heiterten alle auf. Chris lachte bei den meisten Insidern, obwohl sie keine verstehen konnte. Weder in der Situation war sie, noch kannte sie die Betroffenen, doch lachte sie aus Freundlichkeit mit.
Währenddessen loderte das Feuer im Kamin und Kerzen brannten. Eine erlosch, als Pia, die wohlbemerkt hochschwanger zu der Zeit war, den Nachtisch holte. Mal etwas ganz anderes. Crème Brûlée servierte die werdende Mutter. Es war der krönende Abschluss, der das sprichwörtliche Sahnehäubchen auf unserem Berg im Magen war. Das Gesprächsthema in diesem Augenblick war die Belanglosigkeit der Existenz der Menschen … Spaß!
Nun, allen Klischees voraus, kam an diesem Abend das Baby. Pia aß gerade ihr drittes Eis, als die Fruchtblase platzte und James auf ihr beinahe ausrutschte. Peter, witzig wie eh und je, kommentierte dies natürlich direkt: „Hier hat jemand sein Wasser umgeschüttet. Ich war es nicht!“ James und Pia fuhren allen voraus. Christina und ich räumten noch etwas auf, da es klar war, dass die Entbindung noch etwas Zeit in Anspruch nehmen wird. Der Rest fuhr ihnen nach.
Etwa eine Stunde räumten wir das Grobe weg, bis wir beide hinterherfuhren. Im Krankenhaus angekommen rannten wir in die Entbindungsstation, in der Befürchtung, wir würden es verpassen. „Und? Wie weit sind sie?“, fragte ich luftschnappend in den Kreissaal. „Es ist noch nicht abzusehen“, antwortete Will nervös. Christina mochte James und Pia, fand, dass sie ein süßes Paar waren. Außerdem liebte sie Kinder, daher wartete sie mit uns. Immer mal wieder öffneten sich Türen und erwartungsvolle Blicke schossen zu ihr. Mal stand einer auf und ging den Gang angespannt auf und ab. Peter ging das eine oder andere Mal zum Süßigkeitenautomaten und gab etwas Kleingeld für Nervenfutter aus. „Verdammtes Scheiß-Teil!“, schrie er plötzlich, weil der Schokoriegel sich nicht löste. Doch ein wutentbrannter Tritt dagegen löste das Problem.
Es sollte noch weitere zwei Stunden dauern, bis James wieder aus der Entbindung kam. Will wollte nicht mit, der Rest durfte nicht. Wir alle erhoben uns, um ihm zu gratulierten, doch er werte unsere Glückwünsche ab: „Setzt euch bitte wieder. Ich habe etwas anzukündigen.“ Er war blass. Selbst seine Lippen waren farblos. Mit heruntergesunkenen Schultern und leerem Blick verwies er uns auf unsere bisherigen Sitzplätze.
Er wollte uns gerade erläutern, was passierte, als eine Frau aus der Entbindung kam. Sie umklammerte ihr jungverstorbenes Kind. Schrie und weinte. Kurz sagte niemand etwas. Lediglich der Schrei der Frau war zu hören. Er erklang im ganzen Raum. Er war ein ehrlicher Schrei; voller Schmerz und Trauer. Wieder und wieder wippte sie hin und her und drückte das verstorbene Neugeborene ganz fest an sich. James würdigte der trauernden Frau keinen Blick.
„Das Baby schien schon eine Weile tot zu sein“, meinte er plötzlich und erst dann erkannten wir die Frau. Die Frau, die ihr totes Kind hielt, war Pia. Pias blonde Haare verdeckten den Körper des Jungen. Kaum einer glaubte, was sie sahen und hörten, doch als James sagte, was geschah, konnte keiner mehr leugnen, was eindeutig Pia war. Ihr Schrei verstummte erst, als sie im nächsten Raum verschwand.
Niemand verstand die Grausamkeit der Welt. Warum gerade die beiden dieses Leid durchmachen mussten. Keiner sprach noch ein Wort. Keiner traute sich. Lieber schwiegen alle, als etwas Unangemessenes zu sagen. Es war das schlimmste, was ich bis dahin miterlebt hatte.
Der unbenannte Junge wurde nie offiziell beerdigt. Er wurde in der Woche zu Silvester eingeäschert und über New York ausgeschüttet. Sinn der Sache war es, dass er, wenn er aus den Sinnen sei, dann auch aus den Köpfen. Er sollte wohl nie existiert haben …
Die restlichen Tage bis Neujahr schlief Lilly bei mir im Zimmer. Sie empfand es als komisch, in dem Zimmer des geplanten Jungen zu schlafen. Pia und James kam das ganz recht, denn sie räumten das Zimmer einen Tag nach der Verstreuung aus. Will warnte sie noch und meinte, dass sie es doch wieder versuchen könnten, doch Pia hörte nicht und leerte das Zimmer restlos in ihrer Trauer. James schien dies nicht gewollt zu haben, doch tat er alles, was seiner Frau zu Gute kam.
Wir hatten alle gemeinsam beschlossen, dass die Silvesterparty in diesem Jahr ausfallen sollte. Keiner verspürte den Drang, zu feiern, und so feierte Christina ohne mich den Beginn des neuen Jahres. Sie traf sich mit einem Freund, also brauchte ich kein schlechtes Gewissen zu haben.
Der erste Januar war ein Sonntag. Diesen verbrachten alle noch in New York. „Ich denke, wir gehen jetzt“, sagte Will zu James: „Wir können nichts mehr tun und morgen muss ich wieder arbeiten.“ James zwang sich ein müdes Lächeln ab: „Ist schon okay. Wir verstehen das.“ Pia hingegen sprach kaum, aß nichts, schlief viel und wirkte im Allgemeinen eher abwesend. Als ich James sah, wie er versuchte, die Fassung zu halten, und sie ihre nicht zu finden schien, fasste ich einen Beschluss. „Ich bleibe noch etwas!“
William fragte besorgt: „Bist du sicher?“ – „Natürlich. Ich meine, ich habe eh nichts vor. Hier kann ich mich etwas behilflich machen und hier wohnt Christina. Dann kann ich wenigstens meinen Geburtstag mit ihr verbringen.“ – „Du willst also noch drei Wochen hierbleiben?“ – „Ja. Und dann komme ich direkt wieder und feiere mit euch.“ Will drehte sich zu James. Er sagte nichts, doch James verstand ihn augenscheinlich: „Für Pia und mich ist das kein Problem. Im Gegenteil hoffe ich.“ „Dann ist das beschlossene Sache. Ich bleibe“, waren meine letzten Worte, außer „Bis dann“, als sich alle verabschiedeten.
Es vergingen weitere Tage, in denen ich Pia kaum zu Gesicht bekam. Hauptsächlich lag sie in ihrem Zimmer. So hatte ich sie noch nie gesehen. Selbst als Mutter starb, versuchte sie einem Unbekümmertheit und Freude zu vermitteln. James hingegen kam raus. Arbeitete sogar irgendwann wieder.
Ziemlich genau eine Woche später ging Pia raus. „Ich gehe an den See“, sagte sie nur beim Rausgehen in schwarzer Kluft, lieblos zurechtgemachten Haaren und kränklicher Blässe. … Und was mache ich jetzt? … Ich schrieb Christina an: „Ich muss hier raus. Können wir uns treffen?“ Es war furchtbar. Stille im ganzen Haus. Die einst so belebte Wohnung war trotz ihrer Größe nun düster. Nichts war mehr so, wie es zuvor war. Und ich rede nicht von dem allgemeinen Verlauf der Zeit. Dieser Tag sollte prägend für alle sein, die in dieser Wohnung zu der Zeit lebten.
Ich merkte, dass mein Handy vibrierte. Im Glauben, dass es Christina war, sah ich drauf: „Es tut mir leid, was in den letzten Tagen passiert ist …“ Ich schaute auf den Absender … Unbekannt. War ja klar … Ich schloss mein Handy, nahm mir meinen Mantel, Handschuhe, Stiefel und mein Portemonnaie und ging nach draußen.
Es schien die Sonne, doch schmolz der Schnee nicht … Ich brauche eh erst Geld … Im strammen Schritt ging ich zu der nächsten Bank. Eine ältere Bank mit großer Eingangshalle und großer Warteschlange erwartete mich. Ich brauchte nur einen Automaten, also stellte ich mich hinten an und wartete.
Wenn man reinkam und rechts ging, kam man zu den Automaten, geradeaus war der Informationsstand und links ging es zu den Beratungen. Ich stand zwischen einer älteren Frau und einem kräftigen Mann. Die ältere Frau wühlte in ihrer kleinen Handtasche, während der kräftige Mann seine Tattoos bewunderte. Die Schlange bewegte sich um eine Person nach vorne, als eine junge Mutter zu ihrem Sohn sagte: „Bleibst du jetzt mal stillstehen? Ich beeile mich ja schon, aber was soll ich machen? Ich kann nun mal nicht zaubern! Danke.“ Kurzweilig war die gesamte Aufmerksamkeit auf die Mutter gerichtet, die versucht hatte, ihren Sohn zu kontrollieren.
Einige Minuten später kam ein Mann rein, der etwas an der Tür machte. Ich ignorierte ihn vorerst. Witzig, was uns auffällt, aber wir dennoch ignorieren. Es wurde gerade ein Automat frei, als ein Schuss erklang! Alle Kunden duckten sich, wie auch ich.
Da schrie der Mann, der zuvor die Tür manipulierte: „Alle bleiben unten und keiner bewegt sich!“ Es dauerte einige Sekunden, bis alle Anwesenden sich vor dem Schalter hinsetzten. Eine leichte Unruhe kam auf, was den schon nervösen Banditen noch mehr beunruhigte. „Haltet die Fresse!“, schrie er, nachdem er in die Decke geschossen hatte. Etwa zu diesem Zeitpunkt hörten wir erste Polizeisirenen. Sie machten ihn nur noch nervöser. Er schien es nicht gut durchdacht zu haben. Er musste nämlich überlegen, was er nun als Nächstes machen sollte.
„Eye man, lass das doch“, meinte auf einmal der kräftige Mann, der bis eben noch hinter mir stand: „Noch kannst du aufhören. Du hast noch nichts gestohlen und noch niemanden verletzt.“ Plötzlich schoss der bewaffnete Mann und der tätowierte Mann ging zu Boden. Er war augenblicklich tot.
Erst ab diesem Zeitpunkt waren alle stumm und rührten sich keinen Millimeter. Die Frau versuchte, ihren Jungen zu trösten, der weinte und Angst hatte. Auf einmal rief eine junge Frau aus der anderen Ecke: „Wir brauchen einen Arzt! Die Frau hier hat einen Herzinfarkt.“ Der noch junge Mann erwiderte: „Was geht mich das an? Lass sie verrecken“, da weinte das Kind lauter: „Stopfen Sie ihrem Sohn das Maul, sonst ist er der Nächste!“
Die Frau bettelte ihren Sohn an, dass er doch leise sein solle, doch er hörte nicht. Auf einmal zielte der Mann auf das Kind … Er will doch nicht etwa wirklich? … Nun bettelte die Frau den Mörder des Mannes an: „Bitte! Ich flehe Sie an! Er ist doch noch ein Kind!“ Endlich stand ein Mann im mittlerem Alter auf und stellte sich vor die beiden.
Mit ausgestreckten Armen machte er sich im Schussfeld breit. Er trug einen Ehering … Idiot. Er wird seine Frau wohl nicht mehr wiedersehen … Ein Schuss! Dieses Mal ging er in die Bauchgrube des Mannes. Er fiel sofort zu Boden, starb jedoch nicht. Langsam breitete sich eine Blutlache unter dem Mann aus, der um Hilfe winselte und sich auf dem Boden krümmte. Keiner reagierte, jeder hatte Angst … Irgendjemand muss doch etwas tun …
