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Kindheit in Blankenese in den 50er und 60er Jahren, einschl. Lokalkolorit der Blankeneser Besonderheiten
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Seitenzahl: 186
Veröffentlichungsjahr: 2022
Brigitte Huuss
BLANKENESE
boben un ünnen
Einer meiner Freunde sagte: „Wenn man diesliest, dann sieht man dich vor sich und hört dichsprechen.“
Bingo!
So soll es sein.
(c) 2022 Brigitte Huuss
ISBN Softcover: 978-3-347-61047-71
ISBN Hardcover: 978-3-347-61049-1
ISBN E-Book: 978-3-347-61057-6
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
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NAKIEKER
Vorneweg
Butzemann
Geschichtenball
SABA und Schule
Rummel-Rusch
Kibbel und bubble
Bücher
Luxor-Kino
Besuch aus Rom
Tannenbäume
Rüschen
Radius
Musik
Das Bein
Konfer
Kino
Schircks und Sagebiel
Der Tiegel
Schwoof
Venezia und Die Linde
Achterran
Vorneweg
Wenn du von der Blankeneser Bahnhofstraße rechts ab den Hessepark durchquerst und über den Bürgersteig Kiekeberg ins Tal schaust, dann siehst du eingebettet am tiefsten Punkt den Kahlkamp mit seiner kleinen Dorfschule. Sie wurde 1874 für die Kinder der Treppenviertel errichtet:
Koordinaten:
53,56102° N
9,80521° O
Als ich 1951 in der kleinen Kahlkampschule eingeschult wurde, kam etwa die Hälfte meiner neuen Mitschüler mit einer Parallelklasse vom Süllberg. Sie wohnten in der Hans-Lange-Straße, Süllbergs Terrasse, Sörensens Weg, Steiler Weg, Rutsch, Krumdal, Krumdals Weg, Am Eiland, Am Hang und dem langen Strandweg. In zumeist kleinen, beengten Fischerhäusern oder Katen. Manche Väter hatte der Krieg auf See verschluckt, Kapitäne, Nautiker, U-Boot-Fahrer, Fischer und andere. Und so war es 1951 ganz und gar nicht einfach für die hinterbliebenen Familien, mit dem Blankeneser Treppenalltag klar zu kommen. Um den Süllberg herum gab es einen einzigen Milchladen in der Hans-Lange-Straße, dem die Eltern meiner Freundin Antje gehörte, etwas weiter oben an der Ecke Eiland gab es eine kleine Bäckerei für das Nötigste, in der wir Schulkinder in der großen Pause die „Knuuste“ der Landbrote und die Rinden von Butterkuchen und Streuselkuchen abholen durften. Da drängelte sich dann jeder auf etwa 10 qm Verkaufsraum.
Viele Fischerhäuser und Katen hatten noch Ofenheizung und die Familien mußten weite Wege gehen, um Koks und Briketts zu beschaffen. Manchmal fuhr ein Kohlewagen über die Hauptstraße zum Strandweg, aber der Transport von dort in die eigenen Häuser war beschwerlich genug. Das war dann Sache der kernigen Jungs „vun innern Blanknees“, dem Strandadel - mit den legendären Namen Breckwoldt, von Appen Stehr, Schuldt und dem Lotsenclan Schade. Die Mutter einer meiner Mitschüler, die sich viele Jahrzehnte lang mit allerlei Nachforschungen aus den Kirchenbüchern Blankeneses beschäftigt hat, konnte feststellen, dass die von Appens und die Breckwoldts so reichlichen Kindersegen hatten, dass beinahe jeder Dritte so hieß. Aber das war auch schon länger als 200 Jahre her.
Wir wohnten „boben“ in Blankenese. Um zur Schule zu kommen, durchquerten meine Freunde und ich jeden Tag den ganzen Hessepark Die große Treppe mit den gefühlt mehr als hundert unregelmäßigen Treppenstufen war mühsam, bis wir endlich am Schuleingang waren. Vor allem im Winter bei Eis und Schnee. Einige Schüler kamen sogar jeden Morgen vom Elbufer unterhalb Baurs Park oder von der Panzerstrasse in die Kahlkampschule. Die durchquerten dann frühmorgens das ganze Parkgelände, am Musenstall vorbei und dann durch die Auguste-Baur-Straße, wo wir uns meistens an der Ecke Tangermann/Bahnhofstraße trafen und gemeinsam zur Schule gingen.
Zwei unserer Mitschüler kamen von Neuenfelde und Cranz, also von der anderen Seite der Elbe. Sie wurden morgens oft mit dem privaten Motorboot gebracht, Wind und Wetter waren egal und dann fuhren sie mittags mit dem HADAG-Dampfer allein wieder zurück.
Die Kahlkampschule wurde zweizügig als reine Volksschule geführt. Sportplatz und Turnhalle gab es nicht, für Sport mussten alle Klassen wieder die vielen Treppen rauf bis zur Sibbertstrasse, wo wir den Sportplatz und die Turnhalle vom BMTV, dem Blankeneser Männer-Turnverein mitbenutzen durften.
Der Pedell in unserer ersten Schulzeit war ein über 60 Jahre alter Verwalter, der nicht nur im Alleingang jeden Tag den Schulhof sauber hielt und überhaupt für Ordnung sorgte, sondern darüber hinaus auch manche Schülerträne trocknete. Er war bei allen Schülern hochangesehen, eine Seele von Mensch und aus der Kahlkampschule dieser Jahre gar nicht wegzudenken. Er wohnte mit seiner Frau direkt nebenan. In dem ursprünglich als Lehrerwohnhaus gebauten kleinen Gebäude hielt er so manchen vergessenen Ranzen, Anorak oder Turnbeutel am Nachmittag bereit.
Dieses Buch habe ich geschrieben als Erinnerung an eine wunderschöne, wenn auch strenge Kinderzeit, diesen Flecken Erde, der für mich ein Gefühl von Heimat hat. Und geschrieben auch für meine ehemaligen Mitschüler, die sich auf ein gemeinsames Wiedersehen freuen. Warum? Das kannst du am Ende des Buches – Achterran - nachlesen.
Butzemann
Ich geh schon mal rüber, sagt mein Stiefvater, wer weiß, ob alle Rollen vollständig da sind. Er hat schon seinen blauen Arbeitsanzug an und steckt sich eine große Brasil für die große Pause in die Brusttasche. Hast du alles, Hans, fragt meine Mutter und weiß schon im voraus, dass er nicht alles hat. Denn der blaue Arbeitsanzug, den er jetzt anhat, kommt gerade frisch aus der Wäsche, also kann er gar nicht alles haben, was er braucht. Es fehlt sein Falzbein, die kleine Dose für die Cutter-Klingen und vor allem das einäugige Vergrößerungsglas, das er sich heute nachmittag zuletzt auf das zugekniffene linke Auge geklemmt hat, um in seinem Russen-Album die Vollständigkeit und Unversehrtheit einer Briefmarkenserie zu kontrollieren. Ja, wo ist sie denn die Lupe, ja wo denn wohl. Er findet sie bei mir in der Spielecke. Ich habe damit die Oblaten angesehen, die mit der Lupe so wunderschön aussehen und durch den Prägedruck eine gewisse Lebendigkeit kriegen, die mich fasziniert. Er grinst mich freundlich an, steckt seine Lupe ein und streichelt noch mal über meinen Kopf, bevor er geht. Um 7 Uhr abends fängt er an, aber es ist noch zwanzig Minuten vor der Zeit. Heute ist ein besonderer Tag, da sind die großen Papierrollen für die Rotationsmaschine gekommen. An einem solchen Tag herrscht drüben in der Druckerei immer große Aufregung. Wo sollen all die großen Rollen hin, man kann sie nicht alle übereinander stapeln. Die ganze Eingangshalle der Druckerei steht voll mit Rollen, die Garagenplätze sind frei gemacht worden, überall nur Rollen. Die 80er sind für das Hamburger Telefonbuch, das mein Stiefvater auf der einen großen Rotationsmaschine druckt und die 100er sind für die Norddeutsche Nachrichten. Die Zeitung muß morgen früh erscheinen.
Unsere Wohnung liegt direkt gegenüber dem Druckerei-Tor, in der Auguste-Baur-Straße, die seit einiger Zeit eine Durchgangsstraße zur Elbchaussee, aber auch gleichzeitig eine Einbahnstraße ist. Unser Haus ist ein sogenannter Klassiker der Jahrhundertwende, also längst vor dem zweiten Weltkrieg gebaut. Unsere beiden Wohnzimmer liegen im Parterre und sind von einer schönen, aber immer quietschenden Schiebetür voneinander trennbar. Vom Kaminzimmer führt eine große Glastür auf die vorgebaute Veranda, die nach allen Seiten mit Glasscheiben versehen ist und den besten Platz für Beobachtungen auf die Straße, die Druckerei und auch in den offenen Himmel freigibt. Da sitze ich jetzt mit meinem Abendbrot und sehe meinem Stiefvater nach, wie er im Druckereitor verschwindet.
Meine Mutter kommt von unten aus dem Souterrain, wo unsere Küche liegt, mit meiner Brottasche hoch, die sie mir für morgen früh schon fertig gemacht hat. Sie hat schon ihren bunten Arbeitskittel an und hat sich in den Kittelgürtel gerade ein frisches Paar weißer Glacehandschuhe gehängt, die sie für ihre Arbeit in der Buchbinderei drüben dringend braucht und die auch heute wieder schneeweiße Frische atmet. Die Hektik, die sie nun verbreitet, bin ich gewöhnt, denn auch für sie wird es Zeit. Die Uhr ist kurz vor sieben. Mit geübten Griffen hat sie die ausziehbare Couch auf der Veranda in ein kuscheliges Bett verwandelt. Jetzt nimmt sie mich wie jeden Abend, wenn sie Nachtdienst hat, auf die Huckepack, dreht sich ein paarmal im Kreis und dann falle ich wie ein Plumpsack glucksend auf die Bettdecke.
Ein Glas Milch steht frisch auf dem Tisch, nur für den Fall, dass ich nachts aufwache und Durst kriege. Den großen weißen Kachelofen im angrenzenden Zimmer füllt sie noch einmal randvoll mit Koks auf, damit die Wärme durch das Zimmer in die Veranda reicht. In diesem Januar 1949 ist es besonders kalt und frostig, die Fensterscheiben der Veranda haben Eisblumen an den Stellen, wo die darunter liegende Zentralheizung nicht hinkommt.
Dann kommt der letzte Handgriff, für mich der schönste vom ganzen Abend. Auf der gegenüberliegenden Glaswand der Veranda steht ein großes braunes SABA-Radio, ein wunderschönes, lackiertes Riesending mit einer tollen Akustik. Drückt man auf die Taste, dann springt das Radio an und zeigt einen giftgrünen Punkt und eine beleuchtete rote Nadel, mit der man die Senderfrequenz einstellen kann. Nun höre ich ganz leise den NWDR mit irgendeiner Musik und meine Mutter macht ein beruhigtes Gesicht, weil sie weiß, dass ich am liebsten der Musik beim Einschlafen zuhöre. Wenn sie später in der Nacht ab und zu aus dem Druckereitor über die Straße in unsere Wohnung kuckt, dann sieht sie das grüne Licht des SABA-Radios auf der Veranda und weiß, dass das Haus noch steht und alles in Ordnung ist. Ob die kleine Brigitte auch wirklich schläft, das kann sie natürlich nicht sehen. In den Kindergarten gehe ich morgens mit Marlies, meiner Freundin von nebenan. Um halb acht bringt mich meine Mutter, von der Arbeit erschöpft, an die Gartentür. Sie hat die ganze Nacht durchgearbeitet und ist sehr froh, dass Marlies Mutter uns bis zum Blankeneser Bahnhof bringt, wo sie dann in die S-Bahn steigen muss. Von da an gehen wir beide dann allein weiter. Wir Kinder fassen uns an die Hand und gehen das lange Stück vom Sülldorfer Kirchenweg bis in die Caprivistraße zu Fuß, wo der Kindergarten ist. Marlies ist eine Lustige, hat immer gute Laune und immer Hunger. Sie ist ein halbes Jahr jünger als ich und deshalb wird mir immer wieder eingeschärft, dass ich als die Ältere die Verantwortung habe drauf zu achten, dass wir unversehrt im Kindergarten ankommen. In der Winterszeit, wie jetzt, ist das aber gar nicht so einfach, denn es ist um halb acht noch dunkel und die Fußwege sind keineswegs alle gestreut, falls es rutschig ist. Straßenlaternen gibt es auch noch nicht und Autos sind glücklicherweise noch selten bis gar nicht auf den Straßen. Wir erzählen uns Hand in Hand abwechselnd Phantasiegeschichten und plündern bereits die beiden Brottaschen.
Im Gegensatz zu mir geht Marlies sehr gern in den Kindergarten, sie findet es toll, dass man dort viel Platz hat und alles spielen darf, was man will. Sie bastelt gern und kann sehr lange sehr ruhig auf einem der Kinderstühle sitzen, um irgendwelche Männchen aus Knete anzufertigen oder mit der Schere gemusterte Papiertaschentücher zu schneiden. Noch toller findet sie die sogenannten Geduldsspiele, kleine runde Handspiele, die wie Untertassen mit Glasdeckel aussehen. Darin liegen mehrere silberne Kügelchen, die es gilt, in die vorgestanzten Löcher zu balancieren, bis alle ihren Platz gefunden haben. Dann bricht sie in helle Freude aus.
Für mich ist das unnütze Zeitverschwendung und auf solch Spiele habe ich keine Lust. Dann ticke ich sie absichtlich an und ihre zuvor sorgsam geordneten Kugeln fliegen zu meiner Schadenfreude wieder durcheinander und sie muss alles noch mal machen. Ihre dicken Tränen kullern dann auf den Spieltisch und sie schreit mich an, daß ich eine blöde Kuh und eine Spielverderberin bin. Die anderen Kinder am Spieltisch reißen an meinen Zöpfen und treten mich mit den Füßen und im Nullkommanichts ist eine wilde Rangelei im Gange mit Fäusten und Füßen. Der Spieltisch ist ein einziges Chaos. Tante Hanna, die Kindergärtnerin unserer Gruppe, kommt aus dem Nebenraum angeflitzt und hat große Mühe, die Ordnung wieder herzustellen und dem Störenfried Brigitte eine Strafe aufzubrummen: eine viertel Stunde in der Ecke stehen mit dem Kopf an der Wand. Das ist ungerecht, brülle ich aus voller Kehle, das hab ich ja nicht mit Absicht getan, das ist mir eben so passiert, einfach so, kann ich doch nichts dafür. Außerdem hat mich Joachim geschubst und da bin ich an Marlies Schulter gefallen, kann ich doch nichts dafür.
Nützt mir aber nichts. Tante Hanna kennt ihre Pappenheimer ganz genau. Und Lügen, sagt sie ganz schroff, haben kurze Beine, und wer lügt und auch noch dazu feige ist, kommt ganz gewiss in die Hölle.
Langes Stillsitzen ist mir ein Gräuel. Für mich sind Bewegungsspiele wichtig. Im Sommer draußen Ballspielen, Hinkebein oder auch nur auf der Schaukel bis in den Himmel zu schwingen, ja, da ist meine Art von Spiel. Aber das geht jetzt im Winter nicht, die Schaukel ist abmontiert, die Wippe stillgelegt, und weil alle draußen frieren und sich erkälten könnten, werden die Spiele nach drinnen verlegt. Alle Kinder finden das Spiel mit dem Butzemann so toll, ich auch.
„Es geht ein Bi-Ba-Butzemann in unserm Kreis herum, fidibum… er rüttelt sich und schüttelt sich, er wirft sein Säckchen hinter sich, es tanzt ein Bi-Baba-Butzemann in unserm Kreis herum, fidebum….“ Kennt jeder, der zu dieser Zeit im Kindergarten ist. Alle Kinder sitzen im Kreis auf einem Stuhl und in der Mitte steht der Butzemann, dreht sich unablässig im Kreis und singt dieses Lied. Während dessen müssen die sitzenden Kinder aufstehen und außen um die Stuhlreihe laufen und wenn der Butzemann innen im Kreis aufhört zu singen, muss jeder einen Stuhl ergattert haben und darauf sitzen. Auch der Butzemann. Für den ist es am einfachsten, er ist ja schon innen im Kreis und findet am schnellsten Platz. Leider fehlt aber ein Stuhl, und derjenige, der nun keinen ergattert hat, ist der nächste Butzemann. Wer sich von den Erwachsenen diesen Schwachsinn ausgedacht hat, lässt sich trotz Recherche bei Wikipedia nicht mehr feststellen, aber fest steht, dass alle Kindergärten Deutschlands dieses Spiel gespielt haben und lange Jahre später auch noch spielten. Der Butzemann endet fast immer im Gepolter, mit Stürzen, großem Gezank und viel Geschrei.
Nun liege ich in meinem Veranda-Bett und kann heute trotz leiser Musik nicht einschlafen. Die vielen Sterne am Himmel beleuchten meine Bettdecke, der volle Mond kuckt ab und zu durch eine dunkle nächtliche Wolke, auf der Straße ist es ganz ruhig und die Lichter in den gegenüberliegenden Häusern sind gelöscht. Alle schlafen. Meine Eltern sind drüben in der Druckerei. Nur das Torlicht der Hofeinfahrt leuchtet grell auf den Eingangsbereich. Ich höre die Bäume, wie sie im Wind schaukeln und ich höre die Schiffe auf der Elbe im Nebel tuten, ein Geräusch, das mir in anderen Nächten ein wohliges Gefühl von Zuhausesein gibt, aber heute ist das nicht so. Ich höre unseren weißen Kaminofen im Nebenzimmer knistern und knacken. Und als ich mich einmal erschrocken im Bett aufrichte, sehe ich, wie die Butzemänner aus dem Kaminofen heraustreten und mir mit verzerrtem Gesicht die Zunge herausstrecken und irgendwas rufen wie „böses Kind, sagt uns der Wind, böses Kind sagt uns der Wind“. Hab ich mich verhört, kann das sein?
Ich richte mich noch mehr auf und starre in den Kaminofen und mit einem Mal tanzen die Butzemänner nicht nur hinter der Feuertür vom Ofen, jetzt sind sie auch schon im Zimmer drin und bewegen sich wild nach allen Seiten mit fletschenden Zähnen, glühenden Schlitzaugen. Der eine hat sogar einen Feuerhaken in der Hand. Jetzt springt auch noch die Ofentür weit auf und ein weiterer Butzemann springt glühend aus der Klappe und ist auf der Suche nach mir. Ich bin vor Angst wie gelähmt, ich möchte schreien und die Butzemänner vertreiben. Aber das geht nicht, meine verschreckte Stimme kriegt keinen Ton heraus. Vor lauter Angst und Schrecken ziehe ich mir die Bettdecke über den Kopf, damit sie mich nicht sehen und hören können. Ein kleines Luftloch lasse ich unter der Bettdecke frei, damit ich besser atmen kann. Da sehe ich durch einen winzigen Spalt, dass die Butzemänner nun auch schon durch das Radio kommen, durch das grüne Licht tanzen sie ins Freie und suchen mich.
Das geht jetzt jede Nacht so. Ich verstecke mich unter der Bettdecke. Im Kindergarten bemerken sie, dass ich immer blasser und immer dünner werde, nicht mehr mit der alten Freude rumtoben will und keinen Appetit habe. Lediglich die tägliche Ration Lebertran, die uns mittags per Esslöffel gegeben wird, nehme ich noch einigermaßen gern und klaglos an. Das soll unsere Abwehrkräfte steigern, aber ansonsten schmeckt mir nichts und deshalb darf Marlies auch meine Brottasche aufessen. Was hat sie nur, die Kleine, sinniert meine herzensgute Großmutter Ahne, irgendwas muss ihr doch fehlen. Geh doch jetzt mit dem Kind bitte zum Arzt, sagt sie meiner Mutter.
Omi Ahne füttert mich mit Haferschleimsuppe und Zucker-Ei und ich darf mir jeden Tag das zu essen wünschen, was ich will. Hauptsache, ich esse was. Nun fange ich leider auch noch an zu husten und weil ich weiß, dass mein Husten für noch größere Aufregung sorgen wird, versuche ich, den zu unterdrücken. Kein Hustenmittel will wirklich helfen und als der Kinderarzt dann auch noch feststellt, dass meine kleine Lunge eigentlich ok und ohne Auffälligkeiten ist, sind meine Eltern zwar einerseits beruhigt, denn sie dachten schon an Schlimmes, aber andererseits sind sie auch alarmiert und ziemlich in Sorge, weil sie nicht wissen, was mit mir ist. Aus mir selbst ist nichts rauszukriegen.
In der Druckerei ist das Telefonbuch für dieses Jahr fertig gedruckt und alle Abteilungen der Druckerei und auch die Buchbinderei kann sich wieder einem normalen Arbeitstag zuwenden, und so arbeitet meine Mutter nur noch tagsüber und bleibt den ganzen Sommer über nachts zuhause, so dass ich nicht allein bin. Das hilft. Mir geht es jetzt viel besser. Ausserdem bin ich Ostern eingeschult worden und soll nach der Schule nicht mehr in den Kindergarten gehen, sondern nach Hause kommen.
Omi Ahne ist zu uns nach Blankenese gezogen und fängt im kommenden Herbst auch drüben in der Druckerei an und alle sind froh, dass das geklappt hat. Sie ist auch Buchbinderin und gleichzeitig Maschinen-Anlegerin und freut sich, dass sie nun in unserer Nähe sein kann. Ich bin ihr kleiner Augenstern, sagt sie und dann darf ich mich auf ihren Schoß setzen und mit ihr schmusen. Sie ist die einzige, die mit mir schmust. Meine Mutter hat keine Zeit dafür. Dafür aber hat mein Stiefvater, den ich Onkel Hans nenne, jetzt viel Zeit für mich, wenn ich von der Schule oder vom Spielen nach Hause komme. Zum Schmusen eignet er sich aber nicht, dafür ist er wohl zu alt. Er ist mit seinen 63 Jahren viel älter als Omi Ahne.
Jetzt sitzt er nachmittags auf der Veranda und hat nichts zu tun. Die Zeitung hat er ganz früh schon fertig gedruckt. Die Maschinenreinigung und die Öler lässt er von seinen Mitarbeitern machen. Heute frage ich ihn, ob er mir nicht mal wieder was aus seinem Leben erzählen kann, ach bitte Onkel Hans, ich hör so gern deine Geschichten. Das tut er eigentlich nur allzu gern. Naja, sagt er, dann hol mir mal meine Pijp, den Tobak, Stopper und Lucifer, mien Maisje.
Er ist 1887 in Holland geboren und hat einen ganz komischen Vornamen, der mich immer wieder zum Lachen bringt. Er heißt Johan mit einem N, Nikolaus Nepomuk Kreuzwendedich - und bei Kreuzwendedich fange ich jedes Mal an zu kichern. Wie kann man denn so heißen. Wollten deine Eltern, daß du dich immer am Kreuz drehst ? Manchmal frage ich ihn, Onkel Hans, erzähl doch noch mal von all den Ländern, in denen du warst. Wie er nach seiner Lehre als Buchdrucker von Holland weggezogen und auf die Wanderschaft gegangen ist und sieben Jahre unterwegs war. Er hatte nur einen Arbeitsanzug im Rucksack und etwas Wäsche für die kalten Tage, einen Wanderstock und ein Wanderbuch, in das hinein jeder Druckereibesitzer eintragen musste, wie lange er da war und was er gearbeitet hat und wie sein Betragen war. Beim Wort Betragen kuckt er mich mit hochgezogenen Augenbrauen etwas länger an und ich weiß natürlich gleich, was er damit sagen will. Ich soll mich besser betragen und nicht wie gestern, du weißt schon, Brigitte. Ich habe den Turnbeutel von Marlies hoch in die Dachrinne gepfeffert und dann hat Marlies verheult ihre Mutter geholt und sich bei meiner Mutter über mich beklagt. Statt Ohrfeige wie sonst gab es für heute nachmittag Stubenarrest. Das meint er, wenn er mich so scharf ankuckt, aber die Sache mit dem Betragen im Wanderbuch die stimmt trotzdem, sagt er.
Alle möglichen Länder hat er abgeklappert mit seinem Wanderstock und er zeigt mir allzu gern das braune Wanderbuch mit Eintragungen von Druckereien in Frankreich, Belgien, Luxemburg, der Schweiz, England und Norwegen. Ich habe noch gar keine Ahnung von all den Ländern, in denen er war. Und dass die alle eine andere Sprache sprechen, ist mir eher unheimlich. Ich kann ja kaum sein Holländisch verstehen, das er manchmal spricht, wenn er Bier getrunken hat. Ich kann und will sowieso nicht verstehen, warum ich in der Schule erst deutsche Schrift lernen soll, die man komischerweise Sütterlin nach Herrn Sütterlin, dem Erfinder nennt. Dann muss ich plötzlich lateinische Schreibschrift im linierten Heft lernen, nur weil wir eine andere Lehrerin bekommen haben. Ich finde das alles überflüssig, schließlich druckt mein Onkel Hans dauernd Zeitungen und andere Sachen, die mit normalen Druckbuchstaben gedruckt sind und die offenbar jeder Mensch lesen kann. Ich maule ziemlich rum und will deshalb eigentlich nicht mehr zur Schule gehen.
Aller Anfang ist schwer, mein Kind, das wirst du noch oft in deinem Leben merken, sagt er. Nun wird das ein längeres Thema zwischen mir und Onkel Hans und einem gewissen Herrn Moralapostel.
In Deutschland ist er dann hängen geblieben. Da brauchten sie einen erfahrenen Drucker, der Kriegsmaterialien und Zeitungen in großer Auflage drucken konnte und Versuche mit immer neueren Techniken, Druckmaschinen und Rotationsdruckern machen konnte. Dann erklärt er mir, was Druckmaschinen alles können und dass man aus Bäumen und ihrem Holz tatsächlich Papier machen kann. Ich bin platt und hänge an seinen Lippen und kriege meinen eigenen Mund nicht mehr zu. Onkel Hans kann so wunderbar erzählen und ich hoffe, dass er nie wieder aufhört. Ja, und dann hat ihn dann eines Tages der Druckereibesitzer Hinrich Springer sen. nach Hamburg geholt, der auch Buchdrucker war. Und mit ihm hat er dann die ersten Tiefdruckversuche für die Zeitschrift „Hör Zu“ ausprobiert, die so erfolgreich waren, dass ihn das Militär vom Weltkrieg freigestellt hat. Hinrich Springers Sohn hieß Axel und sollte Drucker lernen, damit er später die Druckerei und den Verlag vom Vater übernehmen konnte und wurde sein Lehrling.
Seine geliebte Pijp ist ihm jetzt schon drei Mal ausgegangen und immer wieder hab ich einen Lucifer geholt, doch nun reicht es ihm. Ich hole ihm die dicke Brasil, damit es noch lange mit dem Erzählen weitergeht.
