Blaubeermuffins - Nicola Sabine Patsis - E-Book

Blaubeermuffins E-Book

Nicola Sabine Patsis

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Beschreibung

Leopold ist seit 20 Jahren Reiseleiter im Westen der USA. Einst Hals über Kopf aus Deutschland geflohen, lebt er dort ein einsames und tristes Dasein. Eines Tages trifft er die wunderschöne Mara auf einer seiner Reisen und verliebt sich unsterblich in sie. Mara, frisch geschieden, verliebt sich ebenso unsterblich in Leopold. Doch wie soll es nach der zweiwöchigen Reise weitergehen und welches Geheimnis verbirgt sich hinter den traurigen, tiefschwarzen Augen von Leopold?

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Seitenzahl: 359

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Nicola Sabine Patsis

Blaubeermuffins

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1 Mara

Kapitel 2 Leopold

Kapitel 3 Mara

Kapitel 4 Leopold

Kapitel 5 Mara

Kapitel 6 Leopold

Kapitel 7 Mara

Kapitel 8 Leopold

Kapitel 9 Mara

Kapitel 10 Leopold

Kapitel 11 Mara

Kapitel 12 Leopold

Kapitel 13 Mara

Kapitel 14 Leopold

Kapitel 15 Mara und Leopold

Kapitel 16 Leopold

Kapitel 17 Mara

Kapitel 18 Leopold

Kapitel 19 Mara

Kapitel 20 Leopold

Kapitel 21 Mara

Kapitel 22 Leopold

Kapitel 23 Mara

Kapitel 24 Leopold

Kapitel 25 Leopold

Kapitel 26 Mara

Kapitel 27 Leopold

Kapitel 28 Mara

Kapitel 29 Leopold

Kapitel 30 Mara und Leopold

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Blaubeermuffins

Ein Roman von

Nicola Patsis

Am letzten Tag des Mais 1999 überflog eine Maschine Boeing 747 der Lufthansa von Frankfurt kommend die Staatsgrenze zu Kalifornien. Die Ausläufer der riesigen Stadt Los Angeles waren schon weit vor der Landung zu sehen.

In dieser Maschine saß ein außergewöhnlich hübscher, junger und unglücklicher Mann, dessen Leben sich mit diesem Flug von Grund auf ändern sollte. Er konnte in diesem Moment nicht glauben, in welch riesige Stadt am anderen Ende der Welt er unterwegs war.

Am Los Angeles International Airport wurde der Mann bereits erwartet. Seine jugendliche und unerfahrene Nervosität ließ er sich nicht anmerken. Sein Leben konnte nur besser werden.

Kapitel 1 Mara

Noch einmal sah sie sich, schon an ihrer Eingangstür stehend, die Liste an. Die Liste, die sie immer gründlich abarbeitete bevor sie auf Reisen ging. Fenster zu, Rollläden unten, Müll weg, Strom und Wasser abgestellt und noch einige Kleinigkeiten, die ihr wichtig waren, solang ihre Eigentumswohnung alleine war. Da es eine große Wohnung mit einigen Zimmern war, konnte das schon mal eine Weile dauern. Aber nun war sie durch. Schnappte sich ihren Koffer, der schon bereit an der Tür stand, den Rucksack, den sie auf Reisen immer als Ersatz für ihre Handtasche dabeihatte, in dem, neben dem üblichen Handtaschenkram, ebenfalls ihre Fototasche, ihr großer Kopfhörer und einige andere Kleinigkeiten steckten, die man während eines elfstündigen Fluges so braucht. Und den Hausschlüssel. Sie trat ins Treppenhaus und sperrte ab. So. Noch einmal legte sie ihre Hand und ihren Kopf an die Tür. Das war ein Ritual. Ein Abschiedsgruß. Lächerlich vielleicht. Aber ihr sehr wichtig.

Mara lebte in einem ziemlich neuen Neunfamilienhaus in einem kleinen Dorf nahe Neustadt, im tiefen fränkischen Land. Das heißt, so tief war es auch nicht mehr, aber ländlich genug, um viel Natur und Ruhe zu haben. Um sich sicher zu fühlen, ab und zu mal ein paar Kühe oder Schafe zu hören und zu sehen und etwas Idylle zu haben. Noch einmal drehte sie ihren Blick nach oben in den zweiten Stock, sah ihre Fensterreihe an, die nun von den Rollläden bedeckt war, öffnete den Kofferraum ihres Mercedes GLE. Verstaute ihren Koffer darin. Ihren Rucksack nahm sie mit und legte ihn auf den Beifahrersitz. Sie prüfte die Uhr. 6 Uhr in der Früh. Gutes Timing. Der Flieger von München würde um 13 Uhr starten. Im Normalfall waren es 2 Stunden nach München. Aber wenn man so eine Strecke auf der A9 fuhr, war ein Puffer notwendig. Ihr Auto würde Sie im Parkhaus am Münchener Flughafen lassen.

Sie freute sich nun wirklich sehr, erst hatte Sie gezögert, als ihr 5 Jahre älterer Bruder Max sie überredet hatte, doch mit ihm und seiner Familie, der Ehefrau Tanja, die zwei Jahre älter war als Mara, den 9 jährigen, strohblonden Zwillingssöhnen Aidan und Adrian und der 11 jährigen ebenfalls strohblonden Tochter Luna die Reise durch den Westen der USA zu machen. „Komm mit uns“, hatte er gedrängelt, „du siehst so blass und müde aus, total ungesund. Die Scheidung hat dich ja fast aufgefressen. Du brauchst Abstand und Abwechslung.“

Natürlich war eine Scheidung niemals leicht. In ihrem Fall schon fünfmal nicht. Sie hatte ihren Ehemann wirklich geliebt. Seit dem ersten Tag ihrer Begegnung bis zum letzten Tag, als sie sich friedlich und ohne jeden Streit getrennt hatten. Nach 10-jähriger Ehe sollte sie noch einmal neu anfangen und das mit 38 Jahren. Es war nun einmal so. Vor einem Jahr hatte sie Brian von einer Geschäftsreise aus London zurückerwartet und hatte, nach sechs Wochen Trennung, einen Anruf bekommen. Er sei in London geblieben. Er habe sich hier verliebt, er würde in London bleiben. Er habe die Frau erst jetzt kennengelernt. Es ging einfach so schnell. Mara hatte ihm jedes Wort geglaubt. Er war kein Lügner, war nicht Untreu. Das wusste sie genau. Aber manchmal spielt das Leben ebenso. Brian hatte Mara die Wohnung überschrieben, hatte ihr das Auto übergeben und hatte sie die Scheidung einreichen lassen. Friedlich und ohne jeden Streit. Wenn man sich schon trennte, dann doch am besten so. Doch sie liebte ihn noch immer. Kam nicht über ihn hinweg. Das schlimmste war nicht, dass sie nicht mehr seine Traumfrau war, dass sie von einer anderen ersetzt worden war. Das schlimmste war, dass sie ihn so schwer vermisste, dass jeder Tag eine Herausforderung war. Jeder Tag. Womöglich hätte ein fieser Scheidungskrieg geholfen, ihre Gefühle in den Griff zu kriegen. Aber den hatte es nun einmal nicht gegeben.

Kinder hatten Mara und Brian nicht. Was die Sache erleichterte. Den Grund dafür fand Mara im schönen Leben zu zweit. Ob das richtig war, wenn sie sich jetzt in ihrer Situation sah. Keine Ahnung. Der Gedanke hing im Moment auch zu schwer an ihr um ihn weiter zu verfolgen. Wenigstens hatte sie finanziell alles im Griff. Die Wohnung und das Auto waren abbezahlt, ein paar Ersparnisse hatte sie und einen halbtags Bürojob, der ihr jeden Monat ein halbwegs anständiges Gehalt aufs Konto zauberte. Schmerzensgeld fürs tägliche Kaffee trinken mit Kollegen, langweilige Fälle bearbeiten und viel Tratsch und Klatsch im Büro. Nichts Besonderes, doch genug zum Leben und zum Reisen.

Die Fahrt nach München verlief reibungslos. Um 9 Uhr war Ihr Auto verstaut und ihr Gepäck in ihrer Hand. Sie hatte einen mächtigen Hunger und wollte nur noch den Koffer abgeben, ihre Familie finden und ein riesiges Frühstück mit Brezen, Wurst, Käse und einem oder zwei Cappuccino verdrücken. Oder besser gleich zu McDonalds und mit Pommes und Big Mac anfangen? So wie sie Max kannte, würde das sein Vorschlag sein. Und anstelle von Cappuccino sah sie ihren leicht übergewichtigen Bruder schon mit einem halben Liter Bier vor sich. Selbst Mara kam es nach dem Aufbruch und der Fahrt so vor, als wäre schon früher Nachmittag. Mal sehen, vielleicht kein Cappuccino.

Im richtigen Terminal angekommen, kramte Mara ihr Smartphone aus dem Rucksack und wählte die Nummer von ihrer Nichte Luna, die prompt nach dem ersten Klingeln am Telefon war und wild drauf los redete: „Tante, unsere Koffer sind schon weg, wo bist du wir warten und haben alle Hunger und wollen nicht ohne dich essen und ich freue mich so auf dich. Hast du unser Auto gesehen? Du hast den Parkplatz neben uns gemietet.“ „Luna, hallo, ich bin schon da. Am Schalter. Ich gebe jetzt auch meinen Koffer ab. Ja, ich stehe neben euch im Parkhaus. Wo seid ihr?“ Sofort berichtete Luna ihrer Tante, dass sie sich bereits im Biergarten des Flughafens befänden und Papa tatsächlich auf einen Schweinebraten in der Früh spekuliere, dass Mama schon am Schimpfen sei und dass sich alle freuen würden Mara zu sehen. Mara konnte sich ihre sehr dünne, braunhaarige, Schwägerin mit den Rehaugen und dem langen Haarzopf durchaus bildlich vorstellen. Die gute Frau aß wenig und trank wenig. War dünn wie ein Bleistift und schimpfte immer mit Max, der wirklich ein bisschen abnehmen könnte. So fand auch Mara. Allerdings ließ sie im Urlaub gewöhnlich von der Nörgelei ab, zumindest zeitweise. Hatte Max doch einen erholsamen Urlaub verdient. Immerhin ernährte er mit seinem Beruf als Mechanikermeister eine fünfköpfige Familie.

Mara lächelte zufrieden. Familie war doch das Schönste, auch wenn es nicht unmittelbar ihre war. Aber, so überlegte sie sich, ihre eigenen Kinder würden sich wohl kaum so freuen sie zu sehen wie ihre Nichte und ihre Neffen, was natürlich daran lag, dass man sich recht selten sah. Sie gab ihren Koffer ab, freute sich, kein Übergepäck zu haben und machte sich auf den Weg zum Biergarten, der lustigerweise nur so hieß, denn im Großen und Ganzen bestand der Biergarten aus Erdinger Sonnenschirmen und Bierbänken mitten in der Flughafenhalle. Nun also Frühschoppen.

Alle redeten wild durcheinander. Mara umarmte ihren ebenfalls strohblonden Bruder Max, ihre Schwägerin Tanja und begrüßte die Kinder überschwänglich. Jedes bekam für den langen Flug eine Packung Kaugummi und eine Packung Brausebonbons. Schließlich brauchten die Kinder doch eine Beschäftigung. 11 Stunden in der Luft war maximal 30 Minuten interessant. Dann vielleicht noch einmal wenn das Essen kam. Aber wie beschäftigte man drei Kinder den Rest der Zeit. Mara hatte sich vorgenommen, viel zu schlafen und von der Reise zu träumen. Für sich selbst hatte sie natürlich auch den halben Rucksack voller leckerer Dinge. Allem voran natürlich Schokolade und Karamellbonbons. Zusätzlich, zur Abwechslung; ein paar Fruchtgummis und auch Brausebonbons. Das würde für 11 Stunden sicher mehr als ausreichen.

Die Zeit bis zum Boarding vertrieben sie sich mit einem Weißwurstfrühstück und Brezen. Die Erwachsenen tranken Bier. Für Mara war es nur eine Halbe, sie wollte im Flugzeug nicht zu oft die Waschräume aufsuchen müssen. Max hingegen war das egal, er schaffte es tatsächlich, zwei Halbe bis 13 Uhr mittags zu trinken. Tanja nippte an ihrem Bier bis es warm war und ließ dann die Hälfte stehen. Schade um das gute Bier. Die Kinder erfreuten sich an einem Glas Fanta. Das wurde daheim, wegen des Zuckergehalts, nicht serviert. Aber Urlaub war eine Ausnahme.

Die Maschine war riesig, zehn Sitze in einer Reihe. Mara saß mit ihrer Schwägerin und ihrer Nichte in der Mittelreihe, der Platz neben Mara blieb frei. Das nutzte sie natürlich, ihren Rucksack neben sich zu stellen. So konnte sie jederzeit an ihren Fotoapparat und Bilder machen. Eines ihrer größten Hobbys. Jede Reise musste von Anfang bis Ende mit Fotos dokumentiert sein, um sich danach jederzeit wieder daran erfreuen zu können. Natürlich hatte sie auch ihre ganzen Süßigkeiten bei sich um jederzeit naschen zu können. Ihre Nichte hatte nun das Privileg neben ihr zu sitzen. Sie würde also automatisch heimlich mitnaschen können. Das blieb den Neffen, die links am Fenster saßen, leider verwehrt. Nachdem das Flugzeug gestartet war, holte Sie die drei Piccolo, die sie vorher zollfrei gekauft hatte, aus dem Rucksack und verteilte sie an die Schwägerin und den Bruder. Der deutsche Boden war verlassen. Eine traumhafte Reise im Westen der USA erwartete sie, es war Zeit anzustoßen.

Kapitel 2 Leopold

Er war müde. Gerade hatte er die Reisegruppe wieder in den Flieger gesetzt, natürlich nicht wortwörtlich. Er hatte sie im Hotel abgesetzt und den Transfer zum Flughafen organisiert. Er hatte die Frauen umarmt, die allesamt für ihn zu schwärmen schienen. Einige hatten Tränen in den Augen gehabt. Das sei normal - hatten ihm seine neuen Kollegen vor zwanzig Jahren erzählt, als er mit dem Job angefangen hatte. Damals war er 22 Jahre alt gewesen. Meine Güte, so lange schon tourte Leopold mit deutschen Touristen durch den Westen der USA. 20 Jahre. Und wenn man es genau nahm, war jede Tour wie die Andere. Die Gäste waren jedes Mal andere und doch immer gleich. Viele Rentnerpaare, weniger im mittleren Alter vielleicht mit Familie, noch weniger waren ganz jung. Jedenfalls war es normal. Hauptsächlich die älteren Frauen schwärmten für die Reiseleiter. „Das macht die Leichtigkeit des Reisens und die Autoritätsperson, die die Reisenden in dir sehen. Aber das ist gut so. Die Frauen entscheiden über das Trinkgeld. Lass es über dich ergehen, umarme sie und lächle sie an“, wurde er von seinem Ausbilder belehrt. Das tat er, wenn auch äußerst widerwillig.

Leopold war nicht der Typ, der sich gerne anfassen ließ. Wenn man es genau nahm, scheute er sich fast vor jedem Körperkontakt fremder und auch bekannter Menschen. Es genügte ihm, den Frauen die Hand geben zu müssen, wenn sie aus dem Bus stiegen. Doch das war die strenge Vorgabe des Arbeitgebers, den Frauen eine Ausstiegshilfe zu sein. Was blieb ihm da übrig. Einige der älteren Damen hatten oft zerknüllte Papiertaschentücher in der Hand, die er grundsätzlich mit anfassen musste. Kaum eine Dame ignorierte seine Hand. „Du siehst aber auch verdammt gut aus mit deinem dichten, schwarzen Haarschopf, den fast schwarzen Augen und der hellen Porzellanhaut. Dazu die tolle Figur. Was erwartest du?“, mahnte ihn einmal eine sehr viel jüngere Kollegin. Er selbst fand das nicht unbedingt. Aber er machte sich auch nicht wirklich einen Kopf um sein Aussehen. Bro Flow. So hieße seine Frisur wurde er von ihr noch belehrt. Das war ihm auch neu gewesen und auch ziemlich egal. Ihm war nur wichtig, dass der Anzug, das hieß, schwarze Hose, weißes Hemd mit dem Logo des Reiseveranstalters und schwarze Weste auch mit dem Logo, perfekt saßen.

Nun hatte er kaum einen Tag Zeit in seiner kleinen Ein-Zimmer-Mietwohnung in Pasadena. Sah sich die Gästeliste der nächsten Reise an, die morgen beginnen würde, packte seinen Koffer aus, wusch die Wäsche, packte neu. Morgen um 15 Uhr würde die erste Maschine aus München landen, in der einige Gäste für die Reise sein würden. Um 16 Uhr dann die aus Frankfurt. Noch einmal sah er sich die Liste an. Na super. 20 Gäste. Der halbe Bus war leer. Nun, was erwartete er. Die Hauptsaison war vorbei. Es würde nun eine angenehmere Reise sein. Weniger Aufwand, weniger Stress, aber vor Allem auch weniger Ausflüge, die verkauft würden und weniger Trinkgeld. Als Reiseleiter, der nach amerikanischem Recht bezahlt wurde, machte das 50% seines Einkommens aus. Aber was machte das schon. Für wen sollte er auch Geld verdienen. Er war ja allein. Keine Frau, keine Kinder. Keine Freundin. Er musste nur funktionieren und überleben und perfekt in seinem Job sein.

Nun, organisiert war alles. Morgen musste er nur seinen Koffer fertig packen, die Reiseunterlagen, das iPad und den Laptop mitnehmen und auf den Touristenbus warten, der ihn abholen und ins Hotel fahren würde. Dort würde er auf die Reisenden warten, jeden in der Hotellobby begrüßen, ihm sein Willkommenspaket geben, in dem noch einmal ein genauer Reiseablauf, eine Landkarte und einige Broschüren zu den Ausflügen waren und fragen ob alles ok sei. Betrübt sah er sich in seiner kleinen Wohnung um, die er zwei Wochen nicht gesehen hatte, die er auch nicht vermisst hatte. Wer vermisste schon einen 30-qm-Raum in dem, bis auf das Badezimmer alles in einem war. Er ging zum Kühlschrank. Hunger hatte er nicht. Wenngleich er sowieso nichts zu essen hier hatte. Hätte er Hunger, hätte er eben Pech gehabt. Im Kühlschrank befanden sich nur Getränke. Er öffnete eine Flasche kalifornischen Rotwein. Bis auf die Unterhaltungsindustrie war das wohl das einzig Gute, das dieser Staat hervorbrachte. Leopold schenkte sich ein Glas ein, nahm die ganze Flasche mit zu seinem Bett, stellte Glas und Flasche auf dem Nachttisch ab und schaltete den Fernseher ein. Gegen 1 Uhr nachts erwachte er und stellte fest, dass er den Wein nicht angerührt hatte und der Fernseher immer noch lief. Unsittsamerweise leerte er das abgestandene Glas Wein auf einen Zug. Schaltete den Fernseher aus und schlief sofort weiter.

Gegen 10 Uhr des nächsten Tages traf ihn die späte kalifornische Augustsonne im Gesicht als er erwachte. Erst musste er überlegen wo er war und was als nächstes kommen würde. Dann fiel es ihm ein. Eine neue Reise. Brummig verschwand er im Bad, kam nach einer halben Stunde mit seinen Utensilien wieder heraus, verstaute sie im Koffer und ging ans Fenster um die morgendlichen Sonnenstrahlen einzufangen. In Deutschland, damals in Lüneburg wo er aufgewachsen war, sah man zu dieser Jahreszeit schon den Herbst, wie er ins Land schlich. Daran erinnerte er sich gut, er liebte damals diese Jahreszeit. Hier in Südkalifornien war davon nichts zu sehen. Selbst an Weihnachten hatte es 20 Grad und bis auf Palmen gab es eh keine Bäume. Also auch keine Blätter, die sich verfärben konnten. Ihm wurde zum ersten Mal klar, dass er einige Seiten an Deutschland schmerzlich vermisste. Dennoch war es undenkbar dorthin zurückzukehren. Obwohl er manchmal einen Stich schmerzlichen Heimwehs empfand. Zuletzt häufiger. Was ihn wirklich erstaunte.

Leopold zog seine Uniform an und betrachtete sich im Spiegel. Wie immer standen seine pechschwarzen Locken teilweise kreuz und quer ab. Gegen diese Mähne war er machtlos. Die einzige Möglichgeit dagegen wäre wohl ein radikaler Haarschnitt, doch das sah dann vermutlich total bescheuert aus. Auch hätte er die Haare wachsen lassen können und zum Pferdeschwanz binden. Doch er war ja auch keine 20 mehr. Also beließ er es dabei. Er verließ das Apartment, um im Coffeeshop an der Straßenecke zu frühstücken. Kaffee und einen Blaubeerbagle mit Butter und Cheddar Käse. Das Übliche. Nachher würde ihn John mit seinem Bus abholen. Zum Glück wieder John. Den Busfahrer kannte er so lange er Reiseleiter war. John war 10 Jahre älter als er und sie verstanden sich sehr gut. Unzählige Touren hatten sie gemeinsam gefahren. Mit ihm konnte man lachen und mit ihm war eine Reise durchaus erträglich. Bei diesem Gedanken stutzte er kurz. Reise, die Buchungsliste, er hatte sie gestern durchgesehen. Da war etwas, das ihm aufgefallen war, dem er aber keinen weiteren Gedanken gewidmet hatte. Da war eine Buchung, eine Ungewöhnliche, er hatte gestern noch gedacht, das hatte ich noch nicht und dann wieder vergessen. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Ein Mann, recht jung, in Leopolds Alter, zwei Frauen mit demselben Nachnamen beide etwas jünger als er und drei Kinder auch mit demselben Nachnamen. Interessant, das war sehr interessant. Zwei Frauen? Was hatte er in seinem Leben nur falsch gemacht. Wo war er falsch abgebogen?

Kapitel 3 Mara

Der Flug war angenehm. Keine Turbulenzen, zum Leid der Zwillinge, die gerne ein Abenteuer erlebt hätten. Das Essen war annehmbar. Huhn mit Gemüse und zum Nachtisch einen Blaubeermuffin, der extrem gut war. Ständig wurden Wasser und Säfte verteilt und zum Jubel der Kinder gab es zwei Stunden vor der Landung noch Twix und Chips für jeden. Zu dieser Zeit konnte man vom Flugzeug aus schon die Ausläufer der riesigen Stadt Los Angeles erkennen. Später erkannte Mara Häuser mit riesigen Pools - war das Beverly Hills? Bestimmt. Ihre Aufregung wuchs. Sie wollte endlich aus dem Flieger und Kalifornien auf der Haut spüren.

Im Flughafengebäude war die Hölle los. Massen an Menschen aller erdenklicher Nationen und zwischen ihnen Sicherheitsbeamte mit riesigen Hunden und schweren Pistolen. Es war fast zum Fürchten. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die Familie ihr Gepäck zusammen hatte und das Flughafengebäude verließ. Nun hieß es auf den Transfer zu warten, der sie ins Hotel bringen würde. Mara freute sich auf eine erfrischende Dusche und frische Kleidung, auf ein kühles Bier und etwas Richtiges zu essen. Die Sonne brannte. Der Transfer ließ auf sich warten. Mittlerweile hatten sich noch andere Deutsche zu ihnen gesellt. Zwei Rentnerpaare und zwei Männer, die zusammen reisten. Wie sich herausstellte, waren alle auf dieselbe Reise gebucht.

Die Fahrt zum Hotel dauerte nur 20 Minuten und Mara entdeckte schon vom Bus aus direkt gegenüber dem Hotel einen riesigen Supermarkt und ein Fast Food Restaurant, das Wendys hieß. Na bitte, der Abend war gerettet. Der Shuttle hielt direkt vor dem enorm großen Hotel. Der Fahrer öffnete die Türen, stieg aus und lud die Koffer und Reisetaschen aus. Tanja und Max schnappten sich die fünf riesigen Koffer zusammen mit ihren Kindern und begaben sich geradewegs in die Hotellobby, um beim Reiseleiter die Zimmerschlüssel und die restlichen Unterlagen zu bekommen. Mara hingegen ließ sich Zeit. Sie schaute sich um, versuchte die Umgebung in sich aufzunehmen und atmete die Luft. Einige Fotos machte sie mit ihrer Spiegelreflexkamera und stellte dabei fest, dass diese Aussicht hier nicht viel mit dem zu tun hatte, was sie sich als das kalifornisches Paradies vorgestellt hatte. Hauptsächlich sah sie unendlich breite Straßen, Häuser und den riesigen Supermarkt. Bis auf die Palmen also nicht sehr einladend. Die Luft roch auch eher nach Abgasen als nach Meer und Strand, der laut Stadtplan im Reiseführer doch nur fünf Blocks entfernt sein sollte. Doch dies waren in Los Angeles anscheinend andere Dimensionen als in Deutschland.

Luna kam aus dem Hotel angerannt und riss Mara aus ihren Gedanken. „Tante komm, wir haben schon unsere Schlüssel und wir haben den Reiseleiter kennen gelernt. Er heißt Leopold. Er sitzt da gleich am Empfang.“ „Bin schon da. Komm wir gehen rein. Ist er denn nett?“ „Ja, total.“

Mara betrat die Hotellobby. „Schau, da ist er“, sprach ihre Nichte und zeigte in Richtung Rezeption auf einen Schreibtisch.

Da saß er. Mara war sprachlos, sie bekam weiche Knie, schien sich nicht bewegen zu können. Sie konnte auch keinen klaren Gedanken fassen. Sie sah nur einen Mann, der so unaussprechlich bezaubernd war, dass sie keine Luft mehr bekam und zu schweben schien. Sie spürte keinen Boden mehr unter ihren Füßen und hörte nichts mehr um sich herum. Verschwunden waren die Menschen, die überall herumschwirrten und verschwunden war das Hotel um sie herum. Sie sah nur den Schreibtisch und denjenigen, der dahinter saß. Tiefbraune wunderbare Augen, so tief wie das Universum, schwarz glänzende Haare, so ein makelloses Gesicht, zart wie Porzellan. Doch nicht nur das Aussehen war es, jede Bewegung die er tat, der Blick, das ganze Wesen.

„Tante, du musst zu ihm und unterschreiben, dann bekommst du deine Schlüsselkarte und einen Umschlag mit lauter Unterlagen drin“, wurde Mara von ihrer Nichte wieder in die Realität geholt. In dem Moment sah er auf. Sah ihr in die Augen und schien ebenso zu erstarren wie sie noch vor einigen Sekunden. „Tante warum gehst du nicht hin zum Unterschreiben?“ Doch dann wurde auch Luna still. Sie bemerkte, dass irgendwas vor sich ging, etwas, das sie nicht verstand.

Langsam, sehr langsam bewegte sich Mara auf den Schreibtisch zu und begrüßte den Reiseleiter mit einem „Hallo“, dass eher gehaucht als gesprochen war. Er antwortete mit einem ähnlichen „Hallo“ und blickte ihr in die Augen. „Ähm, ich, äh sagst du mir deinen Namen?“ stammelte er. „Was? Ach ja Mara äh Kaufmann.“ „Ok. Deine Zimmernummer ist die 4008.“ „Leopold!“ rief Luna, „muss meine Tante denn nicht unterschreiben so wie Papa?“ „Äh, ach ja, das hatte ich völlig vergessen“, antwortete er. Weder Mara noch Leopold brachten ein anständiges Wort heraus. Sie starrten sich gegenseitig in die Augen, jeder dem Anderen als könnten sie das, was aktuell geschah nicht glauben und nicht verarbeiten. Mara bekam ihren Schlüssel und da meldete sich Luna wieder zu Wort: „Leopold, bekommt die Tante denn keinen Umschlag mit so schönen Unterlagen wie wir?“ „Ach, das hatte ich auch vergessen, tut mir leid, ich war gerade etwas neben mir“, schien er sich in dem Moment wieder zu fassen. So bekam Mara auch noch den Umschlag, winkte etwas unbeholfen zum Abschied und lief rückwärts gegen ihren Koffer. Zum Glück fing sie ihn aber rechtzeitig, dass er nicht kippen konnte und verließ die Lobby. Tanja stand da. Schüttelte lächelnd den Kopf. „Als ich den sah“, sie zeigte in Richtung Leopold, „wusste ich, dass der was für dich ist.“ „Was?“ antwortete Mara einige Tonlagen zu hoch und stieg, gefolgt von der Verwandtschaft in den Aufzug.

Die Zimmer befanden sich im vierten Stock. Mara öffnete die Tür und trat ein. Setzte ich einen Moment aufs Bett und dachte an das was eben geschehen war. Was war das nur für ein Mann. Sie konnte sich kaum noch an ihn erinnern. Er war so unbeschreiblich, so traumhaft, wie ein Nebel, der schon wieder aus ihrem Gedächtnis wich. Ob er ein Geist war? So ein Schwachsinn. Doch greifbar war er bereits nicht mehr. Tatsächlich wie ein Traum, der langsam aus dem Gedächtnis verschwand.

In dreißig Minuten war sie mit ihrer Familie verabredet. Supermarkt und dann essen gehen. OK. Gut organisiert war sie. Also duschen, umziehen und vor allem etwas Schönes anziehen. Die alten, viel zu breiten Jeans und das weite T-Shirt der Reise mussten verschwinden. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie genauso vor Leopold getreten war und wurde rot. Das durfte doch nicht wahr sein. Einmal hatte sie in einem Roman gelesen, dass man sich auf Reisen immer gut anziehen müsse. Denn schließlich konnte man nie wissen, wem man so auf den internationalen Flughäfen begegnete. Warum hatte sie diesen Rat nicht befolgt. Sie erinnerte sich, dass sie daheim tatsächlich an diesen Satz gedacht hatte, als sie Ihr Reiseoutfit zusammengestellt hatte. Sie trat vor den Spiegel. Die Haare waren leicht zerzaust. Das störte das Bild nicht. Ihre langen blonden Wellen waren pflegeleicht und sahen irgendwie immer gut aus. Etwas müde blickten ihre blauen Augen in den Spiegel. Doch das war auch irgendwie süß. Aber die Klamotten. Bitte lieber Gott, wie konnte das passieren? Was hatte sie sich dabei gedacht, so bequem zu fliegen? Aber es nützte alles nichts. Duschen und umziehen. Und ab sofort gut aussehen. Außerdem war es doch verständlich, so einen langen Flug möglichst gemütlich zurückzulegen oder?

Nach der Dusche, die kalt war, da sie mit diesem amerikanischen System leider nur kaltes Wasser aus dem Hahn brachte, zog sie sich ein süßes, grünes Spaghettiträgertop und eine sexy Jeans an, die ihre Figur gut betonte. Der Hintern war zu dick, so fand sie. Doch in dieser Jeans sah er gut aus. Da klopfte es auch schon an der Tür. Adrian und Aidan stürzten in ihr Zimmer und zogen den Vorhang zur Seite. „Haha, du hast die gleiche Aussicht wie wir. Eine Hotelwand. Ha ha ha.“ Tatsächlich. Von wegen Aussicht über Los Angeles. Das war eine Wand. Gerade mal 3 Meter entfernt. „Können wir los?“ rief ihr Bruder Max, der in der Tür aufgetaucht war.

Gemeinsam schlenderten sie zum Aufzug und dann aus dem Hotel in Richtung der riesig breiten Straße gegenüber dem Hotel. Im Supermarkt angekommen deckte sich Familie Kaufmann mit den nötigen Lebensmitteln ein. Max und Tanja hatten da eine größere Aufgabe zu bewältigen als Mara, die sich hauptsächlich mit ein bisschen Schokolade, Budweiser Bier im Sixpack und Wasser begnügte. Zu ihrer Freude sah sie gleich nebenan einen Alkohol Store. Das hatte sie gesucht, sie hatte im Reiseführer gelesen, dass bis auf Bier jeglicher Alkohol nur in speziellen Stores verkauft wurde. Dort kaufte sie gleich drei Flaschen kalifornischen Merlot, das würde für ein paar Abende reichen. Max und Tanja hatten ebenfalls Wasser und Bier im Einkaufswagen. Zusätzlich Kekse, Nüsse, Cracker, Äpfel, Bananen, Orangen und Blaubeeren. Vitamine für die Kinder.

Mit den Einkaufstaschen beladen, beschlossen sie, die Beute erst einmal im Hotelzimmer abzuladen und dann essen zu gehen. Bewegung tat nach dem Flug gut. Doch, auf einmal, Mara verspürte keinerlei Hunger mehr. Im Gegenteil. Der Reiseleiter kam ihr wieder in den Sinn, so deutlich und klar. Wie ein Blitz schoss Adrenalin durch ihren Körper und ihr Magen zog sich schmerzlich zusammen. Als säße sie in einer Achterbahn, die in die Tiefe stürzte und nicht enden wollte. Schon jetzt hatte sie nur eines im Auge. Würde sie diesen Mann nicht bekommen, wäre ihr Leben ruiniert. Verschwunden schien ihr Leben in Deutschland und ihre Vergangenheit. Als hätte sie nie existiert. Meine Güte, was war da nur passiert? In dem Bruchteil der einen Sekunde, in der sie Leopold das erste Mal gesehen hatte.

Kapitel 4 Leopold

Ganz benommen packte Leopold seinen Laptop und die restlichen Utensilien vom Schreibtisch in der Hotellobby in seine Laptoptasche und verließ, nachdem auch die Gäste aus Frankfurt eingetroffen waren, den Eingangsbereich. Geistesabwesend drückte er den Knopf für den vierten Stock im Aufzug und registrierte kaum, wie er in sein Zimmer ging und sich aufs Bett legte. Diese blauen Augen, tief wie der Ozean waren sie gewesen. Die Haare, Engelslocken, die bis über die Schulter reichten. Und diese unglaublich weiblichen Formen. Diese schöne Figur, die Bewegungen, geschmeidig und fast schwebend, so schien ihm. Er konnte das eben Erlebte und Gefühlte nicht fassen. Diese wunderbare Frau. War sie ein Engel? So kam es ihm im Augenblick vor. Spielte ihm das Schicksal tatsächlich seine Traumfrau in die Arme? Einfach so? Nach 42 Jahren ohne Glück, ohne Liebe und ohne Freude? Es wäre zu schön um wahr zu sein. Was sie wohl heute Abend tat? Sie war sicher sehr müde und hungrig vom Jetlag. Sicher würde sie mit ihrer Familie zu Wendys gegenüber essen gehen. Der Fastfoodkette mit der wunderbaren Salatbar. Etwas anderes gab es in Reichweite auch nicht. Es sei denn, man deckte sich im Supermarkt, auch direkt gegenüber, mit allem Nötigen ein. Das wiederum hatte er den Gästen heute empfohlen. Allerdings um sich mit Proviant für die Fahrt morgen und evtl. auch übermorgen einzudecken.

Eins stand fest, Leopold konnte nicht bis morgen warten. Er wollte die Frau - Mara - heute noch einmal sehen. Und wenn er nur an ihr vorbei gehen und hallo sagen würde. Er wollte sie noch einmal ansehen. Diesen Engel. Also sprang er unter die Dusche, föhnte sich sein Haar und zog sich an. Schwarze Hose und weißes Kurzarmhemd sahen immer gut aus und so entschied er sich dafür. Vor dem Spiegel wuschelte er einmal mit gespreizten Fingern durch sein ca. 8 cm langes, rabenschwarzes Haar, damit es, gewollt, leicht wild wirkte und verließ das Hotel in Richtung Wendys.

Er spürte ihre Anwesenheit in dem Moment, als er das Restaurant betrat. Noch bevor er sie sah. Für ihn war sie so präsent als stünde sie direkt vor ihm. Sein Herz fing an zu rasen. Ihm wurde schwindelig. Nervös war er auch. Er spürte wie er zu zittern begann. „Hello Mr. Schwarz, how are you?“, begrüßte ihn eine Bedienung, die er gut kannte, so plötzlich, dass er zusammenzuckte. „Hi, fine thanks and you?“, antwortete er und wartete keine Antwort ihrerseits ab, sondern suchte mit den Augen den Speisesaal ab.

Da entdeckte er sie. Sie saß am Eck eines Tisches. Direkt am Fenster. Gegenüber von ihr saß ihr Bruder und dessen sehr dünne Ehefrau. Neben Mara die drei Kinder. „Leopold, sei mutig. Du musst sowieso mit ihnen sprechen. Es sind deine Gäste. Geh hin, begrüße sie, frage wie das Essen ist. Du machst das doch ständig, mit sämtlichen Gästen. Das hier ist nichts Anderes. Keiner weiß was du fühlst“, mahnte er sich selbst in Gedanken. Langsam schritt er auf den Tisch zu. Er schien ein Kilometer von ihm entfernt zu sein und nicht näher kommen zu wollen. Fast wie im Traum, in dem man vor irgendetwas wegrennt, aber ums Verzweifeln nicht vorwärtskommt.

„Guten Abend, schmeckt es ihnen? Das Essen ist hier wirklich sehr gut, ich komme auch jedes Mal her, wenn ich in dem Hotel bin“, plapperte er, seiner Ansicht nach viel zu schnell und hektisch drauf los, als er endlich am besagten Tisch angekommen war. Trotzdem in der Hoffnung, professionell zu wirken und die Unsicherheit verbergen zu können. Tanja antwortete ihm: „Ja, die Salatbar ist super. Die haben Hummer und Oktopus. Wunderbar. Was für ein Luxus und das so günstig.“ Mara sah ihn nur an. Sie hatte keinen Teller vor sich. Nur eine Flasche Bier und ein halb gefülltes Glas. Er konnte seinen Blick nicht von dieser bezaubernden Frau abwenden. Hoffentlich starrte er nicht zu auffällig. Das wäre wirklich peinlich. Hoffentlich fiel er nicht irgendwie auf. Hoffentlich.

Die Kinder retteten ihn, indem sie, alle drei, ganz wild drauf los plapperten und ihm haufenweise Fragen stellten. Leopold versuchte jedem gerecht zu antworten. Sie fragten, was morgen als erstes passieren würde, was sie alles sehen würden und so weiter. Mara saß still da und sah ihn an. Die Kinder hatten den großen Vorteil, dass sie ihn ruhiger werden ließen. Die Fragen, die sie stellten, waren schließlich sein Fachgebiet. Er konnte korrekt und präzise antworten und das verschaffte ihm sehr viel Sicherheit und steigerte seinen Mut. Mara sagte keinen Ton. Er sah zu ihr: „Du isst nichts. Kein Hunger?“ Diese Frage kostete Leopold mehr Überwindung als irgendetwas Bisheriges in seinem Leben. Ja selbst, als er damals, vor 20 Jahren, Deutschland, seine Eltern und seine zwei Brüder ohne ein Auf Wiedersehen verlassen hatte. Ohne sich noch einmal umgedreht zu haben. „Jetlag“, antwortete sie. Mehr kam aus ihr nicht heraus. Jedoch sah sie ihn an und ließ die Augen nicht von ihm. „Na dann, ich werde jetzt auch was essen. Wir sehen uns morgen am Bus. Wenn sie noch etwas trinken möchten, das Hotel hat eine sehr schöne Bar.“ Dies richtete er an alle und drehte sich in Richtung Buffet um. Er lief davon. Fühlte sich, als ginge er wie ein Roboter oder eine Marionette. Hoffentlich sah das nicht auch so aus. Er spürte Maras Blick im Rücken. Sie war so wunderschön. Hatte so wunderschöne tiefblaue Augen. Hatte ihn so atemberaubend angesehen. Sie hatte so tief in ihn hineingeblickt. So tief, dass es weh tat. Doch es war ein sehr süßer Schmerz gewesen.

Das Salatbuffet war wie immer sehr reichhaltig und Leopold liebte die verschiedenen Meeresfrüchte und das reichhaltige Angebot an grünen Salaten und Gemüse. Er aß eh viel zu wenig von diesem gesunden Zeug. Er füllte seinen Teller und suchte sich einen Tisch am Fenster. Als er seinen Teller abgestellt hatte, sah er noch einmal zu Mara und ihre Blicke trafen sich. Einen Augenblick erstarrte er. Setzte sich und versuchte sich auf seinen Teller zu konzentrieren. Nach einigen Minuten verschwand die Familie Kaufmann aus dem Restaurant und seine Chance, Mara ein Zeichen zu geben, ihn heute noch in der Bar zu treffen, war vertan. Aber sie hatte natürlich auch ein wahres Wort gesagt. Mit dem Jetlag hatte man zu kämpfen. So erzählten es zumindest die Kunden. Wie das bei ihm vor 20 Jahren war, daran erinnerte er sich leider nicht. Seitdem hatte er die USA nichtmehr verlassen.

Noch als er abends im Bett lag starrte er an die Decke des Hotelzimmers. Er wusste, Mara lag nur drei Zimmer weiter. Das allein löste ein undefinierbares Verlangen und Herzrasen in ihm aus. Er konnte es kaum aushalten. Erst gegen 3 Uhr morgens schaffte er es einzuschlafen und träumte wirr.

Es musste schon Jahre her sein, dass er nicht vor dem Weckruf des Hotels wach war. Doch heute war es soweit. Das Telefon schrillte und Leopold saß vor Schreck aufrecht im Bett. Im ersten Moment wusste er nicht wo er war. Er fühlte einen leichten Kopfschmerz. Vermutlich war er blöd gelegen. Und dann erinnerte er sich. Mara. Auf einmal hellwach, sprang er unter die Dusche, rasierte sich anschließend sehr sorgfältig und zog sich an. Er beäugte sich misstrauisch im Spiegel. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er wirklich nicht mehr so schlank wie früher war. Tatsächlich hatte er einen kleinen Bauch. Da war nichts mehr von Waschbrett. Wobei er das eigentlich noch nie hatte. Aber in den Zwanzigern und Dreißigern hatte er wenigstens keinen Bauch. Durch das Hemd und die schwarze Weste mit dem Logo des Reiseveranstalters ließ sich das zum Glück gut kaschieren. Seine Kopfschmerzen waren verschwunden.

Nachdem er fertig war, stellte er seinen Koffer vor die Zimmertür. Der würde, wie bei den Reisenden auch, abgeholt und zum Bus gebracht werden. Bevor es losging, wollte er noch kurz zum Supermarkt und in den Alkoholladen. In San Diego heute Abend würde es keine wirklich gute Möglichkeit geben einzukaufen. Um 8 Uhr würde der Bus fahren. Nun war viertel vor 7. Also noch Zeit.

Im Supermarkt deckte sich Leopold mit Wasser, Orangensaft sowie Erd- und Walnüssen ein. Im Alkoholladen kaufte er zwei Flaschen kalifornischen Rotwein, einen Cabernet, einen Merlot und eine Flasche Sekt. Wer weiß. Vielleicht würde er ihn brauchen. Zurück im Hotel, verstaute er alles in einem Rucksack, den er immer für Proviant mit sich führte und betrat den Frühstückssaal. Das Frühstücksbuffet war in diesem Hotel erfahrungsgemäß recht gut. Das würde sich in den Nationalparks ändern. Es gab Eier in allen Variationen, frisch gepressten Orangensaft, Obst, Käse, Weißbrot und jede Menge Gebäck. Die Blaubeermuffins waren eine Spezialität und wurden im Hotel selbst gebacken. Leopold liebte Blaubeermuffins. Sie waren ihm das Liebste.

Er blickte sich im Frühstückssaal um. Keine Mara, keine Familie Kaufmann, es war viertel nach 7. OK. Vielleicht war das gut so. Er hatte schließlich heute eine Reise zu beginnen und der erste Eindruck war sehr wichtig. Nicht, dass er nachher noch vorne im Bus stünde und seinen Namen vergessen hätte. So wie er sich fühlte, könnte es durchaus passieren. Nach einer Tasse Kaffee, Rühreiern mit Speck und zwei Blaubeermuffins, wurde im schlagartig klar, woher der Bauchansatz kam. So ein Mist. Sollte er jetzt darauf verzichten und Obst zum Frühstück essen? In dem Moment erblickte er sie. Sie setzte sich mit einem Teller Obst, tatsächlich Obst, was für ein Zufall, an einen Tisch, an dem schon die Neffen saßen. Die jedoch hatten ihre Teller voller Muffins. Hatte sie ihn wohl schon gesehen? Was sollte er jetzt tun? Da der Tisch, an dem sie saß, nahe des Ausgangs war, musste er daran vorbei. Er würde sie begrüßen und hoffen, dabei nicht blöd auszusehen und eine klare, feste Stimme zu haben. Mara lächelte, als sie ihn sah. Sie begrüßte ihn so lieb und so süß mit einem „Guten Morgen, geht es dir gut?“, dass ihm fast das Herz stehen blieb. „Guten Morgen, ja, vielen Dank und dir? Jetlag überstanden?“ Hoppla, er schien tatsächlich sicherer zu werden. „Ja, danke, mir geht es super. Ich freue mich so auf die Reise. Das Frühstück ist auch sehr gut.“ „Ja, das ist sehr gut in dem Hotel. Die Blaubeermuffins werden hier in der Küche selbst gebacken. Die solltest du versuchen.“ „Ok. Das mache ich.“ „Ja die sind super lecker“, riefen die zwei Jungs im Chor und Leopold musste lachen. An dem Tisch war wirklich was los. Ein schöner Anblick. Familienharmonie. Und er hatte tatsächlich eine feste und klare Stimme. Vielleicht sollte er sich mehr zutrauen. Schließlich konnte er reden. Er hatte nur noch niemals in so einer Situation geredet. Aber war Reden nicht immer dasselbe? Im Prinzip doch schon. Nur die Gedanken und das Gehirn konnten es manchmal erschweren. Eben, wenn man zu viel über die Situation nachdachte, analysierte er sich selbst und hoffte es sich zu merken, um weiterhin sicher zu bleiben.

Geradewegs vom Frühstückssaal begab sich Leopold in den Bus und begrüßte Jack, den Busfahrer. „Ey Leo, was ist mit dir los?“, fragte ihn Jack, als er ihn erblickte. „Du siehst so verwirrt aus.“ Jack war sein Freund, er kannte ihn sehr gut. Aber Leopold versicherte ihm, dass alles wie immer sei und richtete sich im Bus ein. Der Reiseleiter saß immer direkt in erster Reihe hinter dem Busfahrer. Der Zweiersitz neben ihm blieb frei, wenn es die Menge der Gäste erlaubte. Das war auf dieser Reise der Fall. Dies hatte den Vorteil, dass immer mal wieder ein Gast zum Fotografieren oder Filmen vorkommen konnte und keiner benachteiligt wurde. War der Bus voll, gab es ein rotierendes System, das bedeutete, dass sich die Gäste jeden Tag zwei Plätze weiter vor bzw. zurück setzten. So dass jeder mal ganz vorne und jeder mal ganz hinten war. Bei zwanzig Gästen in einem Bus, der vierunddreißig Personen fassen konnte, war das nicht zwangsläufig nötig. Er würde fragen. Oftmals wollte jeder auf seinem ursprünglichen Platz sitzen bleiben.

Kapitel 5 Mara

Bepackt, mit ihrem Rucksack und einer Minireisetasche, die sie instinktiv leer im Koffer mitgeschleppt hatte und die sich jetzt hervorragend dazu eignete, ihren Proviant zu verstauen, stiefelte Mara neben ihrem Bruder Max zum Bus. Es war bereits viertel vor 8. Die anderen Gäste waren schon alle eingestiegen und hatten sich einen Sitzplatz ausgesucht. Mit drei Wirbelwinden als Kinder war man eben immer spät dran. Doch das störte Familie Kaufmann nicht. Da sie sechs Personen waren, hatten sie sich sowieso vorgenommen, hinten zu sitzen. Gestern erfuhren sie ja schon, dass der Bus nur halb voll sei. Also war es ganz hinten am ruhigsten und gemütlichsten. Zumal Tanja dann genug Platz in den Gepäckfächern hätte, um die Tonnen an Gepäck zu verstauen, die drei Kinder zwangsläufig benötigten. Mara war das nur recht. Je näher sie dem Reiseleiter wäre, desto nervöser würde sie sein und ein Dauer-Herzklopfen würde sie eh nicht vermeiden können. Leopold stand vor dem Bus und redete mit einem Mann, der um die 50 Jahre alt war und eine Uniform trug, die seinen dicken Bauch nur schwer kaschierte. Mara tippte auf den Busfahrer. Damit behielt sie recht.

„Herzlich willkommen auf ihrer Reise durch den Westen der USA. Ich hatte die Ehre, Sie gestern alle schon kennen zu lernen und freue mich, Sie nun alle hier an Bord unsers Tourbusses begrüßen zu dürfen. Ich habe mich Ihnen gestern ja schon kurz vorgestellt. Aber nun noch einmal etwas ausführlicher. Ich bin 42 Jahre alt und seit zwanzig Jahren hier im Westen der USA als Reiseleiter tätig. Ich komme aus Deutschland, habe deutsche Eltern und bin dort geboren und aufgewachsen.“ Maras Herz blieb fast stehen, als Leopold vorne im Bus, mit dem Mikrofon in der Hand, aufstand und anfing zu reden. Die Bewegungen, die von diesem Mann ausgingen. Meine Güte, so fließend, so anmutend und so sexy. Sie sah diese wunderbaren kohlrabenschwarzen Haare, ebenso die fast schwarzen Augen, dazu der helle Teint und diese umwerfende Figur im schwarzen Anzug, zu dem nur das Jackett fehlte. War bei diesen Temperaturen auch logisch. Mara selbst trug ein knielanges, recht enganliegendes grünes Sommerkleid und dazu goldene Riemchensandalen, die jedoch recht bequem waren, da sie keinen Absatz hatten. Schließlich würde heute vermutlich einiges zu laufen sein. Ihre blonden Haare trug sie offen. Doch auf einmal war sie sich ihres Aussehens wieder unsicher. Sie konnte keinem seiner Worte folgen und versuchte krampfhaft, ihn nicht die ganze Zeit anzustarren. Doch sie konnte fast nicht anders. Sie konnte sich nicht satt sehen. Ihr Herz pulsierte in ihrem ganzen Körper, der einem Erdbeben gleichkam. Seine Stimme war so melodisch perfekt und souverän. Männlich und dennoch irgendwie zart. Schon jetzt stellte sie sich die wildesten Dinge vor, die sie mit ihm anstellen würde, wenn sie denn einfach so könnte. Wenn er willenlos wäre. „Reiß dich zusammen“, mahnte sie sich selbst in Gedanken die ganze Zeit und versuchte krampfhaft aus dem Fenster zu sehen. Doch ihr Blick wanderte immer wieder zu dem durch den Gang gehenden Leopold. Sie versuchte immer nur dann hinzusehen, wenn er ihr gerade den Rücken zukehrte. Das klappte auch oft, aber nicht immer. Was für einen süßen Hintern er hatte. Es war kaum auszuhalten. „Meine Güte, versuch ihm, wenn er sich in deine Richtung dreht, nur in die Augen zu sehen. Lass deinen Blick nur nicht tiefer wandern. Das würde peinlich“, mahnte sie sich erneut und dieses Mal sehr energisch.