Blaublütig - V. Bennett - E-Book

Blaublütig E-Book

V. Bennett

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Beschreibung

Ein Schuss. Nach einer Lesung in Dresden wurde die Kurfürstin von der Pfalz angeschossen. Als ein Reichsfürst im vereinten Kaiserreich deutscher Nation, könnte man denken, dass man alle Hebel in Bewegung setzt, um den Attentäter zu schnappen. Leider befand sich die Kurfürstin mit ihrer Gattin im Königreich Sachsen, welches von Aufständen und Rebellion geplagt wird. Der König unternimmt nichts. Getreu dem Motto, kein Bürger meines Reiches, kein Problem für mich. Also liegt es an der Gattin, Pia von Millburgh, in der Vergangenheit auf Spurensuche zu gehen. Doch wird sie auch fündig?

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Seitenzahl: 420

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Kapitel

Ehemaliges deutsches Gebiet. Aus den Unruhen der 1940er Jahre entstand das vereinte Kaiserreich deutscher Nation, welches in sieben Reichsgebiete aufgeteilt wurde. Die Hauptstadt war Berlin, von wo aus die Kaiserin mithilfe des Parlamentes regierte. Jedes Reichsgebiet stand unter der Kontrolle einer Familie aus dem Hochadel. Die Bevölkerung war ab dem 30. Lebensjahr dazu verpflichtet, sich aller fünf Jahre eine Impfung gegen den Alterungsprozess geben zu lassen. Dadurch verfügte das vereinte Kaiserreich über genügend Soldaten und Arbeiter im Reich, denn dadurch lag die Lebenserwartung bei 130 Jahren. Sicher, dass vereinte Reich hatte so seine Mängel und es herrschte in den Lehnsgebieten Korruption, aber dadurch kam Adolf Hitler nie an die Macht. Und wer weiß? Vielleicht konnte man dadurch einen weiteren Weltkrieg verhindern?

Grundstück derer zu Millburgh am Wannsee/ Berlin Ende Juli 2020

Anastasia von Millburgh, Kurfürstin der Pfalz und liebevoll Pia genannt, kannte ihre rothaarige Gattin. Diese funktionierte wie ein Uhrenwerk. Also saß sie mit einer Zeitung bewaffnet in der Küche und wartete. Das was in der Zeitung stand interessierte sie kein bisschen. Hier ein Krieg, da ein Konflikt, dort ein Skandal und irgendwo ein Aufstand im Westen. Die Zeitungen wurden auch immer unkreativer von Jahr zu Jahr. Vor allem spiegelte sich mittlerweile der sinkende Bildungsstand in deren Worten wieder. Sie hätte sich genauso gut einen Rotstift nehmen können und alle Fehler anstreichen und das korrigierte Blatt zum Verlag zurückschicken können. Schließlich war sie Schriftstellerin und hatte Journalismus studiert. Leise gähnte sie in ihre Hand. Normalerweise würde sie um solch eine Uhrzeit noch im Bett liegen und nicht in der Küche sitzen, um den rothaarigen Lockenkopf eine Lektion zu erteilen. Oder wenigsten ein bisschen Aufmerksamkeit zu erhaschen. Zeitweise hasste sie es das Regina ständig beschäftig war. Wenigsten hatte diese dadurch keine Zeit fremdzugehen. Eine Sorge weniger in ihrem Kopf. Sie schaute an sich her runter und tippte mit ihren Finger in ihren Bauch. Da war ein wenig Luft bis sie die Muskeln spürte. Noch immer hatte die gebürtige Russin ihr wellendes, langes brünettes Haar. Es gab Tage da zweifelte sie an ihrem Aussehen, obwohl sie mit Regina schon 43 Jahre zusammen war. Ihre Göttergattin, welche eine gebürtige Adlige war, hatte immer noch ihren muskulösen Körperbau und diese breiten Schultern, wo sie sich gerne nachts ran kuschelte. Wenn sie denn mal neben ihr lag! Und sie selber hatte immer noch ihre Kurven, manchmal ein wenig mehr und manchmal ein wenig weniger. Sie weiß dass sie unfair war, aber wenn sie nicht ihre regelmäßige Aufmerksamkeit bekam, plagten sie enorme Selbstzweifel, welche sich zeitweise in irrationale Eifersuchtsszenen spiegelten. Zum Leidweisen des gemeinsamen Geschirrs und den Nerven ihrer Frau. Aber sie konnte sich immer auf sie verlassen, denn schon hörte sie die Schritte auf der Treppe. Punkt auf die Minute genau betrat Regina Antonia von Millburgh, Ahnherr und Kurfürstin der Pfalz, die gemeinsame Küche. Zielstrebig steuerte sie das Tee Regal an – die Brünette beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Der Lockenkopf verzog noch nicht einmal überrascht das Gesicht, als sie ihre Gefährtin am Tisch sitzen saß, sondern öffnete unbeirrt die Tür des oberen Küchenschrankes. Für ein paar Sekunden herrschte absolute Stille.

„Darling? Hast du unser Tee Regal aufgefüllt?“ fragte die Adlige.

„Ja. Du hast mich darum gebeten.“

„Okay, aber seit wann trinkst du denn Tee??“ Rote Locken schüttelten sich vor Lachen.

„Tee soll gesund sein.“

„Heiße Liebe? Pure Lust? Sweet Kiss? Was willst du mir mitteilen?“ ihr Ton klang amüsiert und schließlich schloss sie die Türen des oberen Schrankes. Stattdessen ergriff sie nun das Kaffeepulver und füllte den Filter mit dem braunen Gold bis zum Rand. Noch immer stand sie mit dem Rücken zur Brünetten. Noch immer saß Pia am Tisch und beobachtete, wie sie nun eine Kanne Wasser in die Maschine füllte und dann den Anschaltknopf drückte.

„In unserem Tee Regal geht ja mehr ab, als in unserem Schlafzimmer.“ schmollte die exzentrische Schriftstellerin.

„Um mir diesen subtilen Hinweis zu geben, hast du alle möglichen Teesorten gekauft, nur nicht mein Earl Grey?“ Endlich drehte sie sich um und verschränkte in typischer Manier die Arme vor der Brust.

„Ja! Andere Hinweise nimmst du ja nicht wahr! Aber in das Tee Regal schaust du ja regelmäßig hinein.“ Pia ließ sie Zeitung fallen und fixierte ihre Partnerin.

„Welche Hinweise habe ich nicht wahrgenommen?“

„Ich stand nackt vor dir und du hast mir meinen Morgenmantel gereicht!“

„Pia! Ich war auf den Sprung zu einem Geschäftsessen. Woher sollte ich wissen, dass du kurz vor einem Essen Sex willst?“

„Ich will immer Sex!“

„Und ich möchte immer meinen Tee!“

„Kein Tag ohne deinen geliebten Tee!“ wetterte die brünette Schönheit. Regina lehnte sich gegen die Arbeitsplatte und strich sich über den Nasenrücken.

„Heute schon. Ich wünsche dir viel Spaß mit deiner „Heißen Liebe“, die dir „Pure Lust“ verschaffen und dies alles mit einem „Sweet Kiss“ abschließen wird. Es wird bestimmt eine heiße Angelegenheit!“ smaragdfarbene Augen zwinkerten ihr zu und sie lachte dabei, während sie zum Kühlschrank lief, um sich Milch für ihren Kaffee zu nehmen. Kurz hielt sie inne und fragte: “Erwartet mich jetzt hier eine nackte Hähnchenbrust oder so was ähnliches?“ Noch immer funkelten ihre smaragdfarbene Augen vor Amüsement.

„Sehr witzig. Und?“ Die Aufmerksamkeit für den Kaffee war wieder einmal wichtiger, als eine ernsthafte Angelegenheit zu besprechen. Beispielsweise ihre sexuellen Frustrationen, wofür ihre Gattin eindeutig zuständig war. Irgendwo stand doch was von ehelichen Pflichten geschrieben!

„Und was?“ kam die abwesende Frage des Lockenkopfes.

„Was wirst du dagegen tun?“

„Dich mit deinem Tee alleine lassen? Ich würde bei deinen sexuellen Eskapaden nur im Wege sein.“ Sprach es und nahm ihren Kaffee und verließ die Küche, um sich allen Anschein nach wichtigeren Dingen zu kümmern, als sich ihrer Frau zu widmen. Sofort sprang die brünette Russin auf und hörte noch immer das Lachen, als sie das Wohnzimmer betrat. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Der Wohnzimmertisch drohte unter den ganzen Papierkram zu zerbrechen. So wie es ausschaute hatte die Fürstin den Abend davor damit noch angefangen. „Dafür kam sie so spät ins Bett?? Das ist nicht ihr Ernst!! Ich lag verführerisch inmitten des Bettes! Nackt!! Und sie arbeitet im Wohnzimmer an irgendwelchen Unterlagen??“ rannte es ihr durch den Kopf.

„Hast du gestern schon wieder Arbeit aus deinem Büro mitgebracht?“ fragte sie verärgert. Ihre Stimmung drohte den Gefrierpunkt zu erreichen und wenn Regina nicht bald angemessen reagierte, würde ihre Kaffeetasse die nächste Wand sehen, wenn sie ihr diese aus der Hand reißen würde. Oder der Kaffee landete auf den Unterlagen. Doch stattdessen wühlte sich diese abwesend durch den Haufen links von ihr, bis sie schließlich fand was sie suchte und zeigte ihr es anschließend.

„Was ist das?“ Pia schaute noch nicht einmal auf das Papier.

„Deine Kreditkartenabrechnung vom letzten Monat, Darling.“ In der Regel nahm Regina nur die Kassenzettel und Abrechnungen entgegen und heftete diese ordnungsgemäß ab. Nur in diesem Monat hatte Anastasia eine Unsumme ausgegeben, dass ihr die Haare zu Berge standen.

„Du kümmerst dich sonst auch nicht um meine Ausgaben. Schnüffelst du mir hinterher?“ verteidigte sie sich und griff zeitgleich an. „Verlasse dich auf Pia, um darauf den Fokus zu legen!“ Der Rotschopf holte tief Luft und ließ diese leise entweichen.

„Du denkst ich schnüffele dir hinterher? Hast du mir nicht gerade in der Küche subtil mitgeteilt untervögelt zu sein, weil ich in deinen Augen nicht genug Zeit für dich habe? Was denkst du was ich in der Zwischenzeit gemacht habe? Dir hinterher geschnüffelt?? Wenn ich dafür Zeit gehabt hätte, dann wärst du nicht untervögelt!“ erwiderte sie gereizt.

So eloquent und majestätisch ihre Frau auch sein konnte, so konnte sie auch wie ein Seemann fluchen. Was in diesem Fall bedeutete, dass sie ihr Temperament verlor und Pia für die kommende Nacht auf die Couch verfrachten würde.

„Entschuldige.“ Mummelte die Schriftstellerin und ergriff die Hand des Lockenkopfes und setzte sich mit ihr auf die Couch. Willig setzte diese sich ebenfalls und nahm einen Schluck Kaffee.

„Zu meiner eigentlichen Frage. Du hast diese Summe wirklich ausgegeben, ja? Deine Kreditkarte wurde nicht gestohlen?“ Anastasia kümmerte sich nie um die Finanzen. Sie war nur gut darin dieses Vermögen auszugeben. Irgendjemand musste in dieser Familie ja wenigsten etwas Geld ausgeben. Die drei Millburghs waren bodenständiger und sparsamer als ein Bettler auf der Straße.

„Warum fragst du?“ sie lehnte ihren Kopf gegen die Schulter der Adligen.

„Du hast über 5000 Goldmark in einem Sexshop ausgegeben! Ich hatte schon die Sorge, dass eine Nymphomanin deine Karte gestohlen hat.“ Hastig ergriff die Brünette die Abrechnung und überprüfte ob da auch noch stand was sie nun genau gekauft hatte. Zum Glück nicht. Das Geld gehörte Pia und war damit ihre eigene Angelegenheit.

„Muss ich mir Sorgen machen?“ fügte der Rotschopf hinzu. Ah ja, sie hatte darauf gewartet. Regina ihre Gehirn arbeitete auf Hochtouren und es war nur eine Frage der Zeit bis die logische Schlussfolgerung kommen würde.

„Eröffnest du demnächst ein Bordell oder hast du ein paar Liebschaften neben mir zu laufen?“ fragte diese schließlich. Lachend stieß sie die Fürstin zur Seite. Da war die subtile Unsicherheit ihrer Gefährtin, welche fast nie zum Vorschein kam. Pia entspannte sich und atmete erleichtert aus.

„Babe, dann wäre ich nicht untervögelt, oder? Und ja. Ich eröffne ein Edelbordell für die Aristokratie. Die adligen Damen würden Unsummen für dich ausgeben.“

„Gut zu wissen welchen Wert ich für dich habe.“ Die Russin lehnte sie zu ihr und ergriff ihr kantiges Kinn, um ihr Gesicht näher zu sich heranziehen zu können.

„Unbezahlbar. Ich wäre deine einzige Kundin.“ hauchte sie gegen verführerische Lippen. „Wäre das so, ja?“ hörte sie die heisere Antwort.

„Hm. Wie lange brauchst du noch mit den Finanzen?“

„Ich kann mir eine Pause gönnen, um meine ehelichen Pflichten nachzukommen.“ Ihre Lippen vereinten sich zu einem leidenschaftlichen Kuss. Die brünette Schönheit beende ihn atemlos und legte ihre Hände auf den Brustkorb der Adligen, um sie ein Stück von sich weg schieben zu können.

„Das klingt verlockend, aber deine Gattin ist verabredet. Sophie wartet auf mich und du bist zum Golfen verabredet. Gehe mit den Jungs danach keinen trinken und du kannst mich später vernaschen. Deal?“ Jetzt bereute es die Brünette, dass Spiel je begonnen zu haben. Wann würde sie es lernen und ihren Löwen nicht herauszufordern? Zumal sie vorher wusste, dass sie beide verabredet waren. Grüne Augen verengten sich sofort zu Schlitzen.

„Thomas feiert seinen Geburtstag. So schnell komme ich nicht weg. Du weißt was es bedeutet, wenn die Jungs Geburtstag feiern.“

„Ein Strip-Club. Natürlich.“ stöhnte sie auf. „Kannst du nicht wie andere auch mit Frauen befreundet sein? Frauen gehen wenigstens nicht regelmäßig in einen Strip-Club.“ Fügte sie noch hinzu.

„Jaqueline hast du gehasst. Und Bettina. Vor allem aber war dir Angela ein Dorn im Auge.“

„Sie wollten dich alle nur für ihr Bett!“ zischte sie.

„Irrelevant. Trotzdem waren sie meine Freundinnen. Zum Sex gehören immer noch zwei.“

„Du hast immerhin Hanna. Die mag ich.“

„Sie ist die Kaiserin! Was willst du gegen sie unternehmen?“

„Gar nichts. Da du mit mir verheiratet bist, kann sie dich nie zum Kaiser machen.“

„Kaiserin.“ korrigierte die Fürstin sofort und verdrehte die Augen.

„Wenn Ihre Majestät den Strip-Club auslässt, dann könnten wir zusammen schauen, was ich im Sexshop für uns gefunden habe.“ flüsterte sie ihr ins Ohr und streichelte mit ihrem Zeigefinger die Knopfleiste des blauen Oxford-Shirts nach. Ihr Blick fiel zum wiederholten Male auf sinnliche Lippen. Sie sah wie grüne Augen ihren Finger bis zum Gürtel folgten. Schließlich legte sie ihre rechte Hand auf den jeansbekleideten Oberschenkel ab und streichelte langsam weiter nach oben.

„Ich befürchte deine kleine Folterkammer mit den Handschellen muss warten. Ich kann unmöglich zu Thomas sagen, dass ich nicht mit zum Feiern kommen kann, weil meine Frau einen Sexshop leer gekauft hat. Nicht schon wieder!“ sie stoppte die wandernde Hand, als diese gefährliche nahe zu ihren Schritt glitt. Doch Pia sah wie schwer sie schlucken musste und schmunzelte. Ganz so kalt, wie sie immer den Anschein erweckte, ließ sie das Spiel dann doch nicht. Noch immer grinsend näherte sie sich ihr weiter, ergriff die linke Hand und führte diese zu ihrem Busen. Ohne einen BH spürte die Adlige den erregten Nippel.

„Komm, koste von der verbotene Frucht.“ lockte sie, ergriff eine Handvoll roter Locken und presste den willigen Mund zu ihrem Busen. Lippen umschlossen den sensiblen Nippel und saugten leidenschaftlich daran. Sophia würde es ihr verzeihen, wenn sie später kommen würde. Sie war auch nur eine Frau, welche Bedürfnisse hatte, die gerade erfüllt werden sollten. Bei solch einer Gelegenheit musste sie zugreifen. So ließ sie sich auf den Rücken fallen und empfang die kräftige Hüfte zwischen ihren Beinen. Der raue Stoff der Jeans rieb gegen ihre dünne Stoffhose an genau der richtigen Stelle und sie umschlang mit ihren Beinen die kreisende Hüfte. Nicht das Regina ihre Sinne wiedererlangen und sich an das verabredete Golf Spiel erinnern würde. Zur Feier wäre sie ja dann da und schließlich ging es Thomas nur darum. Also wanderten ihre Hände unter das Shirt und mit ihren Fingernägeln kratzte sie lustvoll über den muskulösen Rücken. Regina zögerte keine Sekunde und half ihr aus dem T-Shirt, während ihre Lippen noch immer über einen wollüstigen Busen küssten. Ihre eleganten Finger fanden das Ziel und ungeduldig drängte sich Pia ihr entgegen.

„Babe! Es gibt den richtigen Zeitpunkt um Sex zu zelebrieren. Dieser hier ist es gerade nicht. Dieser schreit nach einem Quickie! Also verliere dein Shirt und nimm mich endlich!“ Heiseres Lachen ließen ihr einen Schauer über den Rücken jagen.

„Wenn ich schon zu spät komme, dann nehme ich mir jetzt ausgiebig Zeit um von deiner verbotenen Frucht zu kosten.“ Pia ergab sich ihrem schweren Schicksal und lieferte sich dieser süßen Tortur aus. Die Fürstin würde dafür später bezahlen.

Sophia Louise Baronin von Wolfenstein war es gewöhnt dass Pia zu spät zu ihren gemeinsamen Treffen kam. Wann war sie denn mal nicht zu spät? Zumal sie nie ein Frühaufsteher war und nicht vor 11:00 Uhr das Bett verließ. Aber als sie dann über eine Stunde gewartet hatte und sie über das Handy auch nicht erreichen konnte, fuhr sie schließlich zu dem inoffiziellen Anwesen derer zu Millburgh. Das Restaurant, die „Villa am See“, war mittlerweile offen und einige Gäste tummelten sich auf dem Grundstück herum. Aber der rote Mustang und der schwarze Porsche standen auf ihren vorgesehenen Plätzen. Verwundert lief sie erst einmal zum Restaurant, denn wenn es voll war würde es erklären warum beide Autos noch auf dem Grundstück standen. Sie warf einen flüchtigen Blick in den großen Salon, doch dieser war bis auf zwölf Gäste leer. Madeleine und Katja schafften das alleine, so dass die Beiden zumindest nicht im Restaurant aushelfen mussten. Also lief sie zum vorderen Teil des Restaurants und schaute ob das Büro offen war. Manchmal vergaß Regina ihre Treffen und steckte ihren Kopf in unterschiedliche Unterlagen und Ordner, wenn niemand sie daran erinnerte, dass es noch ein Leben außerhalb der Arbeit gab. Überraschenderweise war dort ebenfalls die Tür zu.

„Baronin von Wolfenstein? Mit Ihnen habe ich heute nicht gerechtet.“

„Oh Madeleine! Sie sollen mich doch Sophia nennen. Ich suche Pia oder wenigsten Gin.“ Madeleine lächelte und schüttelte ihren Kopf.

„Frau von Millburgh hat sich für zwei Tage Urlaub verabschiedet. Es ist Ende August und die wichtigen, adligen Hochzeiten sind durch, so dass sich beide Zeit für sich nehmen wollten. Sie befürchtete das Pia unruhig wird, weil sie in den letzten Tagen solange im Büro saß.“ Sophie versteckte ein Lächeln hinter ihrer Hand. Woher auch immer Regina wusste, welche Gedankengänge ihre Frau gerade so plagten. Pia vergaß regelmäßig, dass sie eine umsichtige und rücksichtsvolle Frau geheiratet hatte.

„Also sind beide noch auf dem Grundstück? Und Pia ist nicht krank?“ Wenn Pia krank war blieb Regina wenigsten für einen Tag zu Hause und kümmerte sich um sie. Egal welche Treffen zu diesem Zeitpunkt in ihrem Planer standen, denn die Brünette war unerträglich wenn es ihr nicht gut ging. Regina machte diesen Fehler nur zweimal und ließ sie am ersten Tag alleine, um dann später nach Hause zu kommen und etliche Vorwürfe an den Kopf geworfen zu bekommen. So dass sie freiwillig auf der Couch schlief, um der unendlichen Diskussion ein Ende zu setzen. Die Baronin verabschiedete sich von Madeleine und lief langsam zum Herrenhaus. Noch einmal versuchte sie Regina anzurufen, die wieder nicht an das Telefon ging. In ihrem Fall war es ungewöhnlich, bei Pia war es keine Seltenheit das sie das Handy nicht mehr finden konnte. Sophia war sich ziemlich sicher dass Regina mit Michael und Thomas zum Golfen verabredet war, weswegen Pia sich mit ihr so früh treffen wollte. Also klingelte sie schließlich und hörte sofort Hamlet bellen. Nur bis die Tür geöffnet wurde dauerte es eine Weile. Und dann stand die Fürstin vor ihr und die hochgezogene, rote Augenbraue sagte ihr alles was sie wissen musste. Die Baronin grinste breit, vor allem als dann Pias: „Babe! Wer es auch ist! Schick ihn weg! Ich bin noch lange nicht fertig mit dir!“ ertönte. Regina atmete hörbar aus.

„Darling, das muss warten. Es sei denn du benötigst Zuschauer?!“

„Och. Lasst euch nicht von mir stören. Ich schau auch zu.“ flüsterte Sophie.

„Nicht schon wieder! So komme ich nie auf meine Kosten! Ich möchte endlich deinen Körper haben!“ winselte die Russin noch immer im Hintergrund. Die Fürstin sah auch nicht begeistert aus, dass sie gerade gestört worden. Mehr als die Hälfte der Knöpfe waren an ihrem Shirt offen und der Gürtel baumelte nur noch in den Schlaufen. Sophie wusste genug von ihren Sex-kapaden um zu wissen, dass Pia recht früh abgelenkt wurde, wenn der Lockenkopf noch immer die Klamotten am Körper hatte.

„Wer ist es denn?“

„Deine Baronin.“ Kam es genauso genervt als Antwort.

„Gin!! Mach dein Hemd zu! Hi Sophia!“ Plötzlich erschien Pia hinter ihrer Frau.

„Nur keine Umstände. Ich genieße die Aussicht. Anscheinend war der horizontale Walzer wichtiger, als mich zu treffen?“ fragte sie selbstgefällig.

„Tretet doch ein, werte Baronin.“ Bot der Lockenkopf sarkastisch an und machte den Weg frei. Pia noch immer gegen ihren Rücken gepresst.

„Danke, Kurfürstin.“ Die kleinere blonde Frau umarmte den Rotschopf und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Ich habe mir Sorgen gemacht. Wir waren vor fast zwei Stunden verabredet.“ Erklärte sie ihr ungeplantes Erscheinen.

„Sophia! Hände weg von meiner Frau! Das ist alles meins!“ Pia kam endlich – Gott sei Dank in ein langes T-Shirt gekleidet – auf sie zu und umarmte sie liebevoll.

„Ich wollte euch nicht stören. Wollen wir unser Treffen verschieben?“ Die Bürgerliche schüttelte ihren Kopf und zog ihre Freundin ins Wohnzimmer. Wenn sie vorher gewusst hätte, dass beide frei haben dann wäre sie nicht zum Anwesen gekommen. Schon allein die Tatsache, dass Regina zwei freie Tage genommen hatte, zeigte ihr, dass wohl Pias Frustrationen ihren Höhepunkt gefunden hatten. So sehr sie ihre Freundin auch liebte, sie war zeitweise wie ein brodelnder Vulkan. In den 26 Jahren, die sie sich kannten, hatte sich dieser Aspekt ihrer Persönlichkeit nie verändert. Natürlich war die Fürstin auch nicht perfekt. Niemand war perfekt. In Sophie ihren Augen arbeitete sie zu viel, war stur wie ein Bock und spielte gerne mit dem Feuer, wenn sie Pia bis an ihre Grenzen reizte. Oft hatte sich die Baronin gefragt, wie die Beiden die 43 Jahre miteinander überlebt hatten, und dann tat Pia oder Gin irgendwas klischeehaftes süßes – was beide abstreiten würden – und sie sah die tiefe Verbundenheit und Liebe der Beiden.

„Es tut mir Leid, Sophie. Gin fand die Kreditkartenabrechnung von diesem Monat und hatte diesbezüglich ein paar Fragen. Na ja und was soll ich sagen? Ich hatte Bedürfnisse.“ Verteidigte sie sich.

„Du hast immer Bedürfnisse. So viele Bedürfnisse wie du hast, bringst du noch Gin in ein frühes Grab. Gib ihr mal ´ne Pause!“

„Ja, ja, ja.“ Beide beobachteten die Adlige wie sie die Unterlagen sortierte, ihre Kaffeetasse nahm und anschließend ihrer Frau einen Kuss gab und danach im Flur verschwand. Die kleine Blonde setzte sich auf die Couch und wartete bis Pia sich zu ihr setzte.

„Gin fragt dich doch nie wofür du Geld ausgegeben hast.“

„Es waren über 5000 Goldmark in einem Sexshop.“ Sie erzählte es so als ob sie ein paar Gurken einkaufen war.

„Über 5000 Goldmark?? Hast du den Laden leer gekauft?“ Die Bürgerlich stieß ihre Freundin zur Seite.

„Gott, du reagierst wie Gin! Nein, ich habe uns eine schöne Kollektion zusammengestellt.“

„Wozu?? So wie ich dich gerade sehe, hat dir Gin genau das gegeben was du offensichtlich gebraucht hast. Warum dann also Sex Spielzeug? Du schwärmst doch ständig von ihren Liebhaber Qualitäten. Du hast mich so neugierig gemacht, dass ich diese Qualitäten gerne mal erleben würde.“ Pia warf ihr einen verspielten giftigen Blick zu.

„Hach! Für einen Moment sah ich deine Eifersucht! Du entwickelst dich dann zum Tier! Also, warum das Spielzeug?“

„Ähm, seit einiger Zeit habe ich Träume, mit Gin […]“ sie errötete bis zu ihren Ohrenspitzen. „Von wem auch sonst? Ich schwöre dir, du bist die einzige Frau die Sex mit ihrer Partnerin hat und auch noch erotische Träume von dieser!“

„Und? Gin hat sich bereit erklärt einige dieser Träume auszuprobieren und dafür muss ich vorbereitet sein.“

„Du bist unmöglich! Wolltest du dich deswegen mit mir treffen?“

„Ja klar. So was muss doch geplant werden! Aber jetzt geht es nicht mehr. Thomas hat Geburtstag.“

„Ah ja, der jährliche Strip-Club. Wie oft haben Thomas und Michael für Gin Lap-Dances gekauft?“

„Unzählige Male und kein einziges Mal hat sie darauf reagiert.“ Plötzlich sprang die Russin auf.

„Oh Gott! Ich bin gar nicht dazu gekommen sie zu vernaschen! Sie wird sexuell frustriert in einen Strip-Club gehen!“

„Ja. Und die erst beste Stripperin vernaschen. Gefolgt von drei Anderen. Ist das jetzt dein Ernst?“ Sophia ergriff ihren Arm und zog sie zurück zur Couch.

„Du bist nicht hilfreich.“ Schmollte die Bürgerliche.

„Nein. Ich bin rational. Sie wird nicht zum ersten Mal sexuell frustriert in einen Strip-Club gehen. Stell dich lieber auf eine lange Nacht ein, denn sie holt sich den Appetit und wird dann zu Hause essen.“ Beide lachten leise.

„Du hast Recht. Wollen wir den Tag in der Stadt verbringen? Und danach ein gutes Essen genießen?“

„Ich habe Zeit. Eduard sitzt heute in unzählige Meetings drin.

„Dein Mann hat sich das von Gin abgeschaut.“

„Wenn er sich nur noch ein wenig mehr abschauen würde. Feuer, Leidenschaft oder ein Rückgrat.“

„Du bist nie zufrieden.“

„Da gebe ich meiner Frau Recht.“ Ertönte es aus der Küche und die Adlige kam zurück in das Wohnzimmer gelaufen. Sie wechselte in eine schwarze Anzugshose und rotes Shirt. Über ihrer linken Schulter hang das Equipment für ihr Golfspiel. „Ich bin weg. Michael hat ebenfalls mein Handy mit Nachrichten und Anrufen bombardiert. Wir sehen uns heute Abend, ja?“ Sie beugte sich zur Schriftstellerin und gab ihr einen innigen Kuss.

„Pass auf dich auf, ja? Und rase nicht wieder in die Stadt. Gib Kriminalhauptkommissarin Miller keinen Grund dich aus dem Verkehr zu ziehen!“

„Ja. Macht euch einen schönen Tag und Sophia […]!“ Diese lächelte nur unschuldig.

„Keine Dummheiten. Ich habe keine Lust euch zum wiederholten Male aus dem Gefängnis zu befreien. Das nächste Mal kann euch Eduard abholen, weil ihr zu tief ins Glas geschaut habt. Mein Mustang musste sehr lange gereinigt werden.“

„Aber wenn wir dich nicht anrufen, müssen wir Strafe zahlen.“ Schmollte die Baronin.

„Dann macht es doch einfach nicht! Oder feiert doch mal in deiner Stadtvilla zur Abwechslung.“ Kam die leicht unterkühlte Antwort.

„Als ob Pia dich hier alleine lassen würde. Mach dich nicht lächerlich!“

„Da hat sie Recht, Babe. Du musst los. Ich sehe dich heute Abend.“ Ohne ein weiteres Wort verschwand sie aus der Eingangstür. Hamlet, welcher die ganze Zeit auf seine Herrin gewartet hatte lief zur Tür und winselte.

„Hamlet braucht noch seinen Spaziergang und dann muss ich in sein Körbchen ein Hemd von Gin hineinlegen. Sonst gibt der kleine Wanst keine Ruhe.“

„Na los. Ich kümmere mich um ihn. Geh duschen und dann machen wir in aller Ruhe los.“

„Auch wenn Gin dich als Ausgeburt der Hölle sieht, ich liebe dich Sofi!“

Zwei Wochen später

„Mache mich endlich zu deiner Fürstin!!“ forderte Pia, welche aus unerfindlichen Gründen zu tief ins Glas geschaut hatte. Doch Regina lief unbeirrt in das gemeinsame Haus und drehte sich dann verdutzt im Flur zu ihr herum. Schließlich schüttelte sie ihre roten Locken und betrat ohne ein weiteres Wort in das Wohnzimmer. Diese Diskussion führten sie bereits seit zehn Minuten und die Adlige verlor so langsam ihre Geduld. Denn sie feierten erst vor zwei Wochen ihre Silberne Hochzeit und solange trug die Russin auch ihren Adelstitel. Überraschend wurde sie am Arm gepackt und herum gerissen.

„Ich rede mit dir! Du hast heute geflirtet!“ kam es angriffslustig von der brünetten Schönheit.

„Ich habe heute geflirtet? Und das stört dich, weil […]?“ fragte sie irritierend und sah wie der Arm von ihrer Partnerin zuckte. Sie warf ihr einen warnenden Blick zu und fügte hinzu: „Ich bin mit dir verheiratet. Warum stört es dich das ich mit dir flirte?“ Pia entwich sämtliche angehaltene Luft und schließlich ließ sie ihre Gattin los.

„Ich rede doch nicht von mir! Du kannst mit mir jederzeit flirten. Ich rede von Katja!“

„Welche Katja?“ Wieder zuckte der Arm der Brünetten.

„Ich warne dich! Zügel dein Temperament! In den letzten 43 Jahren hast du immer den Kürzeren gezogen.“ Die harten Linien im Gesicht der Adligen wichen einem weichen Ausdruck.

„Darling, gibt es irgendeinen Grund warum du heute getrunken hast?“ Jedoch konnte die exzentrische Schriftstellerin den Impuls nicht vollständig kontrollieren und presste ihre Gefährtin gegen die Wand. Leise stöhnte der Lockenkopf auf, als die Kratzspuren auf ihren Rücken mit der Wand in Kontakt kamen. Sie war nicht ignorant, wenn es um das Verhalten ihrer Frau ging. Bisher fand sie keine Zeit mit ihr in Ruhe darüber zu sprechen, obwohl Pia schon eine Weile wieder in ihre alten Verhaltensweisen fiel und vor allem ihre besitzergreifenden Tendenzen sich bemerkbar machten. Im Bett sorgte dies für ein ordentliches Feuerwerk, aber auf der Arbeit hatte dies nichts zu suchen.

„Lass mich los! Ich bin nicht in der Stimmung mit dir das Schlafzimmer aufzusuchen. Rede mit mir und erkläre mir bitte von welcher Katja du sprichst! Denn wir befinden uns inmitten einer Hochzeitsfeier und irgendjemand sollte das Brautpaar betreuen.“ Erinnerte der Rotschopf an das aktuelle Problem. Denn nebenan, in ihren Restaurant der „Villa am See“, fand eine Hochzeitsfeier statt wofür beide als Geschäftsführerinnen verantwortlich waren. „Unsere Kellnerin Katja.“ Stieß die Brünette aus und ihre haselnussbraunen Augen funkelten vor Zorn.

„Was? Machst du Witze? Sie ist über zwanzig Jahre jünger als ich! Vor zwei Wochen feierten wir unseren 25. Hochzeitstag und du bist eifersüchtig auf unsere Kellnerin?“

„Sie hatte dir schon schöne Augen gemacht, als sie im Vorstellungsgespräch war.“ Schmollte sie jetzt.

„Ja, vor zehn Jahren! Deswegen hatten wir sie aber nicht eingestellt. Und ja, ich bin mir dessen bewusst, dass in letzter Zeit ihr Verhalten sonderbar ist. Aber heute ist es besonders bizarr. Und als ich sah das dein Temperament mit dir durchging, wollte ich mich mit dir kurz zurückziehen und erst zum Feuerwerk zurückkehren.“ Pia ließ ihre Schultern fallen und schaute beschämt zum Boden.

„Oh. Du hast es bemerkt. Warum hast du nichts dagegen gemacht? Ich habe euch beobachtet.“ Smaragdfarbende Augen verdrehten sich gen Himmel. Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Adlige ihre Geduld verliert..

„Gut zu wissen. Während ich arbeitete hast du die Zeit genutzt und uns beobachtet und dabei zu tief ins Glas geschaut, ja?“ fragte sie mit einem schneidigen Unterton.

„Ja! Es tut mir ja Leid. Aber du hättest jederzeit etwas gegen ihre Annährungsversuche unternehmen können!“

„Und was hätte ich tun sollen? Sie fiel mir in die Arme, weil sie angeblich gestolpert sei. Hätte ich zur Seite springen sollen und so tun als ob ich es nicht gesehen hätte? Sie blieb mit ihrer Hand in meiner Anzugsjacke hängen! Wenn sie gefallen wäre hätte ich vermutlich nicht nur eine kaputte Anzugsjacke gehabt!“

„Gutes Argument. Und als sie dir an den Hintern ging?“

„In meinen Händen war ein Tablett mit Gläsern voller Champagner! Das war der Empfang! Ich verschwende doch nicht guten Champagner, nur weil meine Angestellte der Meinung war, dies sei der richtige Moment, um mir an den Hintern zu gehen. Ich kann froh sein, dass ich das Tablett nicht vor Schreck fallen ließ.“

„Geizhals! Ich hätte das Tablett fallen gelassen und ihr eine Ohrfeige gegeben.“

„Ja, ich weiß. Denn wie oft hat dein impulsives Verhalten dazu geführt, dass wir in den Schlagzeilen gelandet sind?“ Ihre Diskussion wurde durch das Klingeln von Reginas Handy unterbrochen. Pia fischte es aus der Hosentasche ihrer Partnerin und schaute auf das Display. Zornig verzog sie ihr Gesicht zu einer Grimasse und zeigte es der Adligen. „Katja“ stand dort und ungeduldig ging schließlich die Brünette ran.

„Ja? Was willst du? Falls es dir entfallen ist, ich bin ebenfalls eine Frau von Millburgh. Ich bin mit ihr seit 25 Jahren verheiratet! Jetzt pass mal […]!“ Regina riss ihr das Handy aus der Hand. „Katja? Was gibt es? Ich sagte doch dass wir uns zurückziehen. Nein, ich muss noch einmal ins Büro. Pia wird stattdessen kommen.“ Sie legte auf und erwartungsvolle haselnuss-braune Augen schauten sie an.

„Tut mir Leid Darling, aber unsere Diskussion muss auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Ich muss ins Büro, um unsere Fahrt nach Dresden zu planen und die Einkäufe der nächsten Woche müssen noch zusammengestellt werden. Gehst du bitte zu Katja? Die Braut möchte ihren Strauß werfen und es war ausgemacht, dass es danach noch einmal Champagner gibt. Und reiß dich bitte zusammen. Ich verspreche dir, wir reden darüber und du wirst es nicht bereuen.“

„Babe! Wir wollten ein wenig Zeit miteinander verbringen.“ Winselte die exzentrische Schriftstellerin. Regina zog sie sanft zu sich heran und die Russin küsste sie voller Ungeduld. Vergnügt zuckte diese danach mit ihren Augenbrauen.

„Und was meinst du? Wollen wir doch noch schnell einen Tango auf der Couch tanzen?“

„Du, meine Liebe, bist eine russische Verführung.“ Schnurrte die Fürstin und ließ sie schließlich los.

„Und ja, wir reden noch darüber, warum du heute getrunken hast. Komm dann ins Büro, ja?“

„Okay.“ Pia schaute ihr noch einen Moment hinterher und hörte dann ein leises gähnen. Ihr Blick fiel auf den Hundekorb.

„Jetzt wirst du wach? In der Zeit hätten Einbrecher unser Haus leer geräumt.“Hamlet wedelte nur mit seinem Schwanz und drehte sich auf den Rücken. Sie streichelte ihn kurz und versuchte sich innerlich zu beruhigen. Katja war tatsächlich schon seit ein paar Jahren angestellt und eigentlich gehörte sie in den Service, welchen grundsätzlich Pia managte. Regina war vor allem für die Organisation, den Einkauf und für die Küche zuständig. Aber sie repräsentierte auch das Haus und begrüßte die Gäste, so dass sie zwangsweise ebenfalls im Service zu tun hatte. Eigentlich war vor allem Madeleine der Ansprechpartner für Regina, aber in letzter Zeit war immer wieder Katja zur Stelle und Pia gefiel diese Entwicklung nicht. Am Anfang, als sie nur Madeleine eingestellt hatten, verlief es wenigsten ruhiger. Chaotischer und unorganisierter, aber ruhiger. Als sie die „Villa am See“ eröffnet hatten, war es nicht geradeso als ob sie Ahnung von der Gastronomie hatten. Sie verdienten ihr Geld mit der Schriftstellerei und Filmen und lebten einige Jahre in Paris. Erst als die Verpflichtungen anriefen, mussten sie zurück in das Herzstück des Kaiserreiches kommen. Eigentlich waren es Reginas Verpflichtungen die anriefen, aber der Drang nach Unabhängigkeit ließ beide überlegen, wie sie die Verpflichtungen erfüllen konnten und trotzdem unabhängig blieben. Also kauften sie am Wannsee ein riesiges Grundstück mit drei Häusern darauf und einem direkten Zugang zum See. Im Herrenhaus lebten sie und aus der Villa machten sie das Restaurant. Das dritte Haus blieb am Anfang unberührt. Irgendwann konnten sie die Villa nicht mehr alleine stemmen und stellten schließlich das erste Personal ein. Ein Koch unterstützte Regina in der Küche und Madeleine leitete mit Pia zusammen das Restaurant. Nach vielen Fehlern, mittleren und schweren Katastrophen bauten sie sich so ein kleines Imperium auf. Aus dem kleinen Imperium wurde ein sehr großes Imperium, nachdem Regina 1995 das Erbe antrat. Danach war vor allem der Adel regelmäßig zu Gast und die adligen Hochzeiten brachten das Geld rein. Denn im Kerngebiet des vereinten Kaiserreiches waren am Anfang ihre gemeinsamen Bücher nicht so erfolgreich und Regina benötigte dringend eine Aufgabe. Ihr unruhiger Löwe hatte sie fast in den Wahnsinn getrieben. Pia dagegen, hätte weiterhin damit leben können zu schreiben und in den Tag hinein zu leben. Im Nachhinein war sie froh darüber, dass sie diesen sonderbaren Weg gegangen sind, auch wenn sie sich regelmäßig mit Katja auseinandersetzen musste. Unrecht hatte ihre Frau aber nicht. Katja stellten sie vor zehn Jahren ein, aber warum diese plötzlich so enorm die Nähe zu Regina suchte, war ihr ebenfalls ein Rätsel. Davor war sie wenigsten subtiler in ihrem Verhalten, was sie trotzdem ärgerte, aber nicht in diesem Ausmaß. Sie seufzte leise, straffte ihre Schultern, holte tief Luft und machte sich auf den Weg zur Villa. Dort wurde sie sofort mit: „Frau Piatrova, schön, dass Sie auch schon kommen.“ begrüßt. „Frau von Millburgh.“ Korrigierte sie automatisch und dies schon seit zehn Jahren! Nie sprach Katja sie mit ihren richtigen Namen an. Nicht, dass sie eine besonders hohe Meinung über den Adel hatte, aber sie musste lange warten um Regina ihre Frau nennen zu dürfen.

„Kommen Sie. Ist der Champagner vorbereitet?“

„Natürlich, Frau Piatrova. Die Chefin hatte explizite Anweisungen hinterlassen. Wo ist sie?“

„Arbeiten. Bringen wir es hinter uns.“ knurrte sie, aber Katja ließ nicht locker.

„Ja, ja, das Alter, nicht wahr? Nicht jeder kann so robust und ewig jung bleiben, wie die Chefin. Und irgendwann wird sie sich jemanden suchen, der mit ihr mithalten kann. Vor allem eine deutsche Frau und keine Ausländerin, die ausgerechnet aus Russland kommt.“ Stichelte sie unbeirrt weiter. Pia ballte ihre Hände zu Fäusten. Gestern musste sie schon diesen unwiderstehlichen Drang unterdrücken, Katja ein High Five zu geben. Ins Gesicht. Mit ihrer Faust. Denn der gemeinsame Abend mit ihrer Frau fiel ins Wasser. Schon wieder.

Und der heutige Morgen fing auch nicht besser an. Wie immer war Regina auf den Beinen, als sie gegen Mittag aus dem Bett fiel. Nachdem sie ihre drei Tassen Kaffee getrunken hatte lief sie langsam zur Villa herüber. Natürlich war Hamlet nicht mehr im Haus. Wie immer folgte er seiner rothaarigen Herrin, die ursprünglich mit ihm überhaupt nichts zu tun haben wollte. Sie schlüpfte in den Seiteneingang, durchquerte den Weinkeller und kam dann in der Küche wieder raus. Ihr Küchenchef Daniel bereitete das Menü für den Abend vor und die bestellte Hochzeitstorte war ebenfalls schon da. Regina würde später in der Küche das Regime übernehmen, dass das Essen ohne Probleme die Küche verließ. Die drei großen Salons waren leer und sie traf weder auf Madeleine noch auf Katja und betrat ungesehen das Büro ihrer Gefährtin. Diese saß hinter einem großen Mahagoni Schreibtisch und ertrank in einem Haufen von Unterlagen.

„Ich habe dich gestern Abend vermisst. Wir wollten gemeinsam einen Film schauen.“ Fing sie ohne Umschweife an und verzichtete auf eine Begrüßung.

„Guten Morgen Darling. Meine Nacht war zu kurz, aber ich schlief sehr gut. Danke der Nachfrage. Wie geht es dir?“ kam die trockene Antwort, ohne ihre Augen von den Dokumenten zu nehmen. Unbeeindruckt blieb die Brünette vor dem Schreibtisch stehen, bis die Fürstin sie anschaute.

„Darling, es tut mir Leid. Ich wurde im Büro aufgehalten und kam erst gegen drei ins Bett.“

„Von Katja?“ fragte die Russin schneidig, doch der Rotschopf war zu sehr abgelenkt, als das ihr der Unterton auffiel. Oder ignorierte ihn gekonnt und sagte stattdessen: “Nein. Daniel und ich gingen noch einmal das Menü durch.“ Sie streckte ihre Arme gen Himmel und versuchte die Verspannungen in den Schultern zu lösen. Instinktiv trat Pia näher heran und legte ihre Hände auf besagte Schultern und massierte diese leicht.

„Komm, lass uns noch mal ins Bett gehen. Ich verwöhne dich ein wenig, so dass du dich richtig entspannen kannst.“ Flüsterte sie ihr ins Ohr. In der Regel trennte der Lockenkopf rigoros die Arbeit von dem Privaten. Aber ab und zu konnte sie dem Charme ihrer Frau nicht widerstehen. Als sie sinnlich ihren Kopf nach hinten fallen ließ und ihre Augen schloss, wusste die Russin, dass es die richtige Taktik war. Doch mit einem Male wurde die Tür aufgerissen und Katja stand inmitten des Büros. Ohne anzuklopfen, versteht sich von selbst. „Frau von Millburgh, können wir jetzt den Ablauf der Feier besprechen?“ Die Bürgerliche wusste, dass sie auf gar keinen Fall gemeint war. Unbeirrt blieb Pia trotzdem hinter dem Lockenkopf stehen.

„Katja! Wie oft denn noch? Anklopfen und danach betreten! Die Besprechung mache ich mit Madeleine, aber das wissen Sie doch! Außerdem müssen Pia und ich noch einige Details für unsere Lesung in Dresden klären.“ Normalerweise schob sie diese Art von Gespräche nie auf und das Katja kam, lag wohl daran das Madeleine mit einer anderen Angelegenheit beschäftigt war, aber sie war willig Zeit mit Pia zu verbringen.

„Bei all dem nötigen Respekt, aber die Gäste kommen in drei Stunden.“ Argumentierte Katja dagegen. Regina schaute überrascht auf die Uhr. Schließlich fühlte sich die Aristokratin genötigt, die Besprechung sofort zu führen und die Russin verließ brodelnd das Büro. Natürlich hätte sie bleiben können, aber sie ertrug die bloße Anwesenheit von Katja einfach nicht. Am liebsten hätte sie Regina in der Luft zerrissen, auch wenn sie den Kürzeren gezogen hätte und diese überhaupt keine Schuld traf. Tatsächlich tauchte ihre Gattin erst kurz vor 15:00 Uhr aus dem Büro auf, nahm eine schnelle Dusche und wechselte in einen schwarzen Anzug, um rechtzeitig die Gäste begrüßen zu können. Und zu allem Überfluss war Katja überall. Egal wo sich auch Regina befand, die junge Frau war immer in ihrer Nähe. Sei es um ihr ein Glas zu reichen und nebensächlich einen Haufen Fragen zu stellen. Unentwegt beobachtete Pia dieses Schauspiel und achtete nicht darauf was sie so alles trank. Es war süß, schmeckte gut und hatte jede Menge Alkohol drin. Nachdem sie dann auch noch sehen musste, wie Katja den Kragen der Bluse richtete, wurde es ihr zu bunt. Sie wartete bis Regina in die Villa zurückging und konfrontierte ihre Angestellte.

„Was spielst du eigentlich für ein Spiel??“ zischte sie leise.

„Von was reden Sie, Frau Piatrova?“ dabei grinste das blonde Gift sie spöttisch an.

„Was willst du von meiner Frau? Denkst du nicht das sie ein wenig zu alt für dich ist?“

„Ich bitte Sie, was hat denn heutzutage das Alter damit noch zu tun?“

„Glaubst du wirklich, dass sie nach so vielen Jahrzehnten alles über den Haufen werfen wird, um mit dir etwas anfangen zu können?“

„Sind wir nicht ein wenig sensibel? Fühlen Sie sich etwa in ihrer Ehe so unsicher, dass Sie überall potenzielle Liebhaberinnen sehen? Oder zweifeln Sie an Ihrem Aussehen? Sie sind nicht mehr so knackig, wie Sie es vielleicht vor 20 Jahren waren.“ Provozierte Katja weiter. Pia packte ihren Arm grob, als plötzlich Regina hinter ihnen auftauchte.

„Pia! Lass sie los! Was ist in dich gefahren?“ sie berührte den rechten Arm ihrer Frau und ergriff ihre Hand, als sie die gemeinsame Angestellte losließ.

„Katja, rufen Sie mich bitte an, wenn die Braut den Strauß werfen möchte. Wir ziehen uns für einen Moment zurück.“ Wandte sie sich an ihre Angestellte, nachdem Pia ihr eine Antwort schuldig blieb.

„Ja, Frau von Millburgh.“ Hörten es beide noch, aber Pia war mehr damit beschäftigt herauszufinden wie wütend ihre Frau war. Das sie unüberlegt gehandelt hatte, war ihr in dem Moment klar als die Fürstin auftauchte. Wenigsten war die Feier im Garten und niemand konnte akustisch verstehen über was sie sich mit Katja stritt. Die Kaiserin bat darum, dass sie für eine Weile nicht in den Schlagzeilen landeten. Wenn irgendjemand das mitbekommen hätte, dann wäre am nächsten Tag die Überschrift: „Streit um die Kurfürstin von der Pfalz. Gattin griff Angestellte aus Eifersucht im Garten an. Bedeutet dies das Ende der Ehe? Schon wieder?“ gewesen. Das Schweigen ihrer Frau war noch unerträglicher, als wenn mit ihr das Temperament durchging. Also entschloss sie sich für den Angriff und forderte: „Mache mich endlich zu deiner Fürstin!!“ als sie das Haus betraten.

Dies alles ging der Brünetten durch den Kopf, als sie es ernsthaft in Erwägung zog, den Konsequenzen zum Trotz, zum High Five anzusetzen. Mit ziemlicher Sicherheit konnte sie sagen, dass es Regina bestimmt bereute sie zu Katja geschickt zu haben. Auf der anderen Seite war es besser, bevor Katja noch ganz andere Verhaltensweisen aufzeigte, um den Lockenkopf für sich zu gewinnen. Zwar keine Spur nüchterner und immer noch borderline verdächtig aggressiv, aber sie schluckte es herunter und entschied sich für: “Das werden wir noch sehen.“ In ihren Gedanken ging sie schon ihre Argumentation durch, um Katja endlich gekündigt zu kriegen. Bis jetzt weigerte sich der Lockenkopf standhaft, weil sie tatsächlich gut arbeitete und eine Entlastung in der Villa war. Zumal die Saison noch nicht zu Ende war und dies ein sehr schlechter Zeitpunkt, um Personal zu verlieren. Aber in der Not würde auch Pia ihre Motivation für triviale Arbeit finden und helfen, wenn sie dadurch das blonde Gift loswerden konnte. Gott sei Dank war das neue Buch fertig und sie befanden sich auf Lesungen durch das ganze vereinte Kaiserreich. Bei diesem Gedanken fiel ihr wieder ein, warum sie Katja nicht vorzeitig kündigen konnten. Mit den laufenden Lesungen waren sie viel unterwegs, während die Hochzeiten in der Villa weiterhin stattfinden mussten. Die Adlige war sowieso schon während der Saison gestresst und die Brünette bat sie damals schon darum, etwas kürzer zu treten. Immerhin befand sie sich nur noch in der Küche, um den Ablauf zu überwachen oder in der Not unter die Arme zu greifen. Dadurch wurde Daniel Küchenchef wurde und mit Martina hatten sie einen weiteren sehr guten Koch eingestellt. Innerlich stöhnte die Russin auf. Sie musste noch bis Ende Oktober Katja ertragen oder aber auf ihre Zweisamkeit verzichten. Diese Entscheidung fiel ihr leicht, also änderte sie im Kopf ihre Argumentationskette, so dass sie die Adlige davon überzeugen konnte, Katja nach Oktober zu kündigen.

Unterdessen hatte Regina unbehelligt ihr Büro erreicht und ließ ihren Kopf gegen die Tür fallen, als sie endlich alleine war. Es war nicht so, als ob sie die Ängste von Pia nicht verstehen würde. Immerhin fing ihre Beziehung recht ungewöhnlich an. Auch war sie sich dessen bewusst, dass sie ihrer Frau zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte, weil die ganze Woche schon besonders stressig war. Die Mutter der Braut ließ sie keine Minute alleine und änderte ständig irgendwelche Details der Hochzeit. Manchmal war es einfacher, wenn Bürgerliche eine Hochzeit in der Villa feierten, als wenn es der Adel tat. Bei den Aristokraten drehte sich alles um Prestige, Ruhm und Ansehen. Und in der Villa des Erzmarshalls des vereinten Kaiserreichs eine Hochzeit zu feiern, erfüllte alle drei Kriterien. Zum Leidwesen von Regina, jedoch sehr gut für das Geschäft. Allgemein war diese Saison besonders viel mit Aufträgen gefüllt. Vielleicht lag es auch daran, dass sie durch die Veröffentlichung des neuen Romans regelmäßig nebenbei die Lesungen gaben und Autogrammwünsche erfüllten. Oder sie wurden einfach nur alt, allerdings erwähnte sie dies nie in der Gegenwart ihrer Frau. Diese reagierte allergisch, wenn man sie auf ihr Alter ansprach. Sie reagierte auch auf alles Weibliche allergisch, welches sich in einem 50 m Radius zu ihr befand. Pia fühlte sich schon eine ganze Weile von jüngeren Frauen bedroht, wenn es um die Gunst des Rotschopfes ging, vor allem als sie immer älter wurde. Aber was bedeutete schon das Alter, wenn man nicht so aussah? Nach dem Weltkrieg floss sehr viel Geld in medizinische Erneuerungen. Ab den Jahr 1950 wurde die Genetik des Menschen so manipuliert, dass alle folgenden Generationen immer älter werden konnten. Der jetzige medizinische Stand war, dass im Durchschnitt ein Mensch 130 Jahre alt werden konnte. Katja sah mit ihren Anfang 40 wie Mitte 20 aus. Als ob sich Regina diese ganzen Jahrzehnte die eifersüchtigen Szenen angetan hätte, um jetzt noch die Stute zu wechseln. Aber es war jedes Mal erschreckend wie rücksichtslos und respektlos Menschen sein konnten, wenn sie etwas wollten. Bei jeder Autogrammstunde wurden ihr unmoralische Angebote ins Ohr geflüstert, obwohl die Gattin daneben stand. Oder manch einer hatte eine ganz besondere Vorstellung, wo er nun sein Autogramm haben wollte. Wenn es nach Regina gegangen wäre, dann hätten sie nie wieder ein neues Buch veröffentlicht. Die Familie war für die kommenden Generationen abgesichert, aber Pia lebte für die Schriftstellerei. Sie blühte regelrecht auf, neue Geschichten zu verfassen und benötigte diese Welt wie die Luft zum Atmen. Regina würde ihr das nie nehmen wollen, zumal Pia eher widerwillig ein Restaurant eröffnen wollte und trotzdem nie von ihrer Seite wich, wenn sie sie brauchte. Also würde der Rotschopf ebenfalls nicht von ihrer Seite weichen, bis Pia der Meinung war, dass nun Schluss sei. Auch wenn es bedeutete Autogramme geben zu müssen, ständig in die Kamera zu lächeln und so tun als ob es das Schönste auf der Welt war. Sie schüttelte ihren Kopf und stieß sich von der Tür ab. Beim Anblick ihres Schreibtisches würde sie sich lieber wieder umdrehen und das Angebot mit dem horizontalen Tango annehmen. Außerdem machte sich ein ungutes Gefühl in ihr breit, ob die Entscheidung Pia und Katja alleine zu lassen, wirklich die Beste war. Auf jeden Fall würde Pia zum wiederholten Male die Kündigung fordern und so langsam gingen ihr die Argumente aus, um den Willen ihrer Frau nicht umzusetzen. Sie ließ ihren Blick über den Schreibtisch schweifen und ergriff schließlich den Planer. Der Trip nach Dresden musste noch geplant werden, denn in drei Tagen war bereits die Lesung. Die Zustände in Dresden waren beunruhigend, denn an jeder Ecke flammten Aufstände auf. Wenn Dresden nicht in den Schlagzeilen war, dann war es Schleswig-Holstein. Was auch immer die betroffenen Lehnsherren taten, offensichtlich gefiel es dem Volk nicht. Der sächsische König versicherte ihr aber, dass sie von der Leibgarde und der Polizei geschützt werden. „Hoffentlich. Sonst stehen wir wieder in den Schlagzeilen und Hanna wird das auf Dauer nicht tolerieren.“ Ging es ihr durch den Kopf. Sie mochte ihn nicht besonders. Einmal im Monat trafen alle Lehnsherren am Hof ein, um die aktuelle Lage zu besprechen und die Absprachen mit dem vereinten Kaiserreich einzuhalten. Zwar einte die Kaiserkrone das Reich, aber die Lehnsherren herrschten über ihre jeweiligen Gebiete. Er war unerträglich in seiner Haltung und seinen veralteten Ansichten. Die Tochter des sächsischen Königs war ihr lieber, aber die junge Frau sah sie zum letzten Mal vor zehn Jahren. Der Gedanke an dem Hof erinnerte sie daran, dass sie zum Maskenball erscheinen mussten. Die letzten Einladungen ignorierte sie gekonnt, aber an bestimmten Bällen mussten sie erscheinen. Müde und genervt ließ sie ihren Kopf auf die Tischplatte fallen und schloss für einen winzigen Augenblick die Augen. Als sich ihre Tür noch einmal öffnete bekam sie es nicht mehr mit.

Katja betrat das Büro und schloss leise die Tür. Es war nicht leicht den Argusaugen von Pia zu entkommen. Doch als diese in ein Gespräch verwickelt wurde, nutzte sie die Chance. Sie wusste nicht wie oft sie die Fürstin schlafend auf den Schreibtisch gefunden hatte. Ihr war es jedes Mal ein Rätsel wie sie sich aus der Affäre ziehen konnte, wenn Pia wieder einmal einer ihrer gefürchteten Momente hatte. Die ganze Ehe war ihr ein Rätsel. Jeder normale Mensch hätte bei dieser Anzahl der „Momente“ die Füße in die Hand genommen und wäre geflüchtet. Als sie mit der Arbeit anfing, hatten sich die Beiden regelmäßig in den Haaren. Nicht das dies nachgelassen hätte, aber wie durch ein Wunder hatte keine von den Beiden die Scheidung eingereicht. Katja ahnte nicht wie schwer es sein würde, die Beiden auseinander zu bringen. Ursprünglich spekulierte sie auf Pias ungezügelte Eifersucht – denn Regina konnte man nicht aus der Reserve locken. Während die Bürgerliche sämtliche Emotionen zeigte, ließ sich die Fürstin nie in die Karten schauen. Selbst wenn Pia ihr eine Szene machte, verriet ihr Gesicht keine einzige Emotion. Sie hörte sich alles geduldig an, wich ab und zu einer Ohrfeige aus, ergriff schließlich die Hand ihrer Frau und beide verschwanden. Egal wie eifersüchtig Pia sein konnte, sie hielt fest zu ihrer Frau. Manchmal fragte sich Katja ob diese ganzen Szenen bei denen Vorspiel war und wenn sie verschwanden, den Hauptakt dann vollführten. Zu ihrer eigenen Überraschung stellte sie sich sehr oft vor, wie die Beiden den horizontalen Walzer tanzten. Nur kurz verschwand sie in ihrer Fantasiewelt. Dann fokussierte sie sich auf den Lockenkopf. Ihre blauen Augen beobachteten das tiefe und ruhige atmen, wie das Gesicht der Adligen zur Hälfte in ihren verschränkten Armen versteckt war und sie hielt für einen Moment inne. Es wirkte so einfach eine eindeutige Szene zu initiieren, so dass bei Pia alle Sicherungen durchbrennen würden, aber aus einem ihr unerfindlichen Grund zweifelte sie am Erfolg dieses Szenarios. Trotzdem trat sie näher an den Schreibtisch heran und streichelte mit ihrer Hand den linken Arm der Adligen entlang. Regina hatte die Angewohnheit die Ärmel ihrer Hemden und Blusen hochzukrempeln, egal ob sie darüber eine Anzugsjacke oder die Jacke der Uniform trug, so dass sich auf ihren Arm eine Gänsehaut bildete. Jedoch reichte die kleine Berührung aus und sie schreckte aus dem Schlaf hoch. Dafür dass sich Pia immer darüber beschwerte dass Regina wie ein Stein schlief, war diese gerade eben sehr schnell wach geworden.

„Katja? Was machen Sie in meinem Büro? Ich kann mich nicht daran erinnern Sie hinein gebeten zu haben.“ Um ein wenig Abstand zu gewinnen, ließ sie sich gegen die Lehne fallen. In ihren smaragdfarbene Augen lagen Skepsis und Misstrauen.

„Ich habe Sie gesucht.“

„Das beantwortet nicht meine Frage, warum Sie in meinem Büro sind.“

„Entschuldigen Sie, aber ich wollte Sie für das Feuerwerk holen.“

„Warum? Haben Sie meine Frau nicht gefunden? Als ich ins Büro ging, haben Sie doch mit Pia noch einmal Champagner verteilt.“

„Sie wurde in ein Gespräch verwickelt.“

„Katja, auch wenn Sie es nicht glauben wollen, aber Pia ist kompetent und kann anstatt meiner Entscheidungen treffen. Und wenn Sie niemanden von uns finden, dann ist immer noch Madeleine da. In Zukunft möchte ich, dass Sie niemals dieses Büro betreten, wenn Sie nicht hinein gebeten werden. Haben wir uns verstanden? Benötigen Sie ein paar Tage um darüber nachzudenken?“ Regina wusste nicht was es war, aber plötzlich war ihr Katjas Nähe unangenehm und beunruhigte sie.

„Es wird nie wieder passieren, Frau von Millburgh.“ Antwortete die Kellnerin, die sehr froh darüber war nicht ihrem Impuls gefolgt zu sein.

„Und erinnern Sie sich bitte daran, dass meine Frau die gleiche Anrede hat.“

„Ja. Natürlich. Es tut mir Leid.“

„Sie müssen sich nicht bei mir entschuldigen. Wenn Sie das nicht in den Griff kriegen, dann sehe ich mich gezwungen Sie zum Ende der Saison zu kündigen. Sie arbeiten gut, aber trennen Sie bitte das Private von der Arbeit.“