Blaue Stunde - Sonja Guldi - E-Book

Blaue Stunde E-Book

Sonja Guldi

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Beschreibung

Momentaufnahmen im Leben von 5 Frauen, die in Deutschland und den USA spielen, und einen Zeitraum von den 50er Jahren bis zu den 2000er umfassen. Gemeinsam ist den Protagonistinnen, dass sie aus Deutschland stammen und die Vereinigten Staaten mehr oder weniger konkret das Land ihrer Träume ist. Die Lebenswege der Frauen sind durch Zufall, familiäre Bindungen, Freundschaften miteinander verbunden. Isolde, ein Nachkriegskind der 50er Jahre, wagt mit ihrem Mann den Sprung über den Teich und findet dort ihr persönliches Glück. Teresa ein aufsässiger Teenager der 80er Jahre träumt davon ihr spiessiges Elternhaus hinter sich zu lassen und mit ihrem Freund in die USA zu gehen, während Eltern und Lehrer sie auf den Abgrund zusteuern sehen. Seline lebt mit ihrem Mann an einem kleinen Ort an der Ostküste. Sie arbeitet in Manhattan, ganz wie sie es sich immer erträumt hat und ist trotzdem nicht glücklich. Karin arbeitet als IT-Fachfrau im Silicon Valley und kämpft mit Hindernissen, die sie so nicht erwartet hat. Nora, Isoldes Tochter, verlässt die USA um in Deutschland zu studieren. Dort erfährt sie nach dem 11. September vom Tod ihrer Mutter und beschliesst, nicht nach Amerika zurück zu kehren.

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Seitenzahl: 132

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Blaue Stunde

Sechs Kurzgeschichten

Von Sonja Guldi

Texte: © Copyright by Sonja Guldi

Verlag: Selbstverleger

Inhalt

Hershey’s

Fat Bottomed Girls

Ein halber Lovesong

Montag vor Dienstag

Schnee im September

Drei Gleichen

Hershey’s

Ein großer, schwarzer, wirklich dicker Amerikaner saß in Tante Gerdas Küche und schwitzte vor sich hin. Isolde hatte noch nie einen so großen Menschen gesehen und hielt ihn zuerst für einen Riesen, wie Rübezahl oder den Riesen aus dem tapferen Schneiderlein. Beim Betreten der Küche hatte er den Kopf einziehen müssen, um durch den Türrahmen zu kommen. Niemand den Isolde bisher durch diese Tür hatte kommen sehen, hatte das tun müssen. Und genau diese Geste, machte es, dass Isolde an ihre Großmutter erinnert wurde, die, anders als der Besucher, eine winzige Frau gewesen war. Sie ging nach vorne gebeugt, so dass Isolde auf ihrer Augenhöhe war und hatte einen Buckel, wie die Hexe in Hänsel und Gretel. Ihre Hände waren faltig und von dicken Adern überzogene, ihre Ohren hatten lange, zerknautschte Ohrläppchen, an denen kleine, in Gold eingefasste Rubine hingen. Isolde liebte Märchen. Sie besaß ein dickes Buch, dass voll davon war und aus dem ihre Großmutter ihr jeden Abend vorgelesen hatte. Nun machte das ihre Tante, doch es war nicht dasselbe. Die Stimme von Tante Gerda war hell und sehr klar. Sie konnte sehr gut singen und trällerte die ganze Zeit alberne Lieder vor sich hin, wenn sie das Geschirr spülte oder die Fenster putzte. Lieder, die von feschen Mannsbildern, jungen Mädchen, Vogelgezwitscher, Tanz und Festen handelten. Wenn sie gar zu übermütig wurde begann sie sich um den Küchentisch herum im Kreis zu drehen, das Geschirrtuch über den Kopf haltend, hüpfte sie dann von einem Fuß auf den anderen und schmetterte die letzten Takte so laut, dass sie garantiert im ganzen Haus zu hören waren. Die Stimme der Großmutter dagegen war leiser und viel dunkler, was Isolde gerade bei den gruseligen Abschnitten gefiel. Die letzte Erinnerung, die Isolde an ihre Großmutter hatte, lag nur wenige Monate zurück, als sie tot auf dem Bett lag, dass sie sich mit Isolde geteilt hatte, während ihre Mutter und Tante Gerda ihr mit großer Anstrengung die Rubinohrringe abmachten, die ihr eingewachsen waren. Danach musste Isolde aus dem Zimmer, weil die alte Frau gewaschen und angezogen werden sollte. Dann kamen Nachbarn, Freunde und Verwandte vorbei. Es war den ganzen Tag über ein Kommen und Gehen, alle waren sehr beschäftigt. Isolde wurde mehrmals geschickt, um Besorgungen zu machen. Ein Mann, den sie noch nie gesehen hatte, der jedoch mindestens so faltig und gekrümmt war wie ihre Großmutter, kniff ihr in die Wange, dass es weh tat und Isolde die Tränen kamen. Damit schien er sehr zufrieden zu sein und ließ sie in Ruhe. Der stechende Schmerz kam in ihre Erinnerung als der große Amerikaner also in Tante Gerdas Küche kam, denn obwohl er auf den ersten Blick nichts, wirklich überhaupt nichts mit ihrer Großmutter gemeinsam hatte, ähnelte er in dieser Bewegung, wie er beim Eintreten den Kopf zwischen die Schultern zog und sich nach vorne beugte, der alten Frau verblüffend. Als er dann auf einem Stuhl Platz nahm, wirkte der ganze Raum und alles was sich darin befand, wie aus einer Puppenstube. Er saß mit breiten Beinen, den Ellbogen auf die Wachstuchdecke gelegt und die rechte Hand auf sein Knie gestützt, so nahm er, ganz selbstverständlich, den meisten Platz am Tisch ein. Er war jedoch kein Riese, sondern nur ein sehr großer Mensch, wie ihre Mutter Isolde lachend auf ihr Nachfragen hin erklärt hatte. Ein Soldat. Nun, das hatte Isolde bereits gewusst. Er war schließlich nicht der erste Soldat, den sie zu sehen bekam. Er trug eine Kleidung in olivgrün mit Klappen auf den Schultern und kleinen bunten Stoffteilen auf der Brust, die Ärmel aufgekrempelt. Auf einem dieser Stoffteile stand sein Name, nur sein Nachname, das war so bei Soldaten, sie hatten keine Vornamen, sondern Dienstgrade, die man an den Klappen auf der Schulter erkennen konnte. Isolde konnte die meisten unterscheiden. Sie konnte zwar noch nicht lesen, obwohl sie schon sieben war, doch das war auch nicht nötig, es genügte, die Streifen der Form nach zu zählen. Sie kannte die Uniformen der Franzosen, der Engländer und eben der Amerikaner. Nur die russischen Soldaten hatte Isolde noch nie gesehen. Sie waren in einer Zone, die niemand aus ihrer Familie aussuchte, da sie dort niemanden kannten. Also auch war auch Isolde noch nie dort gewesen. Dieser jetzt in ihrer Küche war ein amerikanischer Soldat, ein GI, doch Isolde stellte sich lieber vor, er sei ein Riese aus einem fremden Land. Im Gegensatz zu den Riesen aus ihren Märchen, die immer einen dicken Bart und wilde abstehende Haare trugen, hatte er jeodch überhaupt keine Haare. Sein Kopf war eine richtig blanke Fläche, ohne einen Stoppel. Die Haut darauf wölbte sich in seinem Nacken zu einer dicken Speckrolle, die über den Kragen seines Hemdes ragte. Die hatte sie sich vorhin ganz genau angesehen, als sie im Auto hinter ihm saß. Sie hatte mit ihrer Mutter vor dem Tor der Kaserne gewartet, bis er mit dem Wagen herauskam. Ein großes hellblaues Auto, mit beigem Dach, das bei schönem Wetter geöffnet werden konnte. So hatte ihre Mutter es ihr erklärt und Isolde war enttäuscht, dass es während der gesamten Fahrt geschlossen blieb, obwohl es ein traumhafter Sommertag war. Zu gerne würde sie wissen, wie es wäre direkt unter dem blauen Himmel zu sitzen, oder durch die Stadt zu fahren und von allen gesehen zu werden. Ihre Mutter hatte sich zu ihm nach vorne gesetzt und Isolde musste auf dem Rücksitz. Es war nicht nur ein viel größerer Wagen als Isolde sie bisher kannte, die vordere Sitzbank war außerdem durchgehend, wie sonst nur die hintere, so dass sie nicht nach vorne sehen konnte, sondern nur auf die Köpfe der beiden Erwachsenen blickte. Die braunen Wellen im Haar ihrer Mutter und die glänzende, wulstige Hautfalten im Nacken des Soldaten. Seine Haut schimmerte dunkler als die Schokolade, die sie von ihm bekommen hatte. Der Gedanke an die zuckrige Süße und die feste Masse, die man nur lange genug im Mund behalten musste, damit sich ein cremiger Belag über Gaumen und Zunge verteilte, ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ob er wohl noch etwas davon bei sich hatte? Ihre Mutter hatte ihr verboten, jemanden um etwas zu bitten, wenn sie nicht dabei war, sie durfte weder mit Fremden sprechen, noch etwas von ihnen nehmen. Jetzt war sie allein mit dem Soldaten in der Küche und da sie nicht lesen konnte, kannte sie auch nicht seinen Namen, nur seinen Dienstgrad. Er war ein Unteroffizier, was bei den Amerikanern Sergeant hieß, da war sich Isolde sicher, doch das genügte nicht, um ihn nach der Schokolade zu fragen. Solange sie seinen Namen nicht kannte, blieb er ein Fremder. Er schwitzte vor sich hin und atmete dabei laut durch die Nase, die Hitze war zu viel für ihn. Er kam aus einem Teil seines Landes in dem es im Sommer feucht und heiß war und sich die Menschen meist in Gebäuden aufhielten, die alle mit Klimaanlagen ausgestattet waren, Apparaturen, die die Luft innerhalb der Häuser auf angenehme Temperaturen herunter kühlten. Man trank dort eisgekühlte Getränke und hatte Jalousien an den Fenstern, um die Sonne auszublenden. Auch das hatte ihre Mutter ihr erzählt. Sie hatte gelächelt und gemeint, sie würden vielleicht auch einmal in solch einem modernen Haus wohnen, vielleicht schon bald, und Isolde solle keine Angst vor dem Soldaten haben, weil er so dunkle Haut hatte und groß wie ein Riese war. Sie waren für ihn genau so fremd, wie er für sie. Isoldes Familie trank trotzt der Hitze heißen Kaffee statt eisgekühlter Getränke und meist hielten sich alle in dem Raum ihrer Wohnung, die ohnehin nur aus zwei Zimmer bestand, auf, in dem sie kochten, weswegen die Luft sehr stickig werden konnte und sie das Fenster geöffnet haben mussten, um die warme, von Essensdünsten geschwängerte Luft besser atmen zu können. Und diese drückende Wärme in der kleinen Küche störte Isolde nicht besonders. Es war doch Sommer, die beste Zeit des Jahres. Sie liebte den Sommer, den blauen Himmel und die Wärme auf den Hauswänden, das Summen der Luft, ihre vom Barfußlaufen schmutzigen Fußsohlen, die wohlige Müdigkeit, wie alles ineinanderfloss und zeitlos war. Selbst der Schutt, der an vereinzelten Stellen noch immer aufgetürmt lag, trug dazu bei die Wärme zu konservieren. Sie versuchte sich vorzustellen, wie es Sommer war, heiß und schwül draußen, während sie mit Pulli und dicken Socken im herunter gekühlte, abgedunkelten Haus saß, eiskalte Limonade trank und durch Jalousien an den Fenstern nach draußen blickte. Sie mochte es nicht. Während Isolde ihren Gedanken nach hing, hatte sie der Müdigkeit nachgegeben und ihren Kopf auf die Tischkante gelegt, wo sich die Wachstuchdecke an ihrer Wange festgesaugte. Das machte sie oft, einfach so aus Langeweile. Sie blähte ihre Wangen auf, bis die Tischdecke daran klebte, rollte den Kopf hin und her und lauschte dem saugendendem Plastikrascheln das dabei entstand. Doch jetzt lag ihr Kopf einfach still, festgehalten vom Wachstuch, ihre Augen waren zu Schlitzen verengt und auf die zwei leeren Flaschen direkt vor ihrer Nase fixiert, in denen die herrliche, braune Brause gewesen war, die süß und klebrig, wie die Schokolade, durch den Hals perlte. Daneben quollen zerdrückte Kippen aus dem Aschenbecher, deren Rauch noch schwer in der Luft lag und sich mit dem Duft von frischem Kaffee vermischt hatte. Sie hatten echten Bohnenkaffee getrunken. Tante Gerda hatte das letzte gute Porzellan, das sie noch besaßen, herausgeholt. Nichts war mehr komplett, die Reste eben, seufzte sie jedes Mal, wenn sie die Tassen aus dem Regal nahm. Eine Tasse war mit Rosen bemalt, eine andere mit Narzissen, zwei hatten nur Goldrand, aber in unterschiedlichen Mustern. Isolde liebte das zarte Geschirr. Sie beschäftigte sich gerne damit den Tisch zu decken und verwandte viel Zeit darauf, zu entscheiden, wer welche Tasse bekam. Der GI hatte nichts von Tante Gerdas Sandkuchen gegessen, ein halbes Pfund Butter war in ihm und der letzte Vanillezucker. Er wollte auch keinen Bohnenkaffee und das obwohl Isolde ihm die Tasse mit den Rosen und dem verschnörkelten Henkel gegeben hatte, die Schönste von allen. Wie die Tasse vor ihm auf dem Tisch stand wirkte sie noch feiner und zerbrechlicher als sie ohnehin schon war. Isolde hätte nur zu gerne gesehen, wie er die Tasse gehalten hätte. Wie er den filigranen Griff mit Daumen und Zeigefinger gefasst hätte, um dann vielleicht sogar den kleinen Finger abzuspreizen. Das machte Tante Gerda gerne, wenn sie ihre albernen Einfälle hatte und alle zum Lachen bringen wollte. Dann fasste sie ihre Kaffeetasse, ihre Lieblingstasse war die mit den gelben Narzissen, spreizte den kleinen Finger, drehte den Kopf etwas zur Seite, damit ihre Nase nach oben zeigte, hob die Tasse und sagte mit spitzen Lippen etwas wie, meine Liebe, Ihr Kaffee duftet wirklich ausgezeichnet, oder meine Liebe, sie verstehen es einen Kaffee zu kredenzen, und alle lachten. Doch der Soldat griff nicht nach der Tasse. Er hatte nur die braune Brause aus der Flasche getrunken, geraucht und sich mit Isoldes Mutter unterhalten. Sie war die einzige von ihnen, die Englisch sprach und sich mit ihm unterhalten konnte. Der GI hatte auch versucht mit Isolde zu sprechen, doch das einzige Wort, das sie verstanden hatte war Schokolade. Er sprach es holprig und ungelenk, ohne das E am Ende. Mit diesem Wort hatte er Isolde das Silberpäckchen hingehalten, als sie mit ihrer Mutter in sein Auto gestiegen war. Isolde konnte nicht antworten, sie war zu überrascht vom Silberpapier und der riesigen Gestalt mit der tiefen Stimme, die einfach nur ein Riese sein konnte. Zu Isoldes Mutter sagte er Zigarette, auch ohne das E am Ende. Tante Gerda überreichte er ein Päckchen und sagte etwas, das wohl Bohnenkaffee heißen sollte, wenn man nicht wusste, was er meinte, verstand man es nicht. Isoldes Mutter musste es wiederholten, woraufhin die beiden Frauen herzlich lachten und der Soldat dröhnend mit einfiel, was sich anhörte als ob jemand einen Lastwagen startete. Von da an sprach er nur noch mit Isoldes Mutter. Sie übersetzte manchmal für Tante Gerda, doch auch die konnte dem Gespräch nicht folgen. Jetzt, als Isolde mit ihm alleine war, sprach der GI kein Wort mehr, er saß nur da und betrachtete seine Schuhe oder blickte aus dem Fenster, wartend. Isolde wurde es langweilig ihn zu beobachte und dabei so zu tun, als würde sie das Muster der Tischdecke interessieren. Es ärgerte sie, dass sie so völlig von ihm ignoriert wurde. Wenn er sie wenigstens einmal anschauen würde, hätte sie ihn auf etwas mehr Schokolade ansprechen können. Sie überlegte, was sie tun könnte, um ihn auf diese Idee zu bringen. Lina, ihre Freundin, hatte ihr gesagt, man dürfte zu den amerikanischen Soldaten ruhig etwas frech sein, sie seien nicht so streng wie andere Erwachsene und könnten einen sowieso kaum verstehen. Und etwas, das der andere nicht verstand, galt deshalb auch nicht wirklich. Isolde fragte sich, welchen Zweck das dann hätte, ihn etwas zu fragen, was er sowieso nicht verstehen könne. Er hatte bestimmt noch jede Menge Schokolade in der Tasche. Er aß selbst den ganzen Tag nichts anderes und trank dazu die süße Brause. Wie sonst hätte er so dick werden können. Isolde selbst war klein und mager und Tante Gerda sagte oft zu ihrer Mutter, das es anders wäre, wenn sie jeden Tag etwas Schokolade zu essen bekäme, so wie die Kinder in Amerika, die alle rund und gesund seien. Und bei diesem Amerikaner war der Stuhl schon gar nicht mehr zu sehen, so groß war er im Umfang. Keine Lehne, keine Sitzfläche, nur die abgestoßenen Holzbeine schaute unter ihm hervor, sie wuchsen ihm quasi aus dem Hintern. Alles wurde von seiner Masse verdeckt. Da wo sein Unterarm auflag, war das Wachstuch verrutscht. Isolde, müde und abwesend, klebte immer noch mit ihrer Wange an der Wachstuchdecke und blinzelte durch die beiden leeren Flaschen hindurch auf den Gast. Nathaniel, von seinen Freunden Nat genannt, dachte sich, dass er diesem kleinen Gör, das, seitdem die beiden Frauen das Zimmer verlassen hatten, um schnell einige Besorgungen für das Abendessen zu machen, ihn wie eine in Alkohol eingelegte Attraktion auf dem Jahrmarkt, unentwegt anglotzte, gleich eine Lektion in Sachen Respekt gegenüber einem Soldaten der Vereinigten Staaten erteilen würde. Er wusste nicht, was die Leute ihren Kindern über Fremde wie ihn erzählten, aber dieses dürre Balg benahm sich gar absonderlich ihm gegenüber. Hatte es bisher nur mit dem Kopf auf dem Tisch gelegen und ihm Löcher in die Brust gestarrt, fing es nun auch noch an, etwas vor sich hin zu murmeln. Er konnte nicht alles verstehen, aber er glaubte die Worte Schokolade und Fett zu verstehen. Es hörte sich an, als würde das Kind verspotten. Das war genau der Augenblick, in dem Isolde, erschrocken über das plötzliche Auftauchen ihrer eigenen Stimme, von ihrem Stuhl hochfuhr und ein Stück der Tischdecke, mit sich zog. Die Tassen schepperten auf den Untertellern, die leeren Flaschen wackelten bedenklich. Nat war trotz seiner beträchtlichen Leibesfülle ein flinker Mann. In einer raschen Bewegung griff er über den Tisch und schnappte Isolde am Kragen ihres dünnen Sommerkleides. Etwas holprig, aber deutlich verärgert raunte er ihr ins Ohr, Wenn du inAmerika so frech, schneide ich dir Ohren ab, und machte dazu eine entsprechende Geste, um ganz sicher zu gehen, verstanden zu werden. Isolde verstand auch sofort, was er meinte, und, als ob er seine Drohung sofort in die Tat würde umsetzen wollen, schlug sich die Hände an die Ohren, wand sich aus seinem Griff und rannte aus der Küche, verfolgt von einem tiefen, dröhnenden Lachen. Es hallte ihr durch das ganze Haus nach, wie das Lachen eines Riesen, sie konnte es noch hören, während sie bereits auf der Treppe in Richtung Straße war.