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Die Schwestern Leo und Emma werden von ihrem Vater überraschend nach Griechenland eingeladen. Er möchte mit seinen Töchtern und ihren Partnern seinen sechzigsten Geburtstag mit einem Segeltrip feiern – nach Jahren des losen Kontaktes. Doch Leo hat mehr im Gepäck als Badekleidung und Sonnencreme. Sie nimmt, entgegen der Absprache mit Karl, die Pille weiter: Die anstehende Projektleitung geht für Leo vor. Ganz im Gegensatz zu Emma, die sich nichts sehnlicher wünscht als ein Kind mit Onur. Und der Vater führt mittlerweile ein Leben, von dem die Schwestern nichts ahnen. Auf dem engen Katamaran lassen sich die Spannungen in der Familie nicht lange verbergen. Nach einem misslungenen Manöver droht die Stimmung schließlich zu kippen, und die Skipperin Alex kommt der unerfahrenen Segelgruppe zur Hilfe. Als Leo und Alex sich annähern, wird klar, dass noch weit mehr endlich an die Oberfläche muss.
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Seitenzahl: 235
Veröffentlichungsjahr: 2025
Tatjana von der Beek
Roman
Kampa
Mein Vater steht auf dem linken Rumpf des Katamarans und winkt uns. Ich muss die Augen zusammenkneifen, weil sich die Sonne auf dem weißen Bootskörper verdoppelt. Erkenne sonnengebräunte Haut und ein Hemd als verschwommene Flecken. Dann auch die gebleichten Zähne. Er sieht erholt aus, als wäre er schon vor Wochen angereist. Sieht aus wie ein sechzigjähriger Mann, den ich nicht kenne. Und wie jemand, den ich nicht mögen würde, wenn ich ihn kennenlernte. Für einen Augenblick überlege ich, bis zum Ende des Stegs zu laufen. An ihm vorbei. Als würden wir uns wirklich nicht kennen. Bis zu den kleinen Booten der Segelschule würde ich laufen, zwischen ihren Masten entlang, die still in die Höhe ragen. Ich könnte am Ende des Stegs auf den erhitzten Betonboden sinken und die Beine ins Hafenbecken baumeln lassen wie ein trotziges Kind. Das zu groß geworden ist, um es hochzuheben und aufs Boot zu schleppen. Wenn Emma ankommt, reiße ich ihr den Kopf ab dafür, dass sie mich überredet hat, hierherzukommen.
»Willkommen«, ruft mein Vater, als wir nur noch wenige Schritte von ihm entfernt sind. Eine gönnerhafte Tiefe in der Stimme. Mit meinen Schritten stoppt auch das Geräusch der Rollkoffer auf dem Beton, die Karl hinter sich herzieht. Er schließt die Hand um meine, als mein Vater sagt: »Da seid ihr ja!«
»Vielen Dank für die Einladung«, entgegnet Karl. Das Geräusch von Brackwasser, das gegen die Bäuche der Boote schwappt, verwässert die Vertrautheit in Karls Stimme. Er wirkt höflich, auf eine professionelle Weise, wie ich es selten an ihm wahrgenommen habe. Seit letzter Woche schon sieht er auf eine so fremde Art glücklich aus, dass es mir Gänsehaut unter die dünnen Kleider treibt.
Ich löse meine Hand von ihm und halte mich am Griff des Koffers fest. Als wir über die schmale Brücke das Boot betreten, nehme ich Karls Hand wieder. Auch mein Vater streckt mir seine entgegen. Ich mag es nicht, dass ich ihre Hände brauche. Dass ich nicht auf meine Beine vertrauen kann. Und nicht einfach das Risiko eingehe, ins schmutzige Hafenwasser zu fallen. Würdevoll. Auf dem Boot steht mein Vater mir gegenüber. Nestelt an seinen Ärmeln herum. Er wartet auf eine Umarmung, und ich stehe bloß da.
»Da seid ihr«, wiederholt er und lässt den Blick über den Kai schweifen. Dahinter erheben sich die Hügel, die Athen umgeben. Wir haben die Stadt und ihre vertrocknete Küste schon im Landeanflug gesehen. Die glänzende Marina steckt darin wie ein Diamant. Mein Vater hat seit unserem letzten Treffen kaum neue Falten bekommen. Seine Haut ist seltsam glatt. Wie die Oberflächen dieses Bootes. Karl stellt sich in seiner neuen, höflichen Stimme vor, und mein Vater weiß endlich etwas mit sich anzufangen. »Ich bin Christian.« Er klopft mit seinen großen Händen auf Karls Oberkörper, als wäre er sein Trainer und Karl hätte eine sportliche Leistung erbracht, die auch ihm zugutekommt. Ich schweige. Karl fragt meinen Vater aus, über den Segelmast, den Motor. Über irgendeine Pumpe und den Stromgenerator. Während mein Vater antwortet, lacht er immer wieder. Mit hüpfendem Adamsapfel, als wäre ihre Unterhaltung lustig. Karl lacht mit. Noch zehn Tage.
Mein Vater zeigt Karl alle Schaltknöpfe, die der Katamaran besitzt, und ich steige hinab in die Innenräume der Rümpfe. Alles glänzt. An den Seiten der Kajüte mit der Küche führen Stufen hinab zu vier Kojen. Ich werfe einen Blick in jede einzelne und entscheide mich für die größte. Am liebsten hätte ich gerade nichts als Weite um mich, in die ich hineinatmen kann. Deren Stille mir die Energie gibt, die ich für die Projektleitung brauchen werde, die mir der Chef endlich übertragen hat. Für die ich Wichtigeres zu tun habe als eine Katamaran-Tour mit meinem Vater. Stattdessen bleibt mir ein leicht schwankender Quadratmeter zwischen einem weiß bezogenen Doppelbett und vertäfelten Einbauschränken, um unsere Koffer auszupacken. Zuallererst hole ich meinen Kulturbeutel hervor. Daraus hervor ziehe ich zwei schmale Streifen mit rosa Pillen, die dafür sorgen, dass kein Ei springt. Damit genau das nicht passiert, worauf Karl und ich alles ausgerichtet haben. Und worauf wir uns letzte Woche geeinigt haben. Woran ich mich nicht halte, weil ich während meiner ersten Projektleitung keine Morgenübelkeit haben möchte. So hört Karl zumindest auf, tiefe Seufzer durch die Nase auszustoßen, wenn es um die Gründe geht, warum ich nicht bereit bin. Noch nicht.
Ich drücke die letzte Pille aus dem nun leeren Streifen und stecke beides in meine Hosentasche. Dann versuche ich mich für einen Moment in Karl hineinzudenken, um herauszufinden, welcher Ort in dieser Koje für ihn wohl am uninteressantesten ist. Unter meinen Füßen ist eine Bodenluke. Sie fällt mir erst auf, als ich mich bücke. Dort verstecke ich den vollen Pillenstreifen zusammen mit den Capes, die ich für den unwahrscheinlichen Fall eingepackt habe, dass Regen aufkommt. Zwischen griechischen Inseln, im Juli. Ich war erst einmal in Griechenland. Nach den Abiturprüfungen, in der kurzen Leere, in der der Notendurchschnitt eine Rolle spielt. Mit zwei Freundinnen, ohne einen Tropfen Regen. Ich stelle mir vor, wie ein Gewitter über die Marina hereinzieht und über uns stehen bleibt. Ein endloser Regen, der uns zur Abreise zwingt. Den ich auf dem Weg zum Flughafen über uns halte, als hätte ich eine magnetische Wirkung. Doch als ich wieder auf das Deck trete, schlägt mir die Hitze in Wellen entgegen, und das Licht eines perfekten Tages. Das Glitzern der Sonne auf dem Wasser, der Geruch von Benzin und seine regenbogenfarbenen Tropfen in breiten Kreisen auf der Wasseroberfläche. Auf den umliegenden Booten spielen Kinder in Schwimmwesten. Die nach Papas rufen, Mamas. Unter wolkenlosem Himmel stehen Karl und mein Vater am Bug und betrachten den Anker. Mein Vater zeigt auf etwas unter dem Bug, und vor mir flackert das Bild auf, wie er mit mir am Gehege eines Streichelzoos steht und mit ausgestrecktem Finger auf die Ziegen deutet. Es gibt ein Foto davon. Es steht bei Emma auf einer Kommode. Karls Blick folgt ihm wie mein eigener Blick der Richtung einer jungen, haarlosen Vaterhand damals. Ich hole die Pille aus meiner Hosentasche, lege sie mir auf die Zunge und trinke lange nach. Als Karls Blick mich streift, huscht ein Lächeln über seine Augen. Ich lächele zurück. Schaue leicht an ihnen vorbei.
»Er ist doch in Ordnung«, sagt Karl leise, als mein Vater für einen Moment oben im Steuerstand verschwindet und ich neben Karl trete. Er klingt verwundert, weil ich in den letzten Monaten und Jahren kaum noch Gutes über meinen Vater gesagt habe.
»Du kannst ihn haben«, entgegne ich. Karl legt eine Hand auf meinen Rücken. Ich spüre meinen eigenen Schweiß unter seiner Berührung. Sein Gesichtsausdruck antwortet: Das stimmt doch nicht.
Emma und Onur kommen an, als die Sonne hinter den Hügeln steht und die Oberflächen der Boote im Rosa des Himmels ihren Glanz verlieren. Emma trägt eine Sonnenbrille, als würde sie die Dämmerung blenden. Sie braucht keine Hand auf der Brücke, denn sie denkt nicht bis zu dem Punkt, bis zu dem ich in so einer Situation denke. Läuft leichtfüßig. Mit einer großen Reisetasche über der Schulter und dem Handy in der Hand. Immer wieder frage ich mich, wie sie darauf vertrauen kann, dass der schlimmste Fall in jedem Leben bloß einmal eintritt.
»Schön hier!« Emma wirft die Arme um unseren Vater. Ihre Hände sehen auf seinem Rücken winzig aus. Im gleichen Augenblick schließt Karl von hinten die Arme um meinen Bauch. Zieht sie wie ein Tau fest. »Hallo Papa«, sagt Emma nachdrücklich. Strahlt ihn durch die aufgefächerten Wimpern an. Als wäre sie zehn und entdeckte ihn im Türrahmen der Aula während einem ihrer Chorauftritte. Onur und mein Vater geben einander die Hände und drücken zu. Sie messen ihre Kräfte. Die Knöchel treten weiß hervor. Die beiden müssen sich zuletzt gesehen haben, als auch Emma und ich unseren Vater zuletzt gesehen haben. Zu Emmas Geburtstag vor über zwei Jahren. Onur konnte ihn damals nicht ausstehen. Wir haben es ihm gleich angesehen. Er ist einer dieser Menschen, denen man jeden Funken eines Gedankens anmerkt. Jeder Hauch eines Gefühls eine Bewegung im Gesicht. Mein Vater nimmt ihm das pralle Gepäck ab. Onur ist erleichtert, als er Karl und mich sieht. Seine Stirn glättet sich.
»Ist doch schön hier, Leo«, wiederholt Emma, während sie mich umarmt. Eine Beschwichtigung nahe an meinem Ohr. Wie bei unserem Gespräch vor ein paar Wochen. Ein Pflichtgefühl kam in mir auf, obwohl ich völlig sicher gewesen war, dass ich nicht zum Geburtstag unseres Vaters nach Griechenland fliegen würde. Als wäre das etwas, das wir noch füreinander tun. Zu unseren letzten Geburtstagen war er überall, nur nicht bei uns. In New York, wo er wohnt. In Singapur, London, Tokio. Wo ihn seine Geschäftsreisen eben hinführen. Das sagt er uns zumindest.
»Habt ihr schon rausgefunden, was wir hier machen?«, raunt Onur uns zu. Karl und ich haben unsere Überlegungen, warum mein Vater gerade jetzt wieder Kontakt aufnimmt, mit der Mutmaßung beendet, dass es ihn sentimental macht, sechzig zu werden. Bevor wir die Köpfe schütteln können, zieht Emma Onur hinter sich her in die Kajüte.
Zum Abendessen füllen Onur und ich Oliven in kleine Schalen. Würfeln Feta, Gurken, Zwiebeln und Tomaten und gießen Öl darüber. Emma schneidet Weißbrot auf, während mein Vater und Karl am Tisch sitzen und mit dem Zirkel auf einer Landkarte den Saronischen Golf vermessen. Außer den beiden war niemand von uns jemals auf einem Boot, das man selbst fahren muss.
»Wir segeln morgen nach Poros«, teilt Karl schließlich mit und faltet die Landkarte zusammen.
»Wenn der Wind mitspielt«, fügt mein Vater hinzu. Es widerstrebt mir, einen Teller und Besteck vor ihm auf dem Tisch zu platzieren. Ich mache es trotzdem. Als Onur den griechischen Salat abstellt, klingt es wie ein Versehen. So laut klappert die Schale auf der Tischplatte.
»Guten Appetit«, wünscht mein Vater, während wir uns setzen.
»Gerne«, antwortet Onur und bekommt einen mahnenden Blick von Emma. Ich muss ein Lachen in meinem Kauen verstecken, und als Onur mich ansieht, muss er es auch. Mein Vater stützt nach den ersten stillen Bissen die Ellenbogen auf und fragt über die zusammengefalteten Hände: »Was gibt es Neues?«
Die Mechanik in allen Mündern verlangsamt sich. Nur meiner ist leer wie das Gähnen eines Löwen. Ich frage: »Du meinst alles Neue der letzten zwei Jahre?« Es bringt auch mir eine Ermahnung von Emma ein. Nicht, weil sie immer auf der Seite unseres Vaters steht, sondern weil sie in der Familie jede Situation ausbalancieren möchte.
»Naja. In letzter Zeit.« Für einen Moment glaube ich, einen irritierenden Anflug von Traurigkeit an meinem Vater zu erkennen. Schließlich war es seine Entscheidung, sich von uns zu entfernen.
»Ich hab eine Projektleitung bekommen, die ich schon länger machen will«, antworte ich.
»Aha.« In der Stimme meines Vaters schwingt die Aufforderung mit, weiterzusprechen.
»Onur und ich haben nach dem Urlaub die ersten Termine in einer Kinderwunschklinik«, platzt es aus Emma heraus. Als läge eine Gefahr darin, dass es gerade um mich geht. Onur nimmt ihre Hand. Alle wissen es schon, nur unser Vater nicht.
»Wie schön.« Mein Vater meint es so ernst, dass seine Stimme fast etwas Schweres bekommt. »Freust du dich, bald Tante zu werden, Leona?« Jetzt verlangsame ich mein Kauen. Zumindest das müsste er sich mittlerweile gemerkt haben.
»Nur Leo«, korrigiere ich ihn.
»Schade«, sagt mein Vater und reibt sich über das Gesicht. Er versucht, ein Zucken im Mundwinkel hinter seiner Hand zu verstecken. »Den Namen hat doch Katharina für dich ausgesucht.« Der Name meiner Mutter aus seinem Mund trifft mich. In den Magen. In die Brust. Auf Rippen und Zähne. Es lässt mein Blickfeld verschwimmen. Wie Wasser, aus dem sie vor mir aufsteigt. Ich habe sie schon länger nicht mehr so deutlich vor mir gesehen.
»Beides schöne Namen.« Emmas Stimme klirrt in der Stille. Klingt spitz über dem dumpfen Geräusch von Dichte unter dem Boot. Er redet nicht über sie. Ich rede nicht über sie. Es ist die eine Sache, in der wir uns einig sind. Die uns verbindet. Wie ein Verlust eben verbindet. Wortlos.
Während Karl und ich abspülen, sitzen die anderen vor den Scheiben in der Abendluft und trinken Wein aus bauchigen Gläsern. Es ist kühl genug geworden für Pullover, die die von Sonnenmilch und Salz verkrustete Haut bedecken.
»Wann willst du erzählen, dass wir es auch probieren?«, fragt Karl in das Schwappen des Spülwassers hinein. Er versucht, seiner Stimme die Verletzung nicht anmerken zu lassen, dass ich es beim Essen nicht gesagt habe. Sie ist klein genug, um sie zu überhören, wenn man ihn nicht kennt. Aber groß genug, um mir zu zeigen, dass er die Projektleitung als Grund, warum ich noch warten will, nicht hingenommen hätte. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft schon etwas dazwischengekommen ist. Das Spültuch hat er über seine Schulter geworfen wie das Spucktuch für ein Baby. Ich habe ihn mir immer als Vater vorstellen können. Schon ganz am Anfang. Es wirkt wie ein Fehler, dass noch kein Kind an seinem Körper klebt. Das weiß ich ja selbst. Wir starren auf den Schaum, der unsere Hände herunterläuft. So langsam, wie ich eine Antwort forme.
»Mein Vater weiß nicht mal, was ich arbeite«, sage ich schließlich. Karl zieht die Schultern zu den Ohren. Als könnte er sie so schließen. »Ich will es ihm nicht sagen. Okay?« Meine Hand in Karls Nacken löst einen Reflex aus. Die Schultern fallen, und er sinkt gegen mich, als würde ihm die Luft ausgehen.
»Gut, okay.« Seine Stimme vibriert auf meinem Oberkörper.
Später betrachten wir durch die Bullaugen der Koje, wie die Toppleuchten an den Mastspitzen eine Lichterkette entlang der Stege bilden. Die Boote im Hafenbecken wie wir im Bett eng nebeneinander. Kühle Luft dringt von draußen herein, doch Karls Körper ist warm und trocken. Er zieht mich enger heran und legt die Hände an meinen Kopf. Legt seine Lippen an meine. An der Art, wie er sich bewegt, merke ich, dass er Sex will.
»Nicht hier. Meine ganze Familie ist hier«, flüstere ich, als er sich kurz von mir löst.
»Die schlafen alle im anderen Rumpf«, sagt er. Bemüht sich nicht, leise zu sprechen.
»Trotzdem.«
»Du weißt aber, dass man vom Küssen nicht schwanger wird?«
Ich schaue ihn nur an, bis er schließlich sagt: »Alles klar.« Sich mit den Händen durch das Haar geht. »Ich bin eh müde.«
Bald ist sein Atem ein leises Pfeifen neben meinem Kopf. Darüber legt sich die frische Erinnerung, wie der Name meiner Mutter aus dem Mund meines Vaters klingt. Früher hat er mal erzählt, wie sie sich kennengelernt haben. An Silvester, wie Karl und ich. Wenn ich davon erzähle, wie wir uns getroffen haben, denke ich immer auch an diese Geschichte über meine Eltern. Auf der Party des Mannes, der später der Trauzeuge meines Vaters war, tranken, tanzten und lachten sie. Liefen durch die rauchige Luft eines Anfangs nach Hause. Karl brachte mich in der Nacht bis zu meinem Wohnhaus. Wir küssten uns erst später, auf der gleichen Treppe, auf der wir uns an Neujahr verabschiedet hatten. Auf dieser Treppe stelle ich mir den ersten Kuss meiner Eltern vor. Meine Mutter schon bald so alt wie auf den letzten Fotos, die es von ihr gibt. Emma hat sie alle zu sich genommen. In Kisten auf dem Dachboden verstaut, in Alben ins Regal gestellt. Gerahmt und an die Wände gehängt wie Erinnerungen, die niemandem wehtun.
Am Morgen steht mein Vater am Herd und schlägtEier in eine Pfanne. Als er mich sieht, ruft er über das Zischen des Öls hinweg: »Du magst doch noch Spiegeleier?« Er spricht die Frage wie eine Feststellung aus.
»Ich frühstücke nie.« Das stimmt zwar. Aber ich sehe auch, dass er frischen Schnittlauch gekauft und auf das Spiegelei gestreut hat. Wie ich es am liebsten mag.
»Kein Frühstück. Das ist neu.« Mein Vater lacht kurz auf.
Ich stütze die Ellenbogen auf die Arbeitsfläche und sehe ihm dabei zu, wie er die Spiegeleier auf einem Pfannenwender balanciert. Sie auf eine Scheibe Brot mit Butter legt. Die unter den Spiegeleiern schmelzen wird. Als er den Teller über die Arbeitsfläche schiebt, frage ich: »Denkst du, bei uns ist die Zeit einfach stehengeblieben?«
Mein Vater schlägt zwei weitere Eier auf. Dann fährt er sich mit der Hand über das Gesicht. Scheint ernsthaft über meine Frage nachzudenken. »Ich weiß, dass ich einiges verpasst habe, Leo.« Er setzt an, weiterzusprechen. Doch dann scheint ihn ein anderer Gedanke zu unterbrechen. Er öffnet eine Schublade nach der anderen, bis er das Besteck gefunden hat. Reicht mir ein Messer und eine Gabel. Schaut auffordernd auf meinen Teller. Bevor ich wiederholen kann, dass ich nicht frühstücke, kommt Emma in die Kajüte.
»Riecht gut!« Sie gibt unserem Vater einen Kuss auf die Wange. Er kann nicht ernsthaft denken, dass er nach zwei Jahren auftauchen und mit Spiegeleiern zum Frühstück alles wiedergutmachen kann. Für Emma funktioniert das vielleicht, aber nicht für mich. Am Abend vor unserem Abflug kam Emma noch bei mir und Karl vorbei, um zu schauen, ob wir auch wirklich gepackt hatten. »Er hat es verdient, nicht mehr alles auf uns auszurichten.« Eine der Aussagen, die Emma seit Monaten wiederholt. »Du weißt doch, was er alles für uns getan hat.« Einen Vorwurf in der Stimme, dass ich überhaupt etwas zu seiner Abwesenheit fühle. Emma ist anscheinend frei von jedem Vorwurf an ihn trotz seiner Entscheidung, ohne eine Erklärung zu verschwinden. Sich teilweise so lange nicht bei uns zu melden, dass wir schon in Sorge waren, ob es ihm gut ging.
Emma gießt sich einen Kaffee ein, drückt kurz meinen Arm und schaut zu, wie unser Vater ihre Spiegeleier aus der Pfanne holt. Ich höre meinen eigenen Magen. Nehme das Besteck in die Hände, als mein Vater nicht hinsieht. Aber ich schlucke nicht schnell genug. Er lächelt triumphierend über mein Kauen. Drückt mir im Vorbeigehen einen groben Kuss auf den Kopf.
Wir stehen im Halbkreis auf dem Bug, und Karl erklärt uns, wie wir die Leinen losmachen müssen. In die Situation sickert sein Beruf hinein. Nur ohne Pult. Mit einer Reling hinter sich, an die er sich anlehnt. Schon die Morgensonne brennt eine Röte auf unsere Scheitel, und im Minutentakt verlassen Boote die Stege. Sie fahren um die zur Mole aufgeschütteten Steinbrocken herum aufs Meer hinaus. Seine Weite liegt als Geruch im Wind, der vom Wasser in den Hafen weht. »Aber woher weiß ich, wann ich die Leine lösen muss?« Onur kratzt sich im Nacken und starrt ins trübe Wasser. Er ist gestresst. Mir war auch nicht klar, dass sich nicht nur Karl und mein Vater darum kümmern werden, dass der Katamaran fährt. Ich kann Budgets kalkulieren. Meilensteine in einer Zeitleiste anlegen. Versicherungsbedarfe ermitteln. Aber keine Boote ablegen lassen. Emma sieht genauso ratlos aus. Sie blickt vor ihre Füße, als müsste sie nichts tun, wenn sie nicht zugehört hat. Abschließend wiederholt Karl: »Erst vorne die Leinen lösen.« Er schaut Emma und Onur an. Wartet auf ein Nicken. »Dann hinten. Das klappt.« Er schaut mich zuversichtlich an, und ich nicke. Ob ich es verstanden habe, weiß ich nicht. Die ablegenden Segelboote treiben Bugwellen durch das Hafenbecken. Der Katamaran schwankt leicht, und mit ihm mein Gefühl von Sicherheit unter den Füßen. Auf dem Steg steht ein Mitarbeiter des Jachtcharters. Ledrige Haut von unzähligen Sommern, in denen er Touristen aus der Marina gelotst hat. Er scheint uns die Unerfahrenheit anzusehen. Die Sorge um das Millionen teure Boot steht als senkrechte Falte auf seiner Stirn. Er gibt schließlich ein Zeichen in den Steuerstand. Ein scharfes Pfeifen auf zwei Fingern. Mein Vater steht am Steuerrad, mit einem Hut auf dem Kopf, und startet den Motor. Er sieht in diesem Moment so bedacht aus, als könnte er keine falschen Entscheidungen treffen. Unter uns vibrieren die Schrauben. Mein Körper fühlt sich an, als müsste ich vor der Klasse über einen Bock springen. Ich schaue zu Karl und halte die Leine so, wie er es auch tut. Mein Vater ruft: »Leinen los!« Und ich lasse sie langsam durch meine Hände gehen, wie Karl es erklärt hat.
»Leo, Stopp!« Karl streckt die Hand in meine Richtung, als könnte er mich so einfrieren. »Erst vorne!« Ich versuche, die Leine wieder anzuziehen, aber der Katamaran legt sich schon schief und treibt gegen das Boot neben uns. Reflexhaft strecke ich eine Hand aus. Aber jede meiner Bewegungen löst neue Rufe aus.
»No. No!« Ein strenger Ton vom Steg. Karl rennt an meine Seite, als die Fender an den Seiten der Boote schon zwischen ihnen eingeklemmt werden. Dickes Material mahlt aneinander. Mich befällt der Gedanke, dass das schwarze, heiße Plastik zwischen den Booten platzen könnte und kurz darauf auch unsere Haut. Dass Blut unter den Fetzen hervortreten würde.
»Nur Backbord, Christian«, ruft Karl nach oben. Das Geräusch der Schrauben verlagert sich. Der Katamaran treibt vom Nachbarboot weg. Als er gerade liegt, weist Karl mich mit seinen Augen an. Gleichmäßig lassen wir die Leinen locker. Der Abstand zum Steg wird größer. Aufgewühltes Wasser zwischen Boot und Beton. Die Nässe unter meiner Kleidung riecht nach Angst.
»Leo.« Karl kommt auf mich zu, als die Leinen in Haufen vor uns liegen. »Schatz.« Er spricht ernst. Ruhig. »Dieses Boot wiegt Tonnen. Da kannst du mit deinen Händen gar nichts ausrichten.«
»Ist mir schon klar.«
»Das zertrümmert dir die Knochen.«
»Ist ja gut!« Meine Pupillen rasen. Ich kann nichts dagegen tun. Um uns weitet sich das Hafenbecken. Ich sehe gestochen scharf, wie die Mole an uns vorbeizieht. Auf ihrer Spitze ein Leuchtturm. Nur so groß wie der Mitarbeiter des Charters, der neben uns herläuft, bis er am Leuchtturm angekommen ist. Zurück bleibt. Die hellblau-weiße Fahne an unserem Mast richtet sich im Fahrtwind auf. Aber er trägt das Gefühl nicht davon, dass ich das Weite suchen will. Drückt mir die Kehle zu wie Trauer. Ich stelle mir vor, wie ich mit einem Kopfsprung von Bord gehe. Die Kälte würde meinen Körper einschnüren, bis ich die Mole erreiche. Beim Auftauchen ein dünner Ölfilm auf der Haut.
»Was ist passiert?«, fragt Onur, als er die Reling entlang auf uns zuläuft. Er hat dunkle Flecken im Baumwollstoff unter seinen Achseln. Wie ich.
»Leo hat zu früh Leine gelassen.«
»Er hat ›Leinen los‹ gebrüllt!« Ich klinge angegriffener, als ich will. Noch würde ich das Land erreichen. Die Entfernung ist nur ein Bruchteil dessen, was ich alle paar Tage im Schwimmbad zurücklege. Karl nimmt zwei Stufen zum Steuerstand, wo mein Vater konzentriert auf den Horizont blickt. Als hätte er von nichts etwas mitbekommen. Er kann sogar abwesend sein, wenn er mittendrin ist. Abwesender ist nur meine Mutter, und die ist tot.
Je weiter wir uns vom Land entfernen, desto leerer wird das Meer. Die kleinen Boote der Segelschule nur Punkte vor der Mole. Große Segel bloß Risse im Blau, wie die Kronen der Wellen. Je weiter wir hinausfahren, desto ruhiger werde ich vom Schaukeln des Katamarans. Als ich mit meinen Schulfreundinnen hier war, sind wir auch mit einem Boot gefahren. Die Ferienwohnung lag in der Nähe eines Hafens. Ich teilte mir ein Bett mit Vivienne, die am letzten Tag eine Crew ansprach, ob sie uns mitnehmen würden. Ich bin mir nicht sicher, ob die Wellen unter dem Boot einen kurzen Schwindel auslösen. Oder der Gedanke an Vivienne.
Emma liegt auf dem Netz, das im Brückendeck gespannt ist. Die Sonne sieht auf ihr so sanft aus, als könnte man sich nicht an ihren Strahlen verbrennen. Karl und Onur sitzen neben mir auf den Plätzen vor dem Netz. Sie würden es nicht zugeben, aber sie trauen sich während der Fahrt auch nicht auf das Netz. Niemand von uns ist so unbedarft wie Emma. Ich frage mich manchmal, wie es möglich ist, dass sie so ist, wie sie ist. Zuversichtlich, gut gelaunt, sicher in ihren Bindungen. Während ich so bin, wie ich bin. Obwohl unsere Leben diese vielen Ähnlichkeiten aufweisen. Wir sind im gleichen Haushalt aufgewachsen. Haben die gleichen Eltern. Oder hatten. Wir sind beide in Hamburg geblieben und wohnen zwei Blöcke voneinander entfernt, mit unseren Partnern. Sind nicht einmal für ein Auslandssemester weggegangen und haben an der gleichen Uni studiert. Waren vorher auf der gleichen Schule. Unsere Oma sagt, dass wir so verschieden sind, weil ich nach unserer Mutter komme und Emma nach unserem Vater.
Mir werden vom Schaukeln auf dem Wasser die Augenlider schwer, wie sie schwer werden in der Nachmittagssonne am Strand. Bis mein Handywecker in die schleichende Müdigkeit schneidet.
»Pillenwecker!«, ruft Emma. Sie wirft die Hände nach oben.
»Nee«, schießt es aus Karl heraus. Doch. »Wir versuchen auch, schwanger zu werden.« Er kann es kaum eine Woche für sich behalten. Etwas stört mich an dem Wir. Nicht er würde schwanger werden, sondern ich. Ich würde Rückenschmerzen bekommen, Übelkeit und Sodbrennen. Ich würde eine Geburt durchleiden, nicht er. Emma hält in ihrer Bewegung inne. Sie dreht sich auf den Bauch und schiebt die Sonnenbrille ins Haar. Ich sehe eine wilde Mischung an ihr. Überraschung. Weil wir erst vor wenigen Wochen darüber gesprochen haben, dass ich noch warten will. Ich sehe etwas Weiches, Freude vielleicht. Oder Sehnsucht. Verletzlichkeit, weil ich vor ihr schwanger werden könnte. Weil bei mir problemlos funktionieren könnte, worauf sie schon so lange hofft. Sie hofft es bis an den Rand einer Verzweiflung, die wie ein Krater in ihrem Leben liegt. Sie schaut über die Schulter, auf eine Wölbung am Horizont. Eine der Inseln, die als abgerissenes Festland im Saronischen Golf liegen. Zwischen denen wir tagelang hin- und herfahren werden. Ich habe nicht mehr genug Vertrauen zu meinem Vater, um zu denken, dass er die Insel vorausgesehen hat. Ich sehe vor mir, wie wir auf Grund laufen. Wie sich die Rümpfe des Katamarans an einem Felsen aufspalten.
»Seit wann probiert ihr es?«, fragt Emma, als sie sich mir wieder zuwendet. Sie versucht, neutral zu klingen.
»Ich hab erst vor Kurzem abgesetzt.« Eine der Tatsachen, die kaum jemand über mich weiß: Dass ich lügen kann, ohne mit der Wimper zu zucken. Sogar Emma glaubt mir. Sie nickt leicht. Dann dreht sie ihren Körper wieder der Sonne zu. Legt die Hände auf dem Unterbauch ab. Wenn ich könnte, würde ich ihr meinen Uterus geben, sobald ich schwanger bin. Ich finde auch, dass sie zuerst Mutter werden sollte. Karls Arm legt sich um meine Schultern. Seine Haut ist abgekühlt vom Wind und meine warm von der Sonne. Der Geruch des Waschmittels an seiner Kleidung lässt mich für einen Augenblick denken, dass ich bei uns zu Hause bin.
Die gesamte Überfahrt begleitet uns das monotone Geräusch des Motors, denn der Wind hat gedreht und wir können das Segel nicht setzen, wenn wir in Poros ankommen wollen. Karl und mein Vater muntern einander auf: »Morgen dann.« Zum Glück nicht heute, denn wenn wir segeln würden, müsste ich sicherlich wieder eine Leine im richtigen Moment loslassen.
»Wie geht das gleich mit dem Anlegen?«, fragt Onur, als wir durch eine Meerenge in die Bucht von Poros einlaufen. Meer, Himmel und Land ergeben Schichten aus Blau.
»Ihr müsst nur hinten festmachen«, antwortet Karl. »Man muss hier mit Anker anlegen.«
»Was heißt das?«, frage ich. Emma und Onur haben die Fragezeichen vom Morgen auf den Gesichtern stehen. Ich sehe wohl genauso aus.
»Die Leinen, die ihr beide«, Karl bewegt seinen Finger zwischen Emma und Onur hin und her, »in Athen gelöst habt, gibt es hier nicht. Stattdessen wird vorne der Anker gesetzt. Darum kümmern Christian und ich uns.« Ich verstehe zu wenig von Booten, um einzuschätzen, ob darin ein Risiko liegt oder das Anlegen einfach wird. Zumindest Karls Stimme klingt gelassen. Aber das heißt nichts. Während die Dächer und Fassaden sich vor uns am Hügel aufrichten, begeben wir uns auf Position. Ich stehe am Heck, diesmal mit Emma. Die ganze Promenade entlang liegen Boote. Ein Rand am Fuße des Hügels, in dem wir eine Lücke finden. Mein Vater fährt so nahe an den Kai heran, dass Onur auf die Promenade springen kann. Er soll die Leinen von Emma und mir annehmen und um die Pfähle legen. Hat Karl gesagt. Sobald Onur an Land ist, fährt mein Vater wieder aus der Lücke heraus. Damit Karl den Anker lassen kann. So viel habe ich verstanden. Warum wir hinausfahren, bis wir fast wieder auf dem offenen Wasser sind und Onur kaum noch zu erkennen ist, verstehe ich allerdings nicht. Mein Herz sinkt so tief, wie der Gedanke reicht, dass das, was uns vom Schlund des Meeres trennt, in den Händen meines Vaters liegt.
