Blauer Hunger - Viola Di Grado - E-Book

Blauer Hunger E-Book

Viola Di Grado

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

»Queerness, Trauer, Isolation, Abhängigkeit und Liebe verschmelzen in diesem Roman über Heilung und Herkunft.« Booklist

Nach dem Tod ihres Zwillingsbruders reist eine einsame junge Frau von Rom nach Shanghai. Dort träumte ihr Bruder, ein talentierter Koch, davon, ein Restaurant zu eröffnen. Sie beginnt als Italienischlehrerin zu arbeiten und lernt eine mysteriöse junge Frau namens Xu kennen, die ebenfalls vor einer turbulenten Vergangenheit davonläuft. In der Düsternis verlassener Textilfabriken und verfallener Schlachthöfe entdecken die beiden eine extreme und erfüllende Dimension des erotischen Rituals.

»Blauer Hunger« nimmt die Leser*innen mit auf eine fesselnde Reise in die Tiefen der Psyche und in eine Stadt voller bildgewaltiger Träume und Geschichten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Zum Buch

Nach dem Tod ihres Zwillingsbruders reist eine einsame junge Frau von Rom nach Schanghai. Dort träumte ihr Bruder, ein talentierter Koch, davon, ein Restaurant zu eröffnen. Sie beginnt als Italienischlehrerin zu arbeiten und lernt eine mysteriöse junge Frau namens Xu kennen, die ebenfalls vor einer turbulenten Vergangenheit davonläuft. In der Düsternis verlassener Textilfabriken und verfallener Schlachthöfe entdecken die beiden eine extreme und erfüllende Dimension des erotischen Rituals.

»Blauer Hunger« nimmt die Leser*innen mit auf eine fesselnde Reise in die Tiefen der Psyche und in eine Stadt voller bildgewaltiger Träume und Geschichten.

Zur Autorin

VIOLA DI GRADO wurde in Catania geboren. Sie lebte in Kyoto, Leeds und London, wo sie Sinologie und Östliche Philosophie studierte. Ihr erster Roman Siebzig Acryl, dreißig Wolle (Luchterhand) erschien in fünfzehn Ländern und wurde 2011 mit dem renommierten Campiello First Novel Award und dem Rapallo Opera Prima Award ausgezeichnet. Ihre Kurzgeschichten und Essays wurden in zahlreichen Zeitschriften und Magazinen veröffentlicht.

VIOLA DI GRADO

BLAUER HUNGER

Roman

Aus dem Italienischenvon Stefanie Römer

Die italienische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel »Fame Blu« bei La nave di Teseo, MailandDer Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.Das Zitat stammt aus Octavio Paz, Sonnenstein, aus: Liebesgedichte, Insel Verlag, Berlin 2011, S. 72Die Übersetzung dieses Buchs erfolgte mit finanzieller Unterstützung des italienischen Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten und Internationale Zusammenarbeit.Questo libro è stato tradotto grazie a un contributo per la traduzione assegnato dal Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale italiano.

Deutsche Erstausgabe Oktober 2024

Copyright © der Originalausgabe 2021 by Viola Di Grado

© der deutschsprachigen Ausgabe 2024

btb Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH

Umschlaggestaltung: semper smile, München

nach einem Entwurf von Luke Bird unter Verwendung eines Motivs von © Joseph Reid/Plainpicture

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

sl · Herstellung: kh

ISBN 978-3-641-28843-3V001

www.btb-verlag.de

www.facebook.com/penguinbuecher

Für Martina und Ada

Lieben heißt: die Namen ausziehn

Octavio Paz

1 MUND

Wenn Xu mich beißt, wenn sie auf mir ist, nackt und böse, und mich zwischen den Zähnen hat, geht es mir gut. Es ist nichts Menschliches, aber es ist trotzdem geschehen, so wie Taifune oder Erdbeben geschehen. Es begann an einem Novembernachmittag, am Fenster ihrer Wohnung in Wujiaochang, das bläuliche Flutlicht der Einkaufszentren voll im Gesicht, und setzte sich an weniger persönlichen Orten fort. In ehemaligen Textilfabriken und Schlachthöfen aus den 1930er Jahren, Orten strotzend vor Logik und Verlassenheit, eiskalte stählerne Architektur, über Reihen ausrangierter Bleche driftendes Herbstlicht. Ich war erst seit gut einem Monat in Schanghai, doch ich kannte die Stadt bereits in- und auswendig. Die Nanjing Road, die sich wie eine Wirbelsäule durch sie hindurchzieht, die staubigen Vororte entlang des Huangpu-Flusses, die riesigen Parks mit ihren flatternden Fahnen und den Päonien so groß und rot wie die Köpfe von Neugeborenen. Die glitzernden Wolkenkratzer am Bund und den trockenen Wind, der nach Westen bläst und alles durchdringt, alles erzittern lässt, das Glas, den Stahl, die prächtigen Hecken, die zerfallenden Industriekomplexe, die Platanenreihen in den westlichen Vierteln. Ich war erst seit einem Monat da, und schon kam es mir wie ein Zuhause vor, so wie einem alles wie ein Zuhause vorkommt, das einen zugleich erstickt und beschützt.

Ich habe Xu noch nie gefragt, ob sie es auch schon mit anderen gemacht hat. Ich habe sie noch nie gefragt, ob ich die Erste bin. Aber wenn ich abends mit ihr und ihren wasserstoffblonden mageren Freundinnen ins Poxx gehe, ertappe ich mich dabei, wie ich nervös auf deren Handgelenke, die Haut, die zierlichen Fesseln schaue, voller Angst, Zeichen gleich den meinen zu entdecken. Manchmal schimmert kurz ein rosafarbener Kratzer auf einem Finger oder am Rand eines Lächelns auf. Aber das reicht nicht als Beweis, es heißt nichts: Unter dem Stroboskoplicht ist die Haut nicht gut zu sehen.

Es endet jedes Mal damit, dass ich zu viel Import-Sake trinke und allein nach Hause torkle. Nachts wirken die Straßen der französischen Konzession derart elegant, dass sie meine Unsicherheit noch verstärken. Boutiquen, Bistros, Brasserien, indirekt beleuchtete Schaufenster voller dickbäuchiger Croissants, aufgebläht von Hefe und Vanillepudding oder phosphorgrüner Matcha-Creme. Früher einmal war hier nur ein riesiger Sumpf. In den 1940er Jahren verwandelten ihn die Franzosen in ein schwüles Puppenhaus voller Huren. Wohlfeile zierliche Körper, gebadet in teurem Eau de Toilette. Der Bordeaux in den Kristallkelchen meilenweit entfernt von den angeschlagenen Keramikschalen der Arbeiterviertel, die aseptischen Parfümerien weit weg von den nach Pisse stinkenden Gassen und den steinernen Gossen, über denen sich Kinder händchenhaltend erleichterten. Heute ist sie das schicke Gerippe einer verlorenen Zeit. Die Geschäftsleute aus dem Westen genießen an Tischchen im Freien Avocadosalat und Prosecco, unter den beleuchteten Platanen, und fühlen sich besonders, weil sie in China leben, fühlen sich sicher, weil sie niemals den Fuß über die französische Schwelle hinaussetzen, weil sie niemals wirklich in China sein werden.

Wenn ich nicht aufpasse, biege ich falsch ab, denn viele Straßen in Schanghai haben denselben Namen und unterscheiden sich nur durch den Zusatz Nord oder Süd, Ost oder West. Ich muss nach Osten. Osten ist ein kleines Ideogramm, das einer geschlossenen Schachtel mit schief wachsenden winzigen Wurzeln im Inneren ähnelt. Sollte ich mich verlaufen, werde ich trotzdem früher oder später auf die Läden im Viertel Jing’an stoßen, meinem Viertel, die getrocknetes Rindfleisch und gedämpfte Brötchen verkaufen. Einwegrasierer, Einweggesichtscremes. Hellgelbe Suppen zum Aufwärmen. Feuchtigkeitsmasken mit einem lila Gesicht als Kappe, die Augen geschlossen, die Lippen kreisrund, wie um männliche Genitalien zu verschlingen. An der Ladendecke leuchten die ledernen Schweinsköpfe.

Sie heißt Xu, aber ich spreche ihren Namen falsch aus. Die Zunge müsste unbeweglich im hinteren Gaumen liegen bleiben, dort wo der Rachen beginnt, dann ein poetisches und fernes Pfeifen produzieren, wie gewisse Nachtvögel. Ich jedoch sprach ihn wie das X der Xanthippe oder der bunten Xylophone für Kinder aus. Ein prosaisches X, stimmlos. Es war der kakofonische Beginn unserer Liebe. Dann wurde ich besser und begann Schhhh zu sagen, als wollte ich jemanden zum Schweigen bringen. Auch das war falsch. Ich bekam den wahren Klang des Mädchens, das mir den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte, einfach nicht zu fassen. Also gewöhnte ich mir an, sie nicht beim Namen zu nennen. Mein Mund öffnete sich, zitterte leicht, gab auf: Von außen betrachtet, gleicht das Nicht-Beim-Namen-Nennen der Person, die man liebt, dem Hunger nach Luft am Grund des Meeres.

Der Kassierer schlürft Nudeln und hört nicht, dass ich ihn grüße. »Ni hao«, wiederhole ich, »ni hao.« Es bedeutet Dir geht es gut, so begrüßt man sich hier: mit einer banalen Lüge über den, der vor dir steht. Auf dem Stuhl liegt eine angeleinte weiße Katze. Reglos, mythologisch. Wenn ich mich verlaufe, lande ich jedes Mal im selben convenience store, wie eine Kugel, die im Flipperautomaten nach unten fällt. Ich frage den Kassierer nach dem Weg zum Tempel des Friedens und der Ruhe, denn dort gegenüber befindet sich mein Hotel, das Zimmer weit oben, im einunddreißigsten Stock, wohin der Lärm der Erde nicht vordringt.

Der Kassierer ist immer der gleiche. Auch wenn ich ein anderes Geschäft betrete. Bartloses, strenges Gesicht, schmale Augen. Er öffnet eine Karte auf seinem Handy, vergrößert und verkleinert, zeigt mir Dinge, die ich nur mit Müh und Not verstehe. Komplizierte blaue Zeichen auf weißem Grund. Eine Route. Ich finde, er sieht gut aus, aber vielleicht ist das nur so, weil ich mich schon so lange einsam fühle. Wenn er mich fragt, wie ich heiße oder was ich in China mache, zeige ich ihm auf dem Handy das Ideogramm für Haus, um auszudrücken Ich gehe nach Hause, ich will nur nach Hause. Das Wort Haus kann zu einem reinen Flehen werden. Er lächelt. Ich danke ihm und kaufe White-Rabbit-Bonbons. Sie sind von einer essbaren Folie umhüllt, die man nicht ablösen kann, die Zunge muss sie zerteilen, um an die Milch zu gelangen. Auch die Milch schmeckt nach nichts. Auf der Papierverpackung ist ein Kaninchen aufgedruckt. Es erinnert mich an ein Plüschtier, das ich mir als Fünfjährige zu Weihachten wünschte und nicht bekam. Stattdessen bekam es mein Bruder. Mein Bruder, der lauter schrie, lauter forderte, der mit seinem Geheul ganze Einkaufszentren erbeben ließ. Ich komme im Hotel an. Das ist der Ort, den ich Haus nenne. Das Ideogramm für Haus zeigt ein Schwein, das unter einem Dach liegt: Die chinesischen Bauern herzten ihre Schweine wie man ein Neugeborenes herzt, mit einer zutiefst bestürzten Zuneigung.

Auf dem Bett checke ich mein Handy und entdecke Xus Nachrichten. Sie sind auf Chinesisch. Es ist ihre Art, mich zu dominieren. Indem sie sich unergründlich macht, mich zwingt, sie mühsam zu enträtseln. Ich öffne die Wörterbuch-App, dann überlege ich es mir anders und schließe sie wieder. Sadistin, Narzisstin, stoße ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Diese heimlichen Beschimpfungen sind die einzigen Gelegenheiten, bei denen ich noch Italienisch spreche.

Xu mag nur wenige Dinge auf der Welt. Sie mag die Stille, Lippenstifte, die Lichtflecke auf der Wand gegenüber den halbgeschlossenen Jalousien. Sie mag Schweinemagen in hongshao-Soße und sie mag es, mich zu verletzen. Das Schwein in hongshao-Soße ist ganz einfach zuzubereiten: Man kocht es langsam in Wein, Sojasoße und Unmengen von Zucker. Wenn er fertig ist, leuchtet der Schweinemagen rot wie ein Rubin.

Ich erinnere mich nicht mehr, wie ich war, bevor ich ihr begegnet bin. Ich erinnere mich an bestimmte Dinge von mir, die jeder wissen könnte. Zum Beispiel, dass ich seit meiner Geburt in Rom gelebt habe und unzählige Fernsehserien geschaut habe, zu Hause auf dem Sofa. Ich erinnere mich, dass ich Eltern hatte, die ich liebte, ich habe sie heute noch, und dass ich bis vor sechs Monaten auch einen Bruder hatte. Ich erinnere mich an die Sukkulente mit den braunen Rändern – einen chinesischen Geldbaum – auf der Fensterbank meines Zimmers und den ohrenbetäubenden Lärm der Altglassammlung auf dem Corso Vittorio Emanuele. Ich erinnere mich, dass ich mich mit gedämpfter Stimme mit meiner Mutter stritt und von der ersten Sekunde an erschöpft war und dass meine Gefühle mitten im Streit plötzlich zu etwas Mechanischem wurden: zu etwas, mit dem ich mich kaum mehr identifizieren konnte. Ich erinnere mich, dass der Ort, an dem wir uns heftiger stritten, das Zimmer meines Bruders war. Ich erinnere mich, dass ich lange Haare hatte und viel schlief und dass ich mir vor dem Einschlafen sagte, dass ich die Pflanze am nächsten Morgen gießen würde, ganz sicher, was ich dann aber nie tat.

Mein Hotelzimmer mag ich sehr. Es ist grau und kahl und das Parkett ist unecht. Es gibt weder Vorhänge noch Jalousien, und man sieht Schanghai von oben, was schöner ist als alles, was ich je gesehen habe. Der Ventilator der Klimaanlage draußen vor dem Fenster macht ein despotisches schleifendes Geräusch, das niemals endet. Wie ein Alarm dringt es bis in meine Träume vor. Es verdrängt die Musik, wenn ich von meinem Bruder träume, der Klavier spielt und lacht.

Ich weiß, dass jedes Zimmer der sechsunddreißig Stockwerke des Hotels denselben Ventilator hat, und das beruhigt mich: die Vorstellung, etwas mit den anderen gemeinsam zu haben, abgesehen von den grundsätzlichen menschlichen Merkmalen. Ein kleines Bild über meinem Bett zeigt etwas Rätselhaftes. Ein Tier vielleicht oder eine von Dürre heimgesuchte vertrocknete Landschaft. Die Linien sind derart abstrakt, dass man gezwungen ist, seine Fantasie zu bemühen, aber nicht so abstrakt, um einem Frieden zu schenken. Ab und an wünsche ich mir, jemandem im Aufzug zu begegnen, doch dann habe ich jedes Mal, wenn jemand einsteigt, einen Kloß im Hals.

Xu hat teerfarbenes Haar und ist wunderschön. Zartgliedrige Hände, Wahnsinnsbeine. Ein dunkles, leicht schiefes Lächeln. Sie könnte Harfenistin sein oder über die berühmtesten Laufstege der Welt defilieren. Sie könnte eine Traumschwiegertochter sein, eine von denen, die bei Familienessen mit glänzenden Augen heraufbeschworen werden. Sie könnte vieles sein. Sie ist nichts. Sie ist die, die ich liebe. Sie ist die, die mich nicht lieben kann. Wenn ihr rauer Mund auf mir ruht, denke ich ganz fest an überflüssige Dinge, zum Beispiel daran, dass die Sprache nicht aus derselben Öffnung kommen sollte wie Erbrochenes und Auswurf.

Wenn ich mich frage, wie ich war, bevor ich Xu begegnet bin, fällt mir das Gesicht meines Bruders Ruben ein, sein weizenblondes Haar und die gerade Nase, die wenigen Worte, der feste und strahlende Blick wie die Leuchtschrift eines Hotels nach einer langen Reise. Ich bin es gewohnt, an ihn zu denken und nicht an mich. So ist es bequemer, denn er war der Bessere. Die Tatsache, dass er tot ist, macht diese Übung noch wirkungsvoller.

Noch immer ist Samstag. Noch immer ist Nacht. Mir ist schwindlig. Ich stelle das Handy auf Flugmodus und esse kleine pechschwarze Reiskuchen. Ich esse zu viele. Ich esse, bis mir schlecht wird. Sie sind schwammig und geschmacklos und mir ist, als äße ich die feuchte Nacht gewisser Gassen hinter dem Hongqiao-Bahnhof. Das ist der Ort, an den ich mit Xu gehe, um die gelbe Pille zu holen. Die gelbe Pille enthält Schlangengalle und dämpft das Bedürfnis nach Sicherheit. Sie wirkt auf die Amygdala, gibt dir das Gefühl, als wäre dein Gehirn in eine Fleecedecke gehüllt. Wenn du zwei nimmst, fühlst du dich selbst auf dem Beifahrersitz eines Ferraris sicher, der mit dreihundert Sachen über die Landstraße brettert. Xu ist mein Ferrari mit dreihundert Sachen. Sie ist die, die mich in Gefahr bringt und mich den banalen Traum vergessen lässt, der alle Menschen verbindet: in Frieden zu leben, in Sicherheit, in Frieden und Sicherheit zu leben.

Es ist der 18. November. In einigen Wolkenkratzern, draußen vor der dicken Fensterscheibe, gehen die Lichter aus, nur nicht im Fitnessstudio, in dem noch immer wie Fische dunkle Silhouetten von Frauen umherwimmeln. Die Büros bleiben schwach beleuchtet, ein diesiges fahlgelbes Licht, das bis Tagesanbruch durchhalten wird, und ich schaue auf Netflix Das Fast-flachgelegt-Komitee, bis mir die Augen zufallen, und will nicht mehr wissen, was Xu mir schreibt.

2 TRÄNEN

Ich kam am 2. Oktober in Schanghai an. Gegen Ende des längsten Sommers seit fünfzig Jahren. Aber auch des taifun- und überschwemmungsreichsten Sommers. Hundertachtundvierzig Tage Schwüle bisher – ein Rekord für Schanghai – und vier Taifune in Folge. Während ich mich in Rom mit der Bürokratie rund um den Tod meines Bruders herumschlug (Testament, Todesanzeige, Bekanntmachung in den sozialen Medien), fegten Lekima und Lingling, Tapha und Mitag über Schanghai hinweg. Einer nach dem anderen, mit ihren gutturalen Namen gleich Tobende Frachten aus Wind und Staub. Während ich in Rom die letzten Tränen weinte, bevor jene Stelle in meinem Herzen verdorrte, die für immer und ewig Ruben allein gehören wird, hatten diese Taifune ein Drittel der gesamten Niederschlagsmenge des Sommers mitgebracht. Nach all dem Wasser, schrieben die Zeitungen, würde der Herbst ungewöhnlich trocken und sonnig werden. Fortgespült sämtliche Gewalt, sämtliches Gefühl. Ein Ende aus Licht und Not, wie ein jeder Friede. Eine Kapitulation.

Vor dem Flughafen von Pudong empfing mich dunkler Nebel. Es war Nacht. Es war nicht Nacht, es war achtzehn Uhr. Gegen den Wind gestemmt erreichte ich den Taxistand. Ich vermisste meine Eltern. Aber ich war siebenundzwanzig: zu alt für diese Art von Heimweh ganz nah an der Angst. Abgesehen davon gab es den wichtigsten Teil meiner Familie nicht mehr. Weder in Italien noch irgendwo sonst im Universum. Meinen Bruder. Meinen Zwillingsbruder. Er wollte Koch werden, er wollte in China leben, in einem Stockwerk weit oben, dem Himmel ganz nah. Ich winkte dem ersten Taxifahrer in der Reihe.

Durch das Fenster wirkte die Stadt viel zu groß. Ausgebeult in alle Richtungen. Die leuchtende Peripherie der Wolkenkratzer, die labyrinthischen Straßen, der eisige Schimmer der weißen Neonschriften der convenience stores wollten sich in meinem Kopf nicht zum Begriff »Stadt« zusammenfügen: Es gab keine Ordnung, nur Zusammenballung, wie in einem Traum, der unsere seelischen Verletzungen über zufällige Erinnerungen krümelt, der die Körper mit Symbolen und Filmen aus dem Fernsehen vermischt. Ein spektakulärer und verhängnisvoller Traum, der mit dem Erwachen ausradiert wird. Wir blieben stehen, gefangen im Stau, neben einem gigantischen Märchenschloss: der russischen Botschaft.

Der Taxifahrer ließ mich aussteigen und wies mit knorrigem Finger auf das Ende der Straße hinter einem wabenförmigen Gebäude mit blauen Fenstern. Das Hotel befand sich in der Nummer 199 einer Straße, die laut Beschilderung nur bis zur 129 ging. Ich umrundete den Block dreimal, eingehüllt in einen dichten Nebel aus Smog und Frittierdunst. Das Viertel war ein Labyrinth aus Hochhäusern und Geschäften. Automatische Türen von conveniencestores öffneten und schlossen sich im Schein kalten Psychiatrielichts. Hände arrangierten mitten auf der Straße gedämpfte Brötchen in Weidenkörben. Es war Abendessenszeit. Hinter den Fenstern der Restaurants sah ich Leute, die sich gierig über vollbeladene Tische beugten. Ich verlor das Wabengebäude aus dem Blick. Ich suchte es mit den Augen, suchte nach den Fenstern, aber das Blau war verschwunden.

Ich kam zweimal an dem Geschäft mit den Schuhen vorbei, die andere Schuhe imitierten, und dreimal an dem für lokale SIM-Karten. Danach öffnete sich die Straße zu einem schmalen Platz hin, einer Feuerwehrkaserne, einer Reihe geschlossener Restaurants. Ich begriff nicht, wohin ich gehen sollte, und wurde immer nervöser. Ein Mädchen in Rosa mit einem zu großen Kopf rief einem zweiten auf der anderen Straßenseite etwas zu, im Licht einer Laterne, inmitten des Autolärms, und es war eine Erleichterung, nichts verstehen zu können, ich war so müde, war aller Dinge müde, auch der diktatorischen Forderung meines Gehirns, alles verstehen zu müssen.

Schließlich entdeckte ich ein schmiedeeisernes Tor, ich ging hindurch, und da war es, das Hotel, eine 199, eingebettet in die 128 und die 129, mit im Wind wehenden Fahnen. Die Rezeption befand sich im einundzwanzigsten Stock, verborgen hinter einer Kunstpflanze mit fleischigen glänzenden Blättern. Der junge Mann am Empfang hatte grüne Haare und sprach kaum Englisch. Natürlich auch kein Italienisch. Seine Stimme war schrill, penetrant. Ich redete und gestikulierte, er verstand mich nicht, ich war den Tränen nah. Ich hatte reserviert. Natürlich, gewiss doch. Wer? Die Sprachschule Dianzhou? Nein, ich. Können Sie mir nochmal Ihren Namen nennen? Ich skandierte die Silben, leierte die Wörter wie einen Rosenkranz herunter, betäubt von den Schwierigkeiten, von der Wüste, die sich gleichgültig unter der Sprache ausdehnt. Zwischen den Silben hielt ich jedes Mal kurz inne, um dem Jungen mit den grünen Haaren die Möglichkeit zu geben, sich im Sinn des Wortes zurechtzufinden.

Ich versuchte mich aus dieser Situation zu retten, wie ich es immer getan hatte: indem ich anstelle meines Namens, nach dem mich der Rezeptionist mit verlegenem Blick und voller Sorge, ihn falsch geschrieben zu haben, wieder und wieder fragte, den meines Bruders aussprach. Ruben, Ruben, Ruben. Eine Zauberformel. Er hatte mir immer bei allem geholfen. Ruben, mach, dass der Drucker wieder funktioniert, Ruben, mach, dass es mir wieder gut geht, tröste mich, weil ich verlassen worden bin und mich einsam fühle, weil es draußen regnet und der Fleck auf meiner Bluse nicht mehr verschwindet … Ruben. Ruben? Ruben. Ruben, ich hab trockene Hände, trockene Augen, schau, wie blass ich bin, Ruben, ich bin wie diese Kunstpflanze auf dem Tresen, ich bin …

Meine Lippen bebten. Der junge Mann sagte immer wieder sorry und suchte aufs Neue im Computer. Ich sah die Pflanze an, und die Stimme des Jungen schien aus diesen Blättern mit ihrem trägen matten Grün zu kommen. Ich zeigte ihm eine Mail auf meinem Handy, und er fand die Reservierungsnummer. Er überreichte mir eine bunt schillernde Schlüsselkarte.

3 AUGEN

Ich schlief elf Stunden. Um sechs Uhr morgens wachte ich, noch immer todmüde, vom Rascheln einer Zeitung auf, die unter der Tür durchgeschoben wurde. Hastig sprang ich aus dem Bett. Eine Zeitung für Ausländer, in Englisch. Hochglanzseiten voller Bilder. Bau einer 2 135 Meter langen Brücke in der Provinz Guizhou genehmigt. Gewitter brauten sich zusammen. Einer Frau waren die Augen ins Handtuch geplatzt, nach dem Duschen, in einem Viersternehotel in Pingyao.

Ich drehte den Hahn auf und schenkte mir ein Glas Wasser ein. Es roch chemisch, beißend. Ungenießbar. Ich suchte in meinem Koffer nach dem Espressokocher, den ich aus Italien mitgebracht hatte, und verwendete das Wasser, das ich im Flugzeug gekauft hatte. Am Fenster sitzend, wartete ich, bis der Kaffee fertig war. Draußen erstrahlte Schanghai in seiner komplizierten glasigen Schönheit. Man sah den goldenen Tempel des Friedens und der Ruhe und die glänzenden Löwen auf seinen Türmen. Einen graublauen Horizont, übersät von Wolkenkratzern und trübe vor Smog. Unten, in den Straßen, einen wimmelnden Menschenteppich. Ungläubig sagte ich mir: Ich bin in China. Als müsste ich mich selbst von der Pappkulisse eines Schultheaters überzeugen. Als wäre das nicht mein Leben. Tatsächlich war es das nicht.

Ich grub das Telefon aus dem Rucksack und schaltete es ein. Zehn Nachrichten von meinen Eltern und fünf von Michele. Meinem Ex. Seinen Namen auf dem Display zu lesen, ließ mich kalt. Am ersten Oktober, kaum fertig mit dem Kofferpacken, hatte ich über WhatsApp mit ihm Schluss gemacht. Es regnete und ich saß auf dem geschlossenen Klodeckel, nur wenige Stunden vor meinem Abflug. Von seiner folgenden elfminütigen Sprachnachricht hörte ich nur die ersten zwei Minuten an. Er hatte eine sanfte Stimme, weich wie eine frisch gemähte Wiese, er war nett, aber ich brauchte nichts Nettes mehr.

Draußen herrschte drückende Hitze. Gegenüber dem Hotel verströmte der Außengrill eines ägyptischen Restaurants den Geruch von tierischem Fett und Kümmel. Dahinter mündete die enge Straße, die Yuyuan Road, in einen Platz. Er war riesig, abstrakt. Dominiert von einem Art-déco-Gebäude in Rot und Gold. Prächtig und dekadent, dort mittendrin in Sicherheit gebracht wie das Gespenst eines vergangenen Ortes. Ein Nachtlokal aus den 1930er Jahren, erst bankrott, dann Kino für maoistische Propaganda, schließlich sich selbst überlassen: ein ruinöses Schloss im Herzen einer immer stärker technologisierten Stadt, bis es eines regnerischen Tages im Jahr 1990 plötzlich seitlich in sich zusammenfiel, wie die morschen Knochen eines toten Tiers, und einen Passanten erschlug. Nun gehörte es zu den Top Ten der angesagtesten Diskotheken. Renoviert, neu aufpoliert, mit diesem schaurig-sentimentalen Flair keuscher Tänze des frühen zwanzigsten Jahrhunderts und niemals laut ausgesprochener Leidenschaften. Es hieß Paramount, auf Englisch, oder bailemen, auf Chinesisch, was so viel bedeutet wie Das Tor der hundert Freuden. Jedes Mal, wenn ein ausländisches Wort in chinesische Schriftzeichen transkribiert wird, vervielfältigt es sich wie ein Kunststoffkörnchen in einem Kaleidoskop: Zu seiner ursprünglichen Bedeutung, seinem Klang, der in der neuen Sprache nachgebildet wird, gesellen sich neue Bedeutungen, die jedes Ideogramm mit sich bringt. Jedes ins Chinesische transkribierte Wort ist ein Tor der hundert Bedeutungen, der hundert Freuden. Spricht man es aus, ohne sie zu kennen, wird einem ganz mulmig. Ich ging an dem Gebäude vorbei, kaum in der Lage, den Blick abzuwenden. Das Paramount schimmerte fahl, beinahe unsichtbar im grellen Licht der Sonne.

China war Rubens Traum, nicht meiner. Er hatte jahrelang davon geträumt. Von den Tempeln, dem Bambus, den geschminkten Masken der Pekingoper. Einem riesigen, zerebralen, scheinheiligen China. Mit dreizehn Jahren sammelte er die zerknitterten Zettel aus den Glückskeksen: Freundschaft ist ein wertvoller Schatz, Die Zukunft wird dich erstaunen. Mit siebzehn kaufte er Essstäbchen und getrocknete Algen in den asiatischen Supermärkten hinter der Piazza Vittorio. Er wollte ein gehobenes Restaurant mit experimenteller italienischer Küche in Schanghai eröffnen. Nicht den üblichen folkloristischen Kram. Einen Ort, der fantasievolles Essen bietet und deine Laune hebt. China. Das Land der Philosophie und der sex dolls. Sie sind ein Grundbedarfsgut: Auf 113,5 chinesische Männer kommen nur 100 Frauen. Gegen diesen gap gilt es Abhilfe zu schaffen. Abhilfe gegen die Einsamkeit. Jedes Jahr werden Abertausende verkauft. Der höchste Umsatz weltweit. Geöffnete Lippen, Haut aus teurem Silikon, starrer schmachtender Blick. Sie bewegen die Arme und raunen dir zärtliche Worte zu. Sie sind die Schönsten, die Realistischsten, die Geeignetsten, um die Menschen von ihrer Marotte zu heilen, echte Menschen zu lieben. I want you, I love you, hold me tight.

Ich bog in eine riesige, von Platanen gesäumte Straße ein, in den Baumkronen hing ein Gewirr aus Lämpchen. Ich wusste nicht, wo ich war. Dann sah ich das Straßenschild: Nanjing Road/ Nanjing Lu. Man konnte den Namen so oder so sagen, wie bei jeder Straße: auf die richtige oder die hybride, halb englische Art. Ich wiederholte den Namen zweimal, um mir einzuprägen, wo ich mich befand. Wohin ich zurückkehren musste, falls ich mich verirrte. Ich merkte mir das Geschäft mit den Einhorn-T-Shirts. Die wehende Fahne darüber. Mein verschwommenes Spiegelbild im Schaufenster: Binnen weniger Monate, während mein Bruder schwand und schließlich kaum noch Platz beanspruchte, bis er schließlich starb, bis er sich mit den Erdkrumen vermischte, hatte ich kräftig zugelegt. Gute fünf Kilo. Dieser Gewichtstausch hatte etwas Logisches, wie ein physikalisches Gesetz. Er hatte etwas Schreckliches.