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Merritt Island, Florida. Die Brüder Jeff und Jerry planen mit Freunden einen Flug zum Mond. Ali möchte dort Fußball spielen und Jeff träumt davon, Wasser zu finden und eine Kolonie zu gründen. Mit List "borgen" sie sich eine Rakete von der NASA. Doch beim Start erleben sie eine Überraschung: auf Franks Platz sitzt seine Schwester Anne. Was ist passiert, wie hat sie es an Bord geschafft? Als Jerry später Fieber bekommt, platzt ihr Traum von einer Mondlandung. Doch Jerry berappelt sich und sie landen im Krater Florey am Nordpol. Dort macht Marco die Entdeckung des Jahrtausends: im Mondboden gibt es Unmengen Wassereis. Nach dem Sensationsfund entspannen sie sich beim verdienten Fußballspiel mit Ecken, Flanken und Elfmetern. Am letzten Tag verletzt sich Ali beim Sturz in eine Höhle, nur mit Mühe schaffen sie den Start zur Erde zurück. Gerade während Anne einen Weltraumspaziergang macht, fliegen sie durch ein Meteoroidenfeld. Zum Pech wird das Raumschiff getroffen. Was, wenn der Schutzschild für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre beschädigt worden ist?
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Seitenzahl: 645
Veröffentlichungsjahr: 2020
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P. D. Tschernya
Blaues Gold
Wasser auf dem Mond
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Für wen …
Vorwort
Sehnsucht
Erstes Jahr – Wir haben einen Traum
Marco, der beste Freund
Das erste Treffen
Jeff schläft bei Marco
Marcos Alptraum
Jeff kriegt alles mit
Rekrutierung von Astronauten
Frank Imatong
Langsam wird’s was
Im Rocket Garden
Programmieren, bis die Ärzte kommen
Schule ist Mist
Die Mannschaft steht
Aufgaben und Regeln
Zweites Jahr – Das Sommerloch
Ein blöder Unfall
Eine neue Situation
Das Leben geht weiter
Aufgaben neu verteilen
Marco referiert
Die Krise
Ein Besuch
Zimmer aufräumen
Was essen wir im All?
Chang ist dran
Wie bauen wir uns eine Attrappe?
Drittes Jahr – Fußballspielen … auf dem Mond?
Jeff
Simulieren, bis die Ärzte kommen
Na endlich …
Garagentreffen
Was nehmen wir mit?
Wir gehen fliegen
Die Moral in der Geschicht …
Die letzten Übungen
Das lange Warten
Samstag – Die Nacht X
Sonntag – Auf dem Startgelände
Der Start
Höchste Alarmstufe
Ein blinder Passagier
Kein Kontakt
Schau mal, die Erde
Der General
Was gibt es zu essen?
Erster Kontakt
Das Landemodul
Sippenhaft
Konfrontation unausweichlich
Einer will beten
Montag – Der Arbeitsplan
Auf dem Weg zum Mond
Space Walk?
Hinter den Kulissen
Dienstag – Jeffs Fuß schwebt
Ärger ist Programm
Auch das noch …
Mittwoch – Ein fetter Streit
Im Bann des Mondes
Die zweite Mondrunde
Die dritte Mondrunde … und DOI-1
Vorbereitungen auf die Landung
Donnerstag – Mond, wir kommen
Die Landung
Aussteigen
Freitag – Der erste Morgen
Guten Tag, Herr Präsident
Die kleine Eiszeit
Das Eis kartieren
Samstag – Drei Tage Mond
Fußball und Wissenschaft
Das Fußballspiel
Das Spiel geht weiter
Nun ist es vorbei
Sonntag – Der letzte Mondtag
Am Eisberg
Zunächst einmal zum Mutterschiff
Montag – Mitternachtsdinner für sechs
Transearth Injection – TEI
Dienstag – Annes Weltraumspaziergang
Regen im Weltall
Glück im Unglück
Mittwoch – Der vorletzte Tag im All
Donnerstag – Zurück auf die Erde
Abkürzungen und Erläuterungen
Impressum neobooks
Für alle Mädchen und alle Jungen dieser Welt.
Für alle Junggebliebenen.
Für alle, die einen Traum haben.
Für Dich.
Diesen Bericht in Buchform habe ich auf Anregung meiner Freunde, die mit mir den Mond besucht haben, nach unserer Rückkehr auf die Erde geschrieben. Die kurzfristige Entscheidung dazu war gut. Heute bin ich aufgrund der weiteren Entwicklungen so beschäftigt, dass ich überhaupt keine Zeit mehr dazu hätte.
Ich habe meine Aufzeichnungen zusammengefasst, die ich über drei Jahre der Vorbereitung und während der Mondreise gemacht habe. Dabei habe ich versucht, eine unterhaltsame Form zu finden. An manchen Stellen mag es für den einen Leser zu viele Details, bei anderen Passagen dagegen zu wenige Einzelheiten geben. Ich bitte um Nachsicht, denn es ist nicht möglich, für jeden interessierten Leser die richtige Wahl zu treffen.
An dieser Stelle möchte ich wirklich allen Menschen auf der Erde danken, weil nur sie alle diese Reise überhaupt möglich gemacht haben. Ganz besonders möchte ich mich bei meinen Freunden für ihre Beiträge und Korrekturen bedanken.
Merritt Island, Florida, USA
Jeff Strela
Jenny lehnt auf der gemütlichen Couch im Wohnzimmer ihres Elternhauses. Sie lebt mit ihrer Familie auf einem Hügel in Krater Florey, etwa achtzig Kilometer südlich des Mondnordpols. Durch das aus speziellem Glas hergestellte Dach betrachtet sie die ferne Erde. Ab und zu rutscht sie vorsichtig zum Fernrohr neben ihr, das sie stets präzise auf die Erde ausgerichtet hält. Sie sieht dann hindurch, immer in der Hoffnung, endlich einen Blick bis auf die Erdoberfläche werfen zu können.
„Ich habe die Erde noch nie ohne diese verflixten Wolken gesehen“, beschwert sie sich wieder einmal bei ihrem Vater.
Jeffrey steht an einem großen Metalltisch und studiert einige vor ihm ausgebreitete Mondkarten und Unterlagen.
„Seit ich denken kann, Vater“, setzt sie deutlich hinzu, um endlich seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Jeffrey dreht sich langsam um, und überlegt dabei, was er seiner jungen Tochter antworten soll.
„Ich auch nicht, Schatz. Und dein Großvater ebenfalls nicht. Nur dein Urgroßvater Jack erzählte, solange er noch lebte, von ihrer überwältigenden Schönheit. Er gehörte zu den Letzten, die die Erde besucht haben. Wie du weißt, kehrte er nicht mehr auf den Mond zurück.“
Jenny seufzt verstimmt. Sie hat in den letzten Jahren bei Familiengesprächen so viel über den Planeten Erde gehört. Auch in der Schule erzählen ihre Lehrer manchmal Geschichten über die `blaue Murmel´. Vor den Ferien schauen sie sogar schöne Bilder und alte Filme von der Erde. Und doch hat Jenny immer das ungute Gefühl, dass sie sich die Erde überhaupt nicht richtig vorstellen kann.
`Wie ist die Erde wirklich?´
Spätestens bei diesem Gedanken ist Jenny meistens verstört.
`Wie ist das in der Realität, worüber wir reden? Regen und Schnee? Keiner hier auf dem Mond hat es je erlebt. Wie sind Wind, Gewitter und Donner? Wie fühlt und hört sich das wirklich an? In echt. Und wie ist es, in schneebedeckten Bergen oder in der Nacht in einem dunklen, schwarzen Wald zu stehen? Ein großer Wald dort unten soll sogar so heißen. `Schwarzwald.´ Und ein Urahn von uns stammt von dort. Und wie ist es am Meer? Dort soll es Strände mit hellem und weißem Sand geben. Wieso riecht und schmeckt die Luft am Meer anders als in den Bergen?´
Jenny hat mehr als tausend Fragen, aber niemand kann sie zu ihrer Zufriedenheit beantworten.
`Auf dem Mond haben wir auch `Meere´. Aber die nennen wir `Maria´. Sie sind alle ohne Wasser. Knochentrocken.´
Jenny platzt fast vor Neugierde, die Erde endlich mit den eigenen Augen in ihrer ganzen Pracht zu sehen. Ja, es gibt auch bunte Bildchen in Büchern und digitale Fotos sicher verwahrt auf irgendwelchen Speichern. Und jeder kann die Erde mit einem 3-D-Helm virtuell besuchen. Aber all das reicht Jenny schon lange nicht mehr.
„Ich will die Erde mit meinen eigenen Augen sehen!“, sagt sie oft zu ihrem Vater.
Und weil sie nicht einfach hinfliegen kann, so möchte sie wenigstens durch das Fernrohr einen Blick auf die Bergspitzen und die Wellen der irdischen Meere erhaschen.
Jenny verbringt daher viele Tage nur damit, die in Wolken eingehüllte Erde zu beobachten. Stundenlang sitzt sie geduldig am Fernrohr und wartet. Jedes Mal, wenn sie den Eindruck hat, die Wolkendecke könnte an einer Stelle aufgehen und das sich öffnende Fenster ihr einen Blick bis auf die Erdoberfläche freigeben – dann springt sie schnell auf und sieht durchs Fernrohr. Doch bisher erlebte sie immer nur Enttäuschungen. Die Erde will ihr die verborgenen Geheimnisse einfach nicht preisgeben. Jennys Sehnsucht nach der Erde wächst mit jedem neuen Tag. Am liebsten würde sie noch heute hinfliegen.
„Wie lange soll es denn noch dauern, bis sich diese Wolken auflösen und uns die Sicht freigeben?“, fragt sie.
Dabei stampft sie verärgert mit dem rechten Fuß auf den Boden. Ihr Vater schaut von seinen Unterlagen auf.
„Wir wissen es nicht, Schatz. Die beiden Raumgleiter, die erst Jahre nach dem Asteroideneinschlag 2234 zur Erde flogen, kamen nicht zurück. Der Kontakt zum ersten Gleiter riss schon nach wenigen Stunden ab.“
Wehmütig sieht Jeffrey seine Tochter an.
„Und der letzte Flug war mit deinem Urgroßvater Jack. Er konnte mit seiner Crew zwar landen. Aber sie fanden die überlebensnotwendige Infrastruktur größtenteils zerstört vor. Die Bilder der Verwüstungen, die uns noch erreichten, waren schrecklich. Und nach zwei Tagen brach der Kontakt völlig ab. Bis heute wissen wir nicht, was damals auf der Erde geschehen ist.“
„Warum fliegen wir nicht wieder hin, um nachzusehen?“, will Jenny wissen.
„Das Risiko ist noch immer zu groß. Wir können es uns nicht leisten, weitere Raumgleiter zu verlieren. Es sind nur zwei übrig. Und die drei anderen Kolonien haben auch die meisten ihrer Flieger eingebüßt. Bei der ungewissen Lage will keiner auf Teufel komm raus riskieren.“
„Ich habe keine Angst“, ruft Jenny. „Wir benötigen doch auch Rohstoffe von der Erde. Oder etwa nicht?“
„Ja“, gibt Jeffrey stirnrunzelnd zu. „Sogar dringend. Ohne baldigen Nachschub werden wir nur wenige Jahrzehnte überleben. Keine der vier großen Kolonien hier ist autark.“
Jeffrey seufzt. Er weiß, wie ernst die Lage ist.
„Ich möchte die Geschichte vom Gründer unserer amerikanischen Kolonie hören, Vater“, sagt Jenny plötzlich. „Es ist so lange her, dass du sie mir erzählt hast.“
„Du hast die Geschichte bestimmt dutzendmal gehört“, lacht Jeffrey. „Aber vielleicht hast du nicht immer aufgepasst?“
„Ich kann mich kaum noch erinnern“, schmunzelt Jenny. „Und du kannst so schön erzählen. Bitte, Vater!“
„Ach. Ist das der Grund? Die Geschichte steht doch im Infocenter zur Verfügung. Jederzeit abrufbereit. Und es wurden sogar Filme über die Besiedlung des Mondes durch Jeff und Jennifer, unsere Mondahnen, gedreht. Magst du nicht lieber einen Film sehen?“
„Das ist doch langweilig, Vater. Am schönsten ist es, wenn du mir aus dem Buch vorliest.“
„Das dauert doch so lange und macht mich immer müde.“
Jeffrey leistet noch etwas Widerstand.
„Bitte, bitte, Vater“, bettelt Jenny. „Nur wenn du sie mir erzählst, dann habe ich was davon. Du kannst einfach den Buchchip einstecken. Wie das letzte Mal. Dann erzählt dein Mund die Geschichte ja ganz von alleine.“
Jenny weiß, dass sie gewinnen wird und springt auf.
„Wir haben den ganzen Sonntag Zeit und es gibt sowieso nicht viel zu tun“, sagt sie bestimmt.
Jeffrey betrachtet seine erst vierzehnjährige Tochter aus dem Augenwinkel.
`Sie ist so ein Energiebündel. Von wem sie das hat?´
Er erinnert sich an seine eigene Jugend, an die zahlreichen Sonntage, die er mit seinem Vater zubrachte, um die Erde zu beobachten. Es sind angenehme Erinnerungen, denn damals hatten sie alle noch viel Hoffnung.
„Nun gut“, gibt sich Jeffrey geschlagen. „Aber wir sagen Mutter Bescheid. Damit sie nicht umsonst auf uns wartet.“
„Mach du das, Vater“, ruft Jenny erfreut. „Ich hol den Buchchip. Ich weiß genau wo er im Tresor liegt.“
Nach Jennys Rückkehr steckt sich Jeffrey den mitgebrachten Chip in einen kleinen Schlitz hinter seinem linken Ohr. Jeder erwachsene Mondbürger besitzt eine digitale Schnittstelle zu seinem Denkorgan. Mittels einer kleinen Operation wird diese inzwischen bei allen Bewohnern der Kolonien angelegt. In der Regel bald nach Abschluss der Wachstumsphase und sobald das Gehirn optimal entwickelt ist. Die Operation war früher aufwändig und nicht ohne Gefahr. Zu Beginn der Entwicklung hatten einige Eingriffe schwere Schäden zur Folge. Manchmal waren sogar hoffnungsvolle junge Menschen während der Operation oder kurze Zeit danach verstorben. Dies war jedes Mal ein herber Verlust für die kleinen Kolonien mit wenigen tausend Einwohnern. Doch mit der Zeit traten immer weniger Probleme auf und heute überwiegen die enormen Vorteile die Nachteile bei weitem.
Über diese Schnittstelle können die Mondmenschen an alle erdenklichen Informationen gelangen, die auf winzigen Datenträgern gespeichert sind. Längst besteht auch die Möglichkeit einer Datenübertragung per Funk. Aber diese Methode ist anfällig für Störungen und Manipulationen durch Dritte. Jeffrey mag sie daher nicht.
Auf den Datenträgern steht das ganze Wissen der Mondkolonien und der gesamten Menschheit zur Verfügung. Das Allerwichtigste an der Sache ist: über die `Brainchips´ sind die Mondbewohner in der Lage, fast jede nur erdenkliche Fähigkeit zu erwerben. Je nach Neigung, aber vor allem auch nach Bedarf, können sie in verschiedene Rollen schlüpfen. Sie müssen nur die richtigen Programme und Informationen abgreifen und schon können sie diverse Tätigkeiten ausüben.
Dieser Sprung in der Ausweitung von Fähigkeiten war bereits vor zweihundert Jahren nötig gewesen – einfach weil in den Mondkolonien seit Anbeginn Mangel an Menschen herrschte. Vor allem Spezialisten fehlten an allen Ecken und Enden. Noch heute, im vierundzwanzigsten Jahrhundert, leben gerade etwas über zwanzigtausend Expats von der Erde auf dem Mond und regelmäßig stehen für anfallende Aufgaben keine Experten zur Verfügung. Nur Dank diesem Fortschritt waren und sind die Kolonien überlebensfähig. Mit Hilfe passender `Brainchips´ kann jeder einigermaßen Begabte Spezialaufgaben ausüben, obwohl er sie nie zuvor gelernt hat. Sobald ein Denkorgan Zugriff auf einen `Brainchip´ hat, kann es das darauf gespeicherte Wissen abrufen und der Mensch eignet sich bedarfsgerecht die unglaublichsten Qualifikationen an. Jeffrey ist öfters in der Rolle eines Musikers, Schauspielers, Handwerkers, Chirurgen oder auch eines Richters unterwegs. Um einen `Chip´ möglichst effektiv zu nutzen, wird eine Subtanz genommen, die den kontinuierlichen Datenfluss unterstützt.
„Hast du die Tablette mitgebracht?“, fragt Jeffrey seine Tochter, die unvermittelt vor ihm steht.
Versunken in Erinnerungen hatte er ihre Rückkehr zunächst gar nicht wahrgenommen.
„Sie liegt in der Silberdose auf dem Tisch, Vater. Das Glas mit Wasser steht direkt daneben.“
Jeffrey versichert sich, dass der `Chip´ gut sitzt und spült mit einem Schluck kostbarem Mondwasser die Tablette hinunter. Dann lehnt er sich bequem zurück, schließt die Augen, atmet tief durch und wartet. Jenny schaut ihn liebevoll an und legt sich neben ihn auf das Sofa. Jeffrey konzentriert sich, stellt die Verbindung zum `Chip´ und der Datei darauf her. Nach kurzer Zeit scannt er den Buchinhalt und findet das erste Kapitel: `Wir haben einen Traum´.
„Bist du soweit, Jenny?“, fragt er.
„Ja“, antwortet seine Tochter ungeduldig.
„Dann schließe jetzt die Augen. Ich stell mich auf Intervalle von einer halben Stunde ein. Danach machen wir immer eine Pause. Okay?“
„Das ist okay.“
Jenny ist froh, dass es ihr geglückt ist, ihren Vater zu überreden. Die kurzen Pausen gönnt sie ihm dann gerne.
Jeffrey gibt in seine Körperuhr am linken Handgelenk optimale Werte für die Atemfrequenz und den Herzrhythmus ein. Nach kurzer Zeit beginnt sich sein Körper zu entspannen, der Atem wird ruhig und er gleitet in einen tranceähnlichen Zustand. Sein Mund beginnt sich zu bewegen. Auf und zu, auf und zu. Zunächst nur langsam und lautlos, als wäre er ein Fisch. Dann schalten sich, wie auf ein geheimes Kommando, die Stimmbänder zu. Mit sanfter Stimme beginnt er seiner Tochter ihre Lieblingsgeschichte zu erzählen:
`Blaues Gold´
***
Der Tag für das Familientreffen hätte nicht besser sein können. Es war ein warmer Samstag Mitte Juli. Am herrlich blauen Abendhimmel funkelten die ersten Sterne und die Luft duftete angenehm nach Strand und Meer.
Ab und zu brachte der laue Wind Frische vom Atlantik zum Haus Nummer 22 in der Belair Avenue auf Merritt Island, Florida. Bei Familie Strela war das Abendessen beendet und Mutter Angelina brachte ihre elfjährige Tochter Melinda zu Bett. Oben würde sie ihr noch eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen, danach müde zurückkommen und aufräumen.
Vater Igor wich mit seinen Eltern, die an Samstagen öfters zu Besuch kamen, ins gemütliche Wohnzimmer aus. Der Großvater und sein Sohn tranken nach dem Essen gerne ein Gläschen Wein und diskutierten über Politik, Gott und die Welt. Die Großmutter langweilte sich immer bei diesen Gesprächen, blieb aber auch heute aus Höflichkeit noch einige Minuten bei ihnen. Dann stand sie auf, erklärte entschuldigend, dass sie ihrer Schwiegertochter helfen müsse, und entschwand in die Küche.
Die beiden Söhne des Hauses, Jeff und Jerry, vierzehn und siebzehn Jahre alt, saßen auf einem Sofa in der Ecke – und langweilten sich bald auch. Die Themen der beiden Herren – die desolate Lage der Nation und die verfehlte Außenpolitik – taten ihre Wirkung.
„Hey, Jungs“, rief Igor seinen Söhnen zu. „Kommt und setzt euch ein Weilchen zu uns.“
„Ihr redet zu viel über Politik“, antwortete Jerry, der Ältere. „Und es ist warm hier drin. Wir gehen lieber in den Garten. Komm Jeff.“
Jerry sprang auf und lief durch die offene Verandatür hinaus. Jeff humpelte, auf Krücken gestützt, hinterher. Er hatte sich erst am Mittwoch bei einem Fußballspiel in der Schule den Knöchel verstaucht. Und das schon zum dritten Mal in diesem Jahr. Igor rief ihnen hinterher, es wäre unhöflich zu gehen, wenn der Großvater zu Besuch sei. Aber der legte seine kräftige Hand auf Igors Schulter und beschwichtigte:
„Lass sie nur gehen. Sie werden früh genug mit dem Ernst des Lebens in Berührung kommen.“
Draußen im Garten kündigte sich die nahende Nacht mit langen Schatten an. Am Himmel war weit und breit keine Wolke zu sehen und die großen Sterne im Sternbild Schwan blinkten und leuchteten mit dem Mond um die Wette.
Jerry und Jeff blieben auf dem erst am Vormittag kurz gemähten Rasen stehen und schauten andächtig nach oben.
„Der Himmel ist wieder fantastisch“, unterbrach Jeff die Stille. „Und der Mond. Er scheint heute besonders hell. Fast wie eine kleine Sonne. Findest du nicht auch?“
Der Mond war erst vor kurzem aufgegangen und kletterte am östlichen Horizont den Himmel empor.
„Ja“, antwortete Jerry leise, als hätte er Angst die Erhabenheit des Augenblicks zu stören. „In drei Tagen ist Vollmond.“
Jeff ließ seine Krücken auf den Rasen gleiten und setzte sich vorsichtig hin.
„Wer als erster eine Sternschnuppe sieht, hat gewonnen. Und darf sich was wünschen. Okay?“, schlug er vor.
„Einverstanden.“
Jerry streckte sich neben Jeff im Gras aus und tastete den Abendhimmel aufmerksam ab. Die Minuten vergingen.
„Es scheinen heute überhaupt keine Sternschnuppen zu fliegen“, stellte er nach einer Weile fest.
Jeff blickte ab und zu verstohlen zu seinem Bruder, denn der kannte den Himmel besser als er. Fast immer erahnte er, wo die nächste Sternschnuppe auftauchen würde.
„Da!“, riefen beide gleichzeitig und ihre Hände schossen in Richtung der Leuchtspur, die für den Bruchteil einer Sekunde das Firmament erleuchtete.
Jeff sah zu seinem Bruder hinüber. Eigentlich hatte er fragen wollen, wer denn nun gewonnen habe – doch plötzlich war ihm ein anderer Gedanke wichtiger.
„Weißt du, Jerry, wovon ich oft träume?“
„Keine Ahnung.“
„Versprich mir aber, dass du mich nicht auslachst.“
„Tue ich nicht.“
Sie setzten sich auf und Jeff fasste sich Mut.
„Ich würde so gern ins Weltall fliegen. Seit ich klein bin, erzählt uns Vater immer diese Geschichten. Über die Raketen, das All und so. Es muss schön sein, da oben zu schweben und die Erde zu beobachten.“
Jerry drehte sich langsam zu seinem Bruder. Er kaute an einem Grashalm und spuckte ihn jetzt aus.
„Weißt du, Jeff, so einen Traum hab ich schon lange“, sagte er. „Bestimmt noch länger als du. Ich würde weiß Gott was dafür geben, wenn ich bis zum Mond fliegen könnte.“
„Bis zum Mond?“, staunte Jeff. „So weit weg. Das geht doch gar nicht so einfach. Oder?“
„Ach was! Wenn du erst einmal oben bist, dann sind es bis zum Mond nur noch drei Tage. Klar, ein paar Snacks für unterwegs und die richtige Ausrüstung müsste man schon dabei haben.“
Jeff lachte.
„Du denkst immer nur ans Essen. Mir würde es schon genügen, die Erde ein paarmal zu umrunden. Dafür würde ich sogar fasten.“
Beide verstummten. Zumal sich Jerry über die Bemerkung seines Bruders ärgerte. Wegen seiner Vorliebe für gutes Essen wurde er immer wieder Zielscheibe bissigen Spotts. Derweil sahen sie den abendlichen Kunstflügen einer Fledermaus zu, die am Nachbarhaus Jagd auf Insekten machte. Aus dem fahlen Licht einer Wandlaterne, die erst vor kurzem angegangen war, schnappte sie sich ihre Häppchen.
„Jerry, glaubst du man könnte so was machen?“, meldete sich Jeff vorsichtig. „Also, ich meine …“
„Was meinst du?“, fragte Jerry und schaute seinen Bruder durchdringend an.
„Also, ich frag mich, ob wir … du und ich, und vielleicht noch zwei oder drei andere … also, ob …“
„Was stotterst du so herum? Sag einfach gerade heraus, was du sagen willst“, fuhr ihn Jerry als Retourkutsche zur vorherigen Bemerkung an.
„Also, ob wir so eine Rakete nehmen und zum Mond fliegen könnten? Nur rein theoretisch.“
Verdutzt sah Jerry seinen kleinen Bruder an.
„Komisch. Daran hab ich gerade auch gedacht. Mir läuft es kalt den Rücken runter, wenn ich mir das nur vorstelle. Bis zum Mond fliegen. Das wär der Wahnsinn.“
Jerrys Augen leuchteten. Auf einmal war er mit den Gedanken weit weg in den unendlichen Weiten des Weltalls. Jeff holte ihn unsanft auf die Erde zurück.
„Na? Was meinst du?“, fragte er laut.
Jerry schüttelte sich und kniff die Augen zusammen. Das tat er manchmal, wenn ihn jemand aus seinen Gedanken riss. Aber auch, wenn von ihm eine wichtige Antwort erwartet wurde.
„Also, ich denke, rein theoretisch, wenn das andere schaffen, dann sollten wir das auch können. Nach einem guten Training und so.“
Jeff hing an Jerrys Lippen, blinzelte angespannt.
„Ich bin mir sicher, dass wir es schaffen könnten. Vorausgesetzt, wir haben eine Rakete und die passende Ausrüstung“, ergänzte Jerry.
Jeff strahlte vor Freude. Er hatte soeben einen Einfall, den er für genauso genial wie für verrückt hielt.
„Dann lass uns das doch planen, Jerry“, rief er. „Einfach wie ein Spiel. Es wird bestimmt Spaß machen und wir lernen viel. Der ganze Weltraumkram ist doch auch dein Hobby.“
„Für mich ist das mehr als ein Hobby, Jeff“, antwortete Jerry ernst. „Ich will auf dem Gebiet später arbeiten. Wie Vater. Astronomie, Raumfahrt und das Programmieren drumherum machen mir jetzt schon richtig Spaß.“
„Dann lass uns das doch machen“, drang Jeff auf seinen Bruder ein.
„Jeff, das kann man nicht planen wie einen Ausflug am Wochenende ans Meer. An so einem Vorhaben müssten wir hart arbeiten. Sehr hart sogar.“
„Dann arbeiten wir eben hart“, insistierte Jeff und hielt Jerry seine Hand hin. „Wir planen ab heute einen Flug zum Mond. Schlag ein.“
„Mann, bist du penetrant. Na gut, abgemacht.“
Jerry klatschte die Hand seines kleinen Bruders ab, um Ruhe zu haben. Außerdem war er sich sicher, dass der die ganze Geschichte eh bald vergessen würde.
„Und wen willst du mitnehmen auf die große Reise?“, fragte er ihn dann. „Großmutter, Vater oder auch Mutter?“
„Ich nehme Marco mit“, antwortete Jeff ohne zu zögern. Marco war sein bester Freund. „Und wen nimmst du mit?“
„Keine Ahnung. Mir reicht es, wenn ich oben bin. Außerdem – du kannst die Leute nicht einfach nach Sympathie auswählen. Da müsste eine Art Eignungstest her.“
„Du hast doch gesagt, dass es geht. Also muss man bestimmt nicht besonders schlau sein, um ins Weltall zu fliegen.“
„Das nicht unbedingt. Aber Talent und starkes Interesse für die ganze Sache, das sollte man schon mitbringen. Jeden kannst du nicht mitnehmen.“
„Was meinst du damit?“
„Marco ist dein Freund und ihr versteht euch gut. Aber ob er geeignet wäre für einen Flug zum Mond? Ich weiß nicht.“
„Aber ich weiß genau worauf du anspielst. Und das ist gemein. Marco ist genauso schlau wie alle anderen. Er ist nur etwas langsamer.“
Jeff warf sich auf Jerry und plötzlich kugelten sich beide im Gras. Jeff war immer sauer, wenn er das Gefühl hatte, dass jemand über seinen besten Kumpel herzog. Und so etwas durfte er auch seinem eigenen Bruder nicht ungestraft durchgehen lassen.
„Hey, was soll das?“, rief Jerry. Er versuchte Jeff, der ihn boxte und kitzelte, abzuschütteln. „Lass das.“
„Nur wenn du versprichst, dass wir Marco mitnehmen …“, keuchte Jeff. „… auf den Mond.“
„Okay, okay“, prustete Jerry.
Geschickt wand er sich aus Jeffs Umklammerung und sprang auf.
„Ich geh wieder rein. Es wird mir langsam zu feucht und die Mücken sind auch lästig.“
„Denk an dein Versprechen“, rief ihm Jeff nach, beim Versuch aufzustehen. „Aua!“
Er hatte sich beim Herumbalgen soeben wohl gestoßen, der verstauchte Knöchel tat ihm wieder weh. Jeff blieb daher sitzen und wartete, bis der Schmerz etwas nachließ. Dann stand er auf und humpelte vorsichtig zurück ins Haus.
***
Der Sommer war vorbei, die Schule hatte längst begonnen und der Herbst machte sich mit den ersten Wetterkapriolen bemerkbar. Der Oktober war dieses Jahr ziemlich launig. Nach einer schönen ersten Woche wehte ab Montag ein nasser, oft auch kühler Wind vom Atlantik. So war es auch am Mittwoch, als Marco am Nachmittag mit dem Fahrrad zu Jeff unterwegs war. Er wunderte sich, dass die bleigrauen Wolken das viele Wasser überhaupt noch halten konnten.
`Vielleicht ist das der letzte Hurrikan der Saison, der sich da aufbaut´, dachte Marco. `In jedem Fall wird es hier bald wie aus Kübeln schütten.´
Bis dahin hoffte er bei Jeff zu sein – und schaffte es knapp. Kaum waren sie oben in Jeffs Zimmer, da hämmerten schon die ersten Regentropfen gegen die Fenster.
Marco verspürte wenig Lust auf den Schulstoff der letzten drei Wochen. Schon wieder wollte Jeff alles mit ihm durchkauen. Aber ohne seine Nachhilfe hätte er die letzten beiden Schuljahre gar nicht geschafft. Das war ihm klar.
Jeff war ein unerbittlicher Nachhilfelehrer und sie machten sich gleich an die Arbeit. Nach drei Stunden hatten sie die Hausaufgaben erledigt und sogar einige mühselige Wiederholungen geschafft. Marco schaute sehnsüchtig aus dem Fenster, denn er wollte nach Hause. Vom Himmel fielen nur noch feine, silbern glitzernde Tröpfchen. Ab und zu brachen die Wolken auf und die Sonnenstrahlen ließen die feucht dampfenden Straßen Floridas golden glänzen.
`Das gibt nachher bestimmt einen Regenbogen´, dachte Marco erfreut, stand auf und packte seine Sachen.
„Ich bin heute irgendwie kaputt“, sagte er entschuldigend. „Ich mach mich auf den Heimweg. Bis morgen, in der Schule.“
Jeff fixierte ihn scharf. Er überlegte, ob jetzt eine gute Gelegenheit wäre, um mit Marco über Projekt M zu sprechen. Projekt M, so nannten er und Jerry seit neustem ihren verrückten Plan, zum Mond zu fliegen.
„Warte mal“, sagte er hastig, als Marco fast schon aus dem Zimmer war. „Ich muss mit dir reden.“
Marco drehte sich genervt um.
„Was denn? Doch nicht etwa noch mehr Übungen.“
„Nein. Es hat nichts mit der Schule zu tun. Kannst du dicht halten?“
„Was soll die Frage? Wir sind doch Freunde.“
„Ich meine – ein Geheimnis. Kannst du das für dich behalten?“
„Klar doch. Hast du was ausgefressen?“
„Ja. Nein. Eigentlich nicht“, stammelte Jeff. „Mann, du machst mich völlig nervös.“
Marco wunderte sich. Seit langem hatte er Jeff nicht mehr so verunsichert erlebt. Das letzte Mal war es, als er sich fast in ein Mädchen aus der Parallelklasse verliebt hatte.
„Ich, das heißt ich und Jerry, wir haben da was vor. Und du sollst mitmachen“, brachte es Jeff mühsam heraus. „Du musst einfach dabei sein. Verstehst du? Weil du mein bester Freund bist.“
„Ich versteh kein Wort. Hast du irgendwas genommen?“
„Ich meine es ernst. Wir planen das Ganze schon seit dem Sommer.“
„Seit dem Sommer? Und du hast mir nichts gesagt“, entrüstete sich Marco.
„Konnt ich nicht. Zuerst war es nicht ganz sicher – und jetzt ist es streng geheim. Wir planen etwa seit ich mir im Juli den Knöchel verstaucht habe. Kannst du dich erinnern?“
„Klar kann ich mich erinnern. Jetzt versteh ich auch einiges. Deshalb warst du in letzter Zeit nicht mehr oft bei den Spielen.“
„Ja, manchmal auch deswegen. Aber, interessiert dich nicht worum es geht?“
„Ach so“, sagte Marco. „Ja schon. Um was geht´s denn?“
Jeff holte vor seiner Antwort erst einmal tief Luft.
„Wir wollen zum Mond fliegen …“ Er machte eine Pause. „Und du kommst mit.“
Marco schüttelte ungläubig den Kopf. Er war sich ganz sicher, nicht richtig gehört zu haben.
„Kannst du das noch mal sagen?“
„Ich sagte, dass wir zum Mond fliegen wollen“, wiederholte Jeff. „Und du sollst mit uns kommen.“
„Wahrscheinlich träume ich das nur. Oder ich hab Halluzinationen“, murmelte Marco. „Das wird´s sein. Ich hab zu viel gelernt. Und mein Hirn spielt jetzt verrückt.“
Jeff packte Marco am Arm und zwickte ihn so kräftig, dass der laut „Aua!“ schrie.
„Hast du jetzt kapiert, dass das kein Traum ist?“
„Spinnst du?“, rief Marco empört. „Du hast mir wehgetan.“
„Nur damit du endlich aufwachst. Und über den Plan musst du völlig dicht halten. Zu keinem Menschen darfst du auch nur ein Wort sagen. Ist das klar?“
„Jetzt weiß ich´s genau. Du bist verrückt. Komplett verrückt bist du. Warst du schon beim Arzt?“
„Marco, ich weiß, dass –“
„Oder du willst mich nur verarschen, oder?“, unterbrach ihn Marco beleidigt.
„Ganz bestimmt nicht. Ich weiß, dass das verrückt klingt, aber es ist machbar. Jerry hat es durchrechnet. Du weißt doch, Vater arbeitet bei der NASA und –“
„Was?“, rief Marco verblüfft. „Dein Dad macht auch mit?“
„Nicht so laut, Mensch. Sonst hört uns noch jemand. Nein, Vater weiß von nichts. Er wird auch nie was erfahren.“
Jeff hielt kurz inne.
„Ich mach dir einen Vorschlag. Wenn du dich beruhigt hast, erklär ich dir alles. Und wenn du mit zum Mond willst, dann –“
„Ich? Zum Mond? Niemals. Was soll ich auch dort.“
„Hast du etwa Angst?“, fragte Jeff herausfordernd.
„Angst? Nee. Aber keine Lust auf so was. So was Verrücktes. Das kann gar nie klappen kann das.“ Marco redete sich in Rage. „Das ist unmöglich. Völlig unmöglich ist das.“
„Nicht so laut“, mahnte Jeff erneut und ging zur Tür, um zu sehen, ob jemand in der Nähe war. „Niemand darf uns hören.“
„Meinst du, bloß weil dein Dad bei der NASA schafft, dann kannst du einfach reinspazieren, eine Rakete schnappen und zum Mond fliegen?“, flüsterte nun Marco. „So mir nichts dir nichts? Weißt du nicht, wie gefährlich das auch ist?“
„Was brüllt ihr hier so rum?“ Mit einem Satz kam Melinda in Jeffs Zimmer gestürzt. „Man kann unten jedes Wort hören. Was soll unmöglich sein? Es gibt nichts auf der Welt, das nicht möglich ist. Sagt unser Mathelehrer immer.“
„Tag, Mel“, grüßte sie Marco spontan. „Weißt du was dein schlauer Bruder sagt? Er will –“
Jeff schaffte es gerade noch mit einem Sprung zu Marco und presste ihm seine Hand auf den Mund.
„Bist du verrückt?“, brüllte er ihn zornig an. „Es sollte unter uns bleiben, auf welches Spiel wir gehen!“
Marco starrte Jeff mit weit aufgerissenen Augen an. So wütend hatte er ihn noch nie erlebt.
„Was für ein Spiel?“, fragte Mel misstrauisch.
Marco war plötzlich klar, dass es Jeff vorher todernst gemeint haben musste. Der bugsierte bereits seine Schwester unwirsch aus dem Zimmer.
„Das nächste Mal klopfst du an, bevor du bei mir reinplatzst! Verstanden? Sonst setzt es was!“
Er gab ihr einen Schubs und knallte die Tür hinter ihr zu.
„Bist du völlig verrückt geworden?“, raunzte er mit rotem Kopf Marco an. Vor Ärger gelang es ihm kaum, die Stimme zu dämpfen. „Ich vertraue dir ein Geheimnis an und du posaunst es eine Minute später vor meiner Schwester aus. Das ist der Wahnsinn! Weißt du nicht, dass die nicht dicht halten kann? Du bist, du bist – oh Mann!“
Jeff war richtig in Rage und schlug mit der Hand gegen seinen Schrank, dass der nur so wackelte. Beinahe wäre ihm der Kragen geplatzt und er hätte Marco angebrüllt:
`Du bist noch viel dämlicher, als ich dachte!´
Seine tiefe Zuneigung hatte ihn gerade noch so davon abgehalten. Er und Marco, sie waren nun mal die besten Freunde. Für Jeff gab es keinen Besseren. Seit er sich erinnern konnte, machten sie fast alles gemeinsam. Das erste Mal waren sie sich wohl in einer Krabbelgruppe begegnet. Ihre Mütter hatten sie hingebracht, denn beide sollen damals für ihr Alter ein `sensorisches Problem´ gehabt haben. So erzählten es jedenfalls die Familien. Später waren sie zusammen im Kindergarten und auch in gleichen Jugendsportgruppen.
`Und doch hat sich jeder von uns ganz anders entwickelt´, ging es jetzt Jeff durch den Kopf. `Wir sind im Grunde so verschieden. Aber trotzdem – oder gerade deswegen? – mag ich ihn und wir verstehen uns sonst so gut.´
In Jeffs Augen stellte sich Marco manchmal so schusselig an, dass es auf keine Kuhhaut ging. Und doch liebte er ihn so innig, als wäre er sein Bruder. Und beinahe wäre es jetzt zu einem echt üblen Streit gekommen. Jeff musste Marco beim Flug dabei haben. Unbedingt. Koste es, was es wolle. Ohne Marco würde er nur halb so viel Spaß haben. Daher sagte er, fast schon ruhig:
„Hör zu. Wir gehen auf unseren Bolzplatz. Dort können wir ungestört reden. Ich pack nur schnell meine Sachen.“
Als sie das Haus verließen, sprang Mel hinter einer Tür hervor und überraschte sie.
„Ich werde noch herauskriegen, was ihr da wieder ausheckt. Da kannst du dich drauf verlassen”, sagte sie zu Jeff.
Jeff drehte sich um und schnauzte sie verärgert an:
„Du wirst gar nichts tun, Schwesterchen! Ich verbiete es dir, dich in meine Sachen einzumischen. Ist das klar?“
„Gar nichts ist klar! Du hast mir nichts zu –“
Jeff knallte die Haustür zu. So hörten sie Mels letzte Worte nicht und sahen auch nicht ihre Grimassen, die sie durch das Fenster schnitt. Sie hatte gewittert, dass Jeff etwas vorhatte. Und als seine Schwester fühlte sie sich in der Pflicht, herauszubekommen, um was es ging.
„Ich wusste gar nicht, dass deine Schwester so biestig sein kann“, rief Marco erstaunt, als sie auf ihre Fahrräder stiegen. „Unglaublich.“
„Ach lass“, entgegnete Jeff mit einer wegwerfenden Geste. „Sie nimmt sich zu wichtig, seit sie Klassensprecherin ist. Dabei ist es purer Zufall, weil der erste Klassensprecher krank ist. Jetzt glaubt sie, dass sie auch zu Hause herumschnüffeln muss.”
Sie fuhren schnurstracks zu ihrem Fußballplatz am Moore Park. Auf dem Weg sprachen sie kein Wort. Jeff hatte den Ball eingepackt, damit sie zunächst etwas kicken konnten. Marco rutschte dann auf einer feuchten Stelle im Rasen aus und sie legten eine Pause ein. Eine Weile saßen sie nur still auf einer hölzernen Bank.
„War das also vorher ernst gemeint?“, fragte Marco nach einer Weile. „Die Sache mit dem Mond?“
„Das war voller Ernst.“
„Hm“, erwiderte Marco. Das war manchmal seine Art, wenn er nachdenken musste. Entweder sagte er nichts oder eben `Hm´.
„Dann ist das ja eine echt ernste Sache“, fügte er noch hinzu, halb bejahend halb fragend, und sah zu Jeff.
„Das ist es wirklich“, erwiderte Jeff.
Er fühlte, dass er jetzt nicht viel reden durfte. Marco musste seine Gedanken ordnen und den Schock verdauen. Und er musste neugierig werden. Er musste anfangen zu fragen. Dann hätte ihn Jeff schon halb gewonnen. Marco würde dann mitmachen und das Geheimnis für sich behalten.
„Aber … wie wollt ihr das anstellen? Das ist doch viel zu kompliziert. Und auch gefährlich.“
Jeff merkte, dass Marco `ihr´ sagte, nicht `wir´. Er sah den Plan also noch nicht als ein gemeinsames Unternehmen an.
„Etwas kompliziert wird es wohl sein. Aber nicht viel gefährlicher, als mit dem Bus zur Schule zu fahren. Weißt du nicht, wie viele Unfälle an allen möglichen Kreuzungen passieren können?“
Jeff merkte gleich, dass das eine gute Frage gewesen war. Denn Marco nahm sich des Themas mit Begeisterung an.
„Natürlich weiß ich das! Ich musste doch erst neulich über die Unfallhäufigkeit in unserer Stadt nachforschen. An der Ecke Taylor und Ridgewood Avenue passierten in den letzten acht Jahren sechzehn schwere Unfälle. An der Ecke der zwölften und dreizehnten im Komponistenviertel sogar einundzwanzig. Und das trotz der Umbauten und einer neuen Ampel, die das verhindern sollte. Und zwischen der Jefferson und Madison Avenue sind die Unfälle erst zurückgegangen, nachdem auf der Orange mehrere Bodenwellen eingebaut waren. Und …“
Wenn Marco anfing über seine geliebte Stadt und ihre Busse zu reden, dann war er kaum noch zu bremsen. Was den Autoverkehr, und vor allem den Busverkehr anging, da war er wie ein wandelndes Lexikon. Über die Buslinien wusste er einfach alles. Kein Wunder, war es doch sein Traum, nach der Schule Busfahrer in Merritt Island zu werden. Und zwar der beste Busfahrer, den die Stadt je gesehen hatte.
***
Jerry, Jeff und Marco kamen bald zum ersten gemeinsamen Treffen im Moore Park zusammen. Zweimal hatten sie einen Termin bereits verschoben, heute hatte es endlich geklappt. Der Platz war kleiner als die anderen Fußballfelder auf Merritt Island, dafür aber ruhiger. Beinahe eine Stunde erzählten die beiden Brüder Marco über das Mondprojekt und beantworteten seine Fragen, dann schoben sie zur Entspannung ein Fußballspiel ein. Aber zu dritt machte es nicht so viel Spaß, und so saßen sie nach kurzem Kicken erneut auf dem Rasen.
„Wie gesagt“, nahm Jerry das Gespräch wieder auf, als er zu Atem kam. „Wir dürfen keine schriftlichen Aufzeichnungen machen. Die Gefahr ist zu groß, dass irgendwann jemand was liegen lässt und unser Plan auffliegt.“
„Ich kann mir doch nicht alles merken“, jammerte Marco und schaute zu Jeff. „Ich schaff ja kaum den Schulstoff.“
„Es gibt keine Ausnahmen“, sagte Jeff streng. „Stell dir vor, deine Mutter findet beim Aufräumen irgendwelche Aufzeichnungen. Klar wird sie neugierig, fragt dich aus, sucht weiter und so. Oder Mel würde bei uns zu Hause etwas finden – das wär´s dann gewesen.“
„Das stimmt“, sagte Jerry. „Die spioniert uns seit Wochen nach. Wenn Mel hinter unser Geheimnis kommt, dann können wir Projekt M abblasen, noch bevor es richtig losging.“
„Hm“, grummelte Marco. Das Ganze gefiel ihm gar nicht. „Das heißt also, Heimlichtuerei ohne Ende. Ich weiß nicht, ob ich das durchhalte.“
„Du musst, Marco“, sagte Jerry eisern. „Wir alle müssen das. Es ist schon riskant genug, dass ich vieles auf den Rechnern zu Hause habe. Aber die sind bisher offline. Erst wenn ich den ersten realen Test fahren werde, dann geh ich ins Netz. Vielleicht nächstes Jahr. Und für das Internet werde ich sowieso einen separaten Rechner nutzen.“
„Warum hast du dann jetzt schon das Tablet besorgt?“, fragte Jeff neugierig.
„Das Teil ist für später gedacht, wenn wir abheben. Da kann ich keine klobigen Laptops gebrauchen“, grinste Jerry. „Aber ich muss jetzt schon testen. Jeff, schreib auf, dass ich später zwei Tablets brauche. Zur Sicherheit, falls einer schlapp machen sollte.“
„Ihr schreibt ja doch Sachen auf“, wunderte sich Marco.
„Ja, schon“, bestätigte Jerry. „Aber nur unverfängliche Informationen.“
„Wir müssen wenigstens das Wichtigste festhalten“, erklärte Jeff. „Es gibt so viele Einzelheiten, die kann sich kein Mensch merken. Und wir dürfen nicht ein einziges Detail übersehen.“
„Vielleicht ergibt das eines Tages eine Art Flugbibel“, dachte Jerry laut nach.
„Flugbibel“, wiederholte Jeff. Die Idee gefiel ihm. „Warum nicht. Auf jeden Fall klingt `Flugbibel´ gut.“
„Da seid ihr ja schon ganz schön weit“, staunte Marco.
„Das ist mehr Arbeit, als ich es mir vorgestellt hatte“, seufzte Jeff. „Ich hab kaum noch Freizeit.“
„Vielleicht werden wir auch eine eigene Zeichensprache entwickeln müssen“, warf Jerry ein.
„Wieso das denn?“, wunderte sich Marco.
„Von den Lippen kann man ablesen. Wenn wir dann oben etwas mitteilen wollen, was andere nicht verstehen sollen, dann geht das am besten über Zeichen, die nur wir kennen. Sollten wir es wirklich bis ins All schaffen, dann stehen wir nämlich rund um die Uhr unter Kontrolle.“
„Oh Mann! An solche Sachen hab ich noch gar nicht gedacht“, sagte Marco verschreckt.
„Genauso wird es aber sein“, sagte Jeff. „Überall wird es Kameras und Mikrofone geben, die alles aufnehmen. Nicht einmal auf der Toilette wirst du alleine sein.“
Marco schaute entsetzt. Dass ihm jemand beim Pinkeln zuschauen sollte, das gefiel ihm gar nicht.
„Statt einer Geheimsprache könnten wir doch auch ein Tablet zum Kommunizieren verwenden, Jerry“, fiel Jeff spontan ein.
„Das ist eine gute Idee“, antwortete Jerry nach kurzem Überlegen. „Das machen wir so, damit wird die ganze Sache viel einfacher.“
Noch eine Weile weihten sie Marco in die bisherigen Vorbereitungen ein und machten dann Schluss.
„Ich denke, wir haben für den Anfang genug besprochen“, sagte Jerry. „Nach meinem Plan sehen wir uns in zwei Wochen wieder. Jeff gibt dir Bescheid wie und wo, Marco.“
***
„Mama“, rief Jeff die Treppe hinauf. Er war so laut, dass ihn seine Mutter, die im oberen Stockwerk mit Melinda beschäftigt war, hören musste. „Ich fahr jetzt los und übernachte bei Marco. Bis morgen!“
„Muss das sein?“, rief Angelina zurück. „Du bist in letzter Zeit sehr oft bei den Remeks. Sicherlich ist das Giorgina nicht immer recht.“
„Ich muss mit Marco für die Mathearbeit morgen büffeln. Wartet nicht auf mich mit dem Abendessen.“
„Ihr macht fast jeden Tag zusammen die Hausaufgaben. Das sollte doch –“
Jeff war bereits aus dem Haus und hörte die letzten Worte seiner Mutter nicht. Auf der Straße schwang er sich aufs Rad und trat kräftig in die Pedale. Er wollte so schnell wie möglich bei Marco sein. Für die Schule lernen – der Vorwand wurde zu Hause so gut wie immer akzeptiert. Vor allem wenn die Schulnoten stimmten. Was bei Jeff ja der Fall war. Bei Marco stimmten die Noten so gut wie nie. Nur in Sport und Geographie konnte er einigermaßen mithalten. In allen anderen Fächern war er mäßig bis saumäßig.
Beide Freunde gingen zusammen auf die Edgewood High School, die relativ zentral in der Stadt an der Merritt Avenue lag. Auch Jerry besuchte diese Einrichtung, die es vor einigen Jahren sogar unter die zehn besten Schulen Floridas geschafft hatte. Aber weder das gute Ranking, noch die hohe Qualität des Unterrichts wirkten sich in irgendeiner Weise auf Marcos Noten aus. Jeff legte ihm den Schulstoff zwar gründlich auseinander, doch die Anstrengungen waren so gut überflüssig. Die Nachhilfe half vor allem Jeff, sich selbst die Materie beizubringen. Marco brachte die einfachsten Dinge durcheinander und es blieb wenig hängen. Für manchen Unterrichtsstoff schien er absolut kein Gedächtnis zu haben. Aber neue Busfahrpläne fürs Land, die kannte er komischerweise schon nach einer Woche auswendig. Für Jeff besaß Marco ein rätselhaftes, selektives Gedächtnis.
Nun war er auf dem Weg zu ihm, aber er freute sich vor allem auf das Essen von Marcos Mutter. Seine eigene Mutter kochte auch gut, aber Frau Remek machte die besten Spaghetti und die beste Pizza weit und breit. Das war auch kein Wunder, denn sie war gebürtige Italienerin und erst als junge Frau in die Staaten gekommen.
`Wahrscheinlich sind das die besten Spaghetti in ganz Florida´, dachte Jeff manchmal. `Und ich genieße das Privileg, sie essen tu dürfen.´
Mit Schwung bog er in die Ocean View Avenue ein, wo Marco mit seiner Mutter in einer geräumigen Dreizimmerwohnung lebte.
Marcos Vater war seit Jahren tot. Als Marco noch klein gewesen war, da hatte er fast ein Jahr bei den Strelas gewohnt. Marcos aus Tschechien stammender Vater arbeitete damals bei der Feuerwehr und hatte bei einem Einsatz einen schweren Unfall gehabt. Während eines Brandes in einem Hotel war eine alte Treppe eingestürzt und hatte Marcos Vater in die Tiefe gerissen. Nach mehreren Operationen wurde er zu Hause gepflegt und Marcos Mutter hatte wenig Zeit für ihren damals fünfjährigen Sohn. So war es gekommen, dass sich Jeff und Marco für zehn Monate ein Zimmer und oft auch ein Bett teilten. Marco durfte bei Jeff alles, was er anderen Kindern niemals erlaubt hätte. Es schien so, als hätte der kleine Jeff gespürt, dass Marco seinen Vater verlieren könnte, und daher besondere Rücksicht auf ihn genommen. Der Vater von Marco war dann leider an den Folgen der schweren Verletzungen verstorben.
Jeff erinnerte sich noch oft, wie sie bisweilen Seite an Seite eingeschlafen waren. Manchmal hatte er seine Nase direkt an Marco gedrückt, um den Körperduft seines Freundes einzuatmen. Er hatte diese Augenblicke sehr geliebt. Und auch die vielen Nächte, wenn sie sich bis nach Mitternacht Indianergeschichten erzählten, Angelina kam und sie ermahnte, endlich zu schlafen, die würde er niemals vergessen.
Angenehm berührt von seinen Erinnerungen drückte Jeff die Klingel am Hauseingang. Marco kam die Treppe hinunter gesprungen und öffnete. Der automatische Türöffner war seit Jahren kaputt.
„Was gibt es denn zu essen?“, fragte Jeff neugierig.
„Weißt du doch“, antwortete Marco. „Fleischbällchen mit Spaghetti und Tomatensoße. Mom macht immer dein Lieblingsessen, wenn du zu uns kommst.“
„Köstlich!“ Jeff strahlte übers ganze Gesicht und versuchte den Duft der Tomatensoße schon auf der Treppe zu fassen. „Nach so einem guten Essen werden wir gut lernen können.“
„Du vielleicht“, erwiderte Marco. „Ich bestimmt nicht.“
„Wir gehen den Spickzettel wenigstens paarmal durch“, antwortete Jeff und trat in die Wohnung ein.
In der Küche grüßte er Marcos Mutter und richtete Höflichkeiten seiner Mutter aus – auch wenn diese ihm nichts aufgetragen hatte. Aber es musste so sein. Giorgina erwartete es und umgekehrt war es genauso. Danach gingen sie kurz auf Marcos Zimmer. Jeff schmiss seinen Rucksack aufs Bett und schaute zum Rechner, der aus einer Ecke mit einer ziemlich lauten Festplatte auf sich aufmerksam machte.
„Nach dem Lernen können wir noch über Projekt M reden“, sagte Jeff. „Oder online `Master of the Universe´ spielen. Dein Anschluss funktioniert doch, oder?“
Marco blieb die Antwort schuldig, denn Giorgina rief gerade aus der Küche:
„Essen ist fertig. Lasst es nicht kalt werden!“
„Ich hab einen Bärenhunger nach der Fahrt“, sagte Jeff und rannte hastig an Marco vorbei in die Küche.
In der Tür beruhigte er sich aber gleich und nahm gesittet Platz. Beim Anblick der leckeren Spaghetti und der vielen Hackfleischbällchen auf seinem Teller lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Jetzt konnte sich Jeff nicht mehr zurückhalten, er nahm seine Gabel und begann genüsslich zu essen.
***
Dank Jeffs Nachhilfe waren die Klassenarbeiten zum Jahresende auch für Marco einigermaßen gut gelaufen. Die Feiertage und Silvester gingen vorbei, Mitte Januar gab es Zwischennoten. Marcos Versetzung war nicht gefährdet. Vorläufig.
„Morgen Mom“, grüßte Marco Giorgina an einem Mittwoch in der Küche, überrascht sie überhaupt noch anzutreffen. „Ich dachte, du wärst schon längst weg. Ist was passiert?“
„Ich gehe heute etwas später. Ich bin wegen dir geblieben.“
„Wegen mir?“, wunderte sich Marco und biss in das Brot mit Erdbeermarmelade, das ihm seine Mutter vorbereitet hatte. „Wieso denn wegen mir?“
„Ich mach mir Sorgen, Marco.“
Marco schob gerade seinen Kakao in die Mikrowelle, um es aufzuwärmen.
„Wieso machst du dir Sorgen?“, nuschelte er mit vollem Mund. „Alles läuft doch prima. Sogar in der Schule habe ich mich gebessert.“
„Ja, das ist schön. Setz dich doch mal“, sagte Giorgina. „Es geht nicht um die Schule. Es geht – na ja, um deine Gesundheit.“
„Ich bin doch gesund, Mom. Total fit bin ich.“
„Marco, jetzt mal ernst. Ich wollte dich schon früher ansprechen, habe es dann dummerweise nicht getan. Seit Wochen redest du wirres Zeug im Schlaf. Ist dir das nicht auch aufgefallen?“
Marco hörte auf zu kauen und zog ein ungläubiges Gesicht.
„Mir ist nichts aufgefallen. Aber wieso hörst du mich überhaupt? Meine Tür ist doch immer zu.“
„Du warst ein paarmal so laut, dass ich dich eben gehört habe“, sagte Giorgina. „Neulich hast du was von Raketen, von Bussen auf dem Mond und solche Geschichten erzählt. Kannst du dich wirklich an nichts erinnern?“
Marco blieb der letzte Bissen im Hals stecken, fast musste er würgen.
„Trink was“, sagte Giorgina, nahm den Kakao aus der Mikrowelle und reichte ihn Marco.
„Ich glaub, ich hab mich verschluckt“, ächzte Marco mit Tränen in den Augen und nippte am Becher.
„Das hab ich bemerkt. Geht´s dir jetzt besser?“
„Geht wieder“, sagte Marco und wischte sich die Augen aus.
„Aber weißt du, was heute Nacht passiert ist?“, fragte ihn Giorgina weiter.
„Oh Mann! Ich muss heute früher zur Schule. Wegen der Arbeit. Ich hab´s ganz vergessen“, stotterte Marco. Etwas Besseres fiel ihm nicht ein. Aber er fühlte, dass er jetzt sofort weg sollte. „Ich muss los.“
Er ließ alles liegen und stehen und lief auf den Flur.
„So warte doch!“, ärgerte sich seine Mutter hinter ihm. „Ich bin noch lange nicht fertig!“
Marco hatte gleich seine Jacke an und warf sich die Schultasche über die Schulter.
„Bis später, Mom“, rief er und eilte zur Tür. „Ich darf nicht zu spät kommen.“
Giorgina lief hinter ihm her.
„So warte –“
Die Tür fiel ins Schloss, Marco hörte seine Mutter nicht mehr. Auf der Treppe nahm er drei Stufen auf einmal, hastete auf die Straße, schwang sich auf sein Rad und fuhr los. Fast hätte er vergessen das Schloss zu lösen. Das war ihm erst neulich passiert und er war böse auf die Nase gefallen. Er fuhr nervös und nach nur wenigen Minuten war er völlig verschwitzt. An einer Kreuzung übersah er ein Auto, das von rechts auf ihn zukam. Der Fahrer musste eine Vollbremsung hinlegen, um ihn nicht über den Haufen zu fahren, und hupte dann wütend. Doch Marco kam gar nicht in den Sinn, dass das Hupen ihm gelten könnte. Ihn plagten im Augenblick ganz andere Sorgen.
`Wer weiß, was für einen Mist ich im Traum erzählt hab. Wär ich geblieben, wüsst ich´s jetzt.´
Zu seiner Verzweiflung gesellte sich Ärger.
`Was mach ich bloß? Soll ich´s Jeff sagen? Besser nicht. Ich warte erstmal ab. Aber heut Abend geht´s mit Mom bestimmt weiter. Ich kenn sie ja.´
Als am Abend seine Mutter von der Arbeit kam, saß Marco im Wohnzimmer und sah fern. Er hörte rechtzeitig die Schritte, stellte schnell den Fernseher ab und eilte auf sein Zimmer. Doch diese Fluchtstrategie verschaffte ihm nur einen kurzen Zeitaufschub. Giorgina zog sich um und zitierte ihren Sohn bald in die Küche, denn sie musste noch das Abendessen für sie beide zubereiten. Marco hatte keine Chance, Giorgina war fest entschlossen, das am Morgen abgebrochene Gespräch jetzt gleich weiterzuführen. Den halben Nachmittag hatte Marco gegrübelt, wie er ihr am besten begegnen könnte.
„Hallo, Mom“, grüßte er betont locker und blieb im Türrahmen stehen – bereit zur Flucht.
„Was war das für ein Theater heute Morgen?“, kam Giorgina ohne Umschweife zur Sache. „So einen Abgang machst du sonst nicht. Und schon gar nicht für die Schule. Ich glaube, du verbirgst etwas vor mir.“
„Ich?“ Marco spielte den Überraschten. „Was soll ich denn verbergen?“
„Das weißt nur du.“
„Da gibt´s nix, Mom.“
„In jedem Fall finde ich dein Verhalten in letzter Zeit merkwürdig. Du sprichst im Schlaf und die letzte Nacht warst du auch noch als Schlafwandler unterwegs.“
Marco riss die Augen weit auf und setzte sich.
„Ich … ich … kann mich an nichts erinnern“, stotterte er.
„Wenn ich es dir sage“, bestand Giorgina darauf und trank einen Schluck Wasser. Sie trank immer mindestens ein Glas Wasser, wenn sie von der Arbeit kam. „Glaubst du, ich denke mir das aus? Du wolltest aus der Wohnung raus. Zum Glück bin ich aufgewacht. Ich hab dich angesprochen und du hast überhaupt nicht reagiert. Ich hatte Mühe, dich wieder ins Bett zu bringen.“
„Hab ich denn was gesagt?“, fragte Marco beunruhigt.
„Du hast jede Menge Unfug geredet. So zum Beispiel, dass du dich beeilen musst, weil die anderen an der Rakete auf dich warten würden.“
Marco schluckte und wusste nicht wohin mit den Augen.
„Die anderen?“, fragte er verzweifelt. „Welche anderen?“
„Was fragst du mich? Das musst du doch wissen.“
„Ich hab keine Ahnung.“ Marco versuchte abzuwiegeln. „Das muss ich alles nur geträumt haben.“
„Natürlich hast du geträumt“, sagte Giorgina. „Aber trotzdem. Ich mach mir Sorgen. Vielleicht bist du mondsüchtig. Auf jeden Fall muss ich ab heute die Tür verschließen. Wenn du mir auf die Straße rennst, dann passiert noch ein Unglück. Das Beste wird sein, wenn ich dich von einem Arzt untersuchen lasse.“
Seit dem frühen Tod ihres Mannes war Marco ihr Ein und Alles. Giorgina umsorgte ihren Sohn, wo es nur ging.
„Das ist doch völlig unnötig, Mom.“ Marco begann sich zu ärgern. „Du machst aus einer Mücke einen Elefanten.“
„Das wird sich herausstellen, wenn du beim Arzt warst. Ich kenne hier in Merritt keinen Spezialisten. Aber ich habe mit Jeffs Mutter gesprochen und sie hat mir einige Adressen in Orlando –“
„Das ist voll die Scheiße!“, schrie Marco plötzlich. „Wieso redest du darüber gleich mit anderen Leuten?“
Wütend rannte er auf sein Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Giorgina eilte hinterher. Auf keinen Fall wollte sie dulden, dass er so mit ihr redete. Sie hatte die Türklinke schon in der Hand, zog sie aber wieder zurück.
`Es ist besser, wenn ich ihn zunächst abkühlen lasse´, dachte sie. `Er reagiert immer noch so empfindlich.´
Marco horchte ängstlich auf ihre Schritte im Flur. Als sich Giorgina entfernte, legte er sich aufs Bett und starrte die Decke an. Tränen füllten seine Augen. Er hasste Konfrontationen mit seiner geliebten Mutter und war froh, dass sie nicht ins Zimmer eingetreten war.
`Das hat mir gerade noch gefehlt´, begann er zu grübeln. `Wenn Jeff was erfährt?´
Fieberhaft überlegte er, was er tun könnte, damit so was wie Schlafwandeln nicht mehr passieren konnte.
`Ich kann mir am Abend einen Fuß ans Bett binden. Wenn ich aufstehen will, werde ich wach – oder es haut mich auf die Schnauze. Spätestens dann bin ich wach.´
Marco fand die Idee gut und schmunzelte sogar bei der Vorstellung, wie er auf die Nase fiel.
`Oder soll ich besser die Tür abschließen? Am besten mache ich beides. Doppelt gemoppelt hält besser. Verdammt! Wenn Vater jetzt noch da wäre. Vielleicht hätte ich mit ihm– ´
Traurig drehte sich Marco zur Seite und drückte das Gesicht ins Kopfkissen. Auf keinen Fall sollte seine Mutter sein leises Schluchzen hören.
Später beim Einschlafen grübelte er erneut über seine missliche Situation. Das dicke Seil am linken Bein, mit dem er sich am Bettpfosten angebunden hatte, schränkte seine Bewegungsfreiheit ein. In der Nacht wachte er dadurch mehrmals auf und beim Aufstehen fühlte er sich wie gerädert.
Am Morgen war Giorgina schon aus dem Haus, als er aufstand. Somit konnte er wenigstens in Ruhe frühstücken. Müde fuhr er zur zweiten Stunde in die Schule. Auf dem Hinweg fasste er den Entschluss, Jeff gegenüber nichts zu erwähnen.
`Vielleicht wächst bald Gras über die ganze Geschichte´, hoffte er.
Doch da sollte er sich täuschen.
***
Am Sonnabend nach dem Vorfall mit seiner Mutter erhielt Marco eine Nachricht aufs Handy: <Muss mit dir reden. Wir treffen uns Montag 7:20 an der Schule>. Die Nachricht war von Jeff. Marco antwortete nur mit: <ok>.
`Es wird wohl was wegen Projekt M sein´, überlegte er. `Sonst hätte er mich doch direkt angerufen.´
Kurz dachte er auch an mögliche Unannehmlichkeiten wegen seiner wilden Träumereien, verwarf den Gedanken aber bald wieder. Jeff wusste ja von nichts.
Am Montag fuhr Marco daher entspannt zur Schule. Sein Freund erwartete ihn bereits an den Fahrradständern.
„Morgen“, grüßte Jeff. „Gut, dass du pünktlich bist.“
Marco stieg vom Rad und schloss es an.
„Warum hast du nicht angerufen?“, fragte er Jeff.
„Über Projekt M können wir nicht einfach am Telefon reden“, sagte der. „Die Wände haben Ohren.“
Die Antwort war für Marco sehr beruhigend. Als einige Schüler und Lehrer vorbeikamen und sie grüßten, zögerte Jeff nicht lange.
„Komm, wir gehen schnell zum Spielplatz hinter der Schule. Dort stört uns niemand.“
Sie bogen bald um die Ecke zum Pausenplatz der jüngeren Schüler. Jeff sah sich konspirativ in alle Richtungen um. Er musste immer sicher sein, dass sie nur unter sich waren.
„Weißt du was gestern Abend meine Mutter erzählt hat?“, fragte er und schaute Marco durchdringend an.
Marco zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung, woher soll ich das auch wissen?“
Er glaubte noch fest, dass ihn Jeff wegen irgendeiner anderen Sache reden wollte – nur nicht wegen seiner Träumereien. Gleich im nächsten Satz kam Jeff zum Punkt.
„Meine Mutter hat unter der Woche mit deiner Mom telefoniert. Und die hat ihr erzählt, du wärst krank und müsstest zum Arzt. Weil du nachts im Traum sprechen und schlafwandeln würdest. Ist das wahr?“
Marco lief es heiß und kalt über den Rücken.
„Also, ich weiß von nichts“, versuchte er sich herauszureden. „Ich kann mich an nichts erinnern.“
„Du kannst dich an nichts erinnern?“, wiederholte Jeff verärgert seine Worte. „Spiel nicht den Unschuldigen! Deine Mom hat erzählt, dass du im Schlaf davon redest auf den Mond zu fliegen. Das hat sie frei erfunden, oder wie?“
Marco wurde es schwindlig. Jetzt war es raus und er musste wenigstens etwas von der Geschichte eingestehen.
„Ich kann mich wirklich an nichts erinnern. Ich schwör´s“, beteuerte er. „Aber ich sagte ihr auch, dass ich das Ganze wohl nur geträumt habe.“
„Oh Mann!“ Jeff war außer sich. „Ich hab´s geahnt. Ich hab dich ja selbst schon nachts reden gehört.“
Marco starrte auf den Boden und scharrte mit dem linken Schuh verlegen im Sand.
„Mom macht sich nur Sorgen, weil ich mal im Schlaf aus der Wohnung wollte. Das ist alles.“
„Das ist alles?“, rief Jeff mit aufgerissenen Augen. Er war kurz davor aus der Haut zu fahren. „Du hast uns durch dein Plappern vielleicht schon verraten. So eine Scheiße.“
„Schrei mich nicht so an“, erwiderte Marco mit bebender Stimme. Aggressive Situationen konnte er nur schwer ertragen. „Mom hat keinen Verdacht wegen Projekt M.“
„Du wolltest aus dem Haus, erzählst was von Raketen und auf den Mond fliegen – und ich soll mich nicht aufregen?“
„Das mit Nachtwandeln wird nicht mehr passieren“, sagte Marco. „Garantiert nicht. Ich hab mir die ganze Woche nachts das linke Bein am Bettpfosten festgebunden.“
„Du bindest dich am Bett fest?“, wunderte sich Jeff.
„Guck her“, sagte Marco. „Ich hab von dem blöden Seil schon eine Wunde am Bein.“
Dabei schob er das Hosenbein hoch und zeigte Jeff die Abschürfungen am linken Knöchel.
„Das ist ja echt“, stellte Jeff überrascht fest. Er konnte sich bei der Vorstellung, wie Marco angebunden im Bett lag, ein Lachen nicht verkneifen. „Du bist verrückt.“
„Überhaupt nicht verrückt bin ich“, ärgerte sich Marco jetzt. „Das ist das Einzige was hilft. Wenn ich aufstehen will, dann weckt mich das Seil auf. Außerdem schließe ich jetzt auch immer die Tür ab.“
Plötzlich klingelte es, die Schulglocken riefen sie zum Unterricht.
„Mist“, schimpfte Jeff. Er hatte vor Aufregung ganz vergessen, dass sie an der Schule befanden. „Wenn so was noch mal passiert, dann musst du mir das aber unbedingt sagen. So was darfst du nicht verheimlichen. Verstehst du?“
„Ist mir klar“, gab Marco auf dem Rückweg zu. Zum ersten Mal im Leben war er froh, dass endlich der Unterricht begann. „Ich konnte nicht ahnen, dass Mom alles auspetzt.“
„Du weißt doch, dass sie fast alles mit meiner Mutter bespricht“, erinnerte ihn Jeff.
„Das mit dem Arztbesuch werde ich ihr ausreden“, sagte Marco. „Ganz bestimmt.“
„Ich hoffe nur, dass das keine Folgen für uns hat“, sagte Jeff. Er hatte sich inzwischen etwas beruhigt. „Ich werde heut Abend noch mit Jerry darüber reden.“
„Muss das sein?“, jammerte Marco. „Es kann doch nur unter uns beiden bleiben. Er ist eh immer sauer auf mich.“
„Dafür ist es zu spät, Marco. Er war gestern dabei, als es Mutter erzählte“, antwortete Jeff. „Wir sind gleich in der Schule und reden kein Wort mehr davon. Verstanden?“
Marco nickte geknickt.
***
Nach einigen Bemühungen gelang es Marco tatsächlich, seiner Mutter einen Besuch bei einem Spezialisten für `psychosomatische Erkrankungen´ auszureden. Er hatte sich eine kluge Strategie zurechtgelegt, die einfach klappen musste. Erstens erfüllte er ihr fast jeden Wunsch und zweitens legte er sich für die Schule – in seinen Augen – mächtig ins Zeug. Als er tatsächlich einige passable Noten in der Schule bekam, da war das Thema Arztbesuch vom Tisch.
Nachdem etwas Gras über die Geschichte gewachsen war, beruhigten sich auch Jeff und Jerry allmählich. Jeff lobte Marco vor Jerry bei jeder Gelegenheit über den grünen Klee. Man hätte meinen können, Marco sei jetzt Klassenbester. Jerry durchschaute die Taktik seines Bruders, ließ ihn aber gewähren. Für ihn war viel dringender, dass sie möglichst bald einen wichtigen Punkt besprachen. Am zweiten Montag im Februar ergab sich eine gute Gelegenheit. Mel musste mit ihrer Mutter zur Zahnkontrolle und würde am Nachmittag nicht zu Hause sein. Diesen Umstand wollten sie für ein Treffen nutzen, da ihnen Mel immer noch gerne nachspionierte.
Marco traf gleich nach dem Mittagessen bei ihnen ein. Nun saßen sie auf Jerrys Zimmer zwischen seinen Rechnern und quälten sich mit der wichtigen Frage, wen sie noch in ihr Team holen könnten.
„Das Raumschiff, das offiziell in zwei Jahren starten soll, ist für sechs Astronauten ausgelegt“, sagte Jeff. „Also haben wir noch drei Tickets zum Mond zu vergeben.“
„Das waren neulich wirklich gute Nachrichten von der NASA“, bestätigte Jerry. „Ich hatte schon meine Zweifel, ob sie das Mondprogramm wirklich so schnell voranbringen würden.“
„Wen könnten wir dann aber noch auf den Flug mitnehmen?“, fragte Jeff angespannt. „Ich hab keine Idee. Und du?“
„So spontan fällt mir kein Name ein“, antwortete Jerry. „Aber ich sehe jetzt auch ein großes Problem.“
„Und das wäre?“, hakte Jeff mit gerunzelter Stirn nach.
„Stellt euch vor, wir fragen zum Beispiel Ronald –“
„Welchen Ronald meinst du?“, unterbrach ihn Jeff. „Doch nicht etwa den aus dem elften Schuljahr?“
„Genau den meine ich.“
„Diesen Fiesling willst du fragen?“, entrüstete sich Jeff. Er konnte den Typ nicht leiden. „Das ist nicht dein Ernst.“
„Beruhige dich“, wiegelte Jerry ab. „Das ist doch nur ein Beispiel. Wenn du mich ausreden lässt, wirst du begreifen, worauf ich hinaus will.“
„Okay. Dann erzähl halt.“
Jeff ärgerte sich, dass er wieder mal impulsiv gewesen war und ihn sein Bruder von der Palme holen musste.
„Stellt euch vor wir fragen Ronald, oder einen anderen, ob er mit uns zum Mond fliegen will“, fuhr Jerry fort. „Und der antwortet: `Nein. Ich hab keinen Bock auf den Mond.´ Toll, was?“
„Ich verstehe“, sagte Jeff. „Dann weiß der von unserem Projekt M – und macht gar nicht mit.“
„Der Groschen ist gefallen“, freute sich Jerry. „Und wenn uns das auch nur ein einziges Mal passiert – dann können wir mit Sicherheit einpacken.“
„Hm“, sagte Marco. „Irgendwann könnte der was anderen erzählen, stimmt´s?“
„Genau so ist das, Marco. Und so eine Panne können wir uns nicht leisten.“
„Ist schon klar“, sagte Jeff. „Aber wie willst du verhindern, dass so was passiert?“
