Blaufels - Saga - Andreas Reinhold - E-Book

Blaufels - Saga E-Book

Andreas Reinhold

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Beschreibung

Neidhard von Blaufeld, Angehöriger des niederen Adels und treuer Untertan am königlichen Hof, gerät unversehens in eine Reihe unvorhergesehener Abenteuer, die sein Leben gehörig aus den Fugen werfen. Weit weg von zuhause muss er Ungemach vom Königreich abwenden und dabei trifft er auf Wesen, von denen er bisher noch nie gehört hatte und oder die er für immer besiegt glaubte. Er gerät immer mehr in den Strudel verheerender Ereignisse, an deren Ende er nicht mehr der sein wird, der er einmal war.

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Seitenzahl: 647

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Blaufels - Saga

TitelseiteFennwaldRückwegBraunbergMittsommerZwergenhöhleAuf nach NordenIm KriegImpressum

Blaufels – Saga

Band 1 Mandor

Andreas Reinhold

Vorwort

Der größte Teil der Geschichte Mandors gehört in die Periode der drei Königreiche.

Mehrere Jahrhunderte lang war das Land geteilt in Hattland im Norden, Barnow im Osten und Schirrn im Süden. Jedes dieser Königreiche hatte seinen eigenen Herrscher, der für sich in Anspruch nahm, der rechtmäßige König des gesamten Landes zu sein. Regelmäßig wenn ein neuer Herrscher den Thron bestieg, bekräftigte er diesen Anspruch, indem er den Herrschern der anderen beiden Reiche eine Auflistung seiner Titel übersandte, in der immer an erster Stelle ‚König von Mandor‘ aufgeführt war. Dieser Anspruch ließ sich indessen in der Praxis nicht durchsetzen. Eine endlose Abfolge von Kriegen, Kleinkriegen, Friedensschließungen, gebrochenen Verträgen und mühsam ausgehandelten Nichtangriffspakten war die Folge, denn jeder der Herrscher versuchte über all die Jahre, sein Territorium auf Kosten seiner beiden Nachbarn zu erweitern. Militärische Stärke folgte auf Niederlage, ohne dass sich wirklich etwas veränderte. War etwa Barnow gegen Schirrn siegreich, griff der eifersüchtige Nachbar Hattland ein, denn keiner der Landesherren wollte riskieren, dass einer seiner Konkurrenten zu mächtig wurde. Man belauerte sich, Spione und gedungene Mörder hatten eine Blütezeit, und jederzeit konnte aus einer kleineren Auseinandersetzung ein größerer Krieg entstehen. Natürlich herrschte nicht die ganze Zeit Krieg. Immer wieder ruhten die Kampfhandlungen und die Herrscher einigten sich, aber beim geringsten Anlass konnte der Krieg wieder aufflackern. Einmal resultierte aus einem Überfall von Räubern auf ein paar Kauflaute ein fünf Jahre andauernder Kampf. Beide Parteien, in diesem Fall Schirrn und Hattland, beschuldigten den anderen, hinter der Räuberei zu stecken und die Grenzgebiete zwischen den beiden Reichen wurden einmal mehr verwüstet. Als Schirrn eine wichtige Schlacht gewann und dabei war, über den Nibb nach Norden vorzudringen, griff Barnow ein und attackierte weit entfernt im Süden an der gemeinsamen Grenze Schirrn. Die mussten daraufhin umkehren und im Anschluss handelte man einen Frieden aus. Das Land hatte für ein paar Jahre Ruhe. Aber es gab kaum einen Einwohner in dem großen Reich, der nicht im Laufe seines Lebens auf die eine oder andere Art von Kriegshandlungen betroffen war.

In diese Welt des endlosen Kampfes hinein wurde Ariald geboren. Zu der Zeit war es üblich, einen Wahrsager damit zu beauftragen, nach der Geburt etwas über die Zukunft des Kindes herauszufinden. Als der Wahrsager den kleinen Jungen sah, verdrehte er die Augen, verfiel in eine wirre Sprache und prophezeite ihm schließlich, einmal unter großen Opfern König des geeinten Reiches zu werden. Die Eltern lächelten ein wenig ob dieser Vorhersage, denn je besser die Zukunft sein würde, die der Wahrsager prophezeite, desto besser war für gewöhnlich seine Entlohnung.

Ariald war der Zweitgeborene und man maß diesem Spruch keine besondere Bedeutung bei und vergaß ihn schnell wieder. Nur die junge Kindesfrau erinnerte sich später daran, als sich alles wie vorhergesagt erfüllte. Zunächst stand sein Leben unter keinem guten Stern. Ein Teil seiner Sippe hatte sich im westlichen Teil des Hattlandes unabhängig gemacht. Getrennt durch ein Mittelgebirge war es nicht leicht, dieses angestammte Land wieder unter Kontrolle zu bringen. Der abtrünnige Teile seiner Sippe wehrte sich verbissen gegen alle Versuche, das Land wieder zu einen. Man wähnte sich im Nordwesten sicher und weit genug entfernt von den Machtzentren das Landes. Arialds Vater fiel bei einer dieser Schlachten, als der Junge erst fünf Jahre alt war. Thronfolger war sein älterer Bruder Siegbard, der mit zwölf Jahren viel zu früh den Thron besteigen musste. Wegen dieses herben Verlustes mussten sich die Hattländer erst einmal zurückhalten, als es darum ging, die abtrünnigen Vettern zurechtzuweisen. Als Siegbard mit Hilfe seiner Mutter die Macht gefestigt hatte, griff er einige Jahre später wieder an. Es folgte ein endloser Kleinkrieg in der westlichen Provinz. Zahlenmäßig die bei weitem stärkere Armee gehörte dem alten Hattland, während die Abtrünnigen sich mehr auf die Abgeschiedenheit verließen und sich bei Angriffen der Hattländer zurückzogen. Die Stadt Reburg wurde belagert, während die eigentlichen Verursacher der Spaltung längst oben im Norden weilten und sich in den Wäldern des Bornagebirges verbargen. Siegbard brach die Belagerung ab und eilte den Truppen der Abtrünnigen hinterher, um sie in einen Entscheidungskampf zu zwingen. Dabei geriet er in einen Hinterhalt und fiel.

Ariald war in jungen Jahren plötzlich und unerwartet der neue Thronfolger. Zehn war er zum Zeitpunkt seiner Thronbesteigung. Es folgte auf Drängen seiner Berater ein weiterer Feldzug in die abtrünnige Provinz. Diesmal jedoch verlief der Kampf anders.

Ein kleiner Teil seiner Armee, ausgestattet mit vielen Bauern und sogar Frauen, die dem Feind einzig eine große Stärke vorgaukeln sollten, zogen seine Truppen auf den altbekannten Straßen gen Westen. Sobald sie auf feindliche Truppen stießen, zogen sie sich zurück, verbargen sich im Gebirge, um bei nächster Gelegenheit wieder anzugreifen und möglichst viele gegnerische Truppen zu binden. Der Hauptteil seiner Armee jedoch nahm einen weiten Umweg nach Norden, und stürmte unerwartet gegen die Feinde an. Ariald hatte seinen ersten und sehr wichtigen Sieg errungen.

Wichtiger jedoch war, dass er all jene Mitglieder seiner Sippe zu fassen bekam, die für den Aufruhr und die Teilung verantwortlich waren. Er ließ die Anführer hinrichten. Den feindlichen Soldaten gegenüber bewies er Milde. Das war zu dieser Zeit unüblich, aber er benötigte diese Männer noch. Nach zwanzig Jahren war die abtrünnige Westprovinz wieder mit dem Rest von Hattland vereint.

Wenig später erwuchs dem Reich eine neue Bedrohung. Barbarenstämme an der Nordgrenze waren zu großer Zahl herangewachsen und fielen immer wieder in Hattland und in Barnow ein. Dabei nahmen sie keine Rücksicht auf die Grenzen zwischen den beiden Reichen und plünderten wahllos alles, was sie fassen konnten.

Dies führte wenige Jahre nach der Konsolidierung von Hattland zu einer Koalition, die vorher undenkbar war. Truppen aus dem nördlichen Barnow und aus Hattland kämpften gemeinsam gegen eine Armee von Barbarenstämmen. Der Krieg zog sich einige Jahre hin, bis die Barbaren besiegt und vertrieben waren. Inzwischen war Arial zu einem jungen Mann herangereift. Oft saß er abends während dieses Feldzuges mit dem Herzog des nördlichen Barnow zusammen. Hier fiel zum ersten Mal seit sehr langer Zeit der Name Mandor. In grauer Vorzeit waren die drei Königreiche ein einziges großes Land gewesen, bis sie in drei Reiche zerfielen. So zumindest war in den uralten Schriften zu lesen, die jedoch nur ganz wenige Menschen entziffern konnten. An den Höfen und bei den Gelehrten wussten man von dem einstmals geeinten Land, doch auch den Alltag und das tägliche Leben hatte dies keine Auswirkungen. Ariald spann am abendlichen Lagerfeuer hin und wieder Träume von diesem einstmals großen Reich, und der Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Doch zuvor mussten die Barbaren niedergerungen werden. In diesen gemeinsamen Kämpfen war zwischen Ariald und dem Herzog aus dem nördlichen Barnow ein großes Vertrauen entstanden und nachdem sie endlich siegreich waren, bot er Ariald seine Tochter zur Frau. Wenig später heiratete Ariald die Barnower Prinzessin. Als der alte Herzog einige Jahre später starb, machte Ariald Anspruch auf dessen Land geltend. Der Herzog hatte nur drei Töchter und Ariald hatte die älteste geheiratet. So stand ihm das Herzogtum zu. Das machte ihn zu einem Lehnsmann des Barnower Königs, der in der Hauptstadt Jardwig wenig unternommen hatte, um die Barbaren zu bekämpfen. Diese blutige Arbeit hatte er seinen Untertanen im Norden überlassen, zusammen mit den Hattländern. Von seinem neuen Herzog war er hingegen wenig angetan. Doch Ariald war schneller und klüger als er. Geschickt nutzten seine Männer das Zögern des Königs beim Kampf gegen die Barbaren aus, um Stimmung gegen ihn zu machen. Dabei benutzte Ariald erfolgreich die Propaganda unter den einfachen Leuten. Soldaten und die Menschen in den Städten hörten immer öfter vom einstigen Mandor, dass bald wiedererstehen würde, vom Frieden, der länger währt als nur die Pause bis zur nächsten Schlacht und dergleichen Dinge mehr. Ariald war beliebt bei den Menschen. Und dies münzte er um in militärische Erfolge gegen den König von Barnow. Der sah sich auf einmal gezwungen, immer weiter nach Süden zurückzuweichen und nicht nur die nördlichen sondern auch die mittleren Landesteile Ariald zu überlassen. Das hätte unter normalen Umständen den dritten auf den Plan gerufen. Doch Schirrn kämpfte mit ganz anderen Problemen. Eine gewaltige Hochwasserkatastrophe hatte die südlichen Landesteile verwüstet. Im Schatten des Großen Gebirges hatte es ungewöhnlich viel geregnet. Besonders am Fluss Solber war die Lage sehr schlimm. Starker Regen hatte die Felder überschwemmt und die Ernte vernichtet. Vieh war ertrunken, und alle Orte am Fluss kämpften mit dem Hochwasser. Am schlimmsten hatte es Hellstadt erwischt, die Hauptstadt von Schirrn. Wassermassen hatten dort ganze Straßenzüge zerstört, die Fundamente der Häuser unterspült und zum Einsturz gebracht. Der Palast des Königs war einsturzgefährdet, weil das Wasser auch hier Löcher in den Boden geschwemmt hatte. Die Mauern brachen teils unter ihrer eigenen Last zusammen und das Hauptgebäude konnte man nicht mehr betreten. Schlimmer war jedoch die darauf folgende Hungersnot.

Als Ariald davon hörte, ließ er Teile seiner Truppen nach Schirrn marschieren. Er versprach denen, die sich ihm unterwarfen, Schonung und Hilfe in ihrer Not. Wieder sorgte er dafür, dass die einfachen Leute ihm zugeneigt waren. Denn er hielt sein Versprechen und lieferte denen Nahrungsmittel, die ihm die Stadttore öffneten. So kontrollierte er nach und nach neben seinem eigenen Land die Hälfte von Barnow und Teile Schirrns. Nicht immer verlief die Unterwerfung ohne Kampf und die verbliebenen Landesteile, die noch nicht unter seiner Kontrolle waren, lieferten erbitterten Widerstand. So verbrachte er viele Jahre seines Lebens im Sattel eines Pferdes, in einem Zeltlager inmitten von Soldaten oder auf dem Marsch von einem Unruheherd zum nächsten. Erst als Ariald bereits fünfzig Jahre alt war, unterwarfen sich ihm die letzten verbliebenen Fürsten. Er hatte in langen Kämpfen das Land geeint und er gab dem neu gegründeten Königreich den alten mythischen Mandor.

Als nächstes gründete er eine neue Hauptstadt. Jardwig im Land Barnow existierte weiter, verlor jedoch rasch an Bedeutung. Hellstadt am Unterlauf des Solber war so stark durch das Hochwasser zerstört, dass man den Ort nicht wieder aufbaute und Kienstar in Hattland wurde weitestgehend verlassen. Nur ein größeres Dorf gleichen Namens erinnerte an jene Stelle, wo die alte Hauptstadt einst gestanden hatte.

Ariald gründete eine neue Dynastie. Der Name des Königs war bald heilig. Niemand im Reich durfte ihn tragen. Selbst der Thronfolger nahm erst bei der Thronbesteigung den Namen Ariald an, verbunden mit der Zahl.

Im ganzen Land war der König beliebt. Von wenigen Zwischenfällen abgesehen gelang es ihm und seinen Nachfolgern, dem ganzen Reich Frieden zu geben. Die alten Zeiten der ständigen Kriege waren bald Vergangenheit. Sogar die Zählung der Jahre hatte man verändert. Das Jahr der Krönung Arialds zum König von Mandor wurde zum Jahre Null erklärt. Bald gedieh das Reich und erholte sich von den Schrecken des Krieges. Handel und Handwerk blühten und die Menschen waren zufrieden. Frei gewordene Lehen gab Ariald an seine treuen Gefolgsleute, die überall im Land dem alteingesessenen Adel gegenübergestellt wurden. Ganz entmachten konnte der König die alten Herren des Landes nicht. Häufig hatte nicht das Schwert über die Zukunft entschieden, sondern Verhandlungen, in deren Verlauf Ariald seinen Widersachern entgegenkommen und ihren Besitz bestätigen musste. Das tat er jedoch recht klug und vermied, die großen Sippen gegen sich aufzubringen, so dass am Ende alle einem geeinten Land zustimmten.

Kriege waren nur noch an den Grenzen im Norden gegenwärtig.

Beinahe zweihundert Jahre nach diesen Ereignissen beginnt unsere Geschichte.

Fennwald

Unter den Gelehrten späterer Zeit herrschte lange Zeit Uneinigkeit darüber, wann genau diese Geschichte ihren Anfang nahm. Wenig verwunderlich dürfte dabei sein, dass besonders die Herren Magister aus Neidhards Heimat gerne ausführlich auf seine Jugend und darüber hinaus auf die Geschichte seiner gesamten Familie eingehen. Das mag man als berechtigt ansehen, vielleicht auch als ein Zeichen von Stolz auf den berühmten Sohn des Landes, doch wir schließen uns hier der Mehrheitsmeinung an und beginnen die Geschichte zu dem Zeitpunkt, als Neidhard das Bornagebirge hinter sich gelassen hatte. Dieses Bornagebirge oder einfach nur der Borna, ist ein nahezu exakt von Norden nach Süden verlaufender Gebirgszug im Westen Mandors, nicht besonders hoch, eher ein gewöhnliches Mittelgebirge, aber um durchzukommen, braucht ein geübter Reiter auf einem ausdauernden Pferd auf der Ost-West-Route zwei Tage. Neidhard benötigte zweieinhalb.

Das bedeutete auch zwei Übernachtungen oben in den Bergen, wo einigen Gipfel noch weiß vom Winter waren und auch weiter unten an der Passstraße hier und da Schneereste lagen. Als ob das Wetter seinen Teil dazu beitragen wollte, die Reise so unangenehm wie möglich zu machen, war es die meiste Zeit kalt und windig gewesen. Hin und wieder nieselte es und alles um ihn herum war feucht. Selbst trockenes Brennholz ließ sich kaum finden, und als er am vorherigen Abend nach mehreren Versuchen endlich ein Feuer in Gang gesetzt hatte, brannte es nur mit sehr viel Qualm und wärmte kaum.

Nun hatte er diesen Gebirgszug endlich hinter sich gelassen und stand am Rand des Waldes, der weite Teile davon bedeckte und hier von einem Bach begrenzt wurde. Dieser Bach schlängelte sich durch ein offenes Tal, dass jetzt, Anfang April, noch größtenteils von graubraunem, vorjährigem Gras bedeckt war, zwischen dem sich vereinzelt das frische Grün des Frühlings zeigte. Nur an geschützteren Stellen in Bachnähe wuchs bereits eine zusammenhängende Decke neuen Grases zusammen mit den bunten Farbtupfer einiger Frühlingsblumen. Gelb leuchteten verstreut die Schlüsselblumen auf der Wiese, in Waldesnähe weiße Buschwindröschen und aus dem Wald schimmerten die violetten Blüten des Lerchensporns herüber.

Neidhard war froh, endlich den Waldrand erreicht zu haben. Doch neben einiger Erleichterung machte sich Enttäuschung bei ihm breit. Auf den farbenprächtigen, alten Atlanten, die er vor Beginn seiner Reise studieren durfte, war unmittelbar am Ausgang der Gebirgsstraße die Stadt Reburg eingezeichnet. Dieser Ort war sein Ziel, doch von einer Stadt oder auch nur einer menschlichen Ansiedlung war weit und breit nichts zu sehen. Diese alten Landkarten waren zwar sehr schön und phantasievoll gestaltet, aber häufig ungenau und keine verlässliche Hilfe. Ohnehin hatte er diese alten Karten nur einsehen und nicht etwa mitnehmen dürfen. Einige Notizen hatte man ihm erlaubt, die ihm des öfteren nicht weiter halfen, weil die Karten so fehlerhaft waren. Deshalb war Neidhard, wie alle anderen Reisenden auch, unterwegs auf die Auskünfte Einheimischer angewiesen, die ihm über den Weg liefen. Nur war ihm seit Tagen kein Mensch begegnet, den er hätte fragen können und er fühlte sich verlassen, ein wenig verzweifelt und verloren in einer Gegend, die ihm fremd war. Nicht einmal die sonst in den Wäldern allgegenwärtigen Holzfäller oder Köhler hatte er unterwegs gesehen.

Als einziges Zeichen menschlicher Tätigkeit führte lediglich eine alte, steinerne, seltsam überdimensionierte Brücke über den schmalen Bach, durch den man einfach hätte hindurch reiten oder mit einem großen Satz hinüberspringen können.

Das Tal lag am Ausgang der Bornaberge, war nicht allzu breit und der gegenüberliegende Hang gerade hoch genug, um die Aussicht auf die dahinter liegenden Gegenden zu versperren. Zuletzt hatte die Straße durch einen Tannenwald geführt und zudem unten durch eine Schlucht. So hatte Neidhard nicht bemerkt, dass das trübe Wetter der vergangenen Tage in allerschönstes Frühlingswetter umgeschlagen war. Die Sonne schien ihm auf einmal warm ins Gesicht und der Himmel zeigte sich im schönsten Frühlingsblau ohne ein einziges Wölkchen.

Gegenüber führte der Weg weiter den Hang hinauf und verschwand zwischen Hecken. Doch im Moment wollte er nicht weiter reiten. Dem Sonnenstand nach zu urteilen war es ungefähr Mittag.

Seit Tagesanbruch war er unterwegs gewesen. Sein Pferd und sein Lastesel benötigten unbedingt eine Pause. Begierig tranken sie im Bach, denn den ganzen Morgen hatte er nirgendwo in dem Wald fließendes Wasser gefunden. Er nahm dem Esel die Last ab und ließ die Tiere trinken und weiden. Seine beiden Wolldecken waren noch feucht vom Nebel. Der Rastplatz in der vergangenen Nacht unter einem großen Baum hatte nur begrenzten Schutz vor dem Nieselregen geboten, doch einen besseren Ort hatte er nicht finden können. Nebelschwaden hatten die Gegend eingehüllt und überall hatte es auf ihn herab getropft. Am Morgen hatte er eilig seine Sachen zusammengepackt, ohne sich großartig darum zu kümmern, dass sie noch nass waren, aber jetzt war eine gute Gelegenheit, die Decken aus Schafwolle zum Trocknen am Geländer der alten Brücke aufzuhängen. Denn wenn Wolldecken längere Zeit feucht und zusammengefaltet im Gepäck lagen, begannen sie zu stinken. Außerdem waren sie trocken viel leichter. Dann tauschte er seinen warmen, mit feinsten Daunen gefütterten Wintermantel gegen leichtere Kleidung.

Von seinem Proviant war nicht mehr übrig, nur ein kleiner Kanten Brot, das schon fast zu hart war, um es unbeschadet zu essen, ohne sich dabei einen Zahn auszubeißen, dazu ein Stück Käse, von dem ebenfalls kaum etwas übrig war und der Rest einen Stückes Speck.

Am liebsten hätte Neidhard alles sofort aufgegessen, denn er war ziemlich hungrig. Nur mit viel Selbstbeherrschung behielt er von allem einen Teil für später. Für eine weitere Mahlzeit würde dies gerade noch ausreichen, und bis dahin musste er unbedingt eine Ortschaft erreichen, um sich mit Verpflegung einzudecken.

Doch erst mal brauchte er genauso dringend eine Rast wie seine Tiere. Die letzten beiden Nächte im Gebirge waren ziemlich ungemütlich gewesen. Trotz zweier Wolldecken war ihm niemals richtig warm geworden und er hatte kaum ein Auge zugemacht. Wer kann schon ruhig schlafen inmitten eines einsamen Gebirges ohne eine menschliche Ansiedlung weit und breit, immer in Furcht vor wilden Tieren oder gar Räubern. Bereits lange vor Sonnenaufgang war er wach gewesen und, sobald es hell genug war, eilig weitergezogen. Jetzt war er müde. Lange indessen wollte und durfte er nicht Rast halten. Er wusste nicht, wo die nächste menschliche Siedlung lag und wie lange er brauchen würde, sie zu erreichen. Doch die warme Sonne vertrieb etliche Befürchtungen, machte die Welt um ihn herum etwas weniger bedrohlich und die Wärme machte ihn schläfrig.

„Keinesfalls darf ich einschlafen“, murmelte er noch vor sich hin, lehnte sich an die Brüstung der Brücke und kämpfte vergeblich gegen die Müdigkeit. Ringsum summten die ersten Hummeln und sammelten eifrig Nektar an einigen zeitigen Weidenkätzchen von den Sträuchern am Bachrand neben der Brücke. Mit diesem sanften Brummen im Ohr nickte er schließlich weg.

Wie lange er so dagelegen hatte, wusste er selbst nicht mehr genau, als er plötzlich durch das ängstliche Wiehern eines Pferdes aufgeschreckt wurde. Erschrocken schoss er hoch und sah sich um. Sein Pferd war es glücklicherweise nicht gewesen. Die Stute stand nicht weit entfernt auf der Wiese und schaute mit hochgestellten Ohren in Richtung der Straße. Von dort war, obwohl sich Neidhard dessen nicht ganz sicher sein konnte, das Wiehern des anderen Pferdes gekommen. Der Esel knabberte uninteressiert an ein paar Sträuchern mit ihrem ersten Austrieb an winzigen frischen Blättern. Weitere Geräusche waren nicht zu vernehmen. Von einem weiteren Pferd oder sonst einem Lebewesen war nichts zu sehen. Obwohl, war das eine Stimme? Er horchte, aber just in diesem Moment setzte über ihn eine Lerche mit ihrem Lied ein und in den Ästen eines Baumes am Waldrand ertönte das laute Lachen eines Spechtes, der sich vor irgendwas erschrocken hatte. Dieses Lachen übertönte alle anderen Geräusche und sicher war er sich ohnehin nicht gewesen. Angestrengt lauschte er, als der Specht weggeflogen war, doch zu hören war nichts.

Die Sonne war schon ein gutes Stück weitergewandert. So oder so, es war allerhöchste Zeit weiterzuziehen. Ein paar Stunden blieben ihm bis zum Sonnenuntergang, trödeln durfte er jedoch nicht, denn im Dunkeln wollte er keinesfalls durch unbekanntes Terrain ziehen.

Er packte seine Sachen zusammen. Die Decken waren während seines Nickerchens in der Sonne getrocknet und er konnte sie bedenkenlos einpacken. Dann lud er dem Esel das Gepäck wieder auf und setzte sich aufs Pferd. Vorher zog er den einzigen, waffenähnlichen Gegenstand aus dem Gepäck, den er bei sich führte, einen harten, handlichen Knüppel aus Eichenholz. Zu vernehmen war immer noch nichts, doch irgendwie hatte ihn dieses Wiehern beunruhigt.

Er folgte dem Weg durch das Tal bis zum Hang gegenüber. Hier hatte sich im Laufe der Zeit ein Hohlweg gebildet, der auf beiden Seiten von einer Hecke umsäumt wurde.

Die Straße verlief an dieser Stelle nicht gerade, sondern leicht schräg in einem weiten Bogen den Hang hinauf. So konnte man von unten nicht das obere Ende sehen.

Am Fuß dieses Hanges blieb sein Esel plötzlich stehen und schnaubte. Und wenn ein Esel nicht weiter gehen will, dann will der einfach nicht, egal was man macht. Auch das Pferd wurde unruhig und tänzelte leicht auf der Stelle, ohne sich weiter von der Stelle zu bewegen. Er kannte seine Tiere. Ohne triftigen Grund würden sich die nicht so störrisch verhalten. Etwas stimmte nicht. Neidhard musste absteigen. Bestimmt hatte das seltsame Verhalten etwas mit dem Wiehern zu tun, dass er zuvor gehört hatte. Er band beide Tiere an einem Ast fest, beruhigte sie, so gut es ging, hielt den Knüppel fest in der Hand und ging langsam und sehr leise den Hang hinauf. Von weiter oben hörte er schließlich ein unterdrücktes, leises Knurren und Blaffen und nicht viel weiter, und er konnte sehen, was geschehen war.

Vor ihm lagerte ein Rudel verwilderter und ziemlich abgemagerter Hunde. Wie viele es waren, konnte er nicht auf Anhieb sagen, aber mindestens fünf. Sie hatten einen jungen Mann eingekreist. Der stand mit dem Rücken vor einem dichten Busch, durch den sich nicht einmal ein Hund hindurchzwängen konnte und der ihm wenigstens von hinten etwas Schutz bot. In der Hand hielt er ein Messer und einen Stock. Keinen dicken Prügel wie Neidhard, sondern eine dünne Rute, die er sich wohl in Ermangelung von etwas besserem aus der Hecke herausgeschnitten hatte. Das sah nicht nach einer sonderlich brauchbaren Waffe aus, doch vor ihm auf dem Boden lag ein toter oder sterbender Hund, der wohl seinem Messer zu nahe gekommen war. Dies hielt die anderen Tiere vorerst auf Abstand.

Dann entdeckte Neidhard den Grund für den Angriff. Hinter dem Mann lag ein erlegtes Reh auf dem Boden.

Die Hunde hatten ihre vermeintliche Beute fest im Blick und achteten auf nichts anderes. Der Mann wiederum rührte sich nicht vom Fleck. Insgesamt war die Situation nicht ungefährlich. Mancherorts wurden solche Hunderudel zu einer wahren Plage und Neidhard hatte bereits von Fällen wie diesem hier gehört, bei dem sie sogar Menschen angegriffen hatten.

Weil er nicht wusste, was er sonst unternehmen sollte, schlich er sich leise und unbemerkt an den hintersten Hund an, holte aus und versetzte ihm einen heftigen Schlag auf den Kopf. Der Hund brach zusammen und bevor die anderen Tiere sich sammeln oder sonst wie reagieren konnten, bekam der zweite Köter einen mächtigen Hieb ab. Der winselte noch kurz und brach dann ebenfalls zusammen. Die anderen waren nun gewarnt. Der vorderste und größte drehte sich herum und griff Neidhard an. Doch da traf ihn ein Stein in die Seite, geworfen von dem jungen Mann. Nicht heftig genug, um ihm ernsthaft zu schaden, aber der Wurf irritierte das Tier für einen Moment und lenkte ihn ab und dadurch konnte Neidhard auch diesem Köter einen ordentlichen Schlag verpassen. Beim ersten Hieb traf er nicht genau, das Tier jaulte laut auf und erst der zweite Schlag setzte auch diesen Hund außer Gefecht. Er hatte binnen weniger Augenblicke drei Hunde ausgeschaltet.

Die anderen Hunde, viele waren es nicht mehr, waren nun vorsichtiger. Sie waren gewarnt, hatten ihren neuen Feind entdeckt, die Wirksamkeit seiner Waffe erlebt und deshalb ließen sie ihn nicht mehr auf Reichweite an sich heran. Sie vergrößerten den Abstand, ohne allerdings aufzugeben. Und natürlich war es völlig sinnlos, den Tieren hinterherzulaufen.

Er stellte sich neben den jungen Mann auf. Die verbliebenen Tiere lagerten in sicherer Entfernung. Geifer tropfte einem aus dem Maul und die sicher geglaubte Mahlzeit war plötzlich unerreichbar.

„Diese verdammten Köter haben mir aufgelauert.“ sagte plötzlich der Mann. „Haben hier gewartet und sind plötzlich aus dem Gestrüpp gesprungen. Mein Pferd hat gescheut und ist gestürzt, direkt auf meinem Fuß. Eckbert heiß ich.“ Der Mann trug nicht die einfache, leinene Kleidung eines Bauern. Eher sah er aus wie ein Soldat oder vielleicht ein Jäger mit Stulpenstiefeln, Hosen und einem grünlich-ockerfarbenen Gewand. Ein Pferd war nirgendwo zu sehen.

Neidhard nannte seinerseits seinen Namen. Noch war keine Zeit für eine Unterhaltung.

„Wie viele sind noch übrig?“ wollte Neidhard wissen.

„Drei, denke ich mal.“ Das stimmte. Um sie herum standen noch drei Tiere des Rudels.

„Na, die werden wir auch noch erledigen.“ sagte Neidhard leichthin. Er sammelte einige handliche Steine auf. Besonders gefährlich sahen die Hunde nicht aus. Halb verhungert und verwahrlost, das ja. Und weil er sich bisher ganz gut geschlagen hatte, faste er neuen Mut.

„Komm mit!“ sagte er und machte sich bereit, vorwärts zu stürmen. Das erwies sich als schwierig.

„Kann nicht, mein Fuß.“ sagte Eckbert. „Kann kaum stehen.“

Tatsächlich war es nicht übermäßige Tapferkeit gewesen, die den jungen Mann alleine gegen die Hunde kämpfen ließ. Er hatte sich beim Sturz vom Pferd so schwer den Fuß verletzt, dass er unmöglich weglaufen konnte und so zur Tapferkeit gezwungen war. Und selbst das hätte er wohl nicht mehr lange durchgehalten.

Doch Neidhard hatte keine Angst mehr. Er stürmte vorwärts, so nah wie möglich an die Hunde heran, warf ein paar Steine nach ihnen, traf auch ein oder zweimal, ohne größeren Schaden als ein kurzes schmerzhaftes Jaulen damit anrichten zu können. Aber immerhin, er konnte die Tiere nach ein paar weiteren Steinwürfen vergraulen. Mit eingeklemmten Schwänzen machten sie sich einer nach dem anderen davon, glücklicherweise nicht hangabwärts in die Richtung, wo Neidhard sein Pferd und den Esel angebunden hatte. Mehr konnte er nicht tun. Er sah sie weiter oben zwischen den Büschen verschwinden. Deshalb kehrte er zu dem jungen Mann zurück.

Der hatte sich inzwischen auf den Boden gesetzt, weil er kaum stehen konnte. Doch er reichte Neidhard sein Messer.

„Besser die Kehle durchschneiden.“ meinte er. Die Worte klangen schmerzverzerrt. Neidhard sah rasch ein, dass dies notwendig war, um auf Nummer sicher zu gehen. Er ging zu den Tieren, die er mit dem Knüppel niedergestreckt hatte, und tötete sie endgültig. Beim dritten, dem, der ganz hinten gewesen war und den er als erstes erledigt hatte, stoppte er.

„Der hier hat ein Halsband.“ rief er. Dann bückte er sich und entfernte es. Es handelte sich um eine wunderschöne Arbeit, hergestellt aus einem dunklen Leder, in das ein eigenartiges Muster gepunzt war, ein Ornament aus stilisierten Blumen, dass sich mehrfach wiederholte. Die Schnalle, die alles zusammenhielt, war nicht etwa aus normalem Eisen, sie glänzte golden. Er steckte das Halsband ein und gab Eckbert das Messer zurück.

Der konnte ob der Schmerzen kaum mehr sprechen. Immerhin konnte er ihm sagen, dass nicht sehr weit entfernt ein Dorf war und man dort Hilfe bekommen sollte. Von Eckberts Pferd war weit und breit nichts zu sehen.

Neidhard bat den jungen Mann um ein wenig Geduld und lief den Hang hinunter, um seine Tiere zu holen. Anfangs kamen sie mit, wenn auch immer noch ein wenig nervös, denn die Gefahr war vorüber, doch beide weigerten sich, an den erschlagenen Hunden vorbei zu gehen und scheuten. Erst als er die Kadaver ins Gebüsch geschleppt hatte, gingen sie nach etlichem Zureden an der Stelle vorbei.

Mühsam hievte Neidhard den jungen Mann aufs Pferd. Das erwies sich als nicht so einfach. Der junge Mann litt sichtlich unter Schmerzen, auch wenn er dies so tapfer wie möglich zu verbergen suchte. So war es eine Tortur für ihn, in den Sattel zu steigen. Endlich hatte er Eckbert in einer einigermaßen vorteilhaften Position auf das Pferd gehievt. Er selbst war den ganzen Vormittag hindurch geritten und deshalb ging er für eine Weile ganz gerne zu Fuß. Ohnehin war er kein besonders guter Reiter und eine Wahl hatte er auch nicht, wenn er den jungen Mann nicht zurücklassen wollte. Das erlegte Reh packte er dem Esel zusätzlich auf, denn es wäre viel zu schade gewesen, das Fleisch einfach zurückzulassen.

Sie zogen das letzte Stück des Hohlweg hinauf und kamen bald oben an. Hinter ihnen ragte das Bornagebirge auf und vor ihnen lag eine hügelige Landschaft. Von einem Dorf war nichts zu sehen. Eckbert zeigte mit der Hand in westliche Richtung, aber die Straße führte ohnehin dorthin. Dann lehnte er sich vor Schmerzen an den Hals des Pferdes. Zuerst führte der Weg durch Viehweiden, die von Hecken begrenzt wurden. Näher am Dorf lagen einige Äcker. Einmal sah er in etlicher Entfernung Bauern auf einem Feld arbeiten, aber die waren viel zu weit weg und beachteten sein Winken nicht.

Schließlich führte der Weg hügelabwärts in ein Dorf, dessen Häuser sich unter mächtigen alten Lindenbäumen versteckten. Jetzt im Vorfrühling schimmerten die Dächer noch rötlich durch die unbelaubten Äste. Um das Dorf herum gab es einen Saum von Obstgehölzen, die kurz vor der Blüte standen. Es sah aus, als schützten sie das unten im Tal gelegene Dorf. Der Ort hieß Fahr. Insgesamt war dies ein malerischer Anblick, wie das Dorf sich im Schutz des Hügels und der großen Bäume in das Tal schmiegte und am liebsten hätte Neidhard angehalten, um den Anblick zu genießen. Er hatte eine Vorliebe für schöne Dinge und schöne Aussichten und auch die Häuser, die durch die Bäume zu erkennen waren, gefielen ihm. Doch dafür war keine Zeit. Ständig musste er darauf achten, dass der Verletzte nicht vom Pferd herunterfiel, besonders, da der Weg zuletzt bergab führte und der junge Mann drohte, auf dem Pferd nach vorne zu rutschte. Der Transport war für ihn sichtlich eine Qual. Und es war natürlich angebracht, so schnell als möglich Hilfe zu erhalten.

Schließlich erreichten sie das Dorf. Es lag wie ausgestorben da. Kein Mensch war zu sehen, nur ein paar Gänse schnatterten in ihre Richtung. Jetzt im Frühjahr arbeitete fast die gesamte Bevölkerung auf den Feldern, wie überall im Land um diese Jahreszeit. Neidhard wollte auf das erste Haus zusteuern, aber Eckbert zeigte auf ein größeres Gebäude ein Stück weiter. „Dorthin“ bekam er mühsam heraus.

Ihr Ziel war ein ansehnlicher Bauernhof, vor dem, wie Neidhard beim Näherkommen bemerkte, eine ältere Bauersfrau im Garten arbeitete. Eifrig war sie damit beschäftigt, die Beete für die Gemüseaussaaten vorzubereiten. Erst als Neidhard mit seinem Patienten nicht mehr weit entfernt war und sein Pferd ein Geräusch machte, schaute sie auf.

Neugierig blickte sie herüber, aber als sie den Verwundeten erkannte, wich die Neugier Besorgnis.

Sie ließ ihre Gartenharke fallen und eilte heran.

Neidhard setzte sie mit wenigen Worten von dem Unfall in Kenntnis. Als erstes mussten sie Eckbert versorgen. Gemeinsam wuchteten sie den Verwundeten vom Pferd, sorgsam darauf bedacht, die Verletzung nicht zu verschlimmern.

Als Eckbert neben der Haustür am Boden lag, rief die Frau lauthals „Rosa, komm mal her.“ nach drinnen. Ein junges Mädchen von vielleicht siebzehn Jahren kam aus dem Inneren des Hauses angelaufen. Sie trug ein einfaches Kleid, ähnlich dem ihrer Mutter und hatte eine Schürze umgebunden. Als sie den Burschen am Boden liegen sah, stürzte sie auf ihn zu und riss sorgenvoll die Augen auf.

„Lauf und hol die alte Hilde, dann sag dem Vater auf dem Feld Bescheid. Hast du verstanden?“ sagte die ältere Frau.

Das Mädchen konnte sich kaum losreißen und blieb unschlüssig stehen.

„Na mach schon Dirn. Worauf wartest du noch. Erst zur alten Hilde, verstanden.“

Schließlich stürmte Rosa los, die Schürze vom Kochen noch umgebunden, und rannte die Straße hinunter.

Neidhard und die ältere Frau trugen den Verletzten vorsichtig nach drinnen und legten ihn schließlich auf ein Bett. Das erwies sich als ziemlich mühsam, denn Eckbert war ein kräftiger junger Mann. Dann versuchten sie gemeinsam, die schweren Stiefel vom Fuß zu bekommen. Bei dem verletzten Fuß erwies sich auch dies als äußerst schwierig. Nach etlichen Versuchen, immer in der Befürchtung, die Verletzung noch zu verschlimmern, mussten sie eine Schere und ein scharfes Messer zu Hilfe nehmen, denn anders konnten sie den Stiefel nicht entfernen. Weil dieser sehr solide gearbeitet waren, brauchten sie dafür ziemlich lange. Es ging auch nicht ganz ohne Stöhnen ab, obwohl Eckbert, so gut es ging, die Zähne zusammen biss. Der Fuß war bereits stark angeschwollen, teils blau verfärbt, vermutlich gebrochen und die Verletzung sah ziemlich übel aus. Die starken Schmerzen waren keinesfalls eine Übertreibung gewesen und Neidhard wunderte sich, wie der junge Mann während des Kampfes mit den Hunden so lange hatte aufrecht stehen können.

Endlich hörten sie Schritte im Flur und die alte Hilde traf ein. Sie war eine alte Frau von undefinierbarem Alter, vielleicht Sechzig, und einem runzeligen, aber freundlichen Gesicht. Ihr Kleid war ähnlich einfach gehalten wie das der Bauersfrau und sie reichte Neidhard, der nicht besonders groß war, bis zum Kinn. Unter ihrem Kopftuch lugten ein paar graue Haare hervor. Sie hatte eine große Umhängetasche bei sich, und war wohl so etwas wie eine Heilkundige.

Neidhard wurde, zu seiner unausgesprochenen Erleichterung, nach draußen geschickt. Die Frauen brauchten ihn nicht und er stand nur im Weg herum. Von gebrochenen Gliedmaßen, und wie die wieder zu richten waren, verstand er schlichtweg nichts.

Immerhin wurde ihm aufgetragen, dafür zu sorgen, dass niemand unberufen in das Krankenzimmer hineinlief und störte.

Etwas unschlüssig, was er weiter tun sollte, stand er auf dem Hof des Anwesens herum. Das war ein von drei Seiten umschlossener Bauernhof mit einem geräumigen Wohnhaus, einem Stall und einem weiteren Gebäude. Bis Mannshöhe war das Wohnhaus aus Feldsteinen gemauert, der darüber liegende Stock war aus Fachwerk und das Dach aus einfachen, rötlichen Dachziegeln. Der Stall dagegen war aus Brettern gebaut, niedriger als das Wohnhaus und mit Holzschindeln gedeckt. Das dritte Gebäude war wiederum massiv gemauert, aber nur einstöckig. Alles in allem war dies das schöne Anwesen eines wohlhabenden Bauern.

Neidhard entlud schließlich seinen Esel und legte das geschossene Reh auf den Boden. Irgendwo musste er unterkommen und in so einem stattlichen Gehöft sollte sich ein Plätzchen für die Nacht finden lassen. Ein paar Hühner und ein Hahn badeten gegenüber im Staub unter dem Dachvorsprung des Stalles und Neidhard schaute ihnen belustigt zu. Lange indessen musste er nicht warten. Das Mädchen war gleich weiter auf die Felder gelaufen, um ihren Vater zu holen. Der kam nun auf einem Ackergaul heran geritten. Er wusste natürlich nicht genau, was geschehen war. Aber seine Tochter hatte ihm etwas von einem Fremden erzählt, zudem von einer Verletzung und da blieb man besser vorsichtig. Kurz vor Neidhard zügelte er das Pferd und schaute den fremden Mann auf seinem Hof ein wenig misstrauisch an.

Er war noch schmutzig und verschwitzt von der Feldarbeit. Sein Name war Farold. Neidhard stellte sich seinerseits mit den Worten: „Hofschreiber Neidhard.“ vor. Das sorgte, wie er gehofft hatte, für einiges Erstaunen.

„Hofschreiber hmm.“

Es kam nicht alle Tage vor, dass ein Hofschreiber hier in Nahr vorbei kam. Das war eine Untertreibung, denn strenggenommen war dies in der Lebenszeit des Bauern noch nie vorgekommen. Entsprechend verblüfft war der Mann . Doch erst einmal wollte Farold nach drinnen, um nach dem Verletzten zu sehen. Neidhard konnte ihn gerade noch zurückhalten.

„So, die alte Hilde hat das gesagt,“ antwortete der Bauer. „Na, dann hören wir wohl besser drauf.“

Einige weitere Leute, die zusammen mit dem Bauern auf den Feldern gearbeitet hatten und zu Fuß gefolgt waren, erreichten den Hof und japsten nach Luft. Alle hatten sich mächtig beeilt. Unter ihnen war Rosa, die Neidhard feindselig anschaute. Sie dachte wohl, er wäre verantwortlich für das, was dem jungen Mann zugestoßen war.

„Nun, am besten kommst du jetzt mit rein, Hofschreiber, und erzählst uns in aller Ruhe, was passiert ist.“

Das war ein wenig respektlos daher gesagt. Sein Titel schien dem Bauern nicht viel zu bedeuten. Ein wenig war Neidhard verärgert. Diese dummen Bauern konnten vermutlich weder lesen noch schreiben. Anderswo hätte er von ihnen mehr Achtung und Respekt eingefordert. Aber hier mitten unter Leuten, die er nicht kannte und auf deren Hilfe er dennoch angewiesen war, blieb ihm nichts anderes übrig und er folgte durch eine andere Tür nach drinnen. Diese führte nicht in das Wohnzimmer, in das er zuvor den Verletzten bugsiert hatte, sondern in eine kleine Gastwirtschaft.

Der Bauer betrieb nebenbei noch eine Schankstube. Die war sogar recht geräumig, hatte aber bereits bessere Zeiten gesehen. Ein paar Tische und Bänke waren das gesamte Mobiliar, zudem ein großes Regal, auf dem einige leere Humpen standen. Die Fenster bestanden aus einem dünnen, in Öl getränkten Leinen, durch das man nicht wirklich nach draußen sehen konnte, dass aber genug Tageslicht einließ und den Raum erhellte. Alles sah reichlich altersschwach aus und Gäste gab es keine. Immerhin war es sauber.

Dort setzten sie sich an einen Tisch und jemand stellte einen Krug Bier vor ihm hin. Neidhard war sich nicht sicher, ob das der richtige Moment für einen Umtrunk war, wagte aber nicht abzulehnen.

Das Bier jedoch schmeckte ausgezeichnet, würzig und herb, wie man es anderswo nur selten vorgesetzt kam. Selbst mit den besten Bieren in der fernen Hauptstadt konnte das hier mithalten. Und so nahm er einen kräftigen Schluck.

„So, was ist denn passiert.“ fragte der Bauer noch mal, nachdem alle mit einem Bier versorgt waren.

Sie sprachen in dem ulkigen Dialekt der Menschen aus dem Reburger Land, bei dem das A meistens lang ausgesprochen wurde, egal in welchem Wort und ein E häufig als Oi. Anderswo im Reich sorgte dieser Dialekt für Belustigung und man nahm die Sprecher deswegen gerne auf den Arm, doch hier inmitten einer Gruppe war das natürlich nicht angebracht.

Die anderen schauten ihn an, aber gerade als Neidhard mit seiner Erzählung anfing, trudelte ein weiterer Bauer ein. Der gehörte nicht zum Hof, doch die Nachricht von einem Fremden, der wohl irgendwas mit dem jungen Eckbert angestellt hatte und jetzt beim Schankbauern eingekehrt war, hatte sich im Ort schnell verbreitet. Ganz so ausgestorben und menschenleer wie es schien, war das Dorf wohl doch nicht. Konnte ja sein, dass man Farold irgendwie zu Hilfe kommen musste und deshalb war der Mann von der Feldarbeit nicht nach Hause gegangen, sondern unmittelbar in die Schankstube. Kaum hatte der sich hingesetzt und war mit einem Bier versorgt, kam noch einer und bald darauf noch zwei. Jedes mal musste Neidhard wieder von vorn anfangen, kurz erklären, wer er war, und so dauerte es ein wenig, bis er mit seiner Erzählung fertig wurde.

„Siehst du Oswar.“ rief ein Bauer dazwischen. „Das waren mit Sicherheit diese verdammten Köter, die deine Ziege gefressen haben. Und keine Wölfe, wie du uns immer weismachen willst.“

So ging die Rede ein wenig hin und her. Neidhard erriet dadurch, dass die Hunde beträchtlichen Schaden in der Gegend angerichtet und einiges an Vieh gerissen hatten. Schließlich hatte man sich vor einer Weile an den Bürgermeister von Reburg gewandt und der hatte den jungen Eckbert von der Stadtwache vorbeigeschickt. Der sollte, ausgerüstet mit einer soliden Armbrust und einem guten Pferd, die Bande erledigen. Nur waren die Hunde schlauer gewesen, denn obwohl er jeden Tag in der Umgebung unterwegs gewesen war, hatte er bisher keinen einzigen erwischt. Umso besser, so die einhellige Meinung, dass jetzt wenigstens vier tot waren.

„Schade, dass ihr die restlichen nicht erwischt habt.“ sagt der Bauer Oswar. „Vielleicht hätten sie statt dieses Jungspunds einen richtigen Hundefänger schicken sollen. Jemanden, der was von seiner Arbeit versteht. Wo ist denn sein Pferd abgeblieben und diese neumodische Waffe, diese Armbrust?“

Diese Frage konnte Neidhard nicht beantworten. Statt dessen fiel ihm das Halsband wieder ein, das er einem der getöteten Tiere abgenommen hatte. Er holte es aus der Tasche seines Mantels und reichte es herum.

„Das hier hatte einer um den Hals.“ sagte er, aber niemand der Bauern erkannte das Halsband.

„Ein schönes Stück. So etwas hat hier in der Gegend keiner. Hab das noch nie gesehen.“ sagte Farold und die anderen nickten, nachdem jeder reihum das Teil in der Hand gehabt hatte.

Schließlich wollte einer wissen, wo Neidhard überhaupt hergekommen war und was er an der alten Brücke gemacht hatte. Das war scheinbar für alle von Interesse, denn plötzlich hörte alles Gemurmel am Tisch auf, die Anwesenden waren still und schauten ihn an.

Neidhard sah keinen Grund, warum er die Frage nicht beantworten sollte.

„Durch die Bornaberge bin ich gekommen.“ meinte er.

„Was sind denn die Bornaberge?“ wollte einer wissen.

„So nennen die Leute in der Stadt den Fennwald.“ antwortete der Bauer Farold.

„Durch den Fennwald gekommen. Wo gibts denn so was. Das hab ich noch nie gehört, dass einer da durchgekommen ist. Bestimmt ist er von Süden am Waldrand hoch geritten.“

Die anderen nickten und plötzlich quasselten sie alle durcheinander. Richtig aufgeregt waren sie, mehr noch, ungläubig glotzten sie ihn an. Die Hunde und das verlorene Vieh waren mit einem Schlag vergessen.

„Was ist denn an den Bornabergen so besonders?“ fragte Neidhard zurück.

„Er fragt, was daran so besonders ist.“ äffte ihn einer nach. „Ist ein Hofschreiber und hat noch nie was vom Fennwald gehört. Das gibts doch wohl nicht.“

Die Aufregung nahm immer mehr zu, ohne dass Neidhard auch nur ahnen konnte, was der Grund dafür war.

Schließlich rief sie Farold alle zur Ruhe.

„Stimmt das wirklich? Bist du tatsächlich durch die Berge geritten?“

„Ja“ erwiderte Neidhard „natürlich bin ich das. Auf der Straße. Aber bitte, was ist daran so besonders.“

„Und dir ist nichts passiert?“ fragte der Bauer zurück.

„Nein, was soll schon passiert sein. Kalt und feucht war es in der Nacht. Das ist aber zu dieser Jahreszeit nicht ungewöhnlich. Aber jetzt sagt endlich, was daran so besonders ist.“ wiederholte Neidhard seine Frage zum dritten Mal.

Farold nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Bierkrug, stellte diesen dann vor sich hin und fing an zu sprechen.

„Seit vielen Jahren ist kein Mensch durch den Fennwald geritten. Die Berge hier sind verflucht. Wenn man dort hineingeht, wird man unweigerlich verrückt.“

„Seit Jahren ist noch untertrieben, seit mehr als Hundert Jahren sollte man sagen.“ unterbrach ihn einer.

„Es heißt sogar, zweihundert.“ sagte ein Dritter und plötzlich fühlte sich Neidhard äußerst unwohl. Unausgesprochen lag so etwas wie ein Vorwurf von Hexerei oder dergleichen im Raum und dies konnte schnell äußerst unangenehm enden. Über verfluchte Berge und derlei übernatürlichen Dinge sprach man besser nicht, und schon gar nicht mit irgendwelchen Fremden, die man kaum kannte. Das konnte jeden in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Doch die Bauern sahen nicht böse oder wütend aus, nur ungläubig und erstaunt.

Mehrere der Anwesenden versicherten Neidhard, dass sie früher selbst versucht hätten, in den Wald zu gehen, aber das dies unmöglich war. Natürlich war das verboten, aber unter den Lausebengeln der Gegend galt das als eine Mutprobe. Bereits nach wenigen Schritt auf der anderen Seite der alten Brücke würde man vor Angst nicht mehr weiter gehen können. Andere liefen schreiend wieder zurück, weil sie plötzlich Untiere oder sonstige schreckliche Dinge gesehen hatte, die in Wirklichkeit nicht existierten. Länger als ein paar Minuten hatte es dort drin noch niemand ausgehalten. Und je länger man im Wald bleibt, desto schlimmer wird es. Einer aus dem Nachbardorf, so erzählten sie, wäre drinnen vollkommen verrückt geworden und hätte sich mit dem Messer selbst erstochen. Sie alle hatten nur vom Rand aus zusehen können.

„So ein Unsinn.“ wiederholte Neidhard. „Wieso sollte dieser Wald denn verflucht sein und von wem?“

„In den alten Zeiten“ begann Farold, „lebten in den Wäldern da drüber Elfen. Und als der König Ariald damals das Reich geeint hatte, da hat seine Armee im Anschluss die Elfen getötet. Rein marschiert sind sie, ohne Warnung. Und sie haben alle getötet, die sie erwischen konnten. Die Geister der Toten spuken seit damals an dem Ort und lassen keinen Menschen durch.“

Neidhard protestierte energisch. Das konnte er nicht unerwidert hinnehmen.

„König Ariald hat die Zauberer verjagt. Das ist zweihundert Jahre her. Und es war richtig, dass er das gemacht hat, denn die Zauberer haben viel Unheil über das Land gebracht. Aber von Elfen steht in den alten Schriften nichts. Ich denke, ihr verwechselt da was.“

„Ach was, abgeschlachtet haben seine Soldaten die Elfen, erst in einen Hinterhalt gelockt und dann abgeschlachtet. Sogar unbewaffnet sollen die gewesen sein. Dabei hatten sich die Elfen aus allem Händel und allem Zwist im Reich herausgehalten.“ warf ein Bauer ein.

„Glaub mir, hier in der Gegend weiß das jeder. Die Geister kommen nicht zur Ruhe, auch nach so langer Zeit nicht.“ meinte Farold dazu. „Sie rächen sich an jedem Menschen, der sich dem Gebirge und jenem Ort nähert, an dem sie umgehen.“

Das Gespräch verlief mehr als unglücklich. Neidhard versuchte, ein wenig davon abzulenken.

„Und wieso nennt ihr die Berge Fennwald?“ fragte er deshalb.

„Das kommt von den Feen, verstehst du?“ antwortete Farold. „Aus Feenwald wurde Fennwald. Jeder hier in der Gegend nennt ihn so.“

„Herr Schreiber, das ist doch richtig, dass Elfen und Feen das gleiche sind wie bei uns Menschen Männer und Frauen?“ rief einer dazwischen.

Diese Frage fand Neidhard so verblüffend, dass er beinahe gelacht hätte. Das Bier war ihm doch ein wenig zu Kopf gestiegen. Er musste aber gestehen, dass er über diese Frage noch nie nachgedacht hatte.

„Was soll denn was sein, Feen sind die Frauen und Elfen die Männer, oder andersrum?“ antwortete ein anderer. „Ich glaub das nicht. Jeder weiß doch, dass Feen Flügel haben und viel kleiner sind.“

„Und woher kommt deiner geschätzten Meinung nach der Name Fennwald, wenn nicht von Feen? Das solltest du aber mittlerweile wissen.“

„Ach hör doch auf damit. Der Fennwald heißt schon immer so, nicht erst seit dem Massaker damals.“

Die beiden schienen dieses Thema nicht zum ersten Mal diskutiert zu haben und beinahe hätten sie sich deswegen gezankt.

Dann kamen sie wieder auf Neidhards Reise zurück. Wieso er auf der anderen Seite vom Fennwald nicht gewarnt wurde, warf jemand als Frage in die Runde.

„Ich war auf der anderen Seite der Berge an einer Wegkreuzung und habe dort einen Mann gefragt. Der hat mir die Richtung gewiesen. Die Straße Richtung Süden führt nach Burstätt, die Straße Richtung Westen nach Reburg. So hat er es mir gesagt. Und da habe ich die Strecke nach Reburg gewählt.“

„Das sieht diesen Rettichfressern da drüben ähnlich. Einfach so einen Fremden in den Fennwald schicken. Hat sich wahrscheinlich krumm und scheckig gelacht, als du weg warst, Herr Schreiber.“

Die anderen lachten lauthals und der Mann fuhr fort.

„Ich kenne die Kreuzung. War vor Jahren mal drüben in Hattland gewesen. Da muss man von hier etwa zwanzig Meilen Richtung Süden reiten. Dann zweigt die neue Straße nach Reburg ab. Die wurde damals gebaut, weil man die alte Strecke seit dem Fluch nicht mehr benutzen kann. Ist ein weiter Umweg, wenn ihr mich fragt, aber was soll man schon groß machen? So was von bösartig von dem Hattländer.“

An dieser Stelle sei eine Anmerkung gestattet, denn so ganz hielt sich Neidhard nicht an die Wahrheit, oder sagen wir so, den Rest hielt er schlichtweg für unwichtig.

Drei Tage zuvor war er auf der Straße östlich der Bornaberge unterwegs gewesen. Der Wind war kalt und böig, die Straße matschig und es hatte sogar kurzzeitig zu schneien begonnen. Viel Verkehr gab es bei diesem Wetter nicht, bis zum nächsten Ort, an dem er hätte unterkommen können, war es noch weit und dementsprechend befand sich seine Laune auf einem Tiefpunkt. Dann kam er zu der erwähnten Kreuzung. Nur ein älterer Mann, der Kleidung nach zu urteilen ein Bauer, war vor ihm mit einem zweirädrigen, beladenen Handkarren unterwegs zum nächsten Markt. Diese Karre steckte im Matsch fest und der Alte hatte sichtlich Mühe, sie wieder frei zu bekommen. Neidhard hatte aber im Traum nicht daran gedacht, dem Alten zu helfen. Er war schließlich königlicher Schreiber und keiner konnte von ihm verlangen, sich unterwegs die Hände schmutzig zu machen, nur weil eine Bauernkarre im Dreck steckte. Niemandem seines Standes wäre das in den Sinn gekommen. Der Bauer sah die Sache natürlich etwas anders. Zu zweit wäre es ein Leichtes gewesen, den Wagen frei zu bekommen und entsprechend war er verärgert. Statt also zu helfen, hatte Neidhard den Mann nach der kürzesten Straße Richtung Reburg gefragt, ohne auch nur vom Pferd abzusteigen und der hatte ihn einfach in Richtung Fennwald geschickt. Streng genommen war die Antwort des Alten sogar richtig gewesen, denn der Weg war in der Tat die kürzeste Verbindung. Nur diesen bewussten kleinen Nachteil hatte der Bauer verschwiegen.

Die meisten waren bei ihrem zweiten Krug Bier angelangt. Es wurde wieder lauter und Farold sprach weiter.

„Früher war dies hier ein gut gehendes Rasthaus. Die Leute auf dem Weg Richtung Reburg machten alle hier Halt, wenn sie den Fennwald durchquert hatte. Meine Vorfahren besaßen den Hof schon seit vielen Jahrhunderten und selbst in den Kriegszeiten sind sie irgendwie zurecht gekommen. Die konnten gut vom Gasthaus leben und mussten nicht auf die Felder so wie ich.

Heute verirrt sich niemand mehr hierher, nur die Leute aus dem Dorf trinken mal ein Bier bei mir. Aber das Braurecht, das habe ich noch. Stammt noch aus der alten Zeit. Jawohl. Geerbt von meinen Vorfahren und sogar vom Bürgermeister in Reburg verbrieft.“

Und beim Brauen, da seid Ihr ein wahrer Meister“ hörte Neidhard sich sagen. „Das ist wirklich ein ausgezeichnetes Bier. Doch wieso bleibt ihr in der Gegend wohnen und zieht nicht einfach woanders hin, wenn es hier angeblich so spukt?“

„Dieser Spuk hört am Rand vom Fennwald auf, direkt an der Brücke und am Bach, mit einem Schlag. Hat auch ein paar Vorteile, wenn niemand durch die Berge kommt. Nicht für den guten Farold und sein Gasthaus natürlich, aber für uns Bauern ist es immer das beste, wenn man uns in Ruhe lässt.“ rief wieder einer der Bauern dazwischen.

„Das Wasser zum Brauen, das kommt aus dem Nahrbach. Und der fließt aus dem Fennwald herab. Südlich der Brücke macht er eine große Schleife und fließt durch unser Dorf. Ohne dieses Wasser wäre mein Bier nur halb so gut.“ warf Farold ein.

Darauf wollten einige der Anwesenden etwas erwidern, aber plötzlich ging die Türe zur Schankstube auf und die alte Hilde steckte den Kopf herein. Es wurde still.

„Ich habe getan, was ich konnte,“ sagte sie in Farolds Richtung, doch laut genug, dass jeder es hören konnte. „aber der Knochen im Fuß ist gebrochen. Zwei Wochen wird er wohl liegen müssen. Mindestens. Du, Bauer, musst dafür sorgen, dass er tatsächlich im Bett bleibt. Sonst heilt der Bruch nicht und er hinkt für den Rest seines Lebens. Was zu tun ist, habe ich deiner Frau erklärt. Aber ihr müsst euch genau an meine Anweisungen halten. Wenn sich sein Zustand verschlimmert, holt mich nochmal. Sonst komme ich in zwei oder drei Tagen nochmal vorbei. Diese Nacht wird wohl unangenehm für ihn, aber danach sollte es besser werden. Ich habe ihm einen Schlaftrunk gegeben, aber sicher bin ich nicht, wie lange der wirkt. Aber denk dran Bauer, du musst unbedingt dafür sorgen, dass meine Anweisungen befolgt werden.“

Farold dankte der Alten für ihre Hilfe.

„Komm Hilde, setz dich zu uns und trink ein Bier.“ rief einer der Anwesenden ihr zu. Doch die Heilerin lehnte ab.

„Ihr solltet nach Hause gehen. Morgen müsst ihr wieder auf die Felder.“ sagte sie in einem Ton, als hätte sie es mit einer Bande unverbesserlicher Trunkenbolde zu tun.

„Hilde, hier der junge Schreiber aus der Stadt ist durch den Fennwald geritten. Was sagst'n nun?“

„Tatsächlich?“ murmelte die Alte und sah Neidhard mit einem sehr seltsamen, tiefen Blick an. Der Aufforderung sich zu setzen folgte sie trotzdem nicht. Sie zog die Tür von außen zu und verschwand. Kurz darauf konnte man draußen ihre Schritte hören, als sie am Fenster vorbei Richtung Dorfstraße ging.

„Ist 'ne komische Alte.“ murmelte einer der Bauern, als sie weg war.

„He he Oswar, letztes Jahr hat sie deine Tochter vor dem bösen Fieber gerettet. Schon vergessen? Dafür ist sie wohl gut genug gewesen.“ giftete Farold den Mann an. „Wir können dankbar sein, dass wir sie haben.“

„Ich mein ja nur. Bleibt immer für sich alleine.“ sagte der Gescholtene. „Nie redet sie mit einem.“

Doch der Aufbruch der Frau war wie ein Signal für die anderen und irgendwie hatten ihre Worte auch die allgemeine Stimmung vergiftet. Nacheinander standen die Bauern auf, die nicht zum Hof gehörten, klopften zum Gruß auf den Tisch und gingen. Sie alle hatten einen schweren Arbeitstag hinter sich und mit Gesprächsstoff waren sie, wie es schien, ausreichend versorgt. Draußen war es bereits dunkel geworden. Noch im Weggehen hörte Neidhard ihre lauten Stimmen durch die dünnen Fenster. Alles konnte er nicht verstehen, aber Begriffe wie Fennwald oder Sätze wie: „das gibt’s doch nicht“ waren zu hören. Einer meinte sogar, Neidhard hätte die Geschichte nur erfunden.

Dann entfernten sich die Stimmen und es wurde ruhig.

Jemand hatte eine Öllampe entzündet und schließlich war die Zeit für das Essen gekommen. Vor lauter Aufregung über Neidhards Erzählung hatten sie alle vergessen, wie hungrig sie waren. Nach der schweren Arbeit auf den Feldern war dieses Abendessen die wichtigste Mahlzeit des Tages.

Außer dem Bauern und seiner Frau saßen noch seine beiden Söhne am Tisch, dazu ein Knecht, eine Schwiegertochter, ein paar Kinder und das Mädchen, das zuvor als Botin gedient hatte. Immerhin, diese Leute besaßen einfache Suppenteller aus gedrechseltem Holz. Das war durchaus keine Selbstverständlichkeit, denn in etlichen einfachen Rasthäusern oder bei ärmeren Leuten aß man direkt aus dem Kochtopf. Für bäuerliche Familien war Geschirr schon fast ein kleiner Luxus.

Es gab eine einfache, doch recht nahrhafte Suppe. Die bestand jetzt im zeitigen Frühjahr aus dem, was die Bauern im Vorjahr eingelagert hatten, Bohnen, Rüben, Möhren, etwas Sellerie und dergleichen Sachen. Das war nicht gerade überwältigend, aber bis zur nächsten Ernte war es noch lange hin und man musste mit dem vorlieb nehmen, was an Vorräten vorhanden war.

Jemand hatte Teile von dem erlegten Reh kleingeschnitten, die Fleischstücke angebraten und mit in die Suppe gegeben. Von irgendwo hatte die Bauersfrau ein bisschen frische Petersilie hergezaubert. Das ergab ein wenig zusätzlichen Geschmack. Dazu gab es Brot. Das Fleisch war etwas zäh, denn zur fachgerechten Zubereitung von Wild benötigte man viel Zeit und es war ohnehin besser, das Fleisch erst ordentlich abhängen zu lassen, doch das schien außer Neidhard niemanden zu stören. Und der hütete sich, das auch nur zu erwähnen. Anderes Fleisch war zu dieser Jahreszeit rar. Geschlachtet wurde im Herbst, damit man die Tiere nicht durch den Winter füttern musste und dieses Fleisch war im Frühjahr meistens aufgebraucht. Die jetzt noch lebenden Haustiere brauchte man für die Arbeit auf den Feldern oder für die Zucht und so war das erlegte Reh eine willkommene Bereicherung der einfachen, ländlichen Kost.

Während des Essens unterhielt sich der Bauer Farold mit seiner Frau über den jungen Eckbert und seine Verletzung. Die alte Heilerin hatte der Bauersfrau genaue Anweisungen gegeben. Täglich musste der Verband gewechselt werden und eine Art heilender Erde sollte sie auf die Wunde streichen.

„Na, dann hoffen wir mal, dass bis zur Hochzeit alles wieder heil ist.“ sagte Farold.

Neidhard hätte schwören können, dass die junge Rosa bei diesen Worten rot angelaufen war. Doch das Licht in der Schankstube war nicht besonders gut und vielleicht hatte er sich getäuscht.

Bauern gehen für gewöhnlich früh schlafen. Die Arbeit auf den Feldern war schwer und das Bier hatte sie zusätzlich müde gemacht. Auch Neidhard hatte einen anstrengenden Tag hinter sich und nicht lange nach dem Abendessen gingen sie zu Bett.

Spät in der Nacht wachte Neidhard auf. Das Bier forderte seinen Tribut und er musste raus. Der Abort lag über dem Hof. Auf dem Weg dorthin hätte er schwören können, dass ein Hund auf dem Hof war. Das Tier schaute in seine Richtung und trollte sich erst, als Neidhard sich nach einem Stein bückte. Was für ein Hund das gewesen war, konnte er im spärlichen Mondlicht nicht erkennen.

Danach lag er einige Zeit wach. Düstere Gedanken plagten ihn. Ohne auch nur etwas davon zu ahnen, war er in eine äußerst unangenehme Sache hineingerutscht. Dabei konnte er wirklich nicht verstehen, wieso diese Bauern behaupteten, der Weg durch die Berge sei irgendwie verflucht.

Ob er am nächsten Morgen so tun sollte, als hätte er sie nur auf dem Arm genommen? Und das nur, um nicht in irgendeinen Verdacht der Hexerei hineinzugeraten? Und wieso hatte er als Schreiber am königlichen Hof noch nie von so einem Fluch gehört? Und wieso, wenn das wirklich stimmte, konnte er selbst unbeschadet durch die Berge reiten? Das waren finstere Gedanken, die ihn plagten und auf die er keine wirkliche Antwort fand. Nach langem Grübeln schlief er schließlich wieder ein.

Am nächsten Morgen war Neidhard froh, dass er weiterziehen konnte. Die Sorgen der Nacht hatten sich im Tageslicht verflüchtigt, aber dieses seltsame Gerede vom Vortag ging ihm nicht aus dem Sinn. Niemand war feindselig ihm gegenüber, im Gegenteil. Bevor er weiterzog, nahm er noch zusammen mit der Familie des Bauern ein Frühstück ein. Zum Hof gehörten einige Kinder. Die hatten sichtlich Respekt vor dem Fremden, aber schließlich stupste eines das andere an und ein Junge traute sich, Neidhard etwas zu fragen. Er wollte wissen, ob man von den Bergen ihr Dorf sehen konnte. Leider war es zwei Tagen zuvor trüb, feucht und nebelig gewesen, und so konnte er die Frage nicht beantworten. Die anderen fassten jetzt auch Mut und ein Mädchen fragte, wie es da in den Bergen aussieht. „Größtenteils führt der Weg durch Täler. Rings herum ist überall Wald, teils uralte Bäume, groß und majestätisch, teils ganz junge, dicht an dicht, hier und da Lichtungen, die von umgestürzten Bäumen verursacht wurden. Nicht weit vom Beginn des Waldes stehen viele alte Eichen. Das ergibt bestimmt eine gute Eichelmast für die Schweine. Nur der Weg war frei, nicht besonders gut, aber er wurde regelmäßig benutzt. In zweihundert Jahren wäre der doch bestimmt verschwunden.“ antwortete Neidhard. Schließlich hielt Farold die Kinder zurück, weil sie ihn sonst zu sehr mit Fragen zugesetzt hätten. „Lasst unseren Schreiber doch in Ruhe essen.“ schimpfte er sie.

Den Rest des alten Brotes aus seiner Provianttasche, dass mittlerweile vollständig hart geworden war, hatte die sparsame Bauersfrau eingeweicht und an die Hühner verfüttert.

Neidhard bekam einen Kanten frisches Brot und ein hart gekochtes Ei als Wegzehrung. Sein Pferd war gesattelt, der Esel bepackt und die Familie verzichtete sogar auf einen kleinen Obolus für die Übernachtung. Mit dem geschossenen Reh und seiner Hilfe für den jungen Eckbert galt die Zeche als abgegolten. Farold ging mit ihm ein Stück auf die Straße hinaus.

„Herr Schreiber“ Neidhard bemerkte mit Genugtuung, dass über Nacht das „Herr“ dazugekommen war. „Du folgst einfach dem Weg. Der führt immer am Bach entlang, bis zur Mühle. Kannst du überhaupt nicht verfehlen. Ein Stück hinter der Mühle verläuft die Straße nach Reburg. Da musst du dich dann Richtung Norden halten. Mit dem Ochsengespann brauche ich etwas über zwei Stunden bis zur Mühle. Aber du bist mit dem Pferd bestimmt schneller. Und von dort dauert es nochmal zwei Stunden nach Reburg. Gute Reise.“

Neidhard bedankte sich bei dem Bauern. Abgesehen von der verständlichen Aufregung waren die Leute nett und gastfreundlich gewesen. Gerade als er los reiten wollte, rief ihn der Bauer noch mal zurück.

„Einen Gefallen erbitte ich mir.“ sagte er. „Sag doch dem alten Eckbert, dass sein Sohn hier ist. Wir kümmern uns um ihn, bis er wieder laufen kann. Er braucht nicht extra heraus kommen und nach ihm sehen. Beruhige ihn ein bisschen, der ist manchmal schnell aus dem Häuschen. Meistens ist er bei der Torwache an der Brücke. Und wenn er dort nicht ist, wissen die Wachen, wo man ihn finden kann.“

Neidhard versprach dem Bauern, die Nachricht auszurichten und dann zog er weiter. Dabei fiel ihm auf, wie schön und gut gestellt das Dorf war. Nicht alle Häuser und Höfe waren so groß wie der vom Bauern Farold, aber es gab keine schäbigen Katen und windschiefe Hütten, wie man sie andernorts im Reich häufiger antraf. Die Menschen hier hielten mit ihrem Wohlstand nicht hinter den Berg. Wenn er da an die schäbigen Dörfer dachte, durch die er zuletzt gekommen war, wunderte er sich doch sehr. Sehr groß war Nahr nicht und schon bald ritt er durch Felder und Wiesen. Einige Bauern waren bereits auf ihren Feldern unterwegs und sahen zu ihm herüber. Jemand winkte, Neidhard grüßte zurück und ritt von dannen.

Der Weg führte von nun an mit sehr leichtem Gefälle bergab. Mal links, mal rechts der Straße floss der Nahrbach ruhig und meistens in weiten Mäandern durch das Tal. Es war der gleiche Bach, über den Neidhard vor einem Tag geritten war und der ihn jetzt begleitete wie ein Freund. Das Wetter hatte umgeschlagen. Zwar regnete es nicht, aber es war kühler als am vorherigen Tag, der Himmel hing voller Wolken und es war windig. Neidhard fröstelte etwas und er trug wieder seinen dicken Wintermantel.

Nach einem längeren Ritt auf der Straße kam die Mühle in Sicht, von der Farold gesprochen hatte.

Neidhard ritt an ihr vorbei und kam schließlich an eine Kreuzung. Das musste die Straße Richtung Reburg sein. Auf der anderen Seite der Straße blinkte ein Fluss durch die Bäume. Der strömte von Norden kommend durch ein breites Tal und der Nahrbach mündete an der Stelle darin.

Neidhard war flott vorangekommen. Wenn stimmte, was der Bauer ihm gesagt hatte, war die Hälfte der Strecke geschafft. Gleich neben der Kreuzung fand sich eine windgeschützte Stelle. Einige Bäume und Sträucher boten Schutz. Warum also nicht eine Rast halten, zumal hier ein wenig Futter für seine Tiere wuchs. Er setzte sich auf einen umgestürzten Baum und packte seinen Proviant aus.

Irgendwas bewegte sich auf dem Weg hinter ihm. Ob das ein Hund war? Sicher war sich Neidhard nicht, denn dieses Etwas verschwand schnell hinter einem Strauch. „Hoffentlich gibt es nicht wieder den gleichen Ärger wie gestern.“ dachte er. Doch das war unwahrscheinlich.

Auf der Straße am Fluss war viel mehr Verkehr als auf dem einsamen Weg, den er gekommen war. Bald schon kamen aus beiden Richtungen Leute an ihm vorbei, die ihn höflich grüßten, ohne sich weiter um ihn zu kümmern. Immerhin konnte ihm einer bestätigen, dass die Stadt Reburg nicht mehr weit entfernt war.

Für eine ausgiebige Rast war es zu kalt und nach dem Essen zog er weiter. Die Straße folgte dem Flusslauf, stieg aber leicht an. Nach einer Stunde unterwegs sah er den Fluss tief unten im Tal. Der Abhang hinunter zum Fluss, der bei der Kreuzung nur ein paar Schritte hinab reichte, war nun steil und tief. Wo es möglich war, wuchsen Bäume am Hang. Die Kronen der untersten reichten nicht einmal bis zur Höhe der Straße. Mehr und mehr ersetzten Felshänge die Bäume. Der Fluss hatte hier sein Bett tief ins Tal eingegraben.

Das gegenüberliegende Ufer war weniger steil. Dort, wo keine Bäume den Ausblick verstellten, hatte er eine schöne Sicht auf Felder, Wiesen und einmal ein Dorf. All das zeugte vom Fleiß der Leute in dieser Gegend und die Häuser waren, soweit man das auf die Entfernung sehen konnte, durchaus keine schäbigen Hütten. Neidhard bemerkte das mit Wohlgefallen.

Schließlich führte der Weg leicht um eine Kurve und die Stadt Reburg kam in Sicht. Das war ein schöner und imposanter Anblick.

Vom Norden kommend hatte sich die Zweibe, der Fluss, den Neidhard entlang geritten war, in den Fels geschnitten und ein tiefes Tal geschaffen. Von Nordwesten kam ein zweiter Fluss heran, nicht ganz so tief und mächtig. Dieser Fluss hieß Re. Doch beide Flüsse zusammen hatten genug Wasser, so dass ab dieser Stelle die Zweibe schiffbar wurde. Reburg bekam dadurch eine strategische Bedeutung, denn ein Großteil des Handels in der Gegend und im Ernstfall die Versorgung der nördlichen Truppen lief über den örtlichen Hafen.

An der Stelle, wo die beiden Flüsse zusammentrafen, hatte sich eine Halbinsel gebildet, welche die Form eines schmalen Dreiecks hatte. An der Spitze dieses Dreiecks war der Boden nur wenig erhöht über dem Fluss. Dort befand sich der Hafen mit seinen Lagerplätzen, einigen Gebäuden und einer Verlademole für die Schiffe. Dahinter verbreitete sich das Dreieck und das Land stieg zu der gleichen Höhe an wie das gegenüberliegende Ufer, nur weniger steil und bildete einen langen Hang. An diesem Hang ausgebreitet lag die Stadt Reburg. Umgeben war sie von hohen Stadtmauern, die links und rechts den Ort begrenzten. Weil dieser Hang nach Norden hin anstieg, konnte man von Neidhards Standort am Flussufer einen großen Teil der Stadt überblicken. Neidhard zügelte sein Pferd und stieg ab.

Sehr weit entfernt war die Stadt nicht. Er konnte die Straßen, die Häuser und die Plätze deutlich erkennen. Sogar die Menschen in den Straßen sah man als kleine Gestalten herumlaufen. Die Häuser waren mit gebrannten Dachziegeln gedeckt, die Fassaden schienen miteinander zu wetteifern, wer wohl am schönsten war. Einige waren bunt bemalt, andere verfügten über kleinere Erker und sogar Balkone. Wegen der Hanglage der gesamten Stadt verliefen die Straßen ein wenig schräg und verwinkelt. Fast ganz oben entdeckte Neidhard ein großes, imposantes Gebäude aus gemauertem Stein und mit einer großen Treppe, flankiert von zwei kleineren Türmen. Das musste wohl das Rathaus sein. Davor befand sich ein größerer Platz, der sich unschwer als Marktplatz ausmachen ließ. In der Mitte führte eine lange Treppe durch den Ort unten vom Hafen bis hinauf zu dem großen Rathaus. Fast schon außer Sicht ein wenig auf der anderen Seite des Abhangs konnte er einen hohen Turm erkennen, wohl Teil der Burg, deren Namen die Stadt trug.

Weiter unten führte eine große, steinerne Brücke vom diesseitigen Flussufer in mehreren mächtigen Bögen über die Zweibe.

Die Stadt bot einen schönen, einladenden Anblick. Für eine Weile war Neidhard damit beschäftigt, die Einzelheiten zu erkunden. Reburg zeigte bereits in ihrer ersten Ansicht, die sie dem Fremden auf der Straße bot, ihren Wohlstand. Der Bürgermeister ließ extra an der Stelle, an der Neidhard sich gerade befand, regelmäßig die Bäume und Sträucher entfernen, weil man von hier die beste Sicht auf den Ort hatte. Jeder Fremde konnte sofort sehen, dass Reburg sich in Puncto Reichtum nicht hinter den großen Städten im Reich verstecken musste.

Schon bald erreichte er die Stelle, wo die große Brücke begann, die er von ferne gesehen hatte und die über den Fluss in die Stadt führte. Gleich daneben stand ein kleines Häuschen, in dem der Brückenwart saß. Er erhob den Brückenzoll und achtete auf den Verkehr und den Zugang zur Stadt. Drei Ochsengespanne, beladen mit Steinen, standen vor dem Häuschen. Sie mussten warten, bis ein leeres Fuhrwerk, dass ihnen aus Reburg entgegenkam, die Brücke passiert hatte, denn die war nur breit genug für ein einziges Gespann. Die Kutscher fluchten lauthals, denn ihnen ging es viel zu langsam, und der alte Brückenwart blieb ihnen nichts schuldig.

Neidhard musste ebenfalls warten. Dabei fiel im das Versprechen wieder ein, welches er erst heute Morgen dem Bauern Farold gegeben hatte. Er sollte dem Vater des jungen Eckbert ausrichten, was mit seinem Sohn passiert war. Durchaus möglich, dass der Alte im Brückenhäuschen vor ihm der Gesuchte war.