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Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Als der Wecker klingelte, schob sich eine Männerhand unter der Bettdecke hervor und beendete das lästige Geräusch mit einem ungnädigen Schlag. Dann zog dieselbe Hand die Zudecke etwas herunter, so daß ein wohlgeformter Kopf mit kurzen schwarzen Haaren zum Vorschein kam. Unwillig murmelte Claudius Kohler vor sich hin, während er sich die Augen rieb und sich an seinen Traum zu erinnern versuchte, aus dem er so unsanft gerissen worden war. Er brauchte nicht lange darüber nachzudenken, denn er hatte diesen Traum schön öfter geträumt, immer mit kleinen Abwandlungen, doch die Hauptdarstellerin, eine wunderschöne Frau mit blonden Haaren, fröhlichem Lachen und leuchtenden Augen, blieb stets dieselbe. »Warum schimpfst du denn so früh am Morgen?« murmelte die Frau neben ihm und warf ihm schlaftrunken einen fragenden Blick zu. »Ach, nichts«, wich er unwillig aus und schwang die Beine aus dem Bett. »Ich hab' nur keine Lust, aufzustehen.« »Wenn das alles ist!« lachte die junge Frau vergnügt und kletterte übers Bett, um sich an ihn zu schmiegen. »Guten Morgen, du Brummbär. Hast du gut geschlafen?« »Geht schon!« Ungeduldig tätschelte er Melanies Hände, die auf seiner Brust lagen, ehe er sie beiseite schob. Zu lebhaft war die Erinnerung an Angela, seinem heimlichen Engel, von dem er seit Monaten fast jede Nacht träumte. »Was ist denn mit dir los? Habe ich was falsch gemacht?« Gekränkt zog sich Melanie zurück, schlang die Bettdecke um sich und sah ihn fragend an. »Nein, Kleines.
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Seitenzahl: 132
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Als der Wecker klingelte, schob sich eine Männerhand unter der Bettdecke hervor und beendete das lästige Geräusch mit einem ungnädigen Schlag. Dann zog dieselbe Hand die Zudecke etwas herunter, so daß ein wohlgeformter Kopf mit kurzen schwarzen Haaren zum Vorschein kam. Unwillig murmelte Claudius Kohler vor sich hin, während er sich die Augen rieb und sich an seinen Traum zu erinnern versuchte, aus dem er so unsanft gerissen worden war. Er brauchte nicht lange darüber nachzudenken, denn er hatte diesen Traum schön öfter geträumt, immer mit kleinen Abwandlungen, doch die Hauptdarstellerin, eine wunderschöne Frau mit blonden Haaren, fröhlichem Lachen und leuchtenden Augen, blieb stets dieselbe.
»Warum schimpfst du denn so früh am Morgen?« murmelte die Frau neben ihm und warf ihm schlaftrunken einen fragenden Blick zu.
»Ach, nichts«, wich er unwillig aus und schwang die Beine aus dem Bett. »Ich hab’ nur keine Lust, aufzustehen.«
»Wenn das alles ist!« lachte die junge Frau vergnügt und kletterte übers Bett, um sich an ihn zu schmiegen. »Guten Morgen, du Brummbär. Hast du gut geschlafen?«
»Geht schon!« Ungeduldig tätschelte er Melanies Hände, die auf seiner Brust lagen, ehe er sie beiseite schob. Zu lebhaft war die Erinnerung an Angela, seinem heimlichen Engel, von dem er seit Monaten fast jede Nacht träumte.
»Was ist denn mit dir los? Habe ich was falsch gemacht?« Gekränkt zog sich Melanie zurück, schlang die Bettdecke um sich und sah ihn fragend an.
»Nein, Kleines. Es liegt nicht an dir.« Claudius war inzwischen in eine schwarze Hose geschlüpft und kam um das Bett herum. »Mach mal Platz.« Er schob sie sanft zur Seite und setzte sich dann auf die Bettkante. Verlegen wich er ihrem Blick aus. Statt dessen nahm er ihre Hand und ließ ihre schlanken Finger durch die seinen gleiten.
»Was ist denn dann?« Melanie war mißtrauisch geworden. Sie ahnte, was er ihr gleich sagen würde und haßte Claudius schon jetzt dafür.
»Also, ich weiß nicht recht, wie ich es dir sagen soll«, begann er stockend. »Du bist eine tolle Frau, und ich mag dich wirklich gern. Aber ich kann nicht mit dir zusammensein.«
»Typisch Mann. Wenn Ihr euren Spaß hattet, macht ihr euch aus dem Staub«, stieß Mellie wütend hervor. »Woran liegt es denn? Hast du Angst vor einer Beziehung, willst du nicht enttäuscht werden…? Nein, ich weiß, du bist momentan in der Arbeit zu sehr eingespannt«, zählte sie die Ausreden auf, die sie zu Genüge von früheren Erlebnissen mit anderen Männern kannte.
»Ich bin nicht so wie die anderen. Das mußt du mir glauben, Mellie.« Er erriet ihre Gedanken und warf ihr einen bittenden Blick zu. »Ich möchte dich nicht ausnutzen.«
»Wie soll ich das denn verstehen?« fragte sie scharf und warf die dunkle Mähne nach hinten. Ihre Augen blitzten kämpferisch.
»Es gibt da ein Mädchen, das ich nicht vergessen kann«, gestand er seufzend.
Melanie warf ihm einen interessierten Blick zu, sagte aber nichts.
Zögernd fuhr Claudius fort: »Sie ist mit mir zur Schule gegangen und hat zwei Jahre nach mir Abitur gemacht. Ab und zu trafen wir uns zufällig in der Stadt und plauderten ein wenig. Damals war ich heimlich in sie verliebt, traute mich aber nicht, ihr meine Liebe zu gestehen aus Angst, mich lächerlich zu machen. Angie hatte viele Verehrer, sie sah aus wie ein Engel mit ihren blonden Haaren und dem zarten Gesicht. Sie hatte fast etwas Übersinnliches, und wenn sie lachte, schien die Sonne ein bißchen heller.« Sein Gesicht nahm einen schwärmerischen Ausdruck an.
»Was soll das? Was willst du mir damit sagen?« fragte Melanie ungeduldig.
»Tja, vor ein paar Jahren ist sie dann plötzlich verschwunden, und ich habe sie nie wieder gesehen.« Wieder seufzte Claudius tief.
»Ja und?«
»Ich glaubte, sie vergessen zu haben, aber seit ein paar Monaten habe ich so einen merkwürdigen Traum, immer den gleichen, immer wieder, ohne daß ich etwas dagegen unternehmen könnte. Zuerst dachte ich, es wäre nur ein Zufall, aber langsam erscheint mir diese Sache verdächtig.« Er warf Melanie einen traurigen Blick zu. »Ich muß es dir einfach sagen, weil ich ständig das Gefühl habe, dich zu betrügen. Das hast du nicht verdient.«
Obwohl sie sein Geständnis tief traf, wurde Melanies Gesicht weich.
»Es ist sehr fair, daß du so offen zu mir bist. Aber warum hast du dich mit mir eingelassen, wenn du an eine andere denkst?«
»Ich bin wirklich in dich verliebt, Mellie, und ich dachte, wenn ich erst mit dir zusammen bin, hören diese Träume auf. Aber ich habe mich wohl getäuscht.« Niedergeschlagen senkte er den Kopf.
»Eines verstehe ich nicht«, Melanies Augen verengten sich zu engen Schlitzen, als sie weitersprach. »Warum suchst du sie nicht, wenn es dir so wichtig ist?«
»Das habe ich getan, aber entweder ist sie verheiratet oder sie ist nicht mehr in der Stadt. Es gibt niemanden, der diesen Namen trägt. Ich konnte noch nicht einmal ihre Eltern finden. Es ist wie verhext.«
»Glaubst du nicht, das ist ein Wink des Schicksals, dieses zauberhafte Mädchen zu vergessen?« Leiser Sarkasmus schwang in Melanies Stimme, doch Claudius merkte es nicht.
»Wie gern würde ich diese Hirngespinste aus meinem Leben vertreiben!«
»Und du meinst nicht, daß es uns gemeinsam gelingt, deine Träume zu besiegen?« fragte sie schmeichelnd und legte die Arme um seine Schultern.
»Das möchtest du tatsächlich versuchen?« staunte Claudius. »Macht es dir nichts aus, daß eine andere in meinem Kopf herumspukt?« erkundigte er sich zweifelnd.
»Ich habe keine Angst vor Gespenstern«, lächelte Mellie verführerisch und zog ihn an sich, um ihn leidenschaftlich zu küssen. Gern überließ sich Claudius ihrer Umarmung, war sie doch eine rassige, glutäugige Frau mit überschäumendem Temperament, von der ein Mann nur träumen konnte. Und er war der Glückspilz, der ihr Herz erobert hatte. Warum nur konnte er damit nicht zufrieden sein?
Sie betrachtete forschend sein Gesicht, als sie sich voneinander gelöst hatten.
»Heute abend gehen wir zum Spanier zum Essen. Und dann erzählst du mir von deinem Traum. Was hältst du davon?« fragte sie liebevoll. Sie war wild entschlossen, ihn zu halten und hätte alles dafür getan.
»Einverstanden. Ich hole dich um acht von der Agentur ab. Ist das in Ordnung?« Claudius erhob sich.
»Bestens. Bis dann, mein Liebster!« Melanie warf ihm eine Kußhand zu, ehe er das Schlafzimmer verließ. Für ein Frühstück war jetzt keine Zeit mehr, und so machte er sich mit leerem Magen auf den Weg zur Arbeit.
*
Wohlwollendes Klatschen beendete den langen Arbeitstag von Angela Molteni.
»Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, meine Damen«, bedankte sie sich lächelnd bei ihren erwachsenen Schülerinnen. »Das nächste Mal sprechen wir über die Zusammensetzung von Naturkosmetik und deren Wirksamkeit im Vergleich zu chemischen Produkten.« Damit war der Unterricht an der Kosmetikfachschule für diesen Tag beendet, und die Frauen unterschiedlichsten Alters erhoben sich lachend und schwatzend, nachdem sie ihre Unterlagen in den Taschen verstaut hatten. Auch Angie machte sich daran, ihr Unterrichtsmaterial einzupacken. Ein langer Tag lag hinter ihr, und sie spürte die Müdigkeit in den Knochen. Sie freute sich auf den wohlverdienten Feierabend und wollte sich schon auf den Heimweg machen, als ihr die Leiterin der privaten Kosmetikschule, Eveline Seitz, auf dem Flur entgegenkam. Sie war das lebende Beispiel dafür, wie wichtig fachmännische Pflege war, denn trotz ihres fortgeschrittenen Alters, sie war inzwischen weit über fünfzig, sah sie immer noch blendend aus. Perfekt geschminkt und geschmackvoll aber dezent gekleidet, winkte sie ihre Freundin Angela zu sich.
»Angie, Schätzchen, kann ich dich noch ein paar Minuten in mein Büro entführen? Ich brauche unbedingt deine Hilfe!« rief sie ihr entgegen, und Angela seufzte tief. Sie schätzte Eveline als Chefin und mütterliche Freundin sehr, trotzdem hätte sie an diesem Abend lieber ihre Ruhe gehabt.
»Dauert es lange? Ich bin nämlich rechtschaffen müde«, gab sie deshalb unumwunden zu.
»Keine Sorge, ich werde deine kostbare Zeit nicht lange in Anspruch nehmen.« Eveline lachte hintergründig. »Hast du etwa noch ein Rendezvous, von dem ich nichts weiß?« Sie konnte ihre Neugier nicht verbergen.
»Aber Eve, siehst du hier in der Schule ein einziges männliches Wesen, mit dem ich ausgehen könnte?« Angie machte eine ausladende Geste mit der Hand. »Und in meiner Praxis tauchen auch nur Männer auf, die von ihren Frauen geschickt werden. Du siehst, ich habe gar keine Gelegenheit, jemanden kennenzulernen, der als Partner in Frage kommt.«
»Das liegt nur daran, daß du zuviel arbeitest«, schloß Eveline trocken. »So wie du aussiehst, könntest du an jedem Finger zehn Männer haben.«
»Um Gottes willen, das wäre mir dann doch zu anstrengend«, lachte Angela laut heraus. Eve verstand es immer wieder, sie zum Lachen zu bringen.
»Warum nimmst du nicht einmal mein Angebot an und gehst mit mir aus? Ich kenne jede Menge Orte, wo es die nettesten Männer gibt, die nur auf ein Mädchen wie dich warten«, ließ sie sich jedoch nicht ablenken.
»Nimm’s mir nicht übel, Eve, aber ich glaube, ich habe gar keine Zeit für einen Freund«, wich Angela verlegen aus. Sie kannte die Etablissements, in denen sich ihre lebenslustige Freundin aufhielt und war ganz sicher, darauf verzichten zu können.
»Wie du willst. Aber wenn du es dir doch mal anders überlegst, bin ich immer für dich da.« Eveline zwinkerte ihr verschwörerisch zu, und Angie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
Sie waren inzwischen in Evelines Büro angekommen. Angie sah sich neugierig um. Sie kannte keinen Raum, der annähernd so chaotisch, aber gleichzeitig so interessant und anziehend war wie das Arbeitszimmer von Eve. Ständig gab es neue, ungewöhnliche Sachen zu sehen. Eveline umgab sich bevorzugt mit typisch weiblichem, esoterisch angehauchtem Nippes, englische Elfen standen neben geschliffenen Glasprismen, die ihr Regenbogenlicht verspielt über den Boden streuten. Räucherstäbchen verbreiteten einen angenehmen Duft, und sphärische Klänge aus einem CD-Spieler gaben der Szenerie etwas Heimeliges. Sofort spürte Angie, wie die Anspannung von ihr abfiel. Hier mußte eine Frau sich einfach wohl fühlen, diesem Zauber konnte man sich nicht entziehen.
»Das ist aber nicht der Grund, warum du mich sprechen wolltest, oder?« fragte Angela jetzt.
»Natürlich nicht. Aber setz dich doch.«
Sie bot der jungen Kollegin einen Platz auf der gemütlichen, dezent gemusterten Sitzgruppe an und ließ sich selbst in einen geblümten Sessel fallen.
»Du siehst aus, als könntest du ein Glas Prosecco gebrauchen. Oder lieber eine Tasse Ayurveda-Tee?« schlug sie vor.
»Bitte, Eve, alles was ich möchte, ist auf dem schnellsten Weg nach Hause zu fahren.« Angie verdrehte die Augen. So gern sie ihre Chefin auch mochte, manchmal ging ihr ihre hartnäckige Art gewaltig auf die Nerven.
»Ja, ja, ist ja schon gut«, grinste die jetzt schuldbewußt. »Einen Versuch war’s immerhin wert.« Sie machte eine künstlerische Pause, um Angie neugierig zu machen, ehe sie fortfuhr: »Es geht um unsere Vortragsreihe, die seit einiger Zeit einmal pro Monat stattfindet. Wie du weißt, haben schon viele namhafte Referenten über die unterschiedlichsten Themen doziert. Jetzt hatte ich die Idee, einmal das Thema Kosmetika und Allergien zu behandeln. Dazu wäre es schön, einen Arzt als Dozenten zu gewinnen, und ich erinnerte mich an deine begeisterten Erzählungen über deinen Hausarzt. Wie hieß er doch gleich?«
»Daniel Norden«, sagte Angela langsam, während sie sich Evelines Gedanken durch den Kopf gehen ließ. »Ich war schon länger nicht mehr bei ihm, aber es ist sicher keine schlechte Idee. Diesen dubiosen Ausschlag, den ich seinerzeit hatte, hat er zumindest gut in den Griff bekommen«, überlegte Angie laut. »Es kommt dem Ruf der Kosmetikschule sicher zugute, promovierte Ärzte sprechen zu lassen. Außerdem ist Dr. Norden ein gutaussehender Mann. Unsere Schülerinnen werden begeistert sein«, stellte Angie amüsiert fest.
»Um so besser. Meinst du, dieser Dr. Norden wäre bereit, einen Vortrag zu halten? Natürlich nur gegen entsprechendes Honorar«, fragte Eve gespannt.
»Sicher bin ich mir da nicht. Er ist ein vielbeschäftigter Mann, aber fragen kostet ja nichts.«
»Du würdest mir einen großen Gefallen tun«, erklärte Eveline und nippte an ihrem Prosecco, den ihre Assistentin ungefragt auf den Tisch gestellt hatte. Sie kannte die Gewohnheiten ihrer Chefin nur zu
gut.
»Kein Problem. Ich kümmere mich darum und sage dir dann Bescheid. Ist das alles?«
»Für den Moment schon. Wenn du wirklich kein Glas mit mir trinken möchtest, darfst du jetzt nach Hause fahren.«
»Was ich auch tun werde. Den Prosecco gönne ich mir, wenn ich später gemütlich in der Badewanne liege«, grinste Angela verschmitzt und erhob sich. Sie küßte Eve links und rechts auf die Wange und verließ dann mit wehendem Mantel das kleine Haus aus der Gründerzeit, froh, ihren anstrengenden Arbeitstag endlich hinter sich zu haben.
Nicht lange darauf parkte Angie ihr feuerrotes, kleines Auto vor der familiären Wohnanlage, in der sie vor drei Jahren eine Dachgeschoßwohnung mit bildschöner Dachterrasse gemietet hatte. Bei günstiger Witterung bot sich ihr ein traumhafter Blick auf die Alpen, die sie besonders liebte. Als gebürtige Münchnerin hatte Angela eine besondere Beziehung zu den Bergen und genoß die Möglichkeit, der Stadt in kurzer Zeit entfliehen und Erholung in der Nähe majestätischer Gipfel und unberührter Natur finden zu können. Auch an diesem Abend trat sie zuerst auf die Terrasse, stellte jedoch schnell fest, daß es zu dunstig war, um auch nur einen kurzen Blick auf eine schneebedeckte Bergspitze erhaschen zu könen. Seufzend drehte sie sich um und ging durch die Glasschiebetür zurück in das großzügige Zimmer, das zugleich Wohnraum, Eßzimmer und Küche war. Nur Bad und Schlafzimmer waren von der übrigen Wohnung abgetrennt, ansonsten spielte sich Angies Leben auf diesen geschmackvoll eingerichteten fünfzig Quadratmetern ab. Sie pflegte einen gänzlich anderen Wohnstil als Eveline, nur wenige verspielte Elemente lockerten die nüchterne Atmosphäre auf, kamen dafür aber um so besser zur Geltung.
Da Angela keinen Hunger hatte, entschloß sie sich dazu, sofort ein Bad zu nehmen und dann mit einem Buch ins Bett zu gehen. Den Pro-secco hatte sie schon vergessen. Auf dem Weg ins Badezimmer blieb ihr Blick unwillkürlich an der Fotogalerie hängen, die sie im Flur eingerichtet hatte. Lächelnd blieb sie vor den Bildern stehen und betrachtete jedes einzelne eingehend, das Hochzeitsfoto ihrer Eltern, Bilder ihrer Geschwister und Großeltern, von Nichten und Neffen, Tanten und Onkel. Mit jedem verband sie eine eigene Erinnerung, aus der sie die Kraft schöpfte, weit entfernt von ihren Lieben zu leben. Nach langen Jahren in München hatten sich ihre Eltern im vorigen Jahr dazu entschlossen, in ihre norddeutsche Heimat zurückzukehren, wo die übrigen Verwandten lebten. Schweren Herzens hatten sie Angela zurückgelassen, die ihre Zukunft in München sah und nicht alles zurücklassen wollte, was sie sich mühsam aufgebaut hatte. Trotzdem brauchte sie sich nicht einsam zu fühlen. Die Gewißheit, nur den Telefonhörer in die Hand nehmen zu müssen, um eine geliebte Stimme zu hören, genügte Angela, um sich wohl zu fühlen.
Nur einen Menschen, dessen Foto den Mittelpunkt der Galerie bildete, konnte sie nicht mit dem Telefon erreichen. Immer begann ihr Herz heftig zu klopfen, wenn sie in das geliebte Antlitz des jungen Mannes schaute, der auf dem Foto so gewinnend lachte. Obwohl Carlo ihr erster Gedanke am Morgen und der letzte am Abend galt, würde sie nie wieder mit ihm sprechen können. Sein Nachname, den sie voller Stolz trug, war das einzige Zeichen, das
es ihn in ihrem Leben gegeben hatte. Wenn Angela die Augen schloß, sah sie sich immer noch am Strand stehen und konnte hören, wie der Wind ihre verzweifelte Stimme aufs Meer hinaus trug. Doch alles Schreien war umsonst gewesen, und hilflos mußte sie mitansehen, wie ihre große Liebe, die sie zwei Monate zuvor mit einundzwanzig Jahren geheiratet hatte, mit einem Segelboot kenterte und ertrank. Sieben Jahre waren inzwischen vergangen, und Angie war seitdem allein. Auch wenn die schmerzlichen Gefühle nach und nach verblaßten, die Verbundenheit und Liebe zu Carlo war unverändert stark. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, diese Liebe den Rest ihres Lebens im Herzen zu tragen.
