Bleiben - Rainer Bartel - E-Book

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Rainer Bartel

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Beschreibung

Margarete (Grete) ist am Moor geboren, hat immer am Moor gelebt und feiert ihren 94. Geburtstag allein. Sie war dreimal verheiratet und hat vier Töchter geboren, die alle gestorben sind oder als vermisst gelten. Während des Zweiten Weltkriegs war sie in der Volksschule, als der nächste Krieg übers Land kommt, ist sie schon fast 90 Jahre alt und dreifache Witwe. Auch diesen Krieg überlebt sie unbeschadet. Ihr begegnen fremde Männer, sie lebt mit den Nachbarn und guten Freundinnen, geht in die Kirche und pflegt die Gräber ihrer Lieben. Schließlich macht sie sich auf die Suche nach der vermissten Tochter und durchquert das zerstörte Land. Grete hat vor nichts Angst - außer dem Behem, dem Monster im Moor. Sie ist immer da geblieben und wird immer da bleiben.

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Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für Annita (1951 ~ 2021)

Inhaltsverzeichnis

Margarete im Krieg

Margarete allein

Gerd und Grete

Grete und Bernhard

Annegret und Peter

Tona und Melly

Anne geht weg

Grete und die Liebe

Grete und Hardy

Über Angela

Annes letzte Reise

Margarete allein

Margarete im Krieg

Morgens um fünf schaltete Grete wie jeden Tag das Kofferradio in der Küche ein, während sie den ersten Kaffee kochte. Da war in den Nachrichten von einer militärischen Operation die Rede. Erst den Wetterbericht hörte sie sich aufmerksam an. Beim Mittagessen stellte sie fest, dass ihr altes Rundfunkgerät keine UKW-Sender mehr empfing. Nur über die Kurzwelle kamen Stimmen in fremder Sprache rein und eine Art Musik, die sie nie zuvor gehört hatte.

Nachmittags kam, wie beinahe jeden Tag, Wilhelm, der alte Brockhoff, zum Kaffee rüber. »Sech, Machreth, hest du de Nachrichten sehn? Dat schall nu Krieg geven.« Sie schüttelte nur den Kopf. Ihr Fernseher ging gar nicht mehr, seit Hardy beim Versuch, eine Satellitenschüssel auf dem Dach zu montieren, abgestürzt war.

Über dem Moor hing ein feiner Dampf, wie meistens in dieser Jahreszeit. »Ich muss gleich noch den Hühnerstall reparieren. Hab die Tage ›n Fuchs gesehen«, sagte Grete nur. »Na, denn maak dat mal«, kommentierte der alte Brockhoff, trank seinen Kaffee aus und ging.

Als die Airforce der Vereinigten Staaten am 6. August 1945 die erste Atombombe auf Hiroshima abwarf, war Margarete elf Jahre alt und hatte Sommerferien. So wie sie und Gerd schon seit dem April Ferien hatten. Alliierte Truppen hatten die Bischofsstadt eingenommen, und als Lehrer Lindemann nicht mehr an den Endsieg glaubte und als alter Parteigenosse fürchten musste, von den Briten zur Verantwortung gezogen zu werden, hatte er sich davongemacht, sodass man die Dorfschule schloss.

Der Sommer war mild. Die Kinder halfen bei der Ernte, soweit es überhaupt etwas zu ernten gab. So erfuhren Grete und Gerd erst im Herbst von der Atombombe auf Hiroshima. Fräulein Lehmann war zurückgekehrt und verwandte viel Zeit darauf, den Kindern von den schrecklichen Verbrechen der Nazis zu erzählen und davon, wie die Franzosen, die Belgier, die Briten und die Amerikaner Deutschland befreit hatten; über die sowjetischen Streitkräfte verlor sie kein Wort. Eines Tages brachte sie einen Zeitungsausschnitt mit, auf dem das zerstörte Hiroshima zu sehen war und erklärte, dass eine Atombombe viel schrecklicher sei als die Bomben, die während des Krieges auf Deutschland niedergegangen seien, und illustrierte diese Aussage mit dem Foto eines Atompilzes über dem Testgelände von Los Alamos.

Sie sprach von der gewaltigen Explosion und von dem riesigen Feuerball, der alles im Umkreis von vielen Kilometern verbrennt, von dem anschließenden Feuersturm und der radioaktiven Strahlung, die Menschen vergiftet, die sich mehr als zwanzig Kilometer vom Ort der Detonation aufhielten. Sie berichtete von den mindestens einhunderttausend Menschen, die von diesem Feuerball sofort getötet wurden, von Opfern, von denen keine Spur mehr zu finden war, und von weiteren hundertachtzigtausend Japanern, die schnell oder erst nach Jahren an den Folgen der Atombombe starben.

Grete war schockiert und versuchte sich einen Feuerball vorzustellen, so groß wie die Siedlung oder das Dorf, einen Atompilz, der über dem Moor steht. Während des Krieges war keine einzige Fliegerbombe auf das Dorf gefallen, nur weit draußen über dem Moor hatten britische Bomber ab und an überzählige Geschosse abgeworfen, und einmal war eine Phosphorbombe niedergegangen und hatte einen Torfbrand ausgelöst, der noch Jahrzehnte später nicht erloschen war.

Als sie und Gerd schon verheiratet und ihre einzige Tochter Annegret geboren war, gab es eine Veranstaltung im Saal der Gastwirtschaft Maschen, auf der die Bevölkerung über die atomare Bedrohung durch die Sowjetunion informiert wurde und ein Beamter erklärte, was im Fall des Falles zu tun sei. Ein Film in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln wurde vorgeführt, in dem nicht nur mehrere Atomwaffentests zu sehen waren, sondern auch Eltern und Kindern in Bunkern und Atomschutzübungen, bei denen sich Menschen auf den Boden warfen und ihre Köpfe mit Zeitungen und Aktenmappen schützten.

»Glaubst du«, fragte sie Gerd, »dass die irgendwann mal eine Atombombe auf uns werfen?«

Ihr Mann schüttelte nur den Kopf: »Wir sind viel zu unwichtig. Mach dir keine Sorgen.«

Aber in der Nacht träumte Grete, dass hinter den Kämmen des Mittelgebirges ein gewaltiger Feuerball aufstieg, aus dem Atompilz wuchs, der bis in den Himmel reichte. Dass dann ein heißer Wind über das Land und das Moor zog. Wie sie mit dem Fahrrad in die Berge fuhr, den Gipfelkamm erreichte und sah, dass sich von dort aus bis zum Horizont nur noch verbranntes Land erstreckte, aus dem hier und da schwarze Baumstämme oder Reste von Gebäuden aufragten.

Margarete allein

An einem glänzenden Sonntag Ende Juni feiert Margarete Kranzow geborene Lage verwitwete Brockhoff verwitwete Hanke ihren vierundneunzigsten Geburtstag. Ganz allein. Ihre drei Ehemänner sind bereits vor Langem gestorben, und auch drei ihrer vier Töchter sind schon tot. Über den Verbleib der Jüngsten weiß sie nichts. Sie hat keine Verwandten mehr. Außerdem sind alle Nachbarn bereits fortgegangen oder tot. Sie wird auch mit dieser Situation fertig werden. Fit genug ist Grete. Ihr fehlt nichts.

Der Garten, den sie Jahr für Jahr auf dieselbe Weise pflegt, gibt ihr genug zu essen. Sie besitzt über hundert Weckgläser, gut gefüllt mit eingemachtem Gemüse und Obst. Kürbis, süßsauer eingelegt wie sie es von den Flüchtlingen gelernt hat, ebenso die fetten Birnen aus dem September, strahlend gelb und blassgrün, daran kann sie den Inhalt unterscheiden, denn sie beschriftet die Gläser nicht.

Eingeweckt wird alles, was sie gerne isst: Erbsen und Möhren, die süßen Kirschen vom Baum vorne an der alten Scheune, saure Johannisbeeren, aus denen sie auch Saft keltert. Strauchbohnen vor allem und alle Bohnensorten, die auf dem feuchten Moorboden gedeihen. Die Kartoffeln lagern in der kühlen Vorratskammer.

Sieben Hühner und einen Hahn hat sie auch. Wenn ihr nach Fleisch ist, schlachtet sie eines davon oder geht mit der alten Flinte auf Kaninchenjagd. Nachdem die Bauern mitten im Krieg ihr Vieh im stichgelassen haben, hat sie einige Rinder geschlachtet und eingedost. Die Dosenmaschine und die passenden Büchsen hat sie beim Schlachter Niehus im Dorf gestohlen, der ist ja auch weg.

Das Wasser kommt aus dem Brunnen ganz hinten im Garten. Und solange es noch Strom gibt, funktioniert auch die Tiefkühltruhe, gefüllt mit allem, was sie aus den Supermärkten der Umgebung gerettet hat. Schlimmstenfalls könnte sie das Notstromaggregat mit Benzin betreiben, das sie in der verlassenen Tankstelle stiehlt. Sie heizt und kocht mit Holz und Torf, den sie in rauen Mengen in der stillgelegten Moorfabrik findet. Es geht ihr gut.

Vermutlich, weil sie sich seit mehr als zwanzig Jahren an eine tägliche und zudem an eine wöchentliche Routine hält. Zweimal in der Woche radelt sie über die stille Landstraße ins Dorf. Zuerst besucht sie den Friedhof und legt Blumen auf die sechs Gräber ihrer Familienmitglieder. Danach sieht sie in der Kirche nach dem Rechten. Jeden Sonntag um zehn schließt sie das Gotteshaus auf. Wenn sie abends um sieben zum Abschließen wieder dorthin fährt, findet sie manchmal eine frisch entzündete Kerze auf dem Blech vor der Muttergottes.

Dabei hat sie im Ort seit gut sechseinhalb Jahren keinen anderen Menschen mehr getroffen. Manchmal hat sie Sehnsucht nach ihren Schwestern, mit denen sie ihr Leben lang ein inniges Verhältnis gepflegt hat. Aber auch Hildegard und Ingeborg sind schon lange nicht mehr da.

Um fünf Uhr steht sie auf und kocht Kaffee, den sie streng rationiert, denn die Vorräte gehen langsam zur Neige. Dann sitzt am Fenster oder auf der Terrasse am Schuppen, bis sie ihn ausgetrunken hat. Im Winter macht sie sich im Haus zu schaffen, solange es draußen noch dunkel ist. In der hellen Jahreszeit geht sie gleich in den Garten, pflanzt, jätet und gießt die Beete, wenn die es nötig haben.

In der Küche steht das Kofferradio aus den Sechzigern, das Gehäuse mit blassrotem Kunstleder bezogen, dazu elfenbeinfarbene Tasten und Knöpfe. Früher hat sie am liebsten klassische Musik gehört, aber jetzt ist sie auf die beiden Kurzwellensender angewiesen, die sie noch empfangen kann. Dort bietet man ein Programm in einer fremden Sprache und mit Musik, die sich anders anhört als das, was sie ihr Leben lang gemocht hat. Aber auch die gefällt ihr.

Nach dem Frühstück, zu dem immer ein frisches Ei gehört, legt sie sich für ein Nickerchen aufs Sofa in der Stube. Natürlich backt sie auch Brot, aber inzwischen werden die Mehlvorräte so knapp, dass sie nur noch zweimal die Woche zwei Laibe im Holzofen draußen am Schuppen backen kann. Sie wird sich im Ort umsehen müssen, um vielleicht beim Bäcker oder im Lager des Supermarkts noch Mehl zu finden.

Gegen ein Uhr, nach dem Mittagsschlaf, nimmt sie Tag für Tag eine Dusche in der Waschküche, in der es einen mit Torf oder Holz beheizbaren Kessel gibt. Seit Jahren trägt sie nur noch Kittelschürzen aus ihrer umfangreichen Sammlung, ab Ostern und bis weit in den Oktober hinein verzichtet sie auf Unterwäsche. Schon als junge Frau hat sie es geliebt, unter der Oberbekleidung nackt zu sein.

Dann isst sie ein wenig eingemachtes Obst und trinkt noch einen Kaffee oder seit einiger Zeit einen Tee aus Kräutern, die sie am Waldrand sammelt. Sie liest gern. Leider hat sie alle Bücher und Zeitschriften, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben, wenigstens einmal durchgelesen. Aber ihr bleibt immer noch die Bibel, und in einer Illustrierten von vor zwanzig, dreißig Jahren zu blättern, macht ihr immer noch Freude.

Mindestens einmal am Tag, meistens am Nachmittag, legt sie eine Patience. Kärtchen spielen nennt sie das und benutzt dabei ein Blatt, das sie von ihrem Großvater geerbt hat, die Karten halb so groß wie übliche Spielkarten. Und ab und zu zählt sie durch, ob wirklich noch alle da sind, denn wenn eine oder mehrere fehlen, gehen die Patiencen nicht auf. Drei Varianten kennt sie, alle halbe Jahre wechselt sie, damit ihr nicht langweilig wird. Außerdem löst sie einmal die Woche Kreuzworträtsel. Meistens in den Zeitschriften, die ihr die Nachbarn einst vorbeigebracht haben, wenn sie diese ausgelesen hatten.

Schnell hat sie sich angewöhnt, die Lösungswörter mit Bleistift einzutragen, um sie ausradieren zu können, wenn sie dasselbe Rätsel noch einmal bearbeiten will. Im Wohnzimmerschrank gibt es ein Fach, in dem sich die Zeitschriften stapeln. Seit es keinen Nachschub mehr gibt, weil nichts mehr gedruckt wird und die Nachbarn ohnehin alle weg sind, ist sie froh über den Vorrat an ausradierten Kreuzworträtseln. Natürlich beherrscht sie auch das Skatspiel, wie die meisten Frauen in der Gegend. Beigebracht hat es ihr der Opa, der es sogar bis zu Teilnahme an deutschen Meisterschaften gebracht hat. Über viele Jahre trafen sich die Nachbarn im Gasthof Maschen, um einen Skat zu dreschen, und Grete war gern dabei.

Ein paar Jahre zuvor, als alle noch da waren und sie ihren zweiundachtzigsten Geburtstag feierte, fragte Emmi, also Frau Grundmann von nebenan: »Warum willst du eigentlich lange leben?«

Grete dachte eine Weile nach und nippte an der Kaffeetasse. »Wer sagt, dass ich lange leben will?«

Und erklärte ihrer Nachbarin, dass die Länge eines Lebens nicht in der Hand des Menschen läge, sondern von Gott bestimmt sei. Da könne man nichts machen. Es war dieselbe Emmi, die lange bevor die feindlichen Truppen kamen, Selbstmord beging, indem sie genau die Stelle im Moor aufsuchte, von der es hieß, sie verschlinge Menschen in wenigen Minuten.

Jeden Samstag holt Margarete die Fotoalben hervor und sieht sich die Familienbilder darin an. Die Beerdigungen ihrer Lieben liegen nun schon so lange zurück, dass sie beim Betrachten der Fotos nicht mehr traurig wird. Manchmal bleibt sie an einem Bild hängen, das besonders starke Gefühle hervorruft, und verliert sich über Stunden in Erinnerungen an die alten Zeiten. Als es noch ging, hat sie von einigen Fotos, die ihr besonders wichtig sind, große Abzüge anfertigen und rahmen lassen. Die hängen nun in der alten Diele, die das Haus von vorne bis hinten durchschneidet und früher für die Fuhrwerke gedacht war, die das Heu in die Scheune brachten.

Gerd und Grete

Bisweilen bleibt sie vor einem dieser Bilder stehen. Besonders oft vor einem sehr alten Foto, das ein reisender Fotograf aufgenommen hat, als sie noch nicht einmal ein Schulkind war. Ein dürres blondes Mädchen, das misstrauisch in die Kamera blickt, an ihrer Seite ein Junge in kurzen Hosen. Der hat wie beinahe alle Kinder in der Gegend semmelblondes Haar und grinst breit.

Das ist Gerhard, ihr erster Gatte, zweitältester Sohn des Großbauern Brockhoff, ein Nachbarskind, denn der Brockhoff’sche Hof grenzte im Osten direkt an ihr elterliches Haus. Ursprünglich war die Familie Lage Pächter eines Kotten am Rande des großen Moors. Weil ihr Großvater Friedrich aber fleißig war und schlau und so den Brockhoffs nützlich, verpachtete man ihm ein Grundstück, auf dem er kurz vor der Jahrhundertwende ein Haus samt Scheune und Schuppen errichtete und einen Garten anlegte.

Gerd und Grete waren die einzigen Kinder ihres Alters hier draußen und deshalb aufeinander angewiesen. Sein Bruder war zehn Jahre älter, genau wie Margaretes Schwestern so viel älter waren als sie, dass sie in Kindertagen beide wenig mit ihr anzufangen wussten. Erwachsene begannen sich ohnehin erst für ihren Nachwuchs zu interessieren, wenn der auf irgendeine Weise in der Landwirtschaft helfen konnte. So hatten die beiden alle Freiheiten, die man im Alter zwischen fünf und zehn Jahren auf dem Land haben kann. Selbst wenn sie nicht zum Abendessen zuhause erschienen, machte sich niemand Sorgen; man nahm einfach an, dass Grete bei den Brockhoffs zu Abend aß oder Gerd bei der Familie Lage.

Manchmal spielten sie Hänsel und Gretel und marschierten Hand in Hand den schnurgeraden Weg auf das Gehölz im Westen zu. Gerd hatte die Idee, unterwegs Brotkrumen zu verstreuen, damit sie sich nicht verirrten. Aber die Krähen vom Feld pickten alle auf. »Gut, dass wir nicht in den Wald gegangen sind«, sagte er, nachdem sie umgekehrt waren.

Beim nächsten Mal warf er alle paar Meter schöne, runde Kieselsteine auf den Pfad, und sie trauten sich dieses Mal bis zu der Lichtung mit den großen Buchen. Da setzten sie sich nieder und packten Brot und Wurst aus, um sich zu stärken. Als die Dämmerung über den Wald fiel, brachen sie rasch auf und gingen wieder nachhause, die Steine wiesen ihnen den Weg.

Hinter den Gärten erstreckte sich ein Acker über mehr als einen Hektar, auf dem die Brockhoffs Rüben für die Silage anbauten. Das Feld grenzte an den Hauptentwässerungskanal, der über achtzehn Kilometer schnurgerade von West nach Ost verlief und den Moorsee speiste. Dahinter begann das, was bei den Leuten der Gegend seit Urzeiten das Düwelsmoor hieß. Hier stachen die Bauern ebenfalls seit Jahrhunderten Torf als Brennmaterial für ihre Öfen.

Das Moor war durchzogen von einem Netz aus Dämmen, von denen man einen Teil in den Jahren nach dem Weltkrieg asphaltiert hatte. Jeder Mensch in der Umgebung kannte sich im Moor aus und wusste, wo es die Sumpflöcher gab, die einen Menschen verschlingen konnten. Jedes Mal, wenn die Kinder den Hof verließen, rief der Altbauer ihnen hinterher: »Passt op, dat jo de Behem nich faatkregen deit!!«

Denn im Moor, so die Legende, sollte ein mystisches Wesen leben, von dem es hieß, dass es sich von Kindern ernähre. Der Behem hause in einem der Sumpflöcher tief unter der Oberfläche und warte geduldig auf Opfer. Deshalb schärften die Anwohner ihren Söhnen und Töchtern ein, das Moor nur auf den Wegen und Dämmen zu durchqueren, weil niemand genau wisse, wo das Ungeheuer gerade auf Beute lauere.

Und um die Sache plastisch zu machen, schilderten die Alten den Behem gern ganz genau. Es handele sich um ein übermenschlich großes Wesen, ein graues, formloses Ungetüm, halb Tier, halb Mensch, mit sechs Armen, von denen es zwei wie die Tentakel eines Tintenfisches ausfahren könne, um so sein Opfer zu umschlingen und in die Tiefe zu ziehen. Kaum jemand habe den Behem je zu Gesicht bekommen, nur alle siebzig, achtzig Jahre zeige sich das Ungeheuer für ein paar Augenblicke, und wer es gesehen habe, verlöre auf der Stelle den Verstand.

Manchmal aber verlasse der Behem den Sumpf und rase wie der Wind über das Moor, so schnell, dass man ihn nicht sehen könne. Aber wenn er an einem Menschen vorbeiflöge, spüre der den Lufthauch und könne den fauligen Dunst des Ungeheuers riechen. Jedes Erscheinen des Monsters kündige schlechte Zeiten an, hieß es, es gäbe dann Überschwemmungen, Missernten, Hungersnöte, Seuchen oder Krieg. Der Altbauer vom Brockhoff-Hof behauptete, er habe den Behem gespürt, wie er damals wenige Tage vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs übers Moor gesaust sei.

In der Schule war Margarete ihrem Kinderfreund nützlich, denn der war nicht der Hellste und hatte keine Lust aufs Lernen. Dann heiratete Hilde, ihre große Schwester, und es gab das übliche Fest im Gasthof Maschen. Die Erwachsenen aßen viel. Später fanden sich die Männer an der Theke im Gastraum ein und tranken Bier und jede Menge Schnaps. Niemand beachtete die Kinder, die alle zusammen am Katzentisch saßen und zum Essen Sinalco mit Strohhalmen aus Flaschen schlürften, samt und sonders gekleidet im Sonntagsstaat, der dem Kirchgang und den großen Festen vorbehalten war.

Irgendwann gingen Grete und Gerd in die Gaststube, weil er den Vater um einen Groschen für Süßigkeiten bitten wollte, denn im Gang zu den Klos hing ein Automat mit Bonbons, Brausepulvertütchen und Lakritzen. Wilhelm Brockhoff war ein großer, schwerer Kerl mit quadratischem Schädel, schnell aufbrausend, aber nie abgeneigt, gut zu den Menschen zu sein. Als Wilhelm das Paar sah, sagte er: »Een Dag schöölt wi ok joon Hochtiet hier fiern.« Die Männer lachten und prosteten sich zu.

Er sollte Recht behalten. Mit vierzehn ging Margarete in einen Haushalt in der Stadt, während Gerhard auf Wunsch des Vaters als Gehilfe beim Schweinebauern Trentmann jenseits des großen Moors anfing, weil Brockhoff darauf spekulierte, ebenfalls ins Schweinegeschäft einzusteigen, und da könnte es nicht schaden, wenn der Gerd sich abschaute, was es mit Zucht auf sich hatte. Sie sahen sich über Jahre nur sonntags oder wenn es ein Dorffest gab und sie von ihren Arbeitgebern einen zusätzlichen Tag frei bekamen. Jedermann betrachtete sie nun als Paar, auch wenn sie beide nicht im Geringsten in den jeweils anderen verliebt waren und sie nicht annähernd gemeinsame Pläne hatten.

Der Zweite Weltkrieg war längst vorbei, das Dorf und die großen und kleinen Höfe in der Gegend hatten wenig abbekommen. Niemand hatte Hunger gelitten, und gerade die Großbauern hatten von den Zwangsarbeitern, vorwiegend Franzosen und Belgier, profitiert. Als die Städter zum Hamstern angereist kamen, hatten sie gern Lebensmittel gegen Teppiche, Möbel und Kronleuchter getauscht. Brockhoff hatte es lustig gefunden, einen gewaltigen Kristalllüster über einem riesigen Orientteppich in der Diele aufzuhängen, die den Wohnbereich von den Ställen und der Milchküche trennte.

Wenige Wochen nach ihrem siebzehnten Geburtstag fiel Grete vom Heuwagen und brach sich den Arm. Wie jeden Sommer hatte sie bei der Heuernte auf dem Schulte-Hof geholfen. Nun war sie alt genug, das Heu auf dem Wagen zu stapeln und festzudrücken.

Es wurde nie geklärt, weshalb Hans, der Wallach, der auf der rechten Seite des Gespanns ging, plötzlich durchdrehte. Der Bauer vermutete einen Insektenstich oder den Biss einer Pferdebremse an einer empfindlichen Stelle. Jedenfalls brach der Kaltblüter, der immer als ruhig und zuverlässig gegolten hatte, plötzlich nach rechts aus, riss die Stute Lotte neben sich mit, sodass der hochbeladene Wagen ins Schwanken geriet. »Pass op, dat Peerd geiht dör!« rief Knecht Josef noch, aber da war es schon zu spät.

Grete wurde vom schlingernden Heuwagen hinabgeschleudert. Sie hatte noch versucht, sich am Klemmbalken festzuhalten, konnte aber nicht verhindern, dass sie im hohen Bogen aus gut dreieinhalb Metern Höhe auf den ausgetrockneten Fahrweg geschleudert wurde. Sie kam unglücklich auf, sodass Elle und Speiche des rechten Arms brachen. Sie empfand keinen Schmerz, denn weil sie auch mit dem Kopf aufgeschlagen war, verlor sie sofort das Bewusstsein.

Damals gab es im Dorf nur die freiwillige Feuerwehr und keinen Rettungswagen. Man hätte sie ins Krankenhaus in der Stadt bringen müssen, aber das einzige Auto der anwesenden Männer parkte gut acht Kilometer entfernt auf dem Hof.

Es war Richard Oellers, der sofort erkannte, was zu tun war, denn er hatte im Weltkrieg als Sanitäter gedient. Er zerriss sein Unterhemd, brach drei Sprossen aus dem Wagengitter und schiente Gretes Unterarm so gut es ging. Bei Verwundungen improvisierte Lösungen zu finden, hatte er in den fünf Kriegsjahren gelernt.

Dann erwachte Grete und schrie vor Schmerzen. Wilhelm Brockhoff reagierte schnell und begann, ihr den selbstverständlich vorhandenen Schnaps einzuflößen, sodass sie sich nach und nach beruhigte. Die Männer und Frauen hatten bereits den Wagen entladen. Man bettete Grete darauf und fuhr ins Dorf zu Dr. Dieckmanns, der zum Glück nicht in Sachen Hausbesuche unterwegs war.

Der Arzt versorgte die Wunde, verabreichte ihr Schmerzmittel und fuhr sie nach dem Ende der Sprechstunde höchstpersönlich mit seinem VW ins Krankenhaus, wo man Grete einen Gips verpasste, den sie den Rest des Sommers zu tragen hatte. Bei Richards Erstversorgung und auch bei der Behandlung durch Dr. Dieckmanns war nicht alles so gelaufen, wie es hätte laufen sollen. Die Knochen wuchsen zwar gut zusammen, aber der Unterarm blieb schief. Aber das beeinträchtigte Grete zeitlebens nicht. Und wer nichts von dem Unfall wusste, nahm den schiefen Arm nicht wahr.

Mitten im übernächsten Sommer, genau zwischen Gretes und Gerds neunzehnten Geburtstagen heirateten sie.

»Ach, Machreth«, sagte der alte Brockhoff, »das ist mir eine Freude, dass du meinen Gerd zum Mann nimmst. Und eines Tages werdet ihr meinen Hof übernehmen, und Elfriede und ich gehen aufs Altenteil.«

Denn das war sein Plan, dass die Kinder dann das große Haus mit den Ställen, Scheunen und Wirtschaftsgebäuden übernähmen und er und seine Frau in das Haus der Lages nebenan ziehen würden.

»Da sind wir nicht im Weg, und Machreth kann sich doch um uns kümmern, wenn es nötig ist«, hatte er zu Elfriede gesagt, die das für eine ausgezeichnete Idee hielt. »`N Bruut söcht man sick in`n Stall un nich up`n Ball!«, hatte der Altbauer kommentiert, der die Hochzeit nicht mehr erleben würde.

Hinrich Brockhoff war beinahe hundert Jahre alt und so gebrechlich, dass er das Haus schon seit fast zwanzig Jahren nicht verlassen hatte. Elfriede holte ihn nach dem ersten Melken aus seinem Bett, wusch und fütterte ihn und setzte ihn anschließend in den Ohrensessel neben dem Kachelofen in der Küche. Dort saß der Altbauer dann, lauschte auf die Gespräche, beobachtete jeden, der kam oder ging, und ließ in regelmäßigen Abständen einen passenden Spruch auf Plattdeutsch fallen, denn geistig war er noch gesund und sehr lebendig.

Er war zeitlebens kein besonders fleißiger Arbeiter, dafür aber ein ausgezeichneter Planer mit kaufmännischem Geschick, der zudem seine Leute zu führen verstand. So machte Hinrich Brockhoff aus dem kleinen Lehenshof am Rande des Moores einen der größten landwirtschaftlichen Betriebe weit und breit.

Als die Nachbarskinder heirateten, war Grete bereits im vierten Monat schwanger, obwohl es nur ein einziges Mal zum Geschlechtsverkehr mit Gerd gekommen war. Ihr erstes Mal fand draußen in der verfallenen Moorkate statt, von der es hieß, dort gehe der Geist einer Frau um, die vor vielen Jahren von einem entflohenen Irrenhäusler ermordet worden war. Da sei man sicher, da komme nie jemand hinein, hatte Gerd ihr versprochen. Sogar ein Bett mit Matratze gab es im Mordhaus, wie es die Leute nannten. Landkinder müssen nicht aufgeklärt werden, wissen, was der Bulle oder der Eber zu tun und wie sich die Kuh oder die Sau zu verhalten hat. Grete und Gerd waren neugierig genug, es selbst auszuprobieren, und es gefiel ihnen beiden gut.

Röschen Prieter, hieß es, sei damals freiwillig ins Moor gegangen. Wie vorher schon so viele junge Frauen und auch manche Männer ins Moor gegangen waren, um den Freitod zu wählen. Tante Käthe hatte Grete erzählt, Röschen habe sich mit einem reisenden Bürstenbinder eingelassen und sei schwanger geworden. Die Prieters hätten sie verstoßen, und ihr schien nur ein Weg möglich der Schande zu entgehen.

»Wenn du dich schwängern lässt«, hatte die Tante gesagt, »sieh zu, dass der Kerl dich heiratet. Und wenn er es nicht tut, dann nimm dein Kind und geh weg, weit weg.«

Einige Jahre später verschwand Inge Grundmann, damals gerade einundzwanzig, von einem Tag auf den anderen. »Siehst du«, sagte Käthe, »die hat es richtig gemacht.«

Grete fand, sie habe mit Gerd auch alles richtig gemacht und richtete sich in einem Leben als Ehefrau und Mutter ein, wie es schon ihre Mutter getan hatte und deren Mutter und ihre Großmutter zuvor. Die Frau, so war es von alters her geregelt, hatte das Haus zu besorgen, die Kinder großzuziehen und den Garten zu bewirtschaften. Der Mann dagegen war für die schwere Landarbeit zuständig oder, wenn er nur reich genug war, fürs große Ganze. Die schwere Last der Verantwortung lag auf ihm, während die Hausherrin alles zu tun hatte, es ihm so gut zu machen wie möglich. Denn tägliche Sorgen wiegen so schwer wie harte Arbeit.

Gerhard wurde nur dreiundzwanzig Jahre alt. Während Grete sich wie vorbestimmt um den Haushalt und das Kind kümmerte, versuchte er gleichzeitig seine Pflicht auf dem elterlichen Hof zu erfüllen und eine eigene Landwirtschaft aufzubauen. Beharrlich war er und fleißig, solide ohnehin.

Nur einmal im Monat, da ließ er – so nannte Grete das – die Sau raus. Und das war in Ordnung so. Denn das bedeutete, dass er bei einem der wöchentlichen Stammtische im Gasthaus Maschen nicht darauf achtete, ob er möglicherweise zu viel trank. An diesen Abenden war er Mittelpunkt der Runde, gut gelaunt und unterhaltsam. Galt er ansonsten als maulfaul, gab er bei diesen Gelegenheiten die gesammelten Geschichten und Witze der vergangenen vier Wochen zum Besten und schmiss Runde um Runde.

Unter den Jungbauern war er der Einzige, der schon verheiratet und Vater war, und die Burschen zogen ihn gern damit auf. »Mutt du na Huus, Windeln wesseln? », neckten sie ihn. Und: »Keen hett bi jo de Büx an: Grete oder du?«

Damals war es üblich, dass die Männer erst heirateten, wenn sich der Bauer aufs Altenteil zurückzog und dem ältesten Sohn den Hof überließ. Meistens blieben die Kerle bis zum dreißigsten Lebensjahr oder noch länger Junggesellen, um dann Frauen zu heiraten, die wesentlich jünger war.

Um Liebe ging es dabei selten, in der Regel arrangierten die Eltern eine Hochzeit mit dem Ziel, die Wirtschaftskraft ihrer Höfe zu optimieren. Und wenn ein solcher künftiger Erbe versehentlich ein Mädchen schwängerte, hieß das noch lange nicht, dass geheiratet werden musste.

Oft zogen Frauen, denen das passiert war, zum Arbeiten in die Stadt, während das Kind bei ihren Eltern blieb und von diesen großgezogen wurde. Erst wenn die Mutter dann doch noch einen Mann zum Heiraten gefunden und der nichts gegen ihr uneheliches Kind einzuwenden hatte, wurde es, wie es bei den Leuten hieß, ehrlich gemacht.

So war es Gretes ältester Schwester Ingeborg gegangen, die aus einer kurzen Affäre ihrer Mutter mit dem Sohn des Ladenbesitzers im Ort hervorgegangen war, einem Hallodri, der von einem Kind nichts wissen wollte, aber immerhin pünktlich die Alimente zahlte. Dass Inge nicht von Gretes und Hildes Vater abstammte, konnte man ihr ansehen. Im Gegensatz zu ihren Schwestern war sie brünett und neigte ein wenig zur Fettleibigkeit.

Es war am Ende eines äußerst kalten März, als nicht nur Gerd bewusst über die Stränge schlagen wollte, sondern leider vier weitere Burschen aus der Gegend. Und wie es in dieser Region so ist, drückte sich das in Schnaps aus. Gerd gab eine Runde nach der anderen, und nachdem er auf die Toilette gegangen war, kam er nicht zurück. Die anderen, allesamt volltrunken, merkten es nicht.

Gerhard verließ den Gasthof Maschen durch den Vordereingang, so rekonstruierte Wachtmeister Wiethorn den Vorfall später, und bog nach links ab. Es hatte die ganzen letzten Tage immer wieder geregnet. Die Landstraße glänzte feucht. Er hielt sich an die Mitte der Fahrbahn, um nicht versehentlich in den Graben zu fallen. Nach gut zweihundert Metern fand er den Abzweig auf den schlammigen Fahrweg zu seinem Haus. Trecker und Landmaschinen, die Zeit des Pflügens war gerade angebrochen, hatten Furchen gerissen, die voll Wasser standen. Am nächsten Morgen fand man ihn mit dem Gesicht nach unten in einer tiefen Pfütze. Er war ertrunken.

Natürlich war Margarete über den Tod ihres Ehemanns und besten Freundes schockiert, aber sie trauerte nicht lange, sondern kehrte bald zu ihrer täglichen Routine zurück. Die Brockhoffs überschrieben ihr das Grundstück, auf dem ihr Haus stand, als eine Art Erbe Gerhards. Sie fand eine Stelle im Bekleidungsgeschäft im Ort, sodass sie sich und Annegret ernähren konnte. An drei Tagen die Woche arbeitete sie halbtags, am Samstag von zehn bis sechs. In dieser Zeit brachte sie die Tochter zu den Brockhoffs, wo die Altbäuerin auf sie aufpasste.

Die Brockhoffs zählten zu den sechs Familien, die von alters her das Land zwischen der Stadt im Westen und dem Moorsee unter sich aufgeteilt hatten. Wobei sie als erste Siedler in die Region gekommen waren, das Land urbar gemacht und sich in Ackerbau und Viehzucht versucht hatten.

Es war ein gewisser Geerd van Brookhuve, der Anfang des siebzehnten Jahrhunderts im Zuge des achtzigjährigen Krieges aus der katholischen Diaspora in der calvinistischen Provinz Utrecht Richtung Nordosten floh. Der Bischof hatte es unternommen, das weite Moorland zu besiedeln, und war auf der Suche nach gutkatholischen Bauern auf die Holländer gestoßen. So erhielt Geerd einen auf ewig und einen Tag ausgestellten Lehensvertrag für das Gebiet zwischen dem Dorf und der Stadt im Norden, das beinahe bis zum Moorsee reichte.

Der Vertrag sah vor, dass der Pächter das Land beackern durfte, ohne jede Gegenleistung an das Bistum, solange der Hof jeweils vom Vater auf den Sohn übergeben wurde. Auf Geerd folgte Jan Jacob, der die Familie erfolgreich durch den Dreißigjährigen Krieg führte; unter seinem Sohn Vincent rangen die van Brookhuves dem Moor weiträumige Weideflächen ab und begannen die Rinderzucht. Es war Willem, der sich als erster Brockhoff nannte und Untertan des Hannoveraner Königs wurde; er lebte einhundertundzwei Jahre lang und lenkte die Geschicke des Hofes bis über sein achtes Lebensjahrzehnt hinaus.

Als das Land an die Preußen fiel und diese eine Landreform durchsetzten, gingen die dem Brockhoff-Hof immer noch per Pachtvertrag zugeschlagenen Ländereien endgültig in den Besitz der Familie über; Wilhelms Vater Hinrich war der erste Patriarch, auf dessen Namen ein Gebiet von beinahe 300 Morgen Größe eingetragen war, wovon allerdings gut dreiviertel auf landwirtschaftlich nicht nutzbares Moor fielen.

In den Siebzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts hatte ein Fabrikant aus Friesland an der Landstraße die Moorzentrale errichtet, einen Betrieb mit über zweihundert Arbeitern, die den Torf abbauten. Der wurde in der Fabrik getrocknet und zu Briketts gepresst oder zu Pulver zermahlen, das als Dünger verkauft wurde. Ein Großteil des Reichtums der Brockhoffs entstammte dem Verkauf von weiten Bereichen des Düwelsmoors an die Moorzentrale. Und als der Besitzer immer mehr Arbeiter von immer weiter weg holte, kaufte er dem Großbauern weitere Grundstücke direkt an der Landstraße ab und ließ die Torfkolonie bauen, damit seine Untergebenen mit ihren Familien dort wohnen konnten.

Bei den anderen Großbauern hießen die Brockhoffs immer noch die Holländer, wie auch den anderen zwischen dem sechszehnten und dem neunzehnten Jahrhundert zugewanderten Familien oft noch den Namen der Region, aus der sie gekommen waren, anhaftete. Da gab es die Pommern, die Pfälzer und die Schwaben, nur Schulte ten Brinke führten keinen dieser Spitznamen, weil es sie schon immer dort gegeben hatte, denn der Legende nach führten sie sich auf einen Raubritter zurück, der im achten Jahrhundert eine mit Palisaden befestigte Wallanlage auf der einzigen Erhebung weit und breit errichtet hatte und von dort aus über das menschenleere Moorland herrschte.

In Brockhoffs Stube hing ein nicht allzu großes Ölgemälde, das angeblich einen Vorfahren zeigte, vermutlich den Jan Jacob oder irgendein Mitglied der Familie. Grete hatte oft vor dem Bild gestanden und es lange betrachtet, denn der dargestellte Mann sah so aus, wie sie sich vorstellte, dass ihr Gerd in der Blüte seines Lebens ausgesehen hätte, wäre er nicht so früh verstorben. Das dichte, flachsblonde Haar mit dem hohen Ansatz über der Stirn, der kantige Schädel mit der markanten, breiten Nase und die Augen von der Farbe des Sommerhimmels über dem Moor, dazu der Mund mit den etwas wulstigen, stark geschwungenen Lippen, all das hatte auch ihr Gatte, und es war nicht zu übersehen, dass ihre und seine Tochter Annegret eine Nachfahrin der Holländer war.

Der Zweite Weltkrieg war an der Gegend beinahe spurlos vorübergegangen. An einem Tag im Februar 1945 zog die Frontlinie über den Ort und die Moorsiedlung hinweg. Noch vor dem Morgengrauen kamen deutsche Soldaten und Fahrzeuge vorbei, zwei Stunden später fuhren Dutzende britischer Panzer über die schmalen Feldwege Richtung Osten. Dann herrschte wieder Ruhe.

Im neuen Krieg verhielt es sich nur wenig anders. Ein paar Mal kreuzten Bomber hoch am Himmel, und eines Tages sah Margarete eine lange Kolonne gepanzerter Fahrzeuge am Horizont auf dem Weg an die Front. Bisweilen war Artilleriefeuer in weiter Ferne zu hören.

In den ersten Tagen nach der Nachricht vom drohenden Krieg, hatte Grete ihren ehemaligen Schwiegervater beim Nachmittagskaffee angesprochen: »Warum machen die eigentlich Krieg?«

Wilhelm Brockhoff hatte versucht ihr zu erklären, dass es weit im Osten an der Grenze zu Polen zu einem Überfall gekommen war. Wer genau und aus welchem Grund Truppen auf fremdes Territorium geschickt hatte, wusste er auch nicht genau.

»Werden sie auch hier Krieg machen«, fragte sie.

»Ach, Machreth«, sagte er und wechselte, wie immer, wenn es mehr als ein, zwei Sätze zu sagen gab, ins Hochdeutsche, »ich weiß es nicht. Aber denk doch an den Weltkrieg, da haben wir hier doch wenig davon mitgekriegt. Und wenn mich der Barras 1944 nicht doch noch gekriegt hätte, wäre ich einfach auf dem Hof geblieben und hätte meine Arbeit gemacht.«

Wilhelm Brockhoff war nur knapp achtzehn Jahre älter als Grete. Weil er einen bedeutenden Viehbetrieb führte, der eine Großschlachterei belieferte, die wiederum vor allem Fleischkonserven für die Truppe produzierte, war der Hof als kriegswichtiger Betrieb eingestuft worden und er als unabkömmlich. Als der Erste Weltkrieg begann, war er noch zu jung fürs Militär, aber 1939 wäre er mit sechsundzwanzig Jahren sicher eingezogen worden. Erst bei der dritten Generalmobilmachung musste auch er einrücken.

Grete erinnert sich kaum an die Kriegsjahre. Zu Ostern 1941 hatte man sie und Gerd eingeschult. In der Dorfschule kamen sie zu Fräulein Lehmann, die alle Jahrgänge im einzigen Klassenraum unterrichtete. Jeden Morgen gingen sie zu Fuß die drei Kilometer und hielten sich dabei an den Händen wie Hänsel und Gretel. Im Unterricht wurde nicht über den Krieg gesprochen. Die Lehrerin versuchte, den Anschein eines friedlichen Landlebens aufrechtzuerhalten, und wich damit deutlich vom Lehrplan der Nazis ab.

Als Inge Lehmann einmal vor der Klasse davon sprach, dass das alles vorübergehen würde, wenn der Krieg erst einmal verloren wäre, denunzierte sie Jörg Grundmann, der einzige Bauernsohn, der schon Mitglied der Hitlerjugend war. Nach den Osterferien kam Fräulein Lehmann nicht zurück an die Schule. Die achtundzwanzig Schüler wurden nun von Herrn Lindemann unterrichtet, einem bereits pensionierten Lehrer mit Parteiabzeichen.

Das Landleben am Moor lief einfach weiter. Die Bauern bestellten die Felder und Weiden und zogen das Vieh auf. Niemand litt je Hunger, und feindliche Soldaten zogen vor dem Frühjahr 1945 nicht durch das Land nördlich des Mittelgebirges.

Die Feste wurden gefeiert wie immer, vor allem die katholischen Feiertage, und die Partei hatte im Dorf und in der Gegend nichts zu sagen. Man war gutkatholisch und wählte die Zentrumspartei oder schlimmstenfalls die Nationalliberalen; erst 1932 errang die NSDAP im Landkreis mehr Stimmen als das Zentrum. Überhaupt betraf die Politik die Gegend nur wenig. Als der Krieg ausbrach und die jungen Burschen zur Wehrmacht eingezogen wurden, erregte das den Unmut der Bauern. Wer, so fragten sie, sollte sich jetzt um das Vieh kümmern und die Ernste einbringen?

Das Problem bestand aber nur ein knappes Jahr lang. Nach dem erfolgreichen Feldzug im Westen brachte man belgische und französische Kriegsgefangene ins Land, die auch hier auf dem Land als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Mancher Großbauer war froh über den Austausch, denn im Gegensatz zu den Knechten, die gerade in Uniform fürs Vaterland unterwegs waren, mussten sie den Belgiern und Franzosen keinen Lohn zahlen und bekamen für deren Unterhalt sogar noch Beihilfen vom Staat.

Im späten Herbst des Vorjahres war ein Düsenjäger der alliierten Streitkräfte im Moor abgestürzt. Die junge Grete hörte den großen Knall, und wenig später fanden sich die Dorfbewohner an der Absturzstelle. Langsam versank das Flugzeug im Sumpf; nach einer Stunde schloss sich das schwarze Wasser über dem Wrack.

»Ich hatte mächtig Glück«, erzählte Wilhelm, »man hatte mich ins besetzte Frankreich geschickt. In die Nähe von Reims, in ein Versorgungslager. Ich galt als Fachkraft wie viele Bauern, die man spät eingezogen hatte.«

»Hast du denn mal einen Feind totgeschossen?« fragte Grete. Er schüttelte den Kopf und lächelte: »Nicht einen Schuss habe ich in dem einen Jahr als Soldat abgegeben, nicht einen einzigen. Und darüber bin ich sehr froh.«