Bleischwer - Christiane Wünsche - E-Book

Bleischwer E-Book

Christiane Wünsche

4,8

Beschreibung

Ein Campingplatz in der winterlichen Nordeifel. Was haben ein Gefängnisausbrecher, ein Hilfsarbeiter und eine untreue Ehefrau gemeinsam? Jeder von ihnen trägt schwer an Schuldgefühlen, die tief in der Vergangenheit verwurzelt sind. Und so ist es kein Wunder, dass die drei sich in der verschneiten Einsamkeit näherkommen. Da geschieht ein brutaler Mord im Nachbardorf, kurz darauf ein zweiter auf dem Campingplatz. Jule, einzige Frau der tragischen Gemeinschaft, wird zur Ermittlerin wider Willen …

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 390

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
4,8 (16 Bewertungen)
13
3
0
0
0



Christiane Wünsche

Bleischwer

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2013 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © .marqs / photocase.com

Fotolia.com und © biloba / photocase.com

Wer kann sagen:

Ich habe mein Herz geläutert,

ich bin rein geworden

von meiner Sünde?

Altes Testament, Sprüche 20, 9

Sie drückt mich nieder

Schwer, grob und mit Gewalt.

Singt schaurige Lieder

Die sind mir zuwider.

Und werd ich auch grau und alt,

Die Schuld

Hat Geduld

Und kommt wieder.

Sie zwingt mich zu zahlen.

Droht stetig rigider.

Genießt meine Qualen,

Will mich zermürben, zermalmen, zermahlen.

Und werd ich auch brav und bieder.

Die Schuld

Hat Geduld

Und kommt wieder.

Sie lähmt meine Glieder.

Eisig und frostig und starr,

Macht mich müde und müder,

Kämpft Lust und Lebendigkeit nieder.

Denn die Schuld

Hat Geduld

Und wer ich mal war,

Prolog

Draußen war alles grau in grau. Schneeregen, wie so oft in den letzten Tagen. Dabei war schon fast März. Wollte der Winter nie ein Ende nehmen? Der Winter. Jörg musste ungewollt schmunzeln. Dann ließ er von dem Gedanken ab, weil er nicht hierher gehörte. Nicht in sein Heim Kaarst-Büttgen am Niederrhein, wo Harmonie herrschte und alles seinen Platz hatte. Oder zumindest bis vor Kurzem gehabt hatte …

Jörg lehnte sich an die Granitarbeitsplatte der blassgelben, hochglänzenden Hightech-Küche und nahm einen Schluck von seinem Latte macchiato. Der Milchschaum kitzelte angenehm an den Lippen, die Wärme und das Koffein taten Leib und Seele gut. Streicheleinheiten. Jörg brauchte zurzeit viele davon. Seine Frau war ihm abhanden gekommen. Anders konnte man es nicht ausdrücken. Erst hatte sie ihn verwirrt, dann vor den Kopf gestoßen, schließlich gedemütigt. Am Ende war sie auch noch auf und davon, als wenn sie im Recht wäre.

Jörg verstand die Welt nicht mehr. Und deshalb war es ein Geschenk des Himmels, dass es Jana gab. Jana, die ihm gegenüber an der Theke zum offenen Wohnbereich saß und ebenfalls an einem Latte nippte. Gerade lächelte sie ihm freundlich zu. Sie war eine wunderschöne Frau. Anfang dreißig, mit zarten Gliedern, glatter Haut, den Augen von der Farbe edelster Bitterschokolade und diesem seidigen, glatten, dunklen Haar, das ihr offen über die Schulter fiel. Auf den ersten Blick erinnerte Jana wenig an seine Frau, immerhin Janas Halbschwester. Auf den zweiten waren sie sich sehr ähnlich. Die Haltung des Kopfes zum Beispiel, das Mienenspiel, der offene Blick. Obwohl Jules Iris von leuchtendem Blau war. Auch Jule war schön, fand er, aber natürlich auf andere, reifere Art. Kein Wunder, sie war vierzehn Jahre älter als Jana. Und ihr Haar … eine wirre, widerspenstige Masse, deren Grau sie mit Färbemitteln geschickt zu bekämpfen wusste … Er liebte es. Gerade weil es störrisch war – wie Jule selbst.

Traurigkeit und Bedauern überfielen ihn. Ob sie je zu ihm zurückkam? Und ob er ihr je verzeihen konnte? Er wusste es nicht. Ihm war nur klar, dass er in der Zwischenzeit irgendwie weitermachen musste. Und dazu benötigte er Trost und Rückhalt.

Beides gab ihm Jana. Sooft sie konnte. Wie heute morgen. Schnell hatte sie die Zwillinge in den Kindergarten gebracht, um auf einen Kaffee zu ihm in sein Haus im Büttger Komponistenviertel zu eilen. Jetzt trat sie zu ihm. Ganz nah. Stellte das halb leere Macchiato-Glas ab und strich zart mit ihren schmalen Händen durch sein dünner werdendes, blondes Haar.

»Alles wird gut«, flüsterte sie. »So oder so. Alles wird sich finden. Ich weiß das. Auf chaotische Zeiten folgen Zeiten der Harmonie. Der Lauf des Lebens.« Sanft hauchte sie einen Kuss auf seine unrasierte Wange und stellte sich dann neben ihn. Ihre Schultern berührten sich sacht. Die Verbindung war da.

Was aber war mit Jule? Hatte sie die Verbindung endgültig gekappt nach ihrer Flucht in die Eifel? Mit dem Abschalten ihres Handys beispielsweise?

Jörg überließ sich der Wärme, die diese jüngere, glattere Version seiner Ehefrau neben ihm ausstrahlte und gab sich der Hoffnung hin, der Jana so optimistisch Ausdruck verliehen hatte: Es würde wieder Zeiten der Harmonie geben. Fragte sich nur wann.

Erster Teil: Eifelwind

Die Kunststoffscheiben waren beschlagen. Das Kondenswasser stand in den Fensterdichtungen. Die Gasheizung bullerte, und die Stille im Wohnwagen war so undurchdringlich wie die sternenlose Nacht draußen. Jule fühlte sich eingehüllt in einen Kokon, der alles Beängstigende fernhielt. Und alle Zweifel.

Sie schenkte sich ein drittes Glas Rotwein ein, nahm einen Schluck und bettete den Kopf zurück auf das Polster. Kurz schloss sie die Augen und überließ sich ganz dem verhaltenen Ticken der Wanduhr. Außer ihrer Atmung und dem Gurgeln des Baches stellte es das einzige Geräusch dar, das in ihre Ohren sickerte.

Es gibt nichts Tröstlicheres als einen Campingplatz im Winter, dachte sie träge, aber seltsamerweise auch nichts Trostloseres. Sie kuschelte sich tiefer in die Wolldecke und ließ ihren Blick durch den winzigen Raum schweifen.

Alles, was sie sah, war ihr zutiefst vertraut: die verschrammte Arbeitsplatte der Küchenzeile mit dem zweiflammigen Kocher ebenso wie die zerschlissenen Bezüge der Rundsitzecke in verstaubten Braun-, Grün- und Beigetönen. Jule wusste um jeden Kratzer im Linoleumboden und hätte mit geschlossenen Augen den Griff in der wackeligen Schiebetür gefunden, die den Wohn- vom Schlafbereich abtrennte. Ebenso gab es jenseits des Wohnwagens, der hier unverrückbar seit vierzig Jahren stand, nichts, was sie nicht in- und auswendig kannte.

Anstelle eines Vorzeltes wurde der uralte Doppelachser von einer Art Pavillon flankiert, der aus dünnen, weiß gestrichenen Holzelementen bestand. Das Dach hatte ihr Großvater vor vielen, vielen Jahren mit Teerpappe und einer Balkenkonstruktion verstärkt, um es gegen Wind und Wetter zu schützen. Der Pavillon war im Winter wegen der Kälte nicht als Wohnbereich nutzbar, sondern diente als Abstellfläche für Schuhe, Gartenmöbel, Grill, Schubkarre und Krimskrams.

Wohnwagen und Anbau ähnelten einer kleinen Festung, die hinter Holzlattenzaun und Hecke verborgen am Rande des Campingplatzes lag. Nach hinten wurde das zugewachsene Grundstück vom Bachlauf begrenzt. Durch ein schief in den Angeln hängendes Holztor gelangte man vorne auf den Schotterweg. Dieser war gesäumt von anderen Dauer- und Saisoncampingplätzen. Jule kannte die Namen der meisten Mieter. Viele von klein auf.

Es gab ihr ein Gefühl von Sicherheit, all dies zu wissen. Hier in diesem Tal bei Steinbach in der Nordeifel fühlte sie sich heimischer und geborgener als irgendwo sonst auf der Welt. Und genau das war der Grund, warum sie hergekommen war. Ende Januar, als noch Schnee lag. Und jetzt war schon März.

Sie reckte sich, bog vorsichtig den schmerzenden Rücken durch und schob die Wärmflasche zurück an die richtige Stelle. Der Wein hatte sie benommen gemacht, dennoch schützte er sie nicht vor den Bildern in ihrem Kopf. Sie musste sich vorsehen, die Gedanken nicht allzu weit schweifen zu lassen. Trotzdem sah sie plötzlich Jörgs Blick vor sich. Wie er sie gemustert hatte, voller Abscheu, als sei sie etwas besonders Ekelhaftes, Widerwärtiges. Sie schluckte und verdrängte die Erinnerung. Gerade noch rechtzeitig, bevor sie zu weh tat.

Am besten gehe ich ins Bett, sagte sie sich. Schlafen hilft immer. Entschlossen warf sie die Decke zur Seite und setzte sich steif auf. Sie kämpfte das aufkommende Schwindelgefühl nieder, bevor sie in die winzige Nasszelle tappte.

Der nächste Morgen empfing sie frostig und bleischwer. Schnee lag in der Luft. Das sagte auch Gerti an der Rezeption, wo Jule ihre Brötchen abholte. Gerti und Hermann Weyers besaßen den Campingplatz ›Eifelwind‹, solange Jule denken konnte. Beide mussten inzwischen um die achtzig sein. Trotzdem hatten sie sich in all den Jahren kaum verändert. Gut, Hermann war etwas geschrumpft, und Gertis Gesicht hatte mehr Falten geworfen; ansonsten blieben sie in Jules Augen alterslos wie eh und je.

Gerade jetzt lachte Gerti ihr raues Lachen, das mehr wie ein Husten klang, die knotigen Finger ihrer Rechten umklammerten die obligatorische Zigarette. Ohne Filter, Nikotin pur.

»Mädche glöv mir, dat schneit dis Johr noch bis no Ustere. Jrad hätt mer jedach, der Fröhling kütt, do wit et noch ens richtisch kalt.« Gertis Nordeifeler Platt schnarrte heimelig durch den kleinen Raum. Sie schaute besorgt, die wässrig blauen Augen unter geschminkten Lidern blinzelten freundlich und der enorme Busen bebte, während sie sprach. »Häss de noch jenoch Jas? Süs besörsch der Micha dir noch jet. Sach nur Besched.«

Jule wiegelte ab. »Danke, aber die Gasflasche dürfte noch fast ein Viertel voll sein.«

Sie lächelte. Gerti erinnerte sie ein wenig an ihre verstorbene Oma, der der Stellplatz früher gehört hatte. Diese stammte zwar gebürtig aus Pommern und nicht aus der Eifel, war aber genauso bodenständig gewesen – und genauso fürsorglich.

»Ich schick dir trotzdemm der Micha ens vorbei.« Gerti nickte heftig. »Der sull enfach ens no demm Rechte lure.«

»Okay, danke, Gerti. Einen schönen Tag noch.«

Jule schnappte sich Brötchentüte und Zeitung und verließ das Holzhaus, das neben der Rezeption den kleinen Laden mit Lebensmitteln, Haushaltswaren und Postkarten beherbergte. Die Kälte kroch ihr durch Jeans und Daunenjacke unter die Haut; Nase und Wangen röteten sich in Sekundenschnelle. Der Schotter knirschte unter den Füßen und sie musste einige gefrorene Pfützen umrunden, während sie eilig zurück zum Stellplatz lief. Sie freute sich auf den heißen Kaffee, den sie vorhin aufgesetzt hatte.

Als sie am Waschhaus und den verwaisten Stellplätzen für Touristen vorbeikam, kündeten leere Rasenflächen mit kahlen braunen Stellen von einem fernen Sommer, der Platz voller Wohnwagen, gespickt mit zankenden Kindern, cellulitisgeplagten Mamis in allzu knappen Bikinis und biertrinkenden Vätern im Qualm schwelender Grillkohle. Sie entdeckte besagten Micha, das Faktotum, wie sie ihn heimlich titulierte.

Er putzte die Außenspülen. Jule blieb einen Moment stehen und schaute auf seinen gebeugten Rücken. Der Mann bearbeitete die Edelstahlflächen mit geballter Kraft. Voll konzentriert. Die sehnige Hand, die den Schwamm hielt, schnellte rhythmisch vor und zurück. Er gönnte sich keine Pause, arbeitete zügig. Jule sah, dass er noch sieben Spülbecken vor sich hatte, drei waren schon geschafft. Sie glänzten und blinkten im Morgenlicht.

Langsam setzte sie sich wieder in Bewegung. Er hatte sie nicht bemerkt. Michael war ein seltsamer Typ, fand sie. Er gehörte zu den wenigen Neuen hier im ›Eifelwind‹. Letztes Jahr war er noch nicht da gewesen. Schweigsam gab er sich, unzugänglich, doch wenn man ihn freundlich grüßte, gönnte er einem ein schüchternes Lächeln. Jule schätzte, dass er ungefähr so alt sein musste wie sie selbst, also Mitte vierzig. Sie hatte keine Ahnung, wo Gerti und Hermann ihn aufgetrieben hatten. Aber sie wusste, dass sie glücklich waren, ihn eingestellt zu haben. Gerti wurde nicht müde, das immer wieder zu betonen. »Ne echte Jlöcksfall, der Micha«, pflegte sie einzuleiten, um dann den Gästen von den handwerklichen und gärtnerischen Fähigkeiten des Mannes vorzuschwärmen.

Jule bog rechts Richtung Bachlauf und Waldsaum ein und ging nun geradeaus auf ihr Heim zu, als sie auf dem Grundstück linkerhand Leben bemerkte.

Nanu, waren die Odenthals etwa gekommen? Um die Jahreszeit? Mitten in der Woche? Jule fiel erstaunt ein, dass es bereits Freitag war und dass demzufolge mal wieder einige Tage unbemerkt an ihr vorbeigezogen waren. Sie wunderte sich, wie sehr die Zeit verschwamm, seit sie von zu Hause fort war.

Zu Hause … Vor ihrem inneren Auge schwebten schnurgerade Linien, ein weiter Horizont und graugrüne Felder mit Nebelschleiern vorbei, dazwischen Backsteingehöfte sowie akkurate Einfamilienhäuser hinter gepflegten Vorgärten und die Spitze eines Kirchturms; sie hörte das Dröhnen von Flugzeugmotoren genauso wie das Heulen der Feuerwehrsirene Freitag Mittag um zwölf …

Kurz war die Sehnsucht nach ihrer Heimatstadt Kaarst am Niederrhein aufgeflammt, schnell erstickte Jule sie und widmete sich wieder der Gegenwart. Der Gegenwart eines winkenden Peter Odenthals, der gerade sein Gepäck in den brandneuen, riesigen Luxuscaravan mit dem stabilen Wintervorzelt gebracht hatte und nun neben seinem protzigen Landrover stand.

»Hallo Jule«, rief er. »Wusste gar nicht, dass ihr hier seid! So früh im Jahr? Wo steckt denn Jörg?«

Zack, zielsicher hatte er den Finger in Wunde gesteckt. Allerdings guckte er dermaßen arglos, dass Jule den Verdacht, er könne Bescheid wissen, sofort wieder zurücknahm.

»Ich mache allein Urlaub. Jörg hat zu viel zu tun«, erklärte sie. »Jetzt wo Tobi als Austauschschüler in den USA ist, bin ich ja unabhängig. Und du? Wo ist Steffi?«

Peter lächelte breit und kam ein paar Schritte näher. »Die besucht übers Wochenende ihre Schwester in München. Da hab ich gedacht, zwei Tage Angeln sind genau das Richtige. Der See ist doch nicht mehr zugefroren?«

Die Frage stellte er in ängstlichem Ton, und Jule durchfuhr ein neidvoller Stich. Wenn es das größte Problem im Leben eines Peter Odenthals darstellte, dass sein geliebter Angelsee zugefroren sein könnte, musste er wahrlich ein sorgloses Dasein führen, dachte sie bitter, ließ sich aber nach außen hin nichts anmerken. »Alles frei. Nur die Ränder sind ein bisschen vereist. Aber es soll kälter werden, sagt Gerti.«

»Ach, wird schon klappen. Werd gleich mal mein Glück versuchen.« Wieder ließ er eine schnurgerade Reihe weißer Zähne in dem gebräunten ebenmäßigen Gesicht sehen. Dann wurde sein Lächeln noch eine Spur breiter. Die eisblauen Augen blitzten.

»Was hältst du davon, wenn ich dich mal zum Essen ausführe, vielleicht morgen Abend? Ein bisschen Gesellschaft können wir doch beide gebrauchen, Strohwitwe und Strohwitwer, die wir gerade sind, oder?«

»Klar, gute Idee.« Jule heuchelte eine Begeisterung, die sie nicht empfand. Sie war zum Alleinsein hergekommen, nicht um Peter Odenthal die Zeit zu vertreiben und ihm die glückliche Ehefrau Jörg Theisens vorzuspielen. »Bis dann, viel Spaß beim Angeln. Mein Kaffee wird kalt«, sagte sie, drehte sich um und flüchtete sich in ihre Festung hinter der Forsythienhecke. Sie wollte endlich in Ruhe frühstücken und Zeitung lesen.

›Schwerverbrecher aus der JVA Köln ausgebrochen‹, schrien ihr förmlich die fetten Lettern entgegen. Der Kaffeebecher verharrte auf dem Weg zum Mund in der Luft. Darunter stand etwas kleiner: ›Der entflohene Mörder stammt er aus der Nähe von Bad Münstereifel. Die Polizei mutmaßt deshalb, er könne in die Eifel geflüchtet sein. Vor dem Ausbrecher wird eindringlich gewarnt. Er gilt als äußerst gefährlich und gewaltbereit.‹

Jule schluckte unbehaglich. Ein Schwerverbrecher hier in der Eifel, womöglich ganz in der Nähe. Steinbach lag nur 15Kilometer von Bad Münstereifel entfernt. Das konnte ja heiter werden.

Sie betrachtete das grobkörnige Foto. Der Mann sah völlig harmlos aus. Sein Blick war eher erschrocken als aggressiv, aber was besagte das schon? Herzhaft biss sie in ihr Brötchen mit Brombeermarmelade und schlug Seite2des Blattes auf.

›Stefan Winter ist 48 Jahre alt, 1,80 m groß, dunkelhaarig und schlank und seit gestern Abend flüchtig. Wegen bewaffneten Raubes, Geiselnahme und Mordes wurde er 1987 zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Seitdem saß er in verschiedenen Haftanstalten ein. Er gilt als schwerstkriminell. Von frühester Jugend an wurde er wegen verschiedenster Gewaltdelikte straffällig …‹

Erneut beschlich Jule ein mulmiges Gefühl. Aufmerksam las sie den Artikel zu Ende. Die Eltern des Mörders stammten aus Eichweiler, einem Nachbardorf Steinbachs. Stefan Winter war in dieser Gegend aufgewachsen. Na ja, warum sollte er sich ausgerechnet hierhin flüchten, versuchte sie sich selbst zu beruhigen. Wäre ganz schön dumm. Es musste dem Mann doch klar sein, wo die Polizei zuallererst suchen würde.

Sie blätterte weiter und machte sich daran, das Kreuzworträtsel auf der letzten Seite zu lösen. Um den Rücken zu entlasten, stopfte sie ein Kissen an die schmerzende Stelle. Sie durfte nachher auf keinen Fall vergessen, ihre krankengymnastischen Übungen zu machen, bevor sie zum alltäglichen Waldspaziergang aufbrach.

Jule zog die Holzpforte hinter sich zu. Vorsichtig atmete sie die beißend kalte Luft ein. Es war erst Mittag und doch fielen bereits die ersten dicken Flocken. Sie schob die Mütze tiefer ins Gesicht und schloss die Jacke bis zum Kinn. Entschlossen wanderte sie Richtung Rezeption. Nebenbei registrierte sie, dass die Möllers aus Köln und die Friedrichs aus Ratingen ihre Dauercampingplätze bezogen hatten. Sie sah ihre Autos neben den Jägerzäunen stehen und Licht durch die Scheiben der Caravans glimmen.

Beides Ehepaare, fuhr es ihr durch den Kopf, kurz vor der Rente, ein halbes Leben lang verheiratet. Das werde ich niemals schaffen, dachte sie zynisch. Wenn es schwierig wird, haue ich ab. Sie schüttelte die unguten Gedanken ab, während sie das Waschhaus passierte.

Wieder entdeckte sie Micha, das Faktotum. Offenbar hatte er gerade die Mülleimer im Herrenbereich geleert, denn er verließ mit vollen Plastikbeuteln in beiden Händen das Gebäude. Sein Gesichtsausdruck war verschlossen wie immer. Ohne Jule eines Blickes zu würdigen, stapfte er in Gummistiefeln zu dem Fahrrad, das er neben der Außendusche abgestellt hatte, und warf die Müllsäcke zu den anderen auf den Anhänger. Dann hielt er inne, um in der Seitentasche seiner Fleeceweste zu kramen. Im nächsten Moment beobachtete sie, wie er einen Flachmann an die Lippen führte und einen tiefen Schluck nahm.

Beschämt trat sie in den Schatten einer Fichte. Micha hatte ihre Anwesenheit offenbar nicht bemerkt. Ansonsten würde er hier nicht ungeniert Schnaps trinken. Sie wartete ab, bis er die Flasche weggesteckt hatte, und näherte sich ihm.

»Hallo Micha«, sprach sie zu dem breiten Rücken.

Langsam drehte er sich zu ihr um.

»Hallo.« Sein Lächeln war unsicher und kam von weit her. Verlegen wischte er sich die Hände an der Arbeitshose ab.

Mit welchen Geistern der Vergangenheit quält dieser Mann sich herum?, fragte sich Jule nicht zum ersten Mal. Erst jetzt schien er zu begreifen, wen er vor sich hatte.

»Ach, Frau Maiwald. Richtig, Gerti hat gesagt, ich soll mal nach Ihrer Gasflasche schauen.«

Sie fand es unpassend, dass er sie siezte, sie ihn aber wie selbstverständlich beim Vornamen rief. Tatsächlich kannte sie seinen Familiennamen überhaupt nicht. Für alle hier im ›Eifelwind‹ war er bloß ›der Micha‹. Ob sie ihm im Gegenzug das Du anbieten sollte? Doch dann würde sie sich vorkommen, als biedere sie sich an.

Also beließ sie alles beim Alten und erwiderte: »Ja, das wäre nett. Besonders wenn es wieder friert, sollte es die Heizung richtig tun. Ich gehe jetzt spazieren, aber die Gartentür ist nicht abgeschlossen. Geh einfach aufs Grundstück, wenn du Zeit hast. Du weißt ja, wie du an die Gasflasche kommst.«

»Okay, aber …« Er zögerte sichtlich.

Sofort ruderte sie zurück. Keineswegs wollte sie ihn drängen oder den Anschein erwecken, seine Hilfsbereitschaft ausnutzen zu wollen. Sie winkte ab.

»Kein Problem, falls du heute zu viel zu tun hast. Es eilt nicht …«

Er schüttelte den Kopf, wobei er sich mit der Hand durch das feste, dunkelblonde Haar fuhr. »Das hab ich nicht gemeint. Ich habe Zeit, kein Problem. Ich würde bloß an Ihrer Stelle den Eingang zum Stellplatz nicht offen lassen. Nicht gerade jetzt, aber egal …« Er hielt inne, schluckte, sah kurz zu Boden. Betreten, wie ihr schien.

Verwirrt runzelte Jule die Stirn. Wieso nicht gerade jetzt? Was war heute anders als in den vergangenen vierzig Jahren? Die Dauercamper im ›Eifelwind‹ sperrten ihre Grundstücke grundsätzlich nicht ab. Eine Handhabung, die durchaus Sinn ergab. Denn es kam vor, dass Gerti und Hermann sich Zugang verschaffen mussten, weil z.B. ein Sturm einen Baum umgehauen hatte oder eine Wasserleitung durch den Frost undicht geworden war. Schon hatte sie den Mund geöffnet, um nachzufragen, da bemerkte sie Michaels verschlossenen Gesichtsausdruck. Sein Blick ging in die Ferne, die Lippen waren fest zusammen gepresst. Klappe dicht, dachte sie, Schotten zu. Sie schluckte ihre Frage herunter, setzte ein unverbindliches Lächeln auf und verabschiedete sich. Komischer Kauz, überlegte sie, während sie dem Ausgang des Campingplatzes zustrebte. Keine Ahnung, was in diesem Kopf vor sich geht.

Der Wald erwartete sie schweigend und in eisiger Starre. Das einzige, was sich außer ihr bewegte, waren die immer dickeren Schneeflocken, die lautlos zu Boden tänzelten. Jule atmete tief durch, während sie den gewundenen Pfad entlang ging. Er führte steil bergauf. Jule kannte jeden Stein und jede Wurzel, die ihr wie Treppenstufen den Aufstieg erleichterten. Bald durchschnitt ein glucksendes Rinnsal den Pfad. Mit geübtem Schritt überquerte sie es. Staunend betrachtete sie kurz darauf die Schneeglöckchen am Wegesrand, die vor wenigen Tagen noch keine Blüten getragen hatten. Trotz der Kälte waren sie zarte Vorboten des Frühlings, leise und schüchtern, aber verheißungsvoll. Plötzlich fühlte sie Freude in sich aufsteigen.

Beginnendes Leben macht immer froh, dachte sie, um im selben Moment erschrocken stehen zu bleiben. Nein, nicht immer, korrigierte sie sich. Manchmal lässt es dich auch nur verzweifeln. Ihr wurde schwindelig. Schluss jetzt, rief sie sich sofort zur Ordnung. Hör auf damit. Sie konzentrierte sich nur noch auf ihre Schritte und auf ihre Atmung, blendete sämtliche Gedanken aus.

Die Bank auf der Anhöhe trug bereits einen dünnen Schneemantel. Jule wischte ein Stück mit dem Ärmel der Winterjacke frei und setzte sich. Prompt schoss ihr der Schmerz in den lädierten Lendenwirbel. Unwillkürlich stöhnte sie auf und wartete, bis das Pochen abebbte.

Ihr Blick fiel hinunter auf das Tal und den Campingplatz. Rechts hinter einem Hügel lugte die windschiefe Spitze des Steinbacher Kirchturms hervor. Das Bild, das sich ihr bot, hätte einer Postkarte entsprungen sein können. Trotz des bleiernen Himmels strahlten die geschwungenen Hügel, mit Mischwald bewachsen und von Lichtungen durchsetzt, sowie der Bachlauf ganz unten idyllische Heiterkeit aus. Die zugewachsenen Dauercampingplätze mit den Wohnwagen, an die erfinderisch diverse Schuppen und Lauben angebaut worden waren, und die kastenförmigen Mobilheime wirkten wie winzig kleine Gehöfte eines verwunschenen Dorfes. Und die weiten Wiesenflächen, auf denen in den Sommermonaten die Touristen kampierten, erstrahlten im frischen Weiß des Neuschnees. Es ist eine kleine heile Welt da unten, überlegte Jule. Ein Auenland. Genau die richtige Umgebung, um selber heil zu werden. Allerdings schwante ihr inzwischen, dass Zeit und Abgeschiedenheit allein nicht ausreichen würden, damit ihr Leben wieder ins Lot kam. Über einen Monat war sie bereits hier und im Grunde genommen kein Stück weiter gekommen. Lediglich ihrem Rücken ging es langsam besser.

Nicht zum ersten Mal überlegte sie, ob es an der Zeit war, das Handy endlich anzustellen. War sie wieder bereit, den Kontakt mit der Außenwelt herzustellen? Konnte sie es wagen, Jörg anzurufen? Allein bei dem Gedanken wurde ihr der Hals eng. Besser nicht, flüsterte ihre innere Stimme. Besser noch nicht.

Jule kehrte erst gegen 16 Uhr auf den Campingplatz zurück. Atemlos, mit kalten, steifen Fingern, vom Schnee feuchten Haaren und geröteten Wangen. Jetzt freute sie sich auf ein heißes Getränk, das sie auftauen und die Glieder geschmeidig machen würde. Der Neuschnee lag inzwischen daumendick, die Hecke um das Grundstück war weiß gepudert.

Die Pforte stand weit auf. Irritiert hielt sie inne, dann fiel ihr das Faktotum ein. Und richtig, da hockte ›der Micha‹ hinter dem Wohnwagen. Die Klappe, hinter der die Gasflasche verstaut wurde, war geöffnet.

»Hi«, kündigte sie ihre Rückkehr an, um ihn nicht zu erschrecken. »Bin zurück.«

Keine Antwort. Sie trat näher und räusperte sich.

»Hi«, wiederholte sie, lauter diesmal. Endlich drehte der Mann den Kopf in ihre Richtung. Sie sah sofort, dass er angetrunken war. Sein Blick wirkte leicht verschwommen und er brauchte einen Moment, um sie zu fokussieren. Schließlich lächelte er.

»Hallo, Frau Maiwald. Bin gleich fertig.« Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu; kurz darauf richtete er sich auf und schloss die Gasabdeckung.

»Habe die Flasche ausgetauscht.« Seine Aussprache war leicht verwischt. »Und den Schlauch da.« Er wies vor sich ins weiß gesprenkelte Gras. »War schon ziemlich porös, würde ich sagen. Da musste ein neuer her, wäre sonst bald undicht geworden. So was kann gefährlich werden.«

»Oh, danke.« Überrascht sah sie ihn an. »Das war wirklich sehr nett. Gut, dass du es repariert hast.«

»War wirklich dringend«, bekräftigte er mit ernster Miene. »Hab ich gern gemacht.«

Unschlüssig standen beide ein paar Sekunden da, bis Michael sich daran machte, Zangen und Schraubenschlüssel zusammenzuklauben und im Werkzeugkoffer zu verstauen.

»So, dann bin ich mal weg. Schönen Abend noch …«

Auf einmal war ihr klar, dass sie ihn so nicht gehen lassen konnte. Einerseits aus Dankbarkeit, andererseits weil sie spürte, dass es dem Mann nicht gut ging. Keine Ahnung, wie sie darauf kam. Vielleicht weil ihr das Leid zum vertrauten Begleiter geworden war. Seines konnte sie förmlich riechen. Also beeilte sie sich, ihn aufzuhalten.

»Moment noch«, bat sie leise. »Warte bitte. Hast du Lust, mit mir drinnen etwas Warmes zu trinken? Kekse habe ich auch …«

Er drehte sich zu ihr herum und musterte sie erstaunt. Seine Augen schimmerten in einer Mischung aus Blau und Grün. Die Farbe erinnerte sie an die Glasmurmeln ihrer Kindheit. Graublau, mit grünen Einschlüssen. Ozeanaugen. Mit einem Mal kam sie sich total lächerlich vor. Was musste der Typ von ihr denken? Dass sie ihn anbaggern wollte? Sie merkte, wie sie errötete.

Seine Antwort kam nach einer kurzen Bedenkzeit. »Okay, warum nicht?« Er nickte, doch sein Blick blieb fragend. »Müsste mir nur gründlich die Finger waschen.«

»Kein Problem. Fließendes Wasser und Seife habe ich.«

Wenig später wärmten sich beide die Hände an vollen Keramikbechern. Glühwein. Würziger Weihnachtsduft füllte das Innere des uralten Wohnwagens aus. Dabei war doch schon März. Jule spürte, wie ihr der heiße Alkohol gut tat. Ihre Anspannung wich und machte Neugierde Platz. Wer war dieser ernste Mann mit dem verlorenen Blick? Welche Last schleppte er mit sich herum? Der Punsch schien zumindest seine Zunge zu lockern. Gut.

»Gemütlich hast du es hier«, sagte er, und sie war froh, ihm vorhin endlich das Du angeboten zu haben. So konnten sie sich nun auf Augenhöhe begegnen. »Ist viel schöner als in meiner Bruchbude.«

»Du wohnst vorne neben der Rezeption in einem der Mobilheime, oder?«, vergewisserte sich Jule.

»Ja genau. Ist ganz in Ordnung, aber noch ziemlich kahl. Hatte bis jetzt kaum Zeit, mich besser einzurichten. Und keine Kohle.« Er zuckte mit den breiten Schultern. »Gibt auch Wichtigeres. Musste erst mal klar kommen, weißt du. Mich an den Job gewöhnen. War lange draußen.«

»Arbeitslos?«

»Mm, genau. Ziemlich lange.« Er wich ihrem Blick aus und nahm noch einen tiefen Schluck. »Aber Gerti und Hermann sind echt okay. Fair. Klasse Chefs.«

Michaels Lächeln erhellte sein ganzes Gesicht. Zum ersten Mal bemerkte Jule, was für ein attraktiver Mann er war. Auf zurückhaltende, einfache, sehr männliche Art. Komisch, dass ihr das zuvor nie aufgefallen war.

»Und du?«, wollte er jetzt wissen. »Was hat dich um die Jahreszeit hierher verschlagen? So lange und so ganz allein?«

Jule war auf die Frage nicht vorbereitet. Und auf eine Antwort erst recht nicht.

»Ich brauchte eine Auszeit«, erklärte sie daher knapp. »Möchtest du noch Glühwein?«

»Klar. Wenn du einen mittrinkst.«

Sie war sicher, dass er ihr Ausweichmanöver durchschaut hatte. Und es akzeptierte. Sie begann, sich in seiner Gesellschaft wohl zu fühlen.

Nachdem der Punschtopf geleert war, öffnete Jule einen Dornfelder. Inzwischen fühlte sie sich ziemlich beschwipst. Es war ihr egal. Auch Michael hatte glasige Augen, doch er hielt sich tapfer. Aufmerksam lauschte er, als Jule ihm von ihren Großeltern erzählte, denen Caravan und Stellplatz früher gehört hatten.

»Schon als Kind bin ich mit meiner Mutter an den Wochenenden hergekommen. Es war für mich das Paradies. Manchmal durfte ich in einem kleinen Zelt unter dem Kirschbaum schlafen. Ich fand es super. Tagsüber war ich mit Opa im Wald, und der hat mir alles über Tier- und Pflanzenwelt beigebracht. Ein Herbarium haben wir angelegt. Und mit Oma habe ich Salat geschnibbelt oder Erbsen gepult. Sie hat mir Geschichten von früher erzählt, von ihrer Kindheit und vom Krieg. Mama lag meistens in der Hängematte und hat gelesen …«

»Und dein Vater?« Michas Stimme kam von weither, aber die Frage saß.

Sie riss sich zusammen und antwortete knapp: »Den kannte ich kaum. Er hat uns verlassen, als ich vier war. Meine Mutter und ich haben nie mehr von ihm gehört …«

»Oh. Tut mir leid.«

Instinktiv verstand sie, dass er seine eigene Neugier meinte, nicht die Tatsache, dass ihr Vater die Familie im Stich gelassen hatte. Trotz ihres angeheiterten Zustandes wurde ihr klar, dass Diskretion Teil seines Wesens war.

Und tatsächlich. Er hakte nicht weiter nach. Ließ ihr ihre Inseln. Das machte sie froh. Umgekehrt erkannte sie bald, wo seine Grenzen lagen, bis zu denen sie vorstoßen durfte. ›Bis hierher und nicht weiter‹ lautete das Motto des Tages. So war Michaels unmittelbare Vergangenheit tabu, von der Kindheit hingegen erzählte er bereitwillig.

»Mein Alter hat gesoffen und irgendwann auf dem Land keinen Job mehr gekriegt. Da sind wir mit der ganzen Familie nach Köln gezogen, meine Mutter, meine kleine Schwester und ich. Aber der Alte hat sich schnell vom Acker gemacht. Und Mama hat sich für uns krumm geschuftet. Trotzdem ging es uns mies. In Urlaub fahren gab es nicht. Ein paar Mal war ich in den Ferien bei Tante Gerti und Onkel Hermann. Aber dich habe ich nie hier gesehen.«

»Du bist mit den beiden verwandt?«, fragte Jule verblüfft.

»Über drei Ecken«, schränkte Micha sofort ein. »Meine Oma und Gerti waren Cousinen.«

»Ah, so bist du also an den Job gekommen.«

»Genau.«

Er nickte. Lächelte. Dann erhob er sich umständlich. Schwankte leicht. »So, ich glaub, ich geh jetzt mal. Hab noch was zu tun. War nett, mit dir zu quatschen.«

An der Wohnwagentür hielt er inne, fixierte Jule plötzlich eindringlich und artikulierte überbetont, wie es Betrunkenen eigen ist: »Schließ den Wohnwagen gut ab, bevor du ins Bett gehst. Draußen läuft ein Mörder frei rum, vergiss das nicht.«

Er deutete auf die aufgeklappte Zeitung auf ihrem Tisch, nickte bedächtig und weg war er.

Beunruhigt schaute Jule ihm nach. Er nimmt die Geschichte mit dem flüchtigen Verbrecher ganz schön ernst, dachte sie aufgeschreckt. Übertreibt er oder hat er etwa recht?

Sie leerte das Rotweinglas und machte sich daran, ihr Duschzeug zusammen zu suchen. Es war fast 19Uhr, noch durfte es im Waschhaus leer sein. Sie freute sich auf eine heiße Dusche und auf das Fernsehprogramm im Anschluss. ›Der Name der Rose‹ lief um Viertel nach acht, einer ihrer Lieblingsfilme. Es würde ein ruhiger Abend werden.

Jule belauschte den Streit, als sie sich gerade frisch geduscht, eingecremt und geföhnt auf dem Rückweg zum Stellplatz befand. Inzwischen war es stockdunkel. Vereinzelt boten beleuchtete Pfähle entlang des Weges Orientierung. Es schneite noch immer, und sie hatte sich die Kapuze tief in das Gesicht gezogen, damit kein einziges Härchen feucht werden und sich womöglich ringeln konnte. Sie hasste nichts mehr, als wenn eine gerade getane Arbeit zunichte gemacht wurde. Und ihr störrisches dunkles Haar in Form zu bringen, war nicht einfach. Es benötigte Kraft und Geduld. Leider.

Mit einer Kapuze über den Ohren hörte es sich nicht so gut wie ohne. Daher bekam sie das hitzig geführte Gespräch am Müllcontainer erst spät mit. Einer der beiden Männer, der hinter einer Birke stand und für Jule deshalb nicht zu identifizieren war, beschimpfte den anderen. Dieser andere war Michael, das Faktotum. Ohne genau zu wissen warum, versteckte sich Jule hinter dem Sichtschutzzaun der Entsorgungsecke. Jetzt konnte sie die beiden zwar nicht mehr sehen, war aber näher dran.

»Wenn du dein Maul nicht hältst, bist du den Job hier los«, vernahm Jule. Wem die aufgebrachte Stimme gehörte, konnte sie nicht zuordnen. »Und noch einiges mehr.«

Michaels Antwort war kurz. Sie hörte seine unterdrückte Wut. Auch wirkte er gar nicht mehr betrunken, sondern stocknüchtern: »Lass mich vorbei!«

»Erst, wenn du schwörst zu schweigen.« Der Tonfall des Fremden war drängend.

Michael klang resigniert. »Bleibt mir doch gar nichts anderes übrig.«

»Gut, dass du es so siehst. Ist auch besser für dich.«

Der andere schien zufrieden.

Nun sprach keiner mehr, dafür hörte Jule sich entfernende, im Schnee knirschende Schritte. Sie wartete eine Weile, bis sie sicher sein konnte, dass die Männer weg waren. Erst dann verließ sie ihren Posten.

So viele Geheimnisse an so einem kleinen Ort, wunderte sie sich beunruhigt, während ihre Füße den Weg zum Stellplatz von ganz allein fanden.

Der Schlaf wollte nicht kommen. Jule wälzte sich unruhig im Bett hin und her, immer mit gespitzten Ohren. Michaels Warnungen hatten ihr Angst gemacht, eine diffuse Angst, die unter der Haut kribbelte. Ein Mörder läuft frei herum. Ganz in der Nähe. Sie hatten es vorhin sogar in den Fernsehnachrichten gebracht.

Dieser Stefan Winter hatte unmittelbar nach seinem Ausbruch unter Waffengewalt eine Autofahrerin als Geisel genommen. Er hatte sie gezwungen, bis nach Euskirchen zu fahren, wo er an einer roten Ampel aus dem Wagen sprang. Kurze Zeit später stahl er den Golf eines Mannes, der am Kiosk Zigaretten holte und den Schlüssel im Zündschloss stecken gelassen hatte. Nach dem Verbleib des Fahrzeugs wurde intensiv gefahndet. Aber noch fehlte jede Spur von dem flüchtigen Verbrecher. Inzwischen war er seit fast zwei Tagen auf freiem Fuß.

»Er ist übermüdet und vermutlich hungrig«, hatte ein Polizeisprecher erklärt. »Wir raten der Bevölkerung dringend, sich von dem Mann fern zu halten. Stefan Winter ist bewaffnet und völlig unberechenbar. Wir wissen nicht, wie er reagiert, wenn er sich in die Enge getrieben fühlt. Der Mann hat nichts zu verlieren. Lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung ist die härteste Strafe, die es in Deutschland gibt. Und Winter hatte auch nach 25 Jahren Haft keine Aussicht auf ein Leben in Freiheit. Nach seiner Flucht und der Geiselnahme natürlich erst recht nicht. Er könnte wieder morden oder sogar den eigenen Tod vorziehen, um einer erneuten Inhaftierung zu entgehen.«

Wie schrecklich, dachte Jule, wenn man körperlich gesund, aber dermaßen ohne Hoffnung und Perspektive ist, dass der Tod das kleinere Übel darstellt. Sie konnte sich das überhaupt nicht vorstellen. Trotz der Krise, in der sie zweifellos zurzeit steckte, lag immer noch eine lebenswerte Zukunft vor ihr. Als sie sich das klar machte, fühlte sie sich auf einmal leicht und frei. Ihre Unruhe wich. Wenige Minuten später war sie eingeschlafen.

Leise Geräusche weckten sie. Der Leuchtanzeige des Weckers zeigte 2.32 Uhr. Jule schlug das Herz sprichwörtlich bis zum Hals, während sie in die Dunkelheit lauschte. Wieder hörte sie etwas. Draußen knirschte es. Mehrmals. Es klang wie Schritte im Schnee. Dann Stille. Sie hielt den Atem an und vermied jede Bewegung. Nichts mehr. Plötzlich ein lang gezogenes Scharren, gefolgt von gedämpftem Plumpsen. Ihre Furcht steigerte sich zur nackten Angst. Starr lag sie da, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Jemand schlich um den Wohnwagen herum. Versuchte, sich Einlass zu verschaffen. In dem Moment scharrte es erneut. Gleichmäßig, wie ein Rutschen. Kurz darauf der Aufprall.

Und da ahnte sie, was es war. Erleichterung durchströmte sie, mächtig, jubilierend. Der Schnee, frohlockte sie. Bloß der Schnee!

Die Schicht wurde zu dick, also glitten ab und an Teile Schneedecke vom schrägen Dach des Pavillons nach unten. Wie winzige Lawinen. Das musste es sein. Sie nahm allen Mut zusammen, setzte sich auf und schob den Vorhang am Fenster zur Seite. Fast hätte sie laut aufgelacht. Natürlich, genauso war es. Ganz links konnte sie einen Schneehaufen ausmachen, dort, wo das Dach des Anbaus endete.

Jule atmete tief ein und aus und kuschelte sich zurück in die mollig warme Bettdecke. Eins mit sich und der Welt fiel sie in tiefen Schlaf.

Samstagmorgen, 9.00 Uhr. Helle Aufregung herrschte in dem Holzhaus, das Rezeption und Laden beherbergte.

Es gab nur ein Thema, die Nachrichten verkündeten es geifernd: Der VW Golf mit Euskirchener Kennzeichen, den Stefan Winter vorgestern gestohlen hatte, war am frühen Morgen an der Landstraße kurz vor dem Ortseingang von Steinbach gefunden worden. Versteckt zwischen Gebüsch und Kieferngehölz.

Von dem Ausbrecher fehlte allerdings jede Spur. Aber dass er sich in der unmittelbaren Umgebung aufhalten musste, war klar. Die Polizei hatte das Tal nach allen Seiten abgeriegelt. Man durchkämmte Dorf und Wälder.

»Am besten erschießen die ihn, wenn sie ihn sehen«, ereiferte sich eine dicke Mittdreißigerin, die gestern mit Mann und Kindern eins der Mobilheime bezogen hatte. »Je schneller er unschädlich gemacht wird, desto besser! So lange dieser Mörder frei rumläuft, kann man sich doch seines Lebens nicht sicher sein!«

Heftig raschelte sie mit der Papiertüte voller Schokocroissants, die Gerti ihr eben abgepackt hatte.

»Durch diese Großfahndung werden unsere Steuergelder verschleudert«, bekräftigte Rudi Bossmann, ein rüstiger Rentner, dessen Dauerstellplatz sich nicht weit von Jules befand. Vor zwei Jahren war seine Frau gestorben. Seitdem kam er allein her. »Ich denke auch, man sollte mit so einem kurzen Prozess machen. Weg damit. Mit einem gut gezielten Schuss. Ist die kostengünstigste Lösung.«

»Wenn sie ihn überhaupt kriegen«, befürchtete Maria Friedrich aus Ratingen, die wie immer drei Mehrkornbrötchen eingekauft hatte. Zwei für den Gatten, eines für sich. »Vielleicht hat dieser Verbrecher Freunde in der Gegend, die ihn verstecken oder außer Landes schaffen.« Sie machte ein besorgtes Gesicht.

»Oder er hat sich mit anderen Ganoven hier verabredet, kriminelles Pack aus Köln oder so, die ihn abholen kommen. Dann wird es erst recht gefährlich«, zeterte eine vollbusige gefärbte Blondine mit aufgespritzten Lippen, die Jule noch nie im ›Eifelwind‹ gesehen hatte. Irritiert musterte sie die Fremde. Irgendwie passte sie nicht auf einen Campingplatz, fand sie.

In dem Moment hörte sie ein Schnauben hinter sich. Sie drehte sich um. Peter Odenthal.

»Wer ein Vierteljahrhundert im Knast war, hat draußen keine Freunde mehr«, behauptete er selbstbewusst. »Die Polizei wird ihn bald einfangen wie einen entlaufenen Hund. Außer, er nimmt sich wieder eine Geisel. Dann wird es brisant.«

Zu alldem hatte Gerti, die Hände in die speckigen Hüften gestemmt, geschwiegen.

»Räsch üch aff, Künge«, besänftigte sie nun in rauem Timbre. »Nix wit so heeß jejesse, wie et jekoch wit. Jank irch ens örntlich fröhstöcke. Jeneß ür Freihet bei Kaffee und Brüjtche.« In ihren funkelnden Äuglein stand der Schalk. »Un wenn de Stefan Winter he im ›Eefelwind‹ incheck, sach ich Besched!«

Jule verließ den Laden unmittelbar nach Peter Odenthal. Der Himmel draußen strahlte in durchscheinendem Blau. Der Schnee lag mindestens 20Zentimeter dick. Ein Wintermärchen mitten im März.

»Und? Bleibt es bei unserer Verabredung heute Abend?«, fragte Peter. Er strotzte vor Gesundheit und Selbstsicherheit. Jule fühlte sich wie immer klein und unbedeutend in seiner Gegenwart.

»Ja, sicher«, antwortete sie halbherzig, während sie Brötchentüte und Zeitung an sich presste. Ihre Finger schmerzten vor Kälte, weil sie die Handschuhe im Anbau liegen gelassen hatte. »Essen bei Hermann?«

Der Campingplatz verfügte über eine eigene Kneipe mit kleinem Restaurantbereich. Dort fungierte Hermann als Wirt und Koch in einem. Und gar nicht mal schlecht. Die deftige Hausmannskost, die er zubereitete, war auf einfache Weise schmackhaft. Das wussten vor allem die Dauercamper zu schätzen.

»Warum nicht? Ist besser bei dem Wetter auf dem Platz zu bleiben. Es sind bestimmt noch nicht alle Straßen geräumt. Wäre 19 Uhr für dich okay? Ich hole dich ab.«

Im Grunde genommen duldete er keine Widerrede. Der große Odenthal hatte gesprochen. Jule unterdrückte ein Seufzen und fügte sich.

»Ja, 19Uhr passt gut.«

Die Zeitung ereiferte sich sensationslüstern über Stefan Winters Flucht. ›Deutschlands Schwerverbrecher Nr. 1‹ – warum nur hatte bis vor ein paar Tagen kein Mensch von dem Mann gehört, fragte sich Jule ironisch – sei bislang wie vom Erdboden verschluckt. Ganze Hundertschaften von Staatsdienern hätten ihn nicht in dem kleinen Eifeltal rund um den Fundort des gestohlenen PKW aufspüren können. Es folgte eine kurze Biografie des zu lebenslänglicher Haft verurteilten Mörders, bei der man den Eindruck gewinnen konnte, es mit einem Teufel in Menschengestalt zu tun zu haben. Jule las zwischen den Zeilen das Schicksal eines Mannes heraus, der in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen und seit frühester Jugend auf die schiefe Bahn geraten war. Während und zwischen den immer längeren Gefängnisaufenthalten war aus dem Kleinganoven ein ›schwerer Junge‹ geworden. Seine kriminelle Karriere gipfelte in mehrere Raubüberfälle Mitte der achtziger Jahre. Bei dem letzten, einem Überfall auf eine Euskirchener Sparkassenfiliale, eskalierte die Situation. Die Polizei umstellte das Gebäude, worauf Winter und sein Komplize einen Bankangestellten als Geisel nahmen. Draußen vor der Bank drehte Winter durch. Kaltblütig tötete er einen Polizisten, Familienvater von drei kleinen Kindern, mit einer Kugel direkt ins Herz, bevor ihm selbst in die Lunge geschossen wurde und er das Bewusstsein verlor. Der Mittäter konnte im anschließenden Durcheinander unerkannt, weil maskiert, mit der Beute fliehen – rund 600.000 DM in großen Scheinen. Sowohl von dem Täter als auch von der Beute fehlte bis heute jede Spur. Der verhaftete Winter schwieg sich hartnäckig zur Identität seines Komplizen und zum Verbleib des Geldes aus. Das Urteil ›Lebenslänglich‹ unter Feststellung der ›besonderen Schwere der Schuld‹ nahm er laut des Zeitungsartikels mit ›unbewegter Miene und ohne Reue‹ zur Kenntnis. Auch die Anordnung der Sicherungsverwahrung ließ ihn offenbar kalt.

Im Anschluss an Stefan Winters Lebensgeschichte folgten Mutmaßungen darüber, wie dem Häftling die Flucht aus der JVA Köln hatte gelingen können. Fest stand, dass er unter Waffengewalt einen Justizvollzugsbeamten gezwungen hatte, ihm sämtliche Türen in die Freiheit aufzuschließen. Aber wie war der Gefangene an die Schusswaffe gekommen? Hatte er Helfer unter den Schließern gehabt? Warum war der Ausbruch erst nach mehreren Stunden entdeckt und der gefesselte und geknebelte Beamte nicht schneller in der Wäschekammer gefunden worden?

Fragen zu Sicherheitsmängeln in deutschen Gefängnissen wurden laut. Von Personalknappheit war die Rede, von Überbelegung in den Zellen, von Sparmaßnahmen und der daraus resultierenden Überarbeitung der Angestellten. Schlussendlich wurde das Justizministerium unter Beschuss genommen. Mehr Überwachung und mehr Sicherheit in deutschen Gefängnissen wurden gefordert.

Über Winters Gründe für den Ausbruch spekulierte der Artikel nicht. Man ging wohl davon aus, dass die Aussicht, bis zum Tode hinter Gefängnismauern weggesperrt zu werden, Motiv genug sei. Zumal für einen Teufel in Menschengestalt.

Jule schenkte sich Kaffee nach und biss in die letzte Brötchenhälfte. Sie dachte an Michaels Warnungen von gestern. Heute, im Lichte des strahlenden Wintermorgens, verspürte sie keinerlei Angst. Der Ausbrecher konnte überall sein. Warum gerade hier auf dem Campingplatz?

Kurze Zeit später absolvierte sie ihre täglichen physiotherapeutischen Übungen im Anbau des Caravans. Wie jeden Morgen fühlte sich ihr Rücken steif wie ein Brett an. Ob er je wieder so biegsam wie vor dem Unfall werden würde? Die Ärzte hatten es zumindest nicht ausgeschlossen. Fetzen eines Bildes schossen ihr unvermittelt durch den Kopf: der Aufprall des Wagens gegen den Baumstamm. Wie ihr Oberkörper erst nach vorne, dann zurück gerissen wurde. Der weiße Ballon des Airbags, der sie kurzzeitig auf dem Fahrersitz einklemmte und alle Sicht nahm.

Die Erinnerung war völlig geräuschlos. Still. Wie eine Stummfilmszene. Kein Bremsenquietschen wie in der Realität, kein ohrenbetäubendes Krachen, kein Jammern des Beifahrers. Trotzdem fühlte sie sich echt an, schrecklich echt.

Jule hielt mitten in der Bewegung inne. Ihr Herz raste, die Handflächen waren feucht geworden. Nicht, dachte sie. Aufhören. Sie zwang sich zu tiefen, gleichmäßigen Atemzügen. Langsam ließ die Panik nach.

Draußen blendete sie das Weiß des Schnees, der alles bedeckte. Die Luft war trotz des blauen Himmels schneidend kalt. Jule genoss es, ihr Gesicht ins helle Licht der Sonnenstrahlen zu halten, während sie über den Campingplatz spazierte. Der Schnee knirschte unter den Füßen. Scheinbar ziellos wanderte sie über die Wege zwischen den Stellplätzen, Sanitärgebäuden und Freizeitanlagen. Vom Angelsee hielt sie sich fern, weil sie vermeiden wollte, ein zweites Mal an diesem Morgen Peter Odenthal zu begegnen.

Eigentlich war es völlig untypisch für Jule, nicht auf schnellstem Weg die umliegenden Wälder anzustreben. Dass sie auf dem Gelände die Zeit vertrödelte, hatte jedoch wenig mit der Angst zu tun, draußen womöglich auf den Ausbrecher zu stoßen. Wenn sie ehrlich mit sich selbst war, musste sie sich eingestehen, dass sie Ausschau hielt. Ausschau nach Micha, dem Faktotum.

Das gestrige Gespräch mit ihm hatte ihr gefallen. Es war angenehm gewesen, ihn um sich zu haben. Wie sein verschlossenes Gesicht sich unvermittelt geöffnet hatte, wenn ihre Blicke sich begegneten oder wie sein Lächeln die sonst eher ernsten Züge erhellte, hatte sie berührt. Sie mochte den Mann. Deshalb beunruhigte sie die Szene an den Müllcontainern, die sie gestern Abend belauscht hatte, umso mehr. Michael war von dem anderen auf üble Weise bedrängt worden. Sogar bedroht. Sie sorgte sich, war aber gleichzeitig neugierig.

Schließlich traf sie ihn auf dem Parkplatz neben der Rezeption. Dort stand zusammen mit einer Handvoll anderer Autos ihr kleiner blauer Twingo in weißem Winterpelz, seit Wochen ungenutzt. Ansonsten war der Parkplatz leer.

Micha schippte Schnee und kehrte ihr dabei den Rücken zu. Schwungvoll fuhr die Schaufel in die glitzernde Masse, kratzte über den darunter liegenden Beton und vollführte einen exakten Halbkreis in der Luft. Der Schnee landete in schillernder Kaskade auf einem großen Haufen. Wieder faszinierten sie Konzentration und Rhythmik, die den kraftvollen Bewegungen des Mannes inne wohnten. Er schien völlig versunken in das, was er tat. Jule fühlte sich an den Straßenkehrer in ›Momo‹ erinnert, bevor die grauen Männer ihm die Zeit rauben und die Ruhe nehmen. Gerade wollte sie sich abwenden, um ihn nicht zu stören, da hielt er inne und drehte sich zu ihr herum. Sein Lächeln war warm, die Freude echt.

»Hallo Jule. Unterwegs zum Waldspaziergang? Wie jeden Morgen?«

»Ja, genau.« Dass er über ihre tägliche Gepflogenheiten Bescheid wusste, verwirrte sie. Sie spürte, wie sie errötete. Peinlich.

Plötzlich verdüsterte sich Michaels Gesicht, als sei ihm gerade etwas Unangenehmes eingefallen. Sein Blick glitt in die Ferne und zurück, bis er in ihren Augen hängen blieb.

»Du bleibst heute besser auf dem Platz! Wenn’s geht, unter Leuten.« Es klang wie ein Befehl. »Stefan Winter ist irgendwo da draußen.« Er wies mit der Schneeschaufel in Richtung der Wälder. »Und jede Menge Polizei. Keine gute Idee, zwischen die Fronten zu geraten.«

Zwischen die Fronten. Was für eine unpassende Floskel. Sie befanden sich doch nicht im Krieg.

»Meinst du nicht, dass du etwas übertreibst?«

»Nein.«

Die Antwort kam schnell und bestimmt. Micha presste die Lippen zusammen und arbeitete weiter. Angespannter diesmal, abgehackter.

»Dann komm doch mit. Zu meinem Schutz.«

Die Erwiderung war Jule nur herausgerutscht. Sie bereute sie, kaum dass sie sie ausgesprochen hatte. Michael aber hielt mitten in der Bewegung inne, rammte die Schaufel in den Schnee und betrachtete sie nachdenklich.

Seine Antwort verblüffte sie.

»Okay.« Er lächelte leicht, während seine Augen ernst blieben. »Aber erst heute Nachmittag. Wenn ich hier fertig bin. Ich hole dich um drei ab. Passt das?«

Jule schluckte. Aus der Nummer kam sie nicht mehr raus.

»Ja, das passt.«

Ihr Herz klopfte laut bis zum Hals, als sie sich auf den Rückweg zu Omas ehemaligem Wohnwagen machte.

»Bis dahin verlass aber auf keinen Fall das Gelände«, rief er ihr noch hinterher. Eine Antwort sparte sie sich.

Unterwegs begegnete sie zwei uniformierten Polizisten, die über den Campingplatz patrouillierten. Erst in diesem Moment wurde ihr der Ernst der Lage bewusst. Die Gefahr war real, nicht an den Haaren herbeigezogen. Der Ausbrecher hielt sich aller Wahrscheinlichkeit nach in Steinbach oder Umgebung auf. Man suchte ihn fieberhaft und mit vereinten Kräften.

Zügig lief sie auf den Stellplatz zu. Dann würde sie eben im Wohnwagen einen weiteren Kaffee trinken und lesen. Oder fernsehen. Vielleicht wussten die Medien Neues über den Fall zu berichten.

Lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung. Die beiden juristischen Ausdrücke, die der Gesellschaft dauerhaften Schutz garantierten und für den Täter das endgültige Aus von Freiheit und Selbstbestimmung bedeuteten, spukten ihr im Kopf herum.

Sie erinnerte sich an ein Gespräch mit Jörg zu dem Thema. Sie hatten im Kerzenschein auf dem Sofa gekuschelt und Nüsse geknabbert, als Jörg ihr erzählte, warum er kein Strafverteidiger wie seine Studienfreunde geworden war, sondern Anwalt für Verwaltungsrecht.

»Schon früh habe ich gemerkt, dass es nicht mein Ding ist, mich auf die Seite von Kapitalverbrechern zu schlagen. Ich ziehe es vor, mich mit kniffeligen Sachverhalten und juristischen Feinheiten zu beschäftigen. So habe ich außerdem mit normalen, intelligenten Mandanten zu tun, nicht mit dem Abschaum der Gesellschaft.«