Blind Life - Nadja Walti - E-Book

Blind Life E-Book

Nadja Walti

0,0

Beschreibung

«Meine Hände tasten sich vorsichtig der kühlen Wand entlang und meine Füsse setze ich nacheinander langsam auf dem harten Boden ab. Die ständige Dunkelheit umgibt meine Augen und ich sehe nur die schwarze Farbe, welche meinen Blick prägt. Alles was ich wahrnehme, ist der kalte Holzboden unter meinen nackten Füssen.» Ich, Emily Marley, die seit ihrem sechsten Lebensjahr blind ist, von ihren Eltern völlig allein gelassen wurde und nun einem Umzug in eine völlig neue Umgebung bevorsteht.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 431

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Anfangs waren es einige Sätze, dann ein Kapitel und nun ist es ein Buch. Ein Buch, welches mit mir gewachsen ist.

Für dich, mein Schatz, weil du dafür gesorgt hast, dass mein erstes, eigenes Buch perfekt geworden ist.

Darf ich vorstellen:

Familie Marley:

Emily Osment als Emily Marley

Owen Wilson als Tom Marley

Veronica Ferres als Kate Marley

One Direction:

Niall Horan als Niall Horan

Louis Tomlinson als Louis Tomlinson

Harry Styles als Harry Styles

Liam Payne als Liam Payne

Freunde:

Maria Ehrich als Amber Shepherd

Josh Hutcherson als James Whitman

Emma Watson als Sophie Bail

Sam Claflin als Luke Harrington

Nebenrollen:

Phoebe Tonkin als Samantha Steel

Jennifer Lawrence als Sara Clark

Greg Horan als Greg Horan

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2: 17. Dezember

Kapitel 3: 18. Dezember

Kapitel 4: 25. Dezember

Kapitel 5: 31. Dezember

Kapitel 6: 01. Januar

Kapitel 7: 01. Januar

Kapitel 8: 1. Januar

Kapitel 9: 02. Januar

Kapitel 10: 02. & 03. Januar

Kapitel 11: 13. Februar

Kapitel 12: 14. Februar

Kapitel 13: 03. April

Kapitel 14: 03. & 04. April

Kapitel 15: 04. April

Kapitel 16: 04. April

Kapitel 17: 04. April

Kapitel 18: 06. April

Kapitel 19: 10. April

Kapitel 20: 11. April

Kapitel 21: 12. April

Kapitel 22: 12. April

Kapitel 23: 20. April

Kapitel 24: 22. April

Kapitel 25: 23. April

Kapitel 26: 24. – 27. April

Kapitel 27: 27. April

Kapitel 28: 27. April

Kapitel 29: 27. April

Kapitel 30: 27. April

Kapitel 31: 27. April

Kapitel 32: 27. April

Kapitel 33: 27. April

Kapitel 34: 27. April

Kapitel 35: 27. & 28. April

Kapitel 36: 28. April

Kapitel 37: 28. April

Kapitel 38: 28. April

Kapitel 39: 29. April

Kapitel 40: 29. April

Kapitel 41: 20. Mai

Kapitel 42: 21. Mai

Kapitel 43: 21. Mai

Kapitel 44: 21. Mai

Kapitel 45: 21. Mai

Kapitel 46: 21. Mai

Kapitel 47: 21. Mai

Kapitel 48: 21. Mai

Kapitel 49: 21. - 23. Mai

Kapitel 50: 23. - 25. Mai

Kapitel 51: 26. Mai

Kapitel 52: 26. Mai

Kapitel 53: 26. Mai

Kapitel 54: 26. Mai

Kapitel 55: 26. Mai

Kapitel 56: 26. Mai

Kapitel 57: 26. Mai

Kapitel 58: 26. Mai

Kapitel 59: 26. Mai

Kapitel 60: 26. Mai

Kapitel 61: 26. Mai

Kapitel 62: 26. Mai

Kapitel 63: 27. Mai

Kapitel 64: 28. Mai

Kapitel 65: 30. Mai

Kapitel 66: 30. Mai

Kapitel 67: 31. Mai

Kapitel 68: 31. Mai

Kapitel 69: 31. Mai

Kapitel 70: 31. Mai

Kapitel 71: 31. Mai

Kapitel 72: 01. April

Kapitel 73: 01. April

Kapitel 74: 01. April

Kapitel 75: 01. April

Kapitel 76: 04. April

Kapitel 77: 04. April

Kapitel 78

Kapitel 79: Sophie Bail

Kapitel 80: Kate Marley

Kapitel 81: Amber Shepherd

Kapitel 82: Niall Horan

Kapitel 83: Emily Marley

Kapitel 1

Meine Hände tasten sich vorsichtig der kühlen Wand entlang und meine Füsse setze ich nacheinander langsam auf dem harten Boden ab. Die ständige Dunkelheit umgibt meine Augen und ich sehe nur die schwarze Farbe, welche meinen Blick prägt. Alles, was ich wahrnehme, ist der kalte Holzboden unter meinen nackten Füssen.

Dies war kein unbekanntes Gefühl für mich. Jeden Tag musste ich mich damit abfinden, nichts zu sehen und alles mit meinen Händen und Füssen zu ertasten. Unser Haus, in dem mein Vater und ich lebten, kannte ich mittlerweile in- und auswendig. Jedes Möbelstück hatte seinen festen Platz in den verschiedenen Zimmern und in meinem Kopf. In der Küche waren alle Esswaren schön aufgeteilt in den hüfthohen Schubladen oder in den verschiedenen Regalen im Kühlschrank. Das Geschirr befand sich sauber aufgestapelt in den Schränken, sodass ich mir mittlerweile merken konnte, wohin ich greifen musste.

Ich wohnte nun schon seit eh und je in diesem Haus im Süden Schottlands. Meine Eltern liessen sich kurz nach der Diagnose meiner Sehbehinderung scheiden, weil meine Mutter anscheinend keine Gefühle mehr für meinen Vater empfand.

Kurz darauf verliess sie uns und verschwand nach Australien. Mein Vater litt sehr unter der Trennung und versuchte sich abzulenken, indem er tagsüber arbeiten ging und immer erst spät am Abend nach Hause kam. Ich war völlig auf mich alleine gestellt, musste jedes Möbelstück selber erkunden und versuchte mir einzuprägen, wo es sich befand. Die Türen und Fenster schienen sich vor mir zu verstecken. Wenn ich etwas aufschreiben wollte, sah ich meine Schrift nicht.

Bei einer Zeichnung erkannte ich nicht, wie sie am Ende aussah. Alles, was mein Vater tat, war, eine Haushaltshilfe zu organisieren, welche mir zwar dreimal täglich leckere Gerichte zubereitete und mit mir kurze Unterhaltungen führte, aber oft sofort nach dem Abwasch wieder verschwand.

Dadurch, dass ich viel alleine war, hatte ich Zeit genug, um mir selber das Zähneputzen und viele weitere Alltagsaufgaben beizubringen. Auch das Anziehen von Kleidern, ohne etwas zu sehen, musste ich lernen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich tagelang geweint hatte, weil ich mich alleine fühlte. Gerne hätte ich eine Schwester gehabt, die mir hätte helfen können oder einen Vater, der sich wenigstes öfters um mich gekümmert hätte.

Eine Sache, welche ich auch nie erleben durfte, war, eine Schule zu besuchen und dort Freunde zu finden. Und das nur, weil mein Vater befürchtete, dass ich auf dem Schulweg von einem Auto hätte angefahren oder gemobbt werden können.

Das einzige, was mich wirklich aufheiterte, war Musik. In jüngeren Jahren zeigte mir mein Vater, wie man das Radio zu bedienen hatte und schenkte mir CDs mit Kinderliedern. Zu allen Tätigkeiten lauschte ich dem Gesang und dem Rhythmus der verschiedenen Lieder. Zu späteren Zeiten bekam ich von meinem Vater CDs mit den neusten Charts und sonstigen, berühmten Liedern. Ich liebte es, mich völlig der Musik hinzugeben, denn bei den ruhigen Songs entspannte ich mich total und konnte für kurze Zeit sogar vergessen, dass ich blind war.

Irgendwann regulierte mein Vater sein Arbeitspensum und unternahm zwischendurch Ausflüge mit mir. Er sah in mir jedoch immer nur ein fröhliches Kind, welches durch bedauerliche Gründe erblindete, und ab und zu eine Abwechslung brauchte. Weil ich aber auch dann nie etwas spannenderes, weder Spaziergänge in nahe gelegenen Wäldern oder die Einkäufe zu erledigen, erlebte, fertigte ich mir im Alter von sieben Jahren eine Liste mit Lebenszielen, welche ich später unbedingt erleben wollte, an. Ich suchte mir jeweils am Ende vom Jahr den grössten Wunsch aus und schrieb diesen auf ein Blatt Papier, welches ich stets in meinem Kleiderschrank versteckt hielt. Natürlich konnte ich meine Wünsche darauf nicht einfach so lesen, weil ich die Buchstaben natürlich nicht sehen konnte. Doch ich merkte sie mir alle! Sie brannten sich in mein Gehirn wie ein Tattoo.

Derzeit befanden sich zwölf Wünsche auf meinem Papier und in meinem Gehirn. Kein einziger wurde bis jetzt erfüllt. Kein Ziel hatte ich erreicht! Tief in meinem Inneren befand sich der Drang, diese Dinge mit Augenlicht zu erleben und sie nicht nur zu hören und ertasten zu wollen.

Laut meinen Ärzten wird dies sicherlich nicht der Fall sein, denn sie haben alles versucht, um mir mein Augenlicht wiederzugeben. Sind immer gescheitert. Aber ich glaube an das Sprichwort:

«Die Hoffnung stirbt zuletzt» und würde alles dafür tun, um nur einen Tag lang, die Welt in Farben sehen zu können.

Eigentlich sollte ich traurig sein!

Ich bin traurig, aber jeden Tag versuche ich mir hervorzurufen, dass ich vielleicht irgendwann ein normales Leben führen könnte. Ich versuche immer einen positiven Gedanken zu fassen. Und auch wenn es mir nicht immer gelingt, will ich mich trotz meiner Sehbehinderung nicht aufgeben!

Ich kämpfe.

Kapitel 2

17. Dezember

«Emily? Kommst du? Das Essen wird kalt…»

«Ja Dad, bin gleich bei dir!»

Vorsichtig erhob ich mich von meinem Bett und tastete mich der Wand entlang zu meiner Zimmertüre. Ich zählte meine Schritte und wusste somit immer, wo ich mich befand. Diese Fortbewegungsmethode hatte ich mir vor einigen Jahren angeeignet. So war es ein Kinderspiel, den Weg durch das zweistöckige Haus zu finden.

In der Küche angekommen, setzte ich mich an den Küchentisch und nahm an den Gerüchen, welche ich durch meine Nase auffassen konnte, wahr, dass mein Vater mein Lieblingsessen gekocht hatte. Lasagne. Ich spürte, wie mir das Wasser im Mund zusammenfloss. Es war lange her, seit mein Vater so etwas gekocht hatte. Normalerweise strich er uns Butterbrote oder wärmte Fertigmahlzeiten. Mein Vater hatte sich nie richtig um mich gekümmert und das einzig und allein wegen meiner Mutter. Wäre sie nicht abgehauen, hätte sie ihm damals sicherlich helfen können, damit klarzukommen, eine blinde Tochter zu haben und würde ihn heute noch unterstützen.

«Danke Dad, das riecht sehr lecker!»

«Gern geschehen, meine Prinzessin.» Ich konnte hören, wie mein Vater wahrscheinlich mit einem grossen Löffel die Lasagne auf unsere zwei Teller verteilte und dann zu essen begann. Ich griff ebenfalls zum Löffel, der wie gewohnt rechts neben meinem Teller lag, und begann, die leckere Lasagne in mich hinein zu schaufeln.

Ich zuckte ein wenig zusammen, als mein Vater plötzlich zu sprechen begann: «Emily, ich muss etwas mit dir besprechen!» «Was denn, Dad?»

Ich vernahm, wie mein Vater seufzte und dann mit zitternder Stimme fortfuhr: «Du weisst ja, dass ich dieses Haus damals zusammen mit deiner Mutter gekauft und sie noch einige Jahr mit uns zusammen hier gelebt hatte, bevor sie uns verlassen hat. Ich komme damit nicht mehr klar! Ich versuche seit einigen Jahren deine Mutter zu vergessen, aber das wird mir nie gelingen, wenn ich am Abend auf ein Sofa sitzen muss, wo sie immer gesessen hatte! In einem Bett schlafen zu müssen, in welchem meine Frau immer auf der anderen Seite gelegen hatte, will ich nicht länger. Ich möchte dir deine gewohnte Umgebung nicht wegnehmen, aber es geht nicht anders.» «Und was heisst das genau?» «Das heisst, dass ich mit dir aus unserem Haus hier in Schottland will und nach London ziehen möchte!»

Ich schluckte schwer. Mein Vater sprach genau diese Worte aus, die für mich die reinste Hölle waren! Wie ein Schlag in mein Gesicht fühlte es sich an. Ich musste dieses Haus verlassen? Ein Haus, in dem ich mittlerweile jedes einzelne Möbelstück kannte und wusste, wo es stand. Mir mühsam einprägen musste, wo sich das Geschirr, die Fernbedienung und die Taschentücher befanden und mit dem ich unglaublich viele Erinnerungen an meine Mutter teilte. Meinem Vater wurde das also zu viel? Wie musste ich mich dann in der Zeit fühlen, in der er nur seine Arbeit im Kopf hatte und sich keinen Dreck um seine Tochter gekümmert hatte? Ich litt unter völliger Einsamkeit und das ganze dreizehn Jahre lang.

Ich hatte keine Freunde, konnte an keine Schule gehen und musste mein Leben in völliger Dunkelheit leben. Es musste sich eine Haushaltshilfe um mich kümmern, weil meine Eltern nicht fähig waren, sich um ihr Kind zu kümmern! Das Beste:

Nicht einmal diese Person hatte es geschafft, sich gut um mich zu sorgen. Ich führte ein verbittertes, langweiliges Leben und trotzdem riss ich mich jeden Tag aufs Neue zusammen und versuchte stark zu sein! Mir kam nie in den Sinn, mein Leben aufzugeben. Aus welchem Grund wusste ich selber nicht. Es befand sich wahrscheinlich immer noch die Hoffnung in mir, dass irgendwann bei einer monatlichen Routinekontrolle der Arzt sagen würde: «Sie können sich operieren lassen und die Chancen stehen gut, dass sie danach wieder sehen können!»

Diese Gedanken warf ich meinem Vater nun in Worten an den Kopf! Ich erzählte ihm von meinen Traurigkeitsanfällen, wie ich tagelang weinen musste und von der nagenden Einsamkeit.

Wie ich ihn dafür hasste, dass er immer nur arbeiten ging und sich nicht für mich interessierte.

Ich nahm keine Rücksicht auf seine Gefühle und schrie einfach darauf los. Ich machte ihm bemerkbar, wie ich mich die letzten Jahre gefühlt hatte! Ich liess meiner Wut freien Lauf, wie ich es noch nie gemacht hatte. Mein Vater hatte sich nie dafür gesorgt, wie ich mich fühlte. Er ging mit mir zu jeglichen Spezialisten und Augenärzte, brachte mich zu verschiedenen Untersuchungen und Operationen, aber gab die Hoffnung jedes Mal schon auf, als er nur die Krankenhäuser betrat. Ich fühlte es jedes einzelne Mal. Er hatte mich aufgegeben.

Als ich meinen Wortschwall beendet hatte, konnte ich hören wie er seinen Stuhl zurückschob, aufstand und begann, nervös in der Küche hin und her zu tigern. Ich hatte seine Gefühle verletzt, das konnte ich spüren, aber ich wollte nicht nachgeben.

«Es tut mir leid!», kam es auf einmal von ihm.

Das hatte ich nicht erwartet. Ich brauchte längere Zeit, bis einige bitteren Worte aus meinem trockenen Mund kamen: «Ich kann dir nicht so einfach vergeben. Du hast mich dreizehn Jahre lang verletzt und ignoriert!» Mit trauriger Stimme antwortete mein Vater: «Ich weiss.

Ich wusste nicht, wie man mit dieser Sache umzugehen hatte. Als mich deine Mutter verliess und die Scheidung einreichte, verstand ich die Welt nicht mehr. Ich wollte meine Angst und Verletzlichkeit dir gegenüber verheimlichen. Du solltest mich nicht so sehen!» Ich konnte an seiner Stimme erkennen, dass er den Tränen nahe war. Selten führten wir solche Gespräche, aber ich besass die Gabe, Menschen ihre Gefühle und Stimmungen aus ihrer Stimme zu entnehmen, ohne ihre Gesichtszüge und Körperhaltungen zu sehen.

«Wie stellst du dir das mit dem Umzug vor? Ich kann und möchte mir nicht von heute auf morgen eine neue Umgebung einprägen und damit ohne Probleme klarkommen!», sagte ich bestimmt. Nicht wissend, wo sich mein Vater befand, senkte ich meinen Blick auf meinen Teller, wo sich immer noch Reste von der Lasagne befanden.

«Ich werde versuchen, dir zu helfen!»

«Pah, das glaubst du doch selber nicht! Du willst mir helfen? So wie in den letzten Jahren? Nein danke, ich verzichte!», brach ich heraus. Mein Vater bot mir seine Hilfe an? Noch nie hatte er mich unterstützt und irgendwie geholfen und er wird es wahrscheinlich auch nie tun. Wütend stand ich auf und versuchte die Türe zu finden.

Mit Tränen in den Augen stolperte ich in die gedachte Richtung, doch alles was mich erwartete, war die harte Küchenwand, in die ich hart mit meiner rechten Schulter prallte. Verzweifelt brach ich zusammen und kauerte wie ein Häufchen Elend auf dem Boden, den Rücken fest an die Wand gepresst und mein Gesicht in meinen Händen vergraben, um die Tränen aufzuhalten.

Mein Kopf ergab ein wirres Gedankenchaos und in meinem Bauch vermischten sich sämtliche Gefühle. In gewissen Momenten kam ich einfach nicht damit klar, so viele Gefühle voneinander abzutrennen und einen klaren Kopf zu fassen, obwohl ich gelernt hatte, mit meiner Sehbehinderung umzugehen.

Als ich plötzlich eine Hand auf meinem Unterarm ausmachte, zuckte ich kurz zusammen. Kurz darauf hörte ich die beruhigende Stimme von meinem Vater: «Beruhige dich, Emily! Wenn du nicht willst, kann ich dich nicht dazu zwingen. Also musst du mir sagen, ob du bereit dazu bist oder nicht. Soll ich dir in dein Zimmer helfen? Dann kannst du es dir in Ruhe überlegen, während ich den Abwasch erledige!» Ich erwiderte seine Frage mit den Worten: «Ja, aber es reicht, wenn du mich zur Tür führst, dann komme ich ohne dich zurecht!» «Sicher, meine Prinzessin», mit diesen Worten nahm er vorsichtig meine Hand und half mir aufzustehen. Seine Hände strahlten eine solche Wärme aus, welche ich noch nie so stark gespürt hatte. An der Türe angekommen, zog er mich in eine Umarmung und flüsterte in mein Ohr: «Überlege es dir gut! Es würde mich freuen, wenn du es versuchen würdest, auch wenn ich nicht der beste Vater war!»

Nach diesen Worten löste ich mich von ihm, schenkte ihm ein kleines, müdes Lächeln und tastete mich dann der Wand entlang bis in mein Zimmer. Der Gedanken an den Umzug ging mir den restlichen Abend nicht mehr aus dem Kopf.

Ich wusste noch nicht, ob ich und mein Körper schon bereit dazu waren.

Kapitel 3

18. Dezember

«Es tut mir leid!»

Dieser Satz von meinem Vater ging mir den restlichen Abend nicht mehr aus dem Kopf. Ich konnte nicht wahrhaben, dass er so etwas von sich gegeben hatte! Er hatte mich jahrelang nicht beachtet und jetzt sagte er, es täte ihm leid und meinte, ich würde ihm sofort vergeben? Nur über meine Leiche!

Letzte Nacht kam ich kaum zum Schlafen und wenn sich meine Augen einmal für ein paar Minuten schlossen, schreckte ich kurze Zeit später wieder aus wirren Träumen auf. Meine Gedanken stoppten keine Sekunde. Ich hatte grossen Respekt vor einem Umzug und eine neue Umgebung zu erkunden und sie mir einzuprägen, konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Dennoch steckte ein Überschuss an Neugierde in mir, wie es wohl wäre, in einer Stadt zu leben. Unser Haus in Schottland stand nämlich auf dem Land. Die nächsten Dörfer waren einige Kilometer entfernt und dadurch hatten wir auch keine Nachbarskinder, mit welchen ich befreundet hätte sein können. Ich wusste jedoch von meiner Mutter, dass es in den Städten sogenannte Quartiere gab, in denen ganz viele Häuser nebeneinander standen.

Vielleicht würden wir in London dann in so einem Quartier leben und hätten ganz viele Häuser in der Nähe? Der Gedanke, dort eventuell Freunde zu finden, löste in meinem Bauch ein ungewohntes Kribbeln aus. Auf jeden Fall musste ich noch einmal mit meinem Vater darüber sprechen. Vielleicht wusste er schon, in welches Haus oder in welche Wohnung wir ziehen würden und könnte mir die Umgebung ein wenig beschreiben.

Wahrscheinlich war es mittelweile bereits Mitte Morgen und weil sich in meinem Hals langsam aber sicher ein Durstgefühl ausbreitete und ich leichten Hunger bekam, stand ich langsam von meinem Bett auf und ging, nachdem ich meine Haare in einen unordentlichen Pferdeschwanz gebunden hatte, runter in die Küche. Dort öffnete ich mit sicherem Griff die Kühlschranktür und nahm die Flasche mit Orangensaft aus dem links gelegenen Fach, in welchem sich immer diverse Getränke befanden. Direkt neben dem Kühlschrank befanden sich im Küchenschrank die Gläser und auch von diesen schnappte ich mir eins. Vorsichtig goss ich die Flüssigkeit in das Glas und setzte mich anschliessend auf die Küchenbank an den Tisch. Plötzlich nahmen meine Ohren das Geräusch von Hausschuhen auf unserer Treppe wahr und ich wusste, dass mein Vater gleich in die Küche kam.

«Guten Morgen. Gut geschlafen?», kam schon die etwas ungewöhnlich fröhliche Begrüssung von meinem Vater. «Geht so», brummte ich und fügte gleich noch an: «Ich wollte dich noch etwas fragen!» «Ja? Was ist denn?», fragte er neugierig. «Es geht um den Umzug! Ich weiss noch nicht, ob ich bereit dazu bin und ob ich dir vertrauen möchte, aber vielleicht erleichtert es mir die Entscheidung, wenn ich wüsste, wohin wir genau ziehen würden und wie das Haus oder die Wohnung ungefähr aussehen würde. Vielleicht kannst du es mir kurz beschreiben?» Mein Vater antwortete sofort: «Klar kann ich das. Ich suche schon seit längerer Zeit nach einem passenden Haus und habe vor ein paar Tagen ein wunderschönes gefunden.» Ich hörte, wie mein Vater sich langsam neben mich setzte und zu erzählen begann: «Also das Haus liegt mitten in der Stadt London. Es besteht aus zwei Stöcken und bietet eine wunderbare Sicht auf die Themse…»

Er stockte kurz, weil ihm wohl einfiel, dass ich die Aussicht eh nicht sehen könnte, fuhr dann aber unbekümmert fort. «Im unteren Stock findest du eine grosse Küche, ein gemütliches Wohnzimmer mit einer Couch und ein Gästezimmer. Auch eine kleine Abstellkammer für die Waschmaschine und Putzsachen befindet sich im unteren Stockwerk. Oben hat es zwei geräumige Schlafzimmer und ebenfalls ein Badezimmer. Mein Büro wird auch im oberen Stock sein. Die Möbel von deinem Zimmer würden wir alle mitnehmen und auch unsere Küche würden wir dort einbauen lassen. Allgemein ist das Haus nicht das grösste, aber es ist gemütlich eingerichtet und du würdest dich bestimmt gut zurecht finden.»

Durch seine Stimme konnte ich hören, wie sehr er sich freuen würde, in dieses Haus zu ziehen. Er erzählte mit so einer glücklichen Laune, dass ich innerlich lächeln musste. Vielleicht wäre es gar keine so schlechte Idee, umzuziehen. Ich könnte einen Neuanfang bestreiten und endlich einen ersten Wunsch auf meiner Liste in Erfüllung gehen lassen! Diesen Wunsch, welchen ich mir in meinem vierzehnten Lebensjahr aufgeschrieben hatte - Eine weltbekannte Stadt bereisen und ganz viele Fotos schiessen! Natürlich werde ich die Fotos nicht selber schiessen können, aber vielleicht könnte ich eine Nachbarin oder sogar meinen Vater fragen. Ob ich mit meinem Vater in London jemals ein gutes Verhältnis haben werde, stand jedoch noch in den Sternen.

«Ich mach es!», platzte ich heraus.

«Was? Echt? Ziehst du mit mir nach London?», hörte ich meinen Vater jubelnd fragen. «Ja, verdammt! Aber glaub ja nicht, dass ich es für dich mache! Ich möchte nach London wegen mir. Ich will versuchen in London ein neues Leben zu beginnen und meine Vergangenheit zu vergessen!

Du spielst in diesem Zug auch eine Rolle und natürlich möchte ich mit dir eine festere Beziehung aufbauen, aber hauptsächlich möchte ich für mich ein besseres Leben finden!», mit diesen Worten versuchte ich ihm klarzumachen, dass ich nicht bereit dazu war, ihm ohne Grund zu vergeben und ich immer noch enttäuscht von ihm war. Allerdings würde ich alles tun, um meine Lebenswünsche in Erfüllung gehen zu lassen. Darum entschied ich spontan, auf den Vorschlag von meinem Vater einzugehen und mit ihm nach London zu ziehen Um wenigstens eines meiner Ziele erreichen zu können!

Mein Vater holte Luft und wollte etwas erwidern, aber ich schnitt im die Worte ab, indem ich selber zu reden begann: «Nein, du musst dich jetzt nicht bei mir bedanken! Ich möchte einfach meine Ruhe haben und du kannst zu mir kommen, wenn ich beim Organisieren der Arztkontrollen oder der Einrichtungen des Hauses in London helfen soll!» Mit diesen Worten stand ich auf, schnappte mir das halb gefüllte Glas mit Orangensaft und einen Apfel aus der Früchteschale, welche wie immer auf dem Küchentisch stand und ging hoch in mein Zimmer. Mein Vater schien zu verdattert zu sein, um mich aufzuhalten oder noch etwas zu sagen. Endlich in meinem Zimmer angekommen, setzte ich mich auf mein Bett und dachte darüber nach, ob es die richtige Entscheidung war, dem Umzug zuzustimmen!

Kapitel 4

25. Dezember

In den grossen Reisekoffer kamen meine Kleidungsstücke, Schuhe und Jacken und in die Umzugskisten meine Sachen vom Schreibtisch, die CDs und mein Laptop mit dem dazugehörigen Ladekabel und den Kopfhörern. Auch alle Kissen, die Bilderrahmen und das Radio kamen in die Umzugskisten. Das wichtigste war jedoch meine Liste mit meinen Wünschen, welche ich vorsichtig zusammenfaltete und in meine Laptoptasche steckte, um sie nicht zu verlieren! Es dauerte zwei ganze Tage, bis ich all meine Sachen verstaut hatte, denn ich musste alles schön geordnet in die Umzugskisten einräumen und die Kleider schön zusammenfalten, damit sie auf der langen Fahrt nach London, nicht zerknittern würden. Bei jedem Kleidungsstück war ich also gezwungen, meine einte Hand auf dem Rand des Koffers zu lassen und mit der anderen die Sachen darin zu verstauen, damit ich den Koffer nicht jedes Mal verfehlte. Bei den Kisten das gleiche.

Die letzten Tage waren für mich sehr anstrengend und der Gedanke, dass der Umzug doch keine gute Idee war, schwirrte die ganze Zeit in meinem Kopf umher. Nach meiner Entscheidung letzte Woche begann mein Vater Tag für Tag mehr Gegenstände in die Kisten zu packen und versuchte mir alles aufzuzählen, was sich schon in den Kisten befand, damit ich nicht vergebens nach etwas suchen würde, was schon längst nicht mehr an seinem gewohnten Platz stand. Er musste auch einiges organisieren. Vom zukünftigen Arzt von mir bis hin zu seiner neuen Arbeitsstelle. Alles musste von ihm in die Wege geleitet werden, denn ich konnte ihm dabei ja nicht besonders gut helfen. Er schien nämlich direkt an diesem Abend nach meinem Entschluss das Haus gekauft zu haben und teilte mir sofort mit, dass wir in zwei Wochen dort einziehen werden können. Im ersten Moment war ich total überrascht, denn ich hatte erwartet, dass es länger dauern würde. Mittlerweile war aber schon eine Woche vergangen und es ging nun nur noch einige Tage, bis wir nach England losfahren werden. Genauer gesagt, werden wir am Morgen vom 1. Januar nach London ziehen. Silvester würden wir noch in Schottland feiern, obwohl feiern ein übertriebener Begriff war. Noch nie hatte ich richtig Silvester gefeiert, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Mein Vater ging immer mit seinen Arbeitskollegen in ein Restaurant oder in eine Bar und ich lag in meinem Bett oder auf dem Sofa und überlegte mir meinen jährlichen Wunsch. Und so wird es dieses Jahr auch wieder sein!

Die letzten Tage in Schottland waren also angebrochen. Draussen herrschte kalte Winterstimmung und wenn ich das Fenster öffnete, wehte es kleine, eiskalte Schneeflocken auf meine Haut in meinem Gesicht und auf meine blonden Haare. Früher hatte ich Schnee über alles geliebt und hatte stundenlang mit meinen Eltern Schneeballschlachten veranstaltet. Mittlerweile bevorzugte ich es, wenn die Sonne mit ihren warmen Strahlen die Luft und meinen Körper erwärmte. Allgemein liebte ich die wärmeren Jahreszeiten, in denen man mit einem T-Shirt und Hotpants nach draussen gehen konnte. Allerdings herrschten in Schottland im Dezember ganz andere Bedingungen, wenn es ums Wetter ging. Seit einigen Tagen schneite es pausenlos.

Aber trotzdem wollte ich die letzten Tage so gut wie möglich geniessen. Denn nie wieder werde ich diesen vertrauten Holzboden mit dem rauen Muster in der Diele oder das Muster im Abrieb der Wand spüren können. Die wunderbare Landschaft vor unserem Haus werde ich auch vermissen. Gerne hätte ich noch etwas draussen unternommen, diesen wunderbaren Frühlingsduft von den frisch blühenden Blumen gerochen oder im Herbst den regnerischen Duft in der Luft und die knirschenden Blätter auf dem Waldboden erlebt!

Aber das kalte Wetter machte mir in dieser Hinsicht einen gehörigen Strich durch die Rechnung.

Insgeheim hoffte ich, dass die Umgebung in London auch so frische Luft zu geben hatte und der Fussboden im neuen Haus auch aus Holz bestehen würde, denn ich liebte den Geruch in meiner Nase und das Spüren der kalten und ein wenig rauen Oberfläche unter meinen Füssen.

Auch bei den neuen Möbeln erhoffte ich mir angenehmes Material. Für mich spielte es nämlich nie eine Rolle, was für eine Farbe oder Aussehen das Sofa, die Küche oder sogar die Kleider hatten, sondern wie sich das Material beziehungsweise die Oberfläche anfühlte. Es war am Anfang ein komisches Gefühl, nicht zu wissen, was für eine Farbe das T-Shirt, welches man gerade trug, hatte. Aber irgendwann musste man sich einfach damit abfinden, dass man nichts erkennen konnte und einfach gerade diese Kleidungsstücke anzog, bei denen man ein gutes Gefühl hatte.

Nun war ich gerade dabei, mir ein Sandwich zuzubereiten, aber es wollte mir nicht so recht gelingen. Zuerst bestrich ich die Brotscheiben erfolgreich mit einer dünnen Schicht Butter und versuchte anschliessend zwei Tranchen Fleisch darauf zu legen. Aber ich traf das Brot nicht. Da das Fleisch leicht feucht war, blieb es auf der steinigen Küchenablage kleben und ich zerriss die Tranche beim Versuch, sie zu lösen, vollkommen. Es möge eine komische Vorstellung sein, wie eine Frau in der Küche steht und nicht mal das Brot mit Fleisch belegen kann, aber es ist leider die Realität von einem sehbehinderten Menschen, dass man bei allen Tätigkeiten länger braucht und vieles nicht mehr so einfach ist! Die Tatsache, dass ich in wenigen Tagen mit meinem Vater nach London fahren werde, stimmte mich ausserdem nicht ruhiger, sondern von Tag zu Tag nur noch nervöser. Nach zwei weiteren, gescheiterten Versuchen, die Fleischtranche auf das Brot zu legen, verlor ich die Geduld und gab es auf.

Ich schnappte mir die einzelnen Fleischfetzen, warf diese zurück in die Packung, die Packung in den Kühlschrank und begab mich anschliessend mit dem aus Brot und Butter bestehenden Sandwich auf die Couch. Zum Glück befanden sich mein Koffer und die grosse Reisetasche bereits fertig gepackt in meinem Zimmer und alle verschiedenen Umzugskisten bereits im Anhänger unseres Autos. Diejenigen Sachen, welche ich in den nächsten Tagen noch brauchte, befanden sich entweder noch auf meinem Schreibtisch oder noch im Kleiderschrank.

Ich war in dieser Hinsicht also bereit, nach London zu ziehen!

Kapitel 5

31. Dezember

Wie ich es erwartet hatte, ging mein Vater an diesem letzten Tag vom Jahr zu seinen Arbeitskollegen und ich zerschlug mir meine Zeit mit Musik hören, essen und auf dem Sofa oder meinem Bett liegen! Ich war enttäuscht von meinem Vater, denn ich hätte erwartete, dass er nach dem Versöhnungsversuch vor zwei Wochen wirklich versucht, sich besser um mich zu kümmern und mehr mit mir unternimmt. Diese Gelegenheit am Ende des Jahres wäre aus meiner Sicht perfekt gewesen. Denn auch in den vergangenen Tagen hatte er nicht viel von sich hören lassen, ausser wenn es um den Umzug ging. Immer weiter vertiefte sich der schreckliche Gedanke, dass mich mein Vater weiterhin eiskalt ignorieren wird. Ich hatte ihm zwar gesagt, der Umzug sei aus meiner Sicht nur für mich selber und ich hätte ihm nicht für ihn zugestimmt, aber ich hatte trotzdem daran geglaubt, dass wir zusammen ein besseres Verhältnis aufbauen könnten.

In einem anderen Land und in einer anderen Umgebung. Ich konnte nur noch hoffen, dass es im neuen Haus passieren wird.

Nun sass ich also alleine auf der bequemen Couch. Mein Vater war weg und in meinem Kopf schwirrten unendlich viele Wünsche umher, sodass es mir in diesem Jahr schwerfallen würde, einen einzigen auszuwählen. In den vergangenen Tagen hatte ich mir schon öfters Gedanken darüber gemacht, aber nie kam mir eine passende Lösung in den Sinn. Einerseits gab es diese Wünsche mit meinem Vater, aber andererseits auch Wünsche, wo es nur um mich selber ging. Ich konnte mich einfach nicht für einen entscheiden.

Gerade als ich mich langsam auf den Weg in mein Zimmer machen wollte, hörte ich, wie unsere Haustüre plötzlich in ihr Schloss fiel und leise Schritte aus der Diele ertönten. Auf meinem Rücken breitete sich eine Gänsehaut aus und ich begann zu zittern. War ich doch nicht alleine im Haus? Ich rührte mich kein bisschen und versuchte so leise wie möglich zu atmen, sodass ich vielleicht wahrnehmen konnte, ob sich die Schritte näherten oder verstummten. Mit riesiger Angst bemerkte ich, wie der Unbekannte langsam das Wohnzimmer betrat. Eigentlich sollte er mich nun sehen, aber es fiel kein Wort und er verschwand auch nicht. Ich bekam Panik und vergrub mein Gesicht so gut es ging zwischen meinen angewinkelten Knien. Obwohl ich die Person sowieso nicht sehen könnte, wollte ich nicht in ihre Richtung blicken. Als trotzdem wie aus dem Nichts Wörter ertönten, schreckte ich einmal mehr zusammen!

«Hi... Nicht erschrecken. Ich bin es nur!»

Die Stimme war mir bekannt und ich wusste sofort, zu wem sie gehörte. Es war mein Dad. Augenblicklich beruhigte ich mich und hob mein Gesicht ein wenig an. «Dad, was willst du hier?

Solltest du nicht bei deinen Kollegen sein?» Er antwortete ruhig: «Nein, ich will diesen Silvesterabend mit dir verbringen.» Ich konnte es nicht fassen. Gerade blies ich noch Trübsal, weil mein Vater nicht da war und kurze Zeit später stand er vor mir im Wohnzimmer. «Was? Aber wieso?»

«Jetzt stell keine Fragen und komm mit mir nach draussen! Ich habe eine Überraschung für dich», vernahm ich die Stimme meines Vaters und ich stand vorsichtig auf. Mein Dad fasste mich leicht am Arm und führte mich so nach draussen auf die Veranda. Noch nie hatte mein Vater eine Überraschung für mich und schon gar keine draussen. Gespannt erwartete ich weitere Anweisungen von meinem Vater oder irgendwelche Geräusche, an welchen ich hätte erkennen können, was die Überraschung war. Doch auf diese Geräusche, welche kurze Zeit später ertönten, war ich nicht gefasst. Zuerst vernahm ich lautes Zischen und anschliessend erfüllten laute Explosionsgeräusche die Luft. Da ich die Geräusche überhaupt nicht einordnen konnte, richtete ich hastig folgende Frage an meinen Vater: «Dad, was ist das?» Nach einem kleinen Lachen kam die Antwort: «Das ist ein Feuerwerk, meine Prinzessin. Alle Leute feiern Silvester mit verschiedenfarbigen Feuerwerken. Genau um Mitternacht zündet man es normalerweise an!

Genau dann, wenn das neue Jahr beginnt. Also:

Frohes neues Jahr, Emily!» Ich war total überrumpelt, aber völlig fasziniert von den verschiedenen Klängen des sogenannten Feuerwerks. Mit übermütiger Stimme sagte ich: «Frohes neues Jahr, Dad! Danke!» «Bitte. Freut mich, dass es dir gefällt.»

Ja, es gefiel mir und ich war überglücklich, dass mein Vater an mich gedacht hatte. Auch wenn die Zweifel über sein Verhalten nicht vollständig weggeblasen wurden, wollte ich diesen Moment geniessen. Neugierig sagte ich: «Dad? Kannst du mir beschreiben, wie es aussieht?» Sofort kamen die erklärenden Worte von ihm: «Der ganze Himmel ist hell. Von verschiedenen Farben gefüllt und immer wieder erscheinen neue Explosionen und Farben. Orange, Grün, Rot, Blau, Gelb und Rosa. Alles ist vorhanden. Einige verharren länger am Himmel, andere verbrennen sofort.

Kannst du es dir vorstellen?» «Ja», erwiderte ich mit einem Lächeln auf meinen Lippen.

Noch lange standen wir zusammen draussen auf unserer Veranda. Genossen die letzten Stunden hier auf dem Lande in Schottland in vollen Zügen.

Auch nach der letzten Explosion am Himmel blieben wir noch eine Weile draussen und gingen erst lange nach Mitternacht zurück ins Haus. Hingen kurz die beiden Jacken, welche mein Vater mit auf die Veranda genommen hatte, zurück an die Garderobe und verschwanden dann nach der abendlichen Badezimmerroutine beide zum letzten Mal in unseren Zimmern. Ein komisches Gefühl breitete sich in meinem Magen aus, aber ich war mir sicher, wenn sich mein Vater weiterhin so wie heute Abend verhalten würde, würde die Zeit in London wunderschön werden!

Das letzte, was ich an diesem Abend und das erste, was ich im neuen Jahr tat, war, mir den spontan ausgedachten Wunsch zu merken - Das Verhältnis zu meinem Vater verbessern!

Kapitel 6

01. Januar

Durch ein lautes Krachen wurde ich diesen Morgen geweckt. Kurz dachte ich, es sei so ein Feuerwerk, welches ich gestern zum ersten Mal erlebte, aber nach einigen, lauten Fluchworten aus dem Munde meines Vaters wurde mir sofort klar, dass es schon Morgen war und mein Vater einmal mehr dabei war, das Haus auszuräumen.

Womöglich war er an den letzten Kisten und Möbel, denn viel erledigte er ja bereits in der letzten Woche. Er hatte ausserdem die letzten Tage frei genommen und hatte alle Möbel, welche wir mitnehmen würden, sorgfältig auseinandergebaut und in den Anhänger unseres Autos gepackt. Schnell stand ich von meinem vorübergehenden Bett, bestehend aus einer dünnen Matratze, auf und ging mit gemächlichen Schritten der Wand entlang ins Badezimmer. Schlüpfte zuerst unter die Dusche, kämmte mir anschliessend die Haare so gut es ging und band sie mir in einen wuscheligen Pferdeschwanz. Zurück im Zimmer zog ich mir meine am Abend bereitgelegten Kleider an und war nun bereit, die letzten Sachen zu packen und Schottland zu verlassen!

Zusammen mit meinem Vater ass ich zum letzten Mal in diesem Haus ein kleines Frühstück, bestehend aus Rührei und zwei Scheiben Toast.

Mehr hatten wir auch nicht mehr in der Küche.

Das ganze Haus war leer! Mein Vater war schon früh aufgestanden, damit wir möglichst schnell abfahren konnten und wenn es gut lief, vor dem Abend in London ankommen würden. Ganze acht Stunden werde ich im Auto sitzen müssen.

Man kann sich gar nicht vorstellen, was das für einen sehbehinderten Menschen bedeutet. Genauer gesagt ist es grausam, nicht zu wissen, ob das Auto als nächstens eine Rechtskurve oder eine Linkskurve fährt. Ob man sich auf einer Autobahn mitten durch Industriegebiete und Wohnhäuser oder auf dem Lande nebst Viehfeldern und Bauernhöfen befindet. Ich verabscheute dieses Gefühl! In meiner Kindheit versuchte ich immer, lange Autofahrten so gut es ging zu vermeiden, aber in der jetzigen Situation war es praktisch unmöglich.

«So, wir fahren dann um 9:00 Uhr los! Die Koffer sind im Auto und die Umzugskisten und Möbel im Anhänger. Die ersten zwei Nächte werden wir in einem Hotel verbringen. Ich werde eine Weile brauchen, bis ich alle Möbel wieder aufgebaut und eingerichtet habe!», verkündete mein Vater mit einem tiefen Seufzer. «Dad, warum hast du nicht noch einige Kollegen von dir gefragt? Alleine brauchst du ja ewig…», fragte ich und sofort kam die Antwort meines Vaters: «Weil ich in den ersten Tagen sowieso nicht arbeiten gehe und so genügend Zeit habe, es selber zu erledigen. Kann ich auf deine Hilfe beim Streichen der Wände zählen?» «Was? Nein, das kann ich doch nicht machen!?», sagte ich voller Empörung. «Doch, sicher! Jeder Mensch kann ein bisschen Farbe an eine Wand streichen. Selbst Emily Marley kann das! Erstmals müssen wir aber ja nach London fahren und dann schauen wir weiter! Hast du genug gegessen?», kam es von meinem Vater. «Ja, ich bin fertig», erwiderte ich mit einem wachsenden Kloss in meinem Hals und stand langsam auf. «Super, dann können wir in zwanzig Minuten losfahren!», vernahm ich die fröhliche Stimme meines Vaters.

Auf dem Weg in mein Zimmer wurde mir erst recht bewusst, wie schnell die letzte Woche vergangen war. Ich hatte nicht gemerkt, dass ich heute Morgen so lange geschlafen hatte und war überrascht, dass es schon in zwanzig Minuten losgehen würde! Ich hatte mir zwar die letzten Tage immer wieder vorgestellt, wie es werden würde, das letzte Mal in mein Zimmer zu gehen und zu wissen, dass ich nie wieder zurückkommen werde. Diese Vorstellungen waren aber nicht im Geringsten mit dem jetzigen Gefühl zu vergleichen. Meine Angst vergrösserte sich von Minute zu Minute und ich konnte kaum daran denken, dieses Haus nie mehr fühlen zu können, ohne den Tränen nahe zu sein. Meine Hände zitterten immer mehr und meine Beine verwandelten sich langsam aber sicher zu Wackelpudding! Eigentlich sollte es für mich nicht schlimm sein, denn ich wusste sowieso nicht mehr, wie das Haus von aussen aussah oder was wir für ein Auto besassen. Aber zu wissen, nie mehr hierher zu kommen, war genug schlimm.

«Emily? Hast du deine letzten Sachen fertig gepackt?», kam es von unten geschrien. «Ja, Dad!»

«Super, können wir also los?», kam zurück. «Ich weiss nicht!», gab ich verzweifelt zurück und eine Träne fand den Weg aus meinem Auge über die rechte Wange und tropfte zum Schluss auf meinen Oberschenkel. Auf diese Worte erwiderte mein Vater nichts mehr, aber ich hörte seine Schritte auf der Treppe. Kurz darauf spürte ich seine Hand auf meinem Rücken. Ich schwieg.

Da das Bett und mein Schreibtisch inklusive Stuhl weg waren, sass ich völlig in mich gekauert auf dem harten Parkettboden. Ich hörte an Dads leicht knackenden Gelenken, dass er sich zu mir setzte. Ohne Worte zog er mich in eine Umarmung und drückte meinen Körper fest an seinen.

Ich ergab mich meinen Gefühlen und gab es auf, meine Tränen zu unterdrücken. Ich lehnte meinen Kopf an die Schulter von meinem Vater und durchweichte den Stoff seines Hemdes mit meinem Tränenschwall. Es störte ihn nicht. Mein Schluchzen erfüllte den schallenden Raum und eine Zeit lang sprach niemand ein Wort.

«Du musst vor nichts Angst haben. Ich weiss, es ist unmöglich mein Verhalten rückgängig zu machen, aber du sollst wissen, wenn ich könnte, würde ich am liebsten die Zeit zurückdrehen und alles besser machen! Gib mir eine Chance. Wenn wir zusammenhalten, werden wir das alles schaffen!», ertönte die Stimme meines Vaters. «Dad, es liegt überhaupt nicht an dir. Ja, was du getan hast, war falsch und unglaublich egoistisch, aber ich habe mittlerweile verstanden, dass es dir leid tut. Ich habe einfach Angst, dass dasselbe nochmals passieren könnte», gestand ich ihm leise.

Flüsternd kam die Antwort: «Es wird nicht so kommen, das verspreche ich dir.» Nach diesen Worten beruhigte ich mich ein bisschen, aber weil ich mich noch immer unsicher fühlte, gab ich meinem Dad zu verstehen, dass ich kurz alleine sein wollte! Er verstand es sofort, drückte mir einen väterlichen Kuss auf die Stirn und verschwand dann aus meinem Zimmer.

Langsam kroch ich zur Wand und lehnte mich mit dem Rücken daran. Mit aller Kraft versuchte ich, meinen Atem zu normalisieren. Ich war total aufgewühlt und sogleich beruhigt, weil mein Vater mir ein so grosses Versprechen gegeben hatte.

Ob er es halten würde, war ich mir jedoch noch nicht so ganz sicher! Einige Minuten verharrte ich in dieser Stellung und stand dann behutsam auf. Das letzte Mal ging ich den Weg aus meinem Zimmer in den unteren Stock. Das Auto stand wahrscheinlich fertig beladen auf dem Vorplatz und wartete nur darauf, dass ich einsteigen würde! Mit gemischten Gefühlen öffnete ich die Haustüre, ging einige Schritte vorwärts, stieg dann die paar Stufen vor der Eingangstüre hinunter und blieb stehen. Schon kamen die Worte von meinem Vater: «Lauf einfach langsam geradeaus weiter. Irgendwann stösst du auf das Auto. Ich bin gleich bei dir.» Vorsichtig befolgte ich die Anweisung und erfasste nach ungefähr sieben Schritten mit der rechten Hand das Blech des Autos. Irgendwie gelang es mir, einzusteigen und gleich darauf setzte sich auch mein Vater ins Auto!

«Bereit?», kam die Frage von der Seite meines Vaters. «Bereit!», gab ich erleichtert von mir, denn ich war wirklich bereit und freute mich schon fast auf die neue Wohnumgebung und natürlich auf London.

Kapitel 7

01. Januar

Mein Vater startete den Motor, das Auto begann unsere Auffahrt hinunter zu rollen und ich musste Abschied nehmen. Abschied von einem Ort, den ich nie verlassen wollte.

Eine Weile fuhren wir ohne Worte und entfernten uns immer weiter von unserer Heimat.

Stumm sassen wir nebeneinander und mein Vater lenkte das Auto ruhig und sicher durch die Strassen. «Emily?», fragte er plötzlich. Ich schaute aufmerksam in seine Richtung. «Ich muss dir etwas gestehen! Du hast mich ja vor einer Woche gefragt, wie das Haus aussehen wird?

Ich hatte dich angelogen. Besser gesagt: Ich wusste nicht, dass ich dich anlog. Denn ich hatte zwar noch an diesem Abend dieses eine Haus gekauft, aber es gab Probleme mit dem Vertrag. Ich musste das Haus am nächsten Tag wieder hergeben und war gezwungen, etwas Neues zu suchen.»

Er machte eine kurze Pause. Weil ich nicht recht wusste, wie ich mich verhalten sollte, sagte ich kein Wort. Ich konnte nicht einschätzen, ob es eine negative oder eine eher positive Information war. Bevor ich aber weiterrätseln konnte, sprach mein Vater weiter: «Glücklicherweise hatte ich schnell ein neues Haus gefunden, beziehungsweise zwei neue Häuser! Eines für dich und eines für mich!»

«Was? Du hast zwei Häuser gekauft?», schrie ich überrascht auf. Langsam fragte ich mich, woher mein Vater das ganze Geld nahm!? Ich verstand nicht, wieso er mir, einer blinden Person, ein ganzes Haus kaufen konnte! «Dad, wieso hast du das getan?», fragte ich also verwirrt. Doch er nannte mir mit ruhiger Stimme einen einzigen Grund, der mich zum Nachdenken brachte:

«Weil ich dir ein eigenständiges Leben sichern möchte!» Aber ich, ich verstand den Sinn von einem eigenständigen Leben als blinder Mensch nicht. Wie sollte ich jemals alleine leben können, wenn ich nicht einmal sehen konnte, wie spät die Uhr stand. Für mich war es praktisch unmöglich.

Mein Vater sah dies allerdings anders. Nachdem ich erschöpft meinen Arm auf die Armlehne gestützt und meinen Kopf in meine Hand gelegt hatte, sprach er mit sicherer Stimme weiter: «Emily, wenn ich irgendwann weg sein werde, musst du in der Lage sein, alleine in einer Wohnung leben zu können. Auch wenn dies für dich unmöglich klingt, solltest du diese Chance packen und einfach einmal das Gefühl kennenlernen, wie es ist, alleine zu wohnen.»

Diese Sätze musste ich zuerst einmal verarbeiten. Ich befand mich also gerade auf dem Weg in eine Stadt, in der ich lernen sollte, eigenständig zu leben. Ich bemerkte, wie viel mein Vater für mich tun würde. Er hatte mir sogar ein eigenes Haus gekauft. Mit den Worten: «Freust du dich nicht?», riss er mich abermals aus meinen Gedanken und zwang mich, ihm eine Antwort zu geben. «Ich weiss nicht. Ich finde es unglaublich grosszügig von dir, dass du mir ein eigenes Haus gekauft hast, aber ich verstehe nicht, wie du mir zutrauen kannst, alleine zu leben? Ein selbstständiges Leben als sehbehinderter Mensch ist nicht so einfach, wie du vielleicht denkst.»

Eine kleine Pause entstand, dann erwiderte mein Vater: «Das ist mir vollkommen klar, aber man sollte es wenigstens versuchen. Ich bin mir sicher, wenn du das Haus zum ersten Mal ertastest, kannst du es kaum erwarten die aufgebauten Möbel in deine verschiedenen Zimmer zu verteilen und darin wohnen zu können. Warte erstmal ab, bis wir ankommen und dann kannst du genauer urteilen! Okay?»

Mit diesen Worten endete unsere Konversation.

Ich sass stumm auf dem Autositz. Immer wieder schüttelte es meinen Oberkörper nach rechts oder nach links. Wahrscheinlich war die Strasse unter uns etwas uneben, denn immer wieder machte das Auto kleine Hüpfer. In meinem Kopf irrten zahlreiche Gedanken umher. Ich konnte nicht fassen, dass ich in London ein eigenes Haus besitzen werde. Ein weiteres Mal wusste ich nicht, ob es positive oder negative Auswirkungen haben wird. Bevor sich aber das übliche Kopfkino in meinem Kopf abspielte, lenkte ich meine Gedanken in eine andere, positive Richtung. Mir kam auf einmal eine Idee.

«Dad? Wie wäre es, wenn wir in London ein Haustier kaufen würden?», fragte ich hoffnungsvoll.

«An was für ein Tier denkst du denn?», erwiderte er neugierig. «Mmh, wie wäre es mit einer Katze?» «Ich denke, das lässt sich machen, aber lass uns erstmals ankommen und die Möbel einrichten, dann kann ich mich um eine Katze kümmern!», sagte er auf väterliche, organisierte Art. «Aber Dad, ich könnte mich doch selber mit einer Tierhandlung in Verbindung setzen. Dann müsstest du nicht immer alles erledigen!?»

Ich wollte meinem Vater etwas Arbeit abnehmen, darum bot ich ihm diese Variante an. Er seufzte kurz, sagte aber dann mit entschlossenem Ton: «Okay! Immerhin kam die Idee mit dem selbständigen Leben von mir, also kannst du dies direkt als erste Aufgabe, alleine etwas zu meistern, sehen! Ich suche dir gerne heute Abend im Hotel die Nummer von einer Tierhandlung raus. Dann kannst du da anrufen.»

Dass es so schnell gehen würde, meinen Vater zu überzeugen, hätte ich nicht gedacht, aber nun war ich überglücklich, ihn gefragt zu haben.

Kapitel 8

01. Januar

Die gesamte Autofahrt nach London verging wie im Flug. Alle zwei Stunden machten wir eine kleine Pause, um unsere Füsse zu vertreten und unseren Hunger oder Durst zu stillen. Zwischendurch sprachen wir über unsere zukünftigen Häuser oder über die verschiedenen Katzenarten, welche wir uns zulegen könnten. Ausserdem erzählte mir mein Vater stolz von seinem neuen Job. Denn er wird ab dem 3. Februar für einen Musikproduzenten arbeiten. Doch das schönste war: Die ganze Zeit über herrschte eine gemütliche Vater-Tochter-Stimmung, wie sie bei uns noch nie stattgefunden hatte.

«So, in zehn Minuten werden wir beim Hotel ankommen», kam es auf einmal von meinem Dad.

«Okay! Wie spät ist es jetzt?» fragte ich, denn seit meiner Diagnose hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren und ich konnte ja schlecht einfach auf die Uhr schauen. «Es ist viertel nach sechs.

Ich denke, wir schaffen es heute nicht mehr zu den Appartements, aber wir können sie direkt morgen früh besichtigen gehen und beginnen, die Wände zu streichen», erklärte mein Vater.

«Ach ja, ich habe ja die grosse Ehre, die Wände bepinseln zu können!», lachte ich und mein Vater stieg sofort in mein Lachen ein. Er hatte ein sehr warmes, ungewöhnliches, aber schönes Lachen. In jenem Moment war ich unglaublich glücklich.

Eine Weile später stoppte das Auto, wir stiegen aus und mein Dad lud unsere beiden Koffer aus dem Kofferraum. Indem er mich anschliessend sachte am Unterarm packte, führte er mich neben sich her, wahrscheinlich in Richtung Hoteleingang. Ich spürte zuerst einen weichen Untergrund, aber danach verwandelte dieser sich plötzlich in einen harten Steinboden. Nachdem uns eine automatische Schiebetüre in das Hotel eingeschlossen hatte, gingen wir zu einer Vorrichtung, die mir wie eine Art Bar vorkam. Nachdem er meine Hände vorsichtig auf den hölzernen Tresen vor mir geführt hatte, begann er zu sprechen: «Guten Tag, ich würde gerne einchecken. Tom und Emily Marley!»

Ich verstand nicht ganz, warum wir an einer Bar einchecken mussten. Und auch das Wort einchecken hatte ich noch nie in meinem Leben gehört.

Ich nahm mir fest vor, meinen Vater dies anschliessend zu fragen, damit er mich aufklären konnte. Irritierenderweise antwortete nämlich eine nette, erwachsene Dame hinter dem brusthohen Tresen freundlich: «Selbstverständlich, Ihr Zimmer ist bereits bezugsbereit. Hier sind Ihre Schlüssel. Wir wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt!» Mein Dad erwiderte: «Vielen Dank!» und auch ich sagte mit höflichem Ton:

«Danke», obwohl ich nicht erkennen konnte, mit wem ich sprach, was dieser barartige Tresen genau darstellen sollte und was wir überhaupt gerade getan hatten.

Nachdem wir in den zweiten Stock, in dem sich anscheinend unser Zimmer befand, geschlendert waren, schloss mein Vater die Zimmertüre auf und wir traten ein. «Ich stelle unsere Koffer direkt neben die Türe. Pass auf, dass du nicht stolperst», gab mein Vater fürsorglich von sich.

«Mach ich», erwiderte ich mit einem Lächeln. Bis jetzt fühlte ich mich pudelwohl in Begleitung von meinem Vater. Er gab sich wirklich grosse Mühe.

«Du kannst dich gerne kurz ein bisschen im Zimmer umschauen. Dann gehe ich nochmals kurz an die Rezeption. Ich habe vergessen zu fragen, ab wann wir frühstücken gehen können», fuhr er nämlich wenige Sekunden später fort. «Ich weiss, es klingt jetzt komisch, aber was ist eine Rezeption, Dad?», fragte ich beschämt. «Das ist dieser Tresen, hinter dem wir vorhin gestanden sind.

Dahinter steht immer mindestens eine Person vom Hotel, die dir helfen kann. Denn man geht zur Rezeption, wenn man eine Information braucht oder ein- oder auschecken möchte.

Weisst du was einchecken ist?» «Nein, diese Frage wäre jetzt dann gleich gekommen...»

«Okay. Einchecken ist, wenn man in ein Hotel kommt und sich quasi anmeldet», kam die Erklärung. «Ah, und beim auschecken meldet man sich wieder ab?», fragte ich meinen Dad.

«Genau! Dann meldet man sich ab und bezahlt noch allfällige Rechnungen.» «Cool, das hatte ich nicht gewusst. Also geh jetzt an die Rezeption.»

Ich sprach dieses für mich neue Wort so komisch aus, dass meiner Kehle ein lautes Lachen entsprang. Ein weiteres Mal fiel mein Vater in mein Lachen ein, doch nach einer Weile sagte er grinsend: «Also, bis später.»

Als mein Vater sich entfernte, ging ich vorsichtig einige Schritte vorwärts. Meine Hände berührten dabei stets die kühle Wand. Auf einmal machte ich eine Türe aus und betrat vorsichtig den dahinterliegenden Raum. Auf der linken Seite ertastete ich ein kleines Waschbecken inklusive einem Spiegelschrank und rechts eine Wand, welche aber nach genauerem Händekontakt nur eine aus Glas bestehende Trennwand zur Dusche darstellen sollte, damit das Wasser nicht durch das ganze Zimmer fliessen konnte. Nach dem Erkunden des Badezimmers, in welchem ich noch eine gewöhnliche Toilette und einen schmalen, aber hohen Schrank gefunden hatte, ging ich wieder zurück in den kleinen Flur und folgte der Wand. Nach ungefähr fünf Schritten entdeckte ich eine dünne Scheibe an der Wand. Ich wusste jedoch nicht, was es sein sollte, also tastete ich erstmals das hölzerne Möbelstück darunter ab.

Darauf lagen verschiedene Stifte und Blöcke.

Auch irgendwelche viereckigen und runden Boxen fanden ihren Platz, wahrscheinlich zur Dekoration, auf dem Möbel. Im unteren Teil, wo sich Schubladen, welche mit einem lustigen Knauf in der Mitte aufzuziehen waren, befanden, war alles leer. Direkt neben dem Möbel und der unbekannten Scheibe fand die Wand ihr Ende und eine Ecke zur nächsten Mauer entstand. Es folgte aber keine gewöhnliche Wand, sondern Vorhänge und anschliessend ein riesiges Fenster mit zwei Griffen, um die einzelnen Fensterflügel öffnen zu können. Diese Fensterfront reichte bis in die nächste Ecke und die nächste Wand war geschmückt mit zahlreichen Bilderrahmen mit wahrscheinlich wunderschönen Bildern darin.

Auch wenn ich nicht wusste, wie sie aussahen, fand ich die verschiedenen Formen von Bilderrahmen an dieser Wand total passend. Ich war ich mir sicher, dass sie das ganze Zimmer verschönerten.

Beim nächsten Schritt passierte etwas Unerwartetes. Unvorsichtig stolperte ich über einen weichen Gegenstand, der vor mir auf dem Boden lag, ich aber nicht sah, gab einen kleinen Schreckenslaut von mir und fiel dann mit dem Kopf voran auf ein weiches Polster. Es tat nicht weh,