Verlag: BookRix Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

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E-Book-Beschreibung BLINDE STIMMEN - Tom Reamy

Es ist Sommer. Ein Zirkus kommt in die Stadt. Hinter den fröhlichen bunten Wagen und Plakaten aber lauert verborgen eine uralte, böse Kreatur, deren übermenschliche Kräfte die ahnungslosen Bewohner zunächst in Bewunderung und dann in Angst und Schrecken versetzen... Der Roman BLINDE STIMMEN von Tom Reamy (* 23. Januar 1935 in Woodson, Texas; † 4. November 1977 in Independence, Missouri) wurde im Nachlass des Autors gefunden und im Jahr 1978 posthum in einem "vollständigen, aber nicht endgültigen Entwurf" veröffentlicht und im selben Jahr für den Nebula-Award nominiert; 1979 folgte eine Nominierung für den Hugo-Award (in der Kategorie Bester Roman). Der Apex-Verlag veröffentlicht diesen lange Zeit vergessenen Klassiker der SF-Literatur in der Reihe APEX SCIENCE-FICTION-KLASSIKER. "Tom Reamy war uns ein großes Geschenk – und ein großer Verlust." (Algis Budrys) "Seit Bradbury hat kein Autor so ans dunkle Herz des amerikanischen Mittelwestens gerührt." (Gregory Benford) "Wie gut dieses Buch ist? Es ist atemberaubend gut!" (Harlan Ellison) "Der Roman ist eine eigentümliche und erfolgreiche Mischung aus Nostalgie und Terror, Spannung und Überraschung." (Roger Zelazny) "Tragisch ist es, dass wir Tom Reamy gefunden haben, um ihn sogleich wieder zu verlieren." (Gordon R. Dickson)

Meinungen über das E-Book BLINDE STIMMEN - Tom Reamy

E-Book-Leseprobe BLINDE STIMMEN - Tom Reamy

TOM REAMY

Blinde Stimmen

Roman

Apex Science-Fiction-Klassiker, Band 52

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch

BLINDE STIMMEN

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Neunundzwanzigstes Kapitel

Dreißigstes Kapitel

Einunddreißigstes Kapitel

Zweiunddreißigstes Kapitel

Das Buch

Es ist Sommer. Ein Zirkus kommt in die Stadt. Hinter den fröhlichen bunten Wagen und Plakaten aber lauert verborgen eine uralte, böse Kreatur, deren übermenschliche Kräfte die ahnungslosen Bewohner zunächst in Bewunderung und dann in Angst und Schrecken versetzen...

Der Roman Blinde Stimmen von Tom Reamy (* 23. Januar 1935 in Woodson, Texas; † 4. November 1977 in Independence, Missouri) wurde im Nachlass des Autors gefunden und im Jahr 1978 posthum in einem »vollständigen, aber nicht endgültigen Entwurf« veröffentlicht und im selben Jahr für den Nebula-Award nominiert; 1979 folgte eine Nominierung für den Hugo-Award (in der Kategorie Bester Roman).

Der Apex-Verlag veröffentlicht diesen lange Zeit vergessenen Klassiker der SF-Literatur in der Reihe APEX SCIENCE-FICTION-KLASSIKER.

»Tom Reamy war uns ein großes Geschenk – und ein großer Verlust.« (Algis Budrys)

»Seit Bradbury hat kein Autor so ans dunkle Herz des amerikanischen Mittelwestens gerührt.« (Gregory Benford)

»Wie gut dieses Buch ist? Es ist atemberaubend gut!« (Harlan Ellison)

»Der Roman ist eine eigentümliche und erfolgreiche Mischung aus Nostalgie und Terror, Spannung und Überraschung.« (Roger Zelazny)

»Tragisch ist es, dass wir Tom Reamy gefunden haben, um ihn sogleich wieder zu verlieren.« (Gordon R. Dickson)

BLINDE STIMMEN

Erstes Kapitel

Es war die Zeit des Stillstands, eine Zeit zwischen Pflanzen und Ernten, und die Luft war schwer und vom Gesumm ihrer eigenen langsamen, warmen Musik erfüllt. Bernsteinfarbene Felder mit reifem Weizen dehnten sich, eben wie Rollschuhbahnen, bis an den flachen Horizont und warteten auf die Mähdrescher, die, gleich bunten Metallinsekten, von Texas bis zu den Dakotas krochen. Staubige, von Telefonmasten gesäumte Straßen knickten an den Parzellengrenzen wie mit dem Lineal gezogen im rechten Winkel ab und trennten den Weizen von den grünen Feldern mit jungem Mais.

Die Farmer standen am Rande ihrer Felder, brachen dicke Weizenähren ab, rollten die Körner zwischen ihren Fingern und schielten nach dem gleichförmigen blauen Himmel. Die Farmersfrauen waren mit dem Mittagsabwasch fertig und verschnauften sich, bevor sie wieder in ihre heißen Küchen zurückgingen, um einen langen Kochnachmittag zu beginnen; denn für das Abendessen fing alles wieder von vorn an. Sie saßen auf den Veranden im Schatten und versuchten, ein nicht vorhandenes Lüftchen aufzufangen. Sie schoben die Kragen ihrer Kleider auseinander und fächelten sich den Nacken mit Fächern aus Pappe, die auf der einen Seite mit einem bunten Bildchen vom blutenden Herzen Jesu und auf der anderen mit einer Reklame für Redwines Leichenhalle bedruckt waren.

Dann wandten die Farmer ihre Aufmerksamkeit vom Himmel der Straße zu. Ihre Frauen hörten auf zu fächeln und beugten sich in ihren Stühlen nach vorn. Die Kinder hielten in ihren Arbeiten und Spielen inne und beschatteten ihre Augen mit den Händen. Sie sahen sich an und grinsten und spürten in ihrer Brust eine Spannung, als hätten sie eine Uhrfeder darin.

An jenem lang vergangenen Sommernachmittag in Südkansas, als die warme Luft wie ein Gewicht reglos und erstickend auf dem Land lag, bewegten sich sechs von Pferden gezogene Zirkuswagen schwerfällig auf der staubigen Straße dahin.

Jeden der Wagen zog ein Zweiergespann, die Köpfe leicht hängend und die mit Eisen beschlagenen Hufe ein wenig nachziehend, bevor sie zum nächsten mühsamen Schritt gehoben wurden. Die sechs Fahrer dösten in der schweren, staubigen Luft vor sich hin; sie hielten die Zügel locker und ließen die Pferde ihr eigenes Tempo finden. Die Wagen knarrten und ächzten, wenn sie ins Schwanken kamen, und rüttelten und ratterten, wenn die hölzernen, eisenbereiften Räder in Löcher schlugen.

Die Wagen waren schon ein wenig schäbig; ihre einst leuchtenden Farben waren durch Sonne und Staub doppelt verblasst. Ihre Seitenwände versprachen in vergoldeten Schnörkeln und kitschigem Schnitzwerk Wunder und übernatürliche Ereignisse. Schüttelnd und rüttelnd und knarrend fuhr da eine Galerie von Wunderdingen, ein Panorama von Unglaublichkeiten.

Die Fahrer zogen die Zügel an, und der Wohnwagenzug kam quietschend zum Stehen, als er auf den schwarzen vorsintflutlichen Ford traf, der in einer Welle von Staub aus der entgegengesetzten Richtung kam. Das Auto fuhr von der Straße herunter und hielt in dem flachen Graben, in dem sich die roten, gelben, orangefarbenen, braunen, schwarzen und purpurnen Farbtöne von Kastillea, Schwarzauge und Steppenhexendistel mischten.

Der Mann, der aus dem Auto stieg, war geschniegelt und gebügelt in seinem dunkelgrauen Zweireiher-Nadelstreifen und perlgrauen Filzhut. Louis Ortiz war zweiunddreißig, auf südländische Weise schön und kultivierte sorgsam seine mehr eingebildete als wirkliche Ähnlichkeit mit Rodolfo Valentino. Ein Lächeln schwebte über seinen vollen Lippen, bereit, sich dort niederzulassen, aber seine Augen waren kalt wie Stahlkugeln.

Louis schaute in die glühenden Augen, die auf den Führerwagen gemalt waren, und sie erwiderten seinen Blick, grimmig, unter einer Stirn hervor, die von einem wie eine Speerspitze vom schwarzgelackten Haar hinunterstoßenden Witwendorn fast in zwei Teile gespalten war. Der Mund war dünn und hart und unnachgiebig. Louis’ Blick wanderte zum zweiten Wagen und zu dem Bildnis, das darauf gemalt war. Es war das Bildnis eines blassen, schönen Knaben. Um seine weißen Locken war ein goldener Strahlenkranz gemalt, die weißgewandeten Arme waren erhoben, das Gesicht trug einen Ausdruck glückseliger Verzückung.

Fast ließ sich das Lächeln auf seinen Lippen nieder.

Er ging ans Ende des ersten Wagens und stützte seinen Fuß auf die Stufe, um mit einem weißen Taschentuch den Staub von seinem schwarzen Lacklederschuh zu wischen. Die Wagentür ging auf und ein Mann trat heraus: er war eine ältere Version seines Porträts. Sein Haar war weder glänzend noch schwarz, sein Gesicht nicht glatt und nicht fest, aber sein Mund war so hart wie auf dem Bild. Er trug ein Gewand aus schwarzem Atlas und Pantoffeln, wie ein orientalischer Alchimist. Er fuchtelte gereizt mit der Hand vor dem Gesicht herum, um den aufgewirbelten Staub zu vertreiben, und blickte Louis forschend an.

Louis schüttelte den Staub aus seinem Taschentuch, faltete es und steckte es in seine Brusttasche. »Es ist alles geregelt«, sagte er ohne eine Spur des romanischen Akzents, den sein Aussehen hätte vermuten lassen: »Die Plakate hängen in den Geschäften aus. Ich habe den freien Platz gemietet und vom Sheriff die Spielgenehmigung erhalten.«

Er sah zu dem älteren Mann hinauf und blinzelte in die Sonne, und das Lächeln ließ sich langsam nieder. »Da ist nur noch eines, was Schwierigkeiten machen könnte.«

Der andere Mann hob eine Augenbraue.

»Das Lichtspielhaus«, fuhr Louis fort, »zeigt heute Abend seinen ersten Tonfilm. Das ist Gesprächsthema Nummer eins in der Stadt.«

Der ältere Mann machte ein verdrossenes Gesicht. »Da kommt doch eine läppische Schererei nach der anderen. Es wäre eine erfreuliche Nachricht, wenn dieser Kinopalast abbrennen würde.«

»Es muss ja nicht gleich so drastisch sein.«

»Vielleicht hast du recht«, seufzte er. »Dieses widerliche Bauernpack könnte womöglich uns die Schuld zuschieben. Die Fahrt war äußerst aufreibend. Wir sollten wieder Kurs nach Osten nehmen, wo die Städte näher beieinander liegen.«

Louis’ Mund zuckte leicht, und der andere Mann runzelte die Stirn. »Ich bin sicher, dir wird etwas einfallen, gerissen, wie du bist.«

Louis grinste und machte eine leichte Verbeugung mit dem Kopf.

»Wie weit ist es noch bis in diese Prärie-Metropole?«

»Hawley«, antwortete Louis. »Etwa zehn Meilen. Zuerst kommt ein kleiner Ort zwei Meilen von hier, er heißt Miller’s Corners. Dort könnt ihr rasten und die Pferde tränken. Hawley ist dann noch acht Meilen weiter.«

Der Mann zuckte in massigem Gleichmut die Achseln. Louis ging, immer noch mit einem leichten Lächeln, zum Auto zurück. Der Mann stand in der Tür des Wohnwagens und sah zu, wie das Auto wendete, um dann mit Getucker und Geratter den Weg zurückzufahren, den es gekommen war. Er machte eine Grimasse angesichts der frischen Staubwolke, ging zurück nach drinnen und schloss die Tür. Die Wagen setzten sich in Bewegung.

Er öffnete eine Tür in der Trennwand, die den Wagen in zwei Hälften teilte, und blieb an den Türrahmen gelehnt stehen. Er betrachtete einen Augenblick lang den blassen, nackten Knaben, der in der Schlafkoje lag, und setzte sich dann auf den Rand neben ihn. Der Knabe sah seinem Bild sehr ähnlich, nur war er älter, und sein überanstrengtes Gesicht war nass. von Schweiß. Seine weißen Locken waren ohne Glanz, und das Kissen darunter war feucht. Die Augen bewegten sich nervös hinter geschlossenen Lidern.

Der Mann legte seine Hand auf den Leib des Knaben und beugte sich über ihn. »Angel«, sagte er zärtlich. »Mein schöner Angel.« Seine Hand strich am Körper des Knaben hinauf, bis sie leicht auf seiner Wange ruhte. »Sollen wir wieder anfangen? Es ist noch so viel zu tun.«

Die rubinfarbenen Augen des Knaben öffneten sich, aber sie starrten ins Leere.

  Zweites Kapitel

Hawley im Staate Kansas döste unter der warmen Freitagssonne vor sich hin. Die Uhr im hohen Turm des weißen Gemeindehauses im Rokokostil schlug zweimal und scheuchte träge die Spatzen auf, die sich aber sogleich wieder niederließen. Auf dem Gemeindeplatz saßen im Schatten der Sykomoren alte Männer auf Bänken und erzählten sich halb vergessene oder halb erfundene Geschichten von besseren Zeiten, schnippelten an Stöckchen herum und verkündeten ihre unfehlbaren Meinungen zur Regierung, zu Präsident Hoover, den Kommunisten, den Anarchisten, den Katholiken, den Juden, der Börse und anderen Themen, von denen sie wenig oder gar nichts wussten. Sie nickten gewichtig mit den Köpfen und spuckten dunkelbraune Strahlen Tabaksaft auf den trockenen Boden und prophezeiten die Katastrophe in jeder nur denkbaren Form.

Zikaden zeterten in den Bäumen und brachten mit ihren Stimmen die Luft zum Zittern; aber der Ton war etwas so Normales, war so sehr Teil des Sommers, dass er kaum wahrgenommen wurde. Schlafsüchtige Hunde lagen auf dem hölzernen Gehsteig in Pfützen aus Schatten und japsten im Schlaf. Hawley hing in der Schwebe, so wie ein braunes Blatt auf der stillen Oberfläche eines warmen Teiches schwimmt.

Ein Lastauto kam um die Biegung am östlichen Stadtrand gefahren, wo das Straßenpflaster endete. Die im Sitzen eingenickten Männer unter den Sykomoren blickten auf. Das Lastauto fuhr durch die Stadt und hielt am Bahnhof. Eine Frau in Reisekleidern, die für die Hitze viel zu schwer waren, stieg aus. Sie setzte ihren Hut auf und steckte ihn fest und nahm dann ein Strohköfferchen von der Ladefläche des Autos. Sie sagte etwas zu dem Fahrer und ging in den Bahnhof hinein. Das Lastauto wendete und fuhr dann den Weg zurück, den es gekommen war.

Drei Mädchen kamen aus Miers Textilwarengeschäft und blinzelten in die Helligkeit. Sie winkten dem Mann im Lastauto zu. Alle drei Mädchen waren achtzehn Jahre alt. Rose und Evelyn waren in Hawley geboren; Francine nicht, aber ihr Vater, und so kam es praktisch aufs Gleiche heraus. Sie waren zusammen zur Schule gegangen, von der ersten bis zur letzten Klasse, hatten im Monat zuvor gemeinsam die Abschlussprüfung gemacht und wussten voneinander so gut wie jede intime Einzelheit. Sie hatten nicht viel gemeinsam außer Hawley, aber ihre Verschiedenheiten ergänzten sich gegenseitig, und sie waren die meiste Zeit ihres Lebens befreundet gewesen.

»Da geht Eula May schon wieder ihre Schwester in Kansas City besuchen«, sagte Rose, indem sie die Frau betrachtete, die friedlich auf der Bank am Bahnhof saß. »Bei Gott! Ihre Schwester ist schon am Verscheiden, so lange ich denken kann. Mr. Gardner wird sich an den Zugfahrkarten noch bankrott zahlen.«

Die anderen beiden Mädchen sagten nichts dazu. Als sie am Drugstore ankamen und hineingehen wollten, deutete Francine plötzlich mit dem Finger und platzte heraus: »Da! Schaut!« Evelyn und Rose blieben stehen und schauten durch die fliegendreckgesprenkelte Scheibe des Drugstores auf das Plakat, das Louis Ortiz an jenem Morgen dort angeschlagen hatte. Das Plakat wiederholte als Seidensiebdruck die Malerei auf dem ersten Zirkuswagen. Unten standen von Hand geschrieben die Zeiten, zu denen die Vorstellung in Hawley stattfinden würde.

Evelyn Bradley erschauerte vor den brennenden Augen, die ihr überallhin folgten, wohin sie sich auch wendete. Evelyn war schlank und braungebrannt; ihre Pagenfrisur umrahmte kastanienbraun ihr ovales Gesicht. Ihre Augen waren haselnussfarben und lächelten, aber ihr Gesicht hatte etwas Ernstes. Im Augenblick jedoch war der Schauer, der ihr beim Anblick des Plakats über den Rücken lief, eine seltsam lustvolle Empfindung.

»Als ob ich es nicht gewusst hätte!« fauchte Francine Latham allerliebst. Ihre Zahnspange rief ein feines Zischen hervor, wenn sie sprach. Dr. Latham war Witwer und wusste nicht so recht, wie er mit einer erwachsenen Tochter fertigwerden sollte. Weil es ihrem Vater gefiel, trug Francine ihr dunkles Haar immer noch wie ein Kind mit einer Schleife nach hinten gebunden, und es ging ihr fast bis zur Taille.

»Als ob ich es nicht gewusst hätte! Ein Tonfilm und eine Monsterschau, beides zur selben Zeit. Ich weiß nicht, wie ich mich jemals für eines davon entscheiden soll«, sagte sie ärgerlich.

»Schau dir eben heute Abend das eine und morgen Abend das andere an«, sagte Rose Willet mit aufreizender Logik. Rose war rund, rosig und hübsch. Sie trug ihr helles Haar kurz, in losen Wellen, eine Frisur, die viel zu altmodisch für sie war. Sie ließ ihren Sonnenschirm kreisen, dass die Spitzenborte sich hob, und wünschte, Evelyn und Francine würden ihre gesellschaftliche Stellung ernster nehmen. Als Töchter des Arztes und eines wohlhabenden Farmers waren sie der passende Umgang für die jüngste Tochter des Richters, aber Francine war eine Petze, und Evelyn konnte jederzeit auf die Straße laufen und anfangen, mit einer Horde kleiner Jungen Baseball zu spielen. Man brauchte sie nur anzusehen, beide braungebrannt wie Feldarbeiter! Rose bewegte den Schirm, um einen Sonnenstrahl abzuhalten, der ihren wohlanständigen blassen Arm traf.

»Das kann ich nicht!«, sagte Francine weinerlich. »Ich habe nur einen Dollar.« Sie drehte sich nach dem Plakat um und wechselte schnell das Thema. »Haverstocks Wandernde Kuriosa- und Wunderschau. Was sind überhaupt Kuriosa?«

»Weiß ich nicht«, schnaubte Rose. »Schaut, wie sie das alte Knopfauge nennen: Kurator der verlorengegangenen Geheimnisse der Alten. Mann! Die halten uns wirklich für die letzten Bauern«, knurrte sie. »Angel, der Zauberknabe! Meerjungfrauen! Unsichtbare Frauen!« Mann!«

»Ein Dollar reicht doch, Francine«, sagte Evelyn mit einem leichten Lächeln. Sie kannte den Grund für Francines Dilemma sehr genau. »Der Film kostet einen Vierteldollar und die Monsterschau fünfzig Cents. Das macht erst fünfundsiebzig.«

»Ja, schon...« Francine schaute auf ihre Spangenschuhe und fingerte an der Krawatte ihrer Matrosenbluse herum.

»Erzähl mir bloß nicht, dass Billy schon wieder pleite ist«, sagte Rose mit gespielter Empörung und spitzte dazu die Lippen, damit sie aussahen, als hätte eine Biene hineingestochen.

Francine hob trotzig die Augen. »Wenn du mit Harold ausgehst, dann zahlt doch auch jeder für sich!«

»Aber ich muss nicht für ihn mitbezahlen«, erklärte Rose stöhnend den feinen Unterschied.

»Ich muss auch nicht immer für Billy bezahlen!«

»Ha!« Rose lachte verächtlich auf und drängte in den Drugstore hinein.

Bowens Arzneimittel und Gemischtwaren döste an jenem warmen Nachmittag mit der übrigen Stadt vor sich hin. Die Deckenventilatoren bewegten träge kreisend die Luft und verrührten die süßen Düfte von Schokolade- und

Vanilleeis aus dem Erfrischungsraum mit den angenehm stechenden Gerüchen von Kampfer und Wermut aus der Medikamentenabteilung.

Sonny Redwine, wie die drei Mädchen frisch nach dem Abitur, legte die Zeitschrift hin, in der er gelesen hatte, und wischte über die bereits makellose Marmortheke. Sonnys Vater und Onkel waren die Inhaber von Redwines Leichenhalle und hatten ihm dort für den Sommer eine Stelle angeboten; aber er hatte ohne allzu viel Nachdenken beschlossen, lieber Mr. Bowens Angebot anzunehmen und als Mixer in der Eisbar zu arbeiten, bis es im Herbst soweit war, aufs College zu gehen. Seine Arbeit machte ihm Spaß, und er war stolz auf den blitzenden Schanktisch mit den Reihen von Sirup-Pumpen und den zwei Zapfhähnen für Mineralwasser mit und ohne Kohlensäure, die wie die Köpfe von grazilen, langhalsigen Vögeln aus dem mittleren Teil hervorragten. Und er bekam oft seine Freunde zu sehen; praktisch jeder kam mindestens einmal in der Woche vorbei.

Er grinste die Mädchen an. »Tag, die Damen. Was darf es sein?«

»Einmal Kirschphosphat«, sagte Rose.

»Einmal Kirschphosphat«, wiederholte Francine.

»Kannst drei machen«, sagte Evelyn und lächelte.

Sonny machte die Getränke mit Bravour; er kostete es aus, dass die Blicke der Mädchen auf ihm ruhten. Er wurde langsam sehr gut, wenn man ihn fragte. Er hatte fast eine Woche lang nichts verschüttet.

Francine saß in tiefe Gedanken versunken auf ihrem Hocker und wand sich träge von einer Seite auf die andere. »Ich glaube, wir gehen ins Majestic. Da bleibt mir noch Geld für etwas Puffmais. Außerdem spielt Ronald Coleman.«

Mr. Bowen ging hinter den Schanktisch und mixte sich ein Brom-Soda, indem er die schäumende Flüssigkeit von einem Glas ins andere und wieder zurückschüttete. »Hallo Rose, Francine, Evie!«, begrüßte er sie. »Was habt ihr Mädchen vor, heute Nachmittag? Habt ihr das Plakat im Fenster schon gesehen?«

»Ja!«, sagte Evelyn lachend. »Das hat ja den ganzen Wirbel ausgelöst.«

»So?« Mr. Bowen hob die Augenbrauen.

»Wir versuchen Francine zu helfen, sich zu entscheiden, ob sie lieber in den Film oder zum Tingeltangel gehen will«, sagte Rose mit einem hinterhältigen Grinsen.

Mr. Bowen lächelte nachsichtig. »Ja, das will natürlich gründlich durchdacht sein.« Er trank schnell sein Brom-Soda aus, zog ein Gesicht und schüttelte sich.

Sonny stellte die rosa Getränke vor die Mädchen hin und bearbeitete die Theke mit größerer Sorgfältigkeit als nötig gewesen wäre, während Mr. Bowen zu seinen Rezepten zurückkehrte.

»Ich habe mich schon entschieden«, sagte Francine und hob den Deckel des Strohhalmbehälters. »Ich habe euch doch gerade eben gesagt, dass ich beschlossen habe, mir den Film anzusehen.«

Sonny hörte direkt vor Evelyn mit dem Wischen auf. Er räusperte sich zweimal, wechselte viermal seinen Gesichtsausdruck und sagte: »Evie...« Seine Stimme brach. Er warf einen argwöhnischen Blick auf Rose und Francine.

»Ja, Sonny?«

»Uh... Würdest du heute Abend mit mir ins Kino gehen?«, platzte er heraus.

Rose und Francine sahen sich an und unterdrückten ein Kichern. Evelyn warf ihnen einen finsteren Blick zu, und Sonny wurde rot.

»Natürlich, Sonny. Ich würde mich freuen«, sagte Evelyn.

Sonny grinste erleichtert, nickte ihr zu und wischte wie verrückt auf der Theke herum. Er sah zu Rose und Francine hinauf, die immer noch grinsten. »Und es wird keine getrennte Kasse geben«, sagte er obenhin. »Ich spendiere es.« Er grinste Rose und Francine an und ging ans andere Ende der Theke. Evelyn beugte sich über ihr Kirschphosphat, um ihr Lächeln zu verbergen. Rose und Francine glotzten verblüfft auf Sonnys Rücken.

Die Drugstore-Tür flog krachend auf. Sie schlug gegen das Drahtgestell mit den Zeitschriften und entlockte ihm ein metallenes Klingeln. Phineas Bowen Junior, Alter zwölf Jahre, preschte herein. Mr. Bowen blickte auf und runzelte die Stirn. Finneys Haar war von der Sonne gebleicht, sein Körper schokoladebraun. Er trug nichts als ein Paar durchgescheuerte, staubige Cordbundhosen. Seine bloßen Füße schlappten auf dem weißen Fliesenboden. Seine Augen funkelten und tanzten vor unterdrückter Lebenskraft. Ein Ende eines etwa meterlangen Zwirnsfadens war an seinen Finger gebunden, das andere an das Bein eines großen, metallisch grünen Junikäfers. Der surrte dröhnend in engen Kreisen um Finneys Kopf herum. Finney trat unter den rotierenden Deckenventilator und ließ den Schwall kühler Luft über sich hinstreichen. Die Luftbewegung bewirkte, dass der Junikäfer auf sein Haar niederging.

»He, Paps!«, sagte Finney mit seinem Singsang und fing an, das Insekt aus seinen Haaren herauszulösen. »He, Evie! He, Francine! He, Fetti!« Er ging an den Schanktisch und ließ den Junikäfer erneut starten.

Rose fuhr auf dem Hocker herum und fixierte ihn mit einem wilden, giftigen Blick. Der müde Junikäfer landete auf ihrem Arm. Sie kreischte auf und fuhr in die Höhe. Finney zog das Insekt schnell aus der Gefahrenzone. »Finney, du kleiner schieläugiger Affe!«, zischte sie.

»Phineas«, sagte Mr. Bowen vorwurfsvoll, »so redet man nicht - und du bist auch nicht besser, Rose.«

»Ach, Paps!« maulte Finney. »Mein Junikäfer hat ihr nichts getan. Ich wette, Evie hätte keinen Anfall gekriegt.«

Rose grinste. »Sie wissen doch, dass wir nur Spaß machen, Mr. Bowen.« Sie hüpfte vom Hocker herunter und zwängte Finney blitzschnell in eine Bärenumarmung. Er sträubte sich, konnte aber ihren Griff nicht sprengen. »Im tiefsten Herzen mögen wir uns sehr gern.« Unbemerkt von Mr. Bowen zwickte sie Finney kräftig in seinen nackten Rücken. Er jaulte auf und riss sich los.

»Wenn du in die Wunderschau gehst, Rosie«, sagte er hochmütig, »dann vergiss auf keinen Fall, dir die Medusa anzusehen.«

»Hör gefälligst auf, mich Rosie zu nennen!« schnappte sie und setzte sich wieder auf den Hocker. »Wir gehen gar nicht in die Monsterschau. Wir gehen ins Kino.«

Finney war entgeistert. Er starrte sie an und kletterte auf einen anderen Hocker - gut außerhalb ihrer Reichweite. »Seid ihr verrückt, oder was? Ihr wollt liebereinen dämlichen alten Film sehen als die Unsichtbare Frau?« Er stöhnte. »Mädchen!«

Roses Miene brachte ihren Abscheu zum Ausdruck. »Wenn ich mich recht erinnere, dann hast du einen vollen Monat von nichts anderem gequatscht, als dass du dir diesen dämlichen alten Film ansehen willst.«

»Aber das war doch vorher!«

»Außerdem kann man eine unsichtbare Frau nicht sehen«, sagte Rose, um ihm den Rest zu geben.

»Oh, doch, das kann man!« Finney versuchte, ihr eine Vorstellung davon zu geben, was für ein Zauber all diesen Dingen innewohnte. »Man kann sie sehen, wenn man weiß, wie man schauen muss. Du weißt nur nicht, wie man schauen muss, Rose.«

»Finney!«, rief Mr. Bowen und hielt eine kleine Papiertüte hoch. »Geh und bring die Medizin da der alten Miss Sullivan hinüber.«

Finney rutschte vom Hocker herunter. »Und Elektro, der Mann der Blitze! Er zieht den Blitz vom Himmel, allein indem er seine Arme schwenkt, und dann verschluckt er ihn, und er versengt nie auch nur ein Haar. Und die Medusa ist in Wirklichkeit von diesem Griechen gar nicht getötet worden.

Sie war die ganze Zeit am Leben und verwandelt immer noch Menschen in Stein. Und die Schlangengöttin, die sich eine Million Jahre lang unter einer ägyptischen Pyramide versteckt hat!«

Mr. Bowen reichte ihm die Tüte. »Bring sie ohne Umweg hin und trödle nicht herum! Und anschließend will dich deine Mutter zu Hause sehen.«

Finney war in Fahrt und ließ sich nicht bremsen. »Und die Kleine Meerjungfrau. Sie ist die letzte Meerjungfrau auf der Welt, aber das macht nichts, weil sie niemals sterben wird. Und der Minotaurus, der immer noch rast, weil sie ihm sein Labyrinth zerstört haben. Und Däumling Tim... und Henry-etta... und der Zauberknabe, der alles kann... und der Kurator, der schlau genug war, um all diese Wunderwesen zu finden, und auch schlau genug, um sie zu überreden, ihre Geheimnisse mit uns zu teilen! Ist das nicht einfach phantasmagorisch?! Endlich passiert was in dieser verkalkten Stadt!«

Er sprintete zur Tür hinaus, dass der Zeitschriftenständer wieder nur so schepperte. »Verdammich! Endlich passiert was!«, schrie er gellend, während er über den hölzernen Gehsteig trampelte und auf die Straße sprang.

»Finney!«, rief sein Vater. »Hab’ ich nicht gesagt, du sollst...«Er redete nicht aus; er seufzte nur auf, schüttelte den -Kopf und sank hinter dem Apothekentisch in sich zusammen.

Sonny und die drei Mädchen starrten Finneys rennender Gestalt nach, wie sie in der Sonne zappelte.

Rose stöhnte auf. »Ich glaube, das Kind da hat auch noch das bisschen Verstand verloren, das man ihm einmal mit auf den Weg gegeben hat. Haben Sie irgendwelche Fälle von Wahnsinn in der Familie, Mr. Bowen?«

Mr. Bowen antwortete mit einem leichten Stirnrunzeln. Nur weil ihr Vater Bezirksrichter ist, dachte er, glaubt sie, dass sie alles sagen kann, was sie will.

»Ich glaube, ich weiß, wie ihm zumute ist«, sagte Evelyn nachdenklich. »Ich hatte selbst ein klein wenig das gleiche Gefühl. Wäre es nicht... phantasmagorisch...«, sagte sie lachend vor sich hin, »wenn sie wirklich wären? Wenn sie wirklich der Minotaurus wären und die Medusa und eine Meerjungfrau und eine Schlangengöttin, wenn der Zauberknabe wirklich ein Zauberknabe wäre? Wenn das alles nicht irgendein Trick wäre?«

Sie blickte gedankenverloren auf den Fußboden. Ihr Tagtraum zerfiel, als Francines Sodastrohhalm auf dem Boden ihres leeren Glases gurgelte.

»Ich glaube nicht, dass es mir sehr gefallen würde, wenn es wirklich die Medusa wäre«, sagte Francine. »Schreiben Sie’s mit auf die Rechnung, Mr. Bowen.« Jetzt war die Stimmung endgültig zerstört. »Ich wollte, ich könnte auch im Kino anschreiben lassen, dann bräuchte ich nicht diese Entscheidungen zu treffen.« Sie seufzte.

Sie hörten den Zug pfeifen, wie er in den Bahnhof einfuhr. »Na ja, da fährt Eula May dahin«, sagte Rose.

»Ich hole dich gleich nach dem Abendessen ab, Evie«, sagte Sonny und lächelte.

»Das ist nicht nötig, Sonny. Ich kann dich am Majestic treffen.«

»Wenn ich dich nicht abhole...« - Er grinste. »...dann habe ich keinen Grund, meinen Vater zu bitten, mir das Auto zu geben.«

»Okay«, sagte sie lachend. »Es würde mich für dich freuen, wenn du mich in die Stadt fahren würdest.«

  Drittes Kapitel

Jack Spain, ein zwölfjähriger Flachskopf und Phineas Bowens bester und engster Freund, saß ohne Sattel auf Quecksilber, einer Fuchsstute mit weißem Stirnfleck und von sanftem und geduldigem Wesen, die ihre Nachmittage gewöhnlich damit zubrachte, für Jacks Vater einen Pflug zu ziehen. Aber gepflügt war und-Jacks kleine Arbeiten auf der Farm waren auch erledigt, und das mit einer Geschwindigkeit, die Jacks Vater überraschte - bis ihm der Zirkus einfiel, der in die Stadt kommen sollte. Da lächelte er und erinnerte sich und ließ Jack den alten Gaul für den Nachmittag.

Jack trug einen abgeschossenen Overall ohne Hemd und war ebenso braun wie Finney, obwohl er im Gegensatz zu Finney über und über voller Sommersprossen war. Er blinzelte unter der ausgefransten Krempe seines Strohhutes hervor auf die Straße, die vor ihm lag. Er konnte sie kommen sehen, flackernd im Glast der Nachmittagshitze, eingehüllt in Staub: sechs zauberumwitterte Zirkuswagen.

Jack stieß ein Freudengeheul aus und schwenkte seinen Hut. Er grub seine bloßen Fersen in die Flanken des Pferdes und sprang auf ihm wie ein Ball auf und nieder. Er schlug es mit seinem Hut und schnalzte wie verrückt mit der Zunge.

»Komm, Quecksilber, du altes Mistvieh! Beweg dich! Los! Du altes Mistvieh, Quecksilber, he!«

Quecksilber nahm ein letztes Maulvoll Büffelgras und drehte sich langsam um. Dann zottelte sie gemächlich in Richtung Stadt und scherte sich nicht im Geringsten um das Energiebündel, das auf ihrem Rücken explodierte.

  Viertes Kapitel

Evelyn, Rose und Francine schlenderten quer über den Gemeindeplatz und hörten auf das Zikaden-Geschrei aus den Sykomoren. Sie lächelten den alten Männern zu und blieben stehen, als sie Richter Willet die Stufen des Gemeindehauses herunterkommen sahen. Er tippte grüßend an seinen Hut und machte eine leichte Verbeugung.

»Miss Bradley, Miss Latham, Rose«, sagte er. »Wie geht's euch Mädchen heute Nachmittag?«

»Ausgezeichnet, Herr Richter«, sagte Evelyn. »Und wie geht es Ihnen?«

»Erfreulich, Miss Bradley, erfreulich.« Er rückte den Hut wieder zurecht. »Grüßt eure Leute von mir«, sagte er und marschierte davon.

»Ist euch schon aufgefallen«, fragte Francine, »dass der Richter niemals schwitzt, nicht einmal an einem heißen Tag wie heute?«

»Seine Schweißdrüsen würden es nicht wagen«, sagte Rose und verzog den Mund. Francine kicherte.

Sie gingen weiter in Richtung Majestic. RONALD COLEMAN IN HENKER DRUMMOND - IM EINZIGEN TONFILMTHEATER DIESSEITS VON DODGE CITY verkündete die Markise über dem Eingang. Die Mädchen gingen über die Straße und betrachteten die Plakate und versuchten sich vorzustellen, wie das sein würde, wenn man die Schauspieler sprechen hörte.

»Wer, findet ihr, ist hübscher«, träumte Rose und ließ ihren Sonnenschirm kreisen. »Ronald Coleman oder Wash Peacock?«

»Weiß ich nicht.« Evelyn zuckte die Achseln. »Es sind grundverschiedene Typen.«

Rose seufzte. »Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Wash Peacock und Schwester heiraten sollen.«

»Grace Elizabeth? Und Wash?« Evelyn zog die Augenbrauen hoch. »Das hab ich gar nicht gewusst.«

»Ich dachte, alle wüssten es«, stöhnte Rose. »Kannst du es dir vorstellen? Schwester und Wash? Es ist wie die Schöne und die Bestie.«

»Also ich finde nicht, dass Wash eine Bestie ist«, protestierte Francine. »Er hat vielleicht nicht viel Persönlichkeit, aber ich halte ihn nicht für gemein oder so etwas.«

»Ich habe es andersherum gemeint«, seufzte Rose.

»Sie scheinen nicht viel gemeinsam zu haben«, sagte Evelyn zustimmend. »Warum haben sie dann beschlossen, zu heiraten?«

»Haben sie gar. nicht«, sagte Rose. »Papa wollte keine alte Jungfer in der Familie haben. Schwester ist sechsundzwanzig, müsst ihr wissen, und hat nie einen Verehrer gehabt. Also hat Papa mit Washs Vater ein Arrangement getroffen.«

»Und das war Grace Elizabeth recht?« Evelyn blickte finster. Es überkam sie plötzlich ein Gefühl der Niedergeschlagenheit. Der Gedanke an die sanfte, schüchterne, intelligente Grace Elizabeth an der Seite von Wash Peacock, der sie immer an einen großen, schönen, dummen Hengst erinnerte, war deprimierend. Aber sie konnte nichts daran ändern, und es würde ja vielleicht auch gut gehen. Die Tatsache, dass sie solche Gegensätze waren, konnte unter Umständen für beide ein Gewinn sein. Und Francine hatte Recht: Wash war kein gemeiner Kerl. Wenn er lieb mit Grace Elizabeth umging, dann lief vielleicht alles gut.

»Du bist doch nur eifersüchtig«, sagte Francine mit süßlichem Lächeln.

»Ich eifersüchtig?« schnaubte Rose, und ihr Sonnenschirm schwirrte. »Wash Peacock mag so ungefähr der gutaussehendste Mann im ganzen Bezirk sein, aber er ist auch der langweiligste. Wenn er Schwester besuchen kommt, sitzt er da wie ein Klotz. Und wenn er wirklich einmal redet, dann immer nur über die Farm: die Hirse will heuer nicht gedeihen, der Mais hat den Mehltau, der Hafer brachte nur vier Scheffel pro Morgen, die Egge ist kaputt. Es würde mich nicht überraschen, wenn er nicht einmal den Namen des Präsidenten der Vereinigten Staaten wüsste. Es reicht, um einen die Wände hochzujagen. Ich würde Wash nicht heiraten, selbst wenn ich eine Wette darüber abgeschlossen hätte.« Ein durchtriebenes Lächeln schlich über ihre Lippen, während sie mit dem Griff ihres Sonnenschirms spielte. »Natürlich hätte ich nichts dagegen, in der Hochzeitsnacht Schwesters Rolle zu übernehmen.«

Francine schnappte nach Luft und prustete, wobei sie sich die Hände vors Gesicht hielt, um ihren roten Kopf zu verstecken. »Rose Willet, du bist furchtbar!«

Rose verdrehte die Augen.

Plötzlich fluteten Jack Spains wilde Schreie durch die dicke Luft, schüttelten sie durch, ließen sie zittern und flimmern und rührten die Stadt auf wie den Bodensatz auf dem Grund eines warmen Teiches. Die Mädchen reckten die Hälse und eilten zurück auf die Hauptstraße. Die alten Männer im Schatten der Sykomoren schauten von ihrer Schnippelei auf und schlurften auf die Töne zu. Mr. Bowen und Sonny traten aus dem Drugstore und spähten die Straße hinunter. Leute erschienen an Laden- und Haustüren und schirmten mit der Hand die Augen gegen das Sonnenlicht ab.

Ein schwarzes Ford-T-Modell puffte aus der Gasse hervor, die an der Rückseite des Majestic vorbeiführte und klapperte an den Mädchen vorüber. Louis Ortiz lächelte und tippte an seinen Hut. Francine kicherte.

»Wer war denn das?«, fragte Evelyn und sah dem Auto nach.

»Weiß ich nicht«, sagte Rose und zog die Stirn in Denkerfalten. »Er muss wohl zu Haverstocks wanderndem Was-weiß-ich gehören.« Ihre Lippen spitzten sich zu einem Lächeln, und ihre Augen verengten sich mit Blick auf Francine. »Sah aber wirklich gut aus. Fandest du nicht auch, Francine?«

Francine wurde rot.

Jack Spain und Quecksilber tauchten um die Ecke herum auf, wo das Pflaster endete und die Bezirksstraße begann. Er hüpfte und brüllte und fuchtelte mit dem Hut, als würde das alte Pferd mit dem Wind um die Wette laufen, anstatt mit seinem normalen Pflügetrott daherzustapfen.

Die Leute verließen ihre Häuser und Läden und standen am Straßenrand Spalier und versuchten, um die Ecke herumzuschauen. Frauen, die bei der Hausarbeit unterbrochen waren, trockneten sich die Hände an den Geschirrtüchern ab und ertappten sich dabei, dass sie immer noch suppennasse Löffel in der Hand hielten. Sie schleppten halbgebadete Babies an und halbgestopfte Socken und strahlten vor Entzücken über die unverhoffte Unterbrechung ihrer täglichen Tretmühle.

Finney rannte zu Jack; seine bloßen Füße klatschten auf dem Pflaster. Dutzende von brüllenden, kreischenden Kindern krochen aus den Winkeln, Ritzen und Höhlen und strömten von allen Seiten zu Jack. Sie hüpften und hopsten und schrien aus einem Gefühl schierer physischer Befreiung heraus. Manche von ihnen wussten nicht einmal, um was es ging, aber sie ahnten, dass es etwas wirklich Gewaltiges sein musste.

Jack brachte das Pferd zum Stehen, warf ein Bein hoch und nach vorn und ließen sich vom Rücken heruntergleiten. Er und Finney sprachen aufgeregt miteinander, wobei sie zur Straßenbiegung zurückblickten.

Die Wagen kamen ganz unvermittelt um die Ecke. Finney und Jack rannten auf sie zu, einen Schwarm von kreischenden Kindern und bellenden Hunden hinter sich herziehend. Quecksilber wanderte in den Whittacker-Hof und begann, zart an den Petunien zu knabbern.

Die Mädchen schlenderten gewollt lässig auf die bemalten Wagen zu, so dass jeder sehen konnte, dass ihr Interesse unglaublich gering war.

Die Kinder und Hunde umringten die Wagen wie tobende Indianer. Die Handlanger, die die Gespanne lenkten, ignorierten sie mit hochmütiger Gleichgültigkeit und Langeweile.

Plötzlich klappte die Rückwand des letzten Wagens rasselnd nach unten, um ein Orchestrion zu enthüllen, das rot und golden in der Sonne glänzte. Dampf zischte aus den Ventilen. Es begann zu spielen, rau und triumphal, mit festlichem Geschmetter. Und niemand saß an seinen Tasten.

»Oooh!«, hauchte Francine, die Augen ganz rund, als der erste Wagen an ihnen vorbeifuhr. »Schaut euch diese schaurigen Augen an!« Die Augen schienen sich im Vorbeifahren an ihr festzusaugen. Sie schaute schnell weg.

»Dem möchte ich wirklich nicht im Dunkeln begegnen«, stimmte Rose zu. Sie wandte ihren Blick dem nächsten Wagen zu. »Ich weiß zwar nicht, ob er ein Zauberknabe ist, aber zauberhaft ist er!«

»Er ist noch schöner als Ronald Coleman«, sagte Francine ehrfurchtsvoll. »Schöner als Ronald Coleman und Wash Peacock zusammen.«

Evelyn betrachtete forschend das Bild von Angel, dem Zauberknaben und folgte ihm mit den Augen, während der Wagen vorbeizog.

»Ich weiß alles über den Minotaurus«, sagte Rose selbstgefällig. »Von dem lässt du besser die Finger, Francine.«

»Was quatscht du da?«, zischte Francine und versuchte, ihre Blicke von dem Bild eines muskelstrotzenden Mannes fernzuhalten, der nur mit einem kurzen Lendenschurz bekleidet war, und Haupt und Hufe eines Stieres hatte.

Rose zwinkerte in Richtung Evelyn und beugte sich zu Francine, um ihr etwas ins Ohr zu flüstern. Francines Augen wurden ständig größer, und ihr Mund formte ein kleines O. »Oh, Rose, du bist schlecht!« Sie wurde rot.

»Hab dich nicht so, Francine«, knurrte Rose.

»Man muss nur dann Angst haben, wenn man noch Jungfrau ist«, entschlüpfte es Evelyn wider Willen.

»Evelyn Bradley, du bist noch schlimmer als Rose!«

»Auch Jungen, wohlgemerkt«, sagte Rose und nickte weise.

»Na ja«, sagte Francine und errötete dabei so heftig, dass ihr die Ohren klangen, »wenn nur Jungfrauen Angst haben müssen, dann habt ihr beide wohl nichts zu befürchten, nehme ich an.«

»Jetzt hat sie uns«, lachte Evelyn.

»Ich verrate es niemals«, sagte Rose und versuchte, möglichst welterfahren auszusehen.

»Rose!«

»Francine!«

Evelyn lachte so sehr, dass sie schwankte.

»Diese Meerjungfrau ist wahrscheinlich irgend so ein armer, alter, toter Fisch in einem Einmachglas mit Alkohol«, erklärte Rose skeptisch.

»Aber auf dem Plakat hieß es, dass alle lebendig sind«, protestierte Francine.

»Oh, Francine!«, knurrte Rose.

Francine begann zu kichern.

»Was ist los mit dir?«, fragte Rose leicht verärgert.

»Ein Halb-Mann-halb-Frau-Wesen«, sprudelte sie heraus, »ich meine, er - sie - es müsste nicht...« Sie brach ganz und gar zusammen.

Rose knurrte nur und wandte den Kopf, um das Bild einer schönen Frau mit langen, silbernen Haaren zu betrachten. Sie ruhte wie in einem Nest in den Windungen eines kräftigen Reptilienschwanzes, dessen Schuppen unter ihrem Nabel in blasses Fleisch übergingen. »Eine Schlangengöttin! Eine Unsichtbare Frau!«, sagte sie beleidigt. »Für wie naiv halten die uns eigentlich? Medusa! Also wirklich. Wenn sie die Medusa hätten, wären sie längst alle in Stein verwandelt.«

»Was macht das denn aus, solange sie eine gute Vorstellung aufziehen?«, fragte Evelyn vernünftig. »Sie erwarten doch von niemandem, dass er es wirklich glaubt. Sie würden nicht viele Karten verkaufen, wenn sie mit jemandem Reklame machten, der nur behauptet, Medusa zu sein, oder?«

Der letzte Wagen fuhr vorbei. Finney überschrie den Lärm und hatte Mühe, nicht aus seiner Haut zu fahren. »Hab ich's euch nicht gesagt? Schaut euch diese alte Orgel an, die von allein spielt! Es ist wirklich eine phantasmagorische Wunderschau.«

Rose tat das alles mit einem Achselzucken ab. »Dein mechanisches Klavier spielt auch von allein, oder etwa nicht? Davon flippst du auch nicht aus!«

»Aber das hier ist etwas ganz anderes! Es ist wirklich etwas ganz anderes!« Finney und Jack rannten weiter, um die Wagen einzuholen.

»Ich schaue besser, dass ich nach Hause komme«, sagte Evelyn und blieb bei dem 1926er Buick ihres Vaters stehen, der vor Miers Textilwarengeschäft geparkt war. »Wir sehen uns heute Abend.«

»Grüß Harold von mir«, grinste Rose.

»Klar.« Evelyn grinste zurück und stieg in das Auto.

Als sie an dem unbebauten Grundstück am Westrand der Stadt vorbeikam, war die Wunderschau bereits dort eingefahren. Sie fuhr langsamer und beobachtete das geschäftige Treiben mit schwacher Neugier. Einige von den Handlangern, die meisten ohne Hemd, zogen Leinwand und Masten und Taue und Pflöcke von einem der Wagen. Andere spannten die Rösser aus und schirrten sie ab und schoben die Wagen in eine Reihe entlang der Vorderfront des Platzes. Ein anderer verscheuchte die Kinder, die ihnen zwischen den Füßen herumliefen. Das Orchestrion hatte aufgehört zu spielen, und die Rückwand des Wagens war wieder hochgeklappt. Evelyn sah den stattlichen, mexikanisch aussehenden Mann, der sie vorhin gegrüßt hatte, in einen der Wagen hineingehen. Dann war sie daran vorbei, und das Auto holperte über die Eisenbahnschienen und ratterte auf die Brücke über den Crooked Creek, wo das Pflaster endete und die Bezirksstraße begann.

  Fünftes Kapitel

Haverstocks Wagen war durch eine Trennwand mit einer Verbindungstür in zwei Räume geteilt. Der nach außen führende Raum war ein Büro mit einer Koje an der einen Wand, in der er schlief. Louis war noch nie in dem anderen Raum gewesen, aber er wusste, dass Angel dort wohnte.

Haverstock blickte von den Papieren auf seinem Schreibtisch auf, als Louis eintrat. »Hast du dich um das Kino gekümmert?«

»Selbstverständlich. Ich...«

Haverstock winkte ab. »Verschone mich mit ermüdenden Details. Ich bin sicher, du hast dankenswerte Arbeit geleistet. Geh hin, wo immer man wegen so etwas hingeht, und sorge dafür, dass Futter für die Tiere geliefert wird. Dir ist alles bekannt, was erledigt werden muss, bevor wir heute Abend eröffnen.«

»Wird gemacht, Boss.« Louis grinste und ging.

Haverstock sah ihm einen Augenblick lang nach und fragte sich, ob er nicht einen Hauch von Sarkasmus in dem »Boss« entdeckt hatte. Louis war ein tüchtiger, erfinderischer Angestellter, aber er wurde manchmal ein bisschen zu groß für seine gut geschnittenen Hosen.

  Sechstes Kapitel

Der graue 1929er Packard summte die Straße herauf und zog einen Kometenschweif von Staub hinter sich her, den die untergehende Sonne golden färbte. Die Weizenfelder rechts und links der Straße hatten die Farbe von brüniertem Kupfer und lagen völlig reglos in der warmen Stille. Sonny Redwine blinzelte in die Riesensonne, die direkt vor ihm auf der Straße zu hocken schien. Er pfiff ohne Melodie vor sich hin, aber der Ton wurde immer wieder durch das zufriedene Lächeln unterbrochen, das über seine Lippen huschte. Er fuhr langsamer und bog an dem Briefkasten mit der Aufschrift »Bradley, Sternenweg« in einen von Sonnenblumen gesäumten Weg ein und hielt dann vor dem Haus am Ende des Weges an.

Die Farm der Bradleys machte einen wohlhabenden Eindruck. Das Haus und die Scheune waren frisch gestrichen, und die Scheune hatte ein neues Dach aus Zinnblech. Die Nebengebäude waren allesamt ordentlich und in gutem Zustand, aber Sonny ging trotzdem so manches im Kopf herum: er hatte in den letzten paar Monaten viel beunruhigendes Gerede mitbekommen.

Er stieg aus dem Auto, räusperte sich mehrmals, zog sein Jackett hinten glatt und ging knirschend den Kiesweg hinauf. Die Haustür öffnete sich, als er die Stufen zur Veranda hinaufstieg.

»Komm herein, Sonny!«, sagte Otis Bradley. »Evelyn ist gleich fertig.« Otis war ein kurzgewachsener Mann in den späten Vierzigern, mit beginnender Glatze, braun und kräftig von der Feldarbeit. Er war im Unterhemd und in Pantoffeln und hatte seine Hosenträger herunterhängen.

»Danke, Mr. Bradley. Wie geht es Ihnen heute Abend?«

Otis lächelte ein wenig angesichts von Sonnys Nervosität und versuchte sich zu erinnern, ob er sich mit achtzehn auch so benommen hatte. Er war sich nicht sicher, aber wahrscheinlich schon. »Ausgezeichnet, Sonny. Und wie geht's dir?«

»Oh, danke, sehr gut«, sagte Sonny und schaute sich um. Das Zimmer war ordentlich, aber gemütlich, gut, aber nicht neu möbliert. Es sah ungefähr so aus wie sein Wohnzimmer zu Hause, bevor seine Mutter letztes Jahr alles neu gekauft hatte. Das einzige neue Stück bei den Bradleys war ein großer Atwater Kent Radioapparat, der leise Gospelmusik spielte.

Otis machte die Fliegengittertür wieder zu und kehrte zu seinem Sessel und seiner Zeitung zurück. »Das ist recht. Setz dich!« Er deutete auf einen zweiten Stuhl.

Sonny setzte sich, ein wenig zu schnell, und grinste dann.

»Ich dachte, es würde sich gegen Abend vielleicht etwas abkühlen«, sagte Otis, »aber es sieht nicht danach aus.« Sonny nickte und wünschte, er hätte sich kein Jackett angezogen. Otis beobachtete ihn mit der Frage im Hinterkopf, ob Evelyn und er es wohl ernst meinten. Soviel er wusste, waren sie noch nie zusammen ausgegangen, aber er war sich nicht sicher. Er vertraute Evelyn und überließ es seiner Frau, ein Auge auf ihre Freunde zu haben, von denen es eine ganze Anzahl zu geben schien. Es wäre keine schlechte Partie, dachte er. Sonny war ein nett aussehender Junge mit guten Manieren, der seines Wissens noch nie in irgendwelchen Schwierigkeiten gewesen war. Die Redwines waren angesehene Leute und schienen eine Menge Geld zu haben. Er schaute aus dem Fenster auf den Packard. Es wäre ganz und gar keine schlechte Partie, entschied er, wenn man bedachte, wie die Weizenpreise gefallen waren. Begraben werden mussten die Leute allemal, ob so oder so.

»Ihr Weizen scheint kurz vor der Ernte zu stehen«, sagte Sonny unvermittelt.

»Ja«, bestätigte Otis. »Der Agent für die Mähdrescher war übrigens vor ein paar Tagen hier, um einen Vertrag zu unterzeichnen. Sie sind jetzt etwa neunzig Meilen nördlich von

Amarillo. Dürften in ein paar Wochen hier sein.« Er fragte sich, ob es sich lohnte, ob der Weizen genug abwerfen würden, um die Mähdrescher zu bezahlen, ob er nicht Geld sparen würde, wenn er ihn einfach auf den Feldern verbrannte.

»Das Wetter ist so ziemlich genau richtig.«

»Wenn ihn der Hagel nicht niederschlägt wie vor sechs Jahren. Wenn das Wetter derart heiß wird und sich nichts mehr regt, so wie jetzt, dann weiß man nie, was passiert.«

Harold Bradley kam ins Zimmer und zog sich im Gehen seinen Collegepullover über. Harold war einundzwanzig und hatte gerade sein drittes Jahr College abgeschlossen. Er war größer als sein Vater, aber ebenso braungebrannt und kräftig. Er verbrachte seine Sommerferien immer in Hawley und half auf der Farm mit. Er behauptete, die körperliche Betätigung zu brauchen, um für seine Fußballmannschaft in Form zu bleiben.

»Hallo, Sonny«, grinste er.

»Oh. Tag, Harold.« Sonny stand auf und setzte sich wieder.