Blindes Vertrauen - Marc Bäurle - E-Book

Blindes Vertrauen E-Book

Marc Bäurle

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Beschreibung

Der Roman handelt von einer Katastrophe, die ihren Ursprung im All nahm. Das Wesen der Katastrophe ist eine bedingungslose Dunkelheit, die innerhalb eines Tages die gesamte Erde durchdringt. Das Einzigartige an dieser Dunkelheit ist, dass die Lichtwellen in einem breiten Spektrum des sichtbaren Lichtes durch ein neu entstandenes Schwarze-Materie-Gas absorbiert werden. Es trifft alles und jeden. Ron ist von Geburt an blind, hat aber sein Leben organisiert und ist glücklich. Die Dunkelheit ist sein Zuhause. Bei Eintritt der Katastrophe findet er viele Menschen auf dem Weg zu seinem Vater ins Krankenhaus. Mutig nimmt er die hilflos im Chaos der Finsternis umher Irrenden mit. Im Krankenhaus trifft er auch den Astronomen Prof. J. Jones, den Entdecker des Phänomens und seine Kollegen. Ron und Professor Jones bilden zusammen mit anderen eine Gemeinschaft, um Herr der Lage zu werden. Im Verlauf der wochenlang anhaltenden Dunkelheit treten immer größer werdende lebensbedrohliche Bedingungen auf. Kann die Menschheit sich noch retten?

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Seitenzahl: 435

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Prolog

Es ist alt

Es war schon immer

Älter als die Zeit

Unbegreiflich … Unfassbar … Unendlich …

Endlich kam der Bus. Er erkannte es schon an der leichten Vibration im Asphalt, noch bevor er das tiefe Brummen des zwanzig Jahre alten MG-Dieselaggregats wahrnahm. Sein Dröhnen hatte schon unzählige Touren zwischen der Vorstadt und dem Zentrum in die eisernen Eingeweide des mit kühlem Metall gekleideten Ungetüms eingekerbt. Kurz bevor es den Bordstein erreicht hatte, stieß es sein untrügliches Klappern aus Metall aus, gefolgt vom Zischen der Hydraulik.

Jetzt wusste er, dass er ohne Gefahr in das Gefährt einsteigen konnte.

»Es riecht nach Regen«, dachte er, bevor er den Raum voller stickiger Luft betrat. Ein Gemisch aus Schweiß, kaltem Rauch und Knoblauch zog an ihm vorüber – und Deodorant, ein besonders gut riechendes Deo! In der leichten Temperaturschwankung auf seiner Haut erkannte er die letzten warmen Sonnenstrahlen des Tages, die durch die Busfenster schienen. Bald würde die Nacht ihren dunklen Mantel über die Menschen der Stadt legen. Das duftende Deodorant stand auf, um ihm ihren Platz zu überlassen. Er benannte die Menschen immer nach ihren Gerüchen: Da war der Lehrer in der Blindenschule von New Jersey, den er Motte nannte, da er immer nach Mottenkugeln roch. Er musste Berge davon in seinem Schrank gehabt haben, so intensiv war es.

Er setzte sich und dachte darüber nach, dass die Leute immer Rücksicht auf ihn nahmen, dabei wäre das eigentlich gar nicht nötig. Es war völlig normal für ihn, über die Straße zu gehen oder mit dem Bus zu fahren. Ganz besonders, wenn ihm die Umgebung vertraut war und ihm zur alltäglichen Routine wurde.

Ron war schon seit seiner Geburt blind. Im Laufe der Zeit entwickelte er Fähigkeiten wie facettenreiche Gerüche intensiver wahrzunehmen, die sich immer und überall manifestierten, oder wie die Atmosphäre der jeweiligen Gegend zu spüren. Die fehlende Sehkraft schärfte die verbleibenden Sinne. Er konnte Dinge schneller ertasten und erfühlen, als sie so mancher Sehender überhaupt begriff. Das zeichnete ihn auch in seinem Beruf aus: einem für einen blinden Menschen eher ungewöhnlichen Beruf. Er gab seine Liebe zur Musik als Klavierlehrer an seine Schüler weiter.

Rons Eltern hatten sehr früh erkannt, was für ein aufgeweckter Junge er war. Sie hatten ihn somit in seiner Entwicklung zu einer selbstbewussten eigenständigen Persönlichkeit nicht durch leidiges Klagen und gutgemeintes Unter-die-Arme-Greifen behindert. Sie waren auch finanziell in der glücklichen Lage, ihm alle technischen Hilfsmittel und Kurse zu ermöglichen, die ihm halfen, sich nahezu frei zu bewegen. Rons Mutter war eine hübsche Frau; das hörte er jedenfalls seinen Vater ab und zu sagen: »Komm her, meine Hübsche, lass uns heute Abend fein ausgehen!« Sie roch herrlich. Es war der einzige Geruch, für den er niemals einen Namen fand, es war einfach seine Mutter. Er mochte ihren Geruch. Umgeben davon fand er Geborgenheit und Liebe, etwas Unerschütterliches lag darin und niemals wollte er ihn missen.

Sein Vater war Architekt. »Heute will ich wieder hoch hinaus«, sagte er immer, wenn er die Arbeit an einem neuen Wolkenkratzer überwachte. Er nahm Ron einmal dazu mit auf die Baustelle. Ron durfte sogar den Fahrstuhlkorb verlassen. Sein Vater vertraute ihm. Es war atemberaubend gewesen. Für ihn tat sich eine völlig neue Welt auf. Man hätte meinen können: Was macht das schon für einen blinden Jungen aus, ob er sich nun am Boden oder hoch oben weit über der Stadt auf einer Plattform an der Hand seines Vaters befand?

Aber Ron war begeistert. »Du strahlst ja, da wird selbst die Sonne neidisch«, hatte sein Vater gesagt, als Ron, den Kopf nach hinten geneigt, auf der offenen Betonebene stand und der schneidige Wind sein Haar zerzauste.

Es war tatsächlich eine neue Welt, eine noch nie da gewesene Atmosphäre, so klar, so nah am Leben. Er spürte die Kraft dessen, was ihn umgab. Spürte Weite, in der sich Raum und Zeit verloren. Nahm den nur noch schwach durchdringenden Geschmack der weit unter ihm liegenden Stadt mit ihrem alltäglichen Treiben wahr.

Ja, er brauchte wirklich kein Mitleid.

»Mann, verdammt noch mal, hast du ein Glück. Verdammte Scheiße, man könnte meinen, die Sonne scheint aus deinem Arsch.«

Lester Paul spuckte auf den Boden und stemmte dabei seine Arme in die Hüften, die Augen zusammengekniffen und die staubige Mütze tief ins Gesicht gezogen.

»Verdammte Scheiße!”, fluchte er noch mal, als ob das Vorangegangene nicht ausgereicht hätte.

»Um ein Haar hätte ich dich erwischt und du wärst nichts weiter als verdammter Fliegendreck auf meinem Kühlergrill gewesen!” Lester packte den Jungen am Arm, der ihm vor seinen schwarzen Dodge Pickup gelaufen war und der jetzt vor der bulligen Front des Wagens saß. Er zerrte ihn von der Straße, die von unzähligen Baustellenfahrzeugen hässlich verschmutzt worden war.

»Bist du blind, Junge? Verschwinde und pass verdammt noch mal besser auf!”

Er hob die Mütze und kratzte sich das darunter über die Jahre immer dünner gewordene Haar, während er dem Jungen nachsah. Dann stieg er wieder in seinen Wagen, fluchte noch einmal und drehte die Zündung. Ein Donnern zog durch die dreieinhalb Tonnen Blech. Darauf folgte prompt ein breites, zufriedenes Grinsen unter der staubigen Mütze.

Lester Paul war Vorarbeiter eines kleinen Bauunternehmens aus der Gegend. Er hatte schon sein ganzes »Scheißleben«, wie er stets zu sagen pflegte, auf Baustellen verbracht. Das prägte seine raue, ungestüme Art.

Von seinem Leben hatte er nie viel erwartet. Er war schon zufrieden, wenn er nach einem harten Arbeitstag seine schmerzenden Füße auf den abgewetzten Hocker in seiner kleinen Wohnung am Stadtrand legen konnte. Der Hocker stand vor dem ebenso abgewetzten Sofa, das ihm sein damaliger Chef einmal überlassen hatte.

Dabei trank Lester ein kühles Bier und schaute sich irgendein Spiel der Yankees im Fernsehen an. Der Junge, der ihm vor seinen Wagen gelaufen war, kam ihm gerade recht. Er brauchte heute einfach jemanden, den er anschreien konnte. Denn er war wieder einmal daran erinnert worden, was man ihm angetan hatte. Mit zusammengekniffenen Augen gab er seinen Blähungen freien Lauf in das alte Sofa. Er hatte es behalten als Erinnerung daran, welche »Scheiße«, wie er immer wieder lautstark betonte, man ihm angetan hatte. Es erinnerte ihn auch an den verhassten Chef, der ihn dafür verantwortlich gemacht hatte, die falsche Betonmischung verwendet zu haben, weswegen man den gesamten Westflügel des neu gebauten Krankenhauses in Memphis wieder abreißen musste. Dabei waren es doch nicht seine statischen Berechnungen, die er bei der Wahl der Betonmischung mit einkalkulierte.

»Besser, wir laufen uns nie wieder über den Weg!”, hatte er ihm damals mit einer unmissverständlichen Drohgebärde ins Gesicht geschrien.

Nachdem er ein Sixpack Bier geleert hatte, schlief er grunzend ein. Der Fernseher flimmerte bis in die frühen Morgenstunden vor sich hin. Draußen verflüchtigten sich die letzten Schatten der Nacht und machten dem neuen Tag Platz, der die Dunkelheit sogleich mit einem strahlenden Sonnenaufgang verscheuchte.

Professor James Jones von der Tom Hopkins University saß in seinem Büro und starrte konzentriert auf ein Foto des Hubble-Teleskops. Alle nannten ihn nur den Professor, da er halt wie ein typischer Professor aussah. Mit seinem weißen, kurzgeschnittenen Vollbart, der runden Brille und den karierten Hemden, die er zu wirklich jeder Gelegenheit trug, unterstrich er die sprichwörtliche Zerstreutheit eines typischen Gelehrten.

Er war zunächst alles andere als begeistert, als er es sah. »Was zur Hölle ist das?«, brummte er. Er sah noch einmal auf die Ausdrucke des Hubble-Teleskops, die er heute Morgen bekommen hatte. Jetzt erst fand er die Zeit, sie auszuwerten.

»Da muss irgendein Fehler vorliegen. Verdammt, ich kann mir keinen Reim darauf machen!«

Er legte das Papier, auf dem eine gigantische Galaxie zu sehen war – umgeben von etwas, das aussah wie ein riesiger dunkler Ring –, auf seinen Schreibtisch. Der Wissenschaftler nahm sich eine Tasse Kaffee aus der alten kalkzerfressenen Kaffeemaschine und setzte sich.

»Das wird die ganze Nacht dauern!«, ärgerte er sich und begann Berechnungen anzustellen, die sich schon bald in schier endlose Zahlenketten verwandelten.

Draußen schien der Mond sein unwirkliches fahles Licht auf die Bäume und den gepflegten Rasen vor dem Universitätsgebäude, das dem schwachen eintönigen Licht des Vollmondes bereitwillig die Schatten seiner stämmigen Mauern spendete. Und als sei es ein Zeichen, schob eine einzige schwarze Wolke auch das spärliche Licht beiseite und legte die Universität wie ein schwarzes Siegel just im Moment dieser unbewussten Entdeckung in ein völliges, bedingungsloses schwarzes Dunkel.

ES BEGINNT

Es ist nur so ein Gefühl …

So, als ob im nächsten Augenblick etwas passieren würde!

Ist es Schicksal oder Bestimmung?

Haben wir unseren Platz im Universum

oder sind wir Zuschauer in einem gefährlichen und

zugleich spannenden Rennen um die Zeit?

»Soll ich das Dunkle oder das Pinkfarbene anziehen? Du weißt doch, heute ist die Nacht! Alle werden da sein und ihre Fotos schießen, die mich ganz nach oben bringen können! Du weißt, wie lange ich auf diesen Augenblick gewartet habe. Ich bin so aufgeregt. Also, was soll ich jetzt anziehen?«, sagte Schauspielerin Judy Grace zu ihrer Assistentin.

Roseanne verdrehte die Augen und seufzte: »Nimm das Dunkle, das unterstreicht deinen Teint und macht sich auf dem roten Teppich besonders gut!«

Judy lächelte und drehte sich, das dunkle, knapp bemessene Abendkleid vor ihre Brüste hebend, zum Spiegel und betrachtete sich selbstverliebt.

»Rosi hat recht, das schulterfreie Kleid lässt meine Haut noch zarter wirken!«, dachte sie. Nach einer lasziven Pose vor dem Spiegel ließ sie sich dann endlich von Roseanne ins Kleid helfen.

»Manchmal komm ich mir vor wie Aschenputtel: Roseanne hier, Roseanne da, und wieder einmal eine Nacht, die Nacht!«, dachte Roseanne dabei sarkastisch, obwohl ihr das gar nicht lag. Sie war die Güte in Person und fragte sich, wie sie nur zu so einem Job als Babysitter einer neureichen, verwöhnten selbsternannten Neuentdeckung am Sternenhimmel Hollywoods gekommen war.

»Aber was soll’s? Ich bekomme dafür gutes Geld und kann mich sonst nicht beklagen«, fuhr sie in Gedanken fort und verabschiedete sich von Judy mit einem Kuss erst auf die linke, dann auf die rechte Wange. Roseanne sprühte noch den letzten Rest Deodorant unter die Achseln, bevor sie ging.

Sie hatte den Abend frei. Vor morgen früh würde Judy nicht nach Hause kommen. Sie wusste schon, was sie erwartete: Wieder einmal waren alle anderen am Misserfolg schuld. Und sie würde weinen – wenn es sein musste, den ganzen Tag. Doch das kam erst morgen, nicht heute Nacht.

Sie ging Richtung Bushaltestelle. Ihr Gehalt hätte den Kauf eines Autos zwar ermöglicht, jedoch hatte sie schon zum dritten Mal die Führerscheinprüfung vermasselt und nun keine andere Wahl mehr, als öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Es war derselbe Bus, den sie schon heute Morgen genommen hatte. Mit einem ächzenden Quietschen hielt er vor ihr. Sie stieg ein. Wenige Augenblicke später sah man die rot leuchtenden Rücklichter des Fahrzeugs im Dunkel der Nacht schwächer werden. Monoton surrten die dicken Gummireifen auf dem nächtlichen Asphalt. Ein Anflug von Müdigkeit überkam Roseanne. Ein hagerer Mann um die fünfzig, schäbig gekleidet, saß ihr gegenüber und betrachtete sie teilnahmslos. Es waren nur fünfzehn Minuten Fahrt, die ihr an Tagen wie heute wie Stunden vorkamen, bis sie bei ihrer Wohnung ankam.

Das Brummen des wegfahrenden Busses wurde leiser, während sie ihre Schlüssel suchte und die Haustür aufschloss. Sie hatte sich vorgenommen, dieses Buch zu lesen, das sie erst kürzlich erworben hatte. Jedoch war sie von den Anstrengungen des Tages so müde, dass sie gleich zu Bett ging. Morgen würde sie ihre ganze Kraft brauchen, wenn ihr Schützling, völlig am Boden zerstört, nach ihr verlangte. Nachdem sie sich entkleidet und die Zähne geputzt hatte, schlüpfte sie so, wie Gott sie schuf, unter die warme Decke. Sie griff noch einmal nach dem besagten Buch, legte es dann aber wieder auf seinen Platz und schlief gleich ein, nachdem sie das Licht ausgeschaltet hatte.

Der Morgen versprach nichts Neues. Roseanne hörte die Vögel zwitschern, und den Wind, der durch die Äste des alten Baumes wehte, der schon seit jeher vor dem vierstöckigen Mehrfamilienhaus stand, und das zunehmende Geräusch des Straßenverkehrs, das sie wie jeden Morgen zum Aufstehen drängte. Und doch war etwas anders, etwas folgte nicht dem natürlichen Verlauf. Etwas nahm seinen Anfang, von dessen Ausmaßen noch niemand auch das Geringste ahnen, geschweige denn es schon bemerken konnte!

Lester Paul fluchte, als er aufstand und daran dachte, dass er zur Arbeit musste.

Wieder einmal spülte er den faden Geschmack der zurückliegenden Nacht mit einem kräftigen Schluck Whisky direkt aus der Flasche herunter. Anschließend putzte er mit der Zahnbürste nach, jedoch ohne die bei üblicher morgendlicher Körperpflege zugehörige Zahnpasta. Seine Zähne dankten es ihm mit einer intensiven gelblichen Farbe, die sie im Laufe der Zeit angenommen hatten.

»Verdammte Scheiße«, prustete Lester den letzten Schluck Whisky in das Waschbecken, zog die schäbige Hose an und schlüpfte in die schweren Arbeitsstiefel.

Als er das Haus verließ, kniff er in gewohnter Weise die Augen zu schmalen, faltigen Schlitzen zusammen. Doch heute blendete ihn die Morgensonne nicht so stark wie sonst, obwohl keine einzige Wolke am Himmel zu sehen war.

Lester machte sich keine Gedanken darüber und öffnete die Fahrertür seines Trucks. Wenige Augenblicke später übertönte das brutale Röhren des kräftigen Sechszylindertriebwerks alle anderen Geräusche ringsum. Gefolgt von einer dichten Staubwolke preschte Lester den fünfhundert Meter langen Schotterweg entlang, der von seiner Hütte aus auf den Highway führte. Im Rückspiegel betrachtete er nochmals den Sonnenaufgang, den er so noch nie gesehen hatte. Dann kratzte er sich am Dreitagebart und konzentrierte sich wieder auf die Strecke, die vor ihm lag. Im Radio hörte er etwas von irgendwelchen Wissenschaftlern, die von den unglaublichen Möglichkeiten zur Erkundung des Universums mit Hilfe des Hubble-Teleskops schwärmten und von irgendetwas für ihn Unverständlichem mit Galaxien und Nebeln …

»So ein Dreck!«, zischte er und drehte den ausgeleierten Knopf am Autoradio, bis er einen Sender fand, der den ganzen Tag Countrymusik spielte, die für ihn einzig wahre Musik: »Nicht so ein schwachsinniges Gehämmere!«, betonte er stets.

Ron erwachte an diesem Morgen und spürte sogleich, dass sich etwas verändert hatte. Es war ein Gefühl, das sich mit den Jahren noch verfeinert hatte. Er konnte manchmal auch gefährliche Situationen spüren, noch bevor andere diese wahrnahmen – ein Instinkt, der auch bei wilden Tieren beobachtet wird. Es war vorteilhaft, diese Gabe zu besitzen. So hatte es in der Vergangenheit viele Situationen gegeben, in denen er gegenüber gesunden Menschen im Vorteil war. Heute war wieder so ein Tag, der seinem Instinkt den Impuls gab, wachsam zu sein. Er hörte den Gesang der Vögel, der durch das geöffnete Fenster seines Schlafzimmers gelangte, und filterte genau die kleine Nuance heraus, um zu merken, dass sie ein ungewohntes Lied anstimmten. Er stand auf und fühlte sich für den Tag gewappnet, was er auch bringen mochte.

»Das bringt mich noch um den Verstand«, fluchte Professor James Jones in den frühen Morgenstunden, nachdem er die ganze Nacht in seinem Büro in der Universität vor seinen Berechnungen gesessen hatte. Dabei war er zu einem Ergebnis gekommen, das er selbst einfach nicht akzeptieren wollte.

»Es ist da, dürfte aber nicht da sein, und es kommt auf uns zu!«, dachte er, ging zur Kaffeemaschine und stellte fest, dass er in der Nacht sämtliche Kaffeevorräte aufgebraucht hatte. Er spürte, wie Müdigkeit von seinem Körper Besitz ergriff. Ja, er brauchte dringend Schlaf. »Ich werde mich ein wenig ausruhen und noch einmal von vorne anfangen. Es gibt dafür bestimmt eine vernünftige Erklärung«, murmelte er und schloss gähnend die Bürotür hinter sich, um sich auf den Weg in die, wie er immer sagte, »stinkende Stadt« zu machen. Dort besaß er ein Zweizimmerapartment.

»Das Deodorant kenne ich doch?«, dachte Ron, als er wie an jedem Wochentag in dem Bus saß, der ihn zu seinem Arbeitsplatz, einer mittelständischen Musikschule in der Stadt, brachte. Er stand auf und bot ihr seinen Platz an.

»Bitte, setzen Sie sich, hübsche Lady!«, sagte er. Roseanne fühlte sich geschmeichelt. Noch nie hatte sie jemand so genannt. Sie selbst fand sich nicht hübsch. Etwas verlegen nahm sie das Angebot an und fühlte sich plötzlich unbehaglich, als sie bemerkte, dass der gut aussehende junge Mann, der ihr gerade seinen Platz angeboten hatte, einen Blindenstock trug. Verblüffung machte im nächsten Moment etwas Verärgerung Platz.

»Wie kann ein Blinder wissen, ob ich hübsch bin?«, dachte sie verstimmt.

»Ich mag Ihren Duft, der Duft einer schönen Frau«, sagte er und machte damit einige Punkte gut.

Sie nahm das Angebot an und setzte sich.

»Sie sind ja sehr selbstsicher!«, sagte sie und schaute zu ihm auf, um ihn anzusehen.

»Er ist ein hübscher, junger Mann!«, dachte sie dabei. Da nahm er seine Sonnenbrille ab, als ob er wusste, dass sie ihm in die Augen sehen wollte. Er hatte schon oft darüber nachgedacht, dass sein starrer Blick viele irritieren mochte, und war gespannt, wie sie damit umgehen würde.

»Sie haben schöne Augen!«, verblüffte sie ihn mit ihrer Aussage.

»Dan… danke!«, stotterte er ein wenig verlegen, da sie ihm ein ungewohntes Gefühl vermittelte, das er bisher noch nicht gekannt hatte.

Der Bus schaukelte in eine Kurve. Dadurch verlor er das Gleichgewicht und landete auf ihrem Schoß. Erschrocken richtete er sich mit ihrer Hilfe wieder auf. Dabei spürte sie seinen Körper an ihrem und hielt ihn länger fest, als es notwendig gewesen wäre, um ihm nur aufzuhelfen. Sie spürte, wie ihr Herz schneller zu schlagen begann. Gleichzeitig sagten beide: »Wollen …?« – »Ich würde …«

»Nein, sagen Sie zuerst!«, unterbrach er höflich.

»Ich würde Sie gerne wiedersehen!«, sagte sie.

»Wollen wir uns heute Abend um acht in dem Café nahe der Bushaltestelle treffen?«, erwiderte er.

»Gut, ich werde da sein!«, antwortete sie hoffnungsvoll.

»Das freut mich!«, sagte er und drückte zielsicher den rot beleuchteten Knopf für den Ausstieg beim nächsten Halt. Mit einem Lächeln im Gesicht verabschiedete er sich von ihr. Als er aus dem Bus stieg, wäre er fast gestürzt. Eine ältere Frau stützte ihn.

»Nicht so hastig, junger Mann!«, sagte sie und half ihm beim Aussteigen. Jetzt erst spürte er, wie die Emotionen ihn überwältigten.

Sind wohl die berühmten Schmetterlinge im Bauch, dachte er und versuchte, seine Fassung wiederzufinden. Zischend schloss sich die Tür des Linienbusses. Die dicken Reifen setzten sich langsam rollend in Bewegung. Der stickige Geruch der Dieselwolke drang in Rons feine Nase. Er hatte noch weiche Knie von der Begegnung mit ihr. Das erste Mal seit Langem musste er den Blindenstock benutzen. Er rückte seine Sonnenbrille zurecht und ging vorbei an dem Zeitungskiosk, ohne den Inhaber wie sonst zu grüßen. Danach ertastete er die eingelassenen Scharniere einer Kellerklappe, um schließlich die Eingangstür der Musikschule zu erreichen.

Es war ein langer Tag für Ron, da er mit dem Kopf nicht recht bei der Sache war. Er meisterte seinen Beruf sonst bravourös. Durch sein ausgeprägtes musikalisches Gehör konnte er den Verlauf des von seinen Schülern gespielten Stückes auf einer in der Blindenschrift Braille geschriebenen Partitur verfolgen. Doch heute fehlte ihm die nötige Konzentration. Er war froh, als er am Abend endlich wieder in den Bus steigen konnte, um nach Hause zu fahren.

Er wohnte im Haus seiner Eltern am Rande der Stadt. Es waren genau zweihundertfünfzig Schritte bis dorthin. Die letzten zweiunddreißig Schritte führten durch den hübsch angelegten Garten. Er nahm den Duft der Rosen wahr, die sich rechts vom Gartentor befanden. Dann roch er den Flieder. Am Schluss signalisierte ihm der Duft des Lavendels, dass die Eingangstür nicht mehr weit entfernt von ihm war. Er liebte den Sommer mit all seinen Sinnen. Er öffnete die große, hölzerne Eingangstür des architektonisch auffallenden Gebäudes. Sein Vater hatte es entworfen und größtenteils auch selbst erbaut. Ron konnte es zwar nie sehen, aber sein Vater hatte es ihm sehr detailliert beschrieben.

»Ich habe versucht, das Alte mit dem Neuen zu verbinden, und ich denke, dass es mir gelungen ist!«, hatte sein Vater damals gesagt. Sie waren zusammen um das Haus herumgegangen, so dass Ron an den entsprechenden Stellen auch die Bausubstanz fühlen konnte. Der außenstehende Betrachter fand neben Komponenten im barocken Stil auch moderne Bauformen, so zum Beispiel das Dach. Auf der einen, kurzgehaltenen Dachhälfte befanden sich liebevoll gestaltete Gaupen, während sich die andere Dachseite fast bis zum Boden zog, gehalten von einer schräg angelegten Glasfront, die zum großen Garten neben dem Haus hin gerichtet war. Darauf thronte eine großräumige Loggia mit dem Flair des Zwischendecks eines Kreuzfahrtschiffes.

Bei seinen Eltern zu wohnen, war die einzige Unterstützung, die er sich zugestand, da ihm dort in seiner körperlichen Verfassung immer bestens geholfen war.

Laut und schrill riss sein alter Wecker auf dem Nachttisch den Professor jäh aus dem Schlaf. Er wischte den letzten Galaxienebel, von dem er geträumt hatte, zusammen mit dem Schlaf aus seinen Augen. Tastend suchte er die silberfarbene Brille auf dem Nachttisch, nachdem er hart auf den Ausschaltknopf des penetranten Weckers geschlagen hatte.

»Ich muss das unbedingt noch für mich behalten!«, murmelte er und rieb nachdenklich seinen weißen, kurzgeschnittenen Bart.

Der Professor würde seine Entdeckung nur einem kleinen Personenkreis anvertrauen. Er würde es nur seinen Freunden mitteilen. Vor allen Dingen wollte er nicht, dass gewisse, ehrgeizige Wissenschaftler seine Entdeckung für sich selbst beanspruchten, so wie er es vor fast fünf Jahren hatte erleben müssen. Damals hatte er einen Kometen entdeckt und voller Euphorie seinen Kollegen davon erzählt. Heute trug der Komet den Namen eines dieser Kollegen. Er befürchtete, nie wieder eine solche Chance zu bekommen, und wollte nun seine Entdeckung zunächst einmal für sich bewahren. Was es auch sein mochte: Es war etwas Großes, Bahnbrechendes und Einmaliges. Seine Begeisterung wuchs mit der Vorahnung, was dies für die Wissenschaft bedeuten würde. Er schlurfte ins Badezimmer und sah in den Spiegel. Anders als den grauen alten Mann, den er dort des Öfteren zu Gesicht bekam, zeichnete seine Züge nun etwas jugendhaft Freudiges, aber auch ein wenig Besorgnis.

»Was wäre, wenn es etwas Bedrohliches ist?«, fragte er sich.

»Ich muss die Konsistenz der Materie überprüfen«, dachte er weiter. Hastig wusch er sich, zog sich an und machte sich auf den Weg zur Universität.

Es herrschte viel Verkehr an diesem Tag. Die späte Nachmittagssonne spiegelte sich auf den bunten Blechen der unzähligen Wagen, die auf dem Highway Richtung Stadtmitte unterwegs waren. Kurz vor dem Zentrum war die Ausfahrt, die zur Universität führte, die vor den Toren der Stadt lag. Ungeduldig drückte der Professor die Hupe des elf Jahre alten Ford Kombi.

»So geht es auch nicht schneller, du Arsch!«, hörte er jemanden schreien.

Der Mann hatte ja recht, aber er musste das jetzt unbedingt überprüfen! Er beruhigte sich wieder und fügte sich dem Stau, der den Fluss der Zeit in eine zähe Masse zu verwandeln schien.

Eine Staulänge später nahm er die Ausfahrt und befand sich nach kurzer Zeit auf der weniger befahrenen Landstraße. In den Räumen der Universität angekommen, machte er sich gleich wieder an die Arbeit. Er saß an seinem Schreibtisch, schnippte ungeduldig mit seinem Kugelschreiber und drehte ihn lässig in der Hand. Der Kugelschreiber fiel zu Boden. Während er sich nach ihm bückte, was ihm in seinem fortgeschrittenen Alter nicht mehr so leichtfiel, kam das erwartete Fax von der NASA in Washington D. C. Er hatte einen befreundeten Kollegen zu außergewöhnlichen Phänomenen nahe der Wolke befragt. Seine Aufregung steigerte sich ins Unermessliche, als sich das Fax ratternd aus dem Gerät rollte. Sollte er wirklich der Erste sein, dem es gelungen war, etwas Neues zu entdecken? In einer Epoche, in der die Wissenschaft den Glauben pflegte, alles schon erahnt und die Grundfesten des Universums begriffen zu haben? Hatte er auch einen Meilenstein in Bezug auf die Schwarze Materie entdeckt wie einst Gale im Jahre 1846? Er hatte Neptun hinter Uranus entdeckt – aufgrund einer Masseverschiebung der Schwarzen Materie im All.

Rons Vater öffnete das CAD-Programm mit den Daten des Großprojekts, das seine Firma kürzlich gewonnen hatte. Ein ganzes Stadtviertel sollte abgerissen werden, um Bürogebäuden und Einkaufszentren Platz zu machen. Auch eine Schule, an die ein Park grenzen sollte, mit ausreichenden Grünflächen als Naherholungsgebiet für die Bürger, war geplant. Heute plagte ihn sein Gewissen wieder – nicht wegen der geplanten Abrissarbeiten der alten Gebäude, die Anwohner wurden reichlich entschädigt und es gab auch keine Proteste. Nein, es war das, was er diesem Menschen angetan hatte, dessen Vorgesetzter er damals gewesen war.

»Ich war davon überzeugt, dass so ein rauer Bursche sich durchboxen würde«, rechtfertigte er sich.

»Ich hätte es damals nicht verkraftet, meine Stelle zu verlieren. Keine Firma nimmt einen Architekten, der einen so gravierenden Fehler gemacht hat. Aber das ist keine Entschuldigung für das, was ich getan habe!«, dachte er und blickte wehmütig aus der großen Glasfront seines Büros. Draußen strahlte die abendliche Sommersonne über die Betonfassaden und Straßenschluchten der Stadt. Ein reges Treiben herrschte über den ganzen Tag. Unzählige Menschen gingen ihrer Wege, allein und doch ein Teil der großen Masse mit einem gemeinsamen, unausweichlichen Schicksal.

Er widmete sich wieder dem Programm und setzte Linien ein, um den Gebäudekomplex, an dem er arbeitete, noch effektiver zu gestalten. Er liebte seine Arbeit. Es war nicht alltäglich, mit dem, was man gerne macht, auch noch Geld zu verdienen. Das hatte er schon oft zufrieden bemerkt und es war für ihn ein großes Glücksgefühl. Ähnliches Glück empfand er höchstens noch für seine Familie. Dieses Gefühl wurde getrübt, seit er damals die falschen Werte zur statischen Berechnung des Krankenhauses weitergegeben hatte. Als man ihn zur Verantwortung ziehen wollte, hatte er schlichtweg gelogen. Das war sonst nicht seine Art gewesen. Aber er hatte damals keinen anderen Ausweg gesehen.

»Er hat mir gedroht und dabei dieses Funkeln in den Augen gehabt«, erinnerte er sich. Er schwitzte. Gleichzeitig schüttelte ihn ein kalter Schauer bei diesem Gedanken.

»Ich werde diese Last wohl immer mit mir tragen müssen«, dachte er und seufzte. Dann arbeitete er schwermütig weiter an dem Entwurf. Auf dem ordentlich aufgeräumten Schreibtisch stand ein Foto, auf dem seine Frau und sein Sohn zu sehen waren. Er sah es eine Weile an und wurde etwas ruhiger.

»Mr. Thomson, ein Anruf für Sie. Es ist Direktor Stevens!«, hörte er die Sekretärin durch die Sprechanlage sagen, und er schaltete das Gespräch frei.

Die Sonne hatte den Zenit überschritten und strebte dem Untergang entgegen. Wieder endete ein Arbeitstag auf einer der vielen Baustellen, für deren Bauunternehmen Lester Paul arbeitete.

»Wieder ein verfluchter Tag mehr in meinem Scheißleben!«, fluchte er. Sein Gemütszustand war an Unzufriedenheit nicht zu übertreffen, und so zog es ihn wie so oft ins »Old Bottle Inn«, wie es auf dem Fass in goldenen Buchstaben geschrieben stand, das dort über dem Eingang hing. Die verruchte alte Kneipe befand sich nicht weit weg von seiner Wohnung. Er parkte sein schwarzes Ungetüm nahe der Tür. Wie gewohnt ging er zielstrebig auf seinen Stammplatz an der Theke zu. Jeder kannte Lester und man ging ihm lieber aus dem Weg. Niemand dachte auch nur im Traum daran, ihm diesen Platz streitig zu machen. Ab und zu kamen Auswärtige auf Durchreise, um sich in dem Lokal eine Pause zu gönnen. Dabei gab es auch hin und wieder einen, der sich ausgerechnet auf diesen Hocker an der Theke setzte. So wie an diesem Abend. Lester baute sich vor dem Fremden auf und gab ein leichtes Grunzen von sich. Der Fremde begriff sofort und stand verängstigt auf, um sich einen anderen Platz zu suchen. Lester setzte sich und gab dem Barkeeper ein Handzeichen, um zu bestellen. Der Barkeeper stellte ihm wie üblich Whisky und einen halben Liter Schwarzbier auf die zerfurchte Theke. Lester nahm einen kräftigen Schluck.

»Damals in meinem alten Job haben sie mich nicht wie Dreck behandelt. Das hätte was werden können!«, dachte er und nahm einen zweiten Schluck. Etwas Bier lief ihm über die Wange und tropfte auf die Theke.

»Aber was bin ich schon, außer einem Stück Dreck?«, überlegte er und setzte den Bierkrug etwas zu heftig auf, so dass etwas vom Inhalt überschwappte.

Seine Vergangenheit hatte ihn geprägt. Ein Schicksal, das leider viele mit ihm teilten und nur wenige überwinden können. Er war von seinem betrunkenen Vater oft geschlagen und von der Mutter verlassen worden, weil sie es einfach nicht mehr hatte ertragen können. Er hatte sich schon in seiner Jugend wie ein ungeliebtes Stück Dreck gefühlt. Von diesem sozialen Umfeld geprägt, folgte darauf eine einschlägig bekannte negative Entwicklung. Lediglich die Ausbildung zum Vorarbeiter hatte ihm den Blick auf eine ihm unbekannte Welt geöffnet. Aber das war nun vorbei. Er griff nach dem Whiskyglas und dachte voller Zorn an den Architekten. Eine Dame mit großen Brüsten saß am anderen Ende der hölzernen, biergetränkten Theke und beobachtete ihn. Sie nippte an ihrem Weinglas, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen. Lester hatte sie schon längst wahrgenommen, denn Damen mit großen Brüsten zogen stets seine Aufmerksamkeit auf sich. Er war aber noch zu sehr in seinem Zorn und Selbstmitleid gefangen. Er brauchte ein Ventil. Der Whisky und das Bier reichten dazu nicht aus. Da kamen ihm die beiden Rocker gerade recht. Schon als sie das »Old Bottle Inn« betraten, sah er, dass sie nicht aus der Gegend waren. Ihre Gesichter zeigten ihm, dass sie gegen ein bisschen Zoff nichts einzuwenden hatten. So setzten sie sich, der eine links und der andere rechts, neben Lester und musterten ihn gründlich.

»Was wollen so ein paar Biker-Schweine wie ihr in so einer Kneipe?«, fragte er die beiden Rocker mit der Höflichkeit einer Abrissbirne. Etwas verunsichert durch die Dreistigkeit der Frage, schauten sich die beiden an. Die Unsicherheit ging in ein verschmitztes Lächeln über, da sie sich zu zweit nun doch überlegen fühlten. Das war ihr Fehler. Noch bevor sie etwas antworten, geschweige denn tun, konnten, zerschellte Lesters Bierkrug auf dem Kopf des einen Rockers. Der andere wusste nicht, wie ihm geschah, als er mit voller Wucht den Ellenbogen des raubeinigen Bauarbeiters in die Rippen bekam. Ein hörbares Knacken bestätigte dies und er ging keuchend zu Boden, noch bevor sein Kumpel torkelte und fast gestürzt wäre. Lester ging es nun besser. Zufrieden drehte er sich zum Barkeeper um.

»Charlie, lass noch ein Bier rüberwachsen und glotz nicht so blöd«, befahl Lester. Er stellte den Hocker auf, um sich seinem Bier zu widmen, da packte ihn eine Hand an der Schulter und eine geballte Faust schlug auf Lester Pauls Nase, so dass Blut spritzte. Jetzt war es Lester, der torkelte. Die Dame mit den großen Brüsten verfolgte das Geschehen mit sichtlicher Erregung. Verschwommen sah er, dass der Rocker ein Messer in der Hand hielt. Dem ersten Hieb konnte er noch ausweichen, doch der zweite schnitt ihm quer über den Rücken. Nur der feste Stoff seiner olivgrünen Outdoor-Jacke verhinderte eine tiefe Fleischwunde. Lester hielt sich nicht lange mit dem Schmerz auf und drosch mit dem Barhocker wie von Sinnen auf den Biker ein. Bewusstlos sank der Rocker zu Boden und blieb neben seinem verletzten Kumpel liegen. Die Dame mit den großen Brüsten hatte das Geschehen von Anfang bis Ende mit angesehen und warf ihm, dem Gewinner, nun sehr eindeutige Blicke zu.

»Kommst du mit?«, fragte er sie mit ebenso eindeutiger Mimik, nahm einen großen Schluck Bier und wischte sich den mit Blut vermischten Schaum vom Mund.

»Wir beide werden mächtig viel Spaß haben!«, erklärte Lester grinsend. Er nahm sie am Arm. Sie ging willig mit.

Gleich nachdem er krachend die Wohnungstür geschlossen hatte, riss er ihre Bluse auf, so dass die Knöpfe in alle Ecken flogen. Sie tat dasselbe mit seinem Hemd. Dann warfen sie sich aufs Bett. Jetzt dachte er nicht mehr an den Architekten oder an irgendwelche statischen Berechnungen, jetzt gab es nur noch seinen animalischen Trieb. Er drang tief ein in das warme, pochende Fleisch im Schoß der Dame mit den großen, nackt vor ihm wogenden Brüsten. Immer fester wurden die Stöße seiner Lenden, und immer mehr Schweiß der beiden nackten Leiber vermischte sich. Keuchend ließ sie sich gehen, und all ihre Sinne richteten sich aus auf dieses berauschende wohlige Gefühl. Sie krallte ihm in die Schnittwunde des vorausgegangenen Kampfes, und er bäumte sich auf. Dabei drang er noch tiefer in sie ein. Jetzt gab es für beide kein Halten mehr. Ihre Körper verschmolzen in wilder Bewegung. Ihre Lust steigerte sich bis zum Höhepunkt, den beide laut stöhnend erreichten, um dann, einander entspannt in den Armen liegend, in den Schlaf zu fallen.

Endlose Stille umgeben vom dunklen Nichts.

Bodenloser Raum im freien Fall durch die Zeit.

Durchdrungen von der Tiefe der Unendlichkeit.

Kein Stern vermag den Weg zu weisen.

Was ist, was war, was sein wird … bedeutungslos!

Wie erwartet hatte Roseannes Schützling die ganze letzte Nacht über geweint und wie erwartet auch den ganzen langen Tag.

»Die haben so einen Star wie mich überhaupt nicht verdient! Huhuhu …«, schluchzte sie und schnäuzte in das von Roseanne gereichte Taschentuch.

»Alle Reporter waren hinter ihr her! Dabei hat sie so einen kleinen Hintern! Huhuhuhu …« Noch einmal schnäuzte sie in das Taschentuch und gab es Roseanne zurück. Sie nahm es etwas angeekelt zwischen Daumen und Zeigefinger, um es im Mülleimer verschwinden zu lassen. Dann wandte sie sich wieder Judy zu.

»Schau, ich habe einen schönen Hintern!«, sagte Judy und drehte ihr Hinterteil zum Spiegel. Sie hatte wirklich einen schönen erotischen Po, so wie sie ihn sich selbst im Spiegel entgegenstreckte.

»Ja, das stimmt! Da kann sie bei Weitem nicht mithalten«, ermutigte sie Roseanne. »Das werden sie bald herausfinden!«, fügte sie hinzu.

Roseanne legte tröstend ihren Arm um Judys Schultern. Erneut weinte sie. Judys Tränen konnten zwar den Stoff des Blousons aufweichen, den Roseanne trug. Sie konnten jedoch nicht die freudige Stimmung ertränken, die sie verspürte, als sie an ihn dachte. Bis heute Abend würde Judy aufgehört haben zu weinen und sie würde pünktlich nach Hause kommen, sich hübsch zurechtmachen und sich dann mit Ron in diesem netten kleinen Café in der Arlington Street treffen.

»Danke!«, schluchzte Judy. »Du bist immer so lieb zu mir, du bist ein Engel!«

Dann brach sie wieder in Tränen aus.

Wenn die Reporter sie jetzt so sehen könnten, nicht auszudenken wäre das, dachte Roseanne. Aber Judy brauchte sich keine Sorgen zu machen; durch Roseanne würde nichts nach außen dringen. Sie konnte ihr vertrauen.

»Er ist blind, aber das macht mir nichts aus. Es wird bestimmt ein schöner Abend werden«, dachte Roseanne verträumt.

»Huhuhu …«, drang Judys Schluchzen zu ihr durch und riss sie aus ihren Gedanken.

Stunden später, als der gekränkte Star sich wieder beruhigt hatte, wurde die Zeit doch etwas knapp für Roseanne. Schnell schulterte sie ihre Handtasche und verabschiedete sich von Judy. Sie rannte durch das große Foyer des Gebäudes, in dem Judy das einzige Penthaus besaß. Schwungvoll öffnete sie die Glastür, um nach draußen zu gelangen. Als sie eilig die Straße überquerte, auf halbem Weg zur Bushaltestelle, passierte es. Ein rasender, dumpfer Schmerz durchdrang ihr linkes Bein, als die Stoßstange des Yellow Cabs sie mit voller Wucht traf. Der Unterschenkelknochen splitterte und bohrte sich tief ins Fleisch. Durch den Aufprall wurde sie jäh mit dem Oberkörper auf die Motorhaube geschleudert. Der rasende Schmerz endete in einem tiefen, erbarmungslosen Dunkel, beraubt aller Sinne. Schwebend im Nichts, bewegungslos und doch am Leben. Tauben flogen erschreckt auf in den dunkelblauen Himmel.

Er hörte das Gurren der Tauben, die unter den aufgestellten Tischen des Straßencafés Krümel aufpickten. Die Schnäbel der Tiere klopften auf den Asphalt.

»Neun Uhr und zweiunddreißig Minuten«, tönte es blechern aus seiner digitalen Armbanduhr, nachdem er den Knopf für die Sprachfunktion gedrückt hatte. Ein Gefühl von Traurigkeit überkam ihn.

»Sie hat es sich doch noch anders überlegt«, überlegte er resigniert und trank den letzten Schluck seines Schwarztees. Er hörte die Kellnerin vorbeilaufen. Er hatte sich bei der Bestellung den Klang ihrer Schritte eingeprägt und rief sie nun, um zu zahlen. Die Scheine waren fein säuberlich vorsortiert. So konnte er ohne nachzudenken stets den richtigen Geldschein ziehen. Er hatte es nie bedauert, blind zu sein. Bis zum heutigen Tag. Er fühlte sich trotz der kurzen Begegnung verbunden mit ihr. Ein Gefühl der Einsamkeit übermannte ihn. Die Sonne verbarg ihre wärmenden Strahlen hinter dem Horizont und die Dämmerung bereitete die Nacht vor. Die Straßen füllten sich langsam mit den gut riechenden Menschen, die unterwegs in die unzähligen Restaurants, Bars und Nachtclubs waren. Kein Platz für einen Blinden, mussten sie denken, als Ron sich mit seinem Blindenstock hindurchkämpfte. Ab und zu entschuldigte er sich, wenn er einen Passanten berührte. Die Nacht hüllte die Stadt in völlige, absolute Finsternis, und die Geräuschkulisse änderte sich. Er musste seine Sinne jetzt neu kalibrieren.

Ab und an begab er sich gerne in der Dunkelheit nach draußen, aber da bevorzugte er die Natur. Er ging dazu in den Park, nahe des elterlichen Hauses. Dort konnte er die Geräusche der Nacht perfekt in sich aufnehmen, die sich gänzlich von denen des Tages unterschieden. Es waren hauptsächlich Tiergeräusche, die vollkommen differenziert auftraten. Dort krabbelte eine Maus durch das Unterholz oder eine Eule summte ihr Lied in die Nacht. Auch der Wind drang an sein Ohr, wie man ihn am Tage nicht so zu hören bekam. In der nächtlichen Stadt gab es eine Vielzahl von Geräuschen. Das Murmeln der Menschen, die Reifengeräusche der Autos, das Brummen der Neonreklamen, rasselnde Mülltonnen, streitende Menschen, laute Musik aus den Bars und vieles mehr, das sich in den Chor der Großstadt einfügte.

»Sie haben schöne Augen!«, erinnerte er sich an die Begegnung im Bus und glaubte dabei ihre Stimme zu hören.

»Schöne Augen, trotz meiner Blindheit!«, dachte er. Ein Lächeln formte seine Mundwinkel, doch seine Traurigkeit überzog es sofort mit einem trostlosen Ausdruck.

»Entschuldigung!«, sagte er beiläufig, als er wieder einen Passanten mit seinem Stock anstieß. Von weitem hörte er unter all diesen Geräuschen den Linienbus nahen. Er hatte einen eigenwilligen Klang. Wäre er Mechaniker gewesen, hätte er auch noch das leichte metallene Klappern zweier Zylinder diagnostiziert. Er beschleunigte seinen Schritt und fand seine Fassung wieder. Er klappte den Blindenstock zusammen und steckte ihn in die Tasche an seinem Gürtel. Rechtzeitig fand er die Stelle nahe dem Bushalteschild, um kurz darauf den Bus zu betreten. Zu Hause angekommen, setzte er sich an das Piano und stimmte eine melancholische Melodie an.

Der Professor saß in seinem alten rostigen Ford Kombi und war auf dem Weg zum Flughafen. Die Maschine nach Newcastle in Nordengland ging um acht Uhr. Dort traf er seinen alten Freund und Kollegen Professor Dr. Henry Charles. Sie waren schon seit ihrer Studienzeit befreundet und hatten sich danach auch immer wieder gegenseitig besucht, obwohl ihre Karrieren im Laufe der Jahre einige Kilometer Abstand zwischen sie gelegt hatten. Charles’ Fachgebiet galt der Erforschung ferner Galaxien und eben auch der Schwarzen Materie, die sich um diese Galaxien hüllt. Er war maßgeblich an dem neuen Spektrometer beteiligt, das zur optischen Darstellung und Auswertung dunkler Materie im Raum dienen sollte. Das Alpha-Magnet-Spektrometer, kurz AMS, war bereits fertiggestellt und sollte demnächst zum Einsatz kommen.

»Das kann mir bei meinen Berechnungen ungemein behilflich sein«, hatte James gedacht, als ihm sein Freund davon in einem Brief berichtet hatte. Er lenkte den Wagen in eine Parkbucht des Flughafenparkhauses. Er hatte nach dem Einchecken noch fünfundvierzig Minuten Zeit bis zum Abflug. Also suchte er sich in der Flughafenhalle ein nettes Café, um sich dort bei einer Tasse Latte Macchiato die Zeit zu vertreiben.

Der Flug verlief sehr holprig, und an die Landung wollte der Professor gar nicht mehr denken. Umso mehr freute er sich, als er hinter der Absperrung das Gesicht seines Freundes erblickte.

»Henry, alter Junge, ich freue mich, dich zu sehen!«, sagte er in die herzliche Umarmung hinein. »Geht es dir gut?«, fragte er weiter und umarmte ihn abermals.

»Bestens, mein Freund, bestens!«, antwortete Henry und löste die Umarmung.

»Aber komm, mein Wagen steht draußen, wir haben uns viel zu erzählen!«, sagte Henry freudig.

»Das ist wahr, und du wirst staunen, was ich entdeckt habe!«, antwortete James. Die beiden verließen das Flughafengebäude und stiegen in das noble englische Automobil des Gastgebers. Henry lenkte den Wagen geschickt durch den dichten Verkehr in den oftmals engen Straßen Newcastles. Trotzdem hielt sich Professor Jones etwas nervös am Handgriff über seinem Sitz fest, da er sich an den Linksverkehr einfach nicht gewöhnen konnte.

Henry wohnte in einem schlossähnlichen Gebäude. Es war ein Mehrfamilienhaus mit Blick auf das Meer in einem Außenbezirk Newcastles. Er hätte sich auch ein Haus mit Garten leisten können, wollte aber nicht allein leben und hatte so immer jemanden um sich.

James hatte nur eine Tasche Handgepäck, und so schaffte er spielend die mit Teppich bezogene Treppe in den zweiten Stock. Es gab zwar einen Aufzug. Jedoch erweckte der bei näherer Betrachtung wenig Vertrauen, so dass sich James sofort für die Treppe entschieden hatte.

»Komm rein, du kannst deine Tasche dort hinstellen!«

Henry zeigte auf die Stelle unter der Garderobe. James schaute sich um. Das letzte Mal, als sie sich vor einem halben Jahr getroffen hatten, hatte Henry noch in London gelebt. Diese Wohnung kannte James noch nicht, und so war er schon neugierig auf sie gewesen.

»Du kannst in diesem Zimmer schlafen«, erklärte Henry. Er öffnete die Zimmertür und gab den Blick frei auf ein hübsch eingerichtetes Gästezimmer. Dort standen ein Bett, ein Kleiderschrank und ein im Kolonialstil gehaltener Schreibtisch mit einer filigranen Schreibtischlampe.

Kein Weg, aber nur eine Richtung. Zeitlos, unendlich. Tiefes Schwarz, starr und doch in Bewegung, lautlos schreiend. Voll unbeschreiblicher Schönheit. Unerbittliche Kräfte brutaler Urgewalt. Einst strahlend im Licht, aus der Bahn geworfen, nach dem Dunkeln strebend.

Ein Rückzug in unmessbare Kraft. Ein Schlummern vor dem Ausbruch. Im Bann des Bruders, entsprungen aus der gleichen Quelle, zur gleichen Zeit, um die Zeit zu biegen. Ein Universum im Stillstand. Ein galaktisches Publikum voller Ehrfurcht der bevorstehenden Ereignisse. Und dann …

Wen kümmert es, wenn ein Staubkorn verglüht?

… im Nichts verschwindend, um daraus hervorzubrechen.

Ein schwarzes Loch, alles an sich ziehend, mitten in der vermeintlichen Leere, löst sich aus seiner physischen Starre und bewegt sich auf eine gleich große Kraft zu. Ein zweites schwarzes Loch im Raum setzt sich unausweichlich in Bewegung, und was niemals existieren kann, wird nun zur unbändigen Wirklichkeit. Sie treffen aufeinander. Ein alles mit sich reißender Strudel dreht am Rad der Existenz. Alles, was war, ist fließend. Könnte man diesem Schauspiel beiwohnen, würde man an der Vielfalt der Eindrücke verzweifeln. Der Mensch würde bei diesem Anblick an die Grenzen seiner mentalen Fähigkeiten stoßen und das Geschehen als etwas Spirituelles interpretieren. Worte müssten dafür in allen Sprachen neu erfunden werden. Kurz bevor die letzte Synapse des menschlichen Gehirns mit diesem Ereignis ausgefüllt und überlastet wäre, würde der Mensch das Geschehen einer höheren Kraft zuordnen, seinen Blick abwenden und vor Ehrfurcht erzittern.

Dann eine Implosion. Und nur leere, gegenstandslose Stille. Tausend Jahre wie eine Sekunde, jetzt war es da. Etwas Neues war entstanden und breitete sich in ringförmigen Wellen auf dem schwarzen Teppich der Zeit aus.

»Ich habe etwas auf einem Auszug des Hubble-Teleskops nahe der Oortschen Wolke entdeckt, das es eigentlich nicht geben dürfte«, begann James voller Anspannung und machte eine kleine Kunstpause, um seinen Freund noch etwas mehr auf die Folter zu spannen. Henry reagierte auch sogleich mit einem erwartungsvollen: »Und?«

»Du kannst mir glauben, dass ich ziemlich verwundert war, als ich auf dem Foto des Gammaquadranten einen Ring aus Schwarzer Materie in Reinform sah«, fuhr James fort.

»Einen Ring?«, unterbrach ihn Henry.

»Warte! Es war nicht die Materie, die wir kennen oder von der wir glauben, dass wir sie kennen … Ach, es ist zum Haareraufen!«

Die Verzweiflung des Professors, etwas entdeckt zu haben, aber nicht das nötige Werkzeug zu besitzen, um die Entdeckung zu festigen, brach durch.

»Also wir wissen, dass Schwarze Materie existieren muss. Zwar können wir sie noch nicht definieren, aber wir haben eine feste Vorstellung von ihrer Beschaffenheit.«

James unterbrach sich und kratzte dabei nachdenklich seinen weißen Bart. Dann fuhr er fort.

»Nun, ich denke, da sich dieser Ring von der Schwarzen Materie abhebt, muss er in seiner Beschaffenheit andersartig sein: eine völlig neue Form der Dunklen Materie«, schloss James.

Henry hatte seinem Freund aufmerksam zugehört und das Resümee voller Verwunderung aufgenommen.

»Ich stehe kurz davor, mit Hilfe des AMS Schwarze Materie zu messen. Und jetzt behauptest du, es gäbe noch eine weitere Form der Materie? Tut mir leid, James. Aber diese Theorie ist bei mir momentan nicht haltbar. Ich denke allerdings, dass uns das Spektrometer Aufschluss geben wird«, antwortete Henry skeptisch.

»Abgesehen davon, dass ich mich wirklich freue, dich einmal wiederzusehen, bin ich genau aus diesem Grund hier. Ich brauche das AMS, um meine Thesen zu untermauern«, sagte James und konnte seine Aufregung nicht wirklich verbergen.

»Jetzt zeig mir erst einmal, was du bisher hast«, bat Henry und deutete auf den Inhalt der Mappe, die vor James auf dem Tisch lag. Es waren die Berechnungen des Professors, die er kurz nach der Entdeckung angestellt hatte. Die beiden Akademiker beugten sich konzentriert darüber. Nach anderthalb Stunden lehnte sich Professor Charles zurück, zündete seine Pfeife an, die er während der letzten Minuten gestopft hatte, und sagte bedeutungsvoll:

»James, ich denke, du hast wirklich etwas Großes entdeckt!«

Das AMS stand in der Mitte einer sterilen, hell erleuchteten Halle, bereit zum Transport. Es war etwa acht Meter lang und glich einer futuristisch wirkenden Kanone. Die glänzend weiß lackierte Aluminiumverkleidung spiegelte die Neonröhren an der Hallendecke wider. Das empfindliche Gerät war auf einem Montagewagen befestigt. Ansonsten befand sich nicht viel in dieser Halle: ein Gerätehalter mit integrierten Computern und Messgeräten, ein langer weißer Tisch mit etlichen Monitoren, ein Aktenschrank und ein etwas größeres Regal mit unzähligen elektronischen Bauteilen.

Ein statisches Surren, begleitet von einem monotonen Piepen, war zu hören, als sich das Tor zur Halle langsam öffnete. Der gelbe Schein des am Torrahmen befestigten Blinklichts mischte sich unter das fahle Neonlicht. Jetzt war das Tor offen. Mehrere Personen in weißen Kitteln, mit Stoffhauben und Mundschutz, traten ein. Es begann ein geschäftiges Treiben um den Montagewagen. Kabel wurden ein-, aus- und umgesteckt, Gurte angebracht und festgezurrt, Daten in den internen Speicher eingegeben und somit die letzten Vorbereitungen zum Abtransport getätigt.

»Du willst es bestimmt einmal anschauen?«, fragte Henry mit einem verschmitzten Lächeln, das die Falten unter seinen Wangen tiefer zog.

»Ich dachte schon, du fragst nie!«, antwortete James freudig. Henry schaute auf seine silberne Taschenuhr.

»In einer Dreiviertelstunde ist es am Flughafen. Wir können dort beim Verladen zugegen sein. Ich muss sowieso noch die eine oder andere Anweisung mit auf den Weg geben. Der Flug geht nach Amerika, du weißt schon.«

Henry rollte die Augen nach oben. Er spielte damit auf das Reiseziel des Transports an: Cape Canaveral. Von dort wurde das Spektrometer in einem Spaceshuttle auf die Internationale Raumstation ISS gebracht, um dort seine Arbeit aufzunehmen. Er zog noch einmal an seiner Pfeife. Doch die Glut war bereits erloschen. Also klopfte er sie aus.

Wieder lenkte Henry den Wagen geschickt zum Flughafen. Während der fünfzig Minuten langen Fahrt störte Professor Jones der Linksverkehr nun gar nicht mehr. Er war aufgeregt wie ein kleines Kind. Seine Augen leuchteten freudig hinter der Onkel-Tom-Brille. Er konnte es kaum erwarten, den ersten Meilenstein auf dem Weg zu seiner Entdeckung zu betrachten.

»Guten Abend, Herr Professor, Ihre Fracht ist zehn Minuten vor Ihnen eingetroffen«, berichtete der uniformierte Mann an der Schranke einer Lieferanteneinfahrt des Flughafens. Die Sonne war schon untergegangen. Doch das Flughafengelände war durch das eingeschaltete Flutlicht hell erleuchtet. Sie fuhren zwischen zahlreichen Gepäckwagen hindurch. Professor Jones hatte in seinem Leben schon einige Flughäfen aus der Sicht eines Passagiers gesehen. Aber um diese Zeit hatte er sich dort noch nie aufgehalten. Er sah, wie eine Passagiermaschine zu einem Transportflugzeug umgebaut wurde. Emsig waren die Arbeiter dabei die Sitzreihen zu entfernen, um den sperrigen Transportgütern und stapelweise Postpaketen Platz zu machen. Dann kamen sie an den Hangar, in dessen Innerem die Maschine für den AMS stand. Das fünfzigtausend Euro teure Spektrometer befand sich zwischen anderen empfindlichen elektronischen Geräten und Bauteilen, die ebenfalls nach Amerika verfrachtet werden sollten. Professor Charles durfte mit dem Wagen in den Hangar hineinfahren und parkte ihn dort auf dem blankpolierten Industrieboden.

»Sehr praktisch, ich müsste ein Parkticket ziehen«, bewunderte Professor Jones das Privileg seines Kollegen und dachte, dass der für ihn reservierte Universitätsparkplatz wohl kein wirklicher Vergleich wäre.

»Hier, zieh das bitte an, es muss alles so steril wie möglich gehalten werden«, erklärte Henry und reichte ihm Stoffhaube und Mundschutz.

»Wir wollen ja nicht, dass sich das AMS um Haaresbreite vermisst«, scherzte James und setzte die Stoffhaube auf. Als sie vor dem AMS standen, betrachtete Professor Jones es neugierig.

»In dem Gerät ist ein Silizium-Streifendetektor mit einer aktiven Fläche von 6,5 m2 verbaut, was die Genauigkeit der Messung um vieles präziser macht«, erklärte der Professor stolz.

»Das ist ja unglaublich! Das macht es noch leichter, meine Entdeckung zu definieren«, fügte James hinzu.

»Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit, mein Freund«, sagte Henry aufrichtig und klopfte James auf die Schulter.

»Du kannst dich noch etwas umsehen. Ich gebe den Technikern noch ein paar Daten und dann kann es auch schon losgehen. Der Start des Shuttles ist auf morgen, acht Uhr, angesetzt. Wenn alles nach Plan verläuft, haben wir in drei Tagen schon die ersten Ergebnisse.«

Jetzt wurde James schmerzlich bewusst, dass es noch ein Weilchen dauern würde. Er musste sich wohl oder übel den zeitlichen Gegebenheiten fügen. Für ihn war es aber interessant, seinen Freund bei der Arbeit zu beobachten, und so blieb er noch einen Tag, bevor er wieder zurück nach Amerika flog.

Rons Traurigkeit war fast verflogen. Er hatte ein Engagement als Pianist anlässlich einer Geburtstagsparty eines Filmstars bekommen. Judy Grace war in Rons Musikschule gekommen.

Die Musikschule hatte auch einen Verkaufsraum für hochwertige Flügel. Zufällig probierte Ron gerade ein neues Klavier. Sein virtuoses Klavierspiel veranlasste den Star, Ron zu fragen, ob er nicht auf dieser Party spielen wolle – für eine nicht zu knapp bemessene Gage natürlich. Dass er blind war, bemerkte Judy erst im Nachhinein. Das machte ihn für sie aber als Pianisten noch interessanter.

»Hier ist meine Karte. Meine Assistentin … ach nein, ich weiß nicht, was ich ohne sie machen soll. Sie hatte einen Unfall! Hier, nehmen Sie diese Karte, damit können Sie mich direkt erreichen.« Judy steckte die erste Karte wieder in ihre Handtasche und gab ihm ihre Karte, zögerte dann aber.

»Entschuldigung, ich habe schon wieder vergessen, dass Sie blind sind.«

»Das ist ein Kompliment für mich«, gab Ron lächelnd zurück und nahm die Karte zielsicher aus ihrer Hand.

»Das mit Ihrer Assistentin tut mir leid. Richten Sie ihr bitte gute Besserung von mir aus«, sagte Ron.

»Danke, aber das wird nicht möglich sein. Die Ärzte haben sie in ein künstliches Koma versetzt. Wegen ihrer schweren Schädelverletzung. Ich werde sie gleich im Krankenhaus besuchen. Sie ist eine gute Seele.«

Ron drückte noch einmal sein Bedauern aus. Dann verabschiedete sich der Filmstar von ihm. Ron setzte sich wieder an den Flügel und klimperte etwas gedankenverloren. Er dachte wieder an sie. Wie schön wäre es gewesen, die Freude an diesem Erfolg mit jemandem zu teilen, den man liebte!

Professor James Jones befand sich seit einem Tag wieder in seiner Heimat. Dort besuchte er einen weiteren Freund und Kollegen, der in einer benachbarten Universität als Dozent tätig war. Professor Jones kam gerade noch rechtzeitig in den Hörsaal, um die letzten Sätze der Vorlesung seines Freundes über Licht und Dunkel mitzubekommen.

»Dort wo Licht und Dunkel aufeinandertreffen, entsteht eine Grenzlinie, welche unerbittlich eine Entscheidung fordert. Zwei Hälften: Licht und Dunkel.«

Der Professor machte eine Kunstpause, um das Gesagte auf die Studenten besser wirken zu lassen. Dabei sah er seinen Freund in der hintersten Reihe sitzen. Er warf ihm einen freudigen Blick zu und fuhr dann fort:

»Von jeher stand das Licht für das Gute und das Dunkel für das Böse. Licht steht für alles Schöne, und alles, was im Licht erstrahlt, wird schöner. Das Dunkel birgt das Hässliche. Viele Grausamkeiten geschehen im Dunkeln.«

Der Professor zog theatralisch die Brauen nach unten. In der vorletzten Reihe kicherte ein Student, während der Rest der Zuhörer gespannt abwartete.

»Der Schatten entstellt das Gesicht …«

Wieder kicherte der Student in der vorletzten Reihe.

»… und was nicht gesehen werden will, verbirgt sich darin.«

Jetzt konnte der Student sein Lachen nicht mehr halten.

»Wenn Sie ausgelacht haben, darf ich dann bitte weitermachen?«, fragte der Professor mit erhobener Stimme. Der Student verstummte und machte eine entschuldigende Geste.

»Danke!«, sagte der Professor und führte seinen Vortrag fort. »Ist es nicht bezeichnend, um ein Beispiel aus der Natur zu nehmen, wie es sich im absoluten Dunkeln der Tiefsee verhält? Alles, was dort lebt, ist in unseren Augen abgrundtief hässlich, wohingegen die Lebewesen in seichteren Gewässern voller Farbenpracht und Ästhetik erscheinen.«

Schrill läutete die Glocke zum Ende der Stunde. Die Studenten erhoben sich polternd von ihren Plätzen und strebten dem Ausgang zu.