Table of Contents
Impressum
Zum Buch
Widmung
Prolog
Erster Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Zweiter Teil
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Impressum
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.
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Zum Buch
Dieser Roman ist ein rein fiktives Werk. Alle dargestellten Ereignisse, Charaktere und Orte sind das Produkt der Fantasie der Autorin. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen, lebend oder tot, sowie tatsächliche Begebenheiten sind rein zufällig. Es sind keinerlei persönliche Konsequenzen, rechtliche Implikationen oder Verletzungen der Privatsphäre von realen Individuen zu befürchten.
Die Geschichte spielt im Jahre 1990, in verschiedenen Ortschaften. Es wird weder ein Land noch eine genauere Beschreibung der Ortschaften mit Vergleichspotenzial genannt, da der ganze Roman fiktiv ist.
Widmung
Für meinen Partner und besten Freund, der mir in jeder Lebenssituation, sei sie noch so herausfordernd, zur Seite steht.
Prolog
Er liebte diese Tage und Abende. Nichts war schöner, als gemeinsam durch den Park zu schlendern, Bier zu trinken und sich auszutauschen.
Der Abend war noch jung. Er konnte heute etwas früher in den Feierabend gehen. Der Wald rauschte leise. Ein leichter Luftstoß blies ihm ins Gesicht. Sie waren zu zweit unterwegs, so wie meistens, wenn einer von ihnen Probleme hatte. Er bezeichnete sein Anliegen zwar nicht wirklich als ein Problem, jedoch musste er einfach mit jemandem darüber reden.
Sie trafen sich vor einer halben Stunde am Bahnhof, wo er bereits auf ihn wartete. Er selbst hatte zuvor bei sich zu Hause ein paar Flaschen Bier in seinen Rucksack gepackt. Nun öffneten sie beide eine Flasche und prosteten sich zu. Ein Bier mit auf den Weg zu nehmen, half bei der Suche nach den richtigen Worten.
Der Park war leer, die meisten Menschen waren noch auf der Arbeit. Sie gingen durch den Park hindurch, nach hinten auf den Grillplatz zu, der sich nahe dem Waldrand befand. Dieser war von den anderen Seiten schlecht einsichtlich, also wie gemacht für einen Gedankenaustausch zu zweit.
Sie setzten sich auf eine Bank und warteten. Es duftete nach Harz, Bäumen und Blumen, welche die Sonne den Tag über aufgewärmt hatte. Mit seinen siebzehn Jahren war er zwar noch jung, jedoch wusste er schon jetzt, dass dies für immer sein Lieblingsplatz sein würde. Bald würde er auch sie fragen, ob sie sich alleine mit ihm treffen würde. Hier, am schönsten Platz der Welt.
Er sah seinem Gegenüber in die Augen, dieser lächelte. Er öffnete seine Tasche und nahm eine neue Flasche Bier heraus. Die erste hatten sie beide schon leer gehabt, als sie bei der Bank ankamen. Nun drehte er die leere Flasche kopfüber, um den Rest auslaufen zu lassen, und legte sie dann in seine Tasche zurück. Eine neue gab er auch seiner Begleitung.
Still saßen sie gemeinsam auf der Bank und lauschten dem Rauschen der Blätter. Er wusste nicht, wie er anfangen sollte, schließlich fühlte er sich dabei, als würde er ein Geständnis ablegen. Auf der anderen Seite wusste seine Begleitung genau, dass er ihm etwas erzählen wollte, denn er sah ihn mit neugierigen Blicken an. Bevor er anfing, nahm er einen erneuten Schluck aus seiner Flasche, setzte sie ab, hustete und räusperte sich. Er musste es ihm sagen, das war er ihm schuldig.
Als er mit seinen Erklärungen und Gedanken geendet hatte, war es still. Sein Begleiter nickte nur verständnisvoll, doch keiner der beiden sagte etwas. Das Rauschen der Blätter wurde lauter, denn der Wind setzte etwas zu. Am Horizont sah man jetzt auch leicht den Mond, der seinen Weg für die folgende Nacht über den Himmel suchte. Seine Begleitung stand auf und trat ein paar Schritte zurück. Er selbst beachtete dies nicht groß, da er wusste, dass seine Erzählungen von soeben nicht einfach zu verstehen waren. Sie hatten oft darüber geredet, doch dies immer als Witz und unmöglich abgetan. Jetzt war es soweit.
Er blickte zu Boden, nahm einen Schluck Bier und schloss dann die Augen. Konzentriert lauschte er den Geräuschen und dem Duft des Waldes. Seine Gedanken kreisten. Wie sollte er den Gesprächsfaden wieder aufnehmen, um nicht in eine Diskussion auszubrechen? Er atmete tief ein, dann wurde alles schwarz. Die Bierflasche fiel ihm aus der Hand. Den Aufprall am Boden merkte er nicht wirklich, doch er fühlte, wie Moos und Äste in sein Gesicht schlugen. Er roch den modrigen Geruch des Waldbodens, der Erde und der feuchten Wurzeln. Kurze Zeit später war alles weg.
Erster Teil
1990
Kapitel 1
Hannah
»Los, kommt schon!« Hannah Beck rannte wie der Teufel über die Straße. Ihre langen, lockigen Haare hüpften dabei auf und ab. Felix Anderson und Leon Bishop folgten ihr, so schnell sie konnten. »Sie schließen bald, wir müssen uns beeilen!« Sie redete keuchend, was kein Wunder war bei der Anstrengung und dem Tempo, das sie an den Tag legte. Felix und Leon nickten nur. Das Kino hatte die letzte Abendvorstellung, bevor es für immer seine Tore schloss. Dies wollten sie sich auf keinen Fall entgehen lassen.
Völlig außer Atem kamen die drei Freunde bei der Johnstreet an. Gerade noch rechtzeitig betraten sie den Eingang und standen bei der Kasse an, um sich das letzte Mal in dieser Ära ein Ticket zu sichern.
Der Film war ziemlich sicher Mist, denn das war er meistens. Die guten Filme waren zu teuer, um in dem kleinen Kino den Platz an der Leinwand zu finden. Hier ging es jedoch nicht um den Film, sondern um das Leben des kleinen Kinos, die Geschichte dahinter und die vielen, unzähligen Abende und Erinnerungen, in denen niemand wusste, was man mit der Nacht anfangen sollte. Vieles begann hier. Heute würde die Geschichte hier enden, denn das kleine Kino war pleite.
Alle drei sahen an die Tafel. Eine Oma, ihre Katze und das Licht lasen sie als Filmtitel. Niemand konnte sich das Lachen verkneifen. Sie nahmen ihre Tickets und setzten sich in die erste Reihe. Zum Glück hatten sie Bier mitgebracht, ansonsten wäre dies wohl kaum auszuhalten. Als sich alle drei gesetzt hatten, öffneten sie gleichzeitig mit einem lauten ZISCH die Bierdosen. »Auf die Oma«, prostete Leon. »Auf die Oma!« Hannah und Felix stießen mit ihm an. »Und auf alles andere«, fügte Felix hinzu. Die beiden nickten und gemeinsam tranken sie ihren ersten Schluck.
Es war wie erwartet. Der Film war der totale Mist. Eine Geschichte ohne große Handlung, mit Figuren ohne großen Sinn und alles wurde natürlich von einer Katze in den Schatten gestellt.
Sie schlenderten über den Gehsteig in Richtung Waldgrenze. Die Kleinstadt, in der sie lebten, hatte nicht viele große Häuser, kein gewaltiges Nachtleben wie in der Nachbarstadt Adelaide, sondern nur ein paar kleine Bars, ein paar Schulen, eine Kirche, ein paar tolle Restaurants, ein Kino und einen Spielplatz. Dieser befand sich zwischen der Kleinstadt und dem Wald, neben dem Park.
An der Waldgrenze entlang waren viele tolle Plätze für Familien. Bänke, Tische, Grillstellen und einen guten Überblick auf den Spielplatz. So konnten Eltern grillen, während ihre Kinder auf der Wiese spielten.
Heute Abend wurde nicht gespielt. Es war spät und sie waren nicht gekommen, um auf den Spielplatz zu gehen. Sie gingen nebeneinander her. Niemand sagte etwas. Die Stimmung war sehr gut, jeder war fröhlich und sie hatten bis jetzt jede Menge Spaß. Wahrscheinlich war es die Situation an sich, die jeden ein bisschen melancholisch stimmte. Schließlich waren sie, nach so vielen Malen, gerade das letzte Mal zusammen im Kino von Beaufort.
Plötzlich lachte Felix laut auf. »Wisst ihr noch, unser erster Kinobesuch?« Er gluckste vor Lachen und verschluckte sich prompt an seinem Bier. Hannah und Leon lachten ebenfalls, da Felix’ Husterei kein Ende fand. »Ja, das war unvergesslich«, schweifte Hannah in ihren Erinnerungen. Damals waren sie noch viel jünger. Das ganze Leben haben sie bis jetzt zusammen verbracht, waren gemeinsam unterwegs, von Kindergarten bis Schulzeit unzertrennlich. Mit zwölf Jahren waren sie dann alle drei das erste Mal im Kino, das war 1985. Hannahs Mutter hatte die Drei damals mit dem Auto hingefahren. Die Handlung im Film war Hannah nicht mehr präsent, jedoch die Erinnerung an den Abend daran. Es war das erste Mal, dass sie zu dritt an einem Abend weg waren.
Es war sehr aufregend, schließlich war sie vorher noch nie abends draußen unterwegs. »Auf die Freundschaft«, meinte Leon und hob seine Bierbüchse. Jetzt, fünf Jahre später, waren sie zwar immer noch nicht erwachsen, jedoch hatten sie bereits vieles gelernt.
Direkt neben dem Haus, in dem Leon mit seiner Familie wohnte, war eine Bar. Diese durften sie eigentlich erst mit achtzehn betreten, sie ließen sie aber auch jetzt schon mit siebzehn hinein. Die Stadt war klein und die meisten kannten sich. Ob sie nun alleine auf dem Spielplatz Bier tranken oder sich in der Bar trafen und dort unter anderen Menschen waren, kam aufs Gleiche an.
Hannahs Mutter meinte letzte Woche, es sei besser, sie träfen sich in einer Bar, da hätte man ein Auge auf sie. Sie machte sich immer Sorgen, wenn Hannah spät nach Hause kam. Jedoch immer weniger, da sie Leon und Felix kannte. Sie passten aufeinander auf.
»Was haltet ihr von einem Tag am Baggersee?« Felix’ Frage riss sie aus den Gedanken. Leon war begeistert. Hannah nahm einen Schluck von ihrem Bier. »Wann willst du denn da hin?« Es war Freitagabend, das hieß, sie hatten noch zwei freie Tage, bis die Arbeit wieder anklopfte. »Na, morgen will es gutes Wetter geben, ich dachte mir, wir könnten uns dort wieder einmal treffen.« Leon nickte. »Bin dabei!«, sagte er mit einem Grinsen im Gesicht. Beide sahen Hannah erwartungsvoll an. »Bin dabei!«, meinte auch sie lächelnd.
Kapitel 2
Es klopfte an die Zimmertür. Nachdem Hannah ihre Augen geöffnet und sich den Schlaf daraus gerieben hatte, stand sie auf und öffnete die Tür. Hannahs Mutter Katja stand im Gang und lächelte. »Guten Morgen, Schlafmütze, ich mache gerade Kaffee und Frühstück, da wollte ich dich fragen, ob du Lust hast, dich zu mir zu setzen.«
Hannah blinzelte die Müdigkeit weg. »Na klar, ich zieh mir nur schnell was an.« Sie verschwand in ihrem Zimmer und tauschte das Pyjama gegen ihre Jeans und ein Sweatshirt.
Nachdem sie sich an den Küchentisch gesetzt hatte, bekam sie auch schon ihren Kaffee serviert. Ihre Mutter stand vor ihr. Die schlanke Figur, die langen Beine und die krausen, langen, dunkelbraunen Haare hatte sie von ihr geerbt. Die kleine Nase und die langen Finger von ihrem Vater Max. Sie lächelte ihre Mutter an.
»Mum, magst du dich jetzt auch zu mir setzen?«, neckte Hannah sie und gab ihr mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass der Stuhl neben ihr noch frei war. Ihre Mutter setzte sich. »Hannah, ich wollte dich was fragen.« Katjas Stimme klang schüchtern, was ihr nicht gefiel. »Was ist denn passiert?« Sie nahm die Hände ihrer Mutter in die ihren und streichelte darüber. Sie waren eiskalt. Ihre Mutter legte den Kopf schief und sah nachdenklich auf den Boden.
»Am Donnerstag nächste Woche ist der dritte Todestag deines Vaters und ich wollte wissen, ob du dir etwas Spezielles dafür wünschst.« Die Frage war ihr sichtlich unangenehm. Hannah schüttelte den Kopf. »Mum, es ist okay. Mir geht es gut. Ich hoffe, dir auch. Vaters Tod hat uns alle aus der Bahn geworfen, jedoch müssen wir damit umgehen können. Weißt du, es ist ja nicht so, dass er einen Unfall hatte und einfach so vom einen auf den anderen Tag weg war. Er hat sich von uns verabschiedet und er sagte, er werde immer bei uns sein.«
Die Augen ihrer Mutter wurden feucht und liefen ein wenig rot an. Sie nickte. Hannah trauerte lange, musste sich jedoch zusammenreißen und sich mit der Situation abfinden, damit sie ihre Mutter auch dabei unterstützen konnte. »Du hast ja recht, ich dachte nur, dass ich vielleicht etwas für dich tun kann, damit es einfacher ist.« Hannah lächelte und streichelte erneut über die Hände ihrer Mutter. »Ist es nicht eher so, dass ich etwas für dich tun könnte? Wenn du etwas brauchst, dann gib mir Bescheid.« Ihre Hände trennten sich und beide nahmen einen Schluck Kaffee.
Es war also nun schon drei Jahre her. Wie die Zeit verflog. Vor drei Jahren hatten alle eine große Last zu verarbeiten.
Ihrem Vater ging es immer schlechter. Er bekam Schmerzen beim Gehen und konnte irgendwann auch nicht mehr richtig schlafen. Als er eines Nachmittags vom Arzt nach Hause kam, redete er lange Zeit kein Wort. Nach dem Abendessen rückte er dann mit der Diagnose seines Arztes heraus. Er hatte Krebs und nur noch ein paar Monate seines Lebens übrig.
Die Diagnose war ein emotionaler und körperlicher Prozess. Ihre Mutter, die damals neben dem Blumenladen, den sie führte, noch einen Zweitjob hatte, kündigte per sofort auf unbestimmte Zeit. Ihr Arbeitgeber zeigte Verständnis und sagte ihr damals, sie werde immer wieder herzlich willkommen sein, was ihr die Sicherheit gab, die sie brauchte.
Alle versuchten, so normal weiterzuleben wie bisher. Dies gelang ihnen aber nur halb, da jedem klar war, dass es zu Ende ging. Die Diagnose war ein Schock, der alle von der neuen Realität überwältigte.
Ihre Mutter befasste sich mit alternativen Therapien. Ihr Vater veränderte sich immer mehr und das sehr schnell. Zwei Monate später war er nur noch ein Schatten seiner selbst. Er konnte weder schlafen noch essen, noch richtig gehen.
Eines Abends rief er nach ihr, nahm ihre Hand und versprach ihr, immer bei ihr zu sein, wenn sie dies möchte. In dieser Nacht konnte Hannah nicht einschlafen. Als sie ein paar Stunden später nach ihm sehen wollte, gab er ihr keine Antwort mehr. Sie rief nach ihrer Mutter, die den Notarzt verständigte. Sie konnten nichts mehr für ihn tun. An diesem Abend verließ er sie für immer.
Kapitel 3
Ein Blick auf die Uhr sagte Hannah, dass sie spät dran war. Ihre Abmachung am Baggersee war immer noch aktuell und so packte sie ihre Badesachen. Es war schon etwas länger her, dass sie sich dort das letzte Mal verabredet hatten. Das war vielleicht sogar über ein Jahr her. Im letzten Sommer war das Wetter nicht oft warm und schön genug, um draußen schwimmen zu gehen. Vielleicht würde sie das auch heute nicht, jedoch war der Gedanke, mit ihren zwei besten Freunden an den See zu fahren, wunderbar.
Nachdem das Badetuch und die Flipflops ihren Weg in die Tasche gefunden hatten, zog sie ihren Bikini an. Das kleine luftige Sommerkleid würde sie dann einfach darüber anziehen. Eine Schwester hatte sie nicht, doch das fehlte ihr nicht. Leon und Felix waren für sie wie die Brüder, die sie nie gehabt hatte. Sie waren immer da, unterstützten sie, lachten mit ihr – eben wie echte Geschwister.
Sie klemmte die Tasche auf den Gepäckträger ihres Fahrrades und kippte den Seitenständer mit einem gekonnten Kick nach hinten. Als sie an der Kirche vorbeifuhr, blickte sie erneut auf die Uhr. Zwanzig nach drei, um halb vier hatten sie bei der alten Eiche abgemacht. Der Weg war nicht mehr lange und sie war sich sicher, pünktlich einzutreffen.
Sie sah die Eiche schon von Weitem, genauso wie zwei kleine Striche, die ihr zuwinkten. Sie lachte, winkte auf ihrem Fahrrad zurück und trat kräftiger in die Pedale. Ein paar Minuten später stand sie bei ihnen. »Dann sind wir wohl vollzählig«, zwinkerte Leon ihr zu. Sie grinste. »Habt ihr etwas zu trinken dabei?« Felix’ Frage sorgte für kurze Stille. »Scheiße.« Leons Antwort sprach für alle. »Lasst uns doch schnell in dem kleinen Laden um die Ecke ein paar Flaschen holen.« Hannah gab mit einem Kopfnicken die Richtung vor. Kaum waren sie unterwegs in Richtung des Ladens, kratzte sich Leon am Kopf. »Hunger habe ich auch.« »Was?« Hannahs Frage kam in einem hohen Ton, denn sie lachte dabei. »Hast du denn nichts zu Mittag gegessen, dass du schon wieder Hunger hast?« Auch Felix lachte. »Der hat immer Hunger!« Leon schaute auf seine Füße. »Naja, vielleicht sollte ich etwas weniger essen.« »Warum das denn?« Hannah betrachtete ihn von oben nach unten. Leon war sehr gut in Form. Genauso wie Felix war er schlank und sportlich. Sie waren beide attraktiv, wie Hannah in diesem Moment feststellte. Sie lachte innerlich über sich selber.
»Weil meine Mum gestern meinte, wenn ich weiterhin so viel Futter zu mir nehme, müsse sie sich einen besser bezahlten Job suchen.« Erneutes Gelächter brach aus.
Hannah dachte wieder an ihren Vater. Er hätte gewollt, dass sie ihr Leben glücklich leben würde. Sie hatte lange ein schlechtes Gewissen, wenn sie lachen musste. Sie lachte, währenddessen andere weinten. Auch ihr Vater würde nie wieder lachen. Aber das war nicht richtig. Ihr Vater lachte früher oft, als er noch Gründe dazu hatte. Nicht zu lachen, wäre nicht in seinem Interesse. Sie sah in den Himmel, lächelte, schloss die Augen und dankte ihm. Es ging ihr gut und das wollte sie ihm zeigen.
Kapitel 4
Jessica
Sie saß auf der Couch. Ihr Blick strahlte eine Mischung aus Leere und Erschöpfung aus. Ihre Augen waren gerötet, als hätten sie die ganze Nacht hindurch geweint. Ihre Wangen trugen die Spuren der Tränen, die schon getrocknet waren, jedoch immer noch eine gewisse Traurigkeit ausstrahlten. Ihre Haare waren zerzaust, als ob sie schon lange nicht mehr in den Spiegel gesehen hätte. Ihr Blick war leer und unentschlossen. Sie starrte ins Nichts.
Ihre Hände waren auf den Oberschenkeln abgelegt, auf dem gelben Kissen, das ihm gehörte. Die Finger leicht zusammengedrückt, als ob sie versucht hätte, sich an etwas festzuhalten, was längst verschwunden war.
Der Raum um sie herum war genauso wie sie. Still und unaufgeräumt. Der Geruch von kaltem Kaffee hing noch in der Luft, und das leise Ticken der Wanduhr war das einzige Geräusch, das den Raum erfüllte. Es war nicht lange her, dass ihr Freund Patrick noch neben ihr gesessen hatte, gelacht und sie berührt, ihr die Haare aus dem Gesicht gestrichen und sie in die Seite gekniffen hatte. Jetzt war der Raum so leer, wie sie sich fühlte. Ihr Herz pochte, dies aber in einer Weise, die keine Wärme oder Freude brachte. Es war der dumpfe Schmerz, der aus der Leere in ihrer Brust kam. Ein Schmerz, der sie fast lähmte.
Es fühlte sich an, als ob der Raum sie erdrückte, als ob sie mit jeder Sekunde tiefer in diese Leere sank. Der Verlust war noch frisch, und sie hatte keine Vorstellung, wie sie ohne ihn weitermachen sollte. Die Realität hatte sie noch nicht ganz eingeholt. In ihrem Kopf herrschte ein Chaos aus Gedanken und Erinnerungen an ihn. Die Worte, die sie nicht mehr aussprechen konnte, die Versprechungen, die sie nicht mehr einlösen würde. Doch gleichzeitig fühlte sie sich abgestumpft, als ob sie sich selbst schützen möchte, um nicht vollständig zu zerbrechen.
Der Verlust war nicht nur der Tod eines Menschen, sondern auch der Tod einer Zukunft, die sie sich mit ihm erträumt hatte. Und während ihr Blick durch den Raum schweifte, fragte sie sich, ob sie jemals wieder ein Leben ohne ihn führen konnte. Vielleicht suchte sie nach einem Ausweg aus dem Schatten, der sie umgab. Vielleicht hoffte sie, dass etwas oder jemand den Knoten in ihrem Herzen lösen konnte. Aber im Moment fühlte sie sich einfach nur verloren.
Er war nicht der Erste, den sie auf diese Weise verlor. Vor zwei Jahren wohnte sie mit Josef zusammen in einer kleinen Wohnung nahe dem Stadtrand. Die Wohnung damals war kleiner als die, in der sie nun war. Damals hatte sie Josef in der Küche gefunden. Er lag zusammengesunken auf dem kalten Fliesenboden. Sein Körper wirkte seltsam unbeweglich, wie ein Schatten, der nicht mehr der war, der er einst gewesen war. Eine Nadel steckte immer noch in seinem Arm, ein spärlicher Rest des Lebens, der von ihm gewichen war. Der Raum roch nach dem beißenden Geruch von Desinfektionsmittel und dumpf, metallisch. Seine Haut war blass, beinahe grauweiß. Die Augen weit geöffnet, leer und trübe, als ob sie etwas gesehen hatten, das er nie wieder loswerden konnte. Ein Anflug von Schmerz und Angst lag auf seinem Gesicht, als ob der letzte Moment des Lebens ihn in einer Art Schock erstarren ließ. Für sie war es wie ein Alptraum, der sie mit bloßen, kalten Händen festhielt. Ihre Hände zitterten, als sie die Küchentür ganz öffnete und den Raum betrat. Der Schmerz im Herzen übertraf die Angst, die sie verspürte. Die Enttäuschung, die Wut und die Verwirrung vermischten sich in einem einzigen, dichten Gefühl, welches sie kaum fassen konnte. Die Tränen, die in ihren Augen brannten, wollten nicht kommen. Sie hatte keine mehr, die sie vergießen konnte. Stattdessen saß sie da, inmitten des Chaos, in das sie geraten war.
Dass Josef den Drogen hinterherlief, wusste sie. Immer wieder versetzte er sie mit der Ausrede, dass sein Freund preislich gerade unter dem Schnitt der Mitbietenden liegen würde und er sie deshalb nicht treffen könne. Was er sich alles bei ihm holte, wusste sie damals nicht. Irgendwann gestand er ihr, nach langem Nachfragen, dass er nicht nur die Pillen schluckte, die er ihr mal zeigte.
Immer wieder klagte er über Rückenschmerzen, die plötzlich komplett weg zu sein schienen. Immer öfter wurde er nervös, wenn jemand draußen vor der Tür stand. Seine Pupillen waren verengt, seine Konzentration so schlecht wie noch nie und sein Gedächtnis ließ immer mehr nach. Es gab Momente, in denen er sie ansah und nicht mehr wusste, welchen Tag sie hatten.
Er wollte sich seinen Schuss wahrscheinlich neben der Spüle setzen und sich dann ins Bett legen. So machte er es immer, wenn er alleine war. Das letzte Mal war die Dosis wohl zu hoch. Genau wie nun bei Patrick.
»Komm nicht zu spät nach Hause«, meinte er vor drei Tagen. »Heute will ich Abendessen machen.« Gelacht hatten sie beide, denn es war immer ein großes Abenteuer, wenn Patrick kochte.
Als sie mit Vorfreude auf einen schönen Abend die Tür öffnete, lachte sie nicht mehr. Sie sah ihn sitzend auf dem Wohnzimmerstuhl. Er war weiß wie die Wand. Er starrte geradeaus und gab ihr keine Antwort mehr. Genau wie Josef damals. Sie verständigte sofort den Notarzt. Die Frau in der Notrufzentrale fragte sie alle möglichen Dinge. Sie fragte nach seinem Alter, seiner Position, seiner momentanen Situation und sie gab ehrlich Antwort. Sie hatte nichts mit all den Drogen zu tun und wollte nur das Beste für ihn.
Nicht nur der Notarzt und der Rest des Rettungsteams traf ein. Hinter ihnen stand die Polizei. Sie waren in Zivil unterwegs und zeigten ihr ihre Marken. Die Kriminalpolizei wurde immer aufgerufen, wenn ein Todesfall oder Drogenmissbrauch ein Thema war. Das wusste sie. Sie sammelten Beweise und Informationen, etwa zur Ursache des Todes, und stellten sicher, dass der Tatort nicht verändert wurde. Sie hatte schon der Frau in der Notrufzentrale gesagt, dass er tot war. Das sah sie ihm an. So hatte die Polizei auch die Rechtsmedizin aufgeboten. Neben ihr stand eine junge Frau, die versuchte, sie zu beruhigen und ihr zuredete. Ein großer, breiter Mann betrat die Wohnung, als nur noch die Polizei im Haus war. »Das ist Herr Hehler, der Mann aus der Rechtsmedizin. Er wird nun Ihren Freund untersuchen. Ein spezielles Team von unserer Seite ist auf dem Weg hierher. Dieses Team wird Ihren Freund mitnehmen und zu uns in die Pathologie transportieren.« Die Stimme der Frau klang angenehm warm und beruhigend, doch Jessica verstand nicht viel von dem, was sie sagte.
Sie redeten lange mit ihr, doch sie hörte die Stimmen nur wie durch Watte. Erst als sie Patrick mitnahmen, wurde ihr klar, dass er nun für immer weg war. Sein Anblick löste eine tiefe Schockphase aus und ließ sie erstarren. Als sie gingen, ließen sie sie in der Wohnung zurück. Sie hatte, wie sie der Polizei zuvor schon gesagt hatte, nichts damit zu tun.
Alle Menschen, die sie liebte, gingen fort.
Da saß sie nun. Ihre langen blonden Haare hingen zerzaust auf ihre Schulter. Ihre magere Gestalt war nur von einem viel zu großen Pullover bedeckt. Sie trug ihn seit Patricks Tod, Tag und Nacht. Es war schließlich seiner, so konnte er noch etwas bei ihr sein. Sie schniefte. Menschen haben ein Ablaufdatum, jeder stirbt einmal, die Frage ist nur wann und wie.
Kapitel 5
Hannah
Das Wasser war sicher warm. Es wäre kein Wunder, denn es war schon die ganze Woche lang sehr sonnig und heiß.
Sie hatten Samstag, den 7. Juli 1990, endlich wieder Zeit, sich im Freien zu vergnügen. Kaum angekommen, zog Leon sein Shirt aus und sprang direkt kopfüber ins Wasser. Schnell setzte sie ihre Tasche ab, legte das Badetuch auf den Boden und zog ihre Turnschuhe aus. Felix war auch schon dabei, sich auszuziehen, und sprang wenige Sekunden nach Leon ins Wasser. »Los, komm schon!«, rief Leon aus dem Wasser zu ihr hoch. Am Rande des Sees war wie eine Art Mauer, die es kaum ermöglichte, sanft in das Wasser zu gleiten. Entweder man kletterte rückwärts über die großen Steine, die zum Wasser führten, hinab, oder man sprang, wie Leon und Felix, einfach hinein. »Ich will erst ein bisschen Sonne tanken!« Sie lächelte bei dem Gedanken, schließlich hatte sie keinen schlechten Ausblick, und die Sonnenstrahlen in ihrem Gesicht taten ihr richtig gut.
Ihre beiden besten Freunde, die sich im Wasser vergnügten, und die wunderschöne Landschaft, die sich vor ihr erstreckte, waren ein guter Grund, einfach da zu sitzen und die Sonnenstrahlen zu genießen. Der Baggersee war zwar keine natürliche Schönheit, jedoch sehr groß, sauber und von vielen bunten Blumen und Sträuchern umgeben. Hinter dem See stand der Wald in seiner vollen Pracht. Der Horizont erstreckte sich über kilometerweite Baumkronen, die in den Himmel ragten. Hannah schloss die Augen und sog den Moment in sich auf. Sie liebte es. Alles, das ganze Leben. Noch nie war sie so glücklich. Vater fehlte ihr, doch sie hatte die Trauer überstanden. Der Verlust eines geliebten Menschen ist eine der tiefgreifendsten Erfahrungen. Hannah wusste, dass es wichtig war, die Trauer zuzulassen und den Verlust zu akzeptieren. Auch wenn ihr dies lange schwerfiel. Die Lektionen und Werte, die er ihr mitgab, wurden so präsent, dass sie nach seinem Tod genau nach seinen Richtlinien lebte. Ihr wurde die Bedeutsamkeit des Lebens richtig bewusst und sie genoss so jeden Atemzug, den sie in dieser Welt nehmen durfte. Sie beobachtete die Vögel, die sich erst in einer Vierergruppe stritten und dann wild und akrobatisch über den See flogen. Die Freiheit und Ungebundenheit, die sie an den Tag legen, wenn sie den Himmel durchqueren, stimmte sie poetisch. Sie fühlte sich selbst frei bei dem Anblick. Das Beobachten der Vögel hatte ihr geholfen, den Verlust ihres Vaters zu verarbeiten. Vögel fliegen mit dem Wind, müssen sich ständig an die Veränderungen in ihrer Umgebung anpassen und trotzdem besitzen sie die Freiheit. Der Schmerz und die Trauer flogen weg, mit den Vögeln hinauf in den Himmel. Auch wenn er nicht mehr da war, dachte sie immer wieder an ihn, wenn sie diese Tiere beobachtete. Es war also die Natur selbst, die ihr einen inneren Heilungsprozess ermöglichte. Die Natur, welche ihr die Botschaft des Lebens und eine Verbindung zwischen ihr, dem Leben und dem Tod aufzeigte. So kam ihr Vater immer wieder, mit jedem Flügelschlag.
»Hannah?« Leon sah sie mit schrägem Blick an und wartete sichtlich darauf, dass auch sie den Weg ins Wasser fand. Sie atmete tief ein. Die Luft roch sauber, klar und frisch. Schnell stand sie auf, zog ihr Sommerkleid aus und warf es auf ihr Badetuch. Es war das erste Mal in diesem Jahr, dass sie sich in ihrem Bikini zeigte, und sie fühlte sich ein wenig unwohl dabei. Sie tapste an den Rand des Ufers und sah den einen Meter hinab auf die Wasseroberfläche. Es war nicht hoch, doch es verunmöglichte einen sanften Einstieg. Sie hasste den ersten Schritt, da sie keine Gelegenheit hatte, einen kleinen Zeh hineinzustrecken, um die Temperatur zu fühlen. Da es die letzten Tage aber sehr warm war, nahm sie allen Mut zusammen, zappelte zwei, drei Male auf der Stelle, bevor sie dann ebenfalls kopfüber ins Wasser sprang.
Die Kälte raubte ihr den Atem. Sie schlotterte wie Espenlaub und versuchte, so schnell wie möglich mit dem Kopf über Wasser zu gehen. Sie rang nach Luft, die kaum in ihre Lunge zu dringen schien. Das hatte sie nun davon. Wäre sie vorher nicht zuerst in der Sonne gelegen, wäre ihre Haut weniger aufgewärmt und das Wasser angenehmer. Sie suchte die Blicke der beiden. Leon und Felix starrten sie an.
Hannah konnte ihre Blicke nicht deuten. Während Leon sie weiter anstarrte, sah Felix schnell wieder ins Wasser und tat so, als würde er sich auf die Unterwasserwelt konzentrieren. Nach ein paar Sekunden sah er Hannah wieder an und lächelte nervös, was die Spannung etwas entschärfte. Er wirkte plötzlich sehr unsicher. Hannah sah, wie Felix und Leon ein paar Blicke wechselten, dann sah Felix wieder nach unten ins Wasser. Während der ganzen Zeit, die Hannah Felix’ Reaktion zu deuten versuchte, spürte sie Leons Blick. Als sie ihn ansah, bemerkte sie seinen überraschten Blick, den sie als eine Art Bewunderung wahrnahm. Hannah fühlte sich plötzlich komisch. Ihr wurde bewusst, dass in den letzten paar Sekunden etwas passiert ist, das niemand zu deuten vermochte, jedoch ihre Freundschaft in ein neues Licht rückte. Sie spürte die Blicke der beiden, wusste jedoch nicht genau, wie sie darauf reagieren sollte. Ihr Selbstbewusstsein schwankte. Einerseits fühlte sie sich ein wenig geschmeichelt, andererseits war es unangenehm, da sie zwischen ihnen eine neue Dynamik erkannte. Sie spürte ihre eigene Anziehungskraft und wurde sich ihres Körpers und dessen Wirkung auf die Jungs bewusst. Sie fühlte sich plötzlich unsicher und wusste nicht, wie sie von den beiden wahrgenommen wurde. Sie fragte sich für einen kurzen Moment, ob diese Situation ihre Freundschaft in irgendeiner Weise beeinflussen könnte. Sie spürte, wie ein Teil ihrer Kindheit mit dem Sprung ins Wasser unterging.
»Wow, Hannah«, Felix suchte nach Worten, als er seine Sprache wiederfand. »Ach, euer Einstieg sah auch nicht schlecht aus.« Sie lachte und zwinkerte dabei beide unsicher an. »Nein, das meinte ich nicht, du siehst …« »fantastisch aus«, beendete Leon seinen Satz selbstsicher. Hannah wurde rot. Sie sah ins Wasser und suchte ihre Füße, die sie nur leicht sehen konnte. Sie bewegte sie hin und her, hin und her, um sich über Wasser zu halten. Das war es also. Ihre Wangen wurden warm und in ihrem Bauch fing es an zu kitzeln. Schlussendlich erhob sie ihren Kopf, lachte beide an und nickte. »Wer ist denn am schnellsten bei der Schwimmholzinsel?« Sofort erwachten Felix und Leon aus ihren Gedanken. Leon fing sofort an, mit seinen Armen zu paddeln. »Ich natürlich!« Man konnte ihn kaum verstehen, da er halb über und halb unter Wasser redete. Hannah und Felix fingen sofort an, es ihm nachzumachen.
Kapitel 6
Sie saßen auf der mit Schwemmholz zusammengetriebenen Insel, auf einem der größeren Stämme. Die Stimmung war ausgelassen und jeder erzählte, was er eigentlich durch die ganze Woche durch so erlebt hatte.
»Eigentlich war nicht viel los. In der Schule haben wir wieder so einen scheiß Auftrag. Wir müssen uns eine Firma suchen, für die wir ein Wirtschaftssystem zusammenstellen sollen.« Leon verdrehte die Augen. »Voll doof.« Felix lachte. »Ist das denn nicht der Sinn dahinter, wenn man Wirtschaft studiert?« Hannah nickte und stimmte Felix zu. »Ja klar, aber ich muss ja zuerst eine Firma suchen, die Lust hat, den Scheiß von mir machen zu lassen.« Es entstand eine nachdenkliche Pause. »Komm doch einfach mal bei uns vorbei«, schlug Hannah vor.
Ihre Mutter hatte ein Blumen- und Gartenbaugeschäft. Zusammen mit ihrem Vater hatte sie die kleine Firma vor über zehn Jahren gegründet. Hannahs Vater war Gartenbauer, ihre Mutter Floristin, so war die Arbeit sauber aufgeteilt und doch konnten sie gemeinsam den Alltag bestreiten. Seit drei Jahren war ihre Mutter nun alleine, darum hatte sie auch keinen Nebenjob mehr angenommen.
Hannah lernte in einem anderen Geschäft die Kunst des Gartenbaus und ihre Pläne waren es, ihre Mutter irgendwann einmal zu unterstützen.
»Was soll ich denn bei euch?« Leon sah sie fragend an. Felix lachte. »Na, Hannahs Mutter hat eine kleine Firma, frag sie doch, ob du bei ihr was reißen kannst.« Hannah nickte und Leon stimmte nachdenklich mit dem Nicken ein. »Ja danke, das ist mir noch gar nicht eingefallen.« Sie lachten wieder alle drei.
»Was war denn bei dir so?« Hannahs Frage war an Felix gerichtet, der genauso wie sie, mit den Füßen im Wasser plantschte. »Eigentlich nix. Halt viele, die ihre Autos noch einmal in den Service bringen möchten, bevor der Herbst da ist und niemand mehr Zeit hat.« Er sah nachdenklich auf das Wasser, dann erhellte sich seine Mimik. Er sah beide an und fuhr fröhlich mit seinen Erzählungen fort. »Ach ja, letzten Mittwoch hatte ich den besten Tag meines derzeitigen Arbeitslebens, das wollte ich euch noch erzählen.« Leon und Hannah fixierten ihn mit begeisterten und neugierigen Blicken. »Was war denn los?« Die Neugierde war greifbar. Selten erzählte Felix so begeistert von einer Neuigkeit. »Letzten Mittwoch war ich in der Werkstatt und sah mir den neuen Wochenplan an, den mein Chef entworfen hat. Und jetzt ratet mal, was draufstand.« Stolz erhob er seinen Blick und sah beide herausfordernd an. »Keine Ahnung, man, erzähl doch!« Leons Neugierde war mehr als geweckt. »Nächsten Montag kommt der Polizeichef mit seinem neuen Dodge Ram in unsere Werkstatt und ich darf am Mittwoch den Service durchführen, plus Öl und Räder wechseln.« Hannah und Leon sahen sich verblüfft an.
Für einen siebzehnjährigen Dodge-Fan, der seit zwei Jahren in der Mechanikerbranche tätig war, war dies ein Traum. »Und das machst du ganz alleine?« Hannah strahlte, sie freute sich für ihn. »Ja, schließlich haben wir alle bald unsere Abschlussprüfungen, also wird es langsam ernst. Es ist sowieso ein total interessantes Jahr für den Automobilmarkt und ich sage euch, dieser Dodge wird noch eine große Rolle in der Geschichte der Menschheit einnehmen.« Hannah prustete los und konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Felix war auf Wolke sieben angekommen. »Dieser Dodge Ram der zweiten Generation wurde mit dem Ziel entwickelt, das traditionelle Bild des großen, massiven Pick-ups zu verändern. Die neue Generation ist kantiger im Design, mit einer markanten Frontpartie und einem robusten, modernen Look, der die typische amerikanische Pick-up-Ästhetik verkörpert. Besonders die Scheinwerfer, die mit einem schmalen, quadratischen Design daherkommen, sind einfach nur geil.« Felix redete mit großen, glänzenden Augen. Er hatte seinen Traumjob gefunden, das wussten sie beide schon lange. Und es war jedes Mal aufs Neue interessant, ihm zuzuhören. »Und das machst du alleine?« Leon sah ihn fragend an. »Ja, es ist ja auch nicht so schwierig. Aber Leute, der Polizeichef! Dieses Auto hat einen 5,2-Liter-V8-Motor. Die Polizei setzt dieses Auto für verschiedene Aufgaben ein. Das heißt, dass spezifische Anpassungen für die besonderen Anforderungen vorgenommen wurden. Und da er dem Polizeichef gehört, sind da sicher viele interessante Sachen drin!« Seine Augen waren riesig. »Das ist total abgefahren!« Leon klatschte in die Hände. »Die Polizei ist dabei, fortschrittliche Funkgeräte zu integrieren. Diese werden fest eingebaut und ermöglichen den Beamten, direkt mit der Leitstelle zu kommunizieren. Stellt euch das mal vor, so können sie schnell auf Notrufe reagieren. So ein Funkgerät ist total komplex, da es mit viel Elektronik und einem großen Steuerpanel ausgestattet ist. Die Sirenen und Blaulichtanlagen werden unter der Motorhaube oder dem Dach montiert. Die sind ziemlich laut und stark, um in hektischen Situationen Aufmerksamkeit zu erregen.« Hannah nickte und stellte sich das ganze bildlich vor. »Dieses Fahrzeug hat besonders verstärkte Stoßdämpfer und Bremsen, um den härteren Einsatzbedingungen standzuhalten. Außerdem gibt es spezielle Sperrsysteme, die Türen oder Fenster für zusätzliche Sicherheit verriegeln.« Eines musste man ihm lassen – er wusste Bescheid. Felix brannte für das Thema und wollte in dieser Branche etwas bewirken. Leon sah ihn verblüfft an. »Das ist ja total abgefahren.« Hannah grinste bei dem treffenden Wortlaut. »Aber das Größte kommt erst noch! Der neue Dodge ist mit Halterungen für Waffen, also Gewehre und Pistolen, sowie mit einer Ausstattung für Handschellen und Schutzwesten versehen. Es gibt sogar ein spezielles System zur Datenverarbeitung, mit dem die Polizisten auf Datenbanken zugreifen können und Informationen zu Fahrzeugen, Personen oder Vorfällen überprüfen.« Leon erhob die rechte Hand. »Stopp, mein Freund.« Hielt er Felix’ Vortrag an. »Diesen Service machst du nicht alleine, habe ich recht? Niemals würde die Polizei dich alleine an dieses Auto heransetzen.« Seine Stimme war heiter, aber bestimmt. Felix sah ihn ernst an. »Nein. Mache ich nicht. Aber ich bin aktiv dabei. Ein Sicherheitsbeauftragter der Polizei steht daneben und mein Chef macht den größten Teil. Ich werde ihn dabei aber tatkräftig unterstützen.« Leon und Hannah lachten bei der Beichte. Felix war schnell etwas verunsichert wegen seiner Angeberei, doch dann platzte er beinahe vor Stolz, was man gut merkte. Für ihn war es nicht nur eine gewöhnliche Reparatur oder Service, sondern auch ein Moment der Reife. Die Arbeit an einem Fahrzeug, das dem Polizeichef gehört und damit für einen sehr autoritären Menschen ist, würde ihn weit bringen, auch in seinem Selbstvertrauen. Alle drei sahen sich strahlend in die Augen. Dies waren Momente, die echte Freunde teilten.
Kapitel 7
Jessica
Jessica wusste nicht, wo ihr der Kopf stand. Sie zog Patricks Pullover aus und legte ihn sanft aufs Bett, bevor sie sich ein paar ihrer ausgeleierten Jeans und ein zu großes T-Shirt anzog, welches sie ebenfalls von Patrick behielt. Nachdem sie sich erneut ein Bier aus dem Kühlschrank holte, setzte sie sich wieder auf das Bett und dachte nach.
Vor zwei Wochen wurde sie dreißig Jahre alt. Dass sie in diesem Alter so unbeholfen war, hätte sie nie gedacht. Sie schämte sich vor sich selbst. Lange gab sie ihrer Mutter die Schuld an ihrer Situation, bis sie schließlich einsah, dass sie selbst es war, die ihr Leben kontrollierte. Sie hatte versagt. Auch wenn der Alkohol sie vieles vergessen ließ, holten die Erinnerungen und Gefühle sie mit schmerzhaften Blicken in den Spiegel wieder ein.
Vor einigen Jahren hatte sie aufgehört zu trinken. Es war nicht einfach, dem Verlangen standzuhalten. Lange lehnte sie Bier und Schnaps ab, ging sogar wieder laufen. Doch ein paar Monate später sehnte sie sich nach dem Gefühl, das ihr der Alkohol gab. Freiheit und Leichtigkeit.
Ihre Freunde wendeten sich von ihr ab, als sie nichts mehr trank und an keinem Joint mehr ziehen wollte. Es war, als würde sie langsam aus einer Welt verschwinden, in der sie nie wirklich sein wollte, aber nicht wusste, wie sie sich davon lösen sollte. Sie fühlte sich wie eine Fremde im eigenen Leben, ausgegrenzt und alleine, obwohl die Menschen um sie herum immer noch da waren. Doch je mehr sie verlassen wurde, desto mehr wollte sie wieder dazugehören. Es war eine endlose Spirale, in der sie wohl niemals den Ausweg finden würde.
Sie hatte nicht viel. Weder die Wohnung noch die Telefon- und Fernsehanschlüsse gehörten ihr. Sie hatte weder einen Job noch Geld, um die Miete zu bezahlen. Das alles hier, das wusste sie schon jetzt, würde ganz böse enden. Sie könnte versuchen, sich selbst zu vergeben oder sich neu zu definieren. Sie könnte sich ein Hobby suchen, das sie von den vielen negativen Gedanken ablenkte. Doch mit welchem Geld sollte sie das bezahlen?
Sie war müde. Schwach, alleine und müde. Sie überlegte, was sie heute noch alles machen wollte, doch es kam ihr nichts in den Sinn. Sie legte sich zurück aufs Bett, wo sie Patricks Pullover als Kissenersatz unter den Kopf nahm. Warum sind wir hier? Was ist unser Sinn des Lebens? Hatte ich überhaupt schon einmal ein Ziel in meinem Leben? Nach langem Überlegen schlief sie schließlich ein.
Kapitel 8
Hannah
Das Wochenende war schneller vorbei als gedacht. Der Abend im Kino, das Baden am See und das Herumhängen am Sonntag war ein typisch-tolles Sommerwochenende. Sie alle hatten wieder einmal viel erlebt und gelernt.
Hannah streckte sich und stellte den Wecker ab. Es war sechs Uhr in der Früh. Noch gestern Abend hatte sie ihre Mum auf Leons Projekt angesprochen. Ihre Mutter würde ihm schon helfen, diesen Wirtschaftsplan aufzustellen. Diesen Plan für das Blumengeschäft zu erstellen, würde eine wunderbare Gelegenheit bieten, wesentliche Geschäftsaspekte abzudecken, um das Unternehmen erfolgreich zu führen. Dies würde auch Hannah weiterhelfen.
Sie machte sich Gedanken über die verschiedenen Teile und Themen, die wichtig sind. Wenn sie das Geschäft tatsächlich einmal mit ihrer Mutter führen würde, war es genau das, was sie dazu brauchte. Eine Unternehmensbeschreibung wäre schon mal kein Problem. Sie verkauften Pflanzen, Gestecke und Landschaftsgartenarbeiten an verschiedene Zielgruppen wie Privatkunden, Unternehmen und Veranstaltungen. Leon könnte eine Marktanalyse durchführen, um herauszufinden, wer die Zielkunden sind und wie der Arbeitswettbewerb aussieht. Hatte ihre Mutter spezielle Angebote, die im Vergleich zu anderen Läden keiner hat? Sie konnte es kaum erwarten, dabei mitzuhelfen. Ja, Leon müsste natürlich die Finanzsituation durchleuchten. Dazu würde die Kalkulation von Umsätzen, Kosten und Gewinnen gehören. Es wäre interessant zu erfahren, was die Haupteinnahmequelle ist. Ist es der Verkauf von Blumen und Zubehör, oder sind es die Arbeiten im Freien? Die laufenden Kosten hatte ihre Mutter sicher in einem Ordner zur Überarbeitung bereit. Ihre Mum konnte ihm sicher helfen, die nackten Zahlen mit der praktischen Erfahrung zu erklären und aufzuzeigen. Ein Wirtschaftsplan sollte schließlich auch eine Vision für die Zukunft des Geschäfts enthalten. Sie würde Leon ganz sicher dabei unterstützen, die Zukunft des kleinen Geschäftes zu ergründen.
Hannah überlegte, was sie heute zur Arbeit alles anziehen wollte. Die Sonne schien seit Tagen ununterbrochen und da sie den ganzen Tag im Freien verbrachte, war ein Sonnenstich eine typische Folge einer unüberlegten Kleiderwahl.
Ihren Sonnenhut fand als Erster seinen Platz im Rucksack. Die Sonnencreme fand sie auf dem Schreibtisch. Nachdem sie sich sicher war, auch wirklich alles eingepackt und ihre Kleider richtig gewählt zu haben, verließ sie ihr Zimmer.
In der Küche angekommen, duftete es schon nach frischem Kaffee. Ihre Mutter saß bereits am Tisch und winkte. »Hallo Hannah, ich habe deinen Wecker gehört und dir auch gleich eine Tasse unter die Maschine gestellt.« Hannah lächelte sie an. »Danke Mum, ich habe aber nur noch knappe zehn Minuten, dann muss ich los. Lena und ich haben uns heute dazu verabredet, zusammen zu fahren.« Lena Jauden war ihre Arbeitskameradin, die genau wie sie den Gartenbau erlernen wollte. »Na dann trink mal schnell.« Ihre Mutter grinste, dann nahm sie selbst einen großen Schluck. »Ich werde wohl den ganzen Tag damit verbringen, das Hochzeitsgesteck für die Beelers fertig zu kriegen, die wollen nämlich heiraten.« Sie sah auf die Uhr. »Oh Hannah, verzeih, ich muss los. Pass auf dich auf und viel Spaß.« Sie stand auf, drückte Hannah einen Kuss auf die Stirn und verließ die Küche. Hannah trank ihre Tasse leer und verließ dann ebenfalls das Haus.
Da ihre Mutter den Laden direkt neben dem Haus hatte, schloss sie die Tür selten ab. Eine von ihnen beiden war immer da und wenn nicht, waren sie nicht weit weg. Sie stieg auf ihr Fahrrad und trat in die Pedale. Lena wartete schon beim Fahrradunterstand, neben dem Grundschulgebäude.
»Heute wird ein toller Tag.« Hannah war voller Zuversicht. Lena sah der Welt eher skeptisch entgegen. An Montagen und Donnerstagen war Lenas Laune meist auf dem Tiefpunkt. Am Montag war das Wochenende immer viel zu kurz und zu schnell vorbei, und am Donnerstag ging es immer noch einen ganzen Tag, bis es wieder Freitagabend war. Hannah ließ sich ihre gute Laune aber nicht nehmen. Ihr war klar, dass sie mit ihrer aufgestellten Art und Weise genau die Richtige war, um mit Lena in den Tag zu starten.