Verlag: epubli Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Block 4.2 - Eric Scherer

De Betze spielt – und es geht um alles, wieder einmal. Doch Albin ist sicher: Alles wird gut, wenn sein Schwiegervater Anton dabei ist, denn mit ihm in Block 4.2 hat de Betze noch jedes wichtige Spiel gewonnen. In der Nacht vor dem Spiel werden Albin und seine Gefährten jedoch in einen Unfall verwickelt. An eine Weiterfahrt ist nicht zu denken, Transportalternativen gibt es nicht. Also versucht Albin das fast Unmögliche, um mit Anton zum Anpfiff uffem Betze zu sein: Einen Fußmarsch durch die Nacht, vierzig Kilometer durch tiefsten Wald, in dem ebenso echte wie eingebildete Gefahren lauern. Immerhin weiß Albin den Champ an seiner Seite, den treuesten aller Freunde. Leider aber heftet sich auch die Polizistin Lea an seine Fersen …

Meinungen über das E-Book Block 4.2 - Eric Scherer

E-Book-Leseprobe Block 4.2 - Eric Scherer

Block 4.2

Roman

Eric Scherer

ISBN: 978-3-00-061467-5

Titel: Block 4.2

Umschlaggestaltung: Karina Wilinski

Korrektorat: Gabriele Koske

„Unsere Legenden wollen wir bewahren. Sie sind für uns wahr geworden.“

Aus: „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“, Spielfilm, USA, 1962

Inhalt

Und es begab sich aber zu der Zeit, als de Betze in tiefer Vergessenheit zu versinken drohte

Recht und Pizza

Gíslason

Und es begab sich aber zu der Zeit, als de Betze in tiefer Vergessenheit versinken drohte …

Eigentlich folgt Albin keinem klaren Gedanken. Die Scheinwerfer vor ihm schießen so schnell auf ihn zu, dass seine Hände das Lenkrad nur noch instinktiv nach links reißen können. Eine reelle Chance, den Libero auf der Fahrbahn zu halten, hat er nicht. Selbst wenn Albin reaktionsschnell genug für ein Ausweichmanöver wäre, wie es der berühmte Elchtest vorsieht – das Steuer also blitzschnell nach links und dann wieder nach rechts ziehen – der Libero könnte den Fliehkräften niemals widerstehen, er würde sofort umkippen. Denn an Fahrakrobatik dieser Art hatte der Japaner nicht gedacht, als er diesen rollenden Blechkasten baute.

Was also bleibt Albin anderes übrig auf dieser schmalen Kreisstraße, wenn der entgegenkommende Fahrer sie für sich allein beansprucht? Er hat gar keine andere Wahl: Er sucht den Weg ins Feld, um einen frontalen Zusammenstoß zu vermeiden.

Direkt neben der Fahrbahn führt eine Böschung ins Grüne hinab. Sie ist nicht sehr steil, ein niedrigeres Fahrzeug als ihres müsste in dem flachen Winkel, in dem Albin den Wagen den Hang entlang steuert, nicht unbedingt zur Seite kippen, der Libero aber, mit seiner Dachhöhe von fast zwei Metern bei nicht einmal anderthalb Metern Breite, kann gar nicht anders. Die beiden Räder auf der Beifahrerseite heben sich in die Höhe.

Wenn der Crash sich nicht vermeiden lässt, einfach lockermachen, haben sie Albin mal beigebracht. Also macht er sich locker, obwohl er immer noch keinem klaren Gedanken folgt, auch das ist reiner Instinkt. Doch er macht das gut, ist jedenfalls sein Eindruck, vielleicht ist ja ein Actionheld an ihm verloren gegangen. So einer, der sich nach einer aufregenden Verfolgungsjagd drei Mal mit dem Auto überschlägt, dann aber unversehrt aus dem Wagen springt und noch im Flug ein halbes Dutzend seiner Verfolger abknallt.

Der Libero schießt diagonal in die Böschung und gerät schon nach wenigen Metern so sehr in Schräglage, dass er zur Seite kippt, ohne dass Albin es verhindern kann. Nachdem er auf die Fahrerseite zum Liegen gekommen ist, rutscht er weiter, und in dem Maße, wie sein Vorwärtsdrang abebbt, beginnt er eine Kurve nach unten zu beschreiben. Unter ihm ist frisches, grünes, hohes Gras, das zudem feucht ist, da gleitet es sich gut. Zum Stillstand kommt der Wagen erst am Fuß der Böschung.

Verdammte Scheiße.

Albin muss sich erst einmal sammeln. In sich hineinhorchen. Sein Gurt hat ihn gehalten, er spürt keinen Schmerz, nichts ist gesplittert und hat ihn geschnitten, kein Blut. Nichts hat ihm Beine oder Brustkorb zusammengequetscht. Er kann sämtliche Gliedmaßen bewegen. Er ist unverletzt. Hat Albin gut gemacht, vor allem aber auch der Libero. Ist halt ein Profi.

Wieso eigentlich hat sich der blöde Airbag nicht aufgeblasen? Vermutlich, weil der Wagen keinen Stoß von vorne bekam. Ist aber eigentlich auch egal. Eigentlich sogar besser so. So ist es doch viel leichter, sich aus dem Wagen zu zwängen.

„Anton“, ruft Albin. „Anton?“

Früher hat Albin Anton sogar mal Papa genannt. Obwohl Anton nur sein Schwiegervater ist. Aber es hatte sich irgendwie gut angefühlt, da Albins Papa doch schon lange nicht mehr da ist. Irgendwann aber hatte sich das mit dem Papa wieder erledigt, warum, weiß Albin auch nicht mehr so genau. Nach einer gewissen Zeit hörte sich Anton einfach wieder richtiger an.

„Anton?“, fragt er noch mal. „Alles in Ordnung?“

Albin versucht, über seine rechte Schulter zu schauen, erkennt aber nichts. Tiefschwarze Nacht da hintendrin. Immerhin ist ein verstörtes Grummeln zu hören. Hört sich aber nicht nach Schmerzen an, das ist doch schon mal gut.

Albin tastet nach dem Arm seines Beifahrers.

„Alles klar, Champ?“

Noch mal lauter: „Champ? Alles klar?“ Albin tastet sich vom Arm zum Brustkorb des Freundes.

„Jo“, antwortet der Champ endlich. Genau genommen ist nur der Vokal zu hören. Das J muss man sich dazudenken, um das „Jo“ zu verstehen. Typisch Champ halt. Was reden angeht, ist er Minimalist.

„Kriegst du die Tür auf? Kommst du raus?“

Denn andernfalls wird’s schwierig mit dem Aussteigen. Denn sie können ja nur auf der Beifahrerseite raus. Und die befindet sich jetzt über ihnen.

Albin hört, wie der Champ die Tür entriegelt und sie aufstößt. Sie schwingt auf und schlägt wieder zu. Immerhin, sie funktioniert. Der Champ öffnet seinen Sicherheitsgurt, stößt die Tür ein zweites Mal auf, hält sie diesmal offen und zieht sich nach oben. Die Mittelkonsole benutzt er als Tritt. Das Klettern fällt ihm erstaunlich leicht, als sei er schon aus vielen Unfallwagen gekrochen ... Ist er vermutlich nicht, dafür aber immer noch gut in Form. Hat fast noch sein altes Kampfgewicht. Kein Gramm Fett.

Albin hat da schon mehr Schwierigkeiten. Okay, er muss sich auch aus der tieferen Position in die Höhe schaffen. Aber einhundertzehn Kilo wollen erst einmal quer durch so einen Libero gewuchtet werden. Albin benutzt die Handbremse als Tritt, die sich dabei leicht verbiegt.

Oben angekommen, holt Albin erst einmal tief Luft. Riecht das frische Grün der feuchten Wiese, auf der sie gelandet sind. Der Nachthimmel bedeckt die Szene wie der weite, dunkle Mantel eines Zauberers, auf dem kleine goldene Punkte leuchten. Keine zwanzig Meter von ihnen entfernt erhebt sich der tiefe schwarze Wald, verschlossen und stumm. Nicht einmal seine Wipfel rauschen.

Auch von der Straße her ist nichts mehr zu hören.

Der andere ist einfach verschwunden. Einfach weitergerast. Auf und davon. Als hätte er nicht einmal mitbekommen, dass Albin seinen Minibus von der Straße reißen musste, um nicht frontal in ihn zu krachen. Drecksack. Blöd und blind. Und besoffen vermutlich. Bestimmt einer von diesen jungen Burschen, die sich jeden Samstagabend die Kutte volllaufen lassen und dann gegen sich selbst Rennen fahren in ihrem scheiß Dreier-BMW oder was auch immer. Vielleicht ist der Kerl auch nicht allein gewesen. Hatte ’ne Büchs neben sich, vor der er den coolen Rennfahrer raushängen lassen, ihr zeigen wollte, dass Eiswasser statt Blut in seinen Adern fließt. Ich fahr nicht zur Seite, niemals, die anderen sollen Platz machen, sind doch alles Schisshasen … Dummes Arschloch.

Oder er hatte ein paar Kumpels seines Schlages neben sich, die genauso voll waren wie er. Und während der Fahrt haben sie noch weitergesoffen und Heavy-Metal gehört und mitgegrölt, Hell’s Bells, Breaking the Law und den ganzen Scheiß. Oder war nicht gerade Kerb irgendwo in der Nähe? Wenn, dann sind sie von da gekommen, entsprechend abgefüllt. Bestimmt.

Albin springt von seinem Wagen hinunter. Unten, am Boden, erwartet ihn bereits der  der Champ. Hat sich keinen Meter vom Fleck gerührt, seit er nach seinem Sprung dort gelandet ist. Typisch. Albin sieht sein Gesicht im Mondlicht. Er verzieht keine Miene ob der jüngsten Ereignisse. Den Champ kann gar nichts erschüttern. Er ist die Coolness selbst.

Jetzt aber nach Anton sehen. Schnell. Nicht auszudenken, wenn dem Alten was passiert ist. Sie werden schließlich erwartet, morgen, im Block 4.2. Uffem Betze.

Und, klar, natürlich: Davon abgesehen würde Heidrun ihn umbringen, wenn Anton unter seiner Obhut etwas geschähe.

+ + +

Gemeinsam öffnen Albin und der Champ die Heckklappe des Libero. Anton sitzt nach wie vor korrekt vergurtet in seinem Rollstuhl, nun allerdings auf der Seite. Er grummelt immer noch vor sich hin, Albin versteht nur, dass er wiederholt Heidruns Namen nennt, die irgendeinen „Scheißdreck“ gebaut habe. Albin und der Champ schnallen den Alten ab, zerren ihn vorsichtig aus dem Wagen und stellen ihn auf.

„Tut dir was weh, Anton? Nix gebrochen? Alles in Ordnung?“

„Jo, jo“, grummelt Anton. Was bei ihm freilich nichts zu bedeuten hat. „Jo, jo“ sagt er immer, wenn er nicht länger mit Fragen gelöchert werden will, die er nicht beantworten kann oder will, also ständig. Vor allem, wenn Heidrun permanent an ihm herumzoppelt, ihm die Kleider oder die Haare richten und ihm Krümel aus dem Gesicht wischen will. Jo, jo.

„Komm, Anton, geh mal ein paar Meter, damit wir sehen, dass du dir nix gebrochen hast.“

Der Alte blickt Albin genervt an, erkennt aber, dass, einfach nur zu parieren, ihm die größte Chance eröffnet, so schnell wie möglich wieder in Ruhe gelassen zu werden. Also trippelt er ein paar Schritte vorwärts. Einen Moment lang sieht es so aus, als würde er das Gleichgewicht verlieren, das ist aber nichts Ungewöhnliches, keine Nachwirkung des Unfalls, sondern hängt mit seinem Parkinson zusammen. Jedenfalls kann Anton sich auf den Beinen halten, und Schmerzen scheint er auch nicht zu haben, mehr muss Albin im Moment nicht wissen.

Alla hopp.

Als Nächstes friemeln Albin und der Champ Antons Rollstuhl aus dem Wagen. Auch der hat nichts abgekriegt. Schwein gehabt. Sogar die Räder drehen noch einwandfrei. Schon ein starkes, stabiles Teil, das Albin da angeschafft hat. Hat er bei Ebay geschossen. Auch quasi umsonst, auch eine geniale Aktion, und auch die hat Heidrun nie richtig gewürdigt, wie immer halt. Anton dagegen, der weiß schon, was er an seinem Turbo-Rolli hat, auch wenn er es nicht mehr so ausdrücken kann. Und Anton weiß natürlich auch, was er an Albin hat. Meistens jedenfalls. Wenn der Parkinson ihn grad mal in Ruhe lässt.

Der umgestürzte Libero liegt im Gras wie ein illegal entsorgter Kühlschrank. Ab und zu knackt etwas in seinem Inneren. Aber er sieht erstaunlich unversehrt aus. Seit acht Jahren tut er nun schon seinen Dienst. Dabei hat er nicht viel gekostet. Und für das Geld ist er bislang prima gelaufen, vor allem viel, bald zweihunderttausend   Kilometer hat er nun auf dem Tacho. War auch schon fast acht Jahre alt, als Albin ihn anschaffte. Als abzusehen war, dass Anton mit der Zeit dauerhaft einen Rollstuhl brauchen würde. In einen Profi-Libero passen nämlich beide hinein, Rollstuhl mitsamt Anton, weil das Modell keine hinteren Sitzreihen hat, sondern einen Laderaum, der sogar ein bisschen was hermacht, denn er ist mit Buchenholz furniert. Da rollt man den Rollstuhl rückwärts rein und setzt anschließend den Anton hinein. Die Gurtvorrichtung, die Albin da angebracht hat, um die beiden zu fixieren, damit sie während der Fahrt nicht hin und her rollen, hat Albin sich wirklich fein ausgedacht, richtig pfiffig ist sie, das hätte ein professioneller Schrauber auch nicht besser hinbekommen.

Aber so was sieht Heidrun ja nicht.

Doch auch wenn sie Albin jetzt nicht gerade dafür gelobt hat, weder für die Anschaffung noch für die behindertengerechte Eigenkonstruktion, froh ist sie doch, dass ihr Vater dadurch ratzfatz transportbereit ist. Andernfalls müsste der Rollstuhl doch jedes Mal zusammen- und hinterher wieder aufgeklappt werden. So können sie wunderbar kurze Strecken fahren, längere eher nicht, denn der Polizei würde Albins Konstruktion kaum gefallen, wenn sie in eine Kontrolle gerieten, von wegen TÜV-Zulassung und so. Aber sie fahren ja nur kurze Strecken, mal zum Arzt, mal in den Wald zum Spazierengehen, oder uff de Betze natürlich, wen interessiert’s also. Anton ist bestimmt froh, dass er sich so ratzfatz verladen lässt. Wenn sie mit dem Champ unterwegs sind, sowieso. Denn dann muss Anton nicht mal aus dem Rollstuhl aufstehen, wenn Albin oder Heidrun ihn in den Libero hineinschaffen, denn mit dem Champ zusammen heben sie beide gleichzeitig hinten rein. Wenn’s uff de Betze geht, oder, wie heute Abend, zum Werner.

Einen anderen Wagen, der so perfekt zum Behindertentransport taugt, ohne Spezialumbau, gibt’s in dieser Preisklasse jedenfalls nicht, beziehungsweise hat es nicht gegeben, denn ob sich das gute Stück von diesem Sturz jetzt erholt, ist noch längst nicht ausgemacht. Als Gebrauchter mit acht Jahren auf dem Buckel hatte er praktisch gar nichts mehr gekostet, denn über den Tisch ziehen ließ Albin sich auch nicht, er hatte sofort gesehen, dass der Verkäufer den Wagen auf jeden Fall loswerden wollte, weil er mit dem Rost nicht mehr klarkam. Im Februar hat er sogar noch mal TÜV gekriegt, weil Bernd, sein Schrauber, die porösen Stellen mit Blechplatten verstärkt hatte. So hatten sie zwei weitere Jahre gewonnen, und der Plan war eigentlich, bis dahin abzuwarten, wie es mit Anton weitergeht. Ob er dann überhaupt noch da ist.

Und nun? Wie geht’s weiter? Albin blickt den Champ an.

Doch der steht einfach nur da und sagt keinen Ton. Wie immer. Wartet einfach auf die nächste Ansage. Weil Albin derjenige ist, der die Ansagen macht. So ist das nun einmal geregelt zwischen ihnen. Nicht, dass Albin sich das so ausbedungen hat. Es hat sich einfach so eingespielt. Wenn überhaupt, ist es eher der Champ gewesen, der entschieden hat, Albin ist der Boss, und ich, der Champ, tue, was Albin sagt. Weil der Champ lieber Ansagen entgegennimmt als selber welche macht, wahrscheinlich konnte er nur so ein so guter Boxer werden. Weil er den richtigen Trainer hatte und immer auf ihn gehört hat.

De Betze war schließlich auch immer nur gut, wenn er den richtigen Trainer hatte.

Manchmal aber ist es ganz schön blöd, derjenige sein zu müssen, der die Ansagen machen muss. Jetzt zum Beispiel.

Was, wenn sie ihn einfach wieder aufstellten? Und dann starten und losfahren würden, als wäre nichts geschehen? Wär den Versuch wert. Albin wiegt den Kopf: Ob er und der Champ das schaffen, allein? Sie könnten vielleicht auch noch ein paar Minuten warten, bis das nächste Auto des Weges kommt. Das könnten sie anhalten. Vielleicht sitzen da ja zwei kräftige Kerle drin, die ihnen helfen könnten.

Albin nimmt noch einen weiteren tiefen Zug Luft. Riecht gut, die Wiese. Ist überhaupt eine schöne Nacht.

Anton hustet. Hoffentlich erkältet sich der Alte jetzt nicht. Und holt sich so den Tod, nachdem er diesen Unfall unbeschadet überstanden hat. Dann schlägt Heidrun Albin erst recht tot. Tut sie wahrscheinlich sowieso. Dass Albin für diesen Unfall nichts kann, aber so was von, dass Albin ihrem Vater, dem Champ und sich selbst sogar das Leben gerettet hat, weil er phantastisch reagierte und den Libero von der Straße riss, ehe es zum Frontalcrash kam – das kapiert Heidrun doch nicht. Sie sieht immer nur den Schaden, der entstanden ist, für den ist immer Albin verantwortlich, egal, was passiert ist, und egal, wie es passiert ist.

Ist doch immer dasselbe.

Albin greift in seine Jackentasche. Sein iPhone steckt noch drin, erstaunlich eigentlich, dass es nicht rausgerutscht ist, als der Libero umkippte. Wär ’ne schöne Scheiße, wenn sie jetzt, im Dunkeln, auch noch sein Handy suchen müssten. Denn der Champ hat kein Mobiltelefon, und Antons Handy haben sie zu Hause vergessen. Auch dafür droht Albin ein Anschiss. Das heißt, mit ein wenig Glück entfällt der vielleicht, wegen Geringfügigkeit, angesichts dessen, was heute Abend sonst noch geschehen ist.

Albin starrt auf sein iPhone.

Und? Wen willst du nun anrufen?

Als ließe sich die Antwort irgendwann auf dem Display ablesen.

Doch da steht nichts. Da ist nichts zu sehen außer diesen vielen Logos, auf die sich drauftapsen lässt, damit sich die ganzen Programme öffnen, die auf dem Ding gespeichert sind. Apps nennt man die. Schon irre. Telefonieren ist nur noch eins von vielen Dingen, die diese Geräte beherrschen. Albin hat sich vor kurzem so ein iPhone zugelegt, das gerade neu auf den Markt gekommen. Heidrun fand’s natürlich blöd, unfassbar, dass du dein Geld für so einen Scheiß ausgibst, das Übliche halt. Heidrun besitzt natürlich noch so ein Mobiltelefon, das nur telefoniert und fertig. Okay, so ein paar Dinge zusätzlich kann es wahrscheinlich auch, wecken und so, aber die nutzt Heidrun nicht. Da aber kann Albin doch nichts für. Und für das iPhone hat er noch nicht einmal unnötig Geld ausgegeben, grad mal ein Euro hat er bezahlt, dafür musste er nur seinen Handy-Vertrag um zwei Jahre verlängern. Dadurch erhöht sich zwar die monatliche Grundgebühr um zehn oder zwanzig Euro, aber das muss Heidrun ja nicht wissen.

Doch auch keine der vielen Apps auf seinem iPhone kann ihm verraten, wen er nun anrufen soll.

Die Polizei?

Mach dich doch nicht lächerlich.

Albin hat fünf Weinschorle intus. Oder sind es sechs? Richtig, sechs. Die erste hat er noch zu Hause gepetzt. Anton hatte er auch eine eingeschenkt, aber nur eine ganz dünne, wegen der Medikamente, die der Alte nehmen muss. Anschließend bei Werner hat Albin insgesamt fünf Weinschorlen abgepumpt. Scheiß doch drauf, morgen spielt de Betze, und morgen geht’s um alles. Und sie sind dabei, in Block 4.2. Da muss man sich doch einstimmen. Und für Anton ist es vielleicht das letzte Mal, dass er ein Spiel miterlebt, wer weiß das schon. Vielleicht ist es auch das letzte Mal, wo er ein Spiel miterlebt, während dem er noch einigermaßen mitbekommt, was abgeht. Eines, an das er sich noch eine Weile ganz bewusst erinnern kann. Denn bald wird es ja so sein, dass der Parkinson aus seinem Hirn eine Wäschetrommel macht, in der sich die Erinnerungsbilder drehen und drehen, ohne dass er kontrollieren kann, welche hochkommen und welche nach unten abgedrängt werden.

Und an das Spiel morgen soll sich Anton noch so lange erinnern können, wie es irgend geht. Sofern de Betze gewinnt, natürlich. Aber das muss er, egal wie.

Wär ja sonst auch nicht zum Aushalten. Wenn de Betze sich morgen aus der großen Fußballwelt verabschiedet und zeitgleich auch Antons Geist in der Dunkelheit versinkt – unvorstellbar. Nach all den großen Zeiten, all den großen Spielen, die Anton uffem Betze erlebt hat.

Seit Anfang neunzig sitzen sie gemeinsam in Block 4.2. Anton hatte schon zuvor dort gesessen, Albin dagegen stand in seinen ersten Jahren am Betze noch in der West, die ganz am Anfang noch eine Kurve, keine Tribüne war. So haben sie, noch ohne einander zu kennen, beide damals das Fünfnull gegen Real Madrid gesehen, doch, doch, de Betze hat die Königlichen mal fünfnull geschlagen, das glaubt dir von den Jungspunden heute keiner mehr. Zweiundachtzig war das. Der schlaue Funkel traf gleich zwei Mal, der feinfüßige Bongartz einmal, ebenso netzten der stets einen Tick zu hektische Eilenfeldt und der immer wohlfrisierte Geye. Albin stand mit seinen Kumpels in der West, es war die Zeit, in der sie ihre ersten Autos fuhren, die Karten hatten sie sich schon Wochen vorher in der Stadt besorgt.

Anton war sogar schon beim Siebenvier gegen die Lederhosen dabei, dreiundsiebzig. Das hat Anton Albin gleich am ersten Abend erzählt, als sie sich kennenlernten, als Heidrun ihn, Albin, zum ersten Mal mit nach Hause brachte, in der Winterpause neunundachtzigneunzig. Heute behaupten Hunderttausende, beim Siebenvier gegen die Lederhosen dabei gewesen zu sein, aber Anton war tatsächlich dabei, und da hat sich Albin noch an diesem Abend gedacht, das wär doch ein Schwiegervater für mich, obwohl es mit Heidrun und ihm damals längst noch nicht so weit war. Und de Betze war damals Siebzehnter, es sah also gar nicht gut aus.

Im Februar danach schmiss er dann aber den Trainer Roggensack endlich raus, nullvier hatte der auf dem Waldhof verloren, nullvier! Auf dem Waldhof! Und wen holte de Betze zurück? Kalli. Und alles wurde gut. Auch mit Heidrun und Albin war es in diesem Februar schon viel fester geworden und am siebzehnten März gingen Albin und Anton das erste Mal gemeinsam uff de Betze, saßen nebeneinander in Block 4.2, gegen Bochum, es war das dritte Spiel mit Kalli als Trainer, und wie ging’s aus? Zweieins für de Betze. Anschließend gewann Kalli noch drei Mal hintereinander, de Betze kletterte auf Rang elf und vorbei war’s mit der Abstiegsangst. Und im Mai fuhren Albin und Anton gemeinsam nach Berlin, im Fanbus, denn Kalli hatte de Betze auch noch ins Pokalfinale geführt – und gewann gegen Bremen, dreizwei, Labbadia und Kuntz machten die Tore, und nach jedem Treffer tanzten die beiden gemeinsam auf der Aschenbahn.

Einundneunzig waren Albin und Anton gemeinsam in Köln, am letzten Spieltag, da ging es um nichts weniger als die Deutsche Meisterschaft, sechszwei de Betze die Geißböcke vom Platz gefegt, zwei Mal Haber, zwei Mal Winkler, Dooley und Schupp, und damit Kalli de Betze zum Meister gemacht, zum ersten Mal nach siebenunddreißig Jahren wieder. Albin rannte mit aufs Feld, als die Fans nach Schupps Sechszwei das Spielfeld stürmten, obwohl da eigentlich noch gar nicht abgepfiffen war, nicht auszudenken, wenn das Spiel daraufhin nicht gewertet worden wäre. Sechsundneunzig waren sie natürlich wieder in Berlin dabei, beim nächsten Pokalfinale, wieder Sieg, einsnull gegen Karlsruhe, Wagner hatte das Tor gemacht. Dumm nur, dass de Betze in der Saison zuvor abgestiegen war, ausgerechnet in dem Jahr, in dem Albin und Heidrun heirateten.

Doch nur ein Jahr später kehrte de Betze zurück, diesmal von König Otto regiert, und auch beim finalen Siebensechs gegen Meppen waren Albin und Anton dabei. Was für ein Ergebnis: siebensechs! Doch das war nicht gegen das, was siebenundneunzig geschah. Schon zum Saisonauftakt gewann de Betze bei den Lederhosen einsnull, Schjönberg nach Freistoß vom überragenden Sforza, und in der Rückrunde schlug de Betze die Lederhosen zu Hause, einen Tag vor Nikolaus, zweinull, Eigentor Hamann und Hristov. Und im Februar, am Valentinstag, am Tag der Verliebten, Heidrun war stinksauer, weil Albin sie allein ließ, fuhren Albin und Anton nach Stuttgart, einsnull, wieder Hristov. Und natürlich saßen sie auch am dreiundreißigsten Spieltag in Block 4.2, als de Betze alles klar machte, gegen Wolfsburg, viernull, Wagner, Rische und zwei Mal Marschall, der Fußballgott.

Auch die Jahre danach haben sie kein Spiel versäumt, auch wenn de Betze nie mehr so weit oben angreifen sollte. Bei Heimspielen saßen sie in Block 4.2, die Auswärtspartien verfolgten sie gemeinsam vor der Glotze. Meistens jedenfalls. Bei wirklich wichtigen Partien waren sie auch in der Fremde immer dabei.

Nur nicht am dreizehnten Mai zweitausendsechs. In Wolfsburg. Als es wieder mal um alles ging.

Albin war dabei, aber Anton nicht. Das Spiel endete zweizwei. Das reichte nicht. De Betze stieg in die Zweite Liga ab.

Und nun, nur zwei Jahre später, droht der nächste Sturz. Das kann, das darf nicht sein. Aus der Dritten Liga käme de Betze niemals mehr zurück. Darum darf Anton morgen in Block 4.2 auf keinen Fall fehlen. 

Doch wenn Albin nun die Bullen ruft, hat er keine Chance, dabei zu sein. Denn die werden kommen und sich erst mal blöd angucken, wenn Albin seine Geschichte erzählt von dem scheiß Dreier-BMW, der plötzlich vor ihm auftauchte und mit dem er einen Frontalzusammenstoß nur vermeiden konnte, indem er seinen Libero von der Straße riss, während der scheiß Dreier-BMW einfach weiterfuhr und wieder verschwand, als hätte die Nacht ihn einfach nur mal schnell ausgekotzt und gleich wieder gefressen, als wäre sie ein räudiger Hund.

+ + +

Doch das werden ihm die Bullen nicht glauben. Sie werden ihn blasen lassen, in ihr komisches Plastikkästlein mit dem Mundstück, und die roten Drähtchen auf dem Display werden ihnen Albins Promillewert präsentieren, und die erste Ziffer wird eine „1“ sein. Dann werden die Bullen ihn mitnehmen, aufs Revier, und eine verbitterte diensthabende Ärztin, der es nicht gelungen ist, mehr aus sich und ihrem Medizinstudium zu machen, wird ihm eine Blutprobe abnehmen und blöde Fragen stellen. Den Rest der Nacht wird Albin dann in einer Ausnüchterungszelle verbringen. Anton wiederum werden die Bullen nach Hause fahren, zu Heidrun, die ausflippen wird, erst recht, weil ihr niemand korrekt schildern kann, was geschehen ist. Anton  nicht, weil er nicht mehr alles zusammenbekommt, der Champ nicht, weil er keine komplexen Zusammenhänge erklären kann, die Bullen nicht, weil sie Albin ja nicht geglaubt haben. Und Heidrun würde ihm natürlich auch nicht glauben, aber von ihm könnte sie die wahre Geschichte wenigstens einmal zu hören bekommen. Heidrun wird Anton Bettruhe verordnen und Hausarrest, und wenn Albin morgen irgendwann nach Hause kommt, wird es ein Donnerwetter geben, wie es noch nie eines gegeben hat, und sie wird verkünden, dass er Anton nicht nur zu diesem Spiel nicht, sondern nie mehr mitnehmen werde uff de Betze. Albin wird sich natürlich dagegen wehren, wird argumentieren, dass sie damit ja Anton bestrafe und nicht ihn, doch sie wird dagegenhalten, dass Anton sich das Spiel ja auf Sky angucken könne, denn schließlich bezahlten sie für dieses scheiß Pay TV … Menschen wie Heidrun begreifen es eben nicht und werden es nie begreifen: In der Glotze guckt man, wenn überhaupt, nur Auswärtsspiele. Wenn de Betze uffem Betze spielt, hat man uffem Betze zu sein, Anton vor allem, weil de Betze nur mit ihm gewinnt.

Denn Anton braucht de Betze, und de Betze braucht Anton. Wenn Albin auch sonst nichts weiß, das weiß er. Ohne Anton hat de Betze morgen keine Chance. Drum muss Anton uff de Betze, und er, Albin, muss ihn dahin bringen. Das ist seine Pflicht, seine Mission, die muss er erfüllen, unbedingt.

Also keine Bullen.

Aber wen soll er sonst anrufen?

Heidrun etwa?

Noch blöder, die Idee. Die rastet sofort aus, wenn sie hört, was mit dem Libero geschehen ist. Albin könnte dann morgen zwar uffem Betze sein, weil sie ihn noch heute rausschmeißen würde, Anton aber nicht. Für den würde sich nichts ändern: Bettruhe, Hausarrest, Sky statt Betze. Außerdem hätte Heidrun ja gar kein Auto, um sie aufzulesen. Sie müsste erst eine Freundin aus dem Bett klingeln, und ihre Wahl würde mit Sicherheit auf die nervigste und hysterischste von allen fallen, auf Karla. Und dass ausgerechnet die heute Nacht hier vorfährt, muss nun wirklich nicht sein. Denn sie hielte auch nicht mit Ratschlägen hinterm Berg, wie Heidrun mit ihm, Albin, dem Saufkopp, zu verfahren hätte … Karla hat nämlich keine Hemmungen, gegen ihn abzuledern, selbst wenn er unmittelbar daneben steht.

Noch jemand, den er anrufen könnte?

Werner vielleicht?

Okay. Er könnte Werner anrufen. Der wird sein Lokal bestimmt ohnehin bald zusperren, vielleicht hat er es ja auch schon getan. Heute Abend schaut eh niemand mehr bei ihm vorbei. Was eigentlich eine Schande ist, an einem Samstag, kurz vor Mitternacht. Ist halt nichts mehr los mit der Bagage hier …

Werner könnte sie vielleicht nicht nur abholen, vielleicht ließe er sie auch bei sich übernachten. Und Albin könnte Heidrun anrufen und ihr sagen, er habe ein paar Gläser zu viel erwischt und wolle nicht mehr fahren. Und morgen früh überredet Albin Werner, ihnen seinen Wagen zu leihen. Die Information, was mit dem Libero geschehen ist, ließe sich mit etwas Glück bis morgen nach dem Spiel zurückhalten, was danach geschieht, ist eh egal.

Vielleicht kann er Werner sogar überzeugen mitzukommen. Oder er bietet Werner Geld dafür an, ihm den Wagen zu leihen, irgendwo wird er schon noch was zusammenkratzen. Warum soll Werner nicht gegen Geld seinen Wagen verleihen, der macht schließlich aus allem ein Geschäft. Oder er fragt Werner, ob er ihnen ein Auto organisieren kann, ebenfalls gegen Geld. Werner kennt ja Hinz und Kunz. Und den Libero lassen sie einfach hier liegen. Vielleicht decken sie ihn noch ein wenig ab, damit er von der Straße aus nicht zu sehen ist, auch morgen früh nicht, wenn es hell wird. Und irgendwann nach dem Spiel, in der Nacht zum Montag, schaffen sie den Libero dann irgendwie weg.

Klingt doch gar nicht so schlecht. Also, Werner anrufen?

Albin beginnt, sich in seinen eigenen Überlegungen zu winden. Ist schon ganz schön viel, was er da von Werner verlangt. Ist Werner wirklich ein so guter Freund? Er ist ihr Wirt, sie sind seine Stammgäste, deswegen behandelt er sie wie Freunde. Solange sie bei ihm saufen und ihr Geld bei ihm lassen. Sicher, manchmal schmeißt auch Werner eine Runde, denn knauserig ist er nicht. Aber ein Freund?

Und wenn er Werner erzählt, was geschehen ist, wie wird er reagieren? Freunde lügt man nicht an, man sagt ihnen immer die Wahrheit.

Vielleicht will Werner dann da nicht mit reingezogen werden, immerhin kommt da ja ein bisschen was zusammen, Unfallflucht ist das ja irgendwie schon, wenn sie sich jetzt vom Unfallort verkrümeln, dazu Trunkenheit am Steuer ... Auch Werner ist kein Heiliger, der hat schon ganz andere Dinge gedreht, den hatten sie mal dran wegen Hehlerei. Gerade deswegen aber will er sich wahrscheinlich nicht mehr in solche Geschichten hineinziehen lassen, auch nicht von Stammgästen …

Also, Werner besser auch nicht.

Und welche Freunde hast du sonst noch, Albin?

Freunde hattest du früher vielleicht mal, als du dein Geschäft noch hattest. Oder waren das vielleicht doch nicht eher nur gute Kunden, die freundschaftlich mit dir umgegangen sind?

Eigentlich hast du nur einen richtigen Freund. Und der steht neben dir. Der Champ.

Also mach mal halblang mit jemanden anrufen.

Was aber sonst tun? Weiter warten, bis jemand vorbeikommt und sie mitnimmt? Aber wer pickt schon mitten in der Nacht drei Typen auf, die gerade ihr Auto gecrasht haben und lieber von der Bildfläche verschwinden möchten, statt die Polizei zu rufen? Von denen einer auch noch halb dement ist und im Rollstuhl sitzt?

Davon abgesehen: Bis hier mal wieder einer vorbeikommt, das kann dauern.

Und wenn du dir einfach ein Taxi rufst? Das kann ebenfalls dauern in dieser gottverlassenen Gegend. Und der Taxifahrer wird sich die gleichen Gedanken machen, wenn er sie drei sieht.

Es ja gar nicht mehr weit zum nächsten Ort. Albin ist einigermaßen gut zu Fuß, auch wenn es ihm niemand zutraut mit seinen einhundertzehn Kilo. Der Champ sowieso. Anton hat seinen Rollstuhl, kann also gefahren werden. Er kann darin sogar pennen, wenn er will, während Albin schiebt.

Im Ort könnten sie dann zum Bahnhof gehen. Und auf den ersten Zug am Sonntagmorgen warten. Von unterwegs könnte er Heidrun anrufen und ihr erzählen, dass sie bei Werner pennen, die prüft das schon nicht nach. So zwischen fünf und sieben Uhr morgen früh dürfte wieder ein Zug fahren. Allerdings ist die Bahnverbindung uff de Betze nicht die beste, nicht von hier aus, nicht aus dem tiefen Wald heraus. Die Züge rollen erst in den Osten, ins Rebenland, dann rauf in den Norden und schließlich nach Westen. Wahrscheinlich müssten sie auch ein paar Mal umsteigen. Sie wären stundenlang unterwegs und wahrscheinlich erst am Nachmittag uffem Betze. Bis zum Anpfiff könnten sie es zwar bis Block 4.2 schaffen, aber trotzdem …

Ist irgendwie auch Scheiße.

Albin flucht.

Absichts- und gedankenlos tapst Albin auf die Kompass-App, malt eine Acht in die Luft, damit diese sich einnordet. Dann schaut er wehmütig in die Richtung, in die die virtuelle Nadel zeigt. De Betze liegt von ihnen aus auf einer fast geraden Linie Richtung Norden. Da drüben, hinter den sieben Bergen, erhebt sich de Betze, stolz und mächtig, schicksalsträchtig …

Luftlinie beträgt die Entfernung von ihrem aktuellen Standort grade mal vierzig Kilometer und ein paar Zerquetschte. Bis zum Spiel sind es noch fast vierzehn Stunden. Eine Ewigkeit, und dennoch scheint es keine Möglichkeit zu geben, diese lächerliche Distanz in dieser Zeit zu überbrücken.

Das darf doch nicht wahr sein.

Albins Blick heftet sich immer sehnsüchtiger an den Horizont. Bis seine Augen zu Glas werden.

Da!

Da blinkt was. Im Norden. Exakt überm Betze.

Ein Ami-Flugzeug, oder?

Aber es bewegt sich nicht. Das blinkende Licht bleibt einfach auf der Stelle stehen. Und es blinkt eigentlich auch gar nicht. Es ist einfach ein gelber Punkt am Firmament, der heller strahlt als alle anderen.

Ein Satellit vielleicht. Doch auch der würde blinken. Oder irgendwie anders leuchten.

Also doch ein Stern. Aber was für einer.

Albin bestätigt es sich mit einem weiteren Blick auf die Kompass-App. In der Tat: Der Stern leuchtet im Norden, exakt überm Betze. Kein Zweifel …

Komm, hör auf, Albin. Das bildest du dir ein. Du bist besoffen, vergiss das nicht.

Versuch lieber, den Libero doch irgendwie aufzustellen, und du wirst sehen, er wird anspringen und ihr könnt damit einfach wegfahren. Die simplen Lösungen erweisen sich am Ende doch immer als die besten.

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Es ist zum Verrücktwerden. Zum Mit-dem-Kopf-gegen-eine-Betonwand-Rennen. Zum Speien, zum „Scheiße“-Schreien.

Der Libero liegt leicht in der Schräge, seine Räder zeigen die Böschung hinauf. Ihn gegen die Neigung aufzurichten, ist mit zwei Mann unmöglich. Rollen sie ihn vom Hang weg, müssten Albin und der Champ ihn um die eigene Achse drehen, ihn erst aufs Dach stellen, dann auf die Seite klatschen lassen und erneut aufstellen. Selbst wenn sie das hinbekämen, würde er dabei wohl erst recht kaputtgehen. Sofern er das nicht bereits ist.

Hat sich denn alles gegen ihn verschworen?

Durchgeschüttelt von dieser Wut, die sich durchs Bauchfell frisst, weil sie nicht weiß, gegen wen sonst sie sich richten soll, blickt Albin abermals gen Norden. Der Stern leuchtet noch immer, immer noch über der gleichen Stelle, überm Betze … Doch, doch, so langsam kannst du es nicht mehr vor dir selbst verleugnen, die virtuelle Kompassnadel lügt nicht …

Anton haben sie eine von den Andurln in die Hand gedrückt, die sie bei Werner mitgenommen haben. Ein Stück Zwiebelbrot hat Albin ihm auch gereicht. Einfach abgebrochen vom frischen Laib.

Bekommst du längst nicht mehr überall, so eine Andurl und so ein Zwiebelbrot. Nur bei ausgesuchten Metzgern und Bäckern, Werner weiß natürlich bei welchen, irgendwo auf der Höhe besorgt er sie und vertickt sie unter der Hand an seine – ebenfalls ausgesuchten – Stammgäste. Zwiebelbrot und Andurln waren eigentlich als Wegzehrung für morgen gedacht, dazu haben sie bei Werner eine Palette Büchsenbier eingeladen, Parkbräu, kriegst du auch nicht immer überall, aber es muss nun einmal Büchsenbier sein, wenn es uff de Betze geht, Tradition ist Tradition. Vor allem, weil Anton nichts mehr so vertraut ist wie Tradition, die sich verputzen lässt. Albin weiß das. Das Hirn des Alten mag langsam zu Mus werden, aber sein Gaumen vermag immer noch zu unterscheiden, was gut ist und was nicht. Und diese Andurln sind gut, verdammt gut, und Zwiebelbrot und Parkbräu-Dosenbier ebenfalls. Obwohl das Dosenbier eher eine Referenz an den Champ ist. Womöglich interessiert ihn das sogar noch mehr als Fußball, aber egal. Albin weiß natürlich um die Probleme, die der Büchsenmüll verursacht, nicht, dass er Ökofreak ist, doch wo sich mit Sinn und Verstand was tun lässt gegen Umweltverschmutzung, da ist er schon dabei. Normalerweise. Doch der Champ steht auf Dosenbier, und der Champ ist sein Freund.

Anton beißt knackend ein Stück von seiner Andurl ab. Bald hat er sie auf. Schon klar, er frisst mehr aus Nervosität denn aus Appetit. Wahrscheinlich weiß das noch funktionierende Stück Resthirn in seinem Schädel immer noch nicht, was es von dieser Geschichte halten soll, die sich da gerade abspielt. Wahrscheinlich wird er sofort wieder quengelig, wenn er die Andurl vertilgt hat, da ist er wie ein kleines Kind, wenn es nichts mehr zu tun hat, wird es quengelig. Ihm noch eine Andurl in die Hand zu drücken, kommt aber nicht in Frage. Dann wären ja schon zwei weg, und wer weiß, wann Werner wieder mal welche besorgen kann. Und ein bisschen was will Albin ja auch davon abhaben, denn er liebt diese kräftige, dicke Wurst, auf die sich nur noch wenige Metzger verstehen, da das Rezept nach alter Tradition nur von den Lippen des Metzgervaters ans Ohr des Metzgerbuben weitergegeben wird. Rind-, Schweinefleisch und Speck sind jedenfalls drin, dazu Kesselbrühe, und dann ist die Wurst in Buchenholz geräuchert worden. Albins Magensäfte beginnen sich schon zu rühren, wenn er nur daran denkt. Dass er nun auch noch zusehen muss, wie Anton sich den letzten Zipfel der ersten Wurst einverleibt, macht die Sache nicht besser.

Mein Gott, wenn er auch sonst nichts mehr kann, fressen kann er noch, der Alte.

Albin entschließt sich, ihm nun eine Dose Bier in die Hand zu drücken. Die soll er saufen, Medikamente hin oder her, irgendwie muss er den Alten ruhighalten, denn wenn der jetzt auch noch nervt, dreht Albin vollends durch.

Verzweifelt schaut er ein weiteres Mal nach Norden. Der Stern leuchtet weiter, fast scheint es, noch ein Stück heller als zuvor ...

Kann es denn wirklich sein? Kann es wirklich sein, dass hier irgendjemand – sprechen wir es ruhig aus: eine höhere Macht – ihm sagen will: Trau dich! Tu es! Mach es!

Aber soll das gehen? Mit Anton im Gepäck?

Gut, es sind nur vierzig Kilometer. Und noch vierzehn Stunden Zeit. Doch dazwischen liegt nichts als Wald. Sehr viel Wald. Zu viel Wald. Tiefschwarzer Wald, durch den niemals durchzufinden ist, nicht mitten in der Nacht.

Obwohl: Da sind doch überall Schilder für Wanderer angebracht. Und es gibt Lampen im Libero. Und du hast so eine Navigations-App auf dem iPhone.

Vergiss es. Du bist besoffen. Oder zumindest angetrunken.

Andererseits: Sie sind Kinder dieses Waldes, mehr oder weniger. Er kann ihnen doch keine Angst machen, so schwarz und bedrohlich er sich auch zeigt in der Nacht, es ist der gleiche Wald wie am Tag. Der Wald, der ihnen und ihren Vorfahren immer Schutz gewährt hat, über Jahrhunderte hinweg. Der Wald, aus dem sie doch alle stammen, in dem sie gelebt haben, sich an Ästen vorwärts geschwungen haben wie die Affen, bis sie irgendwann aus ihm herausgekrochen sind, vor Abertausenden von Jahren, um in den Ebenen das aufrechte Gehen zu lernen, das Geschäftemachen und das Jemand-anders-als-die-eigene-Blutsverwandtschaft-Vögeln. Und auch als sie ihre Dörfer und Städte errichtet hatten, sind sie immer wieder in den Wald zurückgekehrt, um sich Wild zu schießen, Beeren zu pflücken und Holz zu schlagen. Und wenn Mördervolk durch die Lande zog, sind sie aus ihren Häusern geflüchtet und haben sich im Wald versteckt, manchmal wochenlang. Es gab für sie nie einen sichereren Ort als den Wald, und keinen, wo sich länger und leichter überleben ließ.

Nicht umsonst hat auch Atze, als er uffem Betze noch das Zepter schwang, einmal die Worte gesprochen: „Wenn es uns schlecht geht, müssen wir in den Wald, um unsere Wunden zu lecken. Und wenn es uns dann wieder gut geht, kommen wir raus und hauen den Großen auf den Kopf.“

So sind wir Waldmenschen, genau so. Wie Robin Hood. Der Wald macht uns keine Angst, selbst in seiner tiefsten Dunkelheit nicht. Da mögen andere ihm noch so viel Unheimlichkeit angedichtet haben, wohlgemerkt: angedichtet. Die ganzen Geschichten um Elfen, Trolle und zahnlose Hexen, die im Wald hausen. Alles Blödsinn, nichts als Hirngespinste. Herausgehört aus dem Rauschen der Baumwipfel oder Fehlwahrnehmungen in trügerischem Licht, wenn die Sonne nur in ungeordneten Strahlenbündeln in den Wald hineinleuchtet. Ganz zu schweigen vom Nebel, in dem alle möglichen Schemen ausgemacht werden, wenn er durch den Wald wabert, vor allem in der Dämmerung. Hexenweiber, Fabelwesen oder Wiedergänger, manchmal sind sie kaum zum Aushalten, die Gruselmärchen, die vor solcher Kulisse schon gesponnen worden sind. Und gefräßiges Getier, vor dem sich der Mensch fürchten muss, haust im Wald schon lange nicht mehr. Es gibt überhaupt kein Getier mehr, vor dem der Mensch sich fürchten muss, eher umgekehrt.

Da kann der Wald in der Nacht also noch so tiefschwarz sein und bedrohlich wirken, fürchten müssen sie ihn nicht.

Albin blickt erneut auf sein iPhone. „Google Maps“ heißt diese Navigations-App. Auf der ist ein blauer Ball, der sich über eine Landkarte bewegt. Auf der sind nicht nur Straßen, sondern auch Wanderwege eingezeichnet. Und die führen wesentlich gradliniger durch den Wald.

Albin setzt seinen Standort ins Startkästchen und tippt als Ziel den Betze ein.

Tatsächlich: Mit dem Auto sind es fast sechzig Kilometer, zu Fuß durch den Wald weniger als vierzig. Und sie haben immer noch vierzehn Stunden Zeit. Das sind weniger als drei Kilometer pro Stunde. Die ersten sechs, sieben Kilometer bewegen sie sich auf asphaltierten Wegen, da schaffen sie locker vier Kilometer. Theoretisch können sie sich also sogar die ein oder andere Pause gönnen. Theoretisch ...

Wenn die Wege zu schlammig werden für Antons Rollstuhl, klappen sie ihn einfach zusammen, einer trägt den Rollstuhl, der ist wirklich nicht schwer, und der andere Anton huckepack, das schaffen sie schon, Anton wiegt nicht mehr viel, Albin ist von Natur aus kräftig und der Champ immer noch gut durchtrainiert. Albin hat zwei ordentliche Handlampen im Auto, die hat er sich vor Jahren mal zugelegt, weil sie dann und wann nachts in den Wald fahren, um sich Brennholz zu besorgen. Sicherheitshalber können sie ja an der nächsten Tanke noch mal ein paar Batterien nachkaufen, damit ihnen nicht mitten im Wald der Saft ausgeht.

Und im Gepäck haben sie jetzt noch zwei Andurln, ein Pfälzer Zwiebelbrot und zweiundzwanzig Dosen Parkbräu. Einundzwanzig, denn eine hat Albin ja mittlerweile seinem Schwiegervater gereicht, und dem Champ drückt er am besten auch gleich eine in die Hand. Hat er sich schließlich verdient. Das macht noch zwanzig für unterwegs. Verhungern werden sie also nicht, verdursten erst recht nicht.

Je länger Albin drüber nachdenkt, desto überzeugter ist er: Es könnte funktionieren. Vielleicht würde er diesen Plan sogar für einen guten halten, wenn er nüchtern wäre.

„Champ?“, wendet Albin sich an den Freund.

Der schaut ihn nur wortlos an. Der Champ ist eben alles andere als ein Schwätzer.

„Was hältst du davon, wenn wir laufen?“

„Wohin?“, fragt der Champ.

„Uff de Betze.“

Der Champ zuckt nur mit den Achseln.

Dann ist es also entschieden. Albin schluckt. Hat nicht vielleicht ein Teil von ihm gehofft, der Champ würde Widerstand leisten, würde sagen, wie bitte, du bist verrückt, das kannst du doch nicht im Ernst meinen?

Egal. Sie werden laufen. Und es wird hart werden. Vor allem für Albin mit seinen einhundertzehn Kilo. Die unbarmherzig auf seine Knie drücken werden, auf die viel zu kleinen, bereits überlasteten Knorpel, die die Unterschenkelknochen abfedern sollen, die viel zu schief im Kniegelenk stecken, und auf seine platten, schrägen Füße, auf denen sich sein Gewicht völlig ungleichmäßig verteilt, das hat ihm ein Orthopäde mal bestätigt. Die Bänder und Sehnen werden sich dehnen, bis hoch zum Arsch, seine Füße und Gelenke werden schmerzen, mit jedem Schritt mehr, vor allem, wenn es bergauf geht, und er wird zu schwitzen beginnen und die Luft wird ihm wegbleiben. Und es wird oft bergauf gehen, da täuscht die Landkarte mit dem blauen Ball auf seinem iPhone, darüber ist Albin sich im Klaren, denn auf diesem Bildschirm sieht alles nur flach aus.

Aber er wird durchhalten. Weil er durchhalten muss. Sie werden morgen, vierzehn Uhr, im Block 4.2 sitzen. Und de Betze wird gewinnen, nicht absteigen und weiterbestehen. Weil er Anton mitgebracht hat. Das ist seine Mission, und die wird er erfüllen.

Und dieser Stern, der da überm Betze strahlt, ist keine Einbildung.

Man kann mal schlecht spielen, aber nie schlecht kämpfen. Hat Kalli immer gesagt. Also wirst du kämpfen. Und gewinnen. Den Schinken vom Giebel holen. Auch das hat Kalli immer gesagt.

Als sie sich auf den Weg machen, zeigt sich der Mond in seiner vollen Pracht und taucht ihre kleine Welt in ein tiefes Blau, vor dem sich ihre Silhouetten wie Scherenschnitte abzeichnen. Die füllige Statur des breitschultrigen Albin, die schmale, asketische und hochgewachsene des Champ, und, zwischen beiden, die kugelige Erscheinung des gebeugten Anton in seinem Rollstuhl.

Unter dessen Sitz verstaut ist eine Sporttasche mit zwei Andurln, einem Pfälzer Zwiebelbrot und zwanzig Dosen Parkbräu. Das heißt: Neunzehn, denn der Champ hat mittlerweile eine weitere geöffnet und trinkt von ihr, während er marschiert.

Außerdem hat Albin noch den Verbandskasten aus dem Libero genommen und unter dem Rollstuhlsitz verstaut. Eine spontane Eingebung, die er kurz vorm Aufbruch noch hatte. Zur Sicherheit. Eine Option für den Fall, dass es am Ende vielleicht doch ganz hart kommt, falls sich seine Idee als doch nicht so gut erweist, vielleicht sogar als gefährlich für ihn und seine Gefährten, insbesondere Anton. Weil sie sich vielleicht als Ausgeburt des Dämons Alkohol herausstellt, als Schnapsidee halt, die ihm da wieder einmal in den Kopf gefahren ist. Wie die vielen anderen, die er schon hatte. Wer sie alle aufgezählt haben möchte, braucht nur Heidrun zu fragen, die tut das mit Begeisterung.

Der Stern leuchtet immer noch überm Betze. Und, doch, er ist deutlich zu sehen, das ist kein Hirngespinst, das ist kein Streich, den ihm sein angetrunkener Kopf spielt. Da ist Albin sich absolut sicher. Im Moment jedenfalls. So einigermaßen.

Recht und Pizza

Lea wird diesen Dialekt nie verstehen. Was auch ein Schlaglicht auf ihre eigene große Lebenslüge wirft. Dass sie deswegen Uniform trägt, weil sie näher bei den Menschen sein will, ein echter Freund und Helfer eben. Als Kripo-Beamtin dagegen, was sie dank Abitur und Jurastudium ebenfalls sein könnte, wäre sie ja doch nur dazu da, die Menschen ihren Strafen zuzuführen, denn der Kripo-Beamte tritt immer erst auf den Plan, wenn die schlimmen Taten bereits begangen sind. Der Schupo dagegen, der hat manchmal wenigstens die Chance einzugreifen, wenn noch nicht alles entschieden ist, der kann noch dazwischengehen, zureden, einwirken, das Schlimmste verhindern, vielleicht.