Blood and Ash - Liebe kennt keine Grenzen - Jennifer L. Armentrout - E-Book

Blood and Ash - Liebe kennt keine Grenzen E-Book

Jennifer L. Armentrout

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13,99 €

Beschreibung

Poppy ist eine Auserwählte. Wenn sie den Segen der Götter erhält, wird sie die Einzige sein, die ihre Heimat vor dem Angriff des Verfluchten Königreiches retten kann. So will es die Tradition. So will es das Gesetz. Das Leben einer Auserwählten ist einsam. Niemand darf sie ansehen, geschweige denn mit ihr sprechen oder sie berühren. Eines Tages wird der attraktive Hawke – mit den goldenen Augen, dem frechen Grinsen und den provokanten Sprüchen – Poppys Leibwache zugeteilt, und sie merkt, dass es in ihrem Leben so viel mehr geben könnte als nur ihr Amt. Dass sie ein Herz hat, eine Seele und die Sehnsüchte einer ganz normalen jungen Frau. Als an den Landesgrenzen die Schatten der Verfluchten immer drohender werden, muss Poppy sich zwischen Liebe und Pflicht entscheiden ...

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Seitenzahl: 852

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Das Buch

Hawkes goldene Augen musterten meine Haare, und er nahm eine Strähne zwischen die Finger. Ich versteifte mich, als er sie ins Kerzenlicht hielt, sodass sie rotbraun glänzte. Er neigte den Kopf nach links. »Du bist definitiv nicht diejenige, für die ich dich gehalten habe«, murmelte er.

Die siebzehnjährige Poppy wünscht sich nichts mehr, als eine ganz normale junge Frau zu sein. Zu tanzen, zu lachen, Abenteuer zu erleben und sich zu verlieben. Nachts schleicht sie sich deshalb aus Burg Teerman davon, wo sie wie ein Vogel im goldenen Käfig gehalten wird. Denn Poppy ist auserwählt. Sobald sie volljährig ist, wird sie den Segen der Götter erhalten und das Königreich Solis in den Kampf gegen den dunklen Sohn, den Erben des verbotenen Reiches Atlantia, führen. Bei einem ihrer heimlichen Streifzüge ins Vergnügungsviertel der Stadt begegnet Poppy einem Fremden mit zerzausten dunklen Locken, goldenen Augen und einem schelmischen Grinsen, und zum ersten Mal seit Langem fühlt sie sich frei. Ungezwungen. Lebendig.

Als Poppy bald darauf mit Hawke einen neuen Leibwächter bekommt, traut sie ihren Augen kaum: Vor ihr steht kein Geringerer, als der Mann, mit dem sie so hemmungslos geflirtet hat, und sie beginnt ihre Stellung als Auswählte und die starren Regeln, die für sie gelten, zu hinterfragen. Dann wird Burg Teerman von der Armee des dunklen Sohnes angegriffen, und Poppy muss fliehen. Nur begleitet von Hawke und einigen wenigen Getreuen macht sich Poppy auf den Weg in die ferne Hauptstadt, doch ihre Feinde sind näher, als sie denkt …

Die Autorin

Jennifer L. Armentrout ist eine der erfolgreichsten Autorinnen der USA. Immer wieder stürmt sie mit ihren Romanen – fantastische, realistische und romantische Geschichten für Erwachsene und Jugendliche – die Bestsellerlisten. Ihre Zeit verbringt sie mit Schreiben, Sport und Zombie-Filmen. In Deutschland hat sie sich mit ihrer Obsidian-Reihe und der Wicked-Saga eine riesige Fangemeinde erobert. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Hunden in West Virginia.

JENNIFER L.

ARMENTROUT

BLOOD

AND ASH

LIEBE KENNT KEINE GRENZEN

Roman

Aus dem Amerikanischen übersetzt

von Sonja Rebernik-Heidegger

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe FROM BLOOD AND ASH

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Deutsche Erstausgabe 08/2021

Redaktion: Martina Vogl

Copyright © 2020 by Jennifer L. Armentrout

Copyright © 2021 der deutschsprachigen Ausgabe

und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT, München,

unter Verwendung des Originalentwurfs von Hang Lee

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-27350-7V001

www.heyne.de

Für dich, liebe Leserin und lieber Leser

1

»FINLEY WURDE HEUTE ABEND GEFUNDEN. Am Rand des Blutwaldes. Tot.«

Ich hob den Blick von meinen Karten und ließ ihn über die tiefrote Tischplatte zu den drei Männern auf der gegenüberliegenden Seite wandern. Ich hatte diesen Ort aus gutem Grund gewählt. Ich hatte … nichts gefühlt, als ich vorhin zwischen den vollbesetzten Tischen hindurchgeschlendert war.

Keinen Schmerz, weder körperlich noch psychisch.

Ich forschte für gewöhnlich nicht grundlos nach, ob jemand unter Schmerzen litt. Es wäre zu sehr einem Eindringen gleichgekommen. Doch in einem Trubel wie hier war es schwer, den Grad dessen zu kontrollieren, was ich mir zu fühlen erlaubte. Es gab immer jemanden, dessen Schmerz so tief ging und so roh war, dass die Qualen zu etwas Greifbarem wurden, sodass ich mich nicht einmal öffnen musste, um sie zu spüren, und sie nicht einfach ignorieren und hinter mir lassen konnte. Solche Leute projizierten ihr Leid auf ihre ganze Umgebung.

Trotzdem war es mir verboten, etwas dagegen zu unternehmen. Ich durfte nicht über die Gabe sprechen, die mir von den Göttern verliehen worden war, und ich durfte nichts tun, um die Qualen zu lindern, die ich spürte.

Nicht, dass ich immer das tat, was von mir erwartet wurde.

Offensichtlich.

Ich hatte mich bemüht, Leuten auszuweichen, die unter großen Schmerzen litten, und in Gegenwart dieser Männer spürte ich nichts, was angesichts ihres Berufs überraschend war. Die drei waren Wächter der Mauer, jener hoch aufragenden Wand aus Kalkstein und Eisen aus den Elysium-Bergen, die seit dem Ende des Krieges der zwei Könige vor vierhundert Jahren ganz Masadonien umgab. Und jede Stadt im Königreich von Solis wurde von einer solchen Mauer geschützt, und kleinere Ausführungen umgaben Dörfer, Trainingsplätze, die landwirtschaftlichen Gemeinschaften und andere, weniger dicht bewohnte Siedlungen.

Das, was die Wächter regelmäßig zu sehen bekamen, und das, was sie tun mussten, bereitete ihnen großes Leid – sei es aufgrund von Verletzungen oder von Dingen, die tiefer gingen als blutige Haut und gebrochene Knochen.

Doch heute Abend hatten sie nicht nur ihren Schmerz zurückgelassen, sondern auch ihre Uniformen. Stattdessen trugen sie weite Hemden und Hirschlederhosen. Allerdings wusste ich, dass sie auch außer Dienst stets wachsam blieben und ständig auf der Hut vor dem gefürchteten Nebel und dem Schrecken waren, den er mit sich brachte. Sie rechneten jederzeit mit denen, die die Zukunft des Königreiches zerstören wollten, und sie waren bis an die Zähne bewaffnet.

Genau wie ich.

Unter den Falten meines Mantels und dem dünnen Kleid, das ich drunter trug, presste sich der kühle Griff eines Dolches gegen meinen Schenkel. Ich hatte ihn zu meinem sechzehnten Geburtstag bekommen, und er war weder die einzige noch die tödlichste Waffe, die ich besaß, aber trotzdem mein Lieblingsstück. Der Griff bestand aus den Knochen eines seit Langem ausgestorbenen wölfischen Wesens – weder Mensch noch Tier, sondern eine Mischung aus beidem –, und die Klinge aus Blutstein war mörderisch scharf.

Natürlich war ich gerade wieder einmal dabei, etwas unglaublich Waghalsiges, Unangebrachtes und streng Verbotenes zu tun, aber ich war nicht so dumm, einen Ort wie das Red Pearl ohne Waffe zu betreten, und ich verfügte sowohl über die Fähigkeiten, sie zu benutzen, als auch über den Willen, sie ohne zu zögern einzusetzen.

»Tot?«, meinte der zweite Wächter, ein junger Kerl mit braunem Haar und sanftem Gesicht. Wenn ich mich nicht irrte, hieß er Airrick und war kaum älter als ich mit meinen achtzehn Jahren. »Er war nicht bloß tot. Finley hatte keinen Tropfen Blut mehr im Körper, das Fleisch hing in Fetzen herab, als hätte ihn ein Rudel wilder Hunde in Stücke gerissen.«

Meine Karten verschwammen, und in meinem Magen bildeten sich winzige Eisklumpen. Es gab keine wilden Hunde im Blutwald, dem einzigen Ort der Welt, an dem die Bäume bluteten, sodass sich ihre Rinde und die Blätter tiefrot färbten. Es gab allerdings Gerüchte über andere Tiere, außergewöhnlich große Nager und Aasfresser, die über jeden herfielen, der sich zu lange im Wald aufhielt.

»Und ihr wisst, was das bedeutet«, fuhr Airrick fort. »Sie sind ganz in der Nähe. Der Angriff wird …«

»Ich bin mir nicht sicher, ob das ein angemessenes Thema ist«, unterbrach ihn der älteste Wächter. Ich kannte ihn. Er hieß Phillips Rathi und diente schon seit Jahren auf der Mauer, was ungewöhnlich war. Wächter wurden normalerweise nicht besonders alt. Er deutete mit dem Kopf in meine Richtung. »In Gegenwart einer Lady.«

Einer Lady?

Nur die Aufgestiegenen wurden als Lady bezeichnet. Aber niemand – vor allem nicht die Leute im Red Pearl – hätte mich je hier vermutet. Wenn ich entdeckt wurde, war ich in größeren Schwierigkeiten, als ich jemals gewesen war, und würde mich strengen Strafen stellen müssen.

Strafen, die Dorian Teerman, der Herzog von Masadonien, mir nur allzu gerne auferlegte. Und denen sein enger Vertrauter, Lord Brandole Mazeen, mit großer Freude beiwohnte.

Angst stieg in mir hoch, während ich den dunkelhäutigen Wächter musterte. Phillips konnte auf keinen Fall wissen, wer ich war. Die obere Hälfte meines Gesichtes lag unter einer weißen Augenmaske verborgen, die ich vor Ewigkeiten im königlichen Garten gefunden hatte, und ich trug einen einfachen eierschalenblauen Mantel, den ich mir von Britta, einer der unzähligen Dienstbotinnen, geborgt hatte, nachdem ich gehört hatte, wie sie mit anderen über das Red Pearl geredet hatte. Hoffentlich vermisste sie ihn nicht, bevor ich ihn am Morgen zurückbringen konnte.

Aber selbst ohne Maske hätte mich wohl niemand erkannt, denn nur eine Handvoll Leute in Masadonien hatte schon einmal mein Gesicht gesehen, und keiner von ihnen würde heute Abend hier auftauchen.

Als die Jungfräuliche – die Auserwählte – trug ich normalerweise einen Schleier über meinem Gesicht und den Haaren, unter dem nur meine Lippen und mein Kinn zu sehen waren.

Ich bezweifelte, dass Phillips mich nur anhand dieser Merkmale wiedererkannt hatte, und falls doch, hätte ich längst nicht mehr am Tisch gesessen. Man hätte mich unverzüglich, wenn auch angemessen sanft, zu meinen Vormündern, dem Herzog und der Herzogin von Masadonien, zurückgeschleift.

Also kein Grund zur Panik.

Ich zwang die Muskeln an meinen Schultern und im Nacken, sich zu entspannen, und lächelte. »Ich bin keine Lady. Ihr könnt gerne über alles reden, was euch in den Sinn kommt.«

»Wie dem auch sei, ein weniger morbides Thema wäre angebracht«, sagte Phillips und warf den beiden anderen Wächtern einen vielsagenden Blick zu.

Airrick sah mich an. »Ich bitte um Entschuldigung.«

»Eine Entschuldigung ist nicht nötig, wird aber angenommen.«

Der dritte Wächter zog den Kopf ein und hielt den Blick starr auf seine Karten gerichtet, während er sich ebenfalls entschuldigte. Seine Wangen waren gerötet, was ich ziemlich süß fand. Die Wächter der Mauer mussten ein grausames Training überstehen, verstanden sich im Gebrauch zahlloser Waffen und im Nahkampf. Keiner kam von seinem ersten Gang auf die andere Seite der Mauer zurück, ohne Blut vergossen und dem Tod ins Auge geblickt zu haben.

Trotzdem wurde dieser Mann gerade rot.

Ich räusperte mich und hätte gerne mehr über Finley erfahren. War er ein Wächter gewesen oder ein Mitglied der Jägerschaft, die als Untergruppe der Armee für die Kommunikation zwischen den Städten verantwortlich war und Reisende und Waren eskortierte? Jäger verbrachten die Hälfte des Jahres außerhalb der Mauer. Es war einer der gefährlichsten Berufe überhaupt, und sie reisten nie allein. Manche kamen trotzdem nicht mehr zurück.

Und diejenigen, die zurückkamen, waren leider nicht mehr dieselben. Der Tod folgte ihnen und schlug überall dort zu, wo sie hinkamen.

Sie standen unter dem Fluch.

Nachdem ich spürte, dass Phillips jedes weitere Gespräch im Keim erstickt hätte, schluckte ich die Fragen hinunter, die mir auf der Zunge brannten. Wenn andere bei Finley gewesen waren, hatten diejenigen, die Finley getötet hatten, vermutlich auch seine Kameraden verwundet, und in diesem Fall würde ich früher oder später ohnehin herausfinden, was passiert war.

Ich hoffte nur, dass mich keine angsterfüllten Schreie auf die richtige Spur führen würden.

Das Volk von Masadonien hatte keine Ahnung, wie viele den Fluch von der anderen Seite der Mauer in die Stadt zurückbrachten. Sie sahen nur eine Handvoll da und dort, und nicht die Wirklichkeit. Würden sie dies tun, würde Panik von der ganzen Bevölkerung Besitz ergreifen, die im Grunde keine Vorstellung von dem Grauen außerhalb der Mauer hatte.

Im Gegensatz zu mir und meinem Bruder Ian.

Was auch der Grund war, warum ich mit aller Kraft gegen die Eisschicht ankämpfte, die sich über mich gelegt hatte, während sich das Gespräch wieder banaleren Dingen zuwandte. Unzählige Leben waren geopfert und genommen worden, um die Leute innerhalb der Mauer zu schützen. Aber das System war fehlerhaft – war immer schon fehlerhaft gewesen –, und zwar nicht nur hier, sondern im ganzen Königreich von Solis.

Der Tod …

Der Tod fand immer wieder den Weg über die Mauer.

Stopp!, befahl ich mir selbst, während das Unbehagen in mir weiter anschwoll. Heute Abend ging es nicht um die Dinge, die ich wusste, obwohl ich nichts darüber wissen sollte. Heute Abend ging es darum, zu leben und nicht die ganze Nacht einsam und allein wach zu liegen und gegen das Gefühl anzukämpfen, ich hätte keine Kontrolle über mein Leben und keine Ahnung, wer ich war. Mal abgesehen davon, was ich war.

Ich bekam ein weiteres mieses Blatt, und ich hatte oft genug mit Ian Karten gespielt, um zu wissen, dass ich keine Chance hatte. Ich beendete das Spiel, und die Wächter nickten mir zu, als ich mich erhob, und wünschten mir noch einen schönen Abend.

Ich schlenderte zwischen den Tischen hindurch, nahm eine Champagnerflöte, die mir ein Kellner mit behandschuhter Hand anbot, und versuchte, die Spannung heraufzubeschwören, die durch meine Adern gerauscht war, als ich vorhin durch die Straßen gestreift war.

Ich konzentrierte mich auf mich selbst, während ich mich umsah. Selbst diejenigen, die ihren Schmerz nicht auf die Umwelt projizierten, musste ich nicht einmal berühren, um ihn dennoch zu spüren. Ich musste lediglich den Blick auf sie richten und mich auf sie konzentrieren. Sie sahen nicht anders aus, wenn sie unter Schmerzen litten, und ihr Aussehen änderte sich auch nicht, wenn ich mich konzentrierte. Ich spürte ihren Kummer.

Körperlicher Schmerz war fast immer heiß, doch die Qualen, die nicht nach außen hin sichtbar waren?

Sie waren fast immer kalt.

Derbes Gejohle und Pfiffe rissen mich aus meinen Gedanken. Eine in Rot gekleidete Frau saß auf der Kante des Tisches neben den Karten spielenden Wächtern. Ihr Kleid war aus rotem Satin und hauchdünnem Stoff und bedeckte kaum ihre Oberschenkel. Einer der Männer griff nach ihrem Rock.

Sie schlug seine Hand mit einem anzüglichen Grinsen fort, ließ sich auf den Rücken zurücksinken und rekelte sich verführerisch auf dem Tisch. Ihre dicken blonden Locken ergossen sich über vergessene Münzen und Chips. »Na, wer von euch hat heute Abend Lust auf den Hauptgewinn?«, fragte sie mit tiefer, rauchiger Stimme, und ihre Hände glitten über ihr spitzenbesetztes Korsett. »Ich garantiere euch, dass ich euch länger Vergnügen bereiten werde als ein Topf Gold.«

»Und was passiert, wenn das Spiel unentschieden endet?«, fragte einer der Männer. Der modische Schnitt seines Mantels ließ vermuten, dass es sich um einen reichen Kaufmann oder einen anderen Geschäftsmann handelte.

»Dann wird die Nacht noch amüsanter für mich«, erwiderte sie, und ihre Hand wanderte über ihren Bauch und zwischen ihre …

Meine Wangen begannen zu glühen. Ich wandte mich eilig ab und nahm einen Schluck von dem prickelnden Champagner. Mein Blick fiel auf einen der herrlichen Kronleuchter aus Rotgold. Das Red Pearl florierte offensichtlich, und die Besitzer hatten gute Beziehungen. Strom war teuer und wurde vom königlichen Hof streng reglementiert. Ich fragte mich, welche Leute hierherkamen, um derartigen Luxus zu rechtfertigen.

Unter dem Kronleuchter war ein weiteres Kartenspiel im Gange. An diesem Tisch saßen auch einige Frauen. Sie hatten die Haare zu aufwendigen Frisuren hochgesteckt, die mit funkelnden Steinen geschmückt waren, und sie waren weitaus weniger gewagt gekleidet als die Frauen, die hier arbeiteten. Ihre Gewänder strahlten in Violett, Gelb, Pastellblau und Lila.

Ich selbst durfte bloß Weiß tragen. Ganz egal, ob ich mich in meinem Zimmer oder in der Öffentlichkeit aufhielt, was selten vorkam. Dementsprechend fasziniert war ich, wie sehr die verschiedenen Farben der Kleider die Haut und die Haare ihrer Trägerinnen zur Geltung brachten. Ich sah vermutlich aus wie ein Geist, wenn ich ganz in Weiß durch die Hallen von Burg Teerman wandelte.

Die Frauen trugen ebenfalls Augenmasken, die ihre Identität verbargen. Ich fragte mich, wer sie wohl waren. Verwegene Ehefrauen, die zu oft allein gelassen wurden? Junge Frauen, die noch nicht verheiratet waren oder ihren Mann verloren hatten? Dienstbotinnen oder Frauen, die in der Stadt arbeiteten und am Abend ausgingen? Befanden sich unter den Maskierten am Tisch und in der Menge auch Hofdamen und Hofherren? Waren sie aus denselben Gründen hier wie ich?

Aus Langeweile? Aus Neugierde?

Aus Einsamkeit?

Wenn ja, dann waren wir uns ähnlicher, als mir bewusst war. Obwohl es sich bei ihnen um zweitgeborene Töchter und Söhne handelte, die an ihrem dreizehnten Geburtstag während des alljährlichen Auswahlrituals dem königlichen Hof übergeben worden waren. Und ich … ich war Penellaphe von Burg Teerman, Nachkommin der Balfours und der Liebling der Königin.

Ich war die Jungfräuliche.

Auserwählt.

In etwas weniger als einem Jahr, an meinem neunzehnten Geburtstag, würde ich aufsteigen. Genauso wie alle anderen Hofdamen und Hofherren. Die Rituale würden sich voneinander unterscheiden, aber es würde auf jeden Fall das größte Ereignis seit dem ersten Segen der Götter nach dem Krieg der zwei Könige werden.

Den Hofdamen und Hofherren drohte keine allzu schwere Strafe, wenn man sie erwischte. Ich hingegen … ich würde den Zorn des Herzogs zu spüren bekommen. Ich presste die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen, während das Samenkorn der Wut Wurzeln in mir schlug und sich mit einem beharrlich klebenden Rest aus Abneigung und Scham vermischte.

Der Herzog war ein Fluch, dessen Hände mir nur allzu vertraut waren und der ein widernatürliches Verlangen nach Rache in sich trug.

Aber ich würde jetzt nicht an ihn denken. Oder mir Sorgen über das Ausmaß seiner Strafe machen. Sonst konnte ich genauso gut wieder in meine Gemächer zurückkehren.

Ich riss meinen Blick von dem Tisch los, und mir fiel auf, dass es auch lächelnde und lachende Frauen im Pearl gab, die keine Masken trugen und ihre Identitäten nicht verheimlichten. Sie saßen gemeinsam mit Wächtern und Geschäftsmännern an den Tischen oder standen in dunklen Nischen und unterhielten sich mit maskierten Frauen, Männern und auch mit den Bediensteten des Red Pearl. Sie schämten sich nicht oder hatten Angst, gesehen zu werden.

Wer auch immer sie waren, sie verfügten über die Freiheit, nach der ich mich so sehr sehnte.

Eine Freiheit, die ich mir heute Abend genommen hatte, denn maskiert und unerkannt wussten nur die Götter, dass ich hier war. Und was sie betraf, hatte ich schon vor langer Zeit beschlossen, dass sie sehr viel Besseres zu tun hatten, als mich die ganze Zeit zu beobachten. Denn wenn sie wirklich auf mich geachtet hätten, hätten sie mich schon unzählige Male zur Rechenschaft gezogen, weil ich etwas Verbotenes getan hatte.

Heute Abend konnte ich also jeder sein, der ich sein wollte.

Es war berauschender, als ich gedacht hatte.

Heute Abend war ich nicht die Jungfräuliche. Ich war nicht Penellaphe. Ich war einfach nur Poppy. So hatte mich meine Mutter früher genannt, und heute verwendeten den Spitznamen nur noch mein Bruder Ian und eine Handvoll andere.

Als Poppy gab es keine strengen Regeln und keine Erwartungen, die ich erfüllen musste. Kein Aufstiegsritual, das schneller näher rückte, als mir lieb war. Es gab keine Angst, keine Vergangenheit und keine Zukunft. Heute Abend durfte ich leben, wenn auch nur für ein paar Stunden, und ich würde so viele Erfahrungen sammeln, wie ich konnte, bevor ich in die Hauptstadt und zur Königin gebracht wurde.

Bevor man mich den Göttern übergab.

Ein Schaudern schlich über meinen Rücken – eine Mischung aus Unsicherheit und einer Spur Trostlosigkeit. Ich unterdrückte es, weigerte mich, ihm Platz einzuräumen. Es hatte keinen Sinn, über das nachzudenken, was ohnehin kommen würde und nicht geändert werden konnte.

Außerdem war Ian vor zwei Jahren aufgestiegen, und seinen monatlichen Briefen nach war er immer noch derselbe. Der einzige Unterschied war, dass er seine Geschichten nicht mehr mit seiner Stimme spann, sondern zu Papier brachte. Erst letzten Monat hatte er über zwei Kinder geschrieben, einen Bruder und eine Schwester, die bis zum Grund des Stroud Meeres schwammen und Freundschaft mit dem Wasservolk schlossen.

Ich hob lächelnd die Champagnerflöte an meine Lippen. Keine Ahnung, wie er auf solche Dinge kam. Soweit ich wusste, war es unmöglich, bis zum Grund des Meeres zu schwimmen, und es gab auch kein Wasservolk.

Kurz nach dem Ritual hatte er auf Befehl der Königin und des Königs Lady Claudeya geheiratet.

Ian erzählte nie von seiner Frau.

War er glücklich mit ihr? Mein Lächeln verblasste. Die beiden hatten sich vor der Hochzeit kaum gekannt. Auf jeden Fall nicht lange genug, um den Rest des Lebens miteinander zu verbringen.

Und die Aufgestiegenen lebten sehr, sehr lange.

Es war immer noch seltsam, dass Ian nun einer von ihnen war. Er war zwar kein zweitgeborener Sohn, aber nachdem ich die Jungfräuliche war, hatte die Königin die Götter um eine Ausnahme gebeten, und sie hatten ihm erlaubt aufzusteigen. Mir selbst würde es nicht so gehen wie Ian. Ich würde keinen Fremden heiraten, keinen anderen Aufgestiegenen, dessen höchste Priorität sicherlich die körperliche Schönheit war, weil sie als göttlich galt.

Obwohl ich die Jungfräuliche war – die Auserwählte –, würde man mich nie für eine Gottheit halten.

Der Herzog meinte immer, ich wäre alles andere als schön.

Er bezeichnete mich als Tragödie.

Meine Finger glitten unbewusst über den kratzigen Spitzenbesatz auf der linken Seite meiner Maske. Im nächsten Moment zog ich ruckartig die Hand zurück.

Ein Mann, den ich als Wächter wiedererkannte, erhob sich von einem Tisch und wandte sich an eine Frau, die wie ich eine weiße Maske trug. Er streckte ihr die Hand entgegen, sprach ein paar Worte, die zu leise waren, um sie zu verstehen, und sie antwortete mit einem Nicken und legte ihre Hand in seine. Sie erhob sich ebenfalls, und der violette Stoff ihres Kleides umspielte ihre Beine, während er sie auf die einzigen beiden Türen zuführte, die den Gästen zugänglich waren. Die rechte Tür war der Ausgang. Die linke führte nach oben in die Privatgemächer, in denen laut Britta alles Mögliche passierte.

Der Wächter bat die maskierte Frau durch die linke Tür.

Er hatte gefragt, und sie war einverstanden gewesen. Was auch immer sie dort oben taten, sie wollten es beide und hatten sich bewusst dafür entschieden, egal, ob es nur wenige Stunden oder ein ganzes Leben andauerte.

Mein Blick ruhte auf der Tür, noch lange nachdem sie ins Schloss gefallen war. War das ein weiterer Grund, warum ich heute Abend hierhergekommen war? Um … um mit jemandem Genuss zu erleben, den ich mir selbst ausgesucht hatte?

Ich konnte es, wenn ich wollte. Ich hatte Gespräche zwischen den Hofdamen belauscht, von denen nicht erwartet wurde, dass sie unberührt blieben. Ihren Erzählungen nach gab es viele Dinge, die eine Frau tun konnte, um Lust zu empfinden und gleichzeitig ihre Reinheit zu bewahren.

Reinheit.

Ich hasste dieses Wort und seine tiefere Bedeutung. Als würde meine Jungfräulichkeit meine Tugendhaftigkeit und Unschuld definieren. Als wäre die Tatsache, dass ich noch Jungfrau war – oder eben nicht –, irgendwie wichtiger als sämtliche Entscheidungen, die ich jeden Tag traf.

Manchmal fragte ich mich sogar, was die Götter tun würden, wenn ich nicht als Jungfrau vor sie trat. Würden sie über alles hinwegsehen, was ich getan oder nicht getan hatte, weil ich nicht länger unberührt war?

Ich war mir nicht sicher, aber ich hoffte nicht. Nicht, weil ich jetzt sofort, in einer Woche oder überhaupt einmal mit einem Mann schlafen wollte, sondern weil ich die Entscheidung selbst treffen wollte.

Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich jemals in einer Situation wiederfinden sollte, in der sich diese Frage überhaupt stellte. Andererseits konnte ich mir durchaus vorstellen, dass es willige Kandidaten gab, um die Dinge zu tun, die laut den Hofdamen im Red Pearl passierten.

Ich spürte ein nervöses Flattern in der Brust, als ich einen weiteren Schluck von dem Champagner nahm. Die süßen Bläschen kitzelten im Hals und erlösten mich von der plötzlichen Trockenheit in meinem Mund.

Ehrlich gesagt war der heutige Ausflug eine spontane Entscheidung gewesen. In den meisten Nächten schlief ich erst kurz vor dem Morgengrauen ein. Und wenn es so weit war, wünschte ich beinahe, ich wäre wach geblieben. Alleine diese Woche war ich drei Mal aus einem Albtraum hochgefahren, und meine Schreie hatten in meinen Ohren gedröhnt.

Wenn die Albträume so häufig und geballt auftraten, fühlten sie sich beinahe an wie Vorboten. Sie glichen einem Instinkt, ähnlich meiner Fähigkeit, die Schmerzen anderer fühlen zu können. Sie waren wie Warnschreie.

Ich nahm einen flachen Atemzug, und mein Blick wanderte zurück zu dem Tisch, an dem ich vorhin gesessen hatte. Die Frau in Rot lag nicht mehr länger auf dem Rücken, sondern saß auf dem Schoß des Kaufmannes, der gefragt hatte, was bei zwei Gewinnern passieren würde. Er studierte seine Karten, doch seine Hand war dort, wo ihre Hand vorhin gewesen war, und verschwand zwischen ihren Schenkeln.

Bei den Göttern.

Ich biss mir auf die Lippe und wandte mich ab, bevor mein Gesicht Feuer fing. Ich machte mich auf den Weg in einen abgeschiedenen Bereich hinter einer Trennwand, wo ebenfalls Karten gespielt wurde.

Ich sah noch mehr Wächter, von denen einige sogar zur königlichen Wache gehörten. Es waren Soldaten wie jene an der Mauer, doch sie beschützten die Aufgestiegenen. Jeder Aufgestiegene hatte persönliche Wächter. Immer wieder versuchten Leute, die Mitglieder des Hofstaates zu entführen, um Lösegeld zu erpressen. Dabei wurde zwar selten jemand verletzt, doch es hatte auch schon Entführungsversuche mit einem sehr viel brutaleren Hintergrund gegeben.

Ich blieb neben einer Topfpflanze mit winzigen roten Knospen stehen und überlegte, was ich jetzt tun sollte. Ich konnte in ein weiteres Kartenspiel einsteigen oder das Gespräch mit den zahllosen Leuten suchen, die um die Tische herumstanden, aber Unterhaltungen mit Fremden lagen mir nicht. Zweifellos würde ich mit einer bizarren Äußerung herausplatzen oder eine Frage stellen, die nichts mit dem Gespräch zu tun hatte. Das war also vom Tisch. Vielleicht sollte ich in meine Gemächer zurückkehren. Es wurde langsam spät, und …

Ein seltsames Gefühl nahm von mir Besitz. Es begann mit einem Kribbeln im Nacken und wurde von Sekunde zu Sekunde stärker.

Es kam mir vor als … als würde mich jemand beobachten.

Ich sah mich um, aber niemand schenkte mir Beachtung. Dabei fühlte es sich an, als würde jemand direkt neben mir stehen. Unbehagen breitete sich in mir aus. Ich wandte mich gerade dem Ausgang zu, als die sanften, langgezogenen Töne eines Saiteninstrumentes mich innehalten ließen. Mein Blick wanderte zu den durchscheinenden blutroten Vorhängen, die durch die Bewegungen der anderen Gäste sanft hin und her wogten.

Ich blieb stehen und lauschte den schneller und wieder langsamer werdenden Tönen, zu denen sich schon bald schwere Trommelschläge gesellten. Ich vergaß das Gefühl, beobachtet zu werden. Ich vergaß so einiges. Diese Musik war … anders als alles, was ich bis jetzt gehört hatte. Sie war eindringlicher, intensiver. Sie wurde langsam, dann nahm sie wieder Fahrt auf. Es war beinahe … sinnlich. Was hatte Britta noch gleich über das Tanzen im Red Pearl erzählt? Sie hatte die Stimme gesenkt, als sie darüber gesprochen hatte, und die zweite Dienstbotin hatte sie empört angesehen.

Ich trat auf die Vorhänge zu und streckte die Hand aus …

»Ich glaube nicht, dass du das sehen willst.«

Ich wandte mich überrascht um. Hinter mir stand eine Frau – eine, die im Red Pearl arbeitete. Ich erkannte sie. Nicht, weil sie bei einem Kaufmann oder Geschäftsmann gewesen war, als ich angekommen war, sondern weil sie unglaublich schön war.

Ihr dickes, gewelltes Haar war tiefschwarz und ihre Haut von einem satten Braun. Sie trug ein rotes, ärmelloses Kleid mit tiefem Ausschnitt, das sich wie eine zweite Haut an ihren Körper schmiegte.

»Wie bitte?«, fragte ich unsicher und ließ die Hand sinken. »Warum denn nicht? Sie tanzen doch nur.«

»Tanzen?« Ihr Blick wanderte über meine Schulter zu dem Vorhang. »Man sagt, Tanzen sei wie Liebe machen.«

»Das … das habe ich noch nie gehört.« Ich sah langsam nach hinten. Durch die Vorhänge hindurch konnte ich die Umrisse von Leibern ausmachen, die im Takt der Musik wogten. Ihre Bewegungen waren hypnotisierend und von geschmeidiger Eleganz. Manche tanzten allein, und ihre Silhouetten waren deutlich zu erkennen, während andere …

Ich atmete scharf ein, und mein Blick huschte zurück zu der Frau vor mir.

Ihre rot geschminkten Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »Du bist das erste Mal hier, nicht wahr?«

Ich wollte widersprechen, doch ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg. Das allein sagte alles. »Ist es so offensichtlich?«

Sie lachte kehlig. »Für die meisten wohl nicht, aber für mich schon. Ich habe dich noch nie hier gesehen.«

»Woher willst du das wissen?« Ich berührte meine Maske. Sie war doch nicht etwa verrutscht?

»Deine Maske sitzt perfekt.« Da war ein seltsames, wissendes Leuchten in ihren braunen Augen. Eine Spur Gold, das strahlend und warm wirkte. Sie erinnerten mich an jemand anderen, dessen Augen wie Bernstein waren. »Ich erkenne Gesichter, egal ob sie hinter einer Maske versteckt sind oder nicht. Und deines habe ich hier noch nie gesehen. Es ist dein erstes Mal.«

Ich hatte keine Ahnung, wie ich darauf reagieren sollte.

»Und es ist auch das erste Mal für das Red Pearl.« Sie lehnte sich näher heran und senkte die Stimme. »Denn noch nie zuvor ist eine Jungfräuliche durch diese Türen getreten.«

Der Schock traf mich wie ein Blitz, und ich umklammerte das Champagnerglas, damit es mir nicht aus der Hand rutschte. »Ich habe keine Ahnung, was du meinst. Ich bin die zweitgeborene Tochter …«

»Du bist wie eine zweitgeborene Tochter, aber nicht auf die Art, wie du es gerne hättest«, unterbrach sie mich und berührte sanft meinen Arm. »Ist schon okay. Du hast nichts zu befürchten. Dein Geheimnis ist bei mir sicher.«

Ich starrte sie eine gefühlte Ewigkeit lang an, bevor ich meine Zunge wieder unter Kontrolle hatte. »Wenn du recht hättest, warum wäre ein Geheimnis dieser Art bei dir sicher?«

»Warum denn nicht?«, entgegnete sie. »Was würde ich gewinnen, wenn ich es jemandem erzähle?«

»Die Gunst des Herzogs und der Herzogin.« Mein Herz raste.

Ihr Lächeln verblasste, und ihr Blick wurde hart. »Ich lege keinen Wert auf die Gunst der Aufgestiegenen.«

Sie klang, als hätte ich ihr das Wohlwollen eines Haufen Drecks in Aussicht gestellt. Ich hätte es ihr beinahe abgenommen, aber niemand im gesamten Königreich ließ sich die Chance entgehen, die Wertschätzung der Aufgestiegenen zu erlangen, es sei denn …

Es sei denn, sie erkannte Königin Ileana und König Jalara nicht als die wahren, rechtmäßigen Herrscher an.

Es sei denn, sie unterstützte den Mann, der sich Prinz Casteel nannte und seiner Meinung nach der wahre Erbe des Königreiches war.

Obwohl er weder ein Prinz noch ein rechtmäßiger Erbe war. Er war nicht mehr als ein Überbleibsel von Atlantia, dem korrupten und verfluchten Königreich, das am Ende des Krieges der zwei Könige zerfallen war. Ein Monster, das jede Menge Chaos und Verwüstung angerichtet und Blut vergossen hatte. Die Personifizierung des Bösen.

Er war der dunkle Prinz.

Und trotzdem gab es Leute, die ihn und seine Anliegen unterstützten. Die dunklen Nachkommen waren bereits an vielen Aufständen und dem Verschwinden zahlloser Aufgestiegener beteiligt gewesen. Früher hatten sie lediglich durch kleinere Kundgebungen und Protestmärsche Zwietracht gesät, und auch diese waren nur vereinzelt vorgekommen. Denn die Strafen für alle, die in dem Verdacht standen, dunkle Nachkommen zu sein, waren rigoros. Die Gerichtsverhandlungen hatten diesen Namen nicht verdient. Es gab keine zweite Chance. Keine Inhaftierungen. Der Tod war schnell und endgültig.

Doch in letzter Zeit hatte sich die Lage geändert.

Viele glaubten, dass die dunklen Nachkommen für die mysteriösen Todesfälle unter hochrangigen königlichen Wächtern verantwortlich waren. In der Hauptstadt Carsodonien waren mehrere Wächter ohne ersichtlichen Grund von der Mauer gestürzt. In der nicht weit von der Hauptstadt entfernten Stadt Pensdurth an der Küste des Stroud Meeres waren zwei Wächter von Pfeilen in ihre Hinterköpfe getroffen worden, und auch in den kleineren Städten verschwanden immer wieder Wächter spurlos.

Erst vor wenigen Monaten hatte ein gewaltsamer Aufstand in Dreiachen, einer florierenden Handelsstadt auf der anderen Seite des Blutwaldes, in einem Blutvergießen geendet. Die Aufständischen hatten den Adelssitz Gut Wintergold in Brand gesetzt und dem Erdboden gleichgemacht, und mit ihm sämtliche Tempel. Herzog Everton starb gemeinsam mit zahllosen Dienstboten und Wächtern im Feuer, und die Herzogin von Dreiachen konnte nur durch ein Wunder entkommen.

Die dunklen Nachkommen waren allerdings nicht nur ehemalige Atlantianer, die sich unerkannt unter das Volk von Solis mischten. Manche Anhänger des dunklen Prinzen hatten nicht einen Tropfen atlantianisches Blut in ihren Adern.

Ich betrachtete die schöne Frau mit scharfem Blick. War sie eine dunkle Nachkommin? Ich verstand nicht, wie sich jemand dem verfluchten Königreich verschreiben konnte, ganz egal, wie schwer und unglücklich sein Leben war. Immerhin waren die Atlantianer und der dunkle Prinz für den Nebel verantwortlich. Und für alles, was darin schwärte. Für die Wesen, die höchstwahrscheinlich Finleys Leben auf dem Gewissen hatten – und das Leben zahlloser anderer, einschließlich meiner Mutter und meines Vaters. Die schuld daran waren, dass mein Körper noch immer gezeichnet war von dem Grauen, das im Nebel wohnte.

Ich schob meinen Verdacht einen Moment lang beiseite und öffnete mich, um nachzuspüren, ob sie einen tiefen Schmerz in sich trug. Etwas, das über das Körperliche hinausging und auf Kummer oder Verbitterung schließen ließ. Die Art Schmerz, der Leute dazu bringt, schreckliche Dinge zu tun, um ihre Qualen zu lindern.

Ich empfing nicht den kleinsten Hinweis.

Aber das musste nicht heißen, dass sie keine dunkle Nachkommin war.

Die Frau neigte den Kopf. »Wie schon gesagt, von mir hast du nichts zu befürchten. Bei ihm wäre ich mir da allerdings nicht so sicher.«

»Bei ihm?«, wiederholte ich verwirrt.

Die Frau trat einen Schritt zur Seite, und in diesem Moment öffnete sich die Eingangstür, und ein Schwall kalter Luft kündigte das Eintreffen neuer Gäste an. Ein Mann betrat den Raum, und hinter ihm tauchte ein weiterer, etwas älterer Mann mit sandblonden Haaren und einem wettergegerbten, sonnengebräunten Gesicht auf …

Ich riss ungläubig die Augen auf. Vikter Wardwell. Was machte er denn im Red Pearl?

Ich dachte an die Frauen in den kurzen Röcken und den beinahe entblößten Brüsten und an den Grund, warum ich hier war. Meine Augen weiteten sich.

Bei den Göttern!

Ich beschloss, nicht länger über den Grund seines Besuches nachzudenken. Vikter war ein erfahrener königlicher Wächter und bereits in den Vierzigern, doch er war mehr als das. Er hatte mir den Dolch geschenkt, den ich am Oberschenkel trug, und er war es gewesen, der sich gegen die Tradition aufgelehnt und mir gezeigt hatte, wie man ihn benutzt. Dank ihm konnte ich ein Schwert führen, ein Ziel aus dem Hinterhalt mit einem Pfeil durchbohren und selbst unbewaffnet einen Mann zu Fall bringen, der doppelt so groß war wie ich.

Vikter war wie ein Vater für mich.

Außerdem war er seit meiner Ankunft in Masadonien mein Leibwächter. Er teilte sich die Aufgabe mit Rylan Keal, der Hannes nachgefolgt war, nachdem dieser vor knapp einem Jahr im Schlaf gestorben war. Es war ein unerwarteter Verlust gewesen, denn Hannes war erst Anfang dreißig gewesen und hatte sich bester Gesundheit erfreut. Die Heiler nahmen an, dass er unter einer unbekannten Herzkrankheit gelitten hatte. Trotzdem war es schwer vorstellbar, dass jemand gesund und munter zu Bett ging und niemals wieder aufwachte.

Rylan hatte keine Ahnung, wie gut ausgebildet ich war, aber er wusste, dass ich mit einem Dolch umgehen konnte. Er hatte noch nicht mitbekommen, wohin Vikter und ich viel zu oft verschwanden, wenn wir die Burg verließen. Er war liebenswürdig und meistens ziemlich entspannt, aber wir standen uns nicht annähernd so nahe wie Vikter und ich. Wenn Rylan hier aufgetaucht wäre, hätte ich unbemerkt verschwinden können.

»Verdammt«, fluchte ich, wandte mich zur Seite und zog mir die Kapuze des Mantels über den Kopf. Meine Haare waren kupferrot und ein ziemlicher Blickfang, aber selbst unter der Kapuze und mit Maske hätte mich Vikter sofort erkannt.

Er hatte diesen sechsten Sinn, der normalerweise Eltern vorbehalten war, wenn ihre Kinder etwas Verbotenes im Schilde führten.

Ich warf einen schnellen Blick in Richtung Eingangstür, und mein Magen zog sich zusammen. Vikter saß an einem der Tische mit Blick auf die Tür – und damit dem einzigen Ausgang.

Die Götter hassten mich.

Ich bezweifelte keine Sekunde lang, dass Vikter mich entdecken würde. Er würde mich nicht verraten, aber ich wäre lieber in ein Loch voller Kakerlaken und Spinnen gekrochen, als ausgerechnet ihm zu erklären, warum ich im Red Pearl war. Außerdem würde es eine Standpauke hageln. Keine ewig lange Rede samt darauffolgender Bestrafung, wie es der Herzog liebte, sondern einen Vortrag, der tief unter die Haut ging, sodass man sich noch tagelang schuldig fühlte.

Vor allem deshalb, weil man wusste, dass man zu Recht bestraft wurde.

Und ehrlich gesagt, wollte ich nicht in Vikters Gesicht blicken, wenn ihm klar wurde, dass ich hier war. Ich riskierte einen weiteren Blick und …

Oh Götter, eine Frau kniete neben ihm, und ihre Hand lag auf seinem Bein!

Ich hätte mir am liebsten die Augen gerieben.

»Das ist Sariah«, erklärte die Frau neben mir. »Sobald er den Raum betritt, weicht sie nicht mehr von seiner Seite. Ich glaube, er gefällt ihr.«

Ich sah sie an. »Kommt er öfter hierher?«

Ein Mundwinkel wanderte nach oben. »Oft genug, um zu wissen, was hinter dem roten Vorhang passiert, und …«

»Das reicht«, unterbrach ich sie. Jetzt hätte ich mir am liebsten das Gehirn gerieben und nicht nur die Augen. »Mehr will ich gar nicht wissen.«

Sie lachte leise. »Du siehst aus wie jemand, der ein Versteck benötigt. Und ja, im Red Pearl erkennen wir solche Dinge auf Anhieb.« Sie nahm mir gewandt das Champagnerglas aus der Hand. »Oben sind einige Zimmer nicht besetzt. Versuch es mit der sechsten Tür auf der linken Seite. Dort ist es sicher. Ich hole dich, wenn die Luft rein ist.«

Ich warf ihr einen misstrauischen Blick zu, doch ich ließ mich von ihr am Arm nehmen und auf die andere Seite des Raumes führen.

»Warum hilfst du mir?«

Sie öffnete die Tür. »Weil jeder das Recht hat, das Leben zu genießen, und sei es nur für ein paar Stunden.«

Sie zwinkerte mir zu und schloss die Tür.

Es konnte eigentlich kein Zufall sein, dass sie wusste, wer ich war. Aber dass sie jetzt auch noch meine Gedanken von vorhin wiederholt hatte? Das war unmöglich.

Ein heiseres Lachen entfuhr mir. Die Frau war vielleicht eine dunkle Nachkommin oder zumindest kein Fan der Aufgestiegenen. Aber sie war möglicherweise auch eine Seherin.

Mir war nicht bewusst gewesen, dass es noch Leute mit diesen Fähigkeiten gab.

Ich konnte immer noch nicht glauben, dass Vikter hier war – und dass er oft genug herkam, dass sich eine der Damen in Rot in ihn verlieben konnte. Keine Ahnung, warum ich so überrascht war. Den königlichen Wächtern war nicht verboten, sich zu amüsieren oder sogar zu heiraten. Viele waren ziemlich … freizügig, nachdem ihr Leben voller Gefahren und oft viel zu kurz war.

Es war nur so, dass Vikter eine Frau gehabt hatte. Sie und ihr erstes gemeinsames Kind waren bei der Geburt gestorben, lange bevor wir uns kennengelernt hatten, und ich wusste, dass Vikter seine Camilla noch genauso liebte wie damals.

Andererseits hatte das, was er hier fand, nichts mit Liebe zu tun, nicht wahr? Jeder fühlte sich irgendwann einmal einsam, egal ob sein Herz jemandem gehörte, den er nicht mehr länger haben konnte, oder nicht.

Der Gedanke machte mich ein wenig traurig, und ich drehte mich in dem engen, von Ölwandleuchtern erhellten Treppenhaus um und stieß die Luft aus. »Wo habe ich mich da bloß hineinmanövriert?«

Das wussten nur die Götter, und jetzt gab es ohnehin kein Zurück mehr.

Ich ließ die Hand in den Mantel gleiten und hielt sie in der Nähe des Dolches, während ich in den ersten Stock hochstieg. Der Flur war breiter als das Treppenhaus, und es war überraschend ruhig. Keine Ahnung, was ich erwartet hatte, aber ich hatte gedacht, man würde … Geräusche hören.

Ich schüttelte den Kopf und zählte die Türen, bis ich vor der sechsten Tür links stand. Ich drückte die Klinke nach unten. Sie war unversperrt. Ich wollte gerade die Tür öffnen, als ich innehielt. Was tat ich da? Womöglich wartete etwas oder jemand auf mich. Die Frau im Erdgeschoss …

Das leise Lachen eines Mannes erklang, und die Tür neben mir öffnete sich. Ich huschte eilig in das Zimmer vor mir und schloss die Tür.

Dann sah ich mich mit pochendem Herzen um. Es gab keine Lampen, bloß einen Kerzenständer auf dem Kaminsims. Vor dem leeren Kamin stand ein breiter Armstuhl, und ich wusste, ohne nachzusehen, dass das einzig andere Möbelstück ein Bett war. Ich atmete tief durch und sog den Geruch der Kerzen ein. Zimt? Aber da war noch etwas anderes. Etwas, das mich an dunkle Gewürze und Kiefernholz erinnerte. Ich drehte mich langsam um und …

In diesem Moment schlang sich von hinten ein Arm um meine Mitte und zog mich an einen sehr harten, sehr männlichen Körper.

»Das«, murmelte eine tiefe Stimme, »ist aber eine Überraschung.«

2

VOLLKOMMEN ÜBERRUMPELT WANDTE ICH DEN KOPF und sah hoch. Ein Fehler, vor dem mich Vikter bereits unzählige Male gewarnt hatte. Ich hätte nach meinem Dolch greifen sollen, doch stattdessen stand ich regungslos da, während sich der Arm fester um meine Mitte schlang und eine Hand auf meiner Hüfte zum Liegen kam.

»Aber eine willkommene«, fuhr der Mann fort und ließ den Arm sinken.

Ich riss mich aus meiner Starre und wirbelte herum, während meine Hand nach dem Dolch griff. Ich sah erneut hoch … und dann noch ein Stückchen höher.

Oh Götter.

Ich erstarrte erneut, und der Schock schlug wie eine Welle über mir zusammen und begrub sämtliche Vernunft unter sich, als ich das Gesicht des Mannes im sanften Kerzenschein sah.

Ich kannte ihn, auch wenn ich noch nie mit ihm gesprochen hatte.

Hawke Flynn.

Jeder auf Burg Teerman kannte den Wächter der Mauer, der erst vor Kurzem aus der Hauptstadt Carsodonien zu uns gekommen war. Und ich war da keine Ausnahme.

Ich hätte gerne behauptet, dass es wegen seiner eindrucksvollen Größe war, denn immerhin überragte er mich um mindestens dreißig Zentimeter. Oder dass es an der Tatsache lag, dass er sich mit derselben natürlichen und raubtierhaften Grazie und Geschmeidigkeit bewegte wie die großen grauen Höhlenkatzen, die das Ödland durchstreiften. Als Kind hatte ich eine davon im Palast der Königin gesehen. Das Furcht einflößende, wilde Tier steckte in einem Käfig und wanderte unablässig in seinem viel zu kleinen Gefängnis auf und ab, was mich gleichermaßen faszinierte und entsetzte. Ich hatte Hawke mehr als einmal auf dieselbe Weise auf und ab marschieren gesehen, als säße er ebenfalls in der Falle.

Es könnte auch die Autorität sein, die aus jeder seiner Poren strömte, obwohl er nicht viel älter sein konnte als ich – vielleicht im selben Alter wie mein Bruder oder ein, zwei Jahre älter. Oder es war sein geschickter Umgang mit dem Schwert. Eines Morgens hatte ich neben der Herzogin auf einem der vielen Balkone von Burg Teerman gestanden und auf den Trainingsplatz hinuntergesehen, und da hatte sie mir erzählt, dass Hawke mit den besten Empfehlungen aus der Hauptstadt zu uns gekommen und auf dem besten Weg war, einer der jüngsten königlichen Wächter zu werden. Ihr Blick war dabei auf seine schweißbedeckten Arme gerichtet gewesen.

Genau wie meiner.

Seit seiner Ankunft hatte ich mich mehr als ein paarmal in einer dunklen Nische versteckt, um ihn beim Training mit den anderen Wächtern zu beobachten. Abgesehen von den wöchentlichen Treffen des Stadtrates im großen Saal war das die einzige Gelegenheit, ihn zu sehen.

Mein Interesse konnte aber auch daher kommen, weil Hawke … na ja, er war wunderschön.

So etwas sagt man selten über einen Mann, aber mir fiel kein anderes Wort ein, um ihn zu beschreiben. Er hatte dichte, dunkle Haare, die sich im Nacken kräuselten und ihm immer wieder über die dunklen Augenbrauen fielen. Seine scharfen Gesichtszüge erweckten in mir den Wunsch, besser mit Pinsel oder Kohlestift umgehen zu können. Er hatte hohe Wangenknochen, und seine Nase war für einen Wächter ungewöhnlich gerade, denn die meisten hatten sich zumindest einmal die Nase gebrochen. Sein Kinn war kantig und stark, sein Mund wohlgeformt. Die wenigen Male, an denen ich ihn lächeln gesehen hatte, war sein rechter Mundwinkel nach oben gewandert und ein tiefes Grübchen auf seiner Wange erschienen. Keine Ahnung, ob es auf der linken Seite genauso war. Doch seine Augen waren das Bezauberndste überhaupt.

Sie erinnerten mich an kalten Honig, und ich hatte so einen bemerkenswerten Farbton noch nie zuvor gesehen. Er konnte einen ansehen, als stünde man nackt vor ihm. Das wusste ich so genau, weil ich seine Blicke während des Stadtrates im großen Saal auf mir gespürt hatte, obwohl er noch nie zuvor mein Gesicht oder auch nur meine Augen gesehen hatte. Sein Interesse kam sicher daher, weil ich die erste Jungfräuliche seit mehreren Jahrhunderten war. Alle starrten mich an, wenn ich mich in der Öffentlichkeit blicken ließ, egal ob Wächter, Hofdamen und Hofherren oder das gemeine Volk.

Vielleicht waren seine Blicke aber auch nur ein Produkt meiner Fantasie, die von dem winzigen, verborgenen Wunsch genährt wurde, dass ich in ihm dieselbe Neugierde entfachte wie er in mir. Möglicherweise war es die Mischung aus all diesen Dingen, warum er mein Interesse erweckte, aber es gab auch noch einen weiteren Grund, den ich nur ungern zugab und für den ich mich schämte.

Ich hatte mich einige Male absichtlich geöffnet, wenn ich ihn gesehen hatte. Ich wusste, dass es falsch war, seinen Gefühlen ohne guten Grund nachzuspüren. Dass nichts diesen Eingriff rechtfertigte. Und es gab keine Entschuldigung, außer meiner Neugierde darüber, warum er wie eine gefangene Höhlenkatze auf und ab wanderte.

Hawke befand sich in einem immerwährenden Zustand des Schmerzes.

Kein körperlicher Schmerz, sondern eine Qual, die tiefer reichte und sich wie messerscharfe Eissplitter in meine Haut bohrte. Sie war ungefiltert und schien unendlich. Trotzdem folgte sie ihm lediglich wie ein Schatten, der nie von ihm Besitz ergriff. Hätte ich nicht absichtlich danach Ausschau gehalten, hätte ich sie nie gespürt. Er hielt sein Leid in Zaum, und ich kannte niemanden, der so etwas konnte.

Nicht einmal die Aufgestiegenen.

Bei ihnen spürte ich nicht das Geringste, obwohl ich wusste, dass sie körperliche Schmerzen empfinden konnten. Es gab kein zurückgebliebenes Leid in ihnen, und eigentlich hätte ich alleine aus diesem Grund ihre Nähe suchen sollen, doch stattdessen war mir die Sache nicht geheuer.

»Ich habe dich heute Abend nicht erwartet«, meinte Hawke. Er schenkte mir ein kaum merkliches Lächeln, ohne den Mund zu öffnen. Das Grübchen auf der Wange erschien, doch das Lächeln erreichte nicht seine Augen. »Es ist doch erst ein paar Tage her, Süße.«

Süße?

Ich wollte bereits etwas erwidern, doch dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich blinzelte. Er hielt mich für eine andere! Für eine Frau, mit der er sich offensichtlich schon einmal hier getroffen hatte. Mein Blick fiel auf meinen geliehenen Mantel. Er war ziemlich auffällig. Ein sanftes Blau mit weißem Pelz.

Britta.

Hielt er mich etwa für Britta?

Wir waren in etwa gleich groß, etwas kleiner als der Durchschnitt, und ihr Mantel verhüllte meinen Körper, der nicht annähernd so dünn war wie ihrer. Ganz egal, wie viel ich trainierte, ich würde nie so gertenschlank sein wie die Herzogin von Teerman oder einige der Hofdamen.

Unerklärlicherweise war ein kleiner, verborgener Teil von mir beinahe enttäuscht – und vielleicht auch etwas eifersüchtig auf die hübsche Dienstbotin.

Ich musterte Hawke. Er trug dieselbe schwarze Tunika samt dazu passender Hose wie alle Wächter unter ihrer Rüstung. War er direkt nach dem Dienst hierhergekommen? Ich ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. Neben dem Sessel stand ein niedriger Tisch mit zwei Gläsern. War Hawke vor meinem Eintreten mit einer anderen zusammen gewesen? Das Bett hinter ihm war gemacht und sah nicht so aus, als hätte jemand … darin geschlafen.

Was sollte ich tun? Mich umdrehen und davonlaufen? Nein, das wäre seltsam. Er würde Britta sicher darauf ansprechen, aber solange ich ihren Mantel zurückbrachte, ohne dass sie etwas bemerkte, bestand keine Gefahr.

Abgesehen davon, dass Vikter vermutlich noch im Erdgeschoss saß. Und die Frau ebenfalls.

Sie mussteeinfach eine Seherin sein. Mein Instinkt sagte mir, dass sie gewusst hatte, dass das Zimmer belegt war. Sie hatte mich absichtlich hierhergeschickt. Hatte sie gewusst, dass Hawke hier wartete und mich mit Britta verwechseln würde?

Das schien eher unwahrscheinlich.

»Hat Pence dir verraten, wo du mich findest?«, fragte er.

Mein Atem stockte, und mein Herz trommelte gegen meine Rippen. Ich glaubte, mich zu erinnern, dass Pence ein Wächter der Mauer und etwa in Hawkes Alter war. Wenn ich mich nicht täuschte, war er blond, und ich hatte ihn nicht im Erdgeschoss gesehen. Ich schüttelte den Kopf.

»Dann hast du mich also beobachtet und bist mir gefolgt?«, fragte er mit tadelndem Unterton. »Darüber müssen wir unbedingt reden, nicht wahr?«

Er klang seltsam bedrohlich, als wäre er nicht allzu begeistert von der Vorstellung, dass Britta ihm folgte.

»Aber offensichtlich nicht heute Abend. Du bist ungewohnt schweigsam«, bemerkte er. So, wie ich Britta kannte, hielt sie sich selten zurück.

Aber sobald ich den Mund aufmachte, würde er wissen, dass ich keine Dienstbotin war, und ich … ich war noch nicht bereit dafür. Ich hatte keine Ahnung, wofür ich bereit war. Meine Hand lag nicht länger auf dem Dolch, und ich war mir nicht sicher, was das bedeutete. Ich wusste nur, dass mein Herz immer noch raste.

»Wir müssen nicht reden.« Er griff nach dem Saum seiner Tunika, und innerhalb eines Wimpernschlages hatte er sie sich über den Kopf gezogen und beiseite geworfen.

Meine Lippen öffneten sich, und meine Augen wurden groß. Ich hatte schon einmal die Brust eines Mannes gesehen, aber seine noch nicht. Die Muskeln, die sich unter den dünnen Hemden der Wächter spannten und zusammenzogen, wenn sie trainierten, befanden sich nun unbedeckt vor mir. Seine breiten Schultern, die geschwellte Brust und die sehnigen Muskeln zeugten von jahrelangem Training. Ein zarter Flaum wanderte von seinem Nabel nach unten und verschwand in seinem Hosenbund. Mein Blick wanderte noch tiefer, und die Hitze kehrte zurück. Doch dieses Mal brachte sie nicht nur meine Haut zum Glühen, sondern auch mein Blut.

Selbst im Kerzenlicht sah ich, wie eng seine Hose war. Sie umschloss seinen Körper und überließ kaum etwas der Fantasie.

Und ich hatte eine gewaltige Vorstellungskraft, nachdem die Hofdamen und Dienstbotinnen sehr mitteilsam waren und ich sie nur allzu gern belauschte.

Ein seltsames Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus. Es war nicht unangenehm. Ganz und gar nicht. Es war warm und prickelnd und erinnerte mich an den ersten Schluck aus einem Glas mit frischem Champagner.

Hawke trat auf mich zu, und meine Muskeln spannten sich fluchtbereit an, doch ich zwang mich, ruhig zu bleiben. Natürlich hätte ich zurücktreten sollen. Ich hätte zugeben sollen, dass ich nicht Britta war. Ich hätte sofort gehen sollen. Seine Art, wie er auf mich zukam und mit seinen langen Beinen die Distanz zwischen uns überwand, ließ keinen Zweifel daran, was er vorhatte, selbst wenn er seine Tunika nicht ausgezogen hätte.

Und obwohl ich kaum – schon gut, eigentlich gar keine – Erfahrung mit solchen Dingen hatte, wusste ich instinktiv, dass er mich berühren würde, sobald er nahe genug war. Vielleicht sogar mehr. Vielleicht würde er mich küssen.

Und das war verboten.

Ich war die Jungfräuliche. Die Auserwählte.

Ganz zu schweigen davon, dass er mich für eine andere hielt und offensichtlich nicht allein gewesen war, bevor ich das Zimmer betreten hatte. Das hieß zwar nicht, dass er mit einer anderen zusammen gewesenwar, aber es war durchaus möglich.

Doch obwohl mir das alles klar war, rührte ich mich nicht und sagte kein Wort.

Ich wartete, und mein Herz klopfte so schnell, dass ich Angst hatte, in Ohnmacht zu fallen. Meine Hände und Beine zitterten kaum merklich.

Dabei zitterte ich sonst nie.

Was tust du da?, flüsterte die Stimme der Vernunft in meinem Kopf.

Leben, flüsterte ich zurück.

Aber das ist unglaublich dumm, entgegnete die Stimme.

Das war es, aber ich rührte mich trotzdem nicht von der Stelle.

Meine Sinne waren bis aufs Äußerste geschärft, als Hawke vor mir innehielt, die Hände hob und nach meiner Kapuze griff. Einen Moment lang dachte ich, er würde sie mir vom Kopf ziehen und meine Scharade wäre zu Ende, doch er schob sie lediglich ein paar Zentimeter zurück.

»Ich habe keine Ahnung, was für ein Spiel du heute Abend treibst.« Seine tiefe Stimme klang rau. »Aber ich werde es herausfinden.«

Er schlang einen Arm um meine Mitte, und ich schnappte nach Luft, als er mich an sich zog. Es war ganz anders als die kurzen Umarmungen zwischen Vikter und mir. So hatte mich noch nie zuvor ein Mann gehalten. Es blieb kein Zentimeter zwischen seiner Brust und meiner. Die Berührung setzte meine Nervenenden in Flammen.

Hawke hob mich auf die Zehenspitzen und kurz darauf spürte ich keinen Boden mehr unter den Füßen. Seine Kraft war unglaublich, denn ich war nicht gerade ein Leichtgewicht. Ich legte überrascht die Hände auf seine Schultern, und die Hitze seiner festen Muskeln brannte sich durch meine Handschuhe, den Mantel und das dünne weiße Kleid, in dem ich normalerweise zu Bett ging.

Er neigte den Kopf, und ich spürte seinen warmen Atem auf meinen Lippen. Zitternde Vorfreude packte mich, gepaart mit einer schrecklichen Unsicherheit. Es blieb jedoch keine Zeit, um sich über die widerstreitenden Gefühle klar zu werden, denn Hawke drehte sich mit mir in den Armen um und marschierte mit der vertrauten, katzenhaften Eleganz auf das Bett zu. Nach wenigen taumelnden Herzschlägen ließ er sich mit mir auf das Bett sinken, sein Griff stark und vorsichtig zugleich, als wäre er sich seiner Kraft bewusst. Er legte sich auf mich, die Hand immer noch unter meinem Hinterkopf, und sein Gewicht traf mich wie eine Schockwelle. Er drückte mich auf die Matratze und presste die Lippen auf meine.

Hawke küsste mich.

Doch es war kein süßer, sanfter Kuss, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Er war hart und überwältigend. Fordernd. Und als ich nach Luft schnappte, nutzte Hawke die Gelegenheit und vertiefte ihn.

Seine Zunge berührte meine, und ich zuckte überrascht zusammen. Panik stieg in mir hoch, doch da war auch noch etwas anderes, etwas viel Mächtigeres. Eine Lust, wie ich sie noch nie verspürt hatte. Er schmeckte wie der goldene Likör, den ich einmal heimlich gekostet hatte, und ich spürte die Berührung seiner Zunge in meinem ganzen Körper. In dem Schaudern, das meine Haut überzog, in der unerklärlichen Schwere in meiner Brust, in dem Ziehen unter meinem Nabel und noch weiter unten, wo sich plötzlich ein sanftes Pochen zwischen meinen Beinen ausbreitete. Ich erschauderte, und meine Finger gruben sich in sein Fleisch. Ich wünschte mir mit einem Mal, ich hätte keine Handschuhe getragen. Ich wollte seine Haut spüren, und ich konnte mich nicht annähernd genug darauf konzentrieren, was er gerade fühlte. Er neigte den Kopf, und ich spürte seinen seltsam scharfkantigen …

Im nächsten Moment beendete er den Kuss ohne Vorwarnung und hob den Kopf. »Wer bist du?«

Meine Gedanken waren seltsam träge, und meine Haut prickelte, als ich blinzelnd die Augen öffnete. Dunkle Haare fielen ihm in die Stirn. Seine Gesichtszüge waren in sanftes, flackerndes Licht getaucht, und seine Lippen sahen genauso geschwollen aus, wie meine sich anfühlten.

Hawke bewegte sich so schnell, dass ich es nicht einmal bemerkte. Er zog meine Kapuze zurück, und Licht fiel auf mein maskiertes Gesicht. Er hob die Augenbrauen, während sich der Nebel in meinem Kopf lichtete. Mittlerweile sprang mir das Herz aus einem anderen Grund beinahe aus Brust, auch wenn meine Lippen immer noch von seinem Kuss prickelten.

Von meinem ersten Kuss.

Hawkes goldene Augen musterten meine Haare, und er zog die Hand hinter meinem Kopf hervor und nahm eine Strähne zwischen die Finger. Ich versteifte mich, als er sie ins Kerzenlicht hielt, sodass sie rotbraun glänzte. Er neigte den Kopf nach links.

»Du bist definitiv nicht diejenige, für die ich dich gehalten habe«, murmelte er.

»Wie bist du darauf gekommen?«, platzte es aus mir heraus.

»Weil mir die Besitzerin dieses Mantels beinahe die Zunge aus dem Mund gesaugt hätte, als ich sie das letzte Mal geküsst habe.«

»Oh«, hauchte ich. Hätte ich das etwa auch tun sollen? Es klang allerdings nicht gerade angenehm.

Er starrte auf mich hinunter und musterte mich, während er immer noch über mir lag. Ich hatte keine Ahnung, wann er eines seiner Beine zwischen meine geschoben hatte. »Hast du schon mal jemanden geküsst?«

Meine Wangen begannen zu glühen. Oh Götter, war es so offensichtlich gewesen? »Klar!«

Ein Mundwinkel schoss nach oben. »Lügst du immer?«

»Nein!«, log ich.

»Lügnerin«, murmelte er beinahe neckend.

Scham stieg in mir hoch und erstickte die Lust, als hätte man sie unter einer kalten, eisigen Schneedecke begraben. Ich drückte seine nackte Brust von mir. »Du solltest runter von mir.«

»Das hatte ich auch vor.«

Meine Augen wurden schmal.

Hawke lachte, und es war … es war das erste Mal, dass ich ihn lachen hörte. Wenn ich ihn im großen Saal sah, wirkte er ruhig und stoisch wie die meisten Wächter, und beim Training hatte ich nur ein Schmunzeln bemerkt. Aber er hatte noch nie gelacht. Und angesichts der Qualen, die unter der Oberfläche brodelten, war ich mir nicht sicher gewesen, ob er überhaupt lachen konnte.

Aber jetzt hatte er es getan, und es war ein echtes, tiefes und schönes Lachen gewesen. Ein Poltern, das bis in meine Zehen drang. Erst jetzt erkannte ich, dass er in meiner Gegenwart noch nie so viel gesprochen hatte. Er hatte einen leichten, melodischen Akzent. Ich konnte ihn nicht einordnen, aber ich hatte mich bis jetzt auch nur in der Hauptstadt und in Masadonien aufgehalten. Außerdem kam es nicht oft vor, dass jemand neben mir redete, wenn er wusste, dass ich anwesend war. Der Akzent konnte also durchaus weit verbreitet sein.

»Du solltest echt runter von mir«, erklärte ich ihm, obwohl mir sein Gewicht auf mir gefiel.

»Ich finde es ganz gemütlich«, erwiderte er.

»Schön. Aber ich nicht.«

»Sagst du mir jetzt, wer du bist, Prinzessin?«

»Prinzessin?«, wiederholte ich. Seit dem Ende von Atlantia gab es keine Prinzessinnen und Prinzen mehr in unserem Königreich. Lediglich der dunkle Sohn bezeichnete sich selbst als Prinz.

»Du wirkst einigermaßen fordernd.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich könnte mir vorstellen, dass sich eine Prinzessin so verhält.«

»Ich bin nicht fordernd«, bemerkte ich. »Und jetzt runter von mir!«

Er hob eine Augenbraue. »Wirklich?«

»Dir zu sagen, dass du runtergehen sollst, ist nicht fordernd.«

»Dem muss ich widersprechen.« Er machte eine kurze Pause. »Prinzessin.«

Meine Lippen zuckten, aber ich verkniff mir ein schiefes Grinsen. »Du sollst mich nicht so nennen.«

»Wie denn dann? Hast du vielleicht einen Namen?«

»Ich bin … niemand«, erklärte ich.

»Niemand? Das ist aber ein seltsamer Name. Tragen Mädchen mit so einem Namen öfter die Kleidung einer anderen?«

»Ich bin kein Mädchen«, fauchte ich.

»Das will ich hoffen.« Seine Mundwinkel zuckten. »Wie alt bist du?«

»Alt genug, um hier zu sein, falls du dir darüber Sorgen machst.«

»Mit anderen Worten, alt genug, um sich als eine andere zu verkleiden. Zuzulassen, dass jemand dich für diese andere Frau hält und dich in ihrem Namen küsst …«

»Schon gut«, unterbrach ich ihn. »Ja, ich bin alt genug für all das.«

Er hob erneut eine Augenbraue. »Ich sage dir, wer ich bin, obwohl ich das Gefühl habe, dass du das bereits weißt. Ich bin Hawke Flynn.«

»Hi«, hauchte ich dümmlich.

Das Grübchen in seiner rechten Wange wurde tiefer. »Das wäre jetzt der Augenblick, in dem du mir deinen Namen verrätst.«

Meine Lippen blieben versiegelt.

»Dann nenne ich dich eben weiterhin Prinzessin.« Seine Augen waren nun viel wärmer, und ich hätte gerne nachgesehen, ob der Schmerz nachgelassen hatte, aber ich konnte widerstehen. Vielleicht war der Schmerz fort, und wenn dem so war …

»Du könntest mir wenigstens sagen, warum du mich nicht aufgehalten hast«, meinte er, bevor ich der Neugierde nachgeben und mich öffnen konnte, um seinen Gefühlen nachzuspüren.

Ich hatte keine Ahnung, wie ich diese Frage beantworten sollte, wenn ich es nicht einmal selbst verstand.

Er grinste erneut. »Es steckt sicher mehr dahinter als mein entwaffnend gutes Aussehen.«

Ich zog die Nase kraus. »Natürlich.«

Ein weiteres, überraschtes Lachen entfuhr ihm. »Ich glaube, jetzt hast du mich gerade beleidigt.«

Ich zuckte verärgert zusammen. »So habe ich das nicht gemeint.«

»Du hast mich verletzt, Prinzessin.«

»Das bezweifle ich stark. Ich vermute, du bist dir deines Aussehens mehr als bewusst.«

»Das bin ich. Es hat dazu geführt, dass ein paar Leute überaus fragwürdige Entscheidungen getroffen haben.«

»Warum behauptest du dann, ich hätte dich beleidigt?«, fragte ich, doch im nächsten Moment wurde mir klar, dass er mich bloß neckte, und ich kam mir albern vor, weil es mir nicht früher aufgefallen war. Ich drückte ihn erneut von mir. »Du liegst noch immer auf mir.«

»Ich weiß.«

Ich holte tief Luft. »Es ist unhöflich, einfach liegen zu bleiben, obwohl ich dir klar und deutlich zu verstehen gegeben habe, dass du runtergehen sollst.«

»Es war auch unhöflich von dir, verkleidet in mein Zimmer zu spazieren und dich als meine …«

»Liebhaberin auszugeben?«

Er hob eine Augenbraue. »So würde ich sie nicht nennen.«

»Wie denn dann?«

Hawke schien nachzudenken und rührte sich immer noch nicht vom Fleck. »Eine … gute Freundin.«