Blood Destiny - Bloodmoon - Helen Harper - E-Book

Blood Destiny - Bloodmoon E-Book

Helen Harper

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Beschreibung

It's a fine line between pleasure and pain Fast sieht es so aus, als würde es für Mackenzie Smith endlich etwas ruhiger laufen, nachdem sie in London bald ihren Buchladen eröffnet - wären da nicht die schrecklichen Albträume von Drachen, die sie heimsuchen. Oder eine Bande von Magiern, Gestaltwandlern und Fae, die Mack auf Schritt und Tritt folgen und nach ihrer Aufmerksamkeit verlangen. Als eine Dryade dann auch noch Mack um Hilfe bittet, scheint das Chaos perfekt. Dass ihr dabei aber Corrigan (aka Lord Pelzi!) in die Quere kommt, summiert das Ungemach gewaltig. Doch der größte Schmerz steht Mack noch bevor ... "Action, Humor und jede Menge Herz! Ich kann nicht fassen, wie unglaublich gut diese Geschichte geschrieben ist. Die Figuren haben so viel emotionale Tiefe, und die Story ist einfach nur großartig!" GoodReads Band 4 der abenteuerlich-romantischen Blood-Destiny-Serie

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EPUB

Seitenzahl: 360




Inhalt

TitelZu diesem Buch123456789101112131415161718 19202122232425Die AutorinDie Romane von Helen Harper bei LYXImpressum

HELEN HARPER

Blood Destiny

Bloodmoon

Roman

Ins Deutsche übertragen von Andreas Heckmann

Zu diesem Buch

Fast sieht es so aus, als würde es für Mackenzie Smith endlich etwas ruhiger laufen, nachdem sie in London bald ihren Buchladen eröffnet – wären da nicht die schrecklichen Albträume von Drachen, die sie heimsuchen. Oder eine Bande von Magiern, Gestaltwandlern und Fae, die Mack auf Schritt und Tritt folgen und nach ihrer Aufmerksamkeit verlangen. Als eine Dryade dann auch noch Mack um Hilfe bittet, scheint das Chaos perfekt. Dass ihr dabei aber Corrigan (aka Lord Pelzi!) in die Quere kommt, summiert das Ungemach gewaltig. Doch der größte Schmerz steht Mack noch bevor …

1

Dunkler Dunst wallte um meine Unterschenkel und stieg in die windstille Nachtluft auf. Irgendwo zu meiner Linken war ein Knurren zu hören, das mir ein Frösteln über den Rücken laufen ließ. In den schweißnassen Händen hielt ich silberne Wurfdolche, und quälende Hitze brannte in meinen Adern.

Rechts raschelte es. Ich warf einen kurzen Blick zu der dunklen Baumgruppe hinüber und verlagerte unmerklich das Gewicht, um mich dem zu stellen, was da kommen mochte. Wieder knurrte es, diesmal aus größerer Nähe; die Gefahr aus dem Wäldchen war nun drängender. Das Knacken und Rascheln von Ästen und Zweigen kündigte das Auftauchen der Bestie an, und meine Erwartung war so groß, dass meine Hände schwach grün leuchteten. Ich trat ein wenig beiseite, um einen besseren Blickwinkel zu bekommen.

Der Schmerz in meiner Schulter war nicht länger ein dumpfes Ziehen, sondern ein scharfes Stechen, und ich hatte Schwierigkeiten, die Dolche in den Händen zu halten. Dennoch ballte ich die Fäuste, ignorierte den Schmerz und wartete ab. Die Geräusche wurden lauter, und die hohen Eichen schwankten, während mein Feind sich seinen Weg bahnte. Etwas Rötliches schlich sich in mein Gesichtsfeld, und ich blinzelte mehrmals, um wieder klar zu sehen. Als das nichts half, schüttelte ich heftig den Kopf, doch auch das machte die Sache nicht besser.

Ich fluchte innerlich und duckte mich in der Hoffnung, das Geschöpf überraschen und einen Vorteil erlangen zu können, indem ich mich kleiner machte. Aber nein. Kurz bevor das Wesen den Waldrand erreichte, blieb es stehen, und die Wipfel der Eichen schwankten auf eigentümlich Weise. Aus dem Dunkel kam ein Schnaufen, und als ich den Blick hob, stellte ich fest, dass hoch über mir die Atemwolke meines Gegenübers schwebte – dieses Wesen war riesig.

Kurz standen wir einander reglos gegenüber und betrachteten uns still durch den Schleier der Nacht und der Baumschatten. Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf, doch ehe er klare Gestalt annehmen konnte, hatte ich ihn auch schon verdrängt. Worum es sich bei diesem Geschöpf auch handeln mochte: Es war gefährlich, und ich durfte mich jetzt nicht ablenken lassen.

Dann bewegte es sich mit einer lautlosen Anmut, die ich einem so großen Wesen nicht zugetraut hätte, und am Rand der Wipfel zeichnete sich ein Umriss ab. Da der rötliche Schleier meine Sicht weiter beeinträchtigte, konnte ich noch immer nicht erkennen, um was für ein Scheusal es sich handelte, obwohl nun ein großer Klauenfuß aus dem Schutz der Bäume glitt und auf den dunklen Boden vor mir trat. Die tödlichen Krallen schimmerten im Mondlicht.

Plötzlich durchzuckte Schmerz meine Schulter, und ich schrie unwillkürlich auf und ließ den linken Dolch fallen. Um die Waffe aufzuheben, war keine Zeit, da nun ein zweiter Riesenfuß neben den ersten trat. Langsam blickte ich nach oben und schätzte die Dimensionen meines Gegenübers ab. Die Kreatur war riesig – so riesig, dass ich den Kopf in den Nacken legen musste, um sie in den Blick zu fassen. Im nächsten Moment landete etwas auf meinem Gesicht. Ich hielt es für Speichel und wollte ihn angewidert mit der unbewaffneten Linken wegwischen, doch es war etwas anderes: Blut. Wieder blickte ich auf und bemerkte, dass dem Geschöpf etwas aus dem Maul hing. Ich verdrehte den Kopf, konnte aber nicht erkennen, worum es sich handelte. Als wollte das Wesen mir helfen, beugte es sich herab, damit ich die blutgetränkte Masse besser in Augenschein nehmen konnte.

Etwas Dunkles hing schlaff und leblos zwischen seinen Kiefern wie ein zerknülltes Ballkleid. Wer trug denn im Sommer so viele Sachen? Ich blinzelte erneut, erkannte ein wenig bleiche Haut und neigte den Kopf zur Seite, um mehr zu sehen. Um wen es sich bei dem unglücklichen Opfer auch handeln mochte – es war zweifellos tot, denn obwohl ich das Gesicht nicht erkennen konnte, stand der Hals doch in einem unnatürlichen Winkel vom Körper ab.

Ein weiteres Brüllen, das nun von hinten kam und bei dessen Stärke der Boden bebte, ließ mich zusammenfahren. Das Geschöpf vor mir wechselte Stand- und Spielbein und fixierte mich mit einem riesigen gelben Drachenauge. Ich beugte mich vor, zerrte an dem leblosen Geschöpf in seinem Maul und spürte die nasskalte Haut des Toten. Meine Bewegungen hatten das Wesen verwirrt, und es ließ die Leiche fallen, einen Mann, den Mund zu einem lautlosen Schrei geöffnet; seine Augen waren von einem unverwechselbaren Film überzogen. Es handelte sich um Thomas. Der Schmerz in meiner Schulter wurde stechender, der rötliche Schleier vor meinen Augen verwandelte sich in grelles Scharlachrot, und ich schrie auf.

In kalten Schweiß gebadet, schrak ich hoch. Ein Bettlaken hatte sich mir so um Leib und Beine geschlungen, dass ich mich kaum rühren konnte. Mit schmerzhaft hämmerndem Herzen lag ich einen Moment lang da, blinzelte die Tränen weg und schluckte vernehmlich. Dann riss ich mich zusammen, befreite mich aus dem feuchten Laken, stand auf, zog mir ein übergroßes T-Shirt an, tapste ins Bad, schaltete das Licht ein, fuhr angesichts der Helligkeit zusammen, öffnete den Hahn und schüttete mir kaltes Wasser ins Gesicht.

Dann nahm ich ein Handtuch, trocknete mein Gesicht und betrachtete mich im Spiegel. Ich hatte dunkle Ringe unter den Augen, die sich deutlich von meiner blassen Haut abhoben. Seufzend strich ich mir durch das nun fast schulterlange Haar und versuchte, nicht mehr an Thomas zu denken. Stattdessen bohrte ich mir die Fingernägel in die Handflächen, biss die Zähne zusammen und ging in die Küche.

Mein Mund war wie ausgedörrt, und so nahm ich den Orangensaft aus dem Kühlschrank und trank ihn in tiefen Zügen direkt aus der Packung, bis es unvermittelt laut an der Tür klopfte und ich mich verschluckte, ins Husten geriet und ziemlich viel Saft auf dem Boden verteilte. Mit dem Handrücken wischte ich mir den Mund ab, fluchte verärgert und nahm ein Handtuch, um die Bescherung aufzuwischen. Derweil klopfte es weiter, dringlicher sogar. Doch ich reagierte nicht.

Na los, Kätzchen, mach auf. Ich weiß, dass du da bist und nicht schläfst.

Ich fuhr damit fort, den in der halben Küche verteilten Saft aufzuwischen, und machte mir nicht die Mühe, auf die nervige mentale Stimme in meinem Kopf zu antworten.

Corrigans Hämmern wurde schneller und lauter und lieferte den Rhythmus zu einem inneren Zorngeheul, wie nur er es bei mir bewirken konnte. Ich wollte, dass er Leine zog, damit ich mich wieder ins Bett legen und endlich schlafen konnte.

Mackenzie …

In seiner mentalen Stimme lag nun etwas Mahnendes, das mich noch stärker aufbrachte. Für wen hielt er sich, dass er mitten in der Nacht hier auftauchte? Das Oberhaupt aller Gestaltwandler auf Erden hatte doch wohl Wichtigeres zu tun, oder nicht?

In der Wohnung über mir fiel eine Tür ins Schloss. Na prima – er hatte also die Nachbarn geweckt. Vor vier Tagen erst war ich eingezogen, und ich hatte wirklich nicht vorgehabt, sie so schnell zu verärgern.

Verschwinde, Corrigan. Ich versuche zu schlafen.

Tust du nicht.

Er klopfte nicht länger, sondern hämmerte mit der flachen Hand an die Tür, und es hätte mich nicht gewundert, wenn nun jemand die Polizei rufen würde. Ebenso empört wie erschöpft verdrehte ich die Augen, legte das Handtuch weg und ging zur Wohnungstür. Gerade wollte ich sie öffnen, da zersplitterte das Holz krachend, und ich machte einen Satz nach hinten, als die Tür aufknallte. Auf der Schwelle stand Corrigan und wirkte unglaublich zufrieden, während er sein gestrecktes Bein wieder auf den Boden setzte.

Ich musterte ihn entgeistert. »Sie haben meine Tür aufgetreten?«

Er grinste nur. »Ich musste mich davon überzeugen, dass dir nichts zugestoßen ist, Kätzchen. Du hast in meinem Kopf geschrien.« Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Das war … beunruhigend.«

In seinem Kopf hatte ich geschrien? Also nach ihm gerufen, als der Albtraum mich in den Klauen hatte? Ich dachte kurz nach. »Moment mal. Ich bin erst vor fünf Minuten aufgewacht, und Sie wohnen am anderen Ende der Stadt.« Ich stemmte die Hände in die Hüften und musterte ihn mit zur Seite geneigtem Kopf. »Sie mögen schnell sein, Mylord, aber Superman sind Sie nicht. Warum treiben Sie sich hier rum?«

Corrigan hatte den Anstand, wenigstens leicht verlegen dreinzuschauen, kam aber um eine Antwort herum, weil sich oben eine Tür öffnete, schwere Schritte die schmale Treppe runterkamen und ein übergewichtiger Mann in blau gestreiftem Pyjama auftauchte, einen Cricketschläger in den Händen.

Damit drohte er Corrigan und polterte: »Was ist hier los?«

Das Oberhaupt der Bruderschaft hob abwiegelnd die Hände. »Nichts, Sir. Tut mir leid, falls ich Sie aufgeweckt habe.«

Mein Nachbar warf mir einen Blick zu, betrachtete die eingetretene Tür und fasste erneut Corrigan ins Auge. »Nichts, ja? Danach sieht mir das aber nicht aus. Belästigen Sie diese Dame?«

Ich empfand große Sympathie für meinen Nachbarn und räusperte mich. »Alles in Ordnung. Ich kenne den Mann. Er ist nur …« Ich verstummte. Ja, was denn? Jemand, der meine Tür eingetreten hatte, weil er ein WerPanther mit Kontrollwahn war?

Glücklicherweise war Corrigan zu so später Stunde geistesgegenwärtiger als ich und kam mir zur Hilfe. »Meine Freundin hier …«, er betonte das Wort so, dass es nicht misszuverstehen war, »… hat Diabetes. Weil sie nicht ans Telefon gegangen und nicht an die Tür gekommen ist, befürchtete ich, sie hätte einen Insulinschock.« Er lächelte entwaffnend. »Man kann nicht vorsichtig genug sein.«

Mein Nachbar sah mich erwartungsvoll an, und so nickte ich stumm und versuchte, nicht verärgert darüber zu wirken, dass Corrigan unverhohlen angedeutet hatte, wir hätten was miteinander. Der Dummkopf dachte wohl, er markiere hier sein Revier, obwohl ich ihm klar zu verstehen gegeben hatte, dass ich ihn weder brauchte noch in der Nähe haben wollte. Na ja, brauchen jedenfalls tat ich ihn nicht. Und der Wunsch, ihn in der Nähe zu haben, würde sicher bald vergehen.

Ich fand meine Stimme wieder. »Es ist wirklich alles in Ordnung. Tut mir sehr leid, dass wir Sie geweckt haben.« Ich warf Corrigan einen strengen Blick zu. »Kommt nicht wieder vor. Und ich weiß es zu schätzen, dass Sie nach dem Rechten geschaut haben.«

Der Mann lockerte den Griff um seinen Cricketschläger. »War doch selbstverständlich, Miss. Falls Sie was brauchen sollten – ich wohne gleich über Ihnen, in 3D.«

Seinen vielsagenden Blick quittierte ich mit einem Lächeln und sah ihm nach, als er die Treppe wieder raufging. Kaum war ich mir sicher, dass er die Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte, funkelte ich Corrigan an.

»Vier Tage wohne ich nun hier!«, fauchte ich. »Und schon halten die Nachbarn mich für eine Nachteule mit verrückten Freunden. Apropos Freunde – was wollten Sie da eigentlich andeuten?«

Er zuckte die Achseln. »Immerhin sind wir uns schon mal nahegekommen, Kätzchen. Und dir ist sicher klar, dass es zwischen uns nur noch eine Frage der Zeit ist.« Aus seinen smaragdgrün blitzenden Augen sah er mich verheißungsvoll an.

Wieder war mein Mund wie ausgedörrt. »Verschwinden Sie. Ich habe Ihnen gesagt, dass ich Sie nicht brauche und diese Sache allein erledigen will.«

»Jedenfalls vorläufig.«

»Wie bitte?«

»Das hast du gesagt«, erwiderte Corrigan geduldig. »Du musst diese Sache – worum es sich dabei auch handeln mag – allein erledigen, jedenfalls vorläufig.«

Damit zitierte er, was ich in der Akademie der Magier zu ihm gesagt hatte, nachdem das Gespenst Thomas umgebracht hatte. Und nachdem ich mich in den Drachen verwandelt hatte, von dem ich nun ständig Albträume bekam. Verblüfft musterte ich ihn.

»Ich bin geduldig, Kätzchen«, fuhr Corrigan fort. »Ich kann warten, bis du dich mit dem abgefunden hast, was du bist.«

Müde rieb ich mir die Augen. Es war zu spät, um sich mit dieser Sache zu befassen – oder zu früh, wenn man es andersrum betrachten wollte. »Ich habe mich damit abgefunden.«

»Na klar. Darum ja die Albträume.« Corrigan betrachtete meine eingetretene Tür. »Komm mit mir in unsere Festung. Du kannst unmöglich hier bleiben, wo jeder einfach in deine Wohnung spazieren kann.«

»Ach nein? Und wer hat dafür gesorgt, dass hier jeder reinkommen kann?«

Corrigan wollte antworten, doch eine Stimme unterbrach ihn. »Die Festung ist weit weg. Keine Sorge, ich halte Wache und sorge dafür, dass du nicht noch einmal gestört wirst.«

Überrascht sah ich in die Richtung, aus der die Worte gekommen waren. Im Halbdunkel lehnte ein Elf. Corrigan knurrte.

»Wer bist du?«, fuhr ich das Feenwesen an.

Der Elf trat ins schwache Flurlicht. »Du kannst mich Beltran nennen, aber mein Name ist unwichtig. Ihre Majestät hat mir aufgetragen, dafür zu sorgen, dass du nicht gestört wirst.« Mit seinen violetten Augen blickte er Corrigan kurz an. »Und Sie stören.«

Mir klappte die Kinnlade runter. Unglaublich! Es fehlte nur, dass ein Magier Zauberfunken fliegen ließ, um mich angeblich zu verteidigen – dann wäre meine Nacht perfekt.

»Draußen wartet eine Hexe. Ich kann sie jederzeit dazu bringen, einen Bann zu verhängen, damit nichts über deine Türschwelle kommt«, fuhr Beltran völlig ungerührt fort.

Ich verdrehte die Augen. Plötzlich war mir alles klar. Das hier hatte nichts damit zu tun, dass Corrigan um Mitternacht einen kleinen Flirt mit mir suchte; auch ob ich mich von meinem Albtraum erholt hatte, kümmerte ihn nicht. Hier ging es allein um ein dummes Machtspiel zwischen Feenwesen, Magiern und Gestaltwandlern – mit mir als unwilliger Beute. Die konnten mir alle gestohlen bleiben! Trotz meiner Müdigkeit flackerten Flammen der Empörung in meiner Magengrube auf.

Corrigan machte einen Schritt auf den Elf zu. »Miss Mackenzie braucht deine Hilfe nicht. Weißt du überhaupt, wer ich bin?«

Großer Gott – hatte er das wirklich gesagt?

Beltran trat auf das Oberhaupt der Gestaltwandler zu und höhnte: »Soll ich mich vor einer Miezekatze fürchten?«

Corrigan spannte jede Sehne seines muskulösen Körpers an, und aus seinen nackten Armen quoll da und dort dunkles Fell. Das konnte sehr, sehr böse enden.

»Gut, Jungs«, sagte ich und trat zwischen die beiden, »es ist mitten in der Nacht. Ihr habt meine Nachbarn schon mal geweckt. Lassen wir die Sache auf sich beruhen, damit ich wieder ins Bett kann.«

Da sich die zwei weiterhin wütend über meinen Kopf hinweg musterten, wurde ich lauter: »Im Ernst – ihr müsst jetzt verschwinden, denn langsam werde ich sauer. Und es würde euch nicht gefallen, wenn ich wirklich wütend werde.«

Corrigan murmelte etwas vor sich hin, das ich nicht verstehen konnte, und ich ignorierte ihn betont. »Zieht Leine. Sofort.«

Der Elf sah von Corrigan zu mir. In seinen Augen flackerte es, und er verbeugte sich. »Wie du willst.« Er zog sich zurück und verschwand in der Dunkelheit.

Ich wandte mich Corrigan zu. »Sie auch.«

Er wollte etwas sagen, doch ich verzog das Gesicht. »Es ist gefährlich, Corrigan, wenn ich die Ruhigere von uns bin. Ich will endlich schlafen, und der Elf ist binnen Sekunden zurück, wenn Sie nicht endlich abhauen.« Ich betrachtete die eingetretene Tür. »Und ich schätze, ich kann auf mich selbst aufpassen.«

»Daran zweifle ich nicht, Kätzchen.«

»Dann gehen Sie bitte«, sagte ich leise.

Seufzend streckte er die Hand aus und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ich gab mir alle Mühe, bei seiner warmen Berührung nicht zusammenzuzucken. »Wie du willst. Aber …«, und bei diesen Worten wurde sein Blick kurz streng, »… ruf mich, wenn du was brauchst.«

»Natürlich.« Das könnte dir so passen, Freundchen.

Er blieb noch kurz stehen, und in seinem Blick lag etwas Unergründliches. Dann blinzelte er lässig und verschwand anmutig in die Dunkelheit.

Träum schön.

Schön wär’s. Ich kehrte in die Wohnung zurück, achtete darauf, die kaum noch in den Angeln hängende Tür nicht endgültig aus dem Rahmen zu brechen, und verkeilte einen Stuhl so unter der Klinke, dass die Tür sich von außen nicht öffnen ließ. Dann stapfte ich zum Bett und stieß dabei ein paar Flüche aus, die ganz allgemein der Anderwelt galten.

2

Als ich erwachte, war es schon spät. Ärgerlicherweise fiel Sonnenlicht durch einen Vorhangschlitz auf meine Wange. Ich stöhnte leise und fragte mich, ob ich mir die Ereignisse der vergangenen Nacht bloß eingebildet hatte. Doch als ich mich aus dem Bett geschält hatte, stellte ich fest, dass alles so gewesen war. Traurig betrachtete ich die eingetretene Wohnungstür und konnte nur hoffen, dass mir mein neuer Vermieter keinen unverhofften Besuch abstattete, bevor ich den Schaden reparieren lassen konnte.

Da ich praktisch nichts besaß, war auch die Wohnung fast leer. Ich hatte sie mit einigen unerlässlichen Möbeln gemietet: mit Sofa, Bett, Küchentisch und ein paar Stühlen (von denen einer die Tür geschlossen hielt) – sonst gab es kaum etwas. Ich hatte nicht mal Zeit gehabt, meine sieben Sachen in die Einbauschränke zu räumen, und dass es keinen Kaffee gab, setzte mir zu. Ich nahm mir vor, am Abend früh genug Feierabend zu machen, um mir eine anständige Maschine und guten kolumbianischen Kaffee zu kaufen, schlüpfte in meinen üblichen Einheitslook aus Jeans und schwarzem T-Shirt und verließ mit Rucksack die Wohnung. Wenigstens gibt es hier nichts, was sich zu stehlen lohnt, dachte ich wehmütig, als ich die Tür wieder provisorisch vor den Rahmen schob. Corrigan würde mir sehr viele Fragen beantworten müssen.

Die Buchhandlung lag nur zehn Gehminuten entfernt, und ich hatte schon festgestellt, dass ich auf dem Weg an einem kleinen Café vorbeikam. Ich vergewisserte mich, dass die Zeit für einen dreifachen Espresso reichte. Der Buchladen würde ohnehin erst nächste Woche öffnen, und obwohl bis dahin noch vieles zu erledigen war, wäre es nicht schlimm, wenn ich ein paar Minuten zu spät käme. Als ich kurz darauf mit einem Kaffee und einem stinkenden Kräutertee aus dem Café trat, sträubten sich mir die Nackenhaare, und ohne mich umzusehen, war mir klar, dass ich beobachtet wurde. Allerdings bedurfte es keiner Genialität, um rauszufinden, wohin ich ging, und so ignorierte ich die Beschattung nach Kräften. Wenn diese Dummköpfe nichts Besseres zu tun hatten, als mir den ganzen Tag zu folgen, war das ihr Bier.

Die neue, besser bestückte und quasi heimatvertriebene Buchhandlung Clava lag an einer belebten Durchgangsstraße in London. Ich hatte Mrs Alcoon vorgeschlagen, den Namen des Ladens zu ändern, der nach den Clava Cairns benannt war, die hoch oben in Schottland lagen, doch sie hatte auf dem Namen bestanden. Da ich für das Niederbrennen des Geschäfts in Inverness und dafür verantwortlich war, dass alle dachten, sie sei in den Trümmern verbrannt, da ich also dafür gesorgt hatte, dass sie nie nach Inverness zurückkehren konnte, vermochte ich ihr in diesem Punkt kaum zu widersprechen. Zum Glück hatten wir den neuen Laden mieten können – dank einer großzügigen Schadensersatzleistung der Magier. Ich hatte das deutliche Gefühl, dass es ihnen dabei weniger darum gegangen war, bei Mrs Alcoon gut angeschrieben zu sein, und sie eher bei mir einen Stein im Brett haben wollten. Doch die alte Dame hatte einen Ausgleich verdient, nachdem sie ihres Lebensunterhalts und ihres Zuhauses beraubt worden war, und so hatte ich geschwiegen und sie das Geld nehmen lassen. Sie lebte in der kleinen Wohnung über dem Laden, und obwohl wir noch nicht eröffnet, also noch keine nennenswerten Einnahmen hatten, war Geld genug vorhanden, um mir einen Lohn zu zahlen, mit dem ich meine Ausgaben bestreiten konnte.

Kaum öffnete ich die Tür der Buchhandlung, meldete die Ladenglocke meine Ankunft. Mit ihrem schottischen Akzent rief Mrs Alcoon mir über Stapel von Bücherkisten hinweg zu: »Mackenzie, Liebes, alles in Butter?«

»Klar, Mrs Alcoon – mir geht’s gut.«

Ihr Kopf tauchte auf, und sie betrachtete mich ernst. »Du solltest zum Arzt gehen, Liebes. Vielleicht würdest du dann besser schlafen.«

Mrs Alcoon war zwar keine Magierin, besaß aber gewisse hellseherische Fähigkeiten, die ihr mitunter verblüffende Einsichten und Ahnungen ermöglichten. Offenkundig war es mal wieder so weit.

»Mir geht’s gut, ehrlich«, wiederholte ich begütigend und hob den Tee hoch. »Hab ich Ihnen mitgebracht.«

Strahlend stand sie auf, damit ich ihr den Becher geben konnte. »Du bist großartig. Schade, dass du nicht noch einen Becher mitgebracht hast, denn ich schätze, wir bekommen heute noch einen Helfer.«

Verblüfft runzelte ich die Stirn.

»Der Märzmagier hat angerufen. Er schickt seinen besten Bibliothekar vorbei, damit er uns beim Einräumen hilft.«

Ich grinste. »Sie meinen den Erzmagier?«

Sie winkte ab. »Sicher, den Erzmagier, entschuldige. Vieles von diesem Anderwelt-Kram ist ganz neu für mich. Da ist es schwierig, sich alle Namen zu merken.«

Eigentlich durfte kein Mensch (auch wenn er über schwache magische Kräfte verfügte) von der Anderwelt wissen, deren Bewohner ihre Existenz nach Möglichkeit geheim hielten. Weil es außer der Wahrheit aber keine vernünftige Erklärung für Mrs Alcoons monatelanges Koma gab und weil ihre schwachen hellseherischen Fähigkeiten genügt hatten, um mich als jemanden zu erkennen, in dessen Adern Drachenblut floss, wäre es Unsinn gewesen, ihr keinen reinen Wein einzuschenken. Zum Glück waren die Magier damit einverstanden, und auch von anderer Seite war kein Einwand dagegen erfolgt, ihr die ganze Wahrheit zu enthüllen. Und man musste der alten Dame lassen, dass sie all diese Offenbarungen erstaunlich gut verkraftet hatte. Vom Ministerium der Magier allerdings hatte sie schon Jahre vor unserer Bekanntschaft gewusst. Ich warf ihr einen misstrauischen Blick zu und überlegte, ob sie den »Fehler« mit dem Märzmagier absichtlich gemacht hatte, doch sie schaute bloß unschuldig zurück. Hmmm.

Mir kam ein Gedanke. »Moment – er hat von seinem besten Bibliothekar gesprochen?«

Mrs Alcoon nahm einen Schluck Tee. »Ja, Liebes.«

Oha. Sollte es sich um den handeln, den ich vermutete, würden die Kräfte der alten Dame stärker gefordert sein, als von mir oder ihr erwartet. Ich zuckte innerlich die Achseln. Sie war zäh und würde damit klarkommen. Ich öffnete den Deckel meines Kaffees, trank einen großen Schluck, verbrannte mir die Zunge, stellte den Becher ab und ging an die Arbeit.

Die Regale waren schon aufgebaut, und letzte Woche hatten wir die Wände dezent cremefarben gestrichen und den Holzboden frisch lackiert. Jetzt ging es nur noch um das Einräumen der Ware. Aus der nächsten Kiste nahm ich einige Bücher, um sie ins Regal einzuordnen. Ich hatte Mrs Alcoon davon überzeugen können, dass gälische Bücher in London nicht allzu viel Interesse erregen würden, doch gegen meinen Vorschlag, auf Mainstream zu setzen und Bestseller zu verkaufen, hatte sie ihr Veto eingelegt. Stattdessen hatten wir uns das Etikett einer »New Age«-Buchhandlung verpasst, würden also alle möglichen Titel verkaufen, die sich mit der Anderwelt beschäftigten – und auch Publikationen, die so taten, als handelten sie von menschlichen Dingen. Das bunte Buch obenauf hieß Weisheit der Kristalle. Wie Sie die Kräfte der Edelsteine nutzen können, um IHR Leben zu ändern. Dabei ging es sicher um die Menschen-, nicht um die Anderwelt. Ich baute zwei Stapel – einen für das Durchschnittspublikum, dessen Bücher wir vorn anboten; auf den anderen Stapel kamen die Titel für unsere anspruchsvolleren Kunden aus der Anderwelt, die wir weiter hinten platzierten. Außerdem legte ich heimlich einen eigenen Stapel an, um ihn später in meinen Rucksack zu packen. Für den Hausgebrauch hatte ich einige Vampirbücher unter die Bestellungen geschmuggelt, und obwohl Mrs Alcoon sicher nichts dagegen gehabt hätte, wenn ich mir ein paar Bücher zur persönlichen Lektüre bestellte, war mir klar, dass ihr meine Gründe für das Ordern gerade dieser Titel nicht geschmeckt hätten. Aubrey und seine kleinen Vampirfreunde hatten mir noch viele Fragen zu beantworten im Zusammenhang mit ihren Aktivitäten in der Akademie der Magier – Aktivitäten, bei denen versehentlich einige meiner Freunde ums Leben gekommen waren. Ich würde nicht vergessen, was sie getan hatten, und sie dafür büßen lassen, so oder so.

Bald war ich von Büchern umgeben, hockte mich kurz hin und sah mich um. Trotz meines Tuns hatte die Zahl der Kisten kaum abgenommen. Das Einräumen würde viel Zeit verschlingen. Gerade wollte ich mir die nächste Kiste vornehmen, da pfiff ein Peitschenknall durch die Luft. Als ich aufschaute, sah ich einen purpurnen Schimmer. Ob es möglich war, die Magier daran zu hindern, unangemeldet vorbeizuschauen, wenn ihnen danach war? Nicht dass ich sie verabscheut oder ungern als Kunden gehabt hätte, aber mir missfiel die Vorstellung, dass sie auftauchen konnten, wann und wo immer sie wollten. Es musste doch auch für Magier und andere Geschöpfe der Anderwelt eine Ladenglocke geben, die wir installieren konnten.

»Liebes? Es summt gewaltig, und die Atmosphäre hier drin ist sehr merkwürdig«, rief Mrs Alcoon vom anderen Ende des Ladens.

»Das ist vermutlich Ihr hilfreicher Bibliothekar«, gab ich zurück.

Ehe ich meinen Satz beendet hatte, kam eine vertraute, dickliche Gestalt durch das Portal geflogen. Während ich mich in so einem Fall erst mal auf den frisch lackierten Boden übergeben hätte, machten Slim seine Reisen durch den Raum irritierenderweise nicht das Geringste aus.

»Das ist also der Laden?«, rief der kleine Gargoyle.

Ich warf Mrs Alcoon einen raschen Blick zu und sah sie heftig blinzeln. »Großer Gott«, murmelte sie.

»Nicht zu fassen, dass ich den ganzen Weg gereist bin, um in so einer Klitsche zu landen. Diese blöden Menschen.« Slim fuhr herum und warf mir einen durchdringenden Blick zu. »Dabei bist du gar kein Mensch, du seltsames Geschöpf.«

»Ich freue mich auch, Sie zu sehen, Slim«, erwiderte ich lächelnd.

Als unbeugsamer Hüter der Bibliothek in der Akademie der Magier wusste Slim natürlich alles über die Ereignisse im Februar, als ich mich in einen Drachen verwandelt und Tryyl getötet hatte, jenes Gespenst, das für so viel Zerstörung und Verheerung verantwortlich gewesen war. Der Erzmagier hatte mir versichert, er habe alle Zeugen des Ereignisses mit einem Fluchgelübde belegt, damit meine wahre Identität nicht verraten werden konnte. Ich war dieser Maßnahme gegenüber skeptisch gewesen, vermochte aber wenig dagegen zu tun. Schließlich konnte ich schlecht dem gesamten Ministerium der Magier drohen, obwohl ich mich offenkundig in ein feuerspuckendes Untier zu verwandeln vermochte. Seit jenem furchtbaren Tag hatte ich kein zweites Mal versucht, die Gestalt zu wechseln. Die Drachenexistenz hatte mein Bewusstsein damals völlig erfüllt, und das Bedürfnis, Gewalt auszuüben, hatte dermaßen von mir Besitz ergriffen, dass ich Angst hatte, mich erneut in so ein Wesen zu verwandeln. Auch hatte ich festgestellt, dass ich meine Gefühle gern unter Kontrolle hatte. Und ich hielt es für arge Ironie, dass ausgerechnet Thomas, dessen Tod mich die Beherrschung hatte verlieren lassen, mir beigebracht hatte, mich stets in der Gewalt zu haben.

Mrs Alcoon fand ihre Stimme wieder. »So geht das aber nicht, Mr Slim. Ganz und gar nicht.«

Oha. Misstrauisch musterte ich die alte Dame. Womöglich kam sie wider Erwarten schlecht mit einem purpurnen Gargoyle mit einem Faible für alte Bücher klar. Gerade jedenfalls zeigte sie mit dem Zeigefinger auf das Geschöpf.

»Schluss mit dem Rumgeflatter«, befahl sie, verschwand hinterm Ladentisch, kramte herum, erhob sich, schwenkte ein geblümtes gelbes Kopftuch, hielt es sich vors Gesicht und blinzelte Slim von der Seite an. »Das dürfte Ihnen stehen.«

Slims Augen wurden vor Argwohn ganz schmal. Ungemein amüsiert beobachtete ich, wie Mrs Alcoon sich zwischen den Kisten hindurchschob, bis sie direkt vor dem Geschöpf stand, ihm das Tuch mit rascher Bewegung um die Taille band, es seitlich knotete und so seinen nackten Unterleib verhüllte.

»Was machen Sie da?«, kreischte Slim und wollte sich mit seinen kurzen Armen des beleidigenden Tuchs entledigen.

»Mr Slim«, begann Mrs Alcoon geduldig, »Mackenzie und ich sind Ihnen sehr dankbar dafür, dass Sie uns zur Hand gehen wollen, und wir hoffen, dass Sie das Ihrem Märzmagier übermitteln. Aber Sie können unmöglich den ganzen Tag nackt durch die Buchhandlung fliegen.« Sie warf ihm ein strahlendes Lächeln zu. »Das lenkt zu sehr ab, wie Sie sicher verstehen.« Sie tätschelte ihm die Schulter. »Kann ich Ihnen einen Tee anbieten?«

Slim sah sie mit offenem Mund an und blickte dann an sich herab. Der Kontrast zwischen dem gelben Kopftuch und seiner purpurroten Haut war wirklich krass. Ich konnte mich nicht beherrschen und stieß ein leises Prusten aus, das den Gargoyle in der Luft herumfahren und knurren ließ.

Ich versuchte, ernst dreinzuschauen, doch es misslang. »Das Tuch steht Ihnen, Mr Slim, wirklich. Gelb ist Ihre Farbe.«

»Halt bloß den Mund«, fauchte er mich an.

»Möchten Sie einen Tee, Mr Slim?«, fragte Mrs Alcoon erneut.

Er brummte etwas Zustimmendes, sah sie aber nicht an.

Sie dagegen lächelte freundlich. »Bin gleich wieder da«, meinte sie und begab sich in die kleine Küche.

Kaum war sie verschwunden, wies Slim mit einem seiner Wurstfinger auf mich. »Solltest du jemals wem von dieser Sache erzählen, dann …«

Ich lächelte. »Meine Lippen sind versiegelt.«

Er musterte mich argwöhnisch und stieß ein unfrohes Seufzen aus, das wohl Ergebung ausdrücken sollte. »Also an die Arbeit. Je schneller ich aus diesem Loch und weg von dieser Verrückten komme, desto besser.«

Mit Slims Unterstützung kamen wir viel schneller mit dem Auspacken und Einräumen der Bücher voran. Er äußerte ein wenig Kritik an unserer Auswahl und brummte stets etwas in sich hinein, wenn er wieder an das Buch eines Menschen geriet, das sich mit New Age beschäftigte, doch ich musste zugeben, dass er sich in seinem Metier auskannte und die Stapel weit effizienter und kenntnisreicher aufschichtete als ich. Natürlich war es auch hilfreich, dass er sich – im Gegensatz zu mir – nicht von jedem dritten Buch ablenken ließ und keinerlei Neigung verspürte, sich damit hinzusetzen und ein Kapitel darin zu lesen. Als Mrs Alcoon ihm seinen Tee brachte, schnüffelte er misstrauisch daran, bevor er einen winzigen Schluck nahm. Ich unterbrach meine Tätigkeit, beobachtete, wie er trank, und rechnete damit, dass er das Getränk ausspucken würde, doch stattdessen verzog er nur das Gesicht und sagte nichts. Letztlich trank er seinen Becher sogar leer, was mich enorm erstaunte. Ausnahmsweise aber war ich schlau genug, mich dazu nicht zu äußern.

Zur Mittagszeit war bereits alles ausgepackt und nach Sachgruppen gestapelt, und ich trug die zerrissenen Kartons nach draußen zum Altpapier. Die Vampirbücher hatte ich unbemerkt in meinem Rucksack verschwinden lassen, um sie nach der Arbeit aufmerksam zu lesen. Ich beschloss, mir zum Mittagessen Sandwiches zu kaufen, und hoffte, die beiden unbesorgt im Laden allein lassen zu können. Slim würde kaum durch Londons Straßen spazieren, und ich nahm nicht an, dass Mrs Alcoon für uns etwas Essbares organisiert hatte. Bei meinem Hunger blieb mir nichts anderes übrig als loszuziehen.

Ich verließ den Laden und wandte mich nach links, um mir in dem kleinen Supermarkt an der Ecke frisches Brot und vielleicht ein Grillhähnchen zu kaufen. Unterwegs fiel mir auf der anderen Straßenseite eine fast unmerkliche Bewegung auf. Ich blieb stehen, dachte kurz nach und ging weiter, behielt die belebte Straße aber im Auge. Absichtlich verlangsamte ich mein Tempo und erweckte so den Eindruck, nur lässig durch die Mittagssonne zu spazieren; zugleich aber zählte ich in meinem Kopf abwärts bis null.

Mein Timing war perfekt. Kaum hatte ich die Kreuzung erreicht, sprang die Ampel auf Grün, und die Autos fuhren los, sodass niemand die Straße queren und zu mir gelangen konnte. Im nächsten Moment bog ich, ohne den Kopf noch mal zu drehen, nach links ab und rannte los, um meinen Beobachtern zu entwischen. Ich preschte den Gehweg entlang und wich anderen Passanten aus. Einmal wäre ich fast über die Leine eines Terriers gestolpert, der an eine Laterne gebunden war und mich prompt anbellte. Im letzten Moment aber konnte ich über das Hindernis springen, wandte mich erneut nach links und spurtete die schmale Gasse hinab, die hinter den Läden wieder in die Richtung führte, aus der ich gekommen war. Der Gestank von Urin und verrottenden Lebensmitteln stach mir in die Nase und erinnerte mich an meinen Vorsatz, den Hinterhof der Buchhandlung auszuräumen, damit nicht auch von dort unangenehme Gerüche in den Laden drangen, die womöglich die Kundschaft vertrieben. Jetzt aber ignorierte ich den Mief natürlich und hetzte ungehindert bis ans Ende der Gasse, wo ich erneut nach links bog und kurz darauf auf der belebten Straße landete, auf der ich losgezogen war, nun allerdings ein paar Hundert Meter weiter hinten.

Da ich mich jetzt im Rücken meiner Verfolger befand, konnte ich rausfinden, wer seine Zeit damit vertat, mir nachzuspüren. Noch immer war es mir an sich egal, ob diese Leute da waren oder nicht, doch ich war neugierig, wen die Mächtigen der Anderwelt auserkoren hatten, auf mich aufzupassen. Die erste Verfolgerin war schnell entdeckt – nicht nur, weil sie die Straße so verzweifelt nach mir absuchte, sondern auch weil ich sie kannte. Trotz meiner Begegnung mit Corrigan am Vorabend war ich nicht so naiv gewesen zu denken, er werde sich persönlich die Zeit nehmen, mir dauernd zu folgen; dennoch war ich etwas enttäuscht, dass es Lucy war, die Frau, die sich in einen Honigdachs verwandeln konnte und den Appetit eines Pferdes besaß und die ich in Cornwall kennengelernt hatte. Ich sagte mir, meine Enttäuschung rühre allein daher, dass ich mir so nicht zu beweisen vermochte, Corrigan entkommen zu können, ohne dabei auch nur in Schweiß zu geraten, und sah mich nach meinen übrigen Verfolgern um.

Während Lucy die Straße hatte queren können, standen die übrigen beiden noch immer einen halben Block weiter auf dem Gehweg gegenüber. Offenkundig hatten sie die Verfolgung nur darum nicht aufgenommen, weil sie drauf und dran waren, aufeinander loszugehen. Sie standen aggressiv da, und alle Passanten machten einen großen Bogen um sie und warfen ihnen nervöse Blicke zu. Ich lachte in mich hinein und lehnte mich etwas zurück, um besser sehen zu können. Der Magier – den ich definitiv nicht kannte – hatte mir den Rücken zugewandt, war dank seines seltsamen Aufzugs aber als solcher zu erkennen. Es schien unvermeidlich zu sein, dass Magier, sobald sie die Akademie verließen, durch ihre Kleidung sofort Aufmerksamkeit erregten, weil ihr Aufzug ihre speziellen Fähigkeiten quasi in die Welt hinausschrie. Da auch ich Monate in der einschnürenden Kluft der Magier verbracht hatte, warf ich ihnen dieses Verhalten nicht vor. Der Mann hier trug eine pinke Neonjeans, ein grünes T-Shirt und einen Schlapphut. Unauffälligkeit war ihm offenbar unwichtig, und ich fragte mich, was es über mich verriet, dass ihm egal war, ob ich von meinem Verfolger wusste. Anscheinend war es wichtiger, Gestaltwandlern und Feenwesen seine Anwesenheit zu signalisieren.

Nun gab er seinem Gegenüber einen kleinen Stoß. Der Elf Beltran war offenbar noch nicht abgelöst worden, sondern beugte sich dem Magier entgegen und verpasste ihm einen Nasenstüber. Ich kicherte. Trotz meiner Belustigung waren die beiden unübersehbar angespannt; ihr gegenseitiger Hass war sogar über die stark belebte Straße hinweg deutlich sichtbar.

»Die ziehen eine ganz schöne Show ab«, sagte eine Stimme neben mir, und ich zuckte zusammen.

Wie hatte ich mich nur so ablenken lassen können, dass ich auf meine nächste Umgebung nicht mehr geachtet hatte? Verstohlen warf ich dem Mann, der mich angesprochen hatte, einen Blick zu und entspannte mich sogleich. Es war ein kleiner Kerl mit Brille, den ich noch nie gesehen hatte und der offensichtlich so gefährlich war wie ein Becher Margarine.

»Mmm«, murmelte ich beipflichtend.

»Meinen Sie, ich sollte die Polizei verständigen?«, fragte er leicht besorgt.

Das war vermutlich keine gute Idee. »Die regeln das bestimmt unter sich«, beschwichtigte ich ihn. »Es bringt nichts, die Sache weiter eskalieren zu lassen.« Oder die Menschenpolizei in Geschäfte der Anderwelt zu verwickeln.

Derweil beobachtete ich die beiden weiter und überlegte, ob ich mich einmischen und ihre Auseinandersetzung im Keim ersticken sollte. Doch ehe ich eine Entscheidung treffen konnte, tauchte Lucy neben ihnen auf und zeigte verärgert in meine Richtung. Vermutlich hatte mein Geruch mich letztlich verraten, und ich fragte mich, ob es der Mühe wert wäre, mich mit Julia in Verbindung zu setzen, um zu sehen, ob sie mir für den Fall weiterer Begegnungen eine Tarnlotion anrühren konnte. Doch gleich darauf verwarf ich die Idee als sinnlos: Corrigan konnte mit seiner mentalen Stimme Kontakt zu mir aufnehmen, wann immer er wollte; die Magier brauchten nur einen kleinen Zauber zu wirken, wenn sie mich aufstöbern wollten; und sollte ich auch nur einen winzigen Tropfen Blut verlieren, wüssten auch die Feen – auf jeden Fall aber der Elf Solus –, wo ich mich aufhielt. Das alles unterstrich bloß, wie lächerlich es war, dass sie alle mir ständig folgten.

Beltran und der Magier wandten sich zu mir um und runzelten die Stirn.

»Kennen Sie die drei?«, fragte der Mann neben mir neugierig.

»Eigentlich nicht.« Ich lächelte höflich und hoffte, er würde seiner Wege gehen. Zum Glück schien meine Botschaft angekommen zu sein, denn er lächelte zurück, nickte und machte sich daran, die Straße zu queren.

Lucy, Beltran und der Magier starrten mich an, und so winkte ich ihnen grinsend zu. Keiner von ihnen wirkte sonderlich froh. Ich zuckte die Achseln. Das war wohl kaum meine Sorge. Mein Magen knurrte und erinnerte mich daran, weshalb ich losgezogen war. Nachdem meine angestammte Neugier nun befriedigt war, ging ich einmal mehr die Straße hinab, um mir endlich etwas zu essen zu besorgen.

3

Als ich schließlich in die Buchhandlung zurückkehrte und die Ladenglocke mein Eintreten meldete, diskutierten Mrs Alcoon und Slim aufgebracht miteinander.

»Mein Lieber, die Alchemie-Bücher müssen nach vorn.«

»Nennen Sie mich nicht ›mein Lieber‹! Und diese Bücher dürfen unmöglich nach vorn.« Slim stemmte die Hände in seine mit dem Blumenkopftuch bedeckten Hüften. »Sie eignen sich nicht als Lektüre für Menschen, sondern müssen ganz hinten für die richtigen Leser verwahrt werden.«

Mrs Alcoons Brauen schossen empor. »Sind Menschen etwa keine richtigen Leser?«

»Sie wissen doch, was ich meine«, knurrte Slim empört. »Diese Bücher sind gefährlich und dürfen nicht einfach allen möglichen Leuten in die Hände geraten.«

»Und warum nicht? Die Zahl derer, die sie wirklich zu gebrauchen wissen, ist verschwindend gering – ob es sich nun um Menschen handelt oder nicht. Wer sie kauft, tut es aus Neugier und nicht aus dem absonderlichen Bedürfnis, etwas in Gold zu verwandeln.«

»Sind Sie verrückt?«, kreischte Slim. »Bei der Alchemie geht es nicht darum, etwas in Gold zu verwandeln. Die Sache ist viel komplizierter.« Er schlug mit den Flügeln – ein deutliches Zeichen seiner Verärgerung. »Wir hätten Sie besser im Koma behalten sollen.«

Ich räusperte mich, um zu verhindern, dass die Sache aus dem Ruder lief. Beide wandten sich zu mir um und funkelten mich an.

»Mackenzie, Liebes, du warst ja schrecklich lange weg.«

»Tut mir leid«, erwiderte ich etwas schuldbewusst und begriff nun erst, dass es nicht meine beste Idee gewesen war, die beiden allein zu lassen. »Ich musste einiges klären.«

»Darum hättest du dich besser später gekümmert«, fuhr Slim mich an.

»Reden Sie nicht so mit ihr.«

Slim schlug noch energischer mit den Flügeln. »Ich rede mit ihr, wie es mir passt. Durch meine Anwesenheit erweise ich Ihnen beiden einen Gefallen.«

»Mr Slim«, erwiderte Mrs Alcoon ruhig, »Sie können gern gehen, wenn Sie das wünschen.«

Der kleine Gargoyle murmelte etwas in sich hinein.

»Wie bitte, mein Lieber? Ich habe Sie leider nicht verstanden.«

»Ich bleibe«, murmelte er etwas deutlicher. »Aber nur, weil Sie die heikle Grenze zur Anderwelt in Unordnung brächten, wenn ich ginge.« Er erhob sich schwerfällig vom Tresen in die Luft und flog in die kleine Küche.

Kaum war er verschwunden, wandte Mrs Alcoon sich mir zu. »Ich mag ihn recht gern, Mackenzie.«

»Darauf wäre ich nie gekommen«, erwiderte ich ungläubig und packte das Brot und den Aufstrich aus, die ich gekauft hatte.

»Ach«, sie stieß ein Kichern aus, »das waren doch nur harmlose Sticheleien. Er ist wirklich ziemlich süß.«

Sollte ich ihr vorschlagen, Slim besser nicht zu sagen, dass sie ihn für ›süß‹ hielt? Ich kam zu dem Schluss, dass sie dann womöglich jede Gelegenheit nutzen würde, ihm genau das zu vermitteln. Während ich eine Seite von Mrs Alcoon kennenlernte, die mir neu war, wusste ich doch genau, dass freundliche Neckereien zu großem Ärger führen konnten. Es war wohl das Beste, mich aus der Sache rauszuhalten.

Sie betrachtete die Mayonnaise, die ich auf den Tresen gestellt hatte. »Unser Slim ist wirklich nicht der Dünnste«, meinte sie dann, nahm das Glas und verbarg es in der Ablage unter der Registrierkasse. »Besser, er isst kein so fettes Zeug.« Dabei nickte sie ernst und gedankenverloren.

Es war also eindeutig ein guter Plan von mir, in Sachen Slim den Mund zu halten.

Einige Stunden (und Streitereien) später waren wir fast fertig. Alle Bücher waren in die Regale geräumt, und obwohl es mitunter Meinungsverschiedenheiten darüber gegeben hatte, wo die eine oder andere Abteilung aufgestellt werden sollte, hatten wir es schließlich geschafft, wobei Mrs Alcoon sich jedes Mal durchgesetzt hatte. Ich wischte mir mit einem T-Shirt-Ärmel Schweiß und Staub von der Stirn und ließ mich auf den Boden sinken.

»Drei Tage schneller fertig als geplant«, stellte Mrs Alcoon stolz fest.

Slim hüstelte unüberhörbar.

Sie strahlte ihn an. »Ohne Sie hätten wir das natürlich nicht geschafft, mein lieber Slim.«

Sie beugte sich zu dem schwebenden Gargoyle vor und gab ihm ein Küsschen auf die Wange. Erstaunt sah ich ihn vor Verlegenheit und Freude erröten. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich würde die Leute nie verstehen. Oder jedenfalls keinen leibhaftigen Gargoyle.

»Ich könnte wiederkommen. Und Ihnen mitunter aushelfen, wenn Sie den Buchladen eröffnet haben.« Sofort machte er ein mürrisches Gesicht. »Aber nur, weil Sie offensichtlich professionelle Hilfe brauchen.«

»Das wäre wirklich nett, Mr Slim. Vielen Dank, mein Lieber.«