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Unterschiedlicher könnten die jungen Frauen kaum sein: Moira, eine resolute Tierschützerin, und Sibylle, eine zurückhaltende Tierpräparatorin. Beide bekämpfen Artenschwund, Waldsterben, Klimawandel, streiten jedoch heftig über die Mittel. Überraschend verlieben sie sich ineinander, doch ein Familiengeheimnis zerstört alles. Moira und Sibylle sind Halbgeschwister. Der Schock radikalisiert das einstige Paar. Moira wählt in einem Akt des Widerstandes den Freitod. Bestürzt hinterfragt Sibylle ihre Ziele und sucht Ausdruck und Trost in der Kunst. In versehrten Tierhäuten findet sie ein Symbol für den Verlust ihrer Geliebten und die Zerstörung der Natur. Angesichts des Sterbens der Natur stellt sie sich die Frage: Erzwingt dies nicht gänzlich neue Formen der Kunst? Resigniert zieht sich Sibylle zurück und lebt isoliert in einem Wald. Eines Tages erhält sie unerwartet eine Einladung von einem Future-Lab, das Gentechnik als Lösung gegen Artensterben propagiert. Sibylle steht vor einer folgenschweren Entscheidung.
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Seitenzahl: 331
Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
PRAEPARATIO – VORBEREITUNG
RAMUS – ZWEIG
OCULI – GLASAUGEN
VENATIO – JAGD
LETUM – VERNICHTUNG
LINGUA – SPRACHE
IMITATIO – NACHAHMUNG
VARIATIO – ABÄNDERUNG
EXPOSITIO – AUSSTELLUNG
PUGNA – KAMPF
CUTIS – HAUT
TENSIO – AUSDEHNUNG
FORMA – MODELL
RIMA – RISS
TRANSLUCERE – DURCHSCHEINEN
FINIRE – BEENDEN
RECOLARE – WIEDERHERSTELLEN
Anhang
Impressum
Die Arbeit der Autorin am vorliegenden Buch wurde
vom Deutschen Literaturfonds e.V. gefördert und dem
Stipendienprogramm des Freistaats Bayern „Junge Kunst
und neue Wege“ unterstützt.
Liebe Kunstfreundin,
Sie wundern sich gewiss, dass ich Ihnen schreibe. Es wird Sie getroffen haben, als ich so grußlos verschwand. Wie viel ließ ich nach Moiras Tod hinter mir, streifte es ab wie ein Natternhemd. Und doch hoffe ich, liebe Förderin, dass Sie diese Zeilen lesen. Mit Moira, meiner toten Geliebten, spreche ich täglich. Für sie hätte es diesen Brief nicht gebraucht. Ihnen aber schulde ich eine Erklärung. Weil Sie als Galeristin früh zu mir hielten, mein Werk akzeptierten, so mühsam es auch entstand. Ich weiß, dass ich den Anfang im Tierlichen suchen muss. Ob Schlangen wissen, wann ihre Schutzhülle bersten wird? Wovon nährt sich Wachstum? Wie entsteht Entgrenzung? Wodurch und ab wann treiben wir vernichtend über uns hinaus, wenn wir uns künstlerisch, ethisch, sozial neu erfinden? Bei der Vorstellung, diese Zeit abermals zu durchleben, überkam mich Übelkeit. Ein Brechreiz stieg mir den Schlund hinauf, längst verdaut geglaubte Brocken würgte ich wieder aus. So betrachtet, züngelt meine Füllfeder durch Erbrochenes. Als Spaltzunge durchfährt sie diesen Brief. Ich wollte Ihnen auf Vellum, der Haut eines Kalbes, schreiben, aber die Geschichte wuchs sich aus. Eingestreut finden Sie Notizen aus meinen Präparate-Tagebüchern. Gutenborg riet uns, solche Journale zu führen. Teilweise habe ich diese Blätter vor Jahrzehnten verfasst. In der jugendlichen Schwärmerin erkenne ich mich kaum wieder. Doch in einem Körper können zwei Zeiten sein und in Zonen des Übergangs Potenzial für Ereignis. Daher stelle ich mir vor, wie unsere Blicke sich in den Zwischenräumen dieser Zeilen treffen und nichts unsere Neubegegnung trennen würde, außer jene klare, große Schuppe, die schützend das Auge der Schlange überzieht.
Auf das Experiment im Future-Lab habe ich mich aus freien Stücken eingelassen. Sollte es zurück in die Kunstwelt führen, sind Sie die Erste, der ich begegnen möchte. Ich bin Ihnen unendlich dankbar.
Immer die Ihre,
Sibylle Kinning 3. März 2033
Praeparatio – Vorbereitung
10. September 1983Waldkauz (Strix aluco)
Zuallererst brauche ich ein Wappentier. Eines, das ich leise grüßen kann. Komm, kleiner Strix, flieg zu mir, dir allein gehört dieser Platz, du kennst mich am längsten. Du, auf deinem viel zu kurzen Ast. Wie seidig deine Flügelbögen sind, wie plusterzart deine fluffige Brust. Und wie abgestumpft dein Blick. Zwei Kuppeln aus Glas, schwarz und leer.
Bis heute sitzt du im Keller ein, bewachst die Tür, die zum Eingemachten führt. Mit Finsternis kennst du dich aus, auch, wenn du immer alles abgestritten hast. Mutter meinte, du seist direkt in Vater reingeflogen bei einer seiner vielen Handelsreisen. Sie habe sowas kommen sehen. Du seist seine Strafe, sein zweites Gesicht. Keine Ahnung, was sie damit bezweckte. Ausgerechnet du, geräuschloser Bote, der den Tag so leicht durchgleitet wie Dämmerung und Nacht. Vater danach zu fragen, hätte Streit heraufbeschworen. Sogar als er uns endgültig verließ, verlangte Mutter, dass du an deinem Platz bliebest. Du, neben mir, Vaters zweite Hinterlassenschaft.
Wie hartnäckig sie Nadeln in dein Federkleid pinnte. Dabei lag es doch bereits glatt und geschmeidig an. Vielleicht fixierte sie ihren Schmerz. Von dir jedenfalls kein Pieps, nicht ein Sterbenswörtchen.
Mit den Jahren zog Staub über alles hin, bedeckte auch dich. Ausgeliefert, am Ast klebend, wurdest du zundertrocken. Milben zerfraßen deinen Balg. Zu guter Letzt, kleiner Kauz, verlorst du ein Auge. Dir blieb wenig mehr als ein scheeler Blick.
Ramus – Zweig
Das Fach, liebe Freundin, das ich erlernen wollte, sollte Tierliebe und Wissenschaft, Handwerk und künstlerisches Gestalten aufs Engste verbinden. Dabei klang Taxidermie für meine Ohren damals fremd. Im Lexikon fand ich mehr.
Táksis bedeutet arrangieren, ordnen, anordnen. Und dérma, klar, meint Haut. Aus jeder noch so schlechten Hülle würde ich das Bestmögliche herausholen, sie stellvertretend für die ganze Art präparieren. Ich würde die Ordnung der Lebewesen zur Schau stellen. Zeigen, wie schön die Tiere sind, wie liebenswert.
Als ich das Schreiben in Händen hielt, bekam ich eine Gänsehaut, ich konnte spüren, wie sich feinste Härchen aufrichteten. Jedes Follikel reagierte. Eine Jahrmillionen alte neuronale Sensibilität, ursprünglich ein Kältereflex. Bereits Darwin, erfuhr ich später, erforschte das Phänomen, notierte das unwillkürliche Aufrichten der Haare, sobald er Affen, Hunden oder Schweinen eine ausgestopfte Schlange zeigte. Erschauern, kombinierte er, könne Verwandtschaft belegen. Doch zeigte sich bald: Manche spüren solche Schauder häufig, andere nie.
20. September 1983Coco
Wenn ich daran : denke : nein : es höre : nein : sehe : nein : zuerst : den Schlag : den Aufschlag, wenn : das Geräusch : nein : doch : das Geräusch : das nie : das nicht : weil dumpf wie : du : rücklings : du : tot : dein wacher Blick : so flammend : so leicht : so geschickt : und jetzt : so trübe : und jetzt : so starr : deine kleine Klaue : im Muff : so kalt : so eiskalt über Nacht.
Ich prüfte, ob meine Sinne mir einen Streich spielten. Doch die Signatur war echt, der Institutsdirektor Johannes Gutenborg hatte persönlich unterschrieben. Er informierte über die Einladung zu einem Erprobungstag.
Im Nachhinein habe ich mich oft gefragt, warum ausgerechnet er, dieser weit ausholende Denker, eine so kleingeizige Schrift ausgebildet hatte. Inzwischen weiß ich, dass sie vom Krieg herrührte. Schulen, Unis, Bibliotheken, alles weggebombt. Die Welt ein Trümmerhaufen. Wie zig andere lebte er sein aus den Fugen geratenes Leben. In einer verwüsteten Stadt, einem Raum ohne ersichtliche Ordnung, empfand er dennoch Lebendigkeit, intensive sogar, wie er mir einmal gestand. Nach Jahren des Faschismus endlich frei. Obgleich es praktisch an allem mangelte, vermisste er am meisten seine Bücher. Verglichen mit anderen existenziellen Begrenzungen mag das befremden. Doch für einen Menschen, der in Sprache atmet und im Schreiben lebt, dürfte die Entbehrung qualvoll gewesen sein. Von frei liegenden Wänden haben sie Tapetenreste gekratzt, aus feuchten Kellern Kartonagen geklaut, von Anschlagbrettern Reklame. Seitdem füllte Gutenborg jede freie Stelle auf Papier vollständig aus, selbst an der Tafel ließ er kein Fitzelchen Rand. Sein Schriftbild bestand aus winzigen Wellen, die wie seismische Mikrogramme den Zeitpuls registrierten.
Als ich das Phänomen Moira gegenüber erwähnte, reagierte sie genervt. Einfach alles, was diesen Typen anginge, würde ich überhöhen. Verehrt wie ein Abgott stünde der auf seinem Podest. Meine Haltung sei vollkommen unkritisch und verblendet, geradezu hörig.
26. Oktober 1983Coco
Tag eins: Das Rupfen der Federn beginnt in der Nacht.
Tag zwei: Auf der Einstreu wogt smaragdgrün die See.
Tag drei: Ein Gast nimmt ein Bad, es ist der Tod.
Am Erprobungstag war ein kleiner Parcours vorbereitet worden. Wie bei einem Zirkeltraining rückten wir vor. An den Stationen lagen Stücke aus Metall, Holz, Gips, Formschaum. Man erklärte uns die Werkzeuge, wir gaben unser Bestes, schließlich würden Lötkolben, Schweißgeräte, Feilen und Skalpelle von nun an unsere täglichen Begleiter sein.
Die Schlussaufgabe bestand darin, ein Kopfmodell aufzubauen. Welches der ausgestellten Präparate wir zum Vorbild nahmen, blieb uns überlassen. Die Köpfe sollten wir grob mithilfe von Watte, Holzwolle oder Werg vorbilden und anschließend durch Wickelband weiter ausformen. Es würde einfacher, hieß es, wenn wir uns an den Schädeln der jeweiligen Präparate orientierten. Ich weiß noch, dass die Originale sich von den dunkel polierten Holzplatten wie Schmuckstücke abhoben. Ihr knöchernes Weiß leuchtete, als wäre es Porzellan oder Kunststoff, aber nie und nimmer Bein.
24. Oktober 1983Ägyptische Tiermumien
G. hat uns Röntgenbilder von Tiermumien mitgebracht. Ein Ibis, ein Falke, ein Pavian, ein Krokodil. Mit welcher Sorgfalt die Balsamierer die Körper drapierten. Bis zu 70 Tage habe die Prozedur gedauert, inklusive Organentnahme und Einwirkzeit. Mumien, sagt G., zählen nicht zu den Präparaten, ganz gleich, ob Tier oder Mensch. Die X-Rays lassen ihre Knochen durchsichtig wirken. Selbst das Mark scheint beinahe verklärt. Man weiß gar nicht, ob diese Wesen erscheinen oder verschwinden. Wie sie daliegen in ihren Kokons. Fast schäme ich mich, ihren Schlummer zu begaffen. Als könnte das ihre Träume stören. Ein Leinenband der Liebe umgibt sie, die Gottheiten, Menschen, Tiere. Ich frage mich, warum eine solche Hochkultur unterging.
Indem Gutenborg uns Erkenntnisse nicht vorenthielt, ihnen aber auch nicht unkritisch erlag, förderte er Fortschritt auf seine Art. Er empfahl uns, akademische Streitigkeiten zu meiden. Oft führten gut dotierte Gockel Scheinkämpfe, zankten um Verzweigungen, sprich: Taxonomien. Gewiss, es mache einen Unterschied, ob der Kastanienkauz, der Prachtkauz, der Albertseekauz und der Etchécoparkauz eigene Spezies seien oder lediglich Unterarten vom afrikanischen Kapkauz. Denn so betrachtet, führte er leise verschmitzt aus, wären die kauzigen Fünf eben ziemlich nahe Verwandte.
Neuen Erkenntnissen dürften wir uns nie verweigern. Im Gegenteil, wir sollten uns auf Taxonomien im Fluss einstellen. Nur darauf beharrte er: Selbst, wenn wir noch so viele Fakten anhäuften und über alles Wissen der Welt verfügten, letztendlich bliebe unser Verstehen unzureichend. Was begriffen wir denn genau von der Entwicklung und ihren Kräften? Wer ahnte schon, wie alles zusammenhinge und wozu? Hätte irgendwer auch nur eine Mikrobe, eine Alge, einen Lurch, geschweige denn einen Quastenflosser wirklich erfasst? Kein Mensch wisse, was uns bewege, egal ob zu Wasser, auf der Erde oder in der Luft.
Im Kontakt mit etlichen Kollegen stehend, gab Gutenborg ein Fachorgan für Praktiker heraus. Vor- und Nachteile neuer Verfahren fanden darin Platz, genau wie eine Rubrik zur Kulturgeschichte der Präparation. Ich glaube, er hatte nach und nach alle naturkundlichen Schriften des 18. und 19. Jahrhunderts gelesen. Im Grunde lag hier seine Leidenschaft. Er behauptete steif und fest, die Geschichte der Präparation lehre uns alles. Wer in den Formen lesen könne, sähe Kriege, Katastrophen und Umbrüche aller Art voraus. Die Exponate und ihr Werden sprächen zu uns.
Man konnte an solchen Sätzen nagen wie an einem Knochen, man konnte daran verzweifeln oder widersprechen, doch einfach auf Durchzug schalten, konnte niemand. Ausnahmslos alle in der Klasse nahm seine Art zu denken für sich ein. Erst recht, wie Sie richtig vermuten werden, seine Kunst zu präparieren. Nachdem Gutenborg uns anfangs mit historischen Präparaten überhäufte, zeigte er uns bald eine unglaublich schöne, aktuelle Dermoplastik. Die Goldmedaille, die er dafür erhalten hatte, war mehr als verdient.
23. September 1983Jaguar jagt zwei grüne Aras
Heute hat G. eine eigene Arbeit mitgebracht. Ob er uns was beweisen will? Zeigen, was er draufhat? Nötig hat er’s nicht. Immerhin, mal kein historisches Präparat. Ein ausgewachsener Jaguar springt fast senkrecht in die Luft und jagt zwei Aras über ihm. Grüne Aras (Ara ambiguus). Die beiden hockten einen knappen Meter über ihm, nah genug für einen Sprung aus dem Hinterhalt. Das Fleckfell dicht wie ein Seidenteppich.
G. beginnt erst mal mit Statik, zeigt Bilder der verbauten Vierkanteisen. Die Vertikale, erklärt er, erzeugt Dynamik. Erlaubt die Länge des kompakten Jägers darzustellen. Zugleich ein Kunstgriff, das herrliche Fell rundum zu zeigen. Stimmt, die weiße Bauchseite mit den schwarzen Punkten liegt frei, die gold-schwarze Rückenpartie mit den fast geschlossenen Rosetten auch. Pfeilschnell der Überraschungsangriff, die typische Jagdtechnik der Großkatze. Nur der rechte Hinterlauf berührt das Podest, das linke Bein tritt förmlich in die Luft, weshalb der Schwanz kräftig dagegensteuert. Fauchend fegt der Jaguar seine Tatzen zu dem Ara, mit voller Wucht schlägt er seine Krallen in die Beute, berührt wohl auch das Bauchgefieder. Aufgescheucht reißt der andere die Flügel hoch, stiebt flatternd und lauthals kreischend davon.Wie fein G. das ausgearbeitet hat. Die Gesichter der Aras tatsächlich im Schreck. Eine Kippszene, Ausgang ungewiss. G. meint, die Katze wolle treffen, müsse, was denn sonst? Gespannt wie ein Flitzebogen die ganze Bewegung, das Kreuz durchgedrückt, die Wucht im Angriff. Doch ob ihre Tatze tötet oder nur schrappt, überlasse das Präparat unserer Fantasie. Das Meinungsbild sagt: Sechs zu Zwei. Pech gehabt. Dem Pärchen fehlt es an Glück.
Mir gefällt sein Ansatz. Professionell, unsentimental, präzise. Werde es genauso halten.
Obwohl die Reichweite der Jaguare, liebe Freundin, bereits während unserer Ausbildung merklich zurückging, hieß die Einstufung auf der Roten Liste lediglich: potenziell gefährdet.
Potenziell, denken Sie nur, was für ein Irrsinn! Schon damals brummten Kreissägen, prasselten Feuer, furchten Pflüge über weite Kilometer des Amazonas-Regenwalds. Ausgerechnet dort, in ihrem angestammten Terrain, haben wir durch Kahlschlag, Viehzucht, Ackerbau sehenden Auges das Zuhause dieser Tiere zerstört. Statt weitläufiger Habitate blieben nur mehr zerstückte. Wir sehen ja, wie Konflikte zunehmen, jetzt auch im brasilianischen Pantanal, dem kostbaren Binnen-Sumpfgebiet. Verdrängung und Racheabschüsse werden folgen. Glauben Sie mir, der Anfang vom Ende ist programmiert. Genauso begann es in den USA mit dem Arizona-Jaguar. Eine regionale Unterart, die seit den 80ern als ausgerottet gilt. In den Wäldern der Staaten fehlt das geschmeidige Tier seither.
25. Oktober 1983Scheinmumien
Komisch, etliche der bandagierten Bündel fand man leer! Gefüllt mit nichts als ein paar Federn, Eiern oder Nistmaterial. Ob es stimmt, wie G. vermutet, dass der heilige Kult zur Mumienindustrie verkam? Oder wurden die heiligen Tiere damals etwa knapp?
Wie friedvoll ich mir den Alltag von Göttern, Tieren und Menschen vorstellte, liebe Kunstfreundin. Ein pharaonisches Paradies malte ich mir aus. Illuster und exquisit, gleich den prachtvollen Grabkammern mit all ihren Hieroglyphen. Für mich zeugten die Pyramiden von gedeihlichem Miteinander. Hier, am Flusslauf des Nils, inmitten ausgedehnter Wüsten, war eine Hochkultur zu vollendeter Reife erblüht, eine Gesellschaft, die Leben und Tod aller Wesen gleichermaßen achtete, respektvoll mit ihnen umging. Über zig Dynastien hatte sie Bestand, immerhin gut und gerne dreitausend Jahre.
Was soll ich sagen? Der Fortschritt der Wissenschaft belehrte auch mich. Jahrzehnte später, zur Erforschung des Tierfriedhofs in Sakkara, wandten Wissenschaftler Methoden zur Knochenanalyse an. Das Ergebnis bestürzend. Etliche Katzen, Hunde und Paviane wiesen Schädelverletzungen oder Genickbrüche auf. Außerdem ließ sich Fehlernährung nachweisen. Den Tieren waren die scharfen Zähne gezogen worden, die Knochen der Vögel wurden sorgfältig geschient, teils sarkophaggerecht gefaltet.
Das alles, Sie vermuten richtig, legte eine Neubewertung nahe. Die Weihetiere, als Votivgabe oder Proviant dargebracht, wurden ausschließlich zu diesem einen Zweck gezüchtet. Tiermumien, so krude sich das anhören mag, waren ein ersprießlicher Wirtschaftszweig. Bei geschätzten 70 Millionen lag ihre Zahl.
Jetzt, da ich es aufschreibe, klingen mir Moiras Worte im Ohr. Sie waren an Süffisanz kaum zu überbieten. Immer, wenn Menschen sich der Tiere annehmen, ginge das für die Tiere übel aus.
Ich erinnere mich an eine Diskussion mit ihr, bei der es um Mumien ging, konkret um die Frage, ob man diese durch Natur oder Kunst erhaltenen Körper fremden Blicken aussetzen dürfe. Die Gegensätze waren schnell gefunden: Museum oder Gruft, Besichtigung oder Gedenken, Spende oder Geld. Bald hatten wir einen unserer üblichen Patts herbeigezankt. Da zog Moira ihren letzten Trumpf, das doppelte Maß. Es sei sowas von typisch, dass wir bei Tutanchamun, dem toten ägyptischen König, und bei Rosalia Lombardo, dem toten italienischen Mädchen, Pietät forderten, bei Tiermumien jedoch, die zum Teil auch Namen trügen oder indirekt den ihrer Gottheit erhielten, uns einen Dreck um deren Würde scherten. Bedenkenlos, ohne jede Skrupel zeigten wir ihre sterblichen Überreste vor, ließen sie von zigtausend Blicken begaffen. Wie Waren behandelten wir sie, wie Stückgut, kein bisschen anders als meine vermaledeiten Präparate.
Weil ich Moira nicht weiter provozieren wollte, ignorierte ich ihren letzten Punkt. Auch verschwieg ich ihr, dass viele Tiermumien zerrieben worden waren. Man verschiffte sie tatsächlich als Düngemittel, um für bessere Ernten in Europa zu sorgen. Heute schäme ich mich für mein Schweigen, doch damals kam mir das Zweierlei-Maß-Gerede wie ein triumphierendes Krakeelen vor, ich dachte, sie übertreibe mal wieder, verursache, ganz Aktivistin, einfach maßlosen Lärm.
4. Oktober 1983Ostkreischeule (Megascops asio)
Aufgeschnappt: Bei Gefahr versteifen die Vögel, verfallen in eine Art Hypnoseschlaf. Man könne sie dann wie ein Stück Holz aus dem Versteck tragen. G. sagt, er halte das für ein Ammenmärchen. Aberglaube auch, dass ihr Rufen den Tod vorhersagen soll.
Habe das Eulenjunge beim Blättern entdeckt. So niedlich, das Flausch-Ei, eine Frau hat es aufgestellt: Martha Maxwell (1831-1881), Dermoplastikerin aus Wisconsin. Unter den Präparations-Dynastien, die G. neulich an die Tafel gekritzelt hat, stand nicht ein weiblicher Name. Väter gaben das Erlernte an ihre Söhne weiter, Generation über Generation. Töchter? Welche Töchter?
Weiß jetzt, wofür die Eule steht. Das Zeichen gehört zu den ältesten Hieroglyphen. Es ist der Buchstabe M.
M wie Mythos, M wie Magie.
Oder M wie Moira, füge ich hinzu. Entschuldigen Sie, liebe Freundin, ich springe hin und her, greife vor und zurück, erzähle quer durch die Zeiten. Apropos Zeit, Gutenborg meinte, kein Präparat ohne Verlauf. Obwohl stillgestellt, entwerfe jedes Präparat seine eigene Chronologie. Momentum und Pose hingen aufs Engste zusammen. Geradezu berühmt sei diese Dermoplastik. KLICK. Das Dia präsentierte uns eine sich erhebende Löwin. Der Niederländer Herman Hendrikus ter Meer habe sie 1916 aufgestellt. Ob wir erkennen würden, dass sich das Tier aus einer liegenden in eine halb aufrechte Position begebe. Irgendeine Witterung mochte der Anlass sein, vielleicht auch eine Erschütterung des Savannenbodens. Schon habe die Katze beide Vorderläufe aufgerichtet, hielte Nase, Ohren, Augen konzentriert in den Wind. Die Hinterhand mit dem langen Schwanz dagegen liege entspannt am Boden. Noch. Jeden Moment könne sich das ändern. Ihr Jagdinstinkt sei erwacht. Womit der Meister der Dermoplastik wieder einmal bewiesen habe: Mit der Modellierung von Körperzeit beginne eben alles. Leben sei verkörperte Zeit. Leben ohne Zeit eine andere Definition von Tod.
Oculi – Glasaugen
Augen, lehrte Gutenborg, seien das Wichtigste. Alles hinge an den Augen. Eine noch so schöne, der Natur nachempfundene Pose wirke unecht, wenn die Augen verfehlt würden. Falsche Pupillen verderbten einfach jedes Präparat.
Die frühesten Taxidermisten, die das Glas noch nicht kannten, formten Augen aus Fett, Teer, Edelstein oder Metall und bemalten sie mit Pigmenten ihrer nächsten Umgebung. Das Gelb der müde werdenden Sonne fanden sie im Boden, in Gemischen aus Brauneisenerz, Tonmineralien und Kalk, das Schwarz der Nacht im Ruß der verkohlten Rinde der Waldkiefer, der Pinie sylvestris.
Ursprünglich, so Gutenborg, habe man das Licht erst jagen und im Ritus ehren müssen, auf dass es sich zerstoßen lasse und sein Geheimnis, das Leuchten, freigebe. Dann und nur dann hätte einer unserer Ahnen womöglich das Höchste malen dürfen, ohne daran zu erblinden, die Augen. Um Kraft sei es da gegangen, um Energie, um eigenhändiges, leibhaftiges Tun. Die Werkzeuge jener Zeit müsse man sich körperlich vorstellen, als verlängerte Finger, Hände, Arme.
Mucksmäuschenstill habe ich unsere Klasse in Erinnerung. Urzeitlich schienen diese Momente. Das monotone Geräusch des Kühlgebläses klang wie fernes, durch unterirdische Höhlengänge angewehtes Rauschen. Es hätte vom Wind stammen können oder von der obertonreichen, zitternden Schwebung eines aus Knochen geschnitzten, sanft durchsungenen Aerophons. Wir hockten im Halbkreis unserer Höhle und lauschten. Die Lichtsäule, die aus dem mattgrauen Rüssel des Projektors herausblies, riss taumelnde Staubpartikel wie einen Sternenschweif mit sich fort. Durch das händische Regulieren der Tiefenschärfe verstärkte Gutenborg den Eindruck, dass wir mit an jenem Feuer hockten, aus dessen Flackern und Lodern uns verschwommene, hitzeflimmernde Bilder erreichten. Bis heute, ließ er wissen, blieben die Felsgemälde ein Rätsel, entzögen sich gültiger Entschlüsselung. Das dort vermutete Handeln von Schamanen hielten einige Forschende für fragwürdige Projektionen. Die Herden aus Wisenten, Auerochsen, Hirschen und Pferden, die wir so häufig sähen, wären jedenfalls nicht die typische Beute gewesen. Gejagt wurden die weitaus seltener dargestellten Rentiere.
Gebannt starrten wir auf jene Punkte und Striche, die einige Ströme begleiteten. Angeregt durch seine Hinweise erwogen wir astronomische Zeichen oder mathematische Operationen für all die Pferde, Mammuts, Wisente, Bären, Steinböcke. Sogar ein Leopard, ein Löwe, eine Qualle, ein Lachs und eine Eule fanden sich darunter. Staunend zogen unsere Blicke mit den Herden, verloren sich in einem unerschöpflichen Strom, gingen auf in dem Pulk aus Staub und Gebrüll.
Jedes Mal, wenn das Magazin weiterrückte und einen Moment hell erleuchtet, aber bilderlos blieb, schauten wir ungläubig auf die Faser einer Tapete, die zwar erkennbar aus unserer Zeit stammte, doch rein gar nicht zu unserer Empfindung passen wollte. Wie verloren hockten wir da, Vergessene in einem Zwischenreich.
Gutenborg ließ keinen Zweifel, dass es von Beginn der Menschheit an Stopfpräparate gegeben haben müsse. Erhalten habe sich zwar nichts, doch das bedeute wenig. So wisse man sicher, dass Neandertaler ihre Felle konserviert hätten. Mit scharfen Steinen abgeschabt, danach getrocknet, seien die Häute vermutlich durch Uringerbung haltbar gemacht worden. Niemand in der Klasse zog seine Hypothese in Zweifel. Im Gegenteil, je länger wir darüber nachdachten, umso zwingender erschien sie uns. Als handelte es sich um eine Art Geheimwissen, das einem Kreis Auserwählter vorbehalten war.
Wir bestaunten eine Schattenlinie an der seitlichen Höhlenwand, ohne Ritzung oder Farbauftrag. Nach und nach erahnten wir einen Mammutkopf. Ein Hauch war das, ungeheuer leichthändig, zugleich auf das Genaueste ausgeführt. Ohne Fingerzeig, ich übertreibe nicht, hätten wir die Linie glatt übersehen.
Gutenborg spürte das. Ob wir verstünden, was er uns vermitteln wolle. Offenbar hätten diejenigen, die sich ins Innere der Höhlen wagten, deren Wände minutiös ertastet. Die versteinerte Außenhaut müsse ihnen weich und beweglich, beinahe transparent geworden sein. Die Tiersilhouette erschiene wie durchgepaust oder hineingedrückt. Anders als wir heute, folgerte er daraus, erlebten unsere Vorfahren Mammuts eben zutiefst körperlich, in ihrer Welt überall präsent. Was hätten wir darum gegeben, auch nur einen der wollenen Giganten in echt zu sehen, und sei es aus der fernsten Ferne.
Allerdings, fuhr Gutenborg fort, kaum eine Zeichnung hätte sich den Augen gewidmet. Selten mehr als ausgemalte Punkte. Man könne den Eindruck gewinnen, der Blick sei belanglos gewesen oder tabu. Unsere heutige Vorstellung jedenfalls, die Augen als Fenster der Seele aufzufassen, sei durch und durch historisch, am Ende sogar falsch.
Nach einem Druck auf den Auslöser und einem Ruckeln im Magazin hockte Dürers Feldhase auf der Wand. Wir bestaunten sein originalgetreu gesticheltes Fell, die geschwungenen Schnurrhaare, denen hauchzarte Lichtschnüre atmende Spannung verliehen. Gutenborg vergrößerte den Ausschnitt, meinte, wir sollten uns auf die Augen konzentrieren.
Überrascht entdeckten wir in den Pupillen des Tieres winzige gemalte Butzenscheiben. Dürer habe das Denkbild der Seelenöffnung ganz ins Diesseitige gebracht, erklärte er. Dann, nach einer Kunstpause, in die wir umso aufmerksamer lauschten: Das Fenster im Auge zeige untrüglich an, dass der Hase kein Präparat sein könne. Eine Zeit lang habe die Wissenschaft das vermutet. Doch die Stopftechnik zu Dürers Zeiten hätte nie und nimmer diese Anmutung erzeugen können. Dermoplastik sei damals ja noch unbekannt gewesen. Man habe die Häute zugenäht und wie ein Steiff-Tier ausgestopft. Die Präparate wirkten daher unförmig, aufgedunsen, ungelenk. Zwar läge im Bereich des Möglichen, dass Dürer ein ausgeweidetes Tier arrangiert und dann nach der Natur gemalt habe. Die Augen eines toten Feldhasen, eines Lepus europaeus, überzöge allerdings recht bald ein Staubschimmer, er mache seine Seher, wie es in Jägerfachsprache heiße, von innen stumpf. Nichts, was zum Spiegeln taugte.
Im Halbdunkel ließ Gutenborg uns wissen, warum es neben der korrekten Größe besonders auf das Spiel der Farben ankomme, weshalb die Beziehung von Augenring, Lid, Iris und Pupille den alles entscheidenden Unterschied ausmache.
28. September 1983Coco
Ach, du! Wie ist das möglich? Ich weiß nur, dass irgendetwas heute Nacht hell blitzte. Flackerte draußen ein Straßenlicht? Hat mich im Traum ein Scheinwerfer gestreift? Etwas Gleißendes huschte über meine Lider und dann, dann warst du einfach da, sah ich dich und mich. Ich stand neben dir, Coco, aber zugleich auch neben mir. Wie im Film lief das Ganze ab. Halb wach, halb eingelullt verfolgte ich unser Ritual. Dein allabendliches Gähnen, das es einläutete. Wie oft hatte ich gegen mein Ermüden gekämpft, nur um dir beim Einschlafen zuzusehen. Ich liebte dein Blinzeln, das zeitlupenhafte Schließen der runzligen Lidhälften. Meist widerstand ich deinen grauen Raffrollos. Aber manchmal konnte ich meinen Impuls nicht stoppen und blies die zarten Schutzhäutchen mit meinem Atem an. Deine Antwort kam prompt, ein smaragdgrünes Gurren. Wagte ich es, eines deiner geschlossenen Lider mit meinem Finger zu berühren, wandtest du Kopf und Schnabel im Halbschlummer ab. Weg von mir, deinem Störenfried. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, verschwand dein gelbes Mondgesichel im fluffigen Muff. Nur die Klaue, mit der du den Ast umklammert hieltest, schaute heraus, die andere verzog sich ins gebauschte Federkleid.
Wie dein schlafwarmer Schnabel meine Finger beknabberte, dein fester Radiergummi mein Nagelbett stempelte. Nur zu gut verstand ich diesen Zungen-Morse-Code: Nein, jetzt, bitte schön, keine Spiele mehr, sondern nur noch kraulen. Alle Kopffedern gespreizt, die Ohrlöcher dargeboten, durfte ich zwischen spitzen Kielen den zartesten Flaum tasten. Wie schnell er meine Fingerspitzen umschloss. Wie wärmend er in mich zog. Hin und wieder malmte dein Schnabel dann, ganz ruhig und behaglich. Sicher träumtest du vom Regenwald.
Wie unfassbar naiv ich damals war! Am liebsten würde ich diese Seiten herausreißen und verbrennen. Wahrscheinlich hatte Coco keinen einzigen Tag im Urwald verbracht, geschweige denn im regenfeuchten Tropengrün gespielt. Wenn’s hochkommt, liebste Förderin, dürften Sprinkleranlagen einer Züchterfabrik seine Federn benetzt haben.
Als ich Coco bekam, schien seine Art in den Regenwäldern Panamas und Brasiliens noch reichlich vertreten. Anfang der Neunziger lag ihre Zahl bei nur mehr wenigen Tausend Exemplaren. Der Zoohandel hatte ganze Arbeit geleistet. Ab 2013 wurde sie auf der Roten Liste geführt. Inzwischen dürfte es keine Freigeborenen mehr geben.
Gutenborgs Nachdenken über Augen können Sie sich nicht obsessiv genug vorstellen. Ohne Zweifel, das Organ des Sehens faszinierte ihn. Einmal verstieg er sich zu der Vermutung, der ganze Kosmos könne ein einziges Auge sein. Oculus, fuhr er damals fort, bedeute auf Lateinisch einerseits Auge, andererseits Knolle, im Urbegriff meine das Wort also sowohl das Sehende als das sich sehen Lassende. Etwas, das sich wölbend zu erkennen gibt. Doch dürften wir nicht nur das Schöne im Schauen herausnehmen, nein, solche Naivität verkenne das Scharfe, Schneidende, Stechende der Pupillen, die eigentlich Lochfallen seien. Wegen jener Bildchen, die auf der Netzhaut entstünden, hätten sie den Namen Püppchen, kleine Puppe, pupilla, erhalten. Doch das sei pure Tarnung. Zusammen mit den Blenden, der Iris, regelten die Lochfallen alles. Sie gaukelten Halt vor, wo Unhaltbares gründe.
Damals dämmerte es mir nicht gleich, aber im Grunde zerstörte Gutenborg eine mir liebe Illusion. Die nämlich, dass Coco einverstanden war. Ob sich hinter diesen Fallen ein Sinn verberge, müsse Gutenborg zufolge offenbleiben, was aber nicht heiße, dass wir es für unmöglich erklären könnten. Nur rein szientistische Gemüter unternähmen solche Verkürzung. Denn wir sähen ja nie unverstellte Natur, sondern das, was unsere Methoden auf Natur angewandt daraus machten.
Können Sie sich vorstellen, wie sehr seine Überlegungen meinen Geist beschäftigten? Mit jedem Satz öffnete sich eine neue Welt. Hatte ich zuvor überhaupt einmal länger über Sehen nachgedacht, war es beim allergewöhnlichsten Dafürhalten geblieben. Wir schauen etwas an und erfassen, was es ist. Ganz objektiv. Ich kleine Idiotin! Gutenborg drehte unser Verstehen um, führte uns in vollkommen andere Bereiche des Denkens.
Ganz gleich, über was er sinnierte, stets speiste es sich aus Sprache. Sprache umgab ihn wie Haut. Ein Organ, das innen und außen gleichzeitig wahrnehmen muss, weil das eine ohne das andere nicht zu haben ist. Mich frappierte eine Beobachtung, die auch ihn staunen ließ. Dass die Wurzel des Wortes Auge lautmalerisch wie ein Ausruf klang, der Staunen, ja Erschrecken oder Schmerz anzeigte, genau den Moment, in dem die Falle zuschnappt. Trennendes wie Verbindendes sei allein im Auge aufgehoben. In zwei Blicken, die sich träfen, entstünde überhaupt erst ein Uns, ein Drittes, das jedoch von Anfang an beschädigt sei. Eben ein Zerteiltes, ein von sich und seiner Fülle Getrenntes.
Seit damals, das gestehe ich gern, liebe Freundin, denke ich anders über das Wort Betrachten nach. Je länger man in es hineinhorcht, desto fremder wird es. Tracht meint ja nicht allein die tierliche Tragzeit, sondern auch die Leibesfrucht selbst. Wir gehen schwanger beim Betrachten, sogar, wenn es uns nicht bewusst ist. Wir suchen, und wir finden, wir tragen, und wir gebären, kurz, wir formulieren. Wenn wir sprechen, erzeugen und erschaffen wir, sogar in unseren Rückblicken.
Einmal las ich den Satz: Wer sich auf seine Erinnerung einlässt, geht das größte Risiko ein. Der kürzeste aller Wege führt in die Irre, eben weil er direkt aufs Ziel zuhalten will. Je gerader, desto falscher. Darum werde ich versuchen, mein Schreiben aufzufalten, so weit, bis das Außen das Innen und das Innen das Außen werden kann. Ob es gelingen wird? Zeiten mögen mir dabei durcheinandergeraten, aber waren sie denn je getrennt? Ich weiß nur, dass ich es wagen will.
Niemand als Sie kennt die Risiken besser, die Kunst auf sich nehmen muss. Weil Fragen nach Wahrheit damit verbunden sind. Nur an Sie, liebe Freundin, kann mein Versuch daher adressiert sein. Und insgeheim hoffe ich, dass Sie mir bis hierhin gefolgt sind.
Mir ist bewusst, dass ich mich tief an jene ersten Tage verloren habe. Es geschah, weil mein Weg von dort zu Moira führt. Sie steckte in einem dieser Schaumstoffleiber. Gefiederreste hingen verschmutzt herab, abgestoßene Stellen lagen wund. Ihre kräftigen Beine umhüllten gelbe Strumpfhosen, ihre Füße verschwanden in abgekniffenen Klauen. Sie schritt, nein, sie stakste darauf vorwärts, dann stand sie still. Als hätte sie diese Pose ausgiebig geübt, zog sie ihren linken Lauf langsam unter ihr schäbiges Federkleid. Der Schaumstoff begann leicht zu schwanken, tarierte sich mählich wieder aus, bis er reglos von ihr herabhing. Einbeinig verharrte sie eine Weile in Balance. Mir schien, als hätte sie unter ihrem Kostüm zu atmen aufgehört.
Viel wahrscheinlicher war, dass ich selbst vergessen hatte, Luft zu holen, aus Angst, ich könnte ihre Darbietung stören. Eindeutig, sie interpretierte ein Huhn, das trotz Batteriehaltung an seinem Verhalten festhielt. Geradezu rebellisch trainierte es die Gesten der Freiheit, als ginge es um so was wie mentale Stärkung. Das Ganze war ein Akt demonstrativer Unbeugsamkeit.
Sobald sie ihr Bein wieder absetzte und sie mit den Füßen zu scharren begann, flappte ihr labberiger Plüsch-Hühnerkamm vor und zurück. Sein grelles Rot hätte meine volle Aufmerksamkeit gebunden, wäre nicht von ihrer Stirn dieser grausig beschnittene Schnabel vorgesprungen, den obendrein Kunstblut zierte. Zusammen mit ähnlich verstümmelten Hühnern bewegte sie sich außerhalb der Legebatterie. Ihre Arme hingen in Schlaufen an der Flügelunterseite. So konnte sie die Schwingen gut bewegen, zugleich die Hände zum Gestikulieren verwenden. Weißer Trikotstoff zog sich von den Schultergelenken bis zu den Fingerspitzen.
So weit, so abgegriffen, mögen Sie denken, ich starrte trotzdem gebannt zu ihr hin. Nachdem sich ausreichend Passanten eingefunden hatten, begann die eigentliche Choreografie. Die anderen Hühner schritten stolz über den Vorplatz. Doch nur ihr gelang diese irritierend ausbalancierte Einbeinigkeit, die das alles in Beschlag nehmende Konsumspektakel des Marktplatzes für einen Moment stillzulegen schien.
Damals, liebe Förderin, hätte ich es so nicht formulieren können, intuitiv spürte ich allerdings, um was es ihr ging: Jene vierte Wand, die im Theater nie existiert, aber innerlich Abgrenzung ermöglicht, versuchte sie einzureißen. Sie wollte uns einbeziehen, rausholen aus der verstrickten Distanz bloßer Zuschauer. Deshalb lagen die großen Pappmaschee-Taler auf der Erde. Unser Geld spielte eine Rolle. Wir, die Kunden, schufen die wahre Tragödie dieser Gebrauchszüchtung. Meine unbedarfte Ignoranz geriet ins Wanken. Ahnungslosigkeit, dämmerte mir schmerzlich, kann die kleine Schwester der Feigheit sein. In mir krachten plötzlich alle Wände zusammen. Etwas Sichtbar-Unsichtbares lag frei, es beschämte, es verletzte mich und die anderen vermutlich auch. Wir alle, die an den Millionen von Hybridhühnern gerne vorbeischauten, standen mittendrin.
Gleich nach dem Vorspiel mengte sich die Geflügelschar unter uns Zuschauende. Jetzt galt es, Unterschriften, Spenden oder Mitgliedschaften einzuwerben. Die meisten waren schon im Begriff, der Darbietung den Rücken zu kehren, ich gleichfalls, wenn auch mit schlechtestem Gewissen. Als hätte sie mich auserspäht, hielt sie auf mich zu. Aggressiv flatterte sie mit ihren Flügeln.
„Tierquälerei ist dir scheißegal, was“, blaffte sie mich an. Sie fragte nicht, sie richtete, als kenne sie solche meines Schlages nur zur Genüge. Höhnische Überlegenheit tönte aus ihrer Stimme.
Fasziniert blieb ich an ihren Augen hängen. Sie hatte ein bernsteinfarbenes und ein graugrünes Auge, jede ihrer beiden Iris war unterschiedlich koloriert, sodass ich mich nicht entscheiden konnte, welches Auge ich zuerst betrachten wollte.
„Hat’s dir die Sprache verschlagen“, provozierte sie weiter, nun mit aufgestützten Händen, die Flügel breitgestellt, ihr Kinn herausfordernd in meine Richtung werfend. Die ruckartige Bewegung schleuderte einen Tropfen Kunstblut auf meine Stirn. Ich spürte, dass etwas Zähflüssiges langsam in Richtung Augenbraue rann. Sag mal, geht’s noch, wollte ich zurückwerfen, doch mein Mund blieb stumm, ich schwieg schuldbewusst, stigmatisiert.
9. November 1983Harpyie (Harpia harpyja)Museum Senckenberg, Frankfurt am Main
Dämonin, Sturmbraut, Rafferin, Betörerin. Ihr wundervollen Greifvögel mit Frauenkopf. Im Mythos tötet ihr, hat G. erklärt, jeden, der den Zorn von Zeus erregt. Die Seelen der Toten tragt ihr in die Unterwelt. Gefährlich seid ihr, zupackend, unverwundbar. Was immer die Griechen über euch dachten, ich ahne, was sie ergriffen hat.
In der Vitrine vor mir ein Prachtexemplar. Zu Lebzeiten musst du locker acht Kilo gewogen haben, vielleicht sogar mehr. Ich schätze dich auf einen guten Meter von Kopf bis Schwanz. Ein außergewöhnliches Präparat, eine Königin. Den Federschopf aufgerichtet, den Hals gereckt, zeigst du mir deine schneeweiße Brust. Du bist gewohnt zu thronen. Und doch, von Ruheposition zu reden, könnte falscher nicht sein. Du spähst mich aus, mich, diese Gafferin in deinem Blickfeld. Was, wenn du deine Handschwingen zur Schwungbreite öffnest? Sekundenschnell bist du in der Lage dazu. Fixieren, verfolgen, zupacken. Wie ein Kugelblitz rauschst du herab, schlägst, ohne zu zögern, selbst große Beute aus dem Nichts. Faultiere, Makaken, Aras ergeben sich deiner Macht. Ein Spiegel, dein weiß leuchtendes Brustfeld. Ob ich Zeit hätte, mich zu wehren? Ob ich spüren würde, wie deine Krallen meinen Körper zerschlitzen? Oder jagte der Schreck mir Taubheit in die Glieder? Geht das überhaupt, schmerzfrei dem eigenen Sterben zuschauen, gleichsam gefühllos zu staunen über den eigenen jähen Tod?
Damals liebe Förderin lebten noch einige Tausend dieser mythischen Vögel. In Reservaten konnte man die Art stabilisieren. Seit den jüngsten Mankind-first-Gesetzen sieht es allerdings düster aus. Harpyien sind nistplatztreu, darum schmerzt jeder Habitatverlust doppelt. Nur alle zwei Jahre ziehen sie ein Küken auf. Reserven bilden sie keine, sie leben voll im Risiko. Sobald das erste Küken schlüpft, geben sie das andere Ei auf.
Doch was passierte mit Moira, werden Sie fragen? Nun, derweil ich wie erstarrt vor ihr stand, kroch der schwere Tropfen von meiner Stirn nasenwärts. Vielleicht hat sie ihn nicht gleich als Kunstblut erkannt, allerdings schien sie plötzlich erschrocken und stieß ein: „Du blutest ja!“ aus, worauf ich die Achseln zuckte und endlich die Tropfspur, die zu kitzeln begann, mit meiner Hand aus dem Gesicht wischte. Sie drehte ab, wollte zurück zur Bühne, doch ich packte sie am Flügel. Es geschah ohne Vorsatz. Irgendetwas in mir wusste, dass ich sie so nicht ziehen lassen dürfe.
Spontan entfuhr mir die Frage. „Wann geht denn nach Vegetarien der nächste Zug?“ Kaum gesagt, kam es mir lächerlich, unpassend, peinlich vor. Innerlich machte ich mich auf einiges gefasst. Zu meiner Überraschung studierte sie auf ihren weißen Trikotarm ein imaginäres Ziffernblatt. Souverän, als wäre das Teil ihrer Rolle, gab sie die Fahrtzeit bekannt: „Morgen früh, Gleis Eins, um drei Uhr fünfzehn.“ Sie schaute mir direkt in die Augen, und unsere Blicke hielten einander, so als wäre es unmöglich, je wieder voneinander zu lassen.
Schlagartig erkannte ich, was mich all die Jahre an dem Waldkauz befremdet hatte. Dem stumpfen Schwarz seiner Augen fehlte etwas, aber ob es dieses Etwas wirklich gab oder ich es beim Ansehen erst schuf und hineinlegte, war mir in dem Moment vollkommen egal. Was ich in den Blicken des Strix vermisst und bei meiner Amazone gesucht hatte, war der nachnächtliche Farbton eines frühmorgenden Himmels, es war die verheißungsvolle Farbe Bernsteingrüngrau.
27. September 1983Coco
Zögere. Mag nicht weiterschreiben, habe Angst. Vor dem Geist aus der Flasche. Bis heute versiegelt, weggesperrt, ins Dunkle verbannt. Blass ist er geworden, durchscheinend fast. Ein anämischer Rest. Warum sollte ich Licht drauf werfen? Wo nichts zu heilen, nur alte Narben aufzureißen sind? Alles stemmt sich dagegen an. Zugleich spüre ich, wie mein Bollwerk bröckelt. Es muss die Ausbildung sein, die diese Erschütterungen auslöst. G. rührt sicher nicht mit Absicht daran. Wie sollte er etwas ahnen, geschweige denn wissen können?! Es ist seine Methode. Dieser Wagemut steckt an. Und doch, mich deinem Ende zu stellen, deinem Blick zu begegnen, wird mich elend machen. Obwohl so viel Zeit dazwischen liegt.
Das Magazin des Projektors lud zwei Augen, die uns raumlos und geheimnisvoll fixierten. Dunkelbraune Augen waren das, mit einem reinschwarzen Zentrum, ohne Umrandung oder Lid. Sie spiegelten nichts. Maßstab oder Größenangaben suchten wir vergeblich. Wir nahmen an, ein Prüfungsbild könne versehentlich ins Magazin geraten sein und hofften, dass wir bis dahin besser Bescheid wüssten. Niemand von uns hätte diese Augen einem Tier zuzuschreiben gewusst. Professionelle jedoch, so Gutenborg, müssten das tiefe Braunschwarz in den Augen des Gerfalken (Falco rusticolus, 14 mm) von dem des Kurzfangsperbers (Accipiter brevipes, 13 mm), der Weißwangengans (Branta leucopsis, 10 mm) sowie der Schwarzkopfmöwe (Ichthyaetus melanocephalus, 9 mm) zu unterscheiden wissen. Das tiefe Schwarzbraun des Girlitzes (Serinus serinus, 3 mm) ohnehin.
Mit dem Alter, fuhr er fort, verändere sich die Irisfärbung. Der Kaiseradler sei in dieser Hinsicht ein bemerkenswert metamorphisches Tier. Bei sämtlichen Federwechseln vom Daunenjungen bis zum zehnjährigen Vogel wandle sich die Regenbogenhaut. Erst danach bleibe sie konstant. Unterschiede der Farbe gebe es auch zwischen den Geschlechtern. Wir hätten es den naturerforschenden, in Übersee reisenden Präparatoren des 19. Jahrhunderts zu verdanken, dass das zarte Farbenspiel von Iris, Augenring und Lid erstmals präziser erfasst worden sei. Mittels Farbskalen aus Aquarell versuchten sie ihre Befunde festzuhalten, um den Tieren später im fernen Europa wieder Leben einzuhauchen. Dabei sei ihnen aufgefallen, dass die Kolorierung durch Gefangenschaft oder Tod verändert werde. Von frisch erlegten Vögeln könne man bestenfalls noch die Größe der Augen sicher abnehmen, nie aber die ursprüngliche Tönung, besonders, wenn die Leichenstarre bereits eingetreten sei.
VENATIO – Jagd
Noch glänzten unsere Präparierbestecke wie neu. Dabei wollten wir sie endlich einweihen, die Skalpelle, Scheren und Löffel, die Fettkratzer, Kneifzangen und Feilkolben, die Seitenschneider, Sägen, Bohrer oder Rutenzieher und, nicht zu vergessen, die langschnäbelige Pinzette. Alles wäre uns recht gewesen für den Einstieg, Häher, Maus, Wiesel, Marder, Hauptsache tot. Doch so leicht, wie wir dachten, war der Tod nicht zu bekommen.
Anders als Viehzucht, erklärte Gutenborg dem spanischen Denker Ortega y Gasset folgend, bleibe Jagen elementar mit dem Tierreich verbunden. Bestürzt vernahm ich, dass die frühen Jäger ganze Herden über Abhänge oder Gruben getrieben hatten und so zu Fall brachten. Erst mit der Erstellung primitiver Werkzeuge seien andere Formen ermöglicht worden. Ein Jagender müsse die Umgebung strikt vom Blickpunkt der Beute aus wahrnehmen. In Losung und Fährte zu lesen, Witterung aufzunehmen, sich zu ducken, anzuschleichen, zu verharren, all das atme vollkommene Wachheit, sei Leben in reiner Präsenz.
Am Nachmittag stand Praxisauf dem Lehrplan. Endlich! In lockeren Grüppchen zogen wir in Richtung Präpariersaal. Ich malte mir aus, dass nun jeder seinen ersten Kadaver aus dem Kühlhaus erhielte. Wir würden die Leuchten an unseren Tischen anknipsen, unsere Werkzeuge aus den Futteralen ziehen und den ersten Einschnitt wagen. Stattdessen hielt Gutenborg uns hin. Wieder einmal. An der Tafel lasen wir den knappen Satz: Vor der Beute die Jagd.
Gutenborg trat zum Pult, wartete, bis Ruhe eingekehrt war. Dann meinte er, dass wir dort unsere Hausaufgabe fänden. Zu ihrer Erledigung hätten wir jetzt frei.
Verdutzt schaute ich in die Runde. Wie unsere Aufgabe denn genau lautete?
Seine Antwort: „Jagen Sie ein Tier, fangen und töten Sie es. Bringen Sie es am Montagmorgen hierher. Legen Sie den Kadaver auf ihren Arbeitstisch. Betrachten Sie ihn eine Viertelstunde still im Schein der Lampe, besser eine halbe. Schweigen Sie dabei, erzählen Sie einander nichts von den Umständen der Jagd. Um acht beginnt unser Unterricht. Dann wird genug Zeit sein zu berichten. Für heute einen guten Tag.“
Perplex ist kein Ausdruck. Was denn für ein Tier? Wo sollen wir es jagen? Womit fangen? Und wie töten? Uns falle sicher etwas ein. Die Angler der Klasse wussten sofort, was sie zu tun hatten, immerhin boten sie an, mit einer Äsche auszuhelfen. So dankbar die Blicke auch waren, die einige ihnen zuwarfen, so unannehmbar blieb ihr Angebot.
