Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der aus Ghana stammende neue Pfarrer in Niederöd, Adofo Danso, wird nachts von drei Unbekannten verfolgt. In letzter Minute kann er sich in sein Pfarrhaus retten, woraufhin sie in der Dunkelheit verschwinden. Wenig später legt sich Adofo immer noch beunruhigt schlafen - und stirbt kurz nach Mitternacht, nachdem ein Unbekannter ein Feuer gelegt und das ganze Pfarrhaus niedergebrannt hat. Die Traunsteiner Hauptkommissarin Hanna Schmiedinger und ihr Team nehmen die Mordermittlungen im Dorf auf und stoßen dabei auf eine Mauer des Schweigens …
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 303
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Alex Buchenberger
Bluadsbagage
Der zweite Fall für Hauptkommissarin Hanna Schmiedinger
Gottgefällig Adofo Danso, der aus Ghana stammende neue Pfarrer in Niederöd, wird nachts von drei Unbekannten verfolgt. In letzter Minute kann er sich in sein Pfarrhaus retten, woraufhin sie von ihm ablassen und in der Dunkelheit verschwinden. Wenig später legt sich Adofo immer noch beunruhigt schlafen und stirbt kurz nach Mitternacht in seinem Bett, nachdem ein Unbekannter ein Feuer gelegt und damit das ganze Pfarrhaus niedergebrannt hat. Die Traunsteiner Hauptkommissarin Hanna Schmiedinger und ihr Team nehmen die Mordermittlungen im Dorf auf. Dabei stoßen sie zunächst auf eine Mauer des Schweigens. Dennoch können sie diverse Verdächtige ausfindig machen, wie Martin Helmbrecht, ein undurchsichtiger zugezogener Anlageberater aus München, dem niemand im Dorf so recht trauen will, oder Hias Zoller, Hans Prem und Richard Dallinger. Die drei arbeitslosen Jugendlichen erscheinen Hanna und ihrem Team ebenfalls höchst zwielichtig – besonders als sie auch noch nach Österreich fliehen …
Alex Buchenberger wohnt in Oberbayern und schreibt Kriminalromane.
Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:
Hannas Leichen (2019)
Immer informiert
Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie
regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.
Gefällt mir!
Facebook: @Gmeiner.Verlag
Instagram: @gmeinerverlag
Twitter: @GmeinerVerlag
Besuchen Sie uns im Internet:
www.gmeiner-verlag.de
© 2020 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2020
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Marquis de Valmont / photocase.de
und © haraldmuc / shutterstock.com
ISBN 978-3-8392-6252-8
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Adofo rannte wie von Furien gejagt hinter dem Altar entlang zum Seitenausgang. Er musste es unbedingt zum Pfarrhaus hinüberschaffen. Dort könnte er sich zumindest erst einmal verschanzen.
Voller Angst drehte er sich um. Wollte sich vergewissern, ob er seine Verfolger nach seinem Spurt quer durch das schwach beleuchtete Kirchenschiff möglicherweise ein Stück weit abgehängt hatte. Doch sie klebten ihm nach wie vor an den Fersen. Nicht einmal 50 Meter von ihm entfernt. Drei schwarz verhüllte, breitschultrige Gestalten. Die Gesichter nicht zu erkennen. Sie waren ihm also tatsächlich durch den Vordereingang hier herein gefolgt. Schienen keinen Respekt vor dem heiligen Boden unter ihren Füßen zu haben.
Zum ersten Mal hatte er sie bemerkt, als er gegen 22 Uhr aus dem Alten Wirt gekommen war. Sie waren ihm gefolgt. Hatten sich zunächst knapp hinter ihm gehalten. Zuerst hatte es ihn nicht weiter irritiert. Doch dann hatten sie ihn angepöbelt, waren aggressiv und beleidigend geworden, und er hatte einen Schritt zugelegt.
Sie hatten daraufhin ihr Tempo ebenfalls erhöht, woraufhin er ein weiteres Mal schneller gegangen war, bis er schließlich zu rennen begonnen hatte.
Jetzt hetzte er panisch weiter.
Lief, so schnell es ging.
Im Gasthaus hatte er vorhin, bereits zum zweiten Mal seit seiner Ankunft vor dreieinhalb Wochen hier in Niederöd, Ludwig Brauberger, den Lehrer und Direktor der kleinen Gesamtschule in Personalunion, und Bernd Vollmer, den Allgemeinarzt aus dem Nachbarort, getroffen. Es war ein fröhlicher und diskussionsreicher Freitagabend gewesen. Sie hatten ihm sogar mehrmals unumwunden ihre Sympathie ausgesprochen. Für ihn als jungen Ghanaer, der als neuer Pfarrer hierher in die bayrische Provinz geschickt worden war, zumindest ein kleiner Erfolg. Besonders weil ihn ein Teil der ansässigen Bevölkerung offenbar vehement ablehnte. Man sah es deutlich an seinen Gottesdiensten. Sie waren alles andere als gut besucht. Meistens saßen nur vier oder fünf alte Frauen vor ihm, die nicht einmal zu verstehen schienen, was er predigte. Aber auch sonst zeigte man ihm unumwunden, dass er nicht willkommen war.
»Wir wollen keinen schwarzen Mann als Pfarrer!«, war noch einer der harmloseren Rufe, die vereinzelt nachts vor Adofos Schlafzimmer erschallten. »Afrikapfarrer, hau ab, Gott ist weiß!«, lauteten dann die heftigeren Botschaften.
Schuld daran mochte sein, dass die meisten Schäfchen des Ortes immer noch am alten Pfarrer, Ignatius Schöttler, hingen, der vor zwei Monaten nach Ostdeutschland versetzt worden war. Sie waren wohl der Meinung, dass er nur deshalb gehen musste, um Adofo Platz zu machen, was sie gleichermaßen empörte und erzürnte. Das hatte ihm zumindest die alte und neue Pfarrersköchin, Heiderose Anger, bereits kurz nach seiner Ankunft anvertraut.
Adofo hatte ihr entgegnet, dass dies aber keineswegs der Fall sei, sondern, dass der erfahrene Ignatius Schöttler dringend im Osten gebraucht würde, um dort neue Gläubige zu finden und an die Kirche zu binden.
Vor zwei Tagen hatte jemand ›Geh in den Urwald, wo du herkommst‹ an die Außenwand des Pfarrhauses gesprayt. Adofo rief daraufhin beim örtlichen Polizeiposten an, um die Sache zur Strafverfolgung anzuzeigen. Der Beamte am Telefon, ein gewisser Polizeihauptmeister Stierer, hatte nur gemeint, dass sie im Moment keine Zeit für solche Kinderstreiche hätten. Sobald wieder etwas mehr Spielraum wäre, würden sie sich jedoch selbstverständlich darum kümmern. Niemand von der Inspektion war allerdings bei ihm aufgetaucht, um den Schaden zumindest einmal in Augenschein zu nehmen. Als er heute Nachmittag deswegen erneut dort angerufen hatte, sah es auch nicht so aus, als würde sich das in nächster Zukunft ändern.
»Gott sei Dank.« Adofo hatte sich einen kleinen Vorsprung vor seinen Verfolgern verschafft. Erleichtert öffnete er den Eingang zum Pfarrhaus, schlüpfte eilig mit zitternden Knien hinein und sperrte schnell zweimal hinter sich ab. Dann setzte er sich erst einmal völlig erschöpft auf den Fußboden.
Sein Puls hämmerte in seinen Ohren.
Er japste mit brennenden Bronchien nach Luft.
Sein Name Adofo hieß, aus dem Ghanaischen übersetzt, Krieger. Doch er war noch nie besonders tapfer oder streitlustig gewesen. Bereits als Kind hatte er Konflikte lieber vermieden als sie auszutragen. Stattdessen hatte er stets seinen Eltern gehorcht, in der Schule nie aufgemuckt und schon immer eine immense Liebe zu Gott verspürt. Letztlich war es dann auch für niemanden aus seinem Heimatdorf weiter verwunderlich gewesen, dass der schmale Häuptlingssohn eines Tages nach Europa ging, um dort als sogenannter Weltpriester der katholischen Kirche zu arbeiten.
Seine Verfolger schlugen wütend mit ihren Fäusten gegen die Haustür. Sie warfen sich offenbar mit ihren Körpern dagegen, sodass sie bedrohlich im Türstock hin und her wackelte.
Unter Aufbietung seiner letzten Kräfte verrückte Adofo stöhnend die schwere Kommode unter dem Garderobehaken und schob sie davor. Dabei betete er inständig, dass sie es nicht schaffen würden, sie wegzudrücken und doch noch hereinzugelangen.
Nach einer geraumen Weile hörte das Klopfen und Schlagen auf. Ihren leiser werdenden Stimmen nach entfernten sich die drei Männer. Es sah so aus, als hätte er großes Glück gehabt.
Aufatmend setzte er sich an den Küchentisch und trank einen Schluck kalten Tee. Schwitzte immer noch vor Todesangst und Anstrengung. Heute Nacht würde er sicher nicht besonders gut schlafen. Er fragte sich, woher nur immer wieder der sinnlose Hass auf der Welt käme, der die Menschen so unmenschlich erscheinen ließ. Schließlich hatte er doch niemandem hier im Ort etwas getan, außer dass er der neue Pfarrer war. Daheim in Afrika gab es unentwegt irgendwo Krieg und gewalttätige Auseinandersetzungen. Mitten im angeblich so friedlichen Europa schien es allerdings nicht recht viel anders zu sein.
Als er eine Stunde später zu Bett ging, meinte er Rauch zu riechen. Er ignorierte es und schloss die Augen. Sicher nur wieder jemand, der irgendwo in der Nähe sein Stoppelfeld abbrannte, wie bereits die ganze Woche über. Das war zwar gefährlich und gesetzlich verboten, wie auch Adofo wusste, aber es schien niemanden weiter zu kümmern. Es sah ganz so aus, als würden sie sich in Niederöd ihre eigenen Gesetze machen.
In etwas mehr als zwei Monaten wäre Weihnachten. Schrecklich, wenn sich niemand zur Christmette blicken ließ. Möglicherweise wäre es vernünftiger, wenn er aufgab und sich woandershin versetzen lassen würde.
Er betete noch kurz, wie jeden Abend.
Bald darauf schlief er ein.
»Jetzt zünden sie schon Gottesdiener an. Wo soll das alles bloß noch hinführen?« Die 39-jährige dunkelhaarige Hauptkommissarin Hanna Schmiedinger, stellvertretende Leiterin der Traunsteiner Mordkommission, sah ihren um ein Jahr jüngeren Kollegen, Hauptkommissar Rainer Talgruber, einigermaßen ratlos an.
Es war kühl. Kein Wunder, so in aller Herrgottsfrüh und Anfang Oktober im Chiemgauer Voralpenland.
Vor fünf Minuten, um kurz nach halb fünf, waren sie hier in Niederöd angekommen. Verdacht auf Brandstiftung, hatte es gemäß der Meldung des Brandinspektors der Feuerwehr geheißen. Der Pfarrer des Ortes war Opfer der Flammen geworden. Zu allem Überfluss geschah das Ganze in der Nacht von Freitag auf Samstag. Hannas wohlverdientes Wochenende war somit wohl gelaufen. Rainers natürlich ebenfalls.
»Das Feuer muss die ganze Nacht gebrannt haben«, erwiderte er, fassungslos den schmalen Kopf schüttelnd. »Da steht kein Stein mehr auf dem anderen.«
»Ein Wunder, dass es die Kirche nicht erwischt hat.«
»Da hat die Feuerwehr wohl gut aufgepasst. Der Pfarrer war übrigens ein Schwarzer. Er kam erst vor etwas mehr als drei Wochen her, sagt die Pfarrersköchin.« Rainer zeigte auf eine vielleicht 50-jährige schlanke blonde Frau in Bluejeans und grauem Mantel, die etwas abseits von ihnen bei einer Gruppe Neugieriger stand.
»Soso ein Schwarzer. Na ja, wie fast alle hier bei uns.« Hanna zuckte die Achseln.
»Nein, nicht politisch.« Rainer schüttelte erneut den Kopf. »Er kam aus Ghana. Sein Name war Adofo Danso.«
»Ein Pfarrer aus Ghana. Wie kommt der denn hierher?«
»Mit dem Flieger, schätze ich mal. Schwimmen ist zu weit.«
»Sehr witzig.« Hanna brachte nur ein halbschariges humorloses Grinsen zusammen, mehr nicht. Sie zog leicht genervt die Nase kraus. Der beißende Geruch des Rauches hing immer noch in der Luft. »Wohnt so eine Pfarrersköchin normalerweise nicht auch im Pfarrhaus?«
»Keine Ahnung.« Rainer zuckte die Achseln. »Die hier jedenfalls nicht. Sie kommt aus dem Dorf, heißt Heiderose Anger. Willst du sie sprechen?«
»Gleich. Lass uns erst mal hören, was die SpuSi weiß.«
Hanna, wie immer ganz in Schwarz gekleidet, ging auf den dunkelhaarigen Leiter der Spurensicherung, Holger Weinbuch, zu, der gerade etwas aus den Trümmern fischte.
»Was habt ihr?«, fragte sie ihn.
»Es sieht eindeutig nach Brandstiftung aus«, meinte der kräftig gebaute Holger. Er rückte mit seiner freien linken Hand die dicke Hornbrille auf seiner Nase zurecht. »Da hat der Kollege von der Feuerwehr unbedingt recht. Da hinten liegt ein Benzinkanister. Von ihm ging der Brand aus. Eindeutig. Hier hab ich wohl sogar das passende Feuerzeug dazu entdeckt.« Er hielt seinen Fund hoch. Ein metallenes Sturmfeuerzeug, wie es auch von Soldaten verwendet wurde.
»Irgendwer scheint den neuen Pfarrer nicht gemocht zu haben«, meinte Rainer. Er schüttelte zum dritten Mal an diesem Morgen den Kopf.
»Davon gehen wir aus.« Holger nickte.
»Wisst ihr schon, wann ungefähr der Brand ausgebrochen ist?« Hanna presste ihren Mund zu einem schmalen knallroten Strich zusammen. Gerade in Rainers Auto hatte sie schnell noch frischen Lippenstift aufgetragen. Ihre Lieblingsmarke aus Frankreich. Ein anderer kam nicht infrage.
»Es muss Mitternacht gewesen sein. Erst eine Stunde später verständigte jemand anonym die Feuerwehr. Möglicherweise sogar der Brandstifter selbst.«
»Und damit kam jede Hilfe für den Pfarrer zu spät«, meinte Rainer. Er zog sein Smartphone heraus und begann etwas einzutippen.
Hanna schüttelte den Kopf.
Der und sein Handy. Unfassbar!
»Dr. Breier ist unterwegs«, meinte Holger. »Viel wird er zu dem Häuflein Kohle wahrscheinlich auch nicht sagen können. Aber sicher mehr als wir.«
»Warten wir’s ab. Ich geh mal rüber zur Pfarrersköchin.« Hanna nickte beiden knapp zu, drehte sich um und näherte sich Heiderose Anger, die inmitten einer neugierigen Gruppe von Gaffern stand.
»Frau Anger, haben Sie einen Moment Zeit für mich? Schmiedinger mein Name, Kripo Traunstein. Ich leite die Ermittlungen.«
»Servus, Rainer. Was gibt’s?« Die gut aussehende 34-jährige Kommissarin Sabrina Hornsteiner gähnte laut. »Fünf Uhr ist ein klein wenig früh am Tag, stimmt’s?«
Sie blickte zufällig neben sich auf den Wecker und stellte dabei erstaunt fest, dass außer ihr noch jemand in ihrem riesigen Wasserbett lag. Wie es aussah, ein Mann. Ach, du Schande, es war ihr neuer Kollege Ralf Schneider.
Wie kommt der denn hierher? Scheiß Wodka.
Sie hatten sich gestern erst im Büro kennengelernt. Er hatte ihr sofort gefallen, und sie hatten sich spontan zu einem Drink nach Feierabend verabredet. Das wusste sie noch, und dass sie tatsächlich gegen 21 Uhr in eine Bar in der Innenstadt gingen, um dort zusammen eine halbe Flasche Wodka zu leeren. Aus reinem Übermut. Normalerweise trank sie niemals so viel.
An den Rest des Abends konnte sie sich nur verschwommen und bruchstückhaft erinnern. Es schien auf jeden Fall noch mehr Wodka gegeben zu haben.
»Wir sind draußen in Niederöd. Dort hat jemand letzte Nacht das Pfarrhaus angezündet.«
»Und deswegen rufst du an? Bist du auf einmal gläubig geworden oder bei der Feuerwehr?« Sie fuhr sich in Ermangelung ihrer Bürste, die wahrscheinlich wie immer drüben im Bad auf dem Rand des Waschbeckens lag, langsam mit den Fingern durch die langen blonden Haare.
»Nein. Der Pfarrer ist mitverbrannt.«
»Ein waschechter Mord. Also ein Fall für uns, die Mordkommission.« Sabrina kicherte albern.
Anscheinend bist du immer noch betrunken, Mädchen.
»Sieht so aus«, erwiderte Rainer ernst. »Besonders witzig ist es eigentlich nicht. Wir brauchen dich und unseren neuen Kollegen hier draußen. Leute müssen befragt werden und so weiter.«
»Bin gleich da. Sorry, bin noch albern von gestern.«
»Sagst du dem Neuen, diesem Hauptkommissar Schneider, bitte Bescheid?«
»Ralf? Na klar. Kein Problem.« Sabrina nickte, ohne dass es jemand sehen konnte.
»Ralf?« Rainer hörte sich erstaunt an.
»Hab ihn schon etwas näher kennengelernt.«
»Beeilt euch.«
»Geht klar. Bis dann.« Sie legte auf. Dann schloss sie für einen Moment die Augen.
»Ralf«, sagte sie, sobald sie endgültig wach war, und schüttelte ihren Bettnachbarn vorsichtig.
»Was ist los?«, rief er, sprang blitzartig aus dem Bett, stellte sich auf Sabrinas luxuriöses Eichenparkett und nahm breitbeinig die Nahkampfgrundstellung ein, wie er sie in der Ausbildung gelernt hatte. Anschließend tastete er hektisch mit den Händen unter seinen Achseln herum. »Verdammt, wo ist meine Waffe?«
»Hallo?« Sie betrachtete ihn mit dem distanziert neugierigen Blick einer Insektenforscherin. Winkte auffällig, falls er sie immer noch nicht gesehen und erkannt haben sollte.
»Wer sind Sie?« Er schaute sie unverwandt an.
»Sag mal, geht’s noch? Bist du wach oder schläfst du noch?« Sie musste unwillkürlich grinsen.
So einen hab ich auch noch nicht erlebt.
»Wie? Was? Ach du lieber Gott, Sabrina, richtig?« Plötzliches Erkennen blitzte in seinen Augen auf. »Was ist denn los? Was mach ich hier? Mann, ich hab total schlecht geträumt.« Er schüttelte sich wie ein Hund nach einem Spaziergang im Regen. »War an der Front im Zweiten Weltkrieg.«
»Vergiss den Krieg. Wir sind hier bei mir. Gestern? Bar? Wodka? Klingelt’s?«
»Ach du Schande, ja. Mann, da haben wir wohl ein wenig übertrieben letzte Nacht.« Er legte verlegen den Kopf schief.
»Beim Trinken bestimmt.« Sie nickte. »Im Bett bin ich mir da nicht so sicher.«
»Wie meinst du das?«
»Nichts weiter.« Sie lachte. »Immerhin haben wir beide unsere Unterwäsche noch an.«
»Tatsächlich.« Er sah an sich hinunter. »Du lieber Himmel. Ich trinke normalerweise nie so viel.«
»Ich auch nicht.«
»Na, dann wäre das ja geklärt.« Ralf räusperte sich umständlich. Offenkundig war ihm die ganze Angelegenheit irgendwie peinlich.
»Wir müssen los«, fuhr Sabrina, inzwischen dauergrinsend, fort. »Es gab einen Mord in einem kleinen Ort nicht weit von hier. Butterbrezen und Kaffee holen wir uns an der Tankstelle.«
»Wo hab ich denn nur meine Dienstwaffe hin?« Er blickte suchend im Zimmer umher.
»Alzheimer mit 36. Ist das nicht etwas jung?«
»Woher weißt du, wie alt ich bin?«
»Du hast es mir gesagt und dass du bald in Pension gehen willst.« Sie kicherte.
»Scheiß Wodka. Wo ist nur diese verdammte Pistole?« Er kratzte sich ratlos am Hinterkopf.
»Meine lege ich immer in den Wäschekorb, damit sie kein Unbefugter in die Hand nehmen kann.« Sie zeigte auf den großen weißen Behälter aus geflochtenem Holz, der rechts neben dem Fußende ihres großen Doppelbettes stand. »Bestimmt ist deine auch dort. Zumindest bin ich nüchtern sehr zuverlässig und lege sie immer dorthin.«
»Aha.« Er lächelte erleichtert. »Und wir haben ganz bestimmt nicht?« Er lächelte schüchtern. »Ich meine, hier … in deinem Bett.«
»Ich glaube nicht. Kann mich jedenfalls nicht daran erinnern.« Sie grinste nach wie vor amüsiert. »Aber selbst wenn, haben wir es auf jeden Fall beide wieder vergessen, was dann praktisch als ungeschehen durchgehen würde.« Sie stand auf, öffnete die Vorhänge, klaubte ihre Jeans vom Boden auf und ging damit ins Bad. »Es sei denn, es gäbe Folgen.«
»Folgen?«
»Schwanger?«
»Ach so, nimmst du denn keine Pille?«
»Doch. Kondome habe ich auch immer dabei, normalerweise.«
»Gott sei Dank.« Er atmete erleichtert auf.
»Alles gut. War ja eh nix. Wahrscheinlich.«
»Schade eigentlich, dass wir vergessen haben, was war«, murmelte Ralf, nachdem er ihr ausgiebig hinterhergesehen hatte. Er hob ebenfalls seine Jeans und sein T-Shirt auf, die beide neben dem Bett lagen. »Sollen wir zusammen duschen?«, fragte er währenddessen laut.
»Nein«, rief sie aus dem Bad zurück. »Bin gleich fertig, dann kannst du hier rein.«
»Wann haben Sie Herrn Danso gestern zum letzten Mal gesehen?« Hanna sah Heiderose Anger neugierig in die wachen hellblauen Augen. Sie war mit der Pfarrersköchin ein Stück abseits der Leute Richtung Friedhof gegangen, um sich ungestört mit ihr unterhalten zu können.
»Gleich nach dem Abendessen gestern Abend bin ich heimgegangen«, erwiderte Heiderose. »Das muss gegen 18.30 Uhr gewesen sein. Der Herr Pfarrer wollte um 19 Uhr in den Alten Wirt, um sich dort mit dem Herrn Dr. Vollmer aus Oberöd und unserem Lehrer, dem Herrn Brauberger, auf ein Bier zu treffen.«
»Er war also im Gasthof?«
»Ich denke mal.« Heiderose nickte. »Am besten fragen Sie hierzu aber die beiden Herren selbst.«
»Danke, das werde ich tun.« Hanna nickte. »Hatte Herr Danso irgendwelche Feinde im Ort? Leute, die ihn nicht mochten oder aus irgendeinem bestimmten Grund etwas gegen ihn hatten?«
»Er war ja noch keine vier Wochen hier. Aber – es gab da schon Stimmen, die von Anfang an nicht unbedingt für ihn waren.« Heiderose betrachtete ausgiebig den Asphalt unter ihren Füßen.
»Wie meinen Sie das?« Hanna wurde hellhörig.
»Sie haben ihn nachts von der Straße aus beschimpft und aufgefordert, wieder nach Afrika zu gehen. Sogar auf die Hauswand des Pfarrhauses hat ein Unbekannter vor einigen Tagen in großen Buchstaben gesprüht, dass er verschwinden solle.« Heideroses Stimme zitterte.
Sie wich Hannas Blick aus. Offensichtlich stand sie nach wie vor unter dem Schock der Ereignisse. Konnte allerdings auch sein, dass sie etwas zu verbergen hatte.
»Warum?« Hanna zog irritiert die Stirn kraus. »Was hat er getan?«
»Keine Ahnung. Manche hier mögen keine Afrikaner.« Heiderose zuckte die Achseln. »Erst recht nicht als Pfarrer, denke ich mal. Außerdem wollen viele den alten Pfarrer wiederhaben.«
»Aha.« Hanna kratzte sich kurz am Hinterkopf. »Wurde der versetzt?«
»Ja. Zu den Ossis. Statt ihm kam dann Herr Danso.«
»Wissen Sie, wer genau etwas gegen ihn gehabt haben könnte und wer da unter dem Fenster geschimpft hat? Oder wer der Sprüher gewesen sein könnte?«
»Da hab ich überhaupt keine Ahnung, Frau Schmiedinger. Ehrlich nicht.« Heiderose schüttelte langsam den Kopf.
»Aber wenn Sie sagen, dass es Menschen gibt, die keinen Pfarrer aus Afrika hierhaben wollen, müssen Sie doch wissen, wer diese Menschen sein sollen.«
»Es wird geredet im Dorf. Ganz allgemein, verstehen Sie? Es gibt da niemand Speziellen.«
»Nein, ehrlich gesagt, verstehe ich das nicht. Irgendwer muss ja mit dem Gerede angefangen haben.«
Schwer zu sagen, ob sie die Wahrheit sagt oder lügt. Möglicherweise muss ich sie mir zu einem späteren Zeitpunkt vornehmen.
»Das ist aber kaum herauszubekommen.« Heiderose senkte ihre Stimme. »Ich habe mal versucht herauszufinden, wer über mich das Gerücht verbreitet hat, dass ich meine Wohnung nicht ordentlich putzen würde. Unmöglich. Nach zwei Wochen gab ich entnervt auf und sagte mir nur: ›Lass sie reden. Irgendwann hören sie von selbst wieder auf. Spätestens sobald es ein wichtigeres Thema gibt‹.«
»Und?«
»Es traf so ein. Jemand behauptete einige Tage später, dass unser Metzger seine Frau schlägt. Auf einmal war das dann das Tagesgespräch Nummer eins.«
»Sie haben also keine Ahnung, wer im Ort Herrn Danso derart gehasst haben könnte, dass er ihn verbrennen würde?«
»Nein.« Heiderose schüttelte erneut den Kopf.
»Hallo, ihr zwei. Gut, dass ihr da seid.« Hanna nickte Sabrina und Ralf mit einem leicht gestressten Lächeln auf den Lippen zu. »Wir haben es mit Brandstiftung und Mord zu tun. Der Pfarrer ist tot. Ein Afrikaner, der vor nicht einmal vier Wochen hier ankam. Kein konkreter Tatverdächtiger. Mit der Pfarrersköchin hab ich bereits gesprochen.«
»Und?« Sabrina sah sie neugierig an.
»Ich werde sie wohl noch mal sprechen, sobald sie sich beruhigt hat. Bis jetzt kam nicht allzu viel dabei heraus.«
»Mit wem sollen wir weitermachen?« Sabrina blickte nachdenklich auf die immer noch rauchenden Trümmer neben der Kirche.
»Am besten geht ihr später in den Alten Wirt, das einzige Wirtshaus am Platz.« Hanna zeigte auf den Maibaum, der gute Hundert Meter entfernt in südlicher Richtung über die Dächer hinausragte. »Schaut mal, wer sich da so herumtreibt und stellt eure Fragen. Motive, Alibis und so weiter. Vielleicht gibt es auch eine Metzgerei oder Bäckerei, die jeden Moment aufmacht. Dort könnt ihr es gleich versuchen.«
»Einfach so ins Blaue?« Sabrina runzelte die Stirn. »Meinst du im Ernst, dass die Geschäfte schon Viertel vor sechs in der Früh aufmachen?«
»Die Bäckerei bestimmt. Fangt am besten dort an. Es scheint hier ein paar bösartige Rassisten zu geben, sagt die Pfarrersköchin. Sieht so aus, als müssten wir herausfinden, wer sie sind, um an unseren oder unsere Täter zu kommen.«
»Woran erkennt man Rassisten?«
»An dem Schmarrn, den sie daherreden. Woran sonst?« Hanna schüttelte unwillig den Kopf. »Wir dürfen keine Zeit verlieren. Rainer und ich knöpfen uns so bald wie möglich den Dorflehrer und den Arzt im Nachbarort vor.«
»Na gut. Bis später.«
Sabrina und Ralf machten sich zu Fuß auf den Weg in die Ortsmitte.
Wenig später standen sie auf einem kreisrunden Platz, dessen Mitte von einem großen Kastanienbaum geschmückt wurde. Gleich daneben streckte sich der Maibaum, den sie bereits von der Kirche aus hatten sehen können, weit hinauf ins bayrische Graublau. Nicht mehr lange, dann würde die Sonne aufgehen und alles in ihr helles Licht tauchen. Rechts von ihnen befand sich der Alte Wirt. Links erstreckte sich eine kleine Ladenzeile über gut 70 Meter. Bäcker, Metzger, Friseur, Getränkehändler und ein Supermarkt.
»Hier gibt es wenigstens noch kleine Geschäfte«, stellte Sabrina erfreut fest. »Ist in der Gegend sonst gar nicht mehr üblich.«
»Wie bei uns im Norden von Regensburg.« Ralf nickte. »Ein Einkaufsgebiet vor der Stadt, wo die großen Discounter sich versammeln, genügt offenbar inzwischen. Da wird eine ganze Kultur von einer Handvoll geldgieriger Investoren kaputt gemacht.«
»Du kommst aus Regensburg?«
»Aus Regenstauf, um genau zu sein. Sagte ich das gestern gar nicht?«
»Keine Ahnung.« Sie zuckte die Achseln.
»Ach so, klar.« Er lächelte verständig.
»Der Getränkehändler scheint schon offen zu haben.« Sie ging grinsend voraus. »Vielleicht hat er heißen Kaffee. Die Plörre von der Tankstelle war echt ekelhaft. Konnte man wirklich nur wegschütten.«
Sieben Uhr. Florian Bauer streckte sich gähnend in seinem riesigen Doppelbett. Er hatte wunderbar geschlafen. Tief und fest und zum ersten Mal in seiner neuen Wohnung in seinem endlich fertiggestellten Golfhotel vor den Toren Burghausens.
Die Bauarbeiten hatten länger gedauert als erwartet. Das hatte die Gesamtkosten einigermaßen in die Höhe getrieben. Insgesamt war aber alles gerade noch im Rahmen geblieben. Angst vor der Pleite musste er nicht haben. Noch nicht zumindest. Denn jetzt kam es erst einmal darauf an, wie gut sein Konzept mit Golf, Luxusschlosshotel und schöner Naturlandschaft bei den Kunden ankam.
»Auf, auf. Der frühe Vogel fängt den Wurm«, sagte er laut, stand auf und ging ins Bad hinüber, um zu duschen.
Anschließend zog er sich an und stieg voller Tatendrang die breite Treppe ins Foyer hinunter. Am besten nahm er sich nach dem Frühstück den ganzen Tag Zeit, um ausgiebig überall nach dem Rechten zu sehen. Morgen Vormittag würden die ersten Gäste eintreffen. Eine Reisegruppe aus England. Acht Männer. Ein gewisser Earl of Carrington hatte sie per E-Mail angemeldet. Er selbst war ebenfalls mit von der Partie.
Hoffentlich randalierten die adeligen Inselbewohner nicht nach der zehnten Flasche Champagner, so wie man es von ihren biertrinkenden Landsleuten in den südlichen Urlaubsgefilden dieser Welt kannte, und zerstörten dabei alle möglichen Einrichtungsgegenstände.
Florian hatte sich bei der Renovierung alle Mühe gegeben.
Das Ergebnis war mehr als gelungen, wie er meinte. Das alte Schloss erstrahlte innen wie außen in neuem Glanz. So boten die 25 riesigen Doppelzimmer und zehn großen Einzelzimmer, die er vermietete, jeglichen Komfort wie einen großen Whirlpool, Regenwasserduschkopf, Internetanschluss samt Laptop, Safe, Sonnenterrasse, Minibar, Kabel- und Satelliten-TV sowie die neueste Bettentechnologie, besaßen aber gleichzeitig durch die echt goldenen Wasserhähne, die schweren Vorhänge, die diversen alten Meisterwerke an den Wänden, die exklusiven Kronleuchter und die Verwendung von viel Marmor und edlen Hölzern die Ausstrahlung eines hochherrschaftlichen Wohnsitzes aus vergangener Zeit.
»Beate, ich möchte frühstücken«, rief er seiner Hausdame zu, während er den kleinen Speisesaal betrat. Wie gewohnt war sie längst wach.
»Sehr gerne, Herr Bauer. Eier?«
»Eier, Würstchen, Fisch, das ganze Programm. Schließlich muss ich wissen, wie es meinen Gästen morgen wohl schmecken wird.«
»Gerne, Herr Bauer. Ich sage in der Küche Bescheid. Vorneweg einen Espresso?«
»Unbedingt.« Florian nickte, während er sich an einen Tisch an einem der großen Panoramafenster setzte. Die Sonne ging gerade hinter dem gegenüberliegenden Hügel auf und schickte ihre ersten spätsommerlichen Strahlen durch das frisch polierte Glas.
Er war stolz auf sich. Hatte es mit seinen 40 Jahren noch einmal gewagt, alles in seinem Leben auf den Kopf zu stellen und seine gutgehende Softwarefirma gegen das Wagnis mit diesem exklusiven Golfhotel einzutauschen. Zunächst war er sich gar nicht sicher gewesen, ob das Unternehmen so erfolgreich laufen würde, wie er es sich wünschte. Doch je länger er an dem Konzept gefeilt hatte und den schnellen Fortschritt der Umbauarbeiten beobachten konnte, desto überzeugter war er davon. Jetzt fehlte ihm nur noch die Frau seiner Träume zu seinem Glück. Hanna Schmiedinger war eine würdige Anwärterin auf diese Position und seine absolute Wunschkandidatin. Nur leider schien sie noch nicht so weit zu sein, nach ihren bisherigen Enttäuschungen mit der Männerwelt wieder eine feste Bindung einzugehen. Florian bedauerte das sehr, wusste aber gleichzeitig, dass man in einem solchen Fall außer Abwarten nicht viel tun konnte.
Die Liebe ließ sich nun mal nicht erzwingen.
Auf jeden Fall würde er sie nach dem Frühstück anrufen und sie für heute Abend zu einem festlichen Dinner mit allen Schikanen hierher einladen. Das wäre dann sozusagen die inoffizielle Einweihung seines Gastbetriebes.
Sie durfte ihm diesen Wunsch einfach nicht abschlagen.
Er würde keinerlei Ausreden gelten lassen.
»Grüß Gott, Herr Brauberger. Mein Name ist Schmiedinger von der Kripo Traunstein. Das hier ist mein Kollege, Hauptkommissar Talgruber.« Hanna blinzelte. Die aufgehende Sonne schien ihr geradewegs in die Augen, als sie zu dem an die zwei Meter großen breitschultrigen Dorflehrer in Bluejeans und mit Palmen bedrucktem Freizeithemd aufschaute.
»Grüß Gott. Was gibt es denn in aller Früh?« Ludwig sah sie verdutzt aus seinen verschlafenen dunkelbraunen Augen an. Er forderte sie nicht auf hereinzukommen. Blieb stattdessen abwartend barfuß, wie er war, in seiner halb geöffneten Haustür stehen und gähnte ausgiebig.
Offensichtlich hatten sie ihn geweckt. Kein Wunder um 7.20 Uhr an einem schulfreien Samstagmorgen. Bestimmt hatte er gestern Abend im Alten Wirt etwas getrunken und wollte heute gründlich ausschlafen.
»Es ist etwas passiert, Herr Brauberger.«
»Was hab ich damit zu tun?« Er zuckte die Achseln und sah sie erwartungsvoll an.
»Ihr neuer Pfarrer, Adofo Danso, ist letzte Nacht in seinem Pfarrhaus verbrannt.«
»Was? Aber … wir saßen doch vorhin noch zusammen. Also, gestern, meine ich.« Er fasste sich erschrocken an den Kopf, wurde schlagartig blass, schwankte leicht. »Im Alten Wirt. Mit dem Bernd Vollmer, unserem Allgemeinmediziner aus Oberöd.«
»War er anders als sonst?«
»Der Adofo?« Er runzelte die Stirn. »Keine Ahnung. Ich habe ihn gestern zum zweiten Mal getroffen. Ein angenehmer und witziger Zeitgenosse. Wissen Sie, was genau passiert ist? Hat er seinen Herd brennen lassen?«
»Wir gehen von Brandstiftung aus.«
»Tatsächlich?« Ludwig bedachte sie mit einem langen ungläubigen Blick.
»Ja.« Hanna nickte.
»Es ist kalt. Kommen Sie doch bitte herein. Ich mache uns einen Kaffee.« Ludwig hielt die Tür weit auf. Er ließ Hanna und Rainer an sich vorbei.
Drinnen bugsierte er sie in eine gemütliche kleine Wohnküche. Heller Holztisch, dazu passende Stühle, hohe Küchenregale mit verschiedenen Töpfen und Gewürzen und eine große gläserne Terrassentür, die in den mit bunten Herbstblumen bewachsenen Garten hinter dem Haus führte.
»Hatte Herr Danso Feinde im Ort?«, fragte Hanna, während Ludwig eine Tasse heißen Espresso vor ihr auf dem Tisch abstellte.
»Feinde wäre wohl zu viel gesagt. Aber einigen unserer Einwohner war seine Anwesenheit wohl schon ein Dorn im Auge.«
»Welche Gründe gab es dafür?«
»Ein afrikanischer Pfarrer passte vielen nicht ins bayrisch heimatliche Konzept.« Ludwig zuckte die Achseln. »Zumal der alte Pfarrer, Ignatius Schöttler, seine Schäfchen gut im Griff hatte. Er hatte sich hier bei vielen als Seelentröster und Ratgeber unentbehrlich gemacht.«
»Also könnte jemand den neuen ungeliebten Pfarrer verjagt haben wollen, weil er den alten Pfarrer zurückwollte? Dabei ist dann, möglicherweise sogar aus Versehen, das Haus abgebrannt.«
»So könnte es durchaus gewesen sein.« Ludwig setzte sich zu ihnen an den Tisch, nachdem er sich selbst und dem schmalen Rainer ebenfalls einen Espresso mitgebracht hatte.
Der rothaarige Brillenträger bedankte sich kurz bei ihm und konzentrierte sich gleich darauf wieder ausschließlich auf sein Smartphone. Hanna wunderte sich längst nicht mehr darüber, dass ihr engster Kollege seine Nase lieber in den kleinen Bildschirm steckte, als mit erhobenem Kopf der Realität ins Auge zu sehen. Das war eher ihre Aufgabe.
Aber sollte er ruhig im Internet nach hilfreichen Fakten für ihre Fälle recherchieren. Oft genug kam etwas Positives dabei heraus. Sie übernahm ihren Part außerdem auch gerne ohne seine andauernden zweifelnden Kommentare, mit denen er sie gelegentlich gründlich auf die Palme brachte.
»Wer könnte Herrn Danso absichtlich getötet haben?«, wollte sie von Ludwig wissen.
»Keine Ahnung.« Er sah sie direkt an.
Der war es auf jeden Fall nicht. Seine Augen lügen nicht. Darauf verwette ich meine rechte Hand.
»Haben Sie mitbekommen, dass er von irgendwem offen angefeindet wurde?«
»Na ja …« Ludwig zögerte.
»Ja?«
»Es gibt da drei besonders ekelhafte jugendliche Fremdenhasser bei uns im Ort. Die haben ihn sogar einmal beim Bäcker in aller Öffentlichkeit beleidigt und als Negerdepp und so weiter beschimpft.«
»Wie heißen die drei Herren?« Hanna zückte einen Kuli und den kleinen Notizblock, den sie immer bei sich trug. Ein Geschenk ihrer Mutter, die als eingefleischter Krimifan am liebsten bei jedem Fall mitarbeiten würde.
»Hias Zoller, Hans Prem, Richard Dallinger. Sie sind alle drei um die 18 Jahre alt und im Moment mal wieder arbeitslos, weil einfach zu dumm zum Arbeiten, sag ich jetzt mal. Ist zwar bös ausgedrückt, aber wahr.« Ludwig trank einen Schluck Espresso.
»Wissen Sie, wo wir die drei finden?«
»Normalerweise, bis sie ausgeschlafen haben, bei ihren Eltern. Also bis ungefähr zwölf. Aber auf jeden Fall abends im Alten Wirt.« Ludwig zündete sich eine Zigarette an.
»Sind sie dort Stammgäste?«
»Die trinken dort täglich ihr Quantum, ja. Solange ihre Familien das noch finanzieren zumindest. Selbst besitzen sie ja keinen Cent.«
»Wissen Sie, wo die drei Familien wohnen?«
»Moment, ich schreib es Ihnen auf.« Ludwig notierte die Adressen auf einem Zettel.
»Danke, Herr Brauberger. Sie haben uns sehr geholfen.« Hannah legte ihre Visitenkarte auf den Tisch. »Würden Sie mich bitte anrufen, falls Ihnen noch etwas einfällt?«
»Mach ich.« Ludwig erhob sich, um sie hinauszugeleiten.
»Bleiben Sie sitzen. Wir finden alleine raus.« Hanna gab Rainer einen Stups. Dann verließen sie Seite an Seite das Haus.
7.45 Uhr. Sabrina und Ralf hatten beim Getränkehändler und in der Bäckerei nichts Weltbewegendes herausbekommen. Der Getränkehändler hatte keinen Kaffee für sie gehabt. Aber in der Bäckerei gab es welchen, also hatten sie dort ein zweites Frühstück eingenommen, während sie nebenher die Angestellten und die Kundschaft befragten.
Jetzt liefen sie durch den Ort und klingelten bei allen möglichen Leuten. Wer hatte was vom Brand mitbekommen? Wer könnte der Täter gewesen sein? Aber entweder wusste tatsächlich niemand etwas oder die Bevölkerung baute eine Mauer des Schweigens gegen die Ermittler aus der Stadt auf. Aus welchen Gründen auch immer. Selbst wenn es nur der Tatsache geschuldet war, dass man in kleinen Gemeinden wie Niederöd prinzipiell gegen Auswärtige zusammenhielt.
»Lass uns aufhören. Hat keinen Sinn.« Sabrina sah Ralf kopfschüttelnd an, nachdem sie in einem kleinen Blumenladen ergebnislos die Verkäuferin und zwei ältere Kundinnen befragt hatten und nun wieder auf der Straße standen.
»Ich würde gerne weitermachen«, erwiderte er. »Wir haben noch nicht einmal die Hälfte der Häuser in der Ortsmitte durch.«
»Was soll das bringen? Nein, wir hören auf.« Sie schüttelte den Kopf.
»Weil du meine Vorgesetzte bist?«
»Bin ich natürlich nicht. Weißt du doch.« Sie schüttelte erneut den Kopf. »Wir sind Kollegen. Ich Kommissarin, du Hauptkommissar. Unsere Vorgesetzte ist nur Hanna.«
»Aber du führst dich schon die ganze Zeit über so auf, als wäre es so.« Er stemmte die Hände in die Seiten und sah ihr geradewegs in die Augen. »Ralf, wir tun dies, Ralf wir machen das.«
»Schmarrn, das bildest du dir ein. Ich will bloß keine sinnlose Arbeit machen.«
»Du kannst nicht wissen, ob sie sinnlos ist, bevor wir alle Leute befragt haben.« Er sprach immer lauter. Sein Gesicht lief rot an. Er schien sich über irgendetwas unglaublich zu ärgern.
»Und wie viele Befragungen sollen wir deiner Meinung nach noch machen, bis wir es wissen?« Sabrina seufzte genervt.
Unzählige Male hatte sie mit den anderen Kollegen solche sinnlosen Zufallsaktionen wie die hier bereits bis zum bitteren Ende durchgezogen. So gut wie nie waren sie dabei erfolgreich gewesen. Doch Ralf schien einer von diesen Pitbullterriern zu sein, die nicht mehr locker lassen konnten, sobald sie sich einmal in einen Gedanken verbissen hatten.
Alles klar, den kannst du gleich wieder abhaken. Du brauchst einfach keine Machos mehr in deinem Leben, die keinen Widerspruch vertragen. Zu anstrengend. Also verhalte dich möglichst professionell, Sabrina, und das war’s dann auch.
»So viele wie möglich, werte Kollegin. Es sei denn, du willst den oder die Täter einfach so davonkommen lassen.«
»Das will ich natürlich nicht. Kein Grund, zynisch zu werden.« Sie schüttelte ungläubig den Kopf.
Der hat sie doch nicht mehr alle. Ein echter Choleriker. Bestimmt hat er südländische Vorfahren. Die haben doch alle ein Rad ab in puncto Temperament da unten am Mittelmeer.
»Ich bin nicht zynisch.« Ralf machte den Eindruck eines Dampfdrucktopfes, der kurz vor dem Platzen stand.
»Bist du wohl.«
»Nein, bin ich nicht.« Die Adern an seinen Schläfen begannen herauszutreten und deutlich sichtbar zu klopfen. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer angespannten Grimasse.
»Vielleicht solltest du mal zu unserem Psychologen gehen. Du scheinst ein kleines Aggressionsproblem zu haben.«
Von dem lasse ich mir nichts gefallen. Was meint er denn, wer er ist. Kommt in unsere Abteilung und hängt den großen Zampano raus. Den Zahn werde ich ihm schnell ziehen.
»Machen wir weiter oder nicht? Oder muss ich es alleine machen? Kein Problem für mich.« Er stieß die Worte einzeln zwischen seinen zusammengepressten Zähnen hervor.
»Von mir aus.« Sabrina zuckte die Achseln. »Aber ich halte es trotzdem für sinnlos, wenn wir hier nur aufs Geratewohl blind in der Gegend herumfragen.«
»Ich nicht«, brüllte er außer sich. »In so einem kleinen Ort muss einfach jemand dabei sein, der etwas weiß. Ist nur eine Frage der Zeit, bis wir ihn finden.«
»Geht’s noch? Was ist das denn für ein Ton?« Sie betrachtete ihn herablassend von oben bis unten. »Reiß dich gefälligst zusammen. Wir sind nicht auf dem Kasernenhof.«
Kann es sein, dass die in der Oberpfalz schwachsinnig und beratungsresistent sind? Oder aus einem der letzten Jahrhunderte?
»Entschuldige, Sabrina«, erwiderte er, auf einmal wieder ganz ruhig, als wäre nichts gewesen. »Manchmal geht der Gaul mit mir durch.«
»Na gut.« Sie nickte knapp.
Der ist doch schizophren. Das hat mir gerade noch gefehlt. Eine durchgeknallte Chefin, der man nicht widersprechen darf, und jetzt auch noch so einen an der Backe.
»Also machst du mit?«
»Ja.« Sie nickte. »Aber ich ruf vorher Hanna an und frage sie, ob sie schon mehr weiß.«
»Hanna? Wer soll das sein?«
»Unsere Chefin, Frau Schmiedinger.«
Die Zollers wohnten in einem heruntergekommenen Bauernhaus am Stadtrand. Es stand in einem großen ungepflegten Garten. Obstbäume, Kastanien, hohes Gras, Sträucher. Unter den Fenstern hingen schäbige Blumenkästen mit ausgetrockneten Pflanzen darin. Es schien lange her zu sein, dass hier jemand mit einem grünen Daumen gelebt hatte.
Hanna klingelte. Rainer stand in sein Smartphone vertieft schräg hinter ihr. Sie registrierte es kopfschüttelnd.
Warum legt er das verdammte Ding nicht einfach mal aus der Hand. Das ist ja langsam bedenklich.
Wenig später öffnete ihnen ein schmaler haarloser Mann in Latzhosen. Er trug kein Hemd darunter. Eine kreisrunde Brille, wie die von Rainer, zierte seinen stark nach außen gebogenen Nasenrücken.
»Grüß Gott. Was kann ich für Sie tun?«, erkundigte er sich höflich.
»Herr Zoller?«
»Ja.« Er nickte langsam. »Gregor Zoller mein Name.«
