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Der Softwareunternehmer Lothar Brinkmann wird zusammen mit seiner Freundin tot im Pool seiner luxuriösen Villa nahe Burghausen aufgefunden. Um zu klären, womit man es hier zu tun hat, wird Hauptkommissarin Hanna Schmiedinger von der Traunsteiner Mordkommission in aller Frühe zum Tatort beordert. Gemeinsam mit dem Computerspezialisten Rainer Talgruber beginnt die eigenwillige Kommissarin zu ermitteln, doch der Fall entpuppt sich als weitaus komplizierter, als sie zunächst angenommen hat.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Alex Buchenberger
Hannas Leichen
Kriminalroman
Mysteriöser Doppelmord Der Softwareunternehmer Lothar Brinkmann wird zusammen mit seiner Freundin tot im Pool seiner luxuriösen Villa nahe Burghausen aufgefunden. Um zu klären, ob es sich um einen Unfall, Selbstmord oder gar Mord handelt, wird die stellvertretende Abteilungsleiterin der Traunsteiner Mordkommission, Hauptkommissarin Hanna Schmiedinger, in aller Frühe zum Tatort beordert. Schnell stellt sich heraus, dass der Fall weitaus komplizierter ist, als zunächst angenommen. Die ersten Ermittlungen führen die eigenwillige Kommissarin und ihren liebsten Kollegen, den Computerspezialisten Hauptkommissar Rainer Talgruber, direkt zu Florian Bauer – Ehemann der Toten und ehemaliger Geschäftspartner von Lothar Brinkmann. Dann wird auch noch Brinkmanns syrische Putzfrau Opfer eines Mordanschlags …
Alex Buchenberger wohnt in Oberbayern und schreibt Kriminalromane.
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Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2019
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © haraldmuc / shutterstock.com
Druck: CPI books GmbH, Leck
Printed in Germany
ISBN 978-3-8392-5902-3
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Sie hatten sie vor einer halben Stunde aus der Zelle geholt, ihr die Hände auf den Rücken gefesselt und sie dann hierher auf den großen Platz vor dem Jagdschloss des Herzogs gezerrt.
Sie fesselten sie an einen Pfahl. Schichteten Stroh und Hölzer um sie herum.
Ihr Herz klopfte schnell. Sie bekam kaum noch Luft. Schwindel erfasste sie. Ließ sie taumeln.
»Bringt sie um!«
»Weg mit ihr!«
»Ewige Verdammnis!«
Das Volk um sie herum tönte laut mit hasserfüllten Fratzen.
Dabei hatte sie nur helfen wollen. Dem kleinen Jungen, den sie zu ihr gebracht hatten, damit sie ihm seine Schmerzen in der Brust nähme. So wie sie immer jedem geholfen hatte, der zu ihr kam. Mit ihrem Wissen über das Heilen. Mit ihren Kräutern und Tränken. Die Rezepte vermachte ihr einst die Mutter. Die wiederum hatte sie von ihrer Mutter bekommen. Und so fort.
»Sie hat gemordet! Tötet sie!«
»Sie soll zur Hölle gehen!«
Sie waren zu spät mit dem Jungen zu ihr gekommen. Sein Herz schlug bereits nicht mehr. Sie konnte nichts mehr für ihn tun. Er lag längst tot in den Armen seiner Mutter. Diese gab jedoch sogleich ihr die Schuld. Bevor sie zu ihr gekommen wären, hätte der Bub noch gelebt. Nun sei er gestorben. Sie allein habe ihn umgebracht. Verflucht sei die Mörderin, die im Bunde mit dem Satan lebe, wie jeder im Dorf wisse.
Eine glatte Lüge. Genährt von der Unfähigkeit, die eigene Schuld zu sehen. Von der Angst vor Menschen wie ihr, die außerhalb der Gemeinschaft lebten. Klüger als der Rest. Im Besitz geheimen Wissens. Unerreichbar, fremdartig und somit eine gefährliche Bedrohung.
Die örtliche Gerichtsbarkeit machte ihr wenig später den Prozess. Als Hexe. Das Urteil stand dabei von vornherein fest: Brennen auf dem Scheiterhaufen bis zum Eintritt des Todes. Nicht einmal einen Advokaten stellten sie ihr zur Seite, der für sie hätte sprechen können.
Jetzt entzündeten ihre Henker das Stroh. Die Flammen erreichten ihre Beine, ihr Kleid, ihre Haare.
Sie schrie laut.
Panische Angst riss sie in einem Strudel mit sich.
Dann wachte sie auf.
»Verdammte Träume«, zischte Maria Bauer ängstlich und ärgerlich zugleich. »Ich möchte nur eine einzige Nacht mal wieder in Ruhe durchschlafen.« Sie schwitzte am ganzen Körper.
Seit ihrer frühen Kindheit wurde sie von ihren quälenden Albträumen heimgesucht. Manches Mal über Wochen jede Nacht, manchmal einmal in der Woche, mal nur alle drei Monate. Irgendwann kamen sie immer wieder, und immer war sie darin an irgendetwas schuld. Sie wusste genau, dass es jetzt mindestens eine Stunde dauern würde, bis sie wieder einschlief.
Sie war deswegen beim Psychologen gewesen. Der hatte etwas von einem möglichen Kindheitstrauma gefaselt, aber Genaueres konnte er ihr auch nicht sagen, da sie ihm nichts aus ihrer Kindheit zu berichten hatte. Es könne Jahrzehnte dauern, bis die Seele wieder daran genesen würde, meinte er daraufhin nur. Eine Behandlung könne ebenso lange dauern, und ein Erfolg wäre dabei nicht garantiert.
Solange könne sie auch ohne Behandlung warten, hatte sie sich gesagt. Versuchte seitdem selbst mit ihren Dämonen fertig zu werden. Allerdings nur bedingt aussichtsreich, wie sich gerade wieder einmal zeigte.
»Das darf doch nicht wahr sein! Seid ihr völlig verrückt geworden?« Florian Bauer konnte nicht fassen, was er gerade sah. Vor drei Minuten war er zwei Stunden früher als gewöhnlich am Freitag von der Arbeit heimgekommen und hatte sich auf ein erholsames Wochenende gefreut. Er war Annes lautem Schreien ins Schlafzimmer gefolgt. Voller Angst, dass ihr etwas Schlimmes zugestoßen wäre.
Jetzt starrte er sie und seinen besten Freund und Geschäftspartner Lothar ungläubig an. Ganz offensichtlich hatten sie Sex miteinander gehabt. In seinem und Annes Doppelbett. In ihrem eigenen Haus am Stadtrand von Burghausen.
Es war unfassbar. Wie in einem schlechten Film.
Das war’s dann wohl mit Anne. Sie durfte sich ab sofort als in Trennung lebend betrachten. Ging gar nicht anders.
So ein Wahnsinn. Die beiden trieben es auf seiner Bettseite. Auch das noch. Wie unsensibel konnte man eigentlich sein? War ihre Matratze auf einmal zu weich dazu?
Florian und sie hatten es doch sonst auch immer auf ihrer gemacht. Wollten sie ihn noch mehr demütigen, indem sie ausgerechnet seine Laken verschmutzten?
Ekelerregend. Mieses Pack.
Dabei hatte er in ihren sieben gemeinsamen Ehejahren immer alles richtig gemacht. Dachte er wenigstens bisher.
Wochenendfrühstück in Salzburg.
Blumen zum Hochzeitstag.
Kurzurlaube in Venedig.
Lange Urlaube auf Bali.
Teuer essen gehen.
Oper, Theater, Kino.
Florian war nicht nur überrascht und schockiert. Er war absolut platt. Florian Bauer, um genau zu sein. 40 Jahre alt, erfolgreicher Programmierer und Softwareproduzent mit eigener Firma. Seit zehn Jahren ansässig in Burghausen. Geboren und aufgewachsen in Passau. Bis gerade eben noch glücklich verheiratet mit der schönen Anne, geborene Ziegler, 34 Jahre. 60 Angestellte, schönes Haus, flotter englischer Sportwagen, großer Pool im weitläufigen Garten. Beliebtes Mitglied im Tennisverein und im Golfclub, weil seine Spenden immer zu den großzügigeren gehörten. »Der Flo Bauer ist alles, aber kein Geizhals«, munkelte jeder im Ort.
Seit sechs Jahren betrieb er seine Softwarefirma zusammen mit seinem ab sofort ehemaligen besten Freund und Partner, Lothar Brinkmeier, vor sieben Jahren zugereist aus Mühlheim an der Ruhr, 39 Jahre alt. Der erste Mann in seinem Leben, dem er so gut wie blind vertraut hatte.
Selbst schuld.
Blitzartig rasten die wildesten Gedanken durch Florians Kopf. Rache, Mord, Totschlag, ewige Verdammnis.
Seine Hände zitterten vor Wut und Empörung.
Aber gut. Er würde das schon irgendwie deichseln.
Anne würde er auf der Stelle rauswerfen. Lothar gleich jetzt und hier im Schlafzimmer verprügeln.
Genauso würde es geschehen. Was für eine unglaubliche Schweinerei das Ganze.
»Flo, kommt endlich rein! Das Essen wird kalt.«
Wie jeden Samstag hatte Sofia Bauer Spaghetti Bolognese gekocht. Sie war eine wahre Großmeisterin darin: Zwiebeln, Rinderhack, Knoblauch, Pfeffer, Salz, Tomatenmark, geschälte Tomaten, eine große Karotte und italienische Kräuter aus dem Garten, vorzugsweise Basilikum. Sonst nichts.
Florians Mutter war ihrer Zeit weit voraus gewesen. Sie bestand schon damals, lange vor Biokost und Slowfood, darauf, ihre Kinder ohne Fertigprodukte aufzuziehen. Seine Schwester Maria und ihn, um genau zu sein.
Maria war zwei Jahre jünger als Florian. Klar, wer sich demnach als Chef fühlte. Er natürlich. Gleichzeitig trug er aber auch immer eine große Verantwortung. Zum Beispiel, wenn sie gemeinsam auf den Spielplatz unten vor dem Haus gingen.
Als Maria noch sehr klein war, aß sie Sand, stahl den anderen Kindern das Spielzeug und schlug sie, wenn sie es weinend zurückforderten. Andauernd musste er eingreifen. Ihm war das peinlich und unangenehm. Auch deswegen, weil die Mütter der anderen Kinder ihn statt ihr zusammenstauchten, obwohl er selbst noch ein Kind war. Das schien diese keifenden Megären aber nicht weiter zu stören. Teilweise beschimpften sie ihn richtig wüst, wenn Maria ihren kleinen Lieblingen wieder einmal zu nahe kam.
»Wir kommen, Mama.«
Er nahm Maria an die Hand und zerrte sie ins Haus.
Eine befreundete frischgebackene Psychologin erklärte ihm später während seiner Studienzeit in Passau einmal, dass es gut sein könnte, dass er sich damals ein Trauma eingehandelt hätte. So etwas dürfe man keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen. Hypnose könnte da beispielsweise oftmals gut helfen.
Es kam also, wie es kommen musste. Sie hypnotisierte ihn, und sie landeten gemeinsam in ihrem Bett. Dabei befahl sie ihm die ganze Zeit über, was er tun sollte.
Es schien ihr eine Menge Spaß zu machen.
Sie lebte in der Nachbarschaft. Vera Bleiberger hieß sie. Nur für sich selbst sprach er sie Bleib Ärger aus. Das amüsierte ihn bis heute. Nach der dreistündigen intensiven Hypnosetherapie sahen sie sich nie wieder. Wahrscheinlich hatte sie seinem Unterbewusstsein befohlen, dass sie ihm ab sofort gleichgültig wäre. So kam es dann auch tatsächlich.
Zwei Tage später hatte sie ihren nächsten Patienten im Haus. Florians Fußballkumpel Kalle Weniger. Wochenlang nervte der danach alle in der Clique mit seinen ausufernden Geschichten über prägende Traumata im Kindheitsalter.
Florian hatte Lothar gestern nicht verprügelt, sondern ihn und Anne aus dem Haus geworfen. Das sollte zunächst reichen. Außerdem war er generell nicht gewalttätig. Noch nie gewesen. Er verfügte über andere Mittel, um jemanden seine Rache spüren zu lassen. Obwohl, welche eigentlich?
So ein gigantischer Mist das alles.
Er saß, den Kopf in die Hände vergraben, in seinem Wohnzimmer und fragte sich immer wieder, was er Anne gegenüber falsch gemacht haben könnte.
»Du bist einfach zu großzügig«, tadelte er sich dabei selbst. »Das nützen eben alle irgendwann aus.«
Hätte er sie besser mal knapper gehalten. Dann wäre er sicher nach wie vor interessant für sie. Er hatte wirklich nicht die geringste Ahnung, warum sie das mit Lothar getan hatte. War diesbezüglich auf reine Spekulationen angewiesen. Lothar war weder besonders attraktiv mit seinem faltigen Schmerbauch und der hohen Stirn, noch glänzte er als besonderer Sympathieträger oder auch nur als annähernd guter Unterhalter mit seiner meist muffeligen Art.
War es Lothars Geld?
Er kam aus einer reichen Industriellenfamilie. Im Moment war er, seinem aufwendigen Lebensstil geschuldet, zwar trotzdem chronisch Pleite. Doch eines Tages würde er etliche Millionen erben. Mehr als Florian wohl jemals erarbeiten könnte. Fragte sich nur, wann es soweit war. Seine Eltern erfreuten sich bester Gesundheit und zeigten sich guter Dinge, etliche Jahre so fit weiterzumachen wie bisher. Das hatte er Florian einmal augenrollend beim Biertrinken anvertraut.
Dessen Gedanken kehrten zu Anne zurück.
Wer im goldenen Käfig sitzt, weiß diesen irgendwann nicht mehr zu schätzen und sucht neue Abenteuer. Oder einen größeren goldenen Käfig. So ist es doch, oder? The winner takes it all.
Dabei hatte Anne die ganzen Jahre über gar keinen so unersättlichen Eindruck auf ihn gemacht. Im Gegenteil. Wenn er gelegentlich aufgrund seiner großen Erfolge mit der Firma abhob, war sie es gewesen, die auf dem Boden der Tatsachen stehen blieb und ihn wieder herunterholte. Hatte sie ihm die ganze Zeit über nur eine billige Show vorgespielt, während sie innerlich längst nach einem Neuen suchte? Und wenn es so war, wieso hatte er das nicht bemerkt? Ganz dumm war er doch auch nicht.
Kopfschüttelnd schlurfte er in die Küche hinüber, um sich noch einen Espresso zu machen. Kaffee half ihm beim Denken. Schon immer. Genau wie Zigaretten. Nur dass er mit denen aufgehört hatte. Zu ungesund.
Er gähnte. Samstagmorgen und kurz vor acht. Trotz der starken Schlaftablette hatte er die ganze Nacht lang so gut wie kein Auge zugetan. Auf jeden Fall würde er gleich Maria anrufen und ihr alles erzählen. Seine kleine Schwester war nach wie vor seine engste Vertraute. Sie würde wie immer die richtigen Worte finden, um ihn zu trösten. Schon als Kind konnte sie das. Daran hatte sich bis heute nichts geändert. Vielleicht würde er sie sogar morgen besuchen. Heute noch nicht. Im Moment wollte er sich nur ganz allein hier in seinem Haus mit seinem Kummer vergraben.
Wenn der Vater vom Büro heimkam, ging jeder in der Familie in Deckung. Die beste Art, mit ihm klarzukommen.
Er war ein jähzorniger Patriarch. Arbeitete als Buchhalter bei einer großen Spedition. An allem und jedem hatte er etwas auszusetzen. Die Welt um ihn herum war seiner Meinung nach bevölkert von unfähigen Nullnummern. Zu dämlich für alles. Man schaue sich bloß mal die feinen Herren Politiker an oder seine hirnamputierten Kollegen in der Firma. Nichts als jämmerliche Versager. Ganz im Gegensatz zu ihm selbst. Er habe keine Fehler, versicherte er zu Hause jedem täglich. Ohne dieses wiederkehrende Mantra und dessen glaubhaft ausgeführte Bestätigung von Seiten der restlichen Familie gab es manchmal sogar kein Abendessen.
Florian konnte sich bereits als Kind vorstellen, dass sein Vater in seinem Job nicht glücklich war. Allerdings noch lange kein Grund, ein Unmensch zu sein. Er hätte ja etwas anderes machen können.
Nach dem Abendessen trank der Vater immer eine halbe Flasche Schnaps. Meistens besserte sich seine Laune dabei. Manchmal sang er dann sogar alte Soldatenlieder. Oft genug wurde seine latent miese Grundstimmung dabei aber nur noch schlimmer. Er grantelte und schimpfte laut herum, bis er, unzufrieden mit sich selbst und der Welt, betrunken im Bett landete. Wenn die Flasche leer war, bevor er genug hatte, wurde es besonders arg. Dann zogen bedrohliche dunkle Gewitterwolken am Horizont auf.
Eines Tages hatte die Mutter ausnahmsweise einmal vergessen, neuen Wodka zu besorgen. Es war lediglich ein kleiner Rest in der alten Flasche übrig. Zuerst sah der Vater sie nur vorwurfsvoll an. Dann erhob er sich von seinem Stammplatz am Küchentisch. Zog langsam seinen Ledergürtel aus den Schlaufen seiner Hose. Faltete ihn einmal der Länge nach zusammen. Schlug sich selbst damit probeweise in die geöffnete Handfläche. Anschließend stürmte er wie ein durchgedrehter Goliath auf sie zu. Beschimpfte sie als miese Schlampe und Drecksau. Schlug mit hassverzerrter Miene blindlings auf sie ein. Immer und immer wieder. Solange, bis sie nur noch wimmernd und blutend auf dem Küchenboden lag und um Gnade winselte.
Florian hatte sich währenddessen zitternd neben Maria gestellt, sie schützend in den Arm genommen, und sich selbst vor Angst eingenässt. Als der Vater seine fleckige Hose bemerkte, ging er auf die beiden zu. Herrschte ihn an, ob er nicht besser aufpassen könne. Wann er denn endlich vorhätte, wenigstens ein verdammtes Mal in seinem Leben irgendetwas richtig zu machen. Er packte ihn am Kragen. Gab ihm ebenfalls ein paar kräftige Schläge mit dem Gürtel auf den Rücken. Traf ihn dabei mehrmals auch im Gesicht und am Kopf. Florian blutete stark. Maria schrie wie am Spieß. Der Vater sei ein gemeiner Feigling. Er solle endlich aufhören. Grund genug für ihn, nun auch auf sie loszugehen. Er holte weit aus. Drosch der damals Sechsjährigen mit voller Wucht seine flache Hand ins Gesicht. Sie krachte mit dem Kopf gegen die Wand und ging auf der Stelle ohnmächtig zu Boden. Trotz seiner sitzenden Tätigkeit im Büro war er ein kräftiger Mann. Auf dem Bau wäre er wohl besser aufgehoben gewesen, hatte er selbst immer wieder gemeint.
Als der Notarzt kam und Maria sofort ins Krankenhaus abtransportieren ließ, wo sie die nächsten zwei Wochen wegen einer starken Gehirnerschütterung liegen sollte, sagten die Eltern übereinstimmend aus, dass sie wild mit Florian herumgetobt hätte und dabei versehentlich mit dem Kopf gegen den Türstock gelaufen sei. Florian hätte es Gott sei Dank nur leicht am Kopf und im Gesicht erwischt, als sie dabei beide auf den Boden fielen. Ein echt dummes Unglück, für das niemand etwas könne. Wild und ungehorsam, wie Kinder von ihrer Natur her gelegentlich nun mal seien. Seit ihren ersten Schritten als Kleinkind wäre Maria nicht zu halten gewesen. Immer auf Achse und immer Vollgas voraus.
Der Vater hatte der Mutter zuvor noch damit gedroht, dass er sie auf der Stelle umbringe, wenn sie die Wahrheit zum Hergang des Ganzen erzählte. Florian hielt lieber ebenfalls seinen Mund. Er wollte genau wie die Mutter noch nicht sterben.
Der Arzt meinte, dass ein strammes Pflaster auf Florians Wunden am Kopf und im Gesicht ausreichen würde. Ein Indianer kenne keinen Schmerz.
»Was, junger Mann?« Knuff.
Die längliche Narbe neben seinem linken Auge sollte nie wieder ganz verschwinden. Während des Studiums und danach fragten Fremde ihn immer wieder, ob er einer schlagenden Verbindung angehöre. Irgendwie schon, früher mal, erwiderte er dann gelegentlich mit einem humorlosen Grinsen. Wenn er sehr gut drauf war. Ansonsten ging er gar nicht erst näher darauf ein. Was ihn damals, nach diesem denkwürdigen Abend, Tage später nachdenklich machte, war die Tatsache, dass die Sonnenbrille, die seine Mutter mitten in der Nacht aufgehabt hatte, den Notarzt gar nicht weiter irritierte. Von ihm darauf angesprochen, schien ihm ihre Erklärung, dass es sich um eine leichte Bindehautentzündung handle, vollauf zu genügen.
Als Florian noch etwas später erneut gründlich über alles nachdachte, meinte er, an dem fraglichen Abend mitbekommen zu haben, dass der Vater und der Notarzt sich duzten.
Bestimmt kannten sie sich vom Sonntagsstammtisch im Sportheim her.
Gute Seiten hatte Herbert Bauer, so hieß Florians und Marias Vater, keine. Nicht einmal verborgene. Für Florian war er einfach nur ein brutales Monster.
Gott sei Dank starb er früh.
Fiel eines Abends aus dem Fenster.
Vier Stockwerke abwärts.
Glatter Genickbruch. Er war sofort tot.
Die Mutter sagte der Polizei gegenüber aus, dass sie gerade den Abwasch in der Küche erledigt hätte, als es geschah.
Herbert wäre wieder mal betrunken bis unter den Haaransatz gewesen. Er hätte wohl einfach so das Gleichgewicht verloren. Sei in ähnlichen Zuständen bereits einige Male zuvor auf dem Weg ins Schlafzimmer gestürzt. Und jetzt das. Einfach nur schrecklich. Aber es musste ja irgendwann einmal so kommen.
Was solle nun bloß aus ihr werden?
Wie sollten die Kinder aufwachsen?
Florian konnte sich noch Jahre später nicht daran erinnern, was geschehen war. Ob es wirklich stimmte, was sie gesagt hatte. In seiner Erinnerung existierte diesbezüglich nur ein großes schwarzes Loch.
Sonntag, 8.30 Uhr. Mühsam wühlte sich die Sonne durch den vorherbstlichen Morgennebel. Es würde eine Weile dauern, bis sie die grauen Schwaden ganz vertrieben hatte.
»Sie sehen beinahe friedlich aus.« Die 38-jährige Hauptkommissarin Hanna Schmiedinger betrachtete nachdenklich das nackte Paar, das tot neben dem Pool der abseits gelegenen Villa am Stadtrand von Burghausen auf dem taufeuchten Rasen lag. Sie waren noch nass. Die Jungs von der Spurensicherung schienen sie gerade erst aus dem Wasser gefischt zu haben.
Die Frau war bildhübsch. Der Mann älter als sie. Dürre Beine, einen Schmerbauch und eine Halbglatze.
Die junge Schöne und das reiche Biest, schoss es Hanna in den Kopf. Das hatten wir doch schon.
Die stellvertretende Leiterin der Traunsteiner Mordkommission fühlte sich heute Morgen alles andere als fit. Gestern hatte ihr Chef, der grauhaarige Kriminalrat Beissner, in der Traunsteiner Inspektion seinen 60. Geburtstag gefeiert. Anwesenheitspflicht für alle.
Vorhin um halb acht rief dann ihre fünf Jahre jüngere Kollegin, Kommissarin Sabrina Hornsteiner bei ihr zu Hause an und schickte sie her. Sabrina war gestern bereits zeitig von der Party nach Hause gegangen, weil sie heute Frühdienst hatte. Einer von ihnen musste auch an den Wochenenden immer in diesen sauren Apfel beißen. Diesmal hatte es die quirlige Blondine erwischt.
Nicht einmal genug Zeit, um sich anständig zu schminken, hatte Hanna gehabt. Geschweige denn, um ihre zerzausten dunklen Haare zu waschen, die ihr bis über die Schultern herabhingen. Ein Friseurbesuch wäre auch mal wieder angesagt. Sie musste wie der reinste Zombie aussehen. Wenigstens konnte sie vorhin noch wie gewohnt ihren geliebten knallroten Lippenstift aus Frankreich auflegen. Es musste immer der eine, ganz bestimmte aus Frankreich sein. Nur er hatte diesen intensiven grellen Farbton, den sie so liebte. Sie trug wie meistens Lederjacke, Pullover und Stiefel. Wie immer schwarz. Nur ihre figurbetonende, hautenge Jeans schlug heute aus der Reihe. Sie war dunkelblau. Ihre vier schwarzen Jeans, die sie für gewöhnlich trug, lagen auf dem riesigen dunklen Wäschehaufen in der Küche vor der Waschmaschine. Die dunkelblaue, an den Knien absichtlich von Fabrik an eingerissene Jeans war die einzige nicht schwarze Jeans, die sie noch hatte, seit sie vor zwei Jahren den coolen Bernd in einem Gothic-Club in München kennengelernt hatte. Bernd war inzwischen längst Geschichte. Gothic-Clubs auch. Aber den Tick mit der schwarzen Kleidung hatte sie damals zu ihrem neuen persönlichen Stil erkoren. Es gefiel ihr einfach, sich nicht jeden Tag von Neuem auf verschiedene Farben einstellen zu müssen. Vorausgesetzt die Sachen waren gewaschen.
Irgendwann demnächst würde sie sich wiedermal um ihren Haushalt kümmern müssen. Bevor die kleine Wohnung in der Traunsteiner Innenstadt völlig unbewohnbar wurde. Nicht, dass sie ein Messie gewesen wäre, aber ihr ausgeprägter Hang zur Unordnung wies, gelegentlich zumindest, verdächtig deutlich in diese Richtung. Das musste ihr niemand sagen. Sie wusste es selbst. Konnte es aber zumeist nicht ändern. Zu wenig Zeit, zu oft zu müde und zu fertig vom Dienst. So etwas nannte man dann wohl unüberwindbare Sachzwänge.
Zwei Tote, hatte Sabrina gesagt. Die Spurensicherung sei schon am Tatort. Ihr Zimmerkollege bei der Mordkommission, Kommissar Robert Köpper-Lombardi, schliefe allerdings wohl noch. Jedenfalls wäre er nicht ans Telefon gegangen, wie Sabrina mit knappen Worten erklärte.
Dabei war er gar nicht bei Beissners Feier gewesen, wie Hanna wusste. Die beiden schienen nicht gerade die dicksten Freunde zu sein. Aus welchem Grund auch immer.
Hauptkommissar Rainer Talgruber, Hannas Zimmerkollege, war ebenfalls nicht hier. Er arbeitete für gewöhnlich am engsten mit ihr zusammen. Merkwürdig. Zumindest auf ihn war sonst immer Verlass, weil er so gut wie keinen Alkohol trank und prinzipiell ungern feierte. Verschwendete Zeit, die ihn nur überflüssigerweise von seinem Lieblingshobby, dem Chatten und Surfen im Internet, abhielt, wie er freimütig jedermann gegenüber bekannte. Auch gestern hatte er sich bereits lange vor ihr von allen zu seiner Mutter nach Hause verabschiedet. Lediglich zwei Tassen Tee und eine kleine Portion Leberkas mit Kartoffelsalat hatte er auf Beissners ausschweifender Feier konsumiert. War schon irgendwie ein Weichei, der Gute. Sein Vater war vor drei Jahren an Krebs verstorben. Seitdem bewohnte er das gesamte erste Stockwerk seines Elternhauses. So musste er keine Miete zahlen und könnte seine Mutter später pflegen, hatte er Hanna erklärt, als sie sich einmal darüber gewundert hatte, dass ein fast 40-Jähriger immer noch im Hotel Mama lebte. Wie er das mit der Pflege bei den umfangreichen Arbeitszeiten und vielen Überstunden als Kriminalbeamter jemals schaffen wolle, hatte sie ihn nicht gefragt. Das musste er schon selbst herausfinden.
Was mochte heute Morgen nur mit ihm los sein?
»Wer sind die beiden?« Sie zeigte auf die Toten neben dem Pool.
»Anne Bauer und Lothar Brinkmeier«, erwiderte der Streifenbeamte, der sie gerade von der Eingangstüre aus hierher in den Garten hinter dem Haus geführt hatte. »Er wohnte hier. Ihren Personalausweis fanden wir in der Handtasche auf der Wohnzimmercouch.«
»Und wie heißen Sie?« Sie sah den kräftig gebauten jungen Mann neutral an. »Nur damit wir wissen, wer wir so sind.«
»Polizeiobermeister Maier Sepp. Wie der frühere Fußballtorwart vom FC Bayern.« Er lachte gackernd. Ließ es aber gleich wieder bleiben. Womöglich weil ihm der Ernst der aktuellen Gesamtsituation wieder bewusst wurde.
»Torwart. Aha. Sehr gut.« Hanna grinste mit gerunzelter Stirn. »Mein Name ist Hanna Schmiedinger, Hauptkommissarin, Kripo Traunstein.« Sie reichte ihm die Hand. Dachte kurz, dass er den Gag mit dem Bayerntorwart bestimmt schon tausend Mal an den Mann beziehungsweise die Frau gebracht hatte. »Habt ihr außer der Handtasche was angefasst?« Sie nahm ihn konzentriert ins Visier.
»Wir haben gar nichts angefasst. Also der Hias Bramberger und ich wenigstens.« Sepp schüttelte heftig den Kopf, während er auf seinen groß gewachsenen uniformierten Kollegen vor der Terrassentür zeigte. »Wir kennen die Vorschriften bei ungeklärten Todesfällen. Wenn jemand etwas angefasst hat, waren es die Herrschaften von der Spurensicherung. Sie trugen aber Plastikhandschuhe.« Er deutete auf die drei Männer in weißen Overalls, die den Garten nach Spuren untersuchten.
»Wer fand den Personalausweis?«, fragte Hanna laut in die Runde.
»Das war ich«, meldete sich der dunkelhaarige Chef der SpuSi, Holger Weinbuch, zu Wort, der drei Schritte von ihr entfernt den Boden untersuchte. Ein kräftiger Mann mit dicker Hornbrille auf der Nase. Er sah damit aus wie ein Bauarbeiter mit dem Doktortitel in Philosophie. »Er steckte in ihrer Handtasche.«
»Sonst noch etwas darin, das uns helfen könnte?«, hakte Hanna nach. Sie kannte Holger längst von anderen Tatorten her. Kam normalerweise auch gut mit ihm aus.
»Weiß ich noch nicht genau. Lippenstift, Brieftasche, Schminkzeug. Das Übliche. Wir müssen alles erst gründlich im Labor untersuchen und auswerten.«
»Was ist passiert? Sind sie ertrunken?« Sie zeigte auf die Leichen.
»Wissen wir auch noch nicht genau. Wir warten auf den Doktor.« Holger klang ungeduldig. Offensichtlich wollte er einfach nur ungestört seine Arbeit machen.
»Und was soll ich dann hier?«, blaffte sie zurück. »Das ist doch sicher ein ganz normaler Unfall. Oder meinst du, es war Selbstmord?«
»Der verkrampften Körperhaltung nach könnte es sein, dass sie einen elektrischen Schlag abbekamen. Da ist ein Starkstromanschluss für den großen Grill neben der Terrasse.«
»Mord? Ich sehe aber kein Kabel, das zum Pool führt.«
»Ich auch nicht. Na und?« Er sah sie kopfschüttelnd an.
»Ja, ja. Schon gut.« Sie winkte ab. »Es wurde möglicherweise weggeschafft. Vielleicht sogar von ihren Geistern, nachdem sie tot waren. Nein, Schmarrn.« Sie schüttelte grinsend den Kopf. »Alles gut. Wir warten auf jeden Fall auf unseren Dr. Breier von der Rechtsmedizin, um das genau sagen zu können. Hast du gestern auch gefeiert?«
Lieber gleich mal die Wogen glätten, bevor sie erst entstanden. Sie ging für gewöhnlich keinem Streit aus dem Weg. Aber heute Morgen kam das nicht in Frage. Nicht mit diesen rasenden Kopfschmerzen.
»Wieso? Seh ich etwa so aus?«
Blöder Büffel. Man kann auch alles als Provokation auffassen.
»Nur so. Mir brummt jedenfalls der Schädel. Unser Chef ist 60 geworden. Die meisten anderen haben sogar noch länger als ich weitergemacht.«
»Aua.« Eine kleine Spur von Mitgefühl mischte sich in Holgers ansonsten eher abweisenden Blick. Allerdings nur für Sekundenbruchteile. »Ist sonst noch was? Ich würde gerne weiterarbeiten.«
»Wie schaut’s aus? Waren sie allein im Wasser? Oder habt ihr Spuren von jemand anderem hier im Garten entdeckt?« Hanna ließ sich von seiner fast schon unfreundlichen Art nicht davon abhalten, beharrlich ihre Fragen zu stellen. Das wäre auch noch schöner gewesen. Schließlich musste sie ihren Job so gut wie möglich machen, und die SpuSi war verdammt nochmal dazu da, sie dabei bestmöglich zu unterstützen. Wenn Holger seine Tage hatte, war das ganz allein sein verdammtes Problem.
Hat ihn etwa seine Eva rausgeworfen oder was? Wenn er heute früh daheim auch schon so ätzend drauf war, wäre das kein Wunder gewesen.
»Wir haben verschiedene Fußabdrücke im Rasen. Die könnten aber von jedem stammen. Gärtner, Hausherr, Besucher, was weiß ich«, brummte Holger unwillig. »Ansonsten müssen wir, wie schon gesagt, warten, bis wir die Laborergebnisse haben.«
»Bisschen kalt zum Baden, Anfang Oktober, oder? Es hat doch höchstens acht Grad.«
»Der Pool ist geheizt.«
»Ach so, klar.« Sie nickte schnell. »Nehmt alles in die Computerkartei auf. Fotos und so weiter. Wir werden die Abdrücke mit den Personen im Haushalt abgleichen. Wer weiß. Vielleicht sind ja fremde darunter.«
»Sicher.« Er nickte genervt. »Wir machen das hier nicht zum ersten Mal, Hanna.«
»Kannst du mir etwas zum ungefähren Todeszeitpunkt sagen?«
»Irgendwann am frühen Morgen möglicherweise. Genaueres weiß dann später der Dok.«
»Wo steckt der gute Wilfried Breier eigentlich?« Sie ignorierte seine inzwischen mehr als deutlich spürbare schlechte Laune weiterhin. Sollte er doch platzen. Sein Bier.
»Im Stau«, erwiderte er. »Es gab einen Unfall auf der Bundesstraße bei Trostberg. Kann ich jetzt bitte endlich weitermachen?«
Hanna nickte nur.
Alles klar, alter Grantler. Wahrscheinlich geht es Rainer genauso wie dem Doktor. Deshalb braucht er so lange. Manchmal kommst du nicht mal mit Sirene und Blaulicht durch. Es gibt immer mehr Menschen bei uns in Europa und immer mehr Autos. Sogar hier bei uns im Chiemgau.
Sie ging ins Innere des Hauses. Sah sich im Wohnzimmer um. So lebten also die Schönen und Reichen. Teure Designermöbel. Marmor am Boden und an den Wänden. Geschmackvolle Vorhänge und teure Bilder. Möglicherweise sogar Originale, wie es aussah.
Und vor allem eins: Viel Platz.
Ihre beengte Zweizimmerwohnung in Traunstein war ein reiner Witz dagegen. Zwar ganz hübsch und praktisch eingerichtet. Altbau, zentral gelegen. Aber was Größe und Luxus betraf, kein Vergleich mit dieser Prunkvilla hier.
Ebenfalls ein Witz, dass sie nur deshalb so beengt wohnen musste, weil sie an ihren Ex, Paul, bis zu seiner Wiederverheiratung vor einem Jahr, gut vier Jahre lang Unterhalt zahlen durfte, obwohl er es gewesen war, der ihre Ehe auseinandergebracht hatte. Schließlich hatte er sie vor ihrer Scheidung nach Strich und Faden betrogen, der verdammte Mistkerl. Nicht umgekehrt wohlgemerkt.
Gerechtigkeit war etwas anderes.
Da hatte sie wohl richtig tief ins Klo gegriffen und viel Lehrgeld bezahlt.
Aber egal. Seit seiner neuen Ehe war sie ihn endgültig los. Punktum. Obwohl sie noch oft an ihn denken musste. Egal. Auf jeden Fall würde ihr so was wie mit ihm nie wieder passieren, und Geld wurde im Allgemeinen sowieso überschätzt. Sie hatte immer genug davon gehabt und durfte sich deshalb nicht beschweren. Verglichen mit vielen anderen ging es ihr wirklich gut. Sie dachte dabei besonders an die vielen Flüchtlinge, die immer wieder über die Grenzen kamen. Welches grausame Schicksal mochte ganze Familien dazu bringen, sich den beschwerlichen und lebensgefährlichen Weg bis hierher in die für sie bayerische Fremde aufzuhalsen. Etliche starben unterwegs. Auch kleine Kinder.
Hannas Familie bewirtschaftete einen großen Bauernhof in der Nähe von Trostberg. Genauer gesagt bei Palling. Ihre jüngere Schwester Julia und die betagten Großeltern Karl Schmiedinger senior und Babett lebten dort zusammen mit Hannas Eltern, Karl Schmiedinger junior und seiner Frau Rosa, geborene Halsmeier. Nicht zu vergessen Julias Kinder aus ihrer vor drei Jahren geschiedenen Ehe mit dem Burghausener Jazzposaunisten Siegfried Kerscher. Die achtjährige Charlotte und der sechsjährige Hubert, der dieses Jahr eingeschult wurde. Zwei lebendige Rangen, die einigen Wirbel veranstalteten. Das Sorgerecht für sie war Julia zugesprochen worden. Wegen Siegfrieds unsicherer Einkommenslage als Künstler. Er durfte sie offiziell aber jederzeit besuchen, was er allerdings nicht tat. Seine Engagements in anderen Städten und seine zahlreichen Weibergeschichten mochten daran schuld sein. Julia war es egal. Sie erwartete schon lange nichts mehr von ihm.
Hanna liebte ihre Nichte und ihren Neffen heiß und innig. Sie selbst hatte keine Kinder. Polizistin und Mutter, das passte einfach nicht zusammen. Nicht jede Frau musste außerdem Kinder haben, meinte sie schon immer. Es hatte doch auch sein Gutes, die Welt für die Kinder, die es bereits gab, zu einem besseren Ort zu machen. Als professionelle Verbrechensbekämpferin trug sie sicher nicht wenig dazu bei.
Trotzdem hatte sie damals Paul geheiratet und war danach mit ihm zu Hause bei den Eltern ausgezogen. Seine empfindliche Nase hatte die Landluft nicht vertragen. Nach der Scheidung vor fünf Jahren war sie dann in Traunstein geblieben. Wollte lieber ihre wenige Freizeit genießen, als auch noch auf dem Hof mitanpacken zu müssen. Außerdem hatte sie es von ihrer zentral gelegenen Stadtwohnung aus näher in die Inspektion. Dennoch verstand sie sich nach wie vor bestens mit ihren Lieben daheim und besuchte sie so oft wie möglich. Vor allem an den Wochenenden gönnte sie sich dort gerne mal eine Auszeit von der Stadt und vom Job und ließ sich liebend gerne von ihrer Mutter bekochen.
Holger betrat den peinlich sauber geputzten Raum.
»Ich bin draußen so weit fertig«, sagte er. »Wartest du hier auf den Doktor? Dem fällt bestimmt noch etwas zur Todesursache ein. Auch auf die Schnelle, meine ich. Damit du gleich schon mal mehr weißt.« Er klang etwas freundlicher als zuvor. Freute sich wohl schon auf seine wohlverdiente Frühstückspause.
»Klar. Ich wollte sowieso auf meinen Kollegen warten.« Sie nickte. »Sieht so aus, als wollten die beiden vor dem Frühstück schwimmen gehen.« Sie zeigte auf den gedeckten Esstisch.
»Jetzt haben sie jedenfalls nichts mehr von ihrem schönen protzigen Schwimmbecken.« Holger zuckte die Achseln.
»Nur kein Sozialneid.« Hanna grinste verhalten. »Wer fand die zwei eigentlich?«
»Die Putzfrau kam angeblich wie immer um halb acht. Rief kurz darauf auf der Inspektion an. Es dauerte fast zehn Minuten, bis der Wachhabende herausfand, was sie überhaupt wollte.«
»Wie das?«
»Sie kommt aus Syrien. Heißt Fatima Huber. Mit einem Alois Huber aus Burghausen verheiratet. Nichts gegen die ganzen Flüchtlinge. Sollen sie ruhig herkommen, wenn sie tatsächlich in großer Not sind.« Er hob oberlehrerhaft den Zeigefinger. »Aber man sollte denen erst mal einen gründlichen Deutschunterricht verpassen, bevor sie bei uns zu arbeiten anfangen.«
Gibt es eigentlich irgendetwas, an dem der alte Uhu heute nichts auszusetzen hat? Ich bin selbst oft genug grantig. Aber so einen als Mann daheim ist die Höchststrafe.
»Spricht sie Englisch?«
»Fließend. Glaub ich wenigstens.«
»Na also. Du etwa nicht?«
»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Muss ich auch nicht. Ich bin in Bayern geboren und lebe hier.«
»Hast du etwa was gegen Fremde?«
»Nein, wieso?« Er machte große Augen.
»Es kommt mir gerade fast so vor.«
»Na ja, fremd sind sie mir halt irgendwie, die Fremden. Aber deswegen muss ich nicht unbedingt was gegen sie haben. Schon gar nicht, wenn sie in der Fremde bei sich daheim bleiben.«
»Lern halt mal Englisch. So ein Sprachkurs kann richtig Spaß machen.« Sie lächelte wissend. »Ich hab vor fünf Jahren an der VHS Italienisch gelernt. Seitdem fahre ich doppelt so gerne da runter.«
»Ich will aber nicht nach Italien oder England«, motzte Holger barsch. »Warum soll ich Lamm mit Minzsoße oder jeden Tag Pizza essen, wenn ich bei uns die besten Würschtl, Leberkas oder Schweinsbraten haben kann.«
Meine Herren. Was für ein sturer Depp.
»Wo ist sie jetzt?«
»Da hinten. Hat glaub ich einen leichten Schock. Die sind ja so sensibel, diese Südländer.« Er zeigte auf die schmale junge Frau mit Kopftuch, die sie vorhin auf einen der Liegestühle hinter dem Pool gelegt hatten, bis es ihr wieder besser ginge.
»Herr Florian Bauer?«
»Ja, sicher.«
»Sie wohnen hier?«
»Ich wohne hier, stellen Sie sich vor. Es steht sogar auf dem Klingelbord zu Ihrer Rechten. Und wer sind Sie?« Florian blinzelte verschlafen ins gleißende Sonnenlicht. Gab es denn nie Ruhe? Erst der Stress mit Anne und Lothar, und jetzt auch noch zwei Störenfriede am frühen Vormittag. Verflixt noch mal. Nicht einmal am einzig freien Tag der Woche konnte man in seinen eigenen vier Wänden ausschlafen. »Haben Sie übrigens mal auf die Uhr geschaut? Es ist halb zehn. Wir haben Sonntag.«
»Hauptkommissarin Hanna Schmiedinger, Kripo Traunstein«, stellte sich die schwarz gekleidete, dunkelhaarige Frau mit den knallrot bemalten Lippen vor. »Das hier ist mein Kollege, Hauptkommissar Rainer Talgruber.« Sie zeigte auf ihren rothaarigen schlaksigen Begleiter. »Dürfen wir reinkommen?«
Rainer steckte sein Smartphone ein, in dem er gerade offensichtlich irgendetwas nachgeschaut hatte. Er zeigte einen neutralen Blick.
»Nein«, erwiderte Florian. »Sie sehen doch, dass ich im Morgenmantel bin.«
»Den Sie von mir aus auch gerne zubinden dürfen.« Sie deutete verschämt grinsend auf seinen unbedeckten Schritt.
»Das kommt davon, wenn man so rüde aus dem Schlaf gerissen wird.« Florian errötete. Er nestelte hektisch an dem buntbedruckten Stoff herum. Dann sah er Hanna neugierig an. »Was wollen Sie eigentlich von mir?«
Moment mal. Die ist genau mein Fall. Der grelle rote Lippenstift ist zwar volle Kanne Rocky-Horror-Picture-Show. Aber der Rest, echt der Hammer. Wahnsinnsfigur, lange schlanke Beine wie ein Model, geheimnisvolle blaue Augen, strahlend weiße Zähne. Was denn noch? Ah, hohe Wangenknochen, volles dunkles Haar mit dieser genialen blauen Strähne auf der rechten Seite. Wow! Sie müsste in meinem Alter sein. Zwei, drei Jahre jünger vielleicht. Das grünäugige Bubi mit dem Nasenfahrrad neben ihr schaut dagegen aus wie eine Mischung aus unterernährtem Pumuckl und Harry Potter. Der kann doch höchstens Mitte 20 sein. Darf man da überhaupt schon als Kommissar arbeiten?
»Sind Sie verheiratet mit Anne Bauer?«, fragte Hanna.
»Ja«, erwiderte Florian zögernd. »Wieso?«
Warum schaut sie denn so bedeutungsschwanger? Steht sie etwa auf mich?
»Herr Bauer. Wir müssen Ihnen eine traurige Mitteilung machen.« Sie zögerte.
»Ja?« Er trat ungeduldig von einem Bein auf das andere. »Sagen Sie schon.«
»Ihre Frau ist … tot.«
Es entging ihm nicht, dass sie versuchte, so viel Einfühlungsvermögen wie möglich in ihre Stimme zu legen. Verstanden hatte er sie auch. Aber der Sinn ihrer Worte wollte sich ihm nicht erschließen.
»Was?« Er sah sie an, als käme sie von einem anderen Stern. »Anne ist …«
»Nicht mehr am Leben«, vollendete sie seinen Satz. »Sie und Ihr Geschäftspartner Lothar Brinkmann.«
»Ehemaliger Geschäftspartner«, murmelte er geistesabwesend.
»Wie bitte?«
»Nichts. Herr Brinkmann und ich haben uns geschäftlich getrennt. Meine Frau und ich ebenfalls, allerdings privat. Was ist mit den beiden passiert? Ein Autounfall?« Florian begann zu zittern und zu schwitzen. Tränen stiegen ihm in die Augen. Seine Beine drohten ihm den Dienst zu versagen. Er stützte sich mit der linken Hand am Türstock ab.
»Warum trennten Sie sich von den beiden?« Sie ging nicht auf seine Fragen ein. Sah ihn dagegen erwartungsvoll an.
»Private Gründe.« Florian starrte ins Leere.
»Hatte Ihre Frau ein Verhältnis mit Herrn Brinkmann?«
»Sieht ganz so aus.«
»Hatte sie oder hatte sie nicht?«
Kann sie nicht endlich mal die Klappe halten? Hat die gar kein Gefühl? Das gibt es doch gar nicht. Anne ist tot. Wahnsinn.
»Ja«, presste er zwischen schmalen Lippen hervor. »Aber jetzt sagen Sie endlich. Was genau ist passiert?«
»Es scheint, als hätten sie entweder einen merkwürdigen Unfall gehabt oder, was uns im Moment wahrscheinlicher erscheint, gemeinsam Suizid in Herrn Brinkmanns Swimmingpool begangen. Seine Putzfrau, Fatima Huber, fand die beiden.«
»Völlig unmöglich.« Florian konnte nur ungläubig den Kopf schütteln. »Die zwei wollten doch gerade erst richtig loslegen. Uns gehört die Welt und so weiter.«
»Hatten Sie aktuell Streit mit ihnen?«
»Was würden Sie denn tun, wenn Sie Ihren Mann mit Ihrer besten Freundin im Bett erwischen, als Sie zufällig zu früh von der Arbeit nach Hause kommen?«
»Ich warf meinen damals auf der Stelle raus und ließ mich von ihm scheiden«, erwiderte Hanna halblaut.
»Sehen Sie. Genau das hatte ich ebenfalls vor. Erübrigt sich jetzt ja wohl. Umso besser.« Er schnäuzte sich schnell in ein zerknittertes Papiertaschentuch, das er zuvor aus der Tasche seines Morgenmantels gefischt hatte.
»Besonders erschüttert wirken Sie nicht auf mich. Es war immerhin Ihre Frau.« Hanna sah ihn irritiert an.
»Meine Gefühle gehen nur mich was an.« Er blickte ihr unverwandt ins Gesicht.
»Wie Sie meinen.« Sie schaute ebenso neutral zurück. »Wo waren Sie heute Morgen?«
»Dreimal dürfen Sie raten«, meinte er provozierend. »Im Bett. Ich schlafe am Sonntag normalerweise liebend gerne aus, solange keine Polizei an meine Tür klopft. Hab einen stressigen Job. Wieso fragen Sie?«
»Möglicherweise war es auch Fremdverschulden.« Sie blieb ruhig.
»Wie jetzt? Äh … meinen Sie etwa … Mord?«
Der siehst du in 100 Jahren nicht an, was sie denkt. Eine richtige Eisprinzessin.
»Es wäre durchaus möglich.« Sie nickte langsam. »Zumal die beiden für nächste Woche eine Urlaubsreise gebucht hatten. Da bringt man sich normalerweise nicht vorher selbst um.«
»Meine Rede. Sag ich doch. Denen ging es prächtig.« Er fletschte die Zähne zu einem humorlosen Grinsen.
»Ärgert Sie das immer noch?«
»Sicher.« Er nickte ebenfalls. »Aber ich habe sie nicht umgebracht, wenn Sie das damit andeuten wollen.«
»Will ich nicht. Wir gehen nur allen möglichen Spuren nach, Herr Bauer. Müssen wir. Gibt es Zeugen für die Zeit in Ihrem Bett? Heute Morgen zwischen sechs und acht Uhr?«
»Ist das der ungefähre Todeszeitpunkt?«
»Ja.«
»Na klar hab ich eine Zeugin. Ich hab meine mazedonische Putzfrau gevögelt. Wie jeden Sonntag um sechs Uhr in aller Früh.« Florian grinste humorlos.
»Bitte antworten Sie ernsthaft.« Hannas Tonfall wurde strenger. »Wir sind nicht zum Spaß hier. Oder wollen Sie lieber mit uns auf die Inspektion kommen?«
»Das wäre ja noch schöner.« Florian machte einen Schritt zurück in den Flur seines Hauses hinein. Bereit dazu, seinen ungebetenen Besuchern jederzeit die Tür vor der Nase zuzuschlagen. »Na gut. Ich war alleine, wenn Sie es unbedingt wissen wollen. Konnte schließlich nicht ahnen, dass Lothar und Anne um diese Zeit umkommen. Wenn ich gewusst hätte, dass die beiden gerade jemand ermordet und ich später auch noch der Tat verdächtigt werde, hätte ich mir selbstverständlich einen glaubwürdigen Zeugen für mein Alibi gesucht.«
»Danke, Herr Bauer. Das war’s vorerst.« Hanna reichte Florian die Hand zum Abschied. »Nochmals unser Beileid. Bitte kommen Sie morgen kurz in die Polizeiinspektion Traunstein, um Ihre Aussage zu Protokoll zu geben.«
»Muss das sein?«
»Geht ganz schnell.«
»Na hoffentlich.«
»Auf Wiedersehen.«
»Von mir aus muss es nicht zu bald sein.«
Hanna und Rainer drehten sich um. Sie gingen Richtung Gartentor davon.
Florian schaute ihnen nach, bis sie draußen auf der Straße in ihr Auto stiegen. Dann machte er ebenfalls kehrt und betrat sein Haus.
Drinnen setzte er sich langsam auf die große Ledercouch im Wohnzimmer.
Anne und Lothar waren tot.
Erneut füllten sich seine Augen mit Tränen. Sie hatten ihn alle beide schwer enttäuscht, aber irgendwann hatte er sie auch mal sehr geliebt. Anne natürlich auf andere Weise als Lothar. Jetzt waren sie nicht mehr da.
Er brauchte dringend einen Espresso. Oder noch besser einen Schnaps. Zigaretten mussten auch noch irgendwo sein. Anne hatte immer welche für Gäste da.
Er würde wieder mit dem Rauchen anfangen, und er würde gleich mit seiner kleinen Schwester Maria telefonieren. Sie würde ihn zu trösten wissen. Vielleicht würde er am Nachmittag sogar zu ihr rüber ins österreichische Braunau fahren. War ja Gott sei Dank nicht weit von hier.
»Was hältst du von ihm?«, fragte Rainer Hanna, die neben ihm auf dem Beifahrersitz saß.
Sie hatte ihren Dienstwagen gerade bei sich zu Hause in Traunstein geparkt und war zu ihm umgestiegen. Wozu zwei Autos, wenn sie sowieso den gleichen Weg hatten.
»Ich weiß nicht.« Sie blickte nachdenklich auf die Fahrbahn vor ihnen. »Offenbar gerade etwas viel Testosteron im Blut. Aber wie ein Mörder schaut er mir nicht unbedingt aus. Falls es überhaupt Mord war, was wir ja noch nicht wissen.«
