Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der zugereiste schwerreiche ehemalige Softwareunternehmer Wilhelm Berger ist beim Joggen am Chiemsee. Eigentlich ein ganz gewöhnlicher Morgen. Doch irgendetwas ist anders als sonst. Was genau kann er nicht sagen. Wenige Minuten später wird er an seinem üblichen Rastplatz erschossen. Kommissarin Hanna Schmiedinger nimmt die Ermittlungen auf. Bergers Frau Juliane gerät als erste unter Verdacht, die Tat begangen zu haben. Möglicherweise aus Habgier. Oder aus Eifersucht, weil Wilhelm ein Verhältnis mit seiner hübschen Personaltrainerin Laura Obermeier hatte …
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Alex Buchenberger
Seegestöber
Kriminalroman
Mordlust am Chiemsee Eigentlich ist es ein ganz gewöhnlicher Montagmorgen. Um den Tag zu beginnen, joggt der ehemalige Softwareunternehmer Wilhelm Berger seine rituelle Morgenrunde am Chiemsee entlang, während ihn plötzlich ein unruhiges Gefühl beschleicht. Kurz darauf wird Berger auf seinem üblichen Rastplatz von einem Heckenschützen erschossen. Die Tatwaffe: Ein Kleinkalibergewehr. Eine Schuldige ist schnell gefunden: Unter Tatverdacht steht Juliane Berger, die extravagante Ehefrau des Opfers. Auch das Tatmotiv scheint klar zu sein: Sie tötete aus Habgier. Als dann noch die Affäre ihres Mannes mit der hübschen Personaltrainerin Laura Obermeier ans Licht kommt, ist die Anklage perfekt. Im Laufe der Ermittlungen dringen Hanna Schmiedinger und ihre Kollegen jedoch immer tiefer in die Kreise der Reichen und Schönen des Chiemgaus ein und befinden sich bald schon unter Jägern und Hobbyschützen. Diese verbindet nicht nur die Leidenschaft fürs Schießen, sondern auch für Kleinkaliber.
Michael Gerwien alias Alex Buchenberger lebt in Oberbayern und schreibt dort Krimis, Thriller, Kurzgeschichten und Romane.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Immer informiert
Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie
regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.
Gefällt mir!
Facebook: @Gmeiner.Verlag
Instagram: @gmeinerverlag
Twitter: @GmeinerVerlag
Besuchen Sie uns im Internet:
www.gmeiner-verlag.de
© 2021 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Tibor Duris / Shutterstock
ISBN 978-3-8392-0193-0
Es war ein ganz normaler Montagmorgen, kurz vor sieben. Der 59-jährige Wilhelm Berger hatte jedoch das Gefühl, als würde gleich etwas geschehen, was sonst nicht geschah. Was genau das sein sollte, konnte er nicht sagen. Da war nur diese unbestimmte Vorahnung, die sich mit jedem Schritt tiefer in seine Gedanken bohrte.
Noch 200 Meter, dann hätte er seine Raststelle kurz vor Söll erreicht. Dort würde er wie immer anhalten, um sich ausgiebig zu strecken und zu dehnen. Die Beinmuskeln zu dehnen, wäre das Wichtigste beim Joggen, hatte ihm seine über 20 Jahre jüngere Personaltrainerin Laura Obermeier erklärt.
Brünette Locken, wunderschön, charmant und ihrer eigenen Aussage nach genauso verliebt in ihn wie er in sie. Er war geneigt, es ihr zu glauben. Obwohl ihm klar war, dass sie bei ihrem attraktiven Äußeren ebenso gut einen Jüngeren und noch Reicheren als ihn hätte haben können.
Da er verheiratet war, hielten sie ihre Affäre geheim. Niemand außer ihnen wusste davon hier am Chiemsee, dem sogenannten bayerischen Meer. Zumindest ging Wilhelm davon aus.
Im Süden erstreckten sich die schroffen grauen Gipfel der Alpenkette zum Anfassen nah von links nach rechts. Das Wasser des Sees glitzerte silbern in der flach am Himmel stehenden Morgensonne. Möwen zogen kreischend darüber hinweg. Durchstießen mit ihren vorgereckten Schnäbeln die länglichen Nebelschwaden, die reglos in der Luft schwebten.
Auch der Atem aus Wilhelms Mund wurde zu Nebel. Mininebel. Ein rauchender schlanker Jogger im Trainingsanzug, hätte ein Beobachter aus weiterer Entfernung denken können.
Dabei hatte er vor Kurzem aufgehört zu rauchen. Sein Internist in Salzburg, Professor Lautenschlager, hatte es ihm bei der letzten Untersuchung eindringlich nahegelegt. Es wäre höchste Zeit mit dem kindischen Unfug aufzuhören, hatte er gemeint. Bluthochdruck, Stress und Zigaretten wären eine denkbar ungute Konstellation. Da ließe der Herzinfarkt nicht mehr lange auf sich warten.
Lautenschlager galt als Koryphäe auf seinem Gebiet. Wilhelm hatte also auf der Stelle Einsicht gezeigt und die angebrochene Schachtel Filterlose in seiner Jackentasche beim Verlassen der Praxis in den Papierkorb neben dem Empfangstresen geworfen.
Damit war der Anfang gemacht. Die nächsten Wochen durchzuhalten, fiel ihm anschließend sogar leichter als erwartet.
Noch 100 Meter.
Wilhelm oder Willi, wie ihn jeder rief, der ihn näher kannte, rieb im Laufen seine Hände gegeneinander.
Es war eindeutig zu kalt für Mitte Juni. Schafskälte nannten es die Einheimischen. Für ihn war es eher eine scheiß Kälte. Bestimmt hatte es nicht mehr als drei Grad plus.
Zeit, dass es endlich richtig Sommer wurde.
Wäre er doch nur in die Toskana gezogen, als er die Gelegenheit dazu hatte. Dort war es jetzt sicher herrlich warm. Als er das letzte Mal vor drei Jahren unten gewesen war, hatte ihm ein Bekannter ein tolles Anwesen im Grünen unweit von Florenz angeboten. Das Ganze auch noch zum absoluten Schnäppchenpreis.
Doch dann hätte er Laura wohl niemals kennengelernt. Seinen rettenden Engel. Sein neues Ein und Alles. Sie war so ganz anders als seine streitsüchtige und zumeist gelangweilte Frau Juliane, die den lieben langen Tag über nur am Pool ihrer gemeinsamen Villa außerhalb von Gstad herumlag, teuren Jahrgangschampagner in sich hineinschüttete und Modemagazine las.
Allein drei Dinge konnten Jule, wie er sie seit ihrem ersten Kuss vor 30 Jahren nannte, von ihrer eingespielten Alltagsroutine abhalten. Schlechtes Wetter, ein Besuch beim Schönheitschirurgen, um wieder mal einige unliebsame Falten in ihrem Gesicht glattspritzen zu lassen, oder eins der seltenen Treffen mit ihrer besten Freundin Mimi Zachers, mit der sie zudem gerne in den Urlaub fuhr. Kitzbühel oder St. Moritz im Winter. Marbella, Florida oder St. Tropez im Sommer.
Wenn Mimi nicht in Hamburg, sondern hier in der Nähe gewohnt hätte, hätten die beiden bestimmt jeden Tag, den der Herrgott ins Land gehen ließ, miteinander verbracht.
Man konnte nicht sagen, dass Juliane unattraktiv gewesen wäre. Nach wie vor zog sie die Blicke der Männer auf sich, sobald sie irgendwo in der Öffentlichkeit auftauchte. Wilhelm jedoch sah in ihr inzwischen nur noch einen müden Schatten ihres früheren Selbst. Eine leere Hülle, die einem gedankenlosen Zombie gleich durch die Tage und Nächte ihres gemeinsamen Daseins wandelte.
Laura dagegen lachte gerne, diskutierte aber auch ernsthaft mit ihm, interessierte sich für ihn, begehrte ihn.
Wie sie ihm versicherte, hätte das alles aber nichts mit seinem Geld zu tun, von dem er wirklich sehr viel besaß. Sie würde ihn auch lieben, wenn er arm wäre.
Um sich selbst nicht seiner diesbezüglichen Illusionen zu berauben, schenkte er ihren Worten Glauben. Möglicherweise würde er sich sogar alsbald von Juliane trennen und mit Laura ein neues Leben anfangen. Irgendwo in der Toskana zum Beispiel oder auf einer einsamen Insel.
Heute früh war er ausnahmsweise ohne sie unterwegs.
Sie läge mit einem böse verstauchten Knöchel daheim, hatte sie vorhin am Telefon gemeint. Wäre zu riskant mit einer schwergewichtigen Kundin im Gepäck beim Paragliding gelandet.
Er musste lächeln, als er an sie dachte. Stellte sich ihren perfekten Körper vor. Wie schön sie doch war. Ein Geschenk des Himmels.
Im selben Moment verspürte er einen Schlag am Kopf.
Ihm wurde schwarz vor Augen.
Er stürzte kopfüber den kleinen Kieseln des Uferweges entgegen. Kam bäuchlings darauf zu liegen.
Aus einem riesigen gezackten Loch in seiner Stirn sickerten träge Blut und Hirnmasse dem Boden entgegen.
Die Toskana würde Wilhelm nie wiedersehen.
Auch Laura nicht oder Juliane.
Er war tot.
»Das ist ja grauenhaft.« Die 38-jährige, wie immer ganz in schwarz gekleidete Hauptkommissarin und stellvertretende Leiterin der Traunsteiner Mordkommission, Hanna Schmiedinger, zeigte auf die Leiche des schlanken Mannes im Jogginganzug zu ihren Füßen, bei der das halbe Gesicht fehlte. »Was ist mit ihm passiert?« Sie musste achtgeben, dass ihr das Croissant, das sie gerade zum schnellen Frühstück auf der Fahrt hierher gehabt hatte, nicht gleich wieder hochkam.
»Jemand hat ihm von hinten eine Kugel durch den Kopf geschossen«, erwiderte ihre blonde Kollegin, die 34-jährige Kommissarin Sabrina Hornsteiner. Sie hatte sich als Frühaufsteherin bereits eine gute halbe Stunde vor Hanna, um kurz nach acht, hier am Tatort nur zwei Kilometer außerhalb von Söll eingefunden. »Er war sofort tot.«
»Tatsächlich? Das hätte ich jetzt nicht gedacht.« Die dunkelhaarige Hanna blickte Sabrina herausfordernd an.
»Ich finde das nicht witzig.«
»Hast ja recht«, brummte Hanna. »Alles gut. Die Austrittswunde im Gesicht sieht echt schrecklich aus.« Sie trank einen Schluck aus dem Pappbecher in ihrer Hand. Ihr leuchtender Lippenstift hinterließ dabei einen knallroten Kussmund am Rand. »Widerliche Plörre«, murmelte sie genervt. »Nicht einmal mehr einen anständigen Kaffee bekommt man heutzutage, egal wo man ihn kauft. Die Welt ist dem Untergang geweiht.«
»Ich trinke Tee.« Sabrina grinste flüchtig.
»Schön für dich. Wer hat ihn gefunden?« Hanna musterte Sabrina mit ihren alles durchdringenden blauen Augen.
»Eine Spaziergängerin aus Hannover, die hier am See Urlaub macht. Sie hat auch die Streife verständigt.« Sabrina klang sachlich, knapp und wie immer ein wenig arrogant.
»Da schau her. Manchmal sind sogar die Touristen für etwas gut.« Hanna grinste humorlos.
»Soll das jetzt schon wieder lustig sein?«
»Im Gegenteil.« Hanna schnaubte ärgerlich. »Es ist die Wahrheit, oder nicht?«
Genau genommen war sie nicht nur heute Morgen schlecht gelaunt, etwa weil Montag war, sondern auch an den anderen Arbeitstagen der Woche. Mal mehr, mal weniger. Einen besonderen Grund brauchte sie dafür nicht. Es handele sich dabei um eine Art innerer Rebellion gegen den stressigen Beruf, hatte ihr vor einigen Jahren eine Psychologin erklärt, die sie damals wegen der Trennung von ihrem Mann Paul aufgesucht hatte. Sie solle sich öfter mal eine Auszeit nehmen und entspannen. Yoga wäre nicht schlecht oder Pilates.
Als ob das zeitlich so einfach wäre bei ihrem Job. Man nehme bloß mal hier und heute. Auf jeden Fall war ihre eher negative Grundstimmung unter anderem auch der Anlass dafür, dass Hanna immer wieder gerne mit jedermann auf Konfrontationskurs ging.
Am liebsten mit ihrem neuen Schicki-Micky-Chef, dem geleckten und gestriegelten 45-jährigen Kriminaldirektor Harald Kreisler. In ihren Augen nichts als ein wichtigtuerischer Stutzer. Allein seine übertrieben korrekt gebügelten Maßanzüge waren ihr ein Dorn im Auge. Das aufdringliche Rasierwasser, das der gebürtige Regensburger täglich auflegte, bereitete ihr körperliches Unbehagen. Mochte es teuer gewesen sein, wie es wollte. Es grenzte an ein Wunder, dass er Hanna bisher kein Disziplinarverfahren für ihre mannigfachen verbalen Attacken auf ihn angehängt hatte. Aber offenbar wusste er ganz genau, was er an ihr als Ermittlerin hatte.
»Ich mag die Touristen«, meinte Sabrina. »Die meisten von ihnen sind sehr viel freundlicher als unsere einheimischen Grantler.«
»Ist sie noch hier, deine Zeugin?«, erkundigte sich Hanna. Sie überging Sabrinas in ihren Augen eindeutig persönlich gemeinte Anspielung geflissentlich.
»Wieso meine Zeugin?« Sabrina sah sie erstaunt an.
»Nur so.« Hanna winkte ab. »Weil du von ihr erzählt hast. Alles gut. Vergiss es.«
»Aha.« Sabrina lächelte leicht irritiert. »Sie sitzt da drüben«, fuhr sie fort, während sie auf eine Bank ungefähr 20 Meter abseits von ihnen direkt am Ufer zeigte.
»Natürlich weiß sie nicht, wer es war.« Hanna nickte, wie um sich gleich mal selbst zu bestätigen. »Auch haben sich keine Terroristen mit Bekennerschreiben gemeldet oder etwas Ähnliches, richtig?«
»Richtig.« Sabrina legte den Kopf schief. Sie strich mit einer anmutigen Geste eine lange Haarsträhne hinter ihr Ohr. Dabei blinzelte sie einige Male, als hätte sie etwas im Auge.
Sie tat das gerne. Vor allem wenn Männer in der Nähe waren. Offenbar dachte sie, dass es sie in Kombination mit dem Schmollmündchen, das sie dabei gelegentlich zusätzlich zog, irgendwie unwiderstehlich oder sexy machte.
Die nicht weniger aparte, aber aus tiefstem Herzen heraus bodenständige Hanna berührte dieses Ich-bin-ein-hübsches-kleines-Weibchen-Getue nicht im Geringsten. Sie fand es einfach nur affig und einer Kriminalkommissarin unwürdig.
»War mir klar. Weiter im Text«, sagte sie.
»Der Schuss muss aus einiger Entfernung mit einem Gewehr abgegeben worden sein, meinen die von der Kriminaltechnik. Möglicherweise mit Schalldämpfer, weil man ihn sonst bis nach Söll hinein gehört hätte. In diesem Fall wäre es auch bestimmt nicht mehr so leer hier. Genaueres aber erst nach den Untersuchungen durch die Rechtsmedizin.«
»Wurde die Gegend, aus der der Schuss höchstwahrscheinlich kam, abgesucht?«
»Die Kollegen von der KTU sind noch dabei.« Sabrina deutete mit der Hand auf ein kleines Wäldchen oberhalb der Uferpromenade in südlicher Richtung. Ihre silbern lackierten Fingernägel funkelten dabei wie Diamanten im Sonnenlicht. »Ist viel Platz, um sich zu verstecken, da hinten.«
»Weiß man schon, welche Munition der Täter benützt hat?«
»Möglicherweise wurde mit einem Jagdgewehr geschossen oder es war ein Sportschütze oder ein Profi, ein ausgebildeter Scharfschütze mit der entsprechenden Kleinkaliberwaffe.«
»Also Kleinkaliber?«
»Schaut so aus.« Sabrina nickte. »Aber Genaueres wie gesagt erst später.«
»Findet so schnell wie möglich die Kugel und die Hülse! Vielleicht gibt es auch mehr davon, falls der Schütze zunächst nicht getroffen hat.«
»Eh klar, Chefin. Die KTU kümmert sich.«
»Wer war der Tote?«
»Ein gewisser Wilhelm Berger, Privatier. Ist vor einem Jahr aus Düsseldorf hierher nach Gstad gezogen. Liegt ein paar Kilometer südlich, wie du sicher weißt. Er hat vorher ein Millionenvermögen mit Software gemacht.«
»Woher weißt du das alles?« Hanna sah Sabrina neugierig an.
»Hab ich ein Smartphone oder nicht?«
»Hast du.« Hanna nickte. »Oder nicht?«
»Ich rief vorhin seine Frau an«, fuhr Sabrina fort. »Juliane Berger. Sie erzählte es mir. Dauerte zwar erst, weil sie logischerweise geschockt war. Aber dann hat sie mir doch noch ein paar wenige Dinge verraten.«
»Verstehe.« Hanna nickte erneut. »Dann kümmere ich mich mal um unsere Zeugin.«
Sie blickte zu der älteren rothaarigen Dame im beigefarbenen Kostüm hinüber. Ihren unruhigen Seitenblicken nach wartete die offenbar schon sehnsüchtig darauf, endlich wieder unbehelligt ihres Weges gehen zu dürfen.
»Wir sehen uns später.« Sabrina winkte Hanna knapp zu. »Ich fahre zu dieser Frau Berger. Vielleicht weiß sie noch mehr. Danach bin ich im Büro. Mal schauen, welche Schützenvereine und Männer mit Jagdscheinen es in der Gegend gibt.«
»Alles klar, sehr gut.«
Hanna schätzte Sabrina für ihre selbstständige Art zu arbeiten. Es war nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Auch bei der Kripo gab es, wie in anderen Betrieben auch, genügend Mitarbeiter, denen man jeden Schritt, den sie machen sollten, erst einmal vorbeten musste. Gott sei Dank war keiner von denen in Hannas Abteilung. So gesehen konnte sie stolz auf ihr Team sein, und sie war es auch, wenn sie ganz ehrlich war.
Höchste Zeit für eine frische Lage Lippenstift. Natürlich von dem besonders knallroten aus Paris. Ihre aktuelle Lieblingsmarke. Die alte Farbe drohte bereits einzutrocknen, wie sie spüren konnte, und verblasste sicher auch bereits.
Mehrmals täglich Lippenstift war ihr einziges Zugeständnis an die allerorten in den Köpfen verankerte angebliche Notwendigkeit geschmückter Weiblichkeit.
Zumindest im Alltag.
Bei Festlichkeiten wie dem alljährlichen Polizeiball sah das schon wieder etwas anders aus. Da schminkte sie sich gelegentlich zusätzlich ihre Augen und legte sogar Rouge auf, nachdem sie frisch vom Friseur kam. Allerdings tat sie das auch wieder nicht, um sich anzupassen oder weil es möglicherweise so von ihr erwartet wurde, sondern einzig und allein für sich.
Als sie mit ihren jetzigen Restaurierungsarbeiten so weit fertig war und ihren Taschenspiegel, den sie immer bei sich trug, wieder eingesteckt hatte, machte sie sich mit strammen Schritten zu der Bank am Ufer auf.
»Herrgott noch mal« murmelte sie missmutig, während sie auf die ersten Segelboote blickte, die den grün und blau schimmernden See zu erobern begannen. »Wer braucht am frühen Montagmorgen einen Mordfall an der Backe? Ich jedenfalls nicht.«
Viertel nach neun. Sabrina fuhr durch das offen stehende schmiedeeiserne Portal direkt an der kleinen Zufahrtsstraße. Von dort aus gelangte sie über eine breite Auffahrt zum Anwesen der Bergers hinauf. Es lag auf einer sanften Anhöhe am Ortsrand von Gstad am Chiemsee.
Vor dem Hauptgebäude, einem weiß getünchten, mit vielen Erkern und Balkonen ausgestatteten kleinen Märchenschloss stellte sie den Motor ihres Dienstwagens ab. Sie stieg aus, blickte sich um, bemerkte den üppig mit bunten Blumenbeeten, Brunnen und teils exotischen Sträuchern und Bäumen angelegten Garten. Gleich darauf stellte sie fest, dass man von hier aus einen herrlich freien Blick über den Chiemsee bis tief in die Alpen hinein hatte.
»Ich dachte bisher immer, meine Eigentumswohnung in Traunstein wäre Luxus«, sagte sie kopfschüttelnd zu sich selbst.
Sie ging zur Eingangstür hinüber und läutete.
Wenig später öffnete ihr eine Pagenschnitt-Blondine mit offenkundig vom Schönheitschirurgen mehrfach glatt gezogenem Gesicht. Der Hals darunter war faltig. Zusammen mit den beginnenden Altersflecken auf ihren schmalen Händen ließ er Schlüsse auf ihr wahres Alter zu. Schätzungsweise irgendetwas über 60.
Dennoch war sie immer noch das, was man im landläufigen Sinne als sehr attraktiv betrachtete. Die Männer ließen sie sicher nicht links liegen. Ausdrucksstarkes Gesicht, hohe Wangenknochen, über ihrem großen schlanken Körper trug sie einen langen weißen Bademantel. Ihre Füße mit den golden lackierten Zehennägeln steckten in dazu passenden goldfarbenen Sandaletten.
»Frau Juliane Berger?« Sabrina sah sie fragend an.
»Die bin ich.« Juliane nickte langsam.
»Grüß Gott. Mein Name ist Hornsteiner von der Kripo Traunstein.« Sabrina zog ihren Dienstausweis aus der Gesäßtasche ihrer hautengen Bluejeans. »Wir haben vorhin wegen Ihrem Mann telefoniert.«
»Ach, Sie waren das? Was wollen Sie denn noch?« Juliane klang gelangweilt. Ihre arrogant dreinblickenden hellblauen Augen verstärkten den Eindruck.
»Ihnen einige Fragen stellen.« Sabrina lächelte forsch.
Das sind mir die Liebsten. Zugezogen, noch nie gearbeitet, wie sie aussieht, aber überheblich wie eine Zarentochter. Trauer ist außerdem was anderes.
»Ich sagte Ihnen doch bereits alles am Telefon.«
Juliane war drauf und dran die Tür wieder zu schließen.
»Sie wollen also gar nicht wissen, wie es jetzt weitergeht?«, fragte Sabrina erstaunt.
»Wie soll es schon weitergehen?« Juliane zuckte die Achseln. »Wilhelm wird begraben und ich bin seine Witwe.«
»Interessiert es Sie denn gar nicht, wer Ihren Mann erschossen hat?«
Wie ist die denn drauf?
»Macht ihn das etwa wieder lebendig?«
Julianes durch das Liften maskenhafter Gesichtsausdruck wirkte nahezu unheimlich. Sabrina war es gewohnt, zumindest irgendeine Reaktion in den Gesichtern der Angehörigen von Mordopfern ablesen zu können. Sei sie auch noch so unauffällig gewesen. Aber hier und jetzt tat sich diesbezüglich rein gar nichts. Die wächserne Mimik der reichen Witwe schwieg eisern.
»Wir können das auch gerne morgen in aller Früh auf dem Revier in Traunstein besprechen.« Sabrina steckte ihren Ausweis wieder ein.
»Wie meinen Sie das, ›auf dem Revier‹?« Juliane blickte konsterniert drein. Zumindest ließ ihr mehrmaliger Augenaufschlag diese Interpretation zu.
»Ganz einfach.« Sabrina lächelte humorlos. »Sie bekommen jetzt eine Vorladung von mir und schauen morgen früh bei uns vorbei.«
»Morgen früh?«
»Passt Ihnen halb acht?«
»Na gut, kommen Sie schon rein.« Juliane stöhnte genervt. »Ich liege aber gerade am Pool. Vormittags schwimme ich erst mal eine Zeit lang, bevor der Tag beginnt. Mittags und abends auch, wenn ich will.«
»Dann reden wir eben am Pool. Kein Problem.«
Sabrina folgte ihr ins Haus.
»Anbieten kann ich Ihnen leider nichts«, sagte Juliane, als sie auf der Rückseite des Hauses auf einer großzügig angelegten, mit Marmor gefliesten Terrasse ankamen. Der Swimmingpool mit den Ausmaßen eines kleineren Stadtbades befand sich gleich dahinter. »Meine Hausdame hat heute frei. Sonst hätte die Sie auch an der Tür empfangen. Ich mache normalerweise gar nicht auf.«
»Da hab ich wohl Glück gehabt.« Sabrina schüttelte innerlich den Kopf.
Ihre Hoheit machte bestimmt nicht mal für sich selbst einen Kaffee. Lieber wartete sie bis morgen, wenn ihre Bedienstete wieder alles für sie erledigte. Wahrscheinlich gab es solange nichts als Wasser und trockenes Brot im Hause Berger und als Topping Kaviar aus der Dose. Das aber natürlich nur, wenn die Dose bereits geöffnet war und das Brot in der Bäckerei vorgeschnitten wurde.
»Auch schon wach?« Hanna grinste ihrem rothaarigen Lieblingskollegen Rainer Talgruber, dem anerkannt besten Computerspezialisten der Inspektion, ins immerblasse sommersprossige Gesicht.
Halb zehn. Sie war froh, dass er endlich ebenfalls am Tatort erschien. Zum einen waren sie schon immer das perfekte Team. Zum anderen sahen vier Augen einfach mehr als zwei.
Die ältere Zeugin aus Hannover hatte nicht mehr als das gewusst, was Sabrina bereits gesagt hatte. Hanna hatte sich bei ihr bedankt und sie gehen lassen.
»Seit fünf in der Früh bin ich auf.« Rainer reckte seinen schlaksigen Körper. Er gähnte dabei demonstrativ.
»Wie das?« Hanna sah ihn neugierig an. So früh war er vorher bestimmt noch nie wach gewesen. Das hätte sie gewusst. »Plötzliche senile Bettflucht?«
»Geht das etwa schon mit 37 los?« Er rückte seine kreisrunde Harry-Potter-Brille zurecht.
»Sag du’s mir. Wo hast du übrigens dein Handy?«
»In der Jackentasche, wieso?« Er blickte sie fragend an.
»Weil du es sonst immerzu in der Hand hältst und reinschaust, als wäre es überlebenswichtig. Bestimmt liegt es nachts sogar unter deinem Kopfkissen, während du schläfst.«
»Verarschen kann ich mich selbst, Hanna. Stell mich nicht immer als schrulligen Nerd hin. Bin ich gar nicht. Was ist passiert?« Er zeigte auf den Tatort, wo gerade der Leichnam des erschossenen Wilhelm Berger von zwei Mitarbeitern des örtlichen Bestattungsunternehmens »Ruhe sanft« in die Gerichtsmedizin abtransportiert wurde.
»Ein reicher Zugezogener wurde mit einem Gewehr erschossen. Wahrscheinlich Kleinkaliber. Als Täter kommen möglicherweise Sportschützen, Jäger oder etwas in der Art infrage. Wir wissen noch nicht viel. Die Kollegen von der Spurensicherung suchen nach dem Projektil und der Hülse. Sabrina ist zur Witwe gefahren.«
»Meine Mutter hat einen riesen Radau in der Küche veranstaltet.« Rainer raufte sich seine dünnen Locken, ohne näher auf Hannas Informationen einzugehen.
»Wie meinen?« Hanna zog leicht verwirrt die Brauen hoch. Sie hatten doch eben über den Mordfall gesprochen. Hatte sie das etwa nur geträumt?
»Hab schon verstanden«, sagte Rainer. »Mord, Sportschütze oder Jäger. Sie wollte sich einen Tee machen. Um 5.00 Uhr morgens.«
»Deine Mutter?«
Also doch nicht geträumt.
»Wer sonst.«
»Senile Bettflucht. Sag ich doch. Liegt bei euch anscheinend in der Familie.«
»Als sie sich eine Tasse nehmen wollte, ist ihr der ganze Geschirrschrank von der Wand gekracht.« Rainer schaute zerknirscht drein.
»Wie hat sie das denn geschafft?«
Hanna wunderte sich nicht, dass er einfach weitersprach, ohne auf ihre provozierende Spitze mit der senilen Bettflucht einzugehen. Schließlich kannte er sie zur Genüge.
»Keine Ahnung.« Er zuckte die Achseln.
»Ist ihr etwas passiert?«
Sie wusste nicht, ob sie lachen oder erschrocken sein sollte. Entschied sich dann aber für Zweites. Schließlich war ihr wohlbekannt, dass Rainers Mutter Hildegard hart am Rand der Demenz entlangwandelte und dass das Zusammenleben mit ihr sicher nicht unbedingt ein Zuckerlecken für ihn war.
»Gott sei Dank hat sie sich nur leicht die Hand dabei verstaucht.«
»Meine Meinung kennst du. Ein Pflegeheim wäre wirklich das Beste. Da kann man sich Tag und Nacht um sie kümmern. Ein Arzt ist vor Ort, und so weiter.«
»Kommt nicht infrage, wie du weißt.« Rainer schüttelte vehement den Kopf. »Nicht, solange ich gesund bin.«
»Aber so wie jetzt geht es nicht weiter.«
»Weiß ich auch. Morgen Abend trudelt die polnische Pflegerin, die ich angeschrieben habe, ein. Natalia heißt sie.«
»Na gut. Das ist eure Sache.« Hanna winkte ab. »Wir haben hier einen Mordfall. Brauchst du Urlaub oder bist du fit genug, um zu arbeiten?«
»Natürlich kann ich arbeiten.« Er nickte. »Nicht ich bin dement, sondern meine Mutter.«
»Dann lass uns mal mit Holger reden. Ich bin schon gespannt, was unser dauergrantiger Chef der KTU zu berichten hat.« Sie hielt kurz inne. »Du weißt aber schon, dass man fremdes Pflegepersonal überprüfen lassen muss?«, fügte sie hinzu. »Da sind viele Ganoven drunter.«
»Längst geschehen. Außerdem wohne ich im selben Haus, wie du weißt. Da wird schon nichts schiefgehen.«
»Hoffen wir es für euch.«
»Hatten Sie und Ihr Mann in letzter Zeit irgendwelche Auseinandersetzungen oder Streit?«, fragte Sabrina Juliane Berger, die gerade ihren Bademantel ausgezogen hatte und ihren braun gebrannten Körper im knallroten Bikini auf ihrer Sonnenliege platzierte.
Sabrina selbst saß bereits in einem der bequemen blauen Korbstühle an dem leeren Gartentisch gleich rechts von ihr. Keine Tischdecke und keine Blumen standen darauf.
Juliane war offenbar entweder pragmatisch oder faul und lieblos. Oder sie mochte einfach keine Blumen, wogegen allerdings die üppig blühenden Beete in ihrem Garten ringsumher sprachen.
»Streit? Nicht, dass ich wüsste. Und wenn, würde ich es Ihnen sicher nicht auf die Nase binden«, erwiderte sie von oben herab. »Ich weiß doch, wie die Polizei denkt.«
»Tatsächlich?« Sabrina zog Überraschung andeutend die Brauen hoch. »Wie denken wir denn?«
»Sie sehen einen Mord, eine reiche Witwe und haben Ihr Urteil längst gefällt.«
»Und wie sieht es aus, dieses Urteil?« Sabrina schaute ihr Gegenüber interessiert an.
»Na, dass ich es war.« Juliane zeigte auf sich selbst. »Ist das nicht das, was Sie denken? Ich habe meinen Mann getötet, um seine Erbin zu werden.« Sie lächelte überlegen.
»Waren Sie es?«
Bestimmt hat sie ihre Brüste ebenfalls machen lassen. Die schauen total unnatürlich aus. Sie wirkt insgesamt eher wie ein Roboter als ein Mensch. Keine Gefühle erkennbar.
»Natürlich war ich es nicht.« Juliane schüttelte den Kopf. »Aber Sie denken das doch bestimmt.«
»Wie kommen Sie nur darauf?« Sabrina fragte sich, worauf Robojule, wie sie Juliane gerade insgeheim getauft hatte, hinauswollte. War das Ganze ein Versuch, von sich als Täterin abzulenken?
»Liegt es nicht nahe, dass ich es war? Mit ihren Augen betrachtet, meine ich.«
»Mag sein.« Sabrina nickte. »Aber wenn wir jedes Mal dem allerersten Verdachtsmoment folgen würden, ohne vorher gründlich ermittelt zu haben, würden wir der Wahrheit wohl nur selten gerecht werden.«
»Sie glauben also nicht, dass ich es war?«
»Ich glaube erst mal gar nichts. Ich sammle Aussagen, Indizien und Beweise, und später werden die Ergebnisse professionell gemeinsam im Team ausgewertet. Falls es zur Anklage einer verdächtigen Person kommt, geht der Fall anschließend vors Gericht.«
»Sie sehen gar nicht so aus, als wüssten Sie all diese schrecklich komplizierten Dinge tatsächlich, Kleines. So ganz ohne Falten der Lebenserfahrung im Gesicht.« Juliane setzte die dunkelbraune Sonnenbrille auf, die bisher auf ihrer Stirn die Haare zurückgehalten hatte. Sie lehnte sich mit angewinkelten Beinen in ihrem Liegestuhl zurück.
»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich nicht Kleines nennen, Frau Berger.« Sabrinas Tonfall verschärfte sich. Sie legte es nicht auf eine Auseinandersetzung an. Aber letztlich war sie nicht hier, um sich respektlos behandeln zu lassen. Das sollte auch Juliane Berger klar sein.
»Natürlich, Frau Kommissarin. Verzeihen Sie mir.« Julianes schlauchbootartige Lippen bewegten sich im Bereich ihrer Mundwinkel minimal nach oben. Offenbar wollte sie damit ein Lächeln andeuten.
»Wo waren Sie heute Morgen zwischen sechs und acht Uhr?«, erkundigte sich Sabrina, der die erneute Arroganz in Julianes Stimme nicht entgangen war.
»In meinem Bett. Ich brauche meinen Schönheitsschlaf.«
»Gibt es dafür Zeugen?«
»Nein.« Juliane schüttelte den Kopf. »Mein Mann ist tot, wie Sie wissen. Außerdem geht er um diese Zeit immer zum Joggen. Und meine Haushälterin hat heute, wie bereits gesagt, frei.«
»Milchmann? Zeitungbote?«
»Die von der Zeitung wagen es nicht, mich zu wecken. Einen Milchmann haben wir nicht. Ich leide unter Laktoseintoleranz. Ich hatte übrigens auch keinen heimlichen Liebhaber in meinem Bett versteckt, falls Sie das vermuten sollten.« Juliane kicherte kurz mädchenhaft.
»Wie war Ihr Verhältnis zu Ihrem Mann, Frau Berger?«, fragte Sabrina weiter. »Sie tun sich selbst einen Gefallen, wenn Sie ehrlich antworten.«
»Wie meinen Sie das?«
»Sagen Sie einfach die Wahrheit.«
»Das meine ich nicht.« Juliane schüttelte den Kopf.
»Was dann?«
»Wie unser Verhältnis war.«
»Ja, wie war es denn?« Sabrina spitzte neugierig die Ohren.
»Sie wissen doch, dass wir verheiratet waren.«
»Und?«
Juliane richtete sich halb auf. Sie nahm wortlos das halbvolle Champagnerglas neben ihrer Liege zur Hand und leerte es in einem Schluck. Nachdem sie sich nachgeschenkt hatte, warf sie die leere Flasche hinter sich auf den Rasen.
»Hab ich von den Russen gelernt«, kommentierte sie das Prozedere. »Wenn man verheiratet ist, hat man ein gutes Verhältnis miteinander, was sonst?«, fuhr sie anschließend mit dem eigentlichen Thema fort. Dann trank sie erneut.
»Nicht unbedingt und nicht immer, glauben Sie mir.« Sabrina blickte starr geradeaus.
»Nicht?« Es sah so aus, als versuchte Juliane erstaunt ihre Brauen zu heben. Aufgrund der überstraffen Verhältnisse in ihrer Gesichtshaut misslang das allerdings gründlich.
»Nein.« Sabrina schüttelte den Kopf. »Wenn es tatsächlich so wäre, hätten wir kaum noch Arbeit.«
»Das wäre doch wunderbar. Dann könnten Sie wie ich irgendwo in der Sonne liegen. An einem schönen Baggersee vielleicht. Mit einem netten kleinen Polizisten.«
Juliane nahm einen weiteren Schluck Champagner.
»Wollen Sie mich eigentlich verarschen?«
Sabrina hatte die Nase endgültig voll von der unentwegten Überheblichkeit der Hausherrin.
Wollte die zugereiste Schnepfe etwa, dass sie aus der Rolle fiel? Wollte sie ihr wehtun? Sie beleidigen? Oder war sie einfach nur betrunken? Bei ihren letzten Sätzen hatte sie auf einmal gelallt.
Moment mal.
Nichts von alledem traf zu, fiel es Sabrina wie Schuppen von den Augen. Es war gar nichts Persönliches. Julia Berger erblasste gerade einfach nur vor Neid auf ihre Jugend. Das musste es sein. Außerdem benahm sie sich mit ihrer gekünstelt zur Schau getragenen guten Laune keinesfalls wie eine ernsthaft trauernde Witwe.
Sie schien geradezu froh zu sein, dass sie ihren Mann los war. Möglicherweise hatte sie ihn tatsächlich umgebracht oder umbringen lassen. Vielleicht weil er sie betrogen hatte oder weil sie sein Geld für sich alleine wollte. Oder beides.
Florian Bauer wählte voller Vorfreude Hannas Nummer. Der erfolgreiche Hotelbetreiber hatte sich hierzu ein ruhiges Eck auf einer Bank im Garten seines Haupthauses gesucht. Niemand war in der Nähe. Freier Blick über den hoteleigenen Golfplatz. Bis über die nächsten sich sanft erhebenden, mit sattem Grün bewaldeten Hügel.
Bevor er das Luxusresort in der Nähe von Burghausen aufgemacht hatte, war er Softwareunternehmer gewesen. Hatte ein kleines Vermögen damit verdient.
Doch dann hatte ihn seine Frau Anne mit Lothar, seinem besten Freund und Geschäftspartner betrogen, und seine Schwester Maria hatte die beiden ermordet, um für ihren geliebten Bruder Rache zu nehmen. Danach hatte sie sich selbst umgebracht.
Für den gut aussehenden 40-jährigen Florian ein harter Brocken, der erst einmal verdaut werden wollte. Hannas Anwesenheit in seinem schlagartig einsamen Dasein half ihm dabei.
Seit sie ihn das erste Mal wegen der damaligen Morde verhört hatte, war ihr ein zentraler Platz in seinem Herzen sicher gewesen. Er hatte sich sofort Hals über Kopf in sie verliebt. Allerdings ging es ihr offenbar nicht ganz so wie ihm. Zumindest ließ ihre abwartende und oft distanzierte Art ihm gegenüber darauf schließen.
Doch das würde sich heute Abend bestimmt ändern, wenn sie erst einmal erfuhr, was er vorhatte. Dann würde sie endlich Farbe bekennen müssen.
Er musste es mehrmals bei ihr läuten lassen, bis sie endlich dranging.
»Florian?«, meldete sie sich mit vorauseilender Ungeduld in der Stimme. »Im Moment ist es ganz schlecht. Wir untersuchen gerade den Tatort eines Mordfalls am Chiemsee.«
»Verstehe«, erwiderte er. »Geht auch ganz schnell. Willst du heute Abend mit mir essen?«
»Weiß nicht«, zögerte sie. »Mal sehen.«
»Gib deinem Herzen einen Stoß.«
»Aber die Ermittlungen …«
»Die können auch morgen weitergehen. Oder seid ihr gerade akut hinter jemand Bestimmtem her?« Er fuhr sich nervös über seine dichten schwarzen Haare.
Bitte lass sie Zeit haben, lieber Gott.
»Na ja, nein. Nicht direkt«, wand sie sich, immer noch hörbar unentschlossen. »Wir haben bis jetzt jedenfalls keinen konkreten Tatverdacht.«
»Dann kannst du dir doch heute Abend zwei, drei Stunden freinehmen. Bitte, Hanna. Es ist mir wirklich wichtig.«
»Wann und wo soll es denn stattfinden, unser Essen?«
»Ich reserviere einen Tisch bei deinem Lieblingsitaliener in Traunstein. Ist dir 20.00 Uhr recht?«
»Bei meinem Lieblingsitaliener? Der ist nicht gerade billig. Das weißt du schon.«
»Für dich würde ich mein letztes Hemd geben.«
Zu übertrieben, Florian. Halt dich zurück. Nicht, dass sie sich am Ende noch verarscht fühlt.
»20.00 Uhr müsste hinhauen.« Sie seufzte schicksalsergeben. Dann lachte sie kurz. »Herr im Himmel, du kannst ganz schön beharrlich sein.«
»Hätte ich sonst so großen geschäftlichen Erfolg?«
»Bin ich etwa ein Geschäft für dich?« Ihre Stimme klang spitz.
»Nein, natürlich nicht. War dumm ausgedrückt. Nicht so gemeint.« Er errötete.
Wenn du bloß nicht immer einen solchen Schmarrn reden würdest, Alter.
»Ich muss jetzt weitermachen.« Hanna hörte sich gehetzt an. Sie schien tatsächlich keine Zeit zu haben. Umso höher rechnete er es ihr an, dass sie sich einige Minuten für ihn genommen hatte.
»Ich freu mich auf dich«, sagte er schnell, damit sie es auf jeden Fall noch mitbekam, bevor sie auflegte.
»Gibt es eigentlich was zu feiern oder warum ist es so dringend?« Offenbar hatte sie es auf einmal doch nicht ganz so eilig.
»Könnte sein.« Er biss sich auf die Lippen.
»Tu nicht so geheimnisvoll. Sag schon.«
»Wart’s ab.«
Florian wusste, dass er sie neugierig gemacht hatte. Er wusste ebenfalls, dass sie es nur sehr schlecht aushielt, wenn man sie über irgendetwas im Ungewissen ließ. Bestimmt hatte das etwas mit ihrem Beruf als Ermittlerin zu tun.
Doch wenn er jetzt schon die Katze aus dem Sack ließ, war das ganze Überraschungsmoment, das er in diesem Fall lieber auf seiner Seite wusste, dahin.
»Na gut. Dann warte ich es halt ab. Auch wenn’s schwerfällt. Mach’s gut.«
Sie legte auf.
»Servus, Hanna«, sagte Florian noch ins Nichts hinein. Dann legte er ebenfalls auf.
»Was? Der Willi wurde erschossen? Das glaube ich nicht.« Laura Obermeier hielt sich geschockt die Hand vor den Mund.
Sie war sich nicht sicher, ob sie weitersprechen konnte.
Versuchte es. Ließ es lieber bleiben.
Versuchte es erneut. Schluckte. Rang um Fassung.
Dabei blickte sie mit tränenerfüllten Augen starr zum Fenster hinaus in den angrenzenden Fichtenwald hinter der großen Lichtung neben ihrem Elternhaus. Ein alter traditioneller Bau aus Ziegeln und Holz außerhalb von Prien, den sie wohl irgendwann einmal erben würde. Angesichts der guten Gesundheit von Vater und Mutter könnte dies allerdings noch eine gute Zeit lang dauern.
Gott sei Dank einerseits. Sie liebte die beiden. Andererseits waren die täglichen Auseinandersetzungen innerhalb der Familie etwas, auf das sie gut und gerne von heute auf morgen verzichtet hätte.
»Leider stimmt es«, sagte der Traunsteiner Journalist Peter Schulz am anderen Ende der Leitung, wie Wilhelm Berger ein guter Kunde von ihr. »Offenbar mit einem Jagdgewehr oder etwas Ähnlichem. Morgens um sieben beim Joggen am See. Ich war selbst vorhin am Tatort. Beruflich versteht sich. Dachte, ich sage dir lieber gleich Bescheid, bevor du es von irgendeinem unsensiblen Deppen hintenherum erfährst.«
»Danke, Peter. Das ist lieb von dir.« Die junge Fitnesstrainerin klang, als hätte sie mit Reißnägeln gegurgelt. Aber wenigstens hatte sie ihre Stimme wiedergefunden. »Wir sehen uns dann am Wochenende.«
»Glaubst du denn, dass dein verstauchter Fuß bis dahin wieder in Ordnung ist?«
»Meine Ärztin meint ja. Mal sehen. Wenn nicht, gehen wir in den Biergarten, okay?«
»Na klar, gerne.«
Sie legten auf.
Laura wischte sich die Tränen aus den Augen.
Der Willi war tot. Einer ihrer liebsten Kunden. Er war drauf und dran gewesen sie zu heiraten. Hatte es ihr zumindest mehrmals angekündigt.
Sie hatte ihn gemocht. Seine Begeisterungsfähigkeit genauso wie seine manchmal etwas unbeholfene Art, wenn es darum ging, seine Gefühle auszudrücken.
Natürlich war sie nicht bis über die Ohren in ihn verliebt gewesen, so wie er offenbar in sie. Er war alt und sah auch nicht besonders gut aus, obwohl er in letzter Zeit mit ihrer professionellen Hilfe tüchtig abgenommen hatte. Sie selbst war dagegen gerade mal 36 und wusste, dass sie auf gar keinen Fall die Hässlichste war.
Aber er war sehr reich gewesen. Ein Leben an seiner Seite wäre sicher spannend geworden. Reisen. Urlaub. Die besten Hotels. Keine Arbeit. Keine anderweitigen Verpflichtungen.
Er wäre ihr Ticket aus der Mittelmäßigkeit gewesen, aus dem kleinen Zimmer bei den Eltern, weil sie sich von ihrem kleinen Gehalt als angestellte Fitnesstrainerin nichts Eigenes leisten konnte. Ihr Weg aus Begrenztheit und allgegenwärtiger Engstirnigkeit. Die Landschaft hier war zwar wunderschön. Aber ihre Bewohner hatten ihrer Meinung nach zum größten Teil Scheuklappen vor den Augen und konnten gerade mal bis zum eigenen Tellerrand schauen. Ansonsten war es zappenduster. Wie nachts auf der kleinen Zufahrtsstraße zu ihrem Haus. Das hatte sie bereits als Kind festgestellt.
Sie ging ins Bad. Zupfte ihre schulterlangen braunen Locken zurecht, legte Rouge, Lippenstift und Wimperntusche auf. Entschied sich nach einigem Hin und Her für das rote hautenge Minikleid, das Wilhelm immer so sehr gemocht hatte. Sie würde es den ganzen Tag lang zu seinen Ehren tragen. Dazu die roten High Heels, die sie neulich im Internet bestellt hatte. Alles in allem ein toller Kontrast zu ihrer braun gebrannten Haut, wie sie fand.
Jost Haller würde vor Staunen und Bewunderung den Mund nicht mehr zubekommen. Er war ein weiterer Kunde von ihr, der sie für nachher in ein bekanntes Ausflugslokal bei Berchtesgaden zum Mittagessen eingeladen hatte.
