Bluebird - Ana Mohn - E-Book

Bluebird E-Book

Ana Mohn

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Beschreibung

Wir lernen die Mitvierzigerin Maren kennen. Eigentlich kann sie stolz auf sich sein. Sie macht einen guten Job und managt ihre Familie souverän. Dass etwas Entscheidendes in ihrem Leben fehlt, merkt Maren erst, als sie über eine WhatsApp Frank kennenlernt und dieser Stück für Stück ihr Leben auf den Kopf stellt. Sie verliebt sich in den Unbekannten. Auf einer Reise nach Istanbul will sie ihrer Sehnsucht nach Liebe und Wertschätzung eine Chance geben, doch plötzlich wendet sich das Blatt.

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Seitenzahl: 356

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

ZURÜCK AUF LOS

28. August 2018

29. August 2018

WILLKOMMEN IN MEINEM LEBEN

30. September 2018

1. September 2018

2. September 2018

10. September 2018

11. September 2018

12. September 2018

13. September 2018

DIE PARTIE IST ERÖFFNET

14. September 2018

15. September 2018

16. September 2018

FUNKSTILLE

20. September 2018

21. September 2018

23. September 2018

4. Oktober 2018

5. Oktober 2018

6. Oktober 2018

8. Oktober 2018

Frankfurt, 9. Oktober 2018

Frankfurt, 10. Oktober 2018

Frankfurt, 11. Oktober 2018

Frankfurt, 12. Oktober 2018

Frankfurt, 13. Oktober 2018

Frankfurt, 14. Oktober 2018

Frankfurt, 15. Oktober 2018

Frankfurt, 16. Oktober 2018

Frankfurt, 17. Oktober 2018

Frankfurt, 18. Oktober 2018

NICHT MIT DIR, UND NICHT OHNE DICH

19. Oktober 2018

20. Oktober 2018

21. Oktober 2018

4. November 2018

16. November 2018

10. Dezember 2018

23. Dezember 2018

24. Dezember 2018

25. Dezember 2018

31. Dezember 2018

1. Januar 2019

19. Januar 2019

25. Januar 2019

26. Januar 2019

27. Januar 2019

28. Januar 2019

13. April 2019

14. April 2019

15. April 2019

16. April 2019

22. April 2019

23. April 2019

26. April 2019

ZUM GREIFEN NAH

27. April 2019

PRINZEN-SUCHE

28. April 2019

ENDLICH KLARHEIT

30. April 2019

DU, DU UND IMMER NUR DU

Istanbul, 1. Mai 2019

AUS HEITEREM HIMMEL

2. Mai 2019

ZURÜCK AUF LOS

28. August 2018

Wie beiläufig fiel die Wohnungstür ins Schloss. Maren hörte noch das sanfte Einrasten der Verriegelung. Dann war es still. Nur noch das ferne Rauschen des Verkehrs war durch das geöffnete Fenster zu hören. Sie schien allein in der Wohnung zu sein. Das kam selten vor, viel zu selten. Manchmal sehnte sie sich danach, wünschte sich Ruhe und von niemanden gefragt oder gebraucht zu werden, aber genau in diesem Moment wollte sich kein Wohlgefühl bei ihr einstellen. Sie wusste nicht, was sie von dieser befremdlichen Ruhe halten sollte. Die Stille legte sich dumpf auf ihre Brust. Es war nicht das erste Mal, dass Jan, ohne ein Wort zu sagen, die Wohnung verließ. Doch sie konnte sich einfach nicht daran gewöhnen. Schließlich lebten sie zusammen. Seit über fünfzehn Jahren waren sie ein Paar, und seit der Geburt von Jonas eine Familie.

Maren überlegte noch kurz, ob sie zur Tür laufen sollte, um Jan etwas in den Hausflur nachzurufen. So etwas wie, wann er denn wiederkomme, ob er zum Essen da sei oder ob er heute noch Getränke kaufen könne. Doch sie verharrte in ihrem Arbeitszimmer am Schreibtisch. Mit ihrer schmalen Hand griff sie wie beiläufig nach einem Bleistift und kritzelte auf einem karierten Schreibblock herum. Während ihr Blick konzentriert den kreisenden Bewegungen ihrer Hand folgte, war ihr Kopf wie leer. Zusammengesunken saß sie auf ihrem Stuhl. Schon aus einiger Entfernung war zu erkennen, wie sich die oberen Brustwirbel ihres schmalen Rückens durch den dünnen Baumwollstoff ihres weißen Sommerkleides abzeichneten. Wie untypisch diese Haltung für sie war!

Mit angestrengtem Blick beobachtete sie, wie der Graphitstab auf dem Papier dunkle Spuren hinterließ. Kreuz und quer schlängelten sich die Linien über das Blatt und rankten Kästchen um Kästchen an den vorgedruckten Gitterlinien empor. Nach und nach entstand aus dem Durcheinander von Linien ein wohl geordnetes Muster. Papier und Zeichnung verschmolzen zu einem harmonischen Konstrukt. Mit der freien Hand strich sie sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie fand schon seit Stunden keinen Halt mehr in ihrem locker zusammengebunden Haarknoten.

Maren legte den Stift zur Seite und gab die angestrengte Körperhaltung auf. Doch das unangenehme Gefühl der Leere wollte nicht weichen. Sie kannte Jans Spielchen, seine ablehnende Art mit ihr umzugehen. Manchmal machte es ihr nichts aus. Doch an Tagen – wie heute - traf es sie bis ins Mark. Sie lehnte sich in ihrem Schreibtischstuhl zurück, während die Rückenlehne leicht federnd nachgab. Maren blickte aus dem Fenster auf die gewaltige Baumkrone der alten Eiche vor dem Haus. Sie beobachtete, wie die Eichenblätter mit dem Licht spielten und sich ein Farbspiel aus den vielfältigsten Grünnuancen darbot. Ein leichter Sommerwind durchstreifte das dichte Blättermeer und brachte die kleineren Äste zum Tanzen. Prall und üppig präsentierte die Eiche ihr Blattwerk vor einem sattblauen Himmelblau. Nichts an Maren erinnerte in diesem Augenblick an eine berufstätige Frau und Mutter, die souverän ihren Alltag bestritt. Im Gegenteil: Sie wirkte verletzlich und verunsichert. Jeder, der sie so gesehen hätte, hätte ihr sofort ein aufmunterndes Wort geschenkt. Doch sie war allein und musste mit der heutigen Demütigung irgendwie selbst zurechtkommen.

Das Klingeln des Telefons holte Maren abrupt in ihren Alltag zurück. Sie blickte kurz auf das Display des Apparates. „Schneider“ stand dort in Großbuchstaben geschrieben. Bevor sie das Gespräch annahm, stellte sie sich aufrecht hin und versuchte zu lächeln, auch wenn sich das etwas verkrampft anfühlte. Übertrieben schwungvoll sprach sie in den Hörer, so als ob sie damit die Schwere, die auf ihr lastete, und ihre Nachdenklichkeit aus der Welt vertreiben könnte: „Hallo Herr Schneider, ich habe gute Nachrichten.“ Die aufrechte Körperhaltung half Maren. Sie gab ihr Kraft und Bodenhaftung zurück. Sie spürte wie ihre tiefe Stimme noch mehr an Format gewann. Das verlieh ihren Worten sofort mehr Nachdruck. Sie sprach stark und selbstsicher.

Die Vorbereitungen für das Kundenevent der Bonner IT-Firma, bei der Stefan Schneider beschäftigt war, liefen wie am Schnürchen. Zum Glück! Ihr Kunde war sehr anspruchsvoll und achtete auf jedes Detail. Maren arbeitete schon seit vielen Jahren für den Bonner. Seine Wünsche zu erfüllen, war nicht immer leicht. Doch Maren spornte das an. Sie wollte immer das Beste aus allem herausholen. Sie gab sich nur ungern mit halben Dingen zufrieden. Zudem konnte sie es sich nicht leisten, noch einen wichtigen Kunden zu verlieren.

Maren beendete zufrieden das Telefonat und setzte sie sich wieder an den Schreibtisch. Routiniert scrollte sie mit der Computermaus über den Bildschirm und überprüfte den E-Mail-Eingang. Sogleich verspannte sich ihre Körper wieder. Seit zwei Tagen schon wartete sie fieberhaft auf eine E-Mail. Es ging um einen sehr lukrativen Auftrag, für den sie in der letzten Woche ein Angebot abgegeben hatte. Wenn sie den Zuschlag bekäme, hätte sie für dieses Jahr finanziell ausgesorgt. Das würde eine große Last von ihren Schultern nehmen. Letztes Jahr war es beruflich nicht so gut gelaufen. Sie hatte einen ihrer größten Kunden verloren. Trotz intensiver Bemühungen war es ihr nicht gelungen, diese Lücke zu füllen. Und je länger diese Durststrecke andauerte, desto mehr belastete sie das. Mist! Maren war enttäuscht. Sie hatte immer noch keine Antwort erhalten.

Wenn doch das „Fridolin“ endlich mal nennenswerte Gewinne abwerfen würde, dachte sie und seufzte. Aber das kleine Retro-Café, das Jan gemeinsam mit seinem Freund Robert in Bornheim betrieb, erwirtschaftete nur geringe Summen. Obwohl es meistens gut besucht war, blieb der finanzielle Erfolg bislang aus. Doch Jan wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Das Café war für ihn ein Herzensprojekt. Eigentlich war er Biologe. Diplomierter Biologe. Doch mit dem Forschungsschwerpunkt „Nesseltiere“ war es ihm nie gelungen, eine unbefristete Anstellung zu finden. Jahrelang hatte er sich von einem Jahresvertrag zum nächsten gehangelt: Nie etwas von Dauer. Nie etwas mit Perspektive. Das war frustrierend für ihn. Dann hatten er und Robert sich wie euphorisiert in das Abenteuer „Selbstständigkeit“ gestürzt. Detailverliebt richteten sie das „Fridolin“ im Stil der 50iger und 60iger Jahre ein. Auch die Speisekarte war inspiriert von Rezeptideen aus den Jahren des Wirtschaftswunders. Es gab kleine Gerichte, Kuchen, Torten und Gebäck. Zudem veranstalteten sie regelmäßig Literatur- und Musikabende. Während Robert die Küche führte, kümmerte sich Jan um den Einkauf und das Kaufmännische.

Da hörte sie, wie sich ein Schlüssel im Schloss der Wohnungstür drehte. Sie vernahm Schritte, begleitet von dem klimpernden Geräusch eines Schlüsselbundes. Es klopfte an der Tür des Arbeitszimmers. Noch bevor Maren antworten konnte, öffnete sich die Tür. Die Klinke noch in der Hand, erschien Jans kräftige Figur im Türrahmen. Er war groß und muskulös, selbst wenn er nur selten Sport trieb. Nur am Bauch zeigte sich schon seit längerem ein kleiner stabiler Ansatz. Maren musste zugeben: er sah immer noch sehr gut aus wie damals, als sie ihn kennenlernte. Für einen Mann mit 48 Jahren hatte er immer noch sehr volles mittelbraunes Haar. Nur an den Koteletten zeigten sich vereinzelt erste graue Haare.

„Du bist wieder zurück?“ Maren sah ihn fragend an. Jans dunkle Augen blickten ernst. Seine Stirn war in Falten gezogen und ohne ihre Frage zu beantworten, warf er ihr schmallippig entgegen: „Komm bitte mit. Ich muss dir etwas zeigen.“ Maren war überrascht. Keine Entschuldigung? Kein Wort dazu, dass er heute Morgen, ohne sich zu verabschieden, einfach verschwunden war. Da Maren nicht sofort aufstand, wiederholte Jan seine Worte mit Nachdruck: „Komm bitte, sofort.“ Seine Stimme hatte jetzt einen regelrechten Befehlston angenommen. Maren spürte Jans Verärgerung. Das war nicht das erste Mal, dass er sie so herumkommandierte. Widerwillig stand sie auf und folgte ihm in die Küche. Eigentlich interessierte es sie nicht, was er ihr zu zeigen hatte. Sie hasste es, aus ihrer Arbeit herausgerissen zu werden, insbesondere dann, wenn es – aus ihrer Sicht – um irgendwelche Belanglosigkeiten ging. Und das passierte häufig. Doch Jan sah das anscheinend anders. Er rief ständig nach ihr. Für ihn war nichts unwichtig genug, um sie nicht zu rufen.

„Irgendjemand ist schon wieder mit dreckigen Schuhen in die Küche gegangen,“ bellte er. Dabei zeigte er verärgert auf die Lehmspuren auf dem Fliesenboden. Er schaute sie vorwurfsvoll an: „Warst du das? Oder Jonas?“ Innerlich verdrehte Maren die Augen. Eigentlich hatte sie keine Lust, sich für so eine Lappalie zu rechtfertigen. Doch wenn sie dieses Gespräch möglichst schnell beenden wollte, und das wollte sie aus den verschiedensten Gründen, durfte sie sich bloß nicht anmerken lassen, wie egal es ihr war, ob ein bisschen Dreck auf dem Küchenboden lag oder nicht. Natürlich hatte sie auch gerne eine saubere Wohnung. Aber warum konnte Jan die Erdkrummen nicht einfach aufwischen, anstatt sie zu verhören? Was den Haushalt betraf, war sie sehr pragmatisch. Sie hatte weder Zeit, noch Lust, sich mit diesem Thema länger als nötig zu befassen. Sie dachte kurz nach und servierte ihn mit einem „keine Ahnung“ ab. Jan nörgelte weiter: „Dir ist es anscheinend gleichgültig, wie es hier aussieht.“ Das war starker Tobak. Typisch Jan. Er ließ keine Gelegenheit aus, ihr einen Vorwurf zu machen. Doch sollte sie sich deswegen mit ihm streiten? Wegen ein paar Krümel Lehm auf dem Boden?

Sie versuchte ihren Ärger hinunterzuschlucken. Allerdings war sie eine schlechte Schauspielerin. Ihre Stimme klang gereizt: „Aber, das ist doch kein Problem. Wenn dich der Dreck stört, nimm ein Lappen und wisch ihn einfach weg.“ Während sie das sagte, riss sie ein Papiertuch von der Rolle, feuchtete es unter dem Wasserhahn an und wischte die Lehmspuren damit auf. „Das dauert nicht einmal drei Sekunden.“ Dann warf sie das beschmutzte Papiertuch demonstrativ in den Müll und ging, ohne sich umzudrehen, wieder in ihr Arbeitszimmer. Jan beobachtete sie schweigend. Schließlich rief er ihr hinterher: „Du weißt, dass ich im Dreck nicht leben kann.“

Auch das ließ Maren unkommentiert. Jetzt bloß keine Grundsatzdiskussion anzetteln! Sie hatte weder die Energie dazu, noch hätte ein Gespräch etwas geändert. Zu oft hatte sie diese Art der Auseinandersetzung mit ihrem Mann geführt, ohne dass sich dadurch jemals etwas gebessert hätte. Denn für Jan war die Sache klar. Maren hatte an allem Schuld. Immer: „Du hast nicht aufgepasst. Du wolltest diese Abfahrt nehmen. Du hast entschieden, dass wir das Sofa kaufen. Du musstest deine Eltern eingeladen. Und du wolltest unbedingt heiraten...“ und so weiter, und so weiter. Immer war er auf der Suche nach einem Schuldigen. Und in der Regel traf es Maren. Sie hingegen befand die Klärung der Schuldfrage meist für müßig, insbesondere wenn es um alltägliche Kleinigkeiten ging. Sie sah darin keinen Vorteil, keinen Gewinn. Was hatte sie davon, wenn sie wusste, wer etwas getan oder gesagt hatte. Viel wichtiger war es aus ihrer Sicht, nach vorne zu schauen und Probleme zu lösen.

Maren ging wieder in ihr Arbeitszimmer und versuchte, sich auf ihren Job zu konzentrieren. Sie griff nach dem kleinen Täfelchen Zartbitterschokolade, das neben der Teetasse noch auf ihrem Schreibtisch lag. Hektisch öffnete sie das Silberpapier und biss ungeduldig in die dunkle Schokolade. Nach und nach breitete sich der süß-herbe Kakaogeschmack in ihrem Mund aus. Da öffnete sich die Tür schon wieder. Es war Jan. Sein Blick war nun etwas versöhnlicher: „Soll ich heute Mittag kochen“, fragte er. Er schien sich wieder beruhigt zu haben. „Ja, wenn du Zeit hast“, antwortete Maren, den Mund noch voller Schokolade. Ihre Stimme klang immer noch angespannt. Sie ertrug Jans vorwurfsvolle Art kaum noch. Gerne würde sie sich solche Szenen ersparen, wusste aber nicht wie. Allzu oft hatte sie ihn darum gebeten, ihr nicht ständig Vorwürfe zu machen, sondern lieber konstruktiv Kritik zu üben. Aber Jan konnte nicht aus seiner Haut. Nach einem kurzen Moment des Schweigens wandte sie sich wieder ihrem Ehemann zu. Ihre Stimme klang jetzt etwas milder: „Jonas kommt gegen Viertel vor zwei aus der Schule. Dann könnten wir zusammen essen. Es wäre toll, wenn du heute das Kochen übernehmen könntest.“

Maren war erleichtert. Sie hatten ihren Rhythmus wiedergefunden. Auch wenn von Harmonie längst keine Rede sein konnte, so schienen die Spannungen zwischen ihnen fürs Erste gelöst zu sein. Das war nicht immer so. Manchmal hielt die eisige Stimmung tagelang an. Dann standen unausgesprochene Vorwürfe wie Betonklötze im Raum und versperrten ihnen den Zugang zueinander. Jan sprach dann kaum mit ihr, tat so, als ob es sie nicht gäbe. Wenn er gemeinsame Aktivitäten mit Jonas plante, ignorierte er sie. Immer wieder drohte, die Situation zu eskalieren. Maren empfand diese Phasen ihrer Ehe als sehr quälend. Wie Blei lastete dann die drückende Stimmung auf der ganzen Familie und war in jedem Winkel der Wohnung zu spüren. Auch an Jonas ging das nicht spurlos vorüber. Zwar versuchte sich der Junge, aus allem herauszuhalten, aber an seiner Mimik konnte sie ablesen, dass er manchmal einfach genervt war.

Es war kurz vor zehn, als Maren endlich im Bett lag. Jan würde sie heute nicht mehr sehen. Wenn er im Café arbeitete, kam er meist erst gegen Mitternacht nach Hause. Zudem schliefen sie seit Monaten in getrennten Zimmern. Unter dem Vorwand, er könne neben ihr nicht einschlafen – angeblich schnarche sie, was Maren natürlich für völlig abwegig hielt – war Jan ins Gästezimmer umgezogen. Ihr war das nicht unrecht. Sie schlief gerne allein. So musste sie auf niemanden Rücksicht nehmen, wenn sie nachts aufwachte und sich unzählige Male hin und her wälzte, um die richtige Schlafposition zu finden.

Jan hingegen hatte es früher immer geliebt, an ihrer Seite einzuschlafen. Damals, als sie noch das Bett teilten. „Ich könnte die ganze Nacht eng umschlungen mit dir verbringen“, waren seine Worte. Aber Maren hatte es nie gemocht. Sie konnte seine Nähe und die Enge seiner Umarmung in den nächtlichen Stunden nicht ertragen. Sie hasste diese erzwungene Intimität. Sie brauchte Bewegungsfreiheit. Schließlich war Jan es müde gewesen, sie ständig anbetteln zu müssen. Er hatte genug von dem ganzen Theater. Sich anzubiedern und von ihr abgewiesen zu werden, das war irgendwann zu viel für ihn. Seitdem war es kalt geworden zwischen ihnen, auch im Bett. Nacht für Nacht hatte sich jeder auf seine Betthälfte gerollt und war in seine eigene Gedankenwelt abgetaucht. Schließlich war Jan ins Gästezimmer umgezogen.

Maren war todmüde und wollte nur noch die Weckfunktion auf ihrem Smartphone aktivieren. Beim Einschalten des Displays poppte eine WhatsApp-Nachricht auf.

16:59 Uhr: Frank: Hallo Maren, es tut mir leid, ich hatte dir eine Nachricht auf Xing geschickt. Anscheinend hast du sie nicht gesehen, da du nicht geantwortet hast. Jetzt versuche ich, dich hier auf WhatsApp zu erreichen. Ist das okay für dich?

Von einer Sekunde zur nächsten war Maren hellwach. Sie schnellte hoch. Noch einmal las sie die Nachricht und schaltete das Display wieder aus. Oh, nein! Sie atmete schwer. „Shit!“ Sie verzog das Gesicht und warf sich auf den Rücken, beide Arme von sich gestreckt, das Smartphone noch in der Hand haltend. Maren fühlte sich wie im freien Fall. Was sollte das? Was fiel diesem Mann ein, einfach so über WhatsApp in ihr privates Leben zu platzen? Natürlich hatte sie seine Nachricht auf Xing gelesen. Frank war wie sie Mitglied der Gruppe „Marketing Austria“. Maren nutzte diese Online-Plattform, um bestehende berufliche Kontakte zu pflegen und neue zu knüpfen. Frank hatte sie vor einigen Wochen angeschrieben. Er arbeite bei einem Medizintechnikunternehmen und plane ein Expertensymposium in Frankfurt. Ob sie ihn dabei unterstützen könne? Dann folgte ein kurzer Austausch von Nachrichten. Einmal hatten sie auch miteinander telefoniert. Nicht unsympathisch. Doch dann hatte er abgesagt. Seine Firma habe sich entschieden, das Symposium in Wien stattfinden zu lassen. Vor zirka zehn Tagen dann hatte Frank ihr noch einmal auf Xing eine Nachricht geschickt: „Es tut mir leid, dass das Projekt nicht zustande gekommen ist, aber ich möchte dich gerne näher kennenlernen.“ Sie kennenlernen? Näher kennenlernen? Wozu? Maren war kurz irritiert gewesen. Doch nach kurzem Überlegen hatte sie die Nachricht für unwichtig eingestuft und ignoriert.

Und nun das! Wie aus heiterem Himmel landete er über WhatsApp in ihrem Schlafzimmer! Es beschlich sie ein unangenehmes Gefühl. An diesem intimen Ort hatte keiner ihrer Kunden etwas zu suchen, nicht einmal auf dem Smartphone. Das war ihr geschütztes Nest. Sie fühlte sich unwohl in ihrer Haut. Dann drehte sie sich auf den Bauch und schaltete das Display wieder an. Die Nachricht war immer noch da. Wie dampfende Lava quollen Franks Worte aus dem Smartphone und ergossen sich über sie: beklemmend präsent und gefährlich heiß. Sie breiteten sich wie ein Fremdkörper in ihrem Schlafzimmer aus und störten diesem nur ihr gehörenden Moment des Zubettgehens. Schnell schloss sie den Bildschirm wieder, so als ob sie damit die Nachricht ungeschehen machen könnte.

Nein. Maren wollte ihn nicht kennenlernen.

Sie brauchte keinen weiteren Mann in ihrem Leben. Sie hatte doch Jan. Auch wenn es nicht so gut lief, so hatten sich beide mit ihrer Ehe arrangiert. Es hatte schon so viele Gelegenheiten gegeben zu gehen. Aber weder Jan noch Maren hatten den Mut gehabt, einen Schlussstrich zu ziehen. So wie es jetzt war, war es okay für sie. Sie war weder besonders glücklich, noch unglücklich. Auch wenn der heutige Tag mal wieder einen Tiefpunkt in ihrer Beziehung darstellte. Aber das war nicht immer so. Mehr Mann brauchte sie nicht in ihrem Leben. Zudem gab es auch noch andere Dinge, die ihr wichtig waren.

Maren las Franks Nachricht ein letztes Mal. Nein, sie wollte ihn nicht näher kennenlernen. Das kam gar nicht infrage. Sie stellte das Smartphone aus, legte es auf den Nachttisch und löschte das Licht der Nachttischlampe aus. Trotz des warmen Sommerabends zog sie die Bettdecke bis unter die Nase.

29. August 2018

Als Maren aufwachte, ging ihr als erstes Franks Nachricht durch den Kopf. Zugegebenermaßen fühlte sie sich ein bisschen geschmeichelt. Er schien sich tatsächlich für sie zu interessierten. Es war lange her, dass ein Mann sie hatte näher kennenlernen wollen. Aber das war nicht verwunderlich. Seitdem sie mit Jan zusammen war, interessierte sie sich nicht für andere Männer. Wozu auch? Vor fast zwanzig Jahren hatte sie sich für ihn und ihre Partnerschaft entschieden. Zudem hatten sie einen gemeinsamen Sohn. Eine Familie zu haben, bedeutete für sie eine Verpflichtung und große Verantwortung, ohne Wenn und Aber. Und außerdem war sie so mit ihrem Alltag beschäftigt, dass ihr gar keine Zeit blieb, sich über ihr Liebesleben viele Gedanken zu machen. Andererseits erinnerte sie sich noch gut an das Telefonat, das sie vor einigen Tagen mit Frank geführt hatte. Sie hatten sich auf Anhieb gut verstanden. Sie mochte seine dunkle und verbindliche Stimme. Es brauchte nur wenige Worte, und sie wusste sofort, was er meinte. Und es waren vor allem die ausgedehnten Gesprächspausen, die sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt hatten. Statt einer Stille, die peinlich berührte, löste das Schweigen ein Gefühl der Verbundenheit in ihr aus. Und beide waren mutig genug gewesen, das auszuhalten.

Als Maren bemerkte, dass ihre Erinnerungen an Frank mehr Gefühle in ihr aufkeimen ließen, als ihr lieb war, trat sie auf die Bremse. Stopp. Dafür war jetzt keine Zeit. Mit einem Ruck warf sie die Bettdecke zur Seite und stand auf. Wie immer war der Morgen straff getaktet. Ständig blickte Maren auf die Uhr: Aufstehen, Duschen, Anziehen, Frühstück machen, Jonas wecken, gemeinsam Frühstücken, die Küche aufräumen, Zähneputzen, den Jungen in die Schule schicken. Um Viertel vor Acht saß sie endlich am Schreibtisch und las ihre E-Mails. Jan schlief noch. Es war gestern Abend spät geworden. Maren klickte sich fix durch ihre Nachrichten, löschte Werbemails, speicherte Anhänge und sortierte die zu bearbeitenden Nachrichten in die verschiedenen Projekt-Ordner. Plötzlich leuchtete das Display ihres Smartphones auf.

07:53 Frank: Hi!

Maren spürte, wie ihre Wangen vor Aufregung warm wurden. Damit hatte sie nicht gerechnet, weder mit einer weiteren Nachricht von Frank, noch mit der Irritation, die diese bei ihr auslöste. Aber woher sollte er auch wissen, dass sie in einer festen Beziehung steckte. Fairer Weise sollte sie ihm das mitteilen. Doch jetzt hatte sie keine Zeit. Sie musste sich dringend um ihren Job kümmern: mit dem Standbauer telefonieren, ein Veranstaltungskonzept schreiben und Preise für verschiedene Werbeartikel anfragen.

Etwas später vernahm sie, wie sich eine Zimmertür öffnete. Das musste Jan sein, der gerade aufgestanden war. Sie konnte hören, wie er betont leise ins Bad ging und kurz darauf den Flur durchquerte, sich an der Tür ihres Arbeitszimmers vorbeischlich und dann die Küche betrat. Das war mal wieder typisch. Er wünschte ihr nicht einmal einen „Guten Morgen“. Sie hasste diese Ignoranz und spürte, wie der Ärger in ihr aufbrodelte. Als sie sich endlich entschied, die Initiative zu ergreifen und in die Küche zu gehen, öffnete sich die Tür und Jan stand mit einer Tasse Tee in der Hand im Türrahmen. „Guten Morgen! Möchtest du einen grünen Tee?“ fragte er, und ohne eine Antwort abzuwarten, steuerte er direkt auf sie zu, stellte die dampfende Tasse auf dem Schreibtisch ab und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf ihr frisch gewaschenes und nach Shampoo duftendes Haar. „Oh, danke. Guten Morgen“, antwortete Maren sichtlich erleichtert und etwas beschämt, weil sie Jan so vorschnell verurteilt hatte. Doch da hatte er bereits die Tür hinter sich zugezogen.

Den ganzen Vormittag über schweiften Marens Gedanken immer wieder zu Frank. Was sollte und wollte sie ihm antworten? Die Situation war völlig neu für sie. Sobald Maren die wichtigsten Arbeiten erledigt hatte, formulierte sie eine Nachricht an ihn. Die löschte sie sofort wieder und begann von Neuem.

13:38 Maren: Hi Frank, es tut mir leid, dass ich erst jetzt antworte. Deine Nachricht hat mich sehr überrascht. Du möchtest etwas über mich erfahren? Du weißt bereits einiges über mich, zum Beispiel, dass ich als Eventmanagerin mein Geld verdiene und in Frankfurt lebe. Was du noch nicht weißt: Ich bin verheiratet und Mutter eines 14-jährigen Sohnes. Möchtest du noch mehr über mich erfahren? Maren

13:41 Frank: Oh...

13:42 Frank: Das ist okay. Ich dachte, dass du vielleicht Single bist und ich versuche mein Glück.

13:47 Maren: Ich fühle mich geschmeichelt. So ein altes Mädchen wie ich es bin…

13:50 Frank: Du bist eine attraktive und kluge Frau. Du hast mir von Anfang an gefallen und ich wollte dich gerne näher kennenlernen.

Ein breites Lächeln überzog Marens Gesicht und sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her. Sie legte das Smartphone auf den Tisch und blickte, während sie sich in dem Stuhl zurücklehnte, verlegen aus dem Fenster. Frank machte ihr den Hof. Doch statt sich zu freuen, fühlte sie sich verunsichert und unwohl in ihrer Haut. Es war ihr fast peinlich. Und schon war das Lächeln wieder aus ihrem Gesicht verschwunden. Sie zweifelte: Ob er das ernst meinte? Gefiel sie ihm wirklich? Seit wann interessierten sich Männer für Frauen in ihrem Alter? Wer stand schon auf die äußerlichen Problemzonen einer Mitvierzigerin und auf ihre über Jahrzehnte hin eingefahrenen persönlichen Macken und Marotten?

Sie fuhr sich mit der Hand durch ihr Haar. Oder fand er sie wirklich attraktiv? Maren richtete ihren Oberkörper langsam Wirbel für Wirbel auf, kippte das Becken nach vorne, zog die Schultern nach unten und schob ihre Brust heraus. Dann streckte sie ihren Hals und schob das Kinn ein kleines Stück nach vorne. Sie schaute aus dem Fenster und beobachte für einen Moment, wie der Wind mit den Ästen und Blättern der alten Eiche spielte.

14:05 Frank: Nun, denn. Ich wünsche dir alles Gute.

14:08 Maren: Danke, das wünsche ich dir auch.

WILLKOMMEN IN MEINEM LEBEN

30. September 2018

Es war schon hell, als die unbeschwerte Melodie des Wecktons Maren aus dem Schlaf riss. Automatisch streckte sie ihre Hand nach dem Smartphone aus und stoppte den „Nachtwandler“. Gleich würden die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster fallen und die gelben Vorhänge zum Leuchten bringen. Maren liebte es, wenn die Morgensonne den Raum in ein wohlig warmes Licht tauchte. Behaglich drehte sie sich noch einmal auf die Seite, zog die Knie unter ihre Brust und kuschelte sich unter ihre Bettdecke. Ihr Blick ruhte auf den zugezogenen Vorhängen, voller Erwartung, dass die Sonne diese endlich leuchten ließ. Sie lauschte kurz der Singdrossel, die direkt vor ihrem Fenster mit einem kraftvollen und dynamischen Gezwitscher ihre Stimme trainierte. Morgen um Morgen verfeinerte sie ihren Gesang. Nicht mehr lange, dann würden auch die anderen Vogelstimmen in das Gezwitscher einfallen, Blaumeisen, Sperlinge manchmal auch ein Grünfink. In diesem Moment fielen durch den Spalt zwischen den beiden Vorhängen die ersten Sonnenstrahlen und berührten ihre Haut.

Gut gelaunt sprang Maren aus dem Bett und öffnete den Kleiderschrank. Wie selbstverständlich griff sie nach der neuen Seidenunterwäsche, die sie letzte Woche in dem kleinen Wäscheladen an der Ecke gekauft hatte. Dazu wählte sie das hellblaue Sommerkleid, das ihren Teint besonders strahlen ließ. Selbst etwas Make-up durfte es heute Morgen sein, ein zarter grüner Lidstrich, das Nachziehen der Augenbrauen und ein Hauch von Lippenstift. Sie schminkte sich selten, meistens nur bei bestimmten Anlässen. Aber irgendwie war ihr heute danach.

Marens und Jonas Morgenroutine endete an diesem Morgen in großer Hektik. Der Junge war viel zu spät dran und musste sich beeilen, um pünktlich an der Bushaltestelle zu sein. Geschäftig packte Maren die Wasserflasche in Jonas Ranzen und drückte ihm den Haustürschlüssel in die Hand. Kaum war die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss gefallen, öffnete sich die Tür des Gästezimmers. „Hi, hast du gut geschlafen?“ begrüßte Maren Jan. Jan schaute sie verschlafen an: „Ja, alles okay! Komm! Ich habe dir etwas mitgebracht. Ich möchte, dass du das probierst.“ Er hielt einen Beutel aus Cellophan in der Hand und schlurfte damit in die Küche.

Maren zögerte einen Moment. Sie hatte heute jede Menge zu tun. Ihre Kunden warteten. Die Zeit saß ihr im Nacken. Aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als Jans Wuschelkopf zu folgen. Ein „Geht das nicht später oder ein anderes Mal?“ hätte seinen Unmut erregt und vielleicht auch eine der vielen Grundsatzdiskussionen, wie „Nie hast du Zeit für mich und deine Familie“, „Du kümmerst dich nur um deinen Job“ oder „Du denkst nur an dich“. Maren hoffte nur, dass Jan ihre Aufmerksamkeit nicht zu lange beanspruchen würde.

„Was hast du denn da?“ fragte sie unwirsch, so dass selbst ihr der Tonfall unangenehm auffiel und sie leicht zusammenzucken ließ. „Wir haben eine neue Teesorte, die wir eventuell im „Fridolin“ anbieten wollen“, erklärte Jan unbeirrt, während er Leitungswasser in den Wasserkocher füllte. „Der Tee ist aus Blüten des chinesischen Roseneibisch. Er schmeckt sehr fruchtig und natürlich. Zudem soll er entzündungshemmend wirken“, triumphierte Jan. Maren hatte sich inzwischen wieder unter Kontrolle und konzentrierte sich auf die getrockneten roten Blütenkelche, die Jan ihr entgegenhielt: „Mmh, das hört sich gut an. Könnte das ein neuer Trend-Tee werden?“

Bevor Jan und Robert neue Gerichte oder Getränke auf die Speisekarte des Cafés setzten, brachte Jan seiner Frau immer eine Kostprobe mit nach Hause. Ihre Meinung war ihm wichtig. Doch wenn Maren ehrlich war, ließ ihr Ehemann nur Lob gelten. Für Kritik war in seiner Lebenswelt kein Platz, vor allem dann nicht, wenn sie von Maren kam. Zu groß war seine Sehnsucht nach Bestätigung und Anerkennung, zu tief saß der Schmerz der Mittelmäßigkeit.

Jan füllte einige der trichterförmigen Blütenkelche in eine gläserne Teekanne. Während er das sprudelnd heiße Wasser über die getrockneten Blütenblätter goss, stieg ihnen umgehend der sanft fruchtige Geruch der Hibiskusblüten in die Nase. Nach und nach quollen die hellrosafarbenen Blüten in dem heißen Wasser auf und entfalteten ihre volle Pracht und Schönheit. Jan wartete wenige Minuten bis sich das Teewasser leuchtend rot färbte und füllte es dann in einen Teebecher, den er Maren reichte. „Die Farbe des Tees ist sehr intensiv und der Geruch verführerisch“, lautete ihr erstes Urteil. Jans Augen leuchteten. Maren, die ungern jemandem nach dem Mund redete, hatte im Laufe ihrer Partnerschaft lernen müssen, allem, aber auch allem, was er ihr zeigte, etwas Positives abzugewinnen. Es war ein Spiel, das sie ihm und ihrer Beziehung zuliebe gerne mitspielte, und gleichzeitig ein Garant für gute Momente in ihrer Beziehung.

Maren goss unterdessen ein wenig von der dampfenden Flüssigkeit auf einen Teelöffel. Mit gespitzten Lippen versuchte sie, behutsam pustend den Tee etwas abzukühlen. Jan verfolgte mit seinen Augen jede ihrer Bewegungen: wie sie den Löffel in Richtung Mund führte, den Kopf leicht nach vorne streckte, mit der linken Hand die ihr ins Gesicht fallende Haarsträhne wieder hinter das Ohr steckte, ihr Mund sich beim Einatmen schloss und die Lippen sich beim Ausatmen spitzten und wie sie endlich den Löffel in den Mund gleiten ließ und der Mundraum sich mit dem Tee füllte. Maren spürte Jans Blicke. Seine Anspannung und seine gespielte Ernsthaftigkeit amüsierten sie. Sie konnte ein Lächeln kaum unterdrücken. Plötzlich fühlte sie sich ihm so nah. „Ein tolles Aroma“, sagte Maren anerkennend und blickte auf die gläserne Teekanne: „Und auch optisch sind die Blüten ein wahrer Genuss. Ihr solltet den Tee in einer gläsernen Kanne servieren oder direkt im Glas aufgießen.“ Jan strahlte. Er freute sich sichtlich über die anerkennenden Worte.

„Ist es okay für dich, wenn ich den Tee in meinem Arbeitszimmer weiter trinke?“ Maren nutzte den Moment, um sich endlich loseisen und mit ihrer Arbeit beginnen zu können. „Klar, ich muss auch gleich los zum Großhandel.“

Während Jan bereits dabei war, die Küche aufzuräumen, ging Maren in ihr Arbeitszimmer. Sie stellte das Radio an und begann ihre Mails zu lesen. Dabei summte sie leise vor sich hin und sang auch die ein oder andere Liedzeile mit. Wenig später hörte sie, wie Jan die Wohnungstür hinter sich zu zog. Nachdem sie die dringendsten Aufgaben erledigt hatte, griff sie zum Telefonhörer. Sie wollte endlich Klarheit haben und wissen, ob sie mit dem großen Auftrag noch rechnen konnte. Eigentlich hätte sie allen Grund gehabt nervös zu sein. Akquise war nicht ihr Ding. Genau genommen hasste sie es. Sie mochte es nicht, sich anzubiedern, Interessenten nach zu telefonieren und Absagen zu kassieren. Sie wollte einfach nur einen guten Job machen. Doch heute Morgen verspürte sie eine gewisse Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit, als sie die Rufnummer der Firma Müller Logistik wählte. „Guten Morgen,“ sprach sie gut gelaunt in das Mikrophon ihres Headsets. „Frau Berger, gut, dass Sie anrufen“, tönte es ihr entgegen. Ein Fünkchen Hoffnung breitete sich auf Marens Gesicht aus. „Ich habe gestern Abend noch mit der Geschäftsleitung gesprochen. Wir freuen uns, wenn sie uns bei der Teilnahme am ‚Forum Automobillogistik‘ unterstützen könnten.“ Maren fiel ein Stein vom Herzen. Endlich. Es hatte geklappt. Zudem würde sie dieser Auftrag längere Zeit beschäftigen. Sie sprang auf und strahlte über das ganze Gesicht: „Das freut mich.“ „Ich werde Ihnen heute noch die Auftragsbestätigung zusenden.“ Maren warf das Smartphone auf den Tisch und ließ sich rücklings auf das kleine Zweisitzer-Sofa fallen. Sie stieß einen Juchzer aus. Abrupt stand sie wieder auf und begann hektisch auf ihrem Schreibtisch die Unterlagen herauszusuchen, die sie bereits für die Angebotserstellung gesammelt hatte. Sie blätterte die Mappe kurz durch und entschied sich, erst mit der Arbeit zu beginnen, wenn sie den schriftlichen Auftrag in den Händen hielt.

Maren war sichtlich erleichtert. Zwischendrin schweiften ihre Gedanken immer wieder ab und landeten bei Frank. Sie musste zugeben, dass seine Worte sie immer noch beschäftigten. Da hörte Maren die Wohnungstür. Das musste Jan sein. Sie ging in den Flur, um ihn zu begrüßen: „Hey, schön, dass du schon zurück bist.“ Jan schaute sie ungläubig an: „Warum freust du dich, dass ich schon wieder da bin? Das tust du doch sonst nicht.“ Maren drückte ihm einen Kuss auf die Wange und begann um ihn herum zu tänzeln. „Einfach so. Aber ich habe auch gute Nachrichten. Ich habe heute die Zusage für das ‚Forum Automobillogistik‘ bekommen.“ Jans Gesichtszüge entspannten sich und es zeichnete sich ein kleines Lächeln auf seinen Lippen ab: „Herzlichen Glückwunsch!“ Und während er die Schuhe auszog, seine Jacke aufhängte und die Papiere, die er mitgebracht hatte, sortierte, fragte er ganz nebenbei ohne aufzublicken: „Wie viel? Wie viel verdienen wir damit? Soll ich schon mal das BMW Cabrio bestellen?“

Von einer auf die nächste Sekunde verabschiedete sich Marens gute Laune. Sie fand seine Bemerkung gar nicht spaßig. Was wusste er schon von dem Druck, der auf ihren Schultern lastete, um den Lebensunterhalt der Familie sicherzustellen. Es war nicht das erste Mal, dass Jan sich in solch einer Situation über sie lustig machte. Das war nicht fair. „Ja, bitte bestelle ein Rotes“, rief sie Jan spöttisch hinterher, der inzwischen in die Küche gegangen war.

Als Jan später am Nachmittag ins Café fuhr, schaltete Maren den Laptop aus. Sie sortierte noch ihre Unterlagen auf dem Schreibtisch übersichtlich in kleine Stapel und schrieb eine To-do-Liste für den nächsten Tag. Dann durchquerte sie den Flur und klopfte an Jonas Zimmertür. Ohne eine Antwort abzuwarten, betrat sie das Jungenzimmer. „Hi, mein Sohn, was machst du Schönes? Was ist mit deinen Hausaufgaben? Schon erledigt?“ Jonas lag in sein Tablett vertieft auf seinem Sitzsack. Ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen, schüttelte er den Kopf. „Gut. Und hast du den Zettel für die Klassenfahrt in der Schule abgegeben?“ Jonas nickte nur. Maren merkte, dass sich Jonas gestört fühlte. Nun, gut! Eine letzte Frage hatte sie noch: „Hast du heute Abend Lust auf Pizza?“ Endlich hob Jonas seinen braunen Wuschelkopf und strahlte: „Mmh, eine megascharfe Pizza. Klar doch!“

Während Maren innerlich über Jonas schmunzeln musste, machte sie sich in der Küche an die Vorbereitungen für das Abendessen. Genüsslich tauchte sie ihre Hände in den samtweichen Hefeteig, ließ ihn durch ihre Finger gleiten und zog den Klumpen routiniert in kreisenden Bewegungen zu einer flachen Teigplatte auseinander. Dann strich Maren die leuchtend rote und nach Oregano und Knoblauch duftende Soße auf den Pizzaboden. Abschließend belegte sie die Pizza mit Zwiebeln, roten Paprika, Mais, Jalapeños und scharfer Salami. Bevor sie das bunt belegte Pizzablech in den Ofen schob, streute sie noch den würzig duftenden Cheddar-Käse darüber. Das Kochen entspannte Maren. Diese wohltuende Melange aus Geschmacksvariationen, Farben und Gerüchen ließ sie den anstrengenden Tag mit Jan fast vergessen. Sie stellte Teller und Gläser auf den Couchtisch und legte noch das Besteck und zwei Servietten dazu. Eigentlich bestand sie immer darauf, die Mahlzeiten am Esstisch einzunehmen, aber heute wollte sie eine Ausnahme machen. Sie waren nur zu zweit und Jonas liebte es, vor dem Fernseher zu essen.

Kurz darauf zog Maren die herrlich duftende Pizza aus dem Ofen. Laut rief sie: „Das Essen ist fertig. Jonas, komm bitte.“ Ihr Sohn ließ nicht lange auf sich warten, riss die Tür auf und stürzte ins Wohnzimmer. Die Ähnlichkeit mit seinem Vater war verblüffend. Er hatte nicht nur dieselbe kräftige Statue und das braune lockige Haar, sondern auch die Art, wie er sich bewegte, war unverkennbar Jan. Auch charakterlich ähnelten sich die beiden sehr. Sie liebten es, andere bis aufs Blut zu provozieren, übertrieben gerne und wechselten oft von einem Extrem ins andere. Der 14-Jährige nahm Anlauf, sprang über die Rückenlehne des Sofas und machte es sich vor dem Couchtisch bequem. Mit der Fernbedienung wählte er blitzschnell einen Streamingdienst aus und startete die nächste Folge seiner Lieblingsserie. Maren setzte sich zu ihm. Je älter er wurde, desto weniger Zeit verbrachten sie gemeinsam. Er ließ sich nur noch für wenige Dinge begeistern und fand es in der Regel uncool, etwas mit seiner Mutter zu unternehmen. Kein Wunder, in dem Alter!

1. September 2018

Es war Samstag. Noch bevor Maren die Augen aufschlug, verspürte sie bereits ein Kribbeln im Bauch und eine unbändige Lust auf den Tag, der blank vor ihr lag. Sie liebte dieses Gefühl. Keine Termine, keine Verpflichtungen, oder besser gesagt fast keine. Denn zu tun hatte sie natürlich jede Menge. Jonas war gestern zu seinem Freund Tim gefahren und wollte erst Sonntag wieder zurückkommen. Jan musste arbeiten, wie fast jedes Wochenende. Noch während sie im Bett lag und sich von links nach rechts drehte, schossen unzählige Ideen durch den Kopf, angefangen bei „was ich schon lange mal wieder machen wollte“ bis hin zu „das wollte ich schon längst einmal ausprobiert haben“. Es sprudelte nur so aus ihr heraus. Eindeutig zu viel für einen mal wieder viel zu kurzen Tag. Oder, ob sie doch arbeiten sollte? Unschlüssig stand sie auf und ging ins Bad. Als sie in den Spiegel blickte, waren ihre Gedanken direkt wieder bei Frank. Seitdem er Kontakt zu ihr gesucht hatte, war sie wie verwandelt. Und dieses neue Lebensgefühl gefiel ihr irgendwie. Mit festem Blick taxierte sie ihr Spiegelbild und schaute in das Gesicht einer gut gelaunten Frau. Ihre Augen lächelten. Ihre Gesichtszüge waren entspannt. Gleichzeitig entdeckte sie in ihrer Mimik etwas Weiches und Sanftes.

Jahrelang schien sich niemand für sie interessiert zu haben. Nicht einmal sie selbst. Ihr Frausein und ihre Weiblichkeit hatte sie völlig gedrängt und gegen Ihre Rolle als Mutter und Ernährerin eingetauscht. Kein Wunder. Denn auch von Jan bekam sie nur selten ein Kompliment, wogegen er mit Kritik nicht sparte: ihre Knochen seien zu spitz, ihre Haare zu kurz, der Busen zu klein. Wie hätte sie sich da schön, attraktiv oder gar begehrenswert finden können? Maren musste an Franks Worte denken. Sie fühlte sich wie aus der Zeit entrückt und verspürte wie sie sich langsam entkrampfte und dieses lässige Gefühl der Ungebundenheit in vollen Zügen genoss. Kopfschüttelnd grinste sie in ihr Spiegelbild: „Maren, was tust du da? Was soll das? Was willst du? Denk nach! Du bist eine erwachsene Frau.

17:23 Maren: Hi, ich bin es Maren. Unser kurzer Chat hat mich die ganze Woche über beschäftigt. Ich war nicht besonders nett zu dir. Aber deine Worte haben mich verwirrt. Wegen deiner Komplimente erlebe ich seit Mittwoch eine emotionale Achterbahnfahrt, meine Hormone tanzen Samba und ich bin voller Energie. So etwas passiert mir nicht jeden Tag. Genau genommen ist es das erste Mal. Danke dafür! Das hat mich neugierig auf dich gemacht, aber ich befürchte, das könnte zu kompliziert werden. Pass auf dich auf, Maren.

17:25 Frank: Hi, Maren, es ist okay. Es gibt keinen Grund, dass du dich schlecht fühlst. Ich habe dich überrumpelt. Das tut mir leid. Ich habe nicht mehr damit gerechnet, dass ich noch etwas von dir höre. Aber es freut mich. Lass uns den Startknopf auf null setzen. Was machst du dieses Wochenende?

17:29 Maren: Ich habe im Moment viel Arbeit und sitze fast den ganzen Tag am Laptop. Und du?

17:30 Frank: Ich habe dieses Wochenende nichts Besonderes vor. Heute Morgen war ich etwas Einkaufen und im Fitnessstudio. Dann habe ich mir etwas zu essen gemacht und die Wohnung in Ordnung gebracht. Später treffe ich mich noch mit einem Kollegen, der gerade zufällig in Istanbul ist, auf ein Glas Bier. Ich habe gestern an dich gedacht und wollte dir schreiben. Aber ich wollte dich nicht weiter stören.

17:31 Maren: Du störst mich nicht! Erzähle mir mehr von dir. Was machst du in Istanbul?

17:33 Frank: Ich bin Österreicher und lebe eigentlich in Wien. Da ich seit Anfang des Jahres für den Vertrieb unserer medizintechnischen Geräte in Vorderasien zuständig bin, verbringe ich viel Zeit in der Türkei, in Istanbul. Und du?

17:42 Maren: Wie du weißt, lebe ich mit meinem Mann und meinem Sohn in Frankfurt. Ich arbeite seit vielen Jahren freiberuflich als Eventmanagerin. In der Regel bin ich gut ausgelastet. Im Moment läuft er sehr gut. Erst in dieser Woche konnte ich zwei neue Aufträge gewinnen. Das ist mir schon lange nicht mehr passiert. Was für ein Coup!

17:51 Maren: Es tut mir leid, ich bin beim Schreiben von Textnachrichten etwas langsam. Mein Sohn lacht mich deswegen oft aus.

17:53 Frank: Gratuliere! Du scheinst mit dem, was du beruflich machst, erfolgreich zu sein. Das freut mich für dich. Wenn es dir lieber ist, kannst mir gerne eine Sprachnachricht schicken :-)

Maren zuckte zusammen. Oh nein, das kam gar nicht in Frage. Ihre Stimme würde gleich so viel über sie verraten, wahrscheinlich mehr als sie überhaupt sagen wollte. Dann doch lieber schreiben, auch wenn es länger dauerte. Sie schaute auf die Uhr.

17:53 Maren: Es tut mir leid, Frank. Ich muss jetzt los. Ich bin heute Abend mit einer Freundin verabredet.

17:59 Frank: Das ist okay. Ich wünsche dir einen schönen Abend. Kannst du mir schreiben, wenn du wieder zurück bist?

Wenig später traf Maren am „Schönen Platz“ ein. Während sie nach einem Abstellplatz für ihr Fahrrad Ausschau hielt, sah sie, wie ihr Judith von einem der Tische aus vor dem Lokal bereits zuwinkte. „Hey, schön, dass wir uns endlich mal wiedersehen. Gut siehst du aus.“ Judith stand auf und umarmte Maren herzlich. Die beiden kannten sich, seitdem ihre Söhne Jonas und Lukas Kindergartenfreunde waren. Maren strahlte über das ganze Gesicht und ihre Augen funkelten: „Danke.“ „Nein wirklich, etwas ist anders bei dir. Hast du ein neues Kleid? Eine andere Haarfarbe? Ein neues Make-up?“ „Nein, nein und nochmals nein.“ Sie mussten beide lachen. „Egal, du bist jedenfalls irgendwie besonders heute Abend.“

Kaum saßen die beiden Frauen am Tisch, kam der Kellner zu ihnen, ein dunkelhaariger lässiger Typ Ende 20. „Hi Ladies, wisst ihr schon, was ihr trinken wollt?“ „Wie wäre es, wenn wir mit einem Lillet starten?“ Maren sah Judith fragend an. „Oh, das ist eine gute Idee. Das kann ich gut gebrauchen nach dieser Woche. Es war mal wieder echt anstrengend.“ Maren wandte sich wieder dem Kellner zu: „Kannst du uns bitte zwei Lillet Berry bringen?“ „Klar, doch!“ Der junge Mann lächelte amüsiert und zwinkerte ihr beim Weggehen zu.