Blues ist das Weltall - Martin Bortz - E-Book

Blues ist das Weltall E-Book

Martin Bortz

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Beschreibung

Denkt das Fernsehen mit, wenn Caroline die Rangordnung in der Küche bestimmt, obwohl Manuel, der neuerdings in der Sprüche-Branche tätig ist, beim "halblinksen" abbiegen seine animierten Freunde unter einer Markise entschleunigt? Hat Muddy Waters in seinem Bluesmobil schon entdeckt, wie man die Welt ein kleines Stückchen besser machen kann? Sind Blind-Date-Phasen mit über fünfzig die "Hölle"? Und was, zum Geier, haben Panzernashörner mit dem Weltall zu tun? Auf all diese Fragen hat Manuel nicht direkt die passenden Antworten. Aber immerhin bringt er mit seinen Geschichten ein wenig Licht ins Dunkel. Schließlich ist er ein Mann, der auch mit fünfzig noch seinen Phantasien freien Lauf lässt. Mit tatkräftiger Unterstützung seiner Caroline und einem ironischen Blick auf alles, was so im Universum rumschwirrt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 203

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Der Autor

Martin Bortz wurde am 9. August 1965 in Tönisvorst geboren. Seine berufliche Laufbahn brachte ihn in den Bereich der IT. Die Liebe zum Film und der Wunsch, kreativ tätig zu sein, veranlassten ihn, ein Buch zu schreiben. Mit seinen heiter-ironischen Geschichten möchte er dem Leser ein gutes Gefühl vermitteln.

„Blues ist das Weltall“ ist seine erste Veröffentlichung.

Martin Bortz

Blues ist das Weltall

Kurzgeschichten

Obwohl der Inhalt dieses Buches autobiographisch inspiriert ist, lassen die beschriebenen Handlungen oder Personen keine Rückschlüsse auf lebende oder verstorbene Personen zu. Somit sind Ähnlichkeiten unter Umständen rein fiktiv und nicht beabsichtigt.

© 2015 Martin Bortz

Autor: Martin Bortz

Umschlaggestaltung, Illustrationen: Martin Bortz

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN:

978-3-7323-7075-7 (Hardcover)

978-3-7323-7074-0 (Paperback)

978-3-7323-7076-4 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

Vorwort

Samstagmorgen

Panzernashörner

Weghören

Küchenhackordnung

Chat war’ nett

Erholung vs. Sport

Expertenrat

Der Umzug

Der Atem des Todes

Die Blind-Date-Phase

Der Copy-Shop

Göttliche Instanzen

Mein bayrisches Cowgirl

Der Gig

Die Panflöten-Situation

Die Imaginätrix Trilogie Teil 1

Auf’m Ersten

Animierte Freunde

Pärchenbildung

Die Markise

Rückkopplung

Synchronisation

Entschleunigung

Willi

Bildungsreise

Manuel

Mimi Pasulke

Das Bluesmobil

Das L-Wort. Los!

Halb links

Denkendes Fernsehen

Der Snooker-Spruch

Stirb gar nicht

Die Hölle

Karotten mit Steinen gewaschen

Ausweichmanöver

Marktbeherrschung

Der Besuch im Krankenhaus

Trinken nicht vergessen

Enge Hosen

Hoochie Coochie Man

VORWORT

Im Winter fällt es nicht so auf, wenn man weinend durch die Gegend läuft. Trifft man jemanden, kann man immer noch sagen, dass die roten Augen von der klirrenden Kälte kommen. Überhaupt passt weinen in die dunkle Jahreszeit. Den Blues haben, trotz oder gerade wegen der unermüdlichen Aufforderung durch die Werbung, motiviert zu sein und der nervigen ‚Du kannst alles schaffen!‘-Weisheiten. Nur wer nicht stillsteht, sich ständig entwickelt und beruflich Erfolg hat, dem wird Glück versprochen. Selbst wenn man alt ist und im Rollstuhl sitzt können die letzten Tage nur glücklich verbracht werden, wenn man verrückte Dinge anstellt, wie zum Beispiel Fallschirmspringen. Scheitern ist keine Option.

Woher kommt das, war es früher anders? Ganz früher, also ich meine bei der Entstehung des Universums, war das sicherlich noch kein Thema. Ob ein möglicher Schöpfer von all dem etwas vorausgesehen oder gar gewollt hat? Die Zeit vom ersten Fisch, der sich an Land breitgemacht hat, bis hin zum Verdampfen der Erde durch eine sich riesig aufblähende Sonne, ist astronomisch gesehen doch nur ein Fingerschnips. Also wo liegt der verdammte Sinn in unserem Dasein, im sich entwickeln, im Scheitern oder im Desinfektions-Gel für die Hände (was eigentlich keine schlechte Erfindung ist)?

Ich könnte mir vorstellen, dass ein möglicher Schöpfer sich gedacht hat: „So Leute, das war echt viel Arbeit. Jetzt seid ihr dran. Macht was draus und lasst mich in Ruhe!“. Und dies wiederum würde doch eigentlich auch bedeuten, dass jeder von uns das Recht auf ein kleines Quäntchen Glück hat.

Wie, das muss jeder für sich selbst herausfinden. Lachen wäre doch schon mal ein guter Anfang…

SAMSTAGMORGEN

„Sag mal, Manuel, wann stehst du endlich auf?“, meine wundervolle Frau Caroline wies mich unsanft darauf hin, dass wir heute noch was vorhatten. „Du weißt doch, der frühe Vogel und so…“

„Der frühe Vogel kann mich mal“, murmelte ich ins Kissen.

„Für den ist es jetzt sowieso schon zu spät. Hast du eigentlich eine Ahnung, wie viel Uhr es ist?“

Meine Augen versuchten, die Anzeige auf dem Wecker zu fixieren. Dies erwies sich als äußerst schwierig. Offensichtlich hatte sich jemand, während ich schlief, in meinem Kopf eingenistet und mit einer ausgiebigen Renovierung begonnen. Ich spürte lautes Hämmern.

„Lass mich in Ruhe. Ich bin fünfzig“, versuchte ich es auf die Mitleidstour.

„Bist du nicht. Das dauert noch ein paar Monate. Und jetzt schwing deinen süßen Arsch aus dem Bett!“

Wunderbar, wie Caroline es immer wieder schaffte mich zu motivieren. Der gestrige Abend mit meinen Kumpels war ziemlich aus dem Ruder gelaufen. Wir wollten aber früh raus und uns das Mittelalter-Fest im Nachbarort anschauen. Da war sie über meine Verfassung nicht gerade erfreut. Trotzdem versprühte sie gute Laune.

‚Ab ins Bad. Frisch machen gehen.‘, dachte ich. So ein Quatsch. Wer hat eigentlich irgendwann mal beschlossen, das ‚frisch machen‘ zu nennen. ‚Restaurierung‘ würde es besser treffen. Und dann immer diese liebenswürdige und gute Laune meiner Frau.

„Tralala. Ist ein richtig schöner Tag heute. Die Sonne scheint ab und zu. Es ist nicht kalt. Hat nur kurz geregnet. Im Radio brachten sie gerade einen kurzen Bericht über…“

An einem normalen Tag lausche ich gerne mal ihren Ausführungen. Aber bitte nicht heute Morgen. Ich versuchte, mich auf meine Aufgabe im Bad zu konzentrieren. Während Caroline mit ihrem Monolog aus der Küche fortfuhr, schaffte ich es erfolgreich eine unfallfreie Dusche zu nehmen. Zum Zuhören bestand aber keine Möglichkeit.

Nachdem ich mich in meine Klamotten gequält hatte nahm ich Portemonnaie und Autoschlüssel zur Hand, zog meine Jacke an und wandte mich stolz an meine staunende Frau. Warum kuckte die so komisch?

„So. Bin fertig. Wir können los.“

„Wie? Wohin?“

„Häh? Na zum Mittelalter-Fest!“, doofe Frage.

„Hörst du mir auch nur ein einziges Mal in deinem Leben zu?“

„Äh ja, klar. Tu ich doch immer.“

„Ich habe Dir doch vorhin gesagt, dass die im Radio durchgegeben haben, das Fest sei abgesagt worden. Wegen einer Sturm- und Gewitterwarnung.“

„Aber es ist doch so schön draußen. Ja, ja. Genau. Das hast du gesagt!“, ab und zu krieg ich ja doch was mit.

„Es soll hier nachher richtig knallen. Eine riesige Unwetter-Front zieht genau auf uns zu.“

Na toll. Und weswegen hatte ich mich aus dem Bett geschält? Obwohl, eigentlich war das doch eine Fügung des Schicksals. Jetzt brauchte ich nicht stundenlang über einen völlig überfüllten Marktplatz laufen. Und diese Stände mit dem angeblich mittelalterlichen Angebot. War sowieso jedes Jahr das Gleiche. Meine Laune wurde besser. Könnte ja doch noch ein schöner Samstag werden.

„Da wir ja nun Zeit haben, könnten wir eigentlich zu meiner Mutter fahren. Da waren wir schon so lange nicht mehr. Ich rufe die gleich mal an und sag Bescheid.“

So sehr Caroline es verstand mich aufzumuntern, so sehr hatte sie aber auch eine Antenne dafür, mir den Tag komplett zu versauen.

„Aber, aber… das Fest… Mittelalter… Gewitter… Kopfschmerzen“, ich bekam keinen vernünftigen Satz raus.

„Ja mein Liebster?“, grinste sie. Sie wusste genau was los war. Was konnte ich tun? Ich musste mir schnell was ausdenken um den Tag zu retten. Vielleicht könnte ich zu hohen Blutdruck vortäuschen und mich ins Krankenhaus einweisen lassen. Oder ein Feuerzeug ans Thermometer halten. Da, jetzt griff sie schon zum Hörer.

„Warte mal. Wie wäre es denn damit, wir ziehen uns nochmal aus, legen uns hin und kuscheln noch ein wenig.“

Ja genau, kuscheln. Damit kriegt man sie immer.

„Kuscheln? Pah! Du und kuscheln. Wenn du kuscheln sagst, meinst du Sex.“

„Ja und? Wäre das so schlimm?“, erwiderte ich, ein wenig beleidigt.

„Ich bin jetzt nicht in Stimmung. Will mal raus hier.“

„Aber das Unwetter. Oder wir machen uns gleich was Leckeres zu essen und schauen uns danach einen schönen Film an. Oder kucken nochmal die Urlaubsbilder, oder ich massiere dir den Rücken?“

„Also irgendwie habe ich den Eindruck, du würdest alles tun. Hauptsache wir fahren nicht zu meiner Mutter.“

„Nein. Nein. Nicht doch.“

Das kam jetzt ein wenig zu abwehrend rüber.

Kurze Zeit später saßen wir im Auto und fuhren zu meiner Schwiegermutter. Das Gewitter war heftig. Aber im Auto soll man da ja am sichersten aufgehoben sein. Was soll ich sagen, irgendwie war es dann doch noch ganz nett bei ‚Mutti‘, wie ich sie immer nenne. Sie hatte etwas Leckeres zum Essen gezaubert. Außerdem hatte ich immer schon eine große Freude daran zu beobachten, dass Mutter und Tochter ein so tolles Verhältnis zueinander haben. Und viel zu erzählen gab es auch, mal wieder. Und das alles ohne weghören. Und gekuschelt haben wir später auch noch. Also ich mit Caroline, nicht mit Mutti.

PANZERNASHÖRNER

Bei meiner täglichen Durchsicht des kompletten Internets stieß ich neulich auf ein bemerkenswertes Video. Es war eine Nachricht über ein kleines Nepalesisches Bergdorf, in das sich ein Panzernashorn verirrt hatte. Panzernashorn. Panzernashorn. Was für ein Wort. Natürlich kenne ich diesen Begriff, aber ich hatte ihn schon eine Ewigkeit nicht mehr gehört. Das mag daran liegen, dass diese armen Tiere so gut wie ausgestorben sind und nur noch in dieser Region der Erde vorkommen. Man hört ja immer in Tierdokus vom Nashorn oder Rhinozeros, aber von einem Panzernashorn war lange nicht mehr die Rede.

Jedenfalls lief dieses Panzernashorn mit seiner vier Zentimeter dicken Hautschicht, die aussieht wie Panzerplatten, über die Hauptstraße des Dorfes. Die Menschen stieben in alle Richtungen und es war sehr beängstigend zu sehen, wie einige sehr mutige Männer hinter diesem gewaltigen Vierbeiner wild gestikulierend herliefen. Sie vertrieben es mit lauten Geräuschen.

Diesen Mut fand ich beeindruckend. Den hätte ich nicht. Ich habe ja schon Angst mich im Restaurant für ein Menü zu entscheiden. Immer bekomme ich von allen Anwesenden das schlechteste Essen. Echt wahr. Egal in welcher Gaststätte und egal welches Gericht. Was auch immer ich mir aussuche, es wird furchtbar oder total öde sein. Die anderen bekommen immer die tollsten Speisen. Verziert mit den leckersten Sachen. Ich bekomme einfach nur ein vergilbtes Schnitzel mit ein paar trockenen Pommes auf den Tisch geknallt. Am Schlimmsten ist das in der Eisdiele. Während die anderen immer absurd große Eisbecher bekommen, mit tausend verschiedenen Früchten und den raffiniertesten Soßen versehen, erhalte ich eine kleine Schale mit zwei kleinen Kugeln Kaugummi-Eis. Ohne irgendetwas drauf.

Ich könnte mich natürlich beim Kellner beschweren. Aber das mach ich nicht mehr. Da habe ich schlechte Erfahrungen gemacht.

„Äh, Herr Ober?“

„Ja, Herr Gast!“

Schon ist die Stimmung des Kellners auf 180.

„Ist dem Herrn irgendetwas nicht genehm?“

„Na ja, ich habe hier dieses Schnitzel bekommen…“

„Das sehe ich.“

„…und das ist total zäh. Und die Pommes sind ganz trocken. Und wo ist die Mayo, die ich bestellt hatte? Bekomme ich keinen Salat?“

„Wow. Na da ist ja einem ganz schön was über die Leber gelaufen heute, was? Das Fleisch ist total zäh? Hören sie mal, ich weiß ja nicht wo Sie herkommen und was für eine Schulbildung sie haben. Aber haben Sie eigentlich schon mal daran gedacht, dass Sie für die paar Mark keine Qualität erwarten können. Typisch, zu geizig für irgendwas, aber am liebsten ein Stück Kobe-Rind dafür erwarten. SIE sind es doch, der den ganzen Fleischmarkt kaputt macht. Kein Geld ausgeben wollen und sich dann wundern, dass die Tiere unter unwürdigen Bedingungen gezüchtet und mit Antibiotika vollgestopft werden. Wen wundert es da, dass der Rinderwahn um sich geht. Keine Mayo? Sie Banause. Sowas essen wir hier nicht zu den Pommes. Ach ja, und apropos Pommes und trocken und so. Haben Sie schon mal nasse Pommes gesehen? Also ehrlich. Typen wie Sie gehen mir sowas von auf den Keks. Wir reißen uns hier alle den Arsch auf für Sie und Ihresgleichen. Und trotzdem kommen wir nur mit 800 Euro monatlich nach Hause. Davon muss ich meine fünfköpfige Familie ernähren. Jeder Hartz IV’ler kriegt mehr. Haben Sie da schon mal drüber nachgedacht? Nein? Wundert mich nicht. Und was war noch… ach ja, kein Salat. Der Herr möchte auch noch einen Salat für das unterbezahlte Essen?! Selbstverständlich soll der natürlich auch noch Bio sein. Und der Koch hat dazu auch noch eine selbstgemachte Salatsoße anzubieten, die sonst nur ein Sternekoch hinkriegen würde. Was? Wie? Ich glaub mein Schwein pfeift.“

Da muss ich ja jetzt doch wieder an das Panzernashorn denken. Wenn man es so sieht, wie es total stoisch durch dieses Dorf trabt. Es hatte wahrscheinlich total Angst, aber es würde jeden platt machen, der sich ihm in den Weg stellt. So wie der Kellner. Schwer berechenbar diese Tiere / Menschen. Obwohl…

WEGHÖREN

„Du hörst mir schon wieder nicht zu! Das tust du nie!“ Caroline beschwerte sich, wie ich zugeben muss, nicht ganz zu Unrecht über meine nicht vorhandene Aufmerksamkeit. Na ja, grundsätzlich stimmt das aber nicht. Natürlich höre ich zu. Aber irgendwann kommt der Moment, an dem es lebenswichtig ist, wegzuhören. Damit man nicht völlig wahnsinnig wird. Damit im Kopf auch noch Platz ist für die Gedanken, die man selber gerne denken möchte. Damit nicht die komplette Prozessorleistung im Gehirn für Carolines Ausführungen des Tages draufgeht.

„Stimmt doch gar nicht!“

„So? Worüber habe ich denn gerade gesprochen?“

„Na ja. Genau kenne ich den Wortlaut natürlich jetzt nicht mehr. Kann ja schlecht alles behalten.“

„Komm schon, du wirst doch wohl noch wissen, was das Thema war?“

„Ja klar. Du sprachst über deine Kolleginnen und das die eine sich heute kurzfristig krank gemeldet hatte. Daraufhin musstet ihr schnell eine Vertretung finden.“

„Sach ma, willste mich auf den Arm nehmen? Darüber haben wir gestern gesprochen. Ich glaub das nicht.“

„Gestern? Echt wahr? Wow…“, war selber ein wenig überrascht. Offensichtlich werden meine Abschaltzeiten immer länger. Aber was will man auch machen. Da sitzt man völlig entspannt auf der Couch und kuckt Fernsehen. Eine tolle Dokumentation über das Verhalten von Erdmännchen in der Herde. Die sind ja sowas von niedlich. Und lustig. Und super interessant. Ich möchte natürlich diese Doku bis zum Ende sehen. Dann kommt Caroline nach Hause. Sie war nach der Arbeit noch kurz shoppen. Und hatte super viel zu erzählen. Wie immer.

„Tag Schatz. Du glaubst nicht, was heute passiert ist. Als ich auf der Arbeit ankomme stehen da mehrere Kuchen, jemand hatte Kaffee gekocht und Luftballons aufgeblasen. Ich dachte noch, was ist denn hier passiert? Dann kommt Beate ins Büro und trägt eine Schürze. Sie ist dabei die Kuchen anzuschneiden. Sie erzählt mir, dass sie Geburtstag hat. Wusstest du, dass die schon 55 ist? Egal, bei so einem runden Geburtstag ist es bei uns so üblich, dass derjenige einen ausgibt…“

So geht das dann weiter. Währenddessen packt sie ihre Tasche aus, geht ins Büro um die Tasche dort abzulegen, danach ins Schlafzimmer um sich etwas Anderes anzuziehen, auf die Toilette, und dann in die Küche. Dort fängt sie dann an sich was zu essen zu machen. Dabei bleibt die Lautstärke immer gleich und es fällt mir schwer etwas zu verstehen. Die Atem-Technik, die sie dabei anwendet, ist bemerkenswert. Ein Luftholen hört man nicht.

Ich habe dadurch nun schon mindestens 10 Minuten der Sendung verpasst und möchte den Rest gerne noch mitkriegen. Aber ich habe keine Möglichkeit einen Satz zwischen ihren Ausführungen unterzubringen. Daher wende ich meine Ausblendtechnik an. Während ich zwischendurch immer mal ein ‚ach so‘ oder ‚ja genau‘ einbringe, konzentriere ich mich auf das Fernsehen.

Dann allerdings habe ich es wohl etwas zu weit getrieben. Sie ruft aus der Küche: „Hallo. Wie siehst Du das mit morgen? Und wann genau ist das morgen?“

Das hatte ich zumindest verstanden. Aber genau weiß ich es nicht mehr. Bin sofort total perplex und stammel mir eine völlig sinnentleerte Antwort raus: „Nein, nein. Morgen um die gleiche Zeit ist es genauso spät wie jetzt.“

„Häh? Wie meinste das denn jetzt?“

Ich gebe ja zu, dass das nicht die feine Art ist. Aber was soll ich denn machen? Irgendwie habe ich doch auch das Recht mal an die Sachen zu denken, die ich möchte. Grundsätzlich finde ich es ja ganz toll, dass sie mir viel erzählt. Und oft genug höre ich gerne zu. Ich war einmal in einer Beziehung, wo man sich überhaupt nichts zu sagen hatte. Man ödete sich an. Also? Ist doch alles gut.

Aber diese Redegewitter sind schon anstrengend. Manchmal werde ich dabei auch müde. Mir fallen spontan die Augen zu. Die Lider werden plötzlich total schwer und es ist unmöglich, sie aufzuhalten. Auch wenn ich oft Probleme beim Einschlafen habe, aber es gibt Situationen, in denen ich quasi aus dem Stand einschlafen könnte:

im Wartezimmer des Zahnarztes, auf dem Klo, hinterm Steuer auf der Autobahn und während Carolines Erzähl-Attacken.

Caroline zeigte nach ein paar Erklärungen Verständnis für mich. „OK, manchmal lasse ich vielleicht ein paar Gedanken zu viel auf dich einregnen.“

„Ja. Und ab und zu kommentierst du laut was du gerade tust oder noch vorhast. Das muss ich doch alles gar nicht wissen, oder?“

„Nein, natürlich nicht. Du musst ja nicht alles behalten. Sowas kannste ja ausblenden.“

„Das ist eine Falle. Um entscheiden zu können, ob ich mir etwas merken soll oder nicht, muss ich die Bemerkung ja erst mal hören. Und dann ist es schon zu spät. Zu spät zum Ausblenden. Außerdem, wie soll ich das entscheiden? Welche Bemerkung soll ich mir merken und welche nicht?“

Ich sehe schon, da gibt es noch viel zu tun. Ich muss an meiner Technik einfach weiter feilen. Muss sie ausarbeiten. Muss mich informieren, Ratschläge und Erfahrungsberichte von anderen einholen. Muss mal googlen. Vielleicht gibt es ja auch Messen zu dem Thema, oder Seminare. Oder Hörbücher zum weghören.

Auf jeden Fall werde ich da immer professioneller. Irgendwann werde ich mein Wissen an andere weitergeben und in Rhetorik-Seminaren alle Männer zur gedanklichen Unabhängigkeit erziehen. „Sie wollen lernen ihrer Frau zuzuhören, aber ihr dabei nicht zuhören?“, werde ich das Seminar beginnen. „Die Antwort liegt in Ihnen selbst.“

Sie werden mir aus der Hand fressen. Wahrscheinlich werde ich dadurch tausende von Ehen retten. Sowas kriegt man bestimmt gut bezahlt. Manche werden mich sicherlich auch aus Dankbarkeit in ihr Testament aufnehmen. Eine Stiftung wird gegründet und nach mir benannt. ‚Die aufmerksamen Weghörer‘ wird meine erste Biographie heißen. Die Staatsmänner der Welt werden mich zu Privataudienzen bitten und mich um Rat fragen für die Verhandlungen mit den Repräsentanten schwieriger Problemstaaten. Der Papst…

„MAAAANUEL!!“

KÜCHENHACKORDNUNG

Unsere Küche befindet sich auf modernstem Stand. Die Anordnung und die Aufteilung von Küchengeräten, Besteck, Geschirr, Lebensmitteln und Schränken ist genauestens aufeinander abgestimmt. Die Wege, die zwischen den verschiedenen Arbeitsgängen zurückgelegt werden müssen, sind wissenschaftlich berechnet.

Wahrscheinlich steckt dahinter eine flammneue Studie des Max-Planck-Instituts. Das kann ich jetzt nicht genau sagen. Ich halte mich da weitestgehend raus. Caroline hat alles absolut logisch sortiert. Ein Griff und man hat, was man braucht. Sofern man sich vorher einige Stunden Zeit nimmt, um sich alles einzuprägen.

Der Mixer befindet sich im Schrank mit den Backformen. Der Stabmixer hingegen steht, und das versteht sich ja von selbst, auf der Fensterbank neben dem Schnittlauch. Die Siebe befinden sich auf dem kleinen Regalbrett über der Durchreiche, direkt neben der Mini-Stereo-Anlage. Aber nur die emaillierten Siebe. Die Drahtsiebe sind? Na? Richtig. Im Schrank mit den Backzutaten.

Dies ist aber nur die Mai-Kollektion. Bzw. die Kollektion für die Mai’s mit ungerader Jahreszahl. Nächsten Monat, oder nächstes Jahr, sieht die Ordnung total anders aus.

ICH FIND’ DA NIX! Gut, dass ist jetzt etwas übertrieben. Meine Utensilien für die Zubereitung des morgendlichen Kaffees habe ich ganz gut im Griff. Aber nur, weil ich bisher unter größtmöglichem Aufwand für die Erhaltung meines Kaffee-Hänge-Schränkchens gekämpft habe. Allerdings muss ich ab und zu die Zuckerdose nachfüllen. Da komme ich in Grenzbereiche. Der Zucker wird an einem von Caroline auserkorenem Platz aufbewahrt. Aber das habe ich gelernt. In den Übergangsjahreszeiten befindet sich dieser im rechten oberen Schrank bei den Teesorten. In den anderen Jahreszeiten in der unteren Schublade mit den Plastikdosen. Oder in dem daneben. Schwierig wird es aber, wenn tatsächlich kein Zucker mehr da ist. Bis ich das festgestellt habe…

Nachdem ich mir also morgens einen Kaffee aufgebrüht hatte, griff meine linke Hand automatisch in Richtung Brotkorb. Ich hatte aber nicht bedacht, dass wir einen Jahreswechsel hatten. Der Brotkorb stand zwar immer noch an der gleichen Stelle, aber es wurden nun Chips-Tüten in ihm gelagert. Nachdem ich alle logischen Aufbewahrungsorte abgesucht hatte musste ich doch noch auf die Hilfe von Caroline zurückgreifen.

„WO IST DAS VERDAMMTE BROT?“

„Wir haben keins mehr, Schatz. Hatte ich dir gestern aber gesagt.“

Das war’s mit dem Frühstück. Der Kaffee war sowieso schon kalt.

Ab und zu koche ich ganz gerne mal was Leckeres. Mir wurde auch schon von vielen Leuten eine gewisse Kochkompetenz bescheinigt. Wenn ich dann für Caroline und mich etwas Schönes zubereiten will, läuft das in der Regel so ab:

Nachdem ich am Vortag den Einkauf für den Festschmaus getätigt und alles in der Küche verstaut hatte, sortierte Caroline das Gekaufte erstmal wieder an die richtigen Stellen. Abends. Ohne mein Wissen. Ich wollte eine ganze Ente mit Knödeln und Rotkohl zubereiten.

„WO IST DIE ENTE? WO IST DIE VERFLUCHTE ENTE?“. So schwer kann es doch nicht sein, dieses riesen Ding zu finden. Ich wusste nicht, über wen ich mich mehr aufregen sollte. Über mich oder Caroline.

„Aber Manuel!“, klang es fast vorwurfsvoll. „Wo soll die schon sein. Im Kühlschrank.“

„ICH SEH SIE ABER NICHT!“

„Lass mich mal ran!“, befahl Caroline, öffnete die Kühlschranktür und holte aus der unteren linken Ecke die Ente hervor. Diese war gut getarnt durch davor platzierte Töpfe mit Resten vom gestrigen Abendessen.

Na gut. Weiter ging’s. Die Ente musste mit einer Marinade eingestrichen werden, die ich selbst zubereiten wollte. Salz und Pfeffer fand ich direkt. Erstaunlich. Und die anderen Sachen?

„Paprika!? Öl?! Knoblauch?! Wo? WO? WOOOO?“

Es konnte doch nicht sein, dass ich komplett gar nichts davon finde. Caroline unterbrach zum wiederholten Male ihre häusliche Tätigkeit um mir bei zu stehen.

„Du weißt doch. Paprika befindet sich hier!“, sie holte es aus dem Schrank mit den Backzutaten. Klar. Jetzt fiel es mir wieder ein. „Das Öl steht im Vitrinen-Schrank und der Knoblauch liegt bei den Zwiebeln unter der Spüle.“

„Unter der Spüle?! Moooment mal. Sonst stand das doch auf dem oberen Regal!“

„Nein. Es stand vorher in dem Regal neben dem Schubladen-Schrank und ist von mir gestern unter die Spüle gestellt worden.“

„Aha!“

„Nix ‚Aha‘. Du hättest es sowieso nicht behalten.“

Jetzt konnte ich endlich, nachdem Caroline mir noch die kleine Schüssel und den Bratpinsel rausgeholt hatte, die Marinade anrühren und den Vogel einpinseln. Wie war das jetzt noch mit dem Ofen? Musste der vorgeheizt werden? Welche Temperatur? Soll ich den Römertopf verwenden? Auf alles hatte sie eine entsprechende Antwort. Und da sie ja eh schon mal dort stand, führte sie die entsprechenden Handgriffe auch direkt aus.

Als sie dann anfing die Knödel zu machen ging ich ins Wohnzimmer. Wo der Rotkohl zu finden war, wusste ich sowie nicht. Außerdem ging das alles jetzt schneller. Uns knurrte mittlerweile auch der Magen. Und ich konnte mich in Ruhe auf die Recherche nach vernünftigen Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen begeben.

‚Wie gut, dass ich auch mal wieder was in der Küche gemacht habe‘ dachte ich. Schließlich soll Caroline dort ja nicht die komplette Oberhand gewinnen.

CHAT WAR’ NETT

„Kommst Du nachher noch rüber zur Party?“ Chattete ich mit meinem Kumpel Willi.

„Klar!“

„Wann denn?“

„Weiß nicht, wann soll ich?“

„Acht?“

„Du meinst 20 Uhr?“

„Ja klar, du Eimer. Was denkst du denn?“

„Hätte ja auch morgens sein können!“

„Ne, is klar!“

„Soll ich was mitbringen?“

„Ja logo, is ne Bottle-Party. Haste wieder nicht zu gehört?“

So ging das dann noch eine Weile weiter. Nun kenne ich einige Menschen, die meinen, dass diese Chatterei völlig für die Tonne ist. Die Zeit, die bei sowas draufgeht, gäbe einem keiner wieder. Da wäre es doch viel besser, kurz anzurufen. Vor allem in Zeiten, wo sowieso jeder für alles Mögliche eine Flatrate hat. Dieser soeben genannte Chat hätte gar nicht stattfinden brauchen. Nummer anwählen, Willi hebt ab, kurze Absprache und tschüss.

Nun, ich bin nicht der Meinung.

Ich finde, dass es Situationen gibt, in denen man nicht unbedingt mit einem anderen telefonischen Kontakt aufnehmen will. Zum Beispiel, wenn man gerade dabei ist, das Essen zuzubereiten. Oder wenn man beim Essen ist. Oder wenn man dabei ist, dass Essen wieder los zu werden. Natürlich ist es doof, mit jemandem Chat-Nachrichten während des Essens zu schreiben. Aber mit jemandem zu telefonieren sicherlich auch.

Es spricht aber noch etwas Anderes gegen vorschnelle Anrufe. Nämlich so eine Situation, wie ich sie erlebt hatte.

An einem der vergangenen Silvester-Abende hatten Caroline und ich uns vorgenommen, diesmal zu Hause zu bleiben. Caroline musste bis 20 Uhr arbeiten. Ich hatte dafür versprochen, ein köstliches Mahl zuzubereiten. Das Menü sollte eine Überraschung werden.

Es gehörte immer schon zu den größten Vergnügungen für mich, an Silvester oder auch am Heiligen Abend, einkaufen zu gehen. Jedem ist klar, dass es ab morgen nichts mehr zu essen gibt. Daher muss dringend noch alles leer gekauft werden.