Blumen für Zoë - Antonia Kerr - E-Book

Blumen für Zoë E-Book

Antonia Kerr

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Beschreibung

Als Richard nach vielen Jahrzehnten von Evelyn verlassen wird, hängt er seinen Beruf an den Nagel und zieht mit dramatischer Geste in einen Altersruhesitz. Gehörig aus der Ruhe bringt ihn aber schon bald eine junge Frau namens Zoë, mit welcher der verliebte Frührentner nach Kanada aufbricht. Auf endlosen Straßen trudelt das unwahrscheinliche Duo im Auto durch Amerika und steigt in seltsamen Motels ab. Zoë ist 22 Jahre alt, lustig, geheimnisvoll, wunderschön und bei Tisch wie im Bett unersättlich. Nur Scrabble kann ihrer überbordenden Libido mitunter Einhalt gebieten … Richard und auch der häufig telefonisch zu Rate gezogene Psychoanalytiker sind sich darin einig, dass die Sache nirgendwohin führen kann. Man ist ja nicht eben unerfahren in diesen Dingen und der Melancholie zugetan. Antonia Kerr erzählt diese burleske Odyssee fröhlich und atemlos wie eine Salsa. Zweifellos hat sie Nabokov, Hemingway und Philip Roth gelesen, doch ihre talentierte Version dieser altbekannten Geschichte ist witzig, frisch und – trotz eines männlichen Erzählers – weiblich!

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Seitenzahl: 150

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Antonia Kerr

Blumen für Zoë

Roman

Aus dem Französischen von Jutta Schiborr

Verlag Klaus Wagenbach    Berlin

Die französische Originalausgabe erschien 2010 unter demTitel Des Fleurs pour Zoë bei Editions Gallimard in Paris.

Wagenbachs E-Book-Ausgabe 2013

© 2010 Editions Gallimard, Paris© 2011 für die deutsche Ausgabe Verlag Klaus Wagenbach GmbH,Emser Str. 40/41, 10719 Berlin.Alle Rechte vorbehalten.Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.

ISBN 978 3 8031 4137 8Auch in gedruckter Form erhältlich: ISBN 978 3 8031 2662 7

Für Alain T.

»Das Leben ist ein Gebet,das allein die Liebe einer Frau erhören kann.«

Romain Gary›Ach, Liebster, das macht doch nichts‹,1977

Prolog

Ich komme jetzt allmählich in ein Alter, in dem man über seine Memoiren nachdenkt, nachdem man eine Weile erwogen hat, seinen Stammbaum zu erstellen. Da aber sämtliche Papiere meiner Vorfahren bei der Geburt meines Urgroßvaters, der das Produkt eines Inzestes war, von Mitgliedern der Episkopalkirche verbrannt worden sind, ist mir diese Übung glücklicherweise erspart geblieben.

Kürzlich habe ich ein Studientreffen organisiert, was ebenfalls auf der Liste meiner noch zu erledigenden Aufgaben vor dem Prostatakrebs stand. Ich dachte, das Wiedersehen mit meinen Jahrgangskollegen würde mir guttun, doch ich hätte mal besser auf den Rat meines Freundes Barry hören sollen. Er kennt sich mit Veranstaltungen dieser Art aus und hatte mich davor gewarnt, dass ein Studientreffen vieles mit einer Versammlung von Kriegsveteranen gemein hätte. Dank der Magie des Internets hatte sich mein Wohnzimmer mit jungen Greisen gefüllt, die ehemals flotte Studenten gewesen waren und jetzt ein Glas Regal-Bier in der Hand hielten. Wir trugen alle kleine Namensaufkleber am Jackenrevers. So habe ich auch Ingrid F. wiedergetroffen, meine Freundin aus der Zeit, als ich siebzehn war. Diese schwedische Schönheit verschwand mittlerweile unter einem Haufen Falten, sodass ich einen Moment brauchte, um mich an das neue Gesicht zu gewöhnen und den Anflug von Schwermut vorbeiziehen zu lassen, die mich zu erfassen drohte. Ich konnte mir den Gedanken nicht verkneifen, dass das der Anfang vom Ende war. Kurzum, das Hochgefühl, das mir dieses Wiedersehen bereitete, war schnell verflogen. Alles in allem hätte ich es vorgezogen, die leicht verblasste Erinnerung an Ingrid zu bewahren, mit ihrer skandinavischen, die Schulterblätter umspielenden blonden Pracht.

Nach dieser enttäuschenden Erfahrung hatte ich beschlossen, meine Liste in den Müll zu werfen und mir keine Ziele mehr zu setzen. Doch das hätte ich mir auch sparen können. Das Leben holt uns immer wieder ein, das ist zumindest meine Erkenntnis.

Zoë jedenfalls stand nicht auf meiner Liste. Während ich diese Zeilen schreibe, schlummert sie auf dem Rücksitz. Der Kater schläft ebenfalls, zusammengerollt zwischen ihren Brüsten. Dieses Mistvieh nimmt tausendmal mehr Platz in ihrem Herzen ein als ich, selbst wenn sie das Gegenteil behauptet. Ich muss mich fest auf das Lenkrad stützen, sonst kann später niemand meine Sauklaue lesen. Aber ich will nun mal, dass mein Bericht die Jahrhunderte überdauert: Vielleicht kommt dann irgendein Spinner auf die Idee, auf der Basis meiner Notizen eine Religion zu gründen, die aus Zoë die neue liebreizende Madonna des Jahres 2200 macht. Ich hätte selbst gern diese Glaubensgemeinschaft gegründet, aber jedes Mal, wenn ich Zoë im Schlaf betrachte, komme ich der Christenheit ein kleines Stück näher. Ich betrachte mich jedoch als ihren ersten Jünger, weil ich an nichts glaube außer an sie – Zoë bringt mich Gott näher, um mich sogleich wieder von ihm zu entfernen.

Wir sind wahrscheinlich in Nevada, zumindest sieht man rote Felsformationen und den einen oder anderen Kaktus, aber sie könnte das besser sagen – ich habe keinerlei Orientierungssinn und mein Gedächtnis lässt mich allmählich im Stich. So kommt es vor, dass ich einen Bundesstaat verlasse und mich schon eine Stunde nach Passieren des Grenzschildes nicht mehr daran erinnern kann, um welchen Staat es sich gehandelt hat. Schlimmer noch, manchmal weiß ich nicht einmal mehr, wo ich gerade bin, wie jetzt zum Beispiel. Mein Vater würde sicher sagen, das liegt daran, dass ich zu lange in New York gewohnt habe und das Stadtleben seine Spuren hinterlassen hat. Er hätte wohl nicht ganz unrecht, auch wenn das Alter nunmehr ebenfalls zu Buche schlägt. Ich fahre ganz nach Gefühl, was mir mitunter einigen Ärger einhandelt. Deshalb ist es Zoë, die sich um die Route kümmert, und ich mich ums Fahren, so ungewöhnlich eine solche Arbeitsteilung sein mag. Wir sind auf dem Weg nach Kanada, aber vorher machen wir noch eine kleine Tour durchs Land; das ist die Gelegenheit für Zoë, etwas über die hiesige Fauna und Flora zu erfahren, obzwar sie ein gebildetes Kind ist, das sich nicht mit den Dokumentationen auf MTV zufriedengibt. Sie weiß schon ungeheuer viel über die Vereinigten Staaten und den Rest der Welt, sie interessiert sich für die Biographien europäischer Schriftsteller, sie hat eine Unmenge von Zitaten auf Lager, ihr Gedächtnis quillt regelrecht über, und wenn sie mich nicht gerade auf die Palme bringt, liest sie mir Gedichte von mehr oder weniger bekannten Schriftstellern vor – aus Kuba und von den Bahamas, ihren beiden Heimatländern. Aber herumgekommen ist sie bisher wenig, und dieses Stück Weg mit mir, wird sie, so hoffe ich, über meinen Tod hinaus prägen – wie ich es hasse, über Details dieser Art nachzudenken! Sie löchert mich mit Fragen zu meiner Vergangenheit, empfindet aber, glaube ich, eine gewisse Verachtung für meine Geschichte, eine typische Haltung der Jugend, wenn es um etwas geht, das ihr lange zurückzuliegen scheint, wie der Krieg oder der Fall der Berliner Mauer.

I

Unser ewiges Liebesversprechen hatte mich glücklich gemacht. Die ersten Jahre mit Evelyn waren phantastisch gewesen, danach hatte mich die Illusion der Ewigkeit beflügelt, der Paare sich gern hingeben. Im Augenblick verspürte ich keine Lust mehr, in New York zu bleiben; diese Stadt, die ich so sehr geliebt hatte, widerte mich jetzt nur noch an. Evelyn hatte mir, dem Anwalt Bob Sherman zuliebe, vor zwölf Monaten den Laufpass gegeben, und die Aussicht auf diesen Jahrestag deprimierte mich noch mehr als der Anblick der ölverschmierten Möwen auf Discovery Channel.

Viele meiner Kollegen beim NASDAQ hatten sich ganz plötzlich in die abgeschiedenen Weiten des Mittleren Westens und des Nordens abgesetzt und dort eine neue Gelassenheit inmitten von Hirschen und Angus-Rindern gefunden. War es die Stadt selbst, die sie in die Flucht schlug, oder lag es an der bleiernen Atmosphäre, die sich seit dem Flugzeugattentat über sie gelegt hatte? Denn ein Jahr nach dem 11. September hing in New York immer noch Quecksilbergeruch und Staub in der Luft, und die Straßen waren von Männern und Frauen bevölkert, deren Blick eine große Müdigkeit verriet. Auch ich fühlte mich nach einer ungewöhnlich hohen Zahl von Enttäuschungen ausgelaugt und dachte darüber nach, ihnen in die tiefste Provinz zu folgen. Der Tod schien nicht mehr sehr weit weg. Ich strebte allein nach einem fernen, friedlichen Ruhestand, um mich bestmöglich auf das Ende vorzubereiten, so wie ein Athlet sich vor dem Stabhochsprung aufwärmt. Im schlimmsten Fall blieben mir noch zwanzig Jahre, und unter keinen Umständen würde ich sie hier verbringen, wo ich sowieso nur ein Außenseiter war. New York ist die Stadt der Meinungen, des Engagements, der Moral, und ich hatte nichts davon. Ich hatte Geliebte aller Altersstufen und zahlreiche Börsenprämien, die von den Jim-Beam-Flaschen und den Reparaturen an meinem Cadillac Eldorado aufgefressen wurden. Ich gab sehr viel Geld aus. Ich begleitete meine Freundinnen in die Oper und in die Intellektuellen-Kinos am Columbus Circle. Es gehört sonst nicht zu meinen Gewohnheiten, mich an meine Geliebten zu binden, aber eine von ihnen ließ mich schon seit einiger Zeit nicht mehr los: Lena, eine 34 Jahre alte Juristin, zweisprachig Englisch-Bulgarisch und mit einem Harvard-Diplom in Kunstgeschichte. Diese Dinge kann man nicht erklären, es gibt einfach Momente, in denen eine Frau sich von der Masse abhebt, durch ihre Schönheit, ihre Intelligenz oder ein außergewöhnliches Wesen. Lena war die Einzige, die mich nicht nach dem Schlüssel zu meiner Wohnung gefragt hatte, und wieder einmal erfasste mich die Welle der Begeisterung für das Unnahbare, die mich in meinem Liebesleben als Jugendlicher so oft gelähmt hatte. Erst nach der Sache mit Lena habe ich ernsthaft beschlossen zu gehen: Ich würde nicht nur die Stadt verlassen, sondern auch gleich dieses Land, das durch die Anwesenheit Bushs im Weißen Haus langsam unerträglich wurde. Mit meinen 59 Jahren blieben mir nur noch wenige Flecken Erde zu erkunden, jedenfalls auf der Südhalbkugel, was an Evelyn lag, die sich der Sonne und dem Nichtstun verschrieben hatte – und ich habe ihren Marotten immer nachgegeben. Kanada schien mir jedoch ein Land zu sein, das es noch zu entdecken galt und das Evelyn seinerzeit immer unter dem fadenscheinigen Vorwand boykottiert hatte, »sie« würden uns dort hassen. Ich konnte ihr noch so oft beteuern, dass »sie« nicht alle so wären, es war einfach nichts zu machen. Mit ihr hatte ich es nie in diese berühmten Weiten und Wälder geschafft, die im Herbst in prachtvollen Rottönen erstrahlen sollen, und nun hatte mich das Reisefieber bereits gepackt.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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