Blumen im Feuer - Nelson Aguilera - E-Book

Blumen im Feuer E-Book

Nelson Aguilera

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Beschreibung

Der harmonische Alltag der Familie Breglia in der paraguayischen Hauptstadt Asunción wird eines Tages unterbrochen durch einen schwerkranken Jungen, der an der Tür um Essen bettelt. Beim Versuch, ihn und seine Familie zu unterstützen, treffen die Breglias auf immer mehr Kinder und Jugendliche, die dem Crack verfallen sind. Die Familie beschließt zu helfen und den Spuren des sich immer weiter verbreitenden Drogenhandels in ihrer Nachbarschaft nachzugehen. Dabei stoßen sie auf unheimliche Zusammenhänge mit den skrupellosen Erben der engsten Vertrauten von Diktator Stroessner ... Ein spannender Querschnitt durch das tägliche Leben der verschiedenen paraguayischen Gesellschaftsschichten, und am Ende bleibt die Einsicht: Man sieht sich immer zweimal im Leben.

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Seitenzahl: 232

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Einführung

Blumen in Flammen

Das Unwetter

Das Gefängnis

Der Sturm

Die Verwüstung

Zurückweisung und Einsamkeit

Der Albtraum des Kampfes

Schweigen ist Gold

Die wilde Jugend

Zufriedenheit und Zweifel

Schusswechsel in Mbarakaju

Mord in der Zelle

Gerüchte und noch mehr Gerüchte

Die Suche nach der Wahrheit

Licht in der Dunkelheit

Ein übelriechendes Sommergewitter

Zerstörte Hoffnung

Jung und fleißig

Verborgene Sünde

Blumen im Feuer

Aufteilung der Beute

Dealer in der Schule

Rechtsprechung?

Auf dem Weg der Hoffnung

Viele Überraschungen

Die intellektuelle Händlerin

Menschen im Feuer

Zerrissene Bande

Die Schule wehrt sich

Immer mehr Nachrichten

Die geliebte Enkelin

Schmutzige Hände, kalte Füße

Die Flucht

Freiheit und Verhaftung

Eine effiziente Staatsanwältin

Gute Stimmen, böse Stimmen

Gefangene Träume, erfüllte Vorsehung

Ein glückliches Wiedersehen

Über den Autor Nelson Aguilera und sein Werk

Sprachliche Erläuterungen

Biographische Notiz

Einführung

„Blumen im Feuer“, 2013 erstmals in Asunción veröffentlicht, ist ein wunderbares „Einsteigerbuch“ für europäische Paraguay- und Lateinamerika-Interessierte. Die hochaktuelle Thematik des Romans hat uns dazu bewogen, den Roman des Gegenwartsautors, den Kerstin Teicher bereits seit 2009 persönlich kennt, in einer deutschen Übersetzung zu veröffentlichen.

Nelson Aguilera hat „Blumen im Feuer“ für ein junges paraguayisches Publikum geschrieben. Der Autor, von Beruf Lehrer, dachte bei seinen Lesern vor allem an Oberschüler kurz vor dem Schulabschluss. Die Sprache ist auffallend einfach, quasi barrierefrei gehalten. Erklärend muss hier erwähnt werden, dass Paraguay kein „Leseland“ ist, wie gerade die wenigen Intellektuellen vor Ort beklagen. Ein Durchschnittsbürger lese gerade einmal 10-25 Buchseiten pro Jahr. Manche sprechen von einem funktionalen Analphabetismus, da in den meisten Schulen das sinnentnehmende Lesen kaum gefördert wird. Daher ist auch das Einordnen der Handlung sowie der Charaktere in „die Guten“ und „die Bösen“ hier so simpel, dass es einem deutschen Leser auf den ersten Blick fast schon zu trivial ist. Durch eine Vielzahl an Stilmitteln und Wendungen schafft es Aguilera dennoch, auch ein anspruchsvolles Publikum zu fesseln und zu überraschen.

Paraguay ist neben Bolivien das einzige Land Südamerikas, in dem eine indigene Sprache (hier das Guaraní) parallel zum Spanischen Amtssprache ist. Sogar die Währung trägt den Namen der Ureinwohner der Region. Auch an allen Schulen wird Guaraní unterrichtet. In der Realität allerdings findet sich eine Differenzierung der Zweisprachigkeit nach sozialen Schichten: Die ärmeren Bevölkerungsgruppen in den Arbeitervierteln oder auf dem Land sprechen häufig eine Mischung aus Guaraní und Spanisch, während in den Oberklassen die indigene Sprache eher verpönt ist. Der Autor kommt dieser sprachlichen Besonderheit nach, indem er in die Dialoge seiner ärmeren Figuren immer wieder Ausrufe auf Guaraní einstreut. Da es im deutschen Sprachraum keine ähnlich ausgeprägte Zweisprachigkeit gibt, die sich in den verschiedenen sozialen Schichten niederschlägt, haben wir zugunsten des Leseflusses auf die Kennzeichnung der Einschübe auf Guaraní verzichtet.

Zwei alte Bekannte der lateinamerikanischen Literatur schimmern durch den Text von „Blumen im Feuer“: der so genannte „Kostumbrismus“ und der magische Realismus.

Im 19. und je nach Region bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts war es eine Art literarische Mode in Lateinamerika, die Lebens- und Denkweise des einfachen Volks auf manchmal leicht humoristische Weise in Erzählungen darzustellen. Nicht zuletzt stellten sich die Autoren damit intellektuell über die von ihnen beschriebenen Figuren und betonten ihre geistige Überlegenheit. Gleichzeitig jedoch sind diese Erzählungen für Leser von außerhalb eine wunderbare Quelle, um den Alltag der Lateinamerikaner näher mitzuerleben. Aguilera eröffnet das Buch mit einer schon fast einem deutschen Schulaufsatz anmutenden Passage über das Wetter und streut immer wieder Szenenbeschreibungen aus dem Alltag in seine Handlung: der allgegenwärtige Mate- bzw. Tererékonsum, das Zusammensitzen an kalten Winterabenden, der Besuch von Bettlern an der Haustür ebenso wie die rauschenden Feste der oberen Zehntausend, die reißerischen Nachrichten der Boulevardmedien und nicht zuletzt die Unwetter, die besonders in den Sommermonaten für Ausnahmezustände sorgen. Es gibt besonders viele Einblicke in den Alltag der jungen Menschen, sowohl in der Gegenwart als auch in der Elterngeneration, die ihre Jugend noch unter der Herrschaft des deutschstämmigen Diktators Alfred Stroessner erlebte.

Den magischen Realismus kennen wir vor allem durch die Szenerie des sintflutartigen Regens in Gabriel García Márquez' „Hundert Jahre Einsamkeit“. Auch bei Aguilera sind extreme Witterungen in überaus drastischer Weise beschrieben. Bestes Beispiel ist der Fäulnisgestank in Folge eines Unwetters, der sich in einer Intensität über die gesamte Stadt legt, dass ein Europäer sich fragt: „Kann das wirklich so schlimm sein oder übertreibt der Autor jetzt maßlos?“ Charakteristisch für diesen literarischen Kunstgriff ist jedoch, dass hier nicht einmal ein Lateinamerikaner Wahrheit und Erfundenes auseinanderhalten kann. Naturphänomene sind in seiner Welt manchmal so unerklärlich, dass Realität und Fiktion miteinander verschmelzen. Wetterleuchten nehmen übernatürliche Ausmaße an und nähren Gerüchte über Ufos, renommierte Tageszeitungen berichten über Vampire, die nachts den Ziegen in den Hals beißen. Augusto Roa Bastos, den man als paraguayischen Goethe bezeichnen könnte, spricht 1976 in einem Interview in der Radiotelevisora Española davon, dass er den Begriff gerade für die paraguayische Weltsicht lieber umdrehen würde: Nicht das Wirkliche ist wunderbar, sondern das Wunder ist Wirklichkeit.

„Blumen im Feuer“ ist offenkundig ein patriotisches Buch. „Der Paraguayer liebt sein Land“, schreibt Aguilera gleich am Anfang des Romans. Angesichts des politischen Rechtsrucks, der weltweit und in vielen, besonders den reichen westeuropäischen Ländern Sorge bereitet, ist es angebracht, zwischen „Patriotismus“ und „Nationalismus“ zu differenzieren: Aus Aguileras Werk spricht eine tiefe, konstruktive Vaterlandsliebe, die ohne Widersprüche mit christlichen Prinzipien und sozialistischen Idealen vereinbar ist. In „Blumen im Feuer“ stemmt sich die paraguayische Bevölkerung gegen Korruption und Vetternwirtschaft, die noch vor einer Generation unter Diktator Stroessner an der Tagesordnung waren und lange nicht überwunden sind, doch der Stolz aufs eigene Land bleibt davon unberührt. Aus deutscher Sicht ist eine solche Haltung aufgrund der geschichtlichen Ereignisse im 20. Jahrhundert manchmal schwer vorstellbar, in Lateinamerika und vielen anderen Teilen der Welt hingegen Teil der Normalität.

Dennoch sind Aguilera und sein Werk aus der Sicht der politischen Elite Paraguays umstritten. Seine offene Kritik an korrupten Machenschaften in der Oberklasse, die insbesondere eine unabhängige Rechtsprechung nahezu unmöglich machen, beschwört quasi naturgemäß Konflikte herauf. Dies haben auch andere Autoren bereits erlebt. So fand der international viel beachtete und auf historischen Tatsachen beruhende Roman „Die französische Geliebte“ von Lily Tuck in Paraguay bis heute keinen Verlag. Anders als in Europa, wo es zum Alltag gehört, auch kritische Aspekte anzusprechen, wird dies in Südamerika fast als Landesverrat betrachtet.

Wir haben uns dennoch entschlossen, dieses Buch zu übersetzen und herauszugeben – gerade weil wir das Land und seine Bewohner überaus schätzen. Der Inhalt des Buches ist Fiktion und beruht auf keinen lebenden Persönlichkeiten. Dennoch gibt es natürlich – wie in nahezu jedem anderen Land der Welt auch – Drogenprobleme, Korruption und ähnliches. Die Freiheit, über diese Themen zu sprechen und zu schreiben, auch wenn sie Fiktion sind, zeugt von Souveränität und der Bereitschaft, eben diese Probleme zu überwinden. Dies ist ein großartiges und positives Signal, das wir unterstützen möchten.

Irene Reinhold und Kerstin Teicher, Berlin und Asunción im Dezember 2017.

1 Blumen in Flammen

Die glühende Novembersonne schien unbarmherzig auf Esperanzas Garten. Seit Wochen war keine Wolke am Himmel zu sehen. Die Blätter an den Bäumen waren versengt, das Gras verdorrt, die Blütenblätter der Blumen papierdünn und trocken wie Zunder. Alle Mühe, sie mit der Gießkanne hier und da zum Leben zu erwecken, war vergebens. Es herrschte extrem heißes Sommerwetter. Jeden Tag stieg die Temperatur auf über vierzig Grad, nachts kühlte es sich kaum ab. Abends ging die Sonne in einem blutroten Spektakel unter und gönnte den Bewohnern der glutheißen Stadt Asunción einen Moment des Aufatmens. Viele wiederholten die immergleichen Sprüche, während sie sich mit Palmblattfächern Luft zuwedelten oder vor dem Ventilator oder der Klimaanlage nach etwas Erfrischung suchten: „Was für eine Hitze! Wie lange bleibt es noch so höllisch heiß? Ach wenn doch nur bald der Winter käme! Jetzt reicht es aber! Wann regnet es denn endlich einmal? Wir Paraguayer wohnen in einem Kochtopf! Es ist viel zu heiß!“ Andere wiederum versuchten, die Leidenden und Schwitzenden mit Worten zu trösten: „So ist es hier nun einmal, mein Freund! Was sollen wir machen, das ist nun mal unser Klima! Wenn dir die Wärme nicht passt, kannst du ja nach Feuerland ziehen.“ Doch ein Paraguayer liebt sein Land trotz der Hitze und der Tatsache, dass er sechs Monate des Jahres vor Schweiß trieft. Der Paraguayer liebt sein Land trotz allem.

Jeden Tag kämpfte Esperanza um das Leben ihrer Orchideen in den Blumentöpfen, ihrer Rosen, Lilien, Azaleen und Margeriten in den rustikalen Tonkrügen. Doch nach und nach verdorrten die Blumen immer mehr, sie welkten und kränkelten und schienen keinen Gefallen mehr am Leben zu finden.

Eines Nachmittags während ihrer Siesta hörte sie den verzweifelten Schrei ihrer Tochter: „Mama! Mama! Deine Blumen brennen, deine Blumen haben Feuer gefangen! Mama!“ Sie sprang auf, öffnete hastig das Fenster zum Garten und sah, wie die Flammen langsam die vertrockneten Blütenblätter verzehrten.

„Wie seltsam!“, sagte sie zu ihrer Tochter. „Wie konnte das passieren?“

Das Mädchen antwortete:

„Ich lag in der Hängematte mit meinem Tereré, auf einmal hörte ich, wie die Blätter knisterten, dann habe ich geguckt und gesehen, wie die Sonnenstrahlen auf die Blüten schienen, bis eine kleine Flamme gekommen ist, die langsam größer wurde, da habe ich dich gerufen.“

Beide sahen zu, wie die Flammen nach den Blütendolden und Blumen züngelten und sich ausdehnten, bis nur noch ein Häufchen Asche übrigblieb. Als sie sahen, dass das Feuer sich in den Baumkronen auszubreiten drohte, befahl die Mutter ihrer Tochter Aramí, mit dem Wasser für die Hunde, das in zwei Eimern bereitstand, den Brand zu löschen. Das Mädchen gehorchte und die Mutter verfolgte gebannt das traurige, äscherne Ende ihrer schönen Blumen.

An der Haustür klingelte es mehrmals. Der Lehrer Cristóbal seufzte, nahm die Brille ab und legte den roten Stift beiseite, mit dem er gerade Klassenarbeiten korrigierte. Er ging zur Tür, hob den kleinen Vorhang im Fenster und sah am Tor einen dunkelhäutigen jungen Mann, kaum zwanzig Jahre alt. Er war dünn und ungepflegt, seine Bermudashorts schlotterten ihm um die blassen Beine. Sein T-Shirt hing ihm ebenfalls lang herunter und gab den Blick auf die Schlüsselbeine frei, die weit aus seinem klapperdürren, fast leichenhaften Körper hervorstachen. Seine schmutzigen Füße steckten in Flipflops, und von seiner Stirn floss ein klebriger, dunkler Schweiß. Die Wangen bestanden nur aus Knochen, die die Augenhöhlen umgaben, in denen zwei düstere Funken glommen und ihn trübe anblickten. Der Lehrer öffnete die Tür und näherte sich ihm. Er schaute ihn an und fühlte großes Mitleid. „Was ist los?“, fragte er, und der Junge antwortete:

„Guter Mann, hast du nicht etwas zu essen oder irgendetwas zum Anziehen oder Schuhe, die du nicht mehr brauchst? Ich habe Tuberkulose und wohne bei meiner Oma, die ist schon sehr alt und wir haben Hunger, und keiner will mir Arbeit geben wegen meiner Krankheit.“

Cristóbal hatte Mitgefühl für seine kurze Geschichte und holte schnell ein paar Brötchen und eine Tüte Milch. Er reichte ihm die Lebensmittel aus einiger Entfernung, aus Angst, sich mit dem Bazillus anzustecken, und fragte, ob er sich denn im Max-Boettner-Krankenhaus behandeln ließe, ob er sein Essgeschirr getrennt halte und genug Milch trinke. Der Junge bejahte, bedankte sich für die Gaben, senkte den Kopf und verschwand langsam in der Abenddämmerung. Der Lehrer blieb nachdenklich zurück und beobachtete, wie die Schritte des elenden Jungen sich in Richtung der unteren Häuserblöcke von Zeballos Cué verloren. Die Stimme seiner Tochter Aramí holte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück. „Papa! Das Abendessen ist fertig.“ – „Ich komme“, antwortete er. Er ging ins Bad, wusch sich die Hände ein ums andere Mal, benutzte Desinfektionsgel, trocknete sich ab und setzte sich an den Tisch. Esperanza und seine Töchter lächelten ihn an und zeigten, was sie gekocht hatten: Buntbarsch in Knoblauchsauce. Cristóbal lächelte dankbar zurück, nahm das Besteck und begann, seiner Familie die Geschichte des Jungen zu erzählen, den er gerade am Tor getroffen hatte.

„Du musst aufpassen, dass du dich nicht ansteckst, Lieber“, warnte ihn seine Frau.

„Tuberkulose, in unserer Zeit?“, fragte Dalia überrascht.

„Ja, es gibt viele Leute mit Tuberkulose in Paraguay, und das Schlimme ist, dass sie sich nicht einmal behandeln lassen. Du kannst jederzeit neben jemandem im Bus sitzen, der krank ist, und dich anstecken, und merkst es nicht einmal, dass du den Bazillus bekommen hast“, erklärte Jazmín.

„Gut, lassen wir das mit den Krankheiten und genießen wir lieber den Fisch, den wir extra für dich gebraten haben, Papa“, riet Aramí.

Alle lachten, Esperanza sprach das Tischgebet, und sie begannen zu essen. Cristóbal fühlte sich wie ein König, wie er so im Kreis seiner drei schönen Töchter saß, alle hübsch und noch ledig, und seiner tüchtigen Frau, die für ihre Frömmigkeit im ganzen Viertel bekannt war. Dalia war zweiundzwanzig und stand kurz vor dem Abschluss ihrer Krankenschwesterausbildung, Aramí einundzwanzig und bald mit ihrem Studium der Betriebswirtschaft fertig, während Jazmín, die Jüngste, gerade die Schule beendete. Ihr Traum war es, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten und Lehrerin zu werden. Die Idee, mit Kindern zu arbeiten, begeisterte sie. Sie stellte sich vor, wie sie das paraguayische Bildungssystem umwälzen würde. Sie hasste es zu sehen, wie die Kinder stundenlang öde Lektionen von der Tafel abschrieben oder endlose Texte ohne jeden Sinn aus den Büchern in ihre Hefte übertrugen. Das war, als trüge man Leichen von einem Grab ins andere. Der Gedanke, dass die Lehrerinnen im Lehrerzimmer tratschten, während auf dem Schulhof gerade das Recht des Stärkeren gegen die Schwächeren durchgesetzt wurde, war für sie unerträglich. Schlimmer noch, dass die Lehrerinnen während des Unterrichts sich die Nägel lackierten oder nach mehr und mehr Lohn riefen, obwohl die Wissenslücken der Kinder von ihrer scheußlich schlechten Arbeit zeugten und sie nach der sechsten Klasse nicht einmal ordentlich lesen, schreiben und rechnen konnten. Sie war auch besorgt darüber, dass sich der Drogenhandel langsam, aber sicher in den Schulen ausbreitete und niemand irgendetwas tat, um zu verhindern, dass diese Geißel das Leben von immer mehr Kindern und Jugendlichen in Paraguay zerstörte.

Am Ende des Abendessens gab es einen Nachtisch aus Früchten mit Zucker. Sie sprachen über die Geschehnisse des Tages, die drückende Hitze, die letzten Lektionen, Prüfungen, arrogante Lehrer, die letzten Nachrichten und die Neuigkeiten über die Absicht, Marihuana zu legalisieren.

„Diese Abgeordneten sind doch alle verrückt!“, protestierte Esperanza.

„Aber Mama, das hilft doch, damit die Leute nicht mehr ins Gefängnis kommen, bloß weil sie einen Joint geraucht haben“, erklärte Aramí.

„Ich glaube, das steigert nicht nur den Konsum von Marihuana, sondern auch von anderen Drogen. Diese Redner und Politiker sind selber süchtig und wollen, dass alle ihre Laster akzeptieren“, behauptete Cristóbal.

So ging die Diskussion eine Weile weiter. Esperanza sagte, wenn man dem Teufel das Fenster öffnet, nutzt er das aus, um dann die ganze Tür einzutreten und zu rauben, zu töten, zu zerstören. Dalia, die gerade ihr Praktikum im Suchtzentrum absolvierte, fand, dass ihre Mutter übertrieb; Jazmín stimmte mit ihrer Schwester überein. Sie fand es normal, dass die Erwachsenen andere Meinungen hatten als die junge Generation. Nach vielem Hin und Her von Argumenten für und gegen die Legalisierung des Teufelskrauts widmete sich jeder wieder den eigenen Angelegenheiten. Gegen zehn Uhr abends war völlige Ruhe im Haus der Familie Breglia eingekehrt. Die Mädchen hatten ihr eigenes Zimmer mit Klimaanlage, jede ihr eigenes Laptop, ein Smartphone, um mit Freundinnen zu chatten, und die Bücher, die sie zum Lernen brauchten. Cristóbal und Esperanza versuchten, alles Nötige für ihre Töchter zu besorgen, damit sie sich ihrer einzigen Aufgabe widmen könnten: Lernen, lernen und nochmals lernen.

Die heiße Nacht hüllte die Stadt ein. Wer eine Klimaanlage hatte, schlief gut, diejenigen mit Ventilator wachten mehrmals auf, um Wasser zu trinken oder ihre schweißnasse Kleidung zu wechseln, und wer gar nichts hatte, fiel aus purer Erschöpfung in einen kurzen, tiefen Schlaf, um irgendwann wieder aufzuwachen und einen neuen Tag der Ausbeutung durch die Mächtigen zu überleben.

Im Haus von Cristóbal und Esperanza war das beruhigende Brummen der Klimaanlagen zu hören und im Vorgarten schallte das Gebell von Nina und Lucy, während tiefer, erholsamer Schlaf sich über alle Mitglieder der Familie Breglia legte.

2 Das Unwetter

Langsam und unerbittlich verschlang die Nacht eine um die andere Stunde. Gegen vier Uhr morgens ließ sich entfernter Donner vernehmen, der immer näher kam. Ein heißer Mief stieg im Zickzack vom Boden hoch, ein ekliger Gestank aus Schweiß und Fäulnis, den die Pflanzen, Tiere und Menschen ausdünsteten. Die Feuchtigkeit erwachte zum Leben und waberte zwischen den Stadtvierteln. Dann stand sie still und schien die Stimmung in den unteren Bezirken zu genießen, entzückt darüber, wie die Armen in dieser stickigen, schwülen Hitze darbten und ihr Elend in ihren schmutzigen Ställen ausschwitzten. Plötzlich begann ein seltsamer Wind heftig umherzuwirbeln und steigerte sich zu einer brüllenden Böenfront, die voller Wut einen gewaltigen Hagel auf die Dächer der Stadt schleuderte. Das Unwetter griff um sich, entwurzelte Bäume, deckte Häuser und Hütten ab, der Strom fiel aus, kilometerweise peitschten gerissene Kabel umher und die Regenfluten rissen mehr als ein Dutzend Autos mit sich. Mitten im endlosen Grollen des Sturms waren verzweifelte Rufe aus den Bezirken Zeballos Cué, Mariano Roque Alonso, Trinidad und Loma Pytä zu hören. Die Breglias standen eilig auf, zündeten alle Kerzen an, die sie hatten, und holten die Taschenlampen, deren Batterien fast leer waren. Dann begann ein zäher Kampf gegen das Wasser, das aus den verstopften Regenrinnen über Wohn- und Arbeitszimmer hereingestürzt kam. Esperanza rief ihren Töchtern zu, sie sollten noch mehr Tücher, Wischer und Besen holen, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Cristóbal ging hinaus in den Vorhof und sah, dass der Gully vor dem Haus vom Laub der Bäume verstopft war. Er wollte hinaus auf die Straße, um ein Bambusrohr in das Loch zu stecken, doch Aramí schrie ihm zu, er solle das bleiben lassen wegen der Gefahr der meterlangen losen Kabel, die überall um die geborstenen Lichtmasten baumelten. Dalia leuchtete ihm mit einer der Lampen auf die Straße und Cristóbal erkannte das Problem, doch er ließ sich nicht einschüchtern. Er holte einen Eimer und begann, das Wasser und die Berge von Hagelkörnern aus dem Hof zu schöpfen. Mit bloßen Händen griff er nach Laub und Schlamm, um das Abflussrohr freizubekommen. Jeder packte mit an. Esperanza und Jazmín kämpften drinnen, Dalia, Aramí und Cristóbal draußen. Mit der Ruhe war es vorbei. Alle im Viertel waren aufgestanden und man konnte das Weinen und Klagen hören, die Flüche und alle Arten von Kraftausdrücken, die in den Häusern der Nachbarn laut wurden. Die Breglias blickten einander durch die Dunkelheit an und schimpften nicht ein einziges Mal gegeneinander. Esperanza dankte Gott, dass ihrer Familie Schlimmeres erspart geblieben war, und fuhr fort, Möbel zu trocknen, Bücher hin und her zu tragen und zu versuchen, das eingedrungene Wasser aus dem Haus zu bekommen. Cristóbal versuchte immer noch, die verstopften Rinnen zu befreien, ging in den Hinterhof und was er dort sah, verschlug ihm die Sprache. Die Gartenmauern waren eingefallen und lagen in Trümmern, der Mangobaum umgestürzt, der Trompetenbaum entwurzelt, Bougainvilleas, Winden, Lilien, Azaleen, Dahlien und was noch von der brennenden Sonne verschont geblieben war, hatten alle ihre Blätter verloren. Alle Pflanzen waren vom unbarmherzigen Hagel beschädigt oder zerstört. Es war ein hoffnungsloser Anblick. Von Esperanzas Garten, sonst so farbenfroh und wunderschön anzusehen, war nichts geblieben. Vorher tanzten dort die Kolibris und Schmetterlinge; die Vögel erfreuten die Menschen mit ihrem harmonischen Gezwitscher. Jetzt lagen sie zu Hunderten tot im Gras, eine apokalyptische Szene. Tote Vögel überall! Ihre Federn vermengten sich mit Laub und Schlamm, ihr letztes Zwitschern erklang wie ein Requiem auf sich selbst. Abgefallene, verbrannte, zerfetzte tote Blüten. Der Garten hatte sich in einen Friedhof verwandelt. Die Hitze hatte ihn versengt, das Unwetter vernichtet.

Cristóbal ging zurück ins Haus, in tiefes, trauriges Schweigen gehüllt. Seiner Familie erzählte er nichts von dem Desaster im Hinterhof und fuhr fort, die Dachrinne zu säubern. Der Morgen kam ohne den Duft der Blumen, ohne Gesang der Vögel, ohne das Flattern der Kolibris und der bunten Schmetterlinge, aber auch ohne brennende Sonne. Am Himmel drohten schwarze Wolken mit mehr Regen und Gewitter. Derweil versuchten die Menschen von Asunción, ihre nassen Sachen zu trocknen, zerstörte Gegenstände wegzuwerfen, Verluste zu beweinen und Eingestürztes wieder aufzubauen. Kein einziges Haus war von der Gewalt des Unwetters verschont geblieben. Es bot sich ein Bild des Chaos.

3 Das Gefängnis

Das Gefängnis ist übervoll mit Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren. Jungen, die noch Spuren davon tragen, einmal hübsch gewesen zu sein, doch jetzt von Marihuana, Crack, Kokain, Zigaretten und Alkohol gezeichnet sind. Einige wanken leichenhaft durch die Verschläge, andere liegen in den Ecken wie Lumpen, weggeworfen sogar von ihren eigenen Verwandten, die beschlossen haben, sie nach zahllosen Einweisungen in die Strafvollzugsanstalt von Tacumbú aus ihrem Stammbaum zu streichen. Immer geschieht dies aus denselben Gründen: Drogenkonsum und -handel, bewaffneter Raubüberfall. Wie Seelen im Fegefeuer, wie Zombies schleichen sie über die Gänge des Gefängnisses und betteln um tausend Guaraní für etwas zum Essen. Jeden Besucher, der durch die großen Eisentore des Haupteingangs kommt, bedrängen, verfolgen und nerven sie:

„Hast du mal ‘n Tausender für meine Tortilla, Alter? Ich bin total pleite.“

„Boah, hab ich ‘n Hunger, Frau. Hast du was zum Essen mit?“

„Ich trag dir die Tasche. Wen kommst du besuchen?“

„Ich bring dich zu ihm für ‘n Tausender.“

„Ich für fünfhundert!“

„Alter! Kennst du mich noch? Ich bin der Freund von Gerardo.“

„Kannst du mir nächsten Sonntag vielleicht ‘n Paar alte Sportschuhe mitbringen?“

„Ich hätt gern ‘n T-Shirt oder ‘n Hemd, Alter. Mach doch mal!“

„Sch! Hau ab! Der gehört zu mir. Raus!“

Und unter Schubsen, Drohungen und dem einen oder anderen Kraftausdruck drängeln sich die Rufenden durch und leiten die Besucher durch die schwitzende, stinkende Menge, durch den Geruch nach Harn, Grillfleisch, Tabak und Ammoniak. Das Dach des Schuppens ist nur ein Zinkblech und heiß wie eine Bratpfanne. Hunderte von Tischen und Stühlen, die man für zweitausend Guaraní mieten kann, verteilen sich im gesamten Außenbereich. Das Sonntagsmenü besteht aus Grillhähnchen, gegrilltem Rindfleisch, Softdrinks, Sopa Paraguaya, Nudeln, Gnocchi, Salaten mit viel Mayonnaise, Empanadas, Aufschnitt, Kräckern und Brötchen, mit viel Hingabe von den vielen Frauen zubereitet, die ihre Männer, Söhne, Brüder oder anderen Verwandten besuchen. Natürlich nur für die, die solches Glück haben, denn Hunderte der Insassen warten vergeblich darauf, dass irgendein Verwandter oder Bekannter erscheint, um ihm Neuigkeiten aus der Welt da draußen zu bringen. Viele von ihnen starren stundenlang auf dieses große Tor, das immer wieder auf- und zugeht, ohne dass jemand zu ihnen kommt. Die Traurigkeit ist grenzenlos. Viele werden vom Gefühl der Verlassenheit übermannt. Sie lieben mich nicht mehr, ich habe ihnen sowieso nie etwas bedeutet und jetzt erst recht nicht, kreisen ihre Gedanken. Sie atmen tief durch, suchen die eine oder andere Zigarette, um Vergessen zu finden und murmeln Verwünschungen gegen ihre Familien. Alle Mütter, Verlobten, Freundinnen oder Schwestern, die zu Besuch kommen, tragen lange Röcke, um jede Art von Versuchung für die Gefangenen auszuschließen. Früher durften sie nur mit geschlossenen Schuhen kommen – Sandalen waren verboten, damit nicht einmal ihre Füße für die Männer zu sehen waren, die nach Frauen dürsteten. Heute haben sich die Regeln geändert. Auch einige Kinder rennen barfuß zwischen den Tischen umher, während ihre Eltern essen oder sich über das Elend der Familie in Abwesenheit des Ernährers zu unterhalten. Die Frau trocknet sich die eine oder andere Träne, der Mann raucht eine Zigarette, als wolle er, dass sich die bitteren Zeiten, die man besser nicht erwähnt, in Rauch auflösen. Diese Momente sind da, um den Besuch zu genießen, und nicht, um an Ursache oder Konsequenz des begangenen Verbrechens zu denken. Die Hitze steht in den Räumen, belauscht die Menschen, erstickt, bedrückt und zwingt dazu, viel zu trinken; der Tereré und die Limonaden wiederum bewirken, dass viele Gefangene aufstehen und sich zur hinteren Wand des Verschlags an einen Ort begeben, den man Pissoir nennen könnte. Es ist eine Betonrinne mit ein paar Löchern, aus denen einem der ekelerregende Uringeruch entgegenschlägt. Die Frauen halten es bis zum Ausgang aus, wo sie an einer kleinen Toilette endlos Schlange stehen. Sie sind es, die vor, während und nach dem Besuch am meisten leiden. Sie sind es, die einen Spagat machen müssen, damit ihre Kinder etwas zu essen bekommen, zur Schule gehen oder mit dem Stigma überleben, das ihnen durch die Nachbarskinder auf die Stirn gebrannt wird.

„Dein Papa ist im Gefängnis, weil er Drogen verkauft!“

„Sein Onkel ist ein Dealer.“

„Ihr Bruder hat den anderen in der Schule Crack verkauft.“

„Dein Papa gehört zur Drogenmafia.“

„Oller Kiffer!“

„Wenn du Gras haben willst, geh zum Opa von Juan.“

„Der Bruder von Ramón hat den Mitschülern Kokain verkauft, deshalb ist er in Tacumbú.“

„Ey, wusstest du, dass der Bruder von Luis Ecstasy und Steine verkauft?“

„Sein Papa hat meinen Bruder süchtig gemacht.“

„Der Bruder von Carlos sitzt gerade seine Strafe ab.“

„Dein Papa hat meinen Cousin umgebracht, der hat ihm dieses Teufelszeug verkauft!“

Und der Hohn, die Sarkasmen, das Gelächter, die Vorwürfe hallen endlos in den Ohren dieser Kinder wider, die ihre Eltern, ihre Familien und sich selbst zu hassen beginnen. Manche von ihnen lassen sich hineinziehen in die soziale Verachtung; ohne es zu bemerken, folgen sie dem Beispiel ihrer Erzeuger, um ihnen letztendlich in den schmutzigen Kerkern von Tacumbú Gesellschaft zu leisten.

Einer von ihnen war Gerardo, ein dunkelhäutiger, dünner Junge, der auf ein paar alten Zeitungen in den übelriechenden Gängen des Gefängnisses lag und wie ein sterbendes Tier hustete. Zusammengekauert wie ein Fötus döste er vor sich hin und transpirierte kleine dunkle, stinkende Tropfen. Er versuchte, die Augen zu öffnen und schloss sie langsam wieder. Indem er die Hand emporhob, versuchte er, seine Mitinsassen auf sich aufmerksam zu machen, doch alle schauten nur nach den schweren, verriegelten Toren, um zu sehen, ob sich jemand an diesem glühend heißen Sonntag erbarmte und sie besuchte.

Gerardo war völlig benebelt, seit Tagen hatte er keinen Bissen gegessen. Er hatte nicht einmal mehr die Kraft, seinen Blechteller zu nehmen und sich etwas von der Mittagsbrühe zu holen, in der ein paar blasse Stücke Gemüse und Speck herumschwammen. Auch fehlte ihm die Energie, den Cocido mit den beiden harten Kräckern zu sich zu nehmen, die ihm Sergio, ein anderer Häftling, am Morgen zum Frühstück gebracht hatte. Seine Zunge war trocken, so trocken wie sein ganzes Leben. Gerardo träumte von Essen, von Getränken und sogar von der Milch, die er bekommen hatte, als er an den Häusern von Loma Pytä betteln gegangen war. Er hörte seine Mutter ihn zum Mittagessen rufen, seinen Stiefvater, wie er schäumendes Bier schluckte oder seine Großmutter, die ihn anschrie, er solle ihr ein Glas Wasser reichen. Hin und wieder stöhnte er ein wenig, doch niemand drehte sich auch nur nach ihm um. Er war allein, von allen verlassen und selbst seine Familie hatte ihn vergessen. Von weitem hörte er die Stimme des Wachmanns, der das Ende der Besuchszeit verkündete:

„Drrrei Uhr, drrrei Uhr! Zeit zu gehen!“

Und die Menge beeilte sich, auf Wiedersehen zu sagen, sich zu umarmen und den Ort zu verlassen, an dem Schuld, Verbrechen und Einsamkeit schwelten. Gerardo öffnete halb die Augen und sah durch einen Nebel hindurch geschlossene Schuhe, Sandalen, kleine nackte Füße, eilige Schritte und lange Röcke. Dann gehorchten ihm die Augenlider nicht mehr und schlossen sich langsam wieder. Draußen ging der heiße Sommer weiter und verbrannte Straßen, Gehwege und Gärten.

4 Der Sturm

Der Sturm verschonte auch das Gelage der crème de la crème